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Donnerstag, 15. Oktober 2026
Schön, wenn die dritte Runde alles wegspült Pt. XVIVXI
MY UGLY CLEMENTINE - Apply autonomy
„Zehn Minuten", sagt Gary. „Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt…" Puh, entweder schrillt das chronograhische Stop diesmal viel, viel zu früh und ich bin noch nicht zu Potte gekommen, oder viel, viel zu spät, wenn ich längst ganz woanders und mit völlig Verschiedenem zugange bin. Man weiß es genau jetzt noch nicht.
Und man weiß mit all diesem Österreich nix anzufangen. Da kommen My Ugly Clementine – weshalb will ich zum jetzt schon x-ten Mal Valentine schreiben? – angeblich her. Aus Wien, wie fein. Und sich irgendwie zusammensetzend aus Frauen, die da ansonsten auch bereits musikalisch rührig waren und so eine Art von bekannt geworden sind. Aha, wie möglich. Alles kannste und musste ja auch nich auffem Schirm haben, schon gar nicht, wenn es aus der unendlichen Welt des, na, wie heißts noch -
Ja, genau, Achtung und Volldeckung - „Indie-Rock“ kommt.
Nur mal am Rande – in den allermeisten Fällen ist der Fall dann doch der, dass das Zeug weder unabhängig ist noch rockt. Als beschreibender Aufkleber dennoch sehr beliebt, alldieweil Verzweiflungstaten eben beliebt sind, spätestens die, wenn der pickelige Azubist bei Saturn, Müller oder Kaufland ihm ohnehin fremde physische Träger wie CDs oder gar Platten irgendwie aus dem Weg wegsortieren muss.
Nun, ich bin irgendwie nah bei ihm. Die Rezi muss weg wie die Ware, und es ist nicht einfach, denn es ist diesmal so ohne etwas, was einen verharren, horchen, wippen und am Ende mit wedelnden Armen klausesk Tanzakrobatik vollführen lässt. Ein Durchgang – nix. Zweiter Durchgang – ja, doch, schon schön, und die Texte haben die eine oder andere Finte. Dritter Durchgang – hm, dauert aber schon, so ne Runde, ich spül derweil mal die Reste weg.
„Apply Autonomy“ hat durchaus seinen Charme, und vielleicht liegts nur an diesem Haushalt, aber es ist die Art von Mucke, die irgendwie erläutert werden muss und die Hinweise auf Hintergrund, Zusammenhang und Bedeutung benötigt. Prädestiniert somit sicherlich für irgendwelche Auszeichnungen und dann Artikel in überteuerten Fachzeitschriften. Tatsächlich aber schwachbrüstig und austauschbar, wie schade.
Immerhin erinnere ich mich dabei an irgendeinen schulischen Musikunterricht, in welchem sich der Lehrer aus der Mobbingfalle freisprengte, indem er das Singen von „Manic Monday“ auf die Agenda setzte. Vorpubertäre, überzählige Mädchen: „Yeah!“. Vorpubertäre, unterzählige Jungen: „Mist.“.
Aber nach dem begleitenden Bravo-Studium fand sich auch da für jeden ein Bandmitglied zum Verknallen, und die Coverversion wurde letztlich ein Erfolg. Komischer Zugang zu Musik damals. Ich meine, ich hätte tatsächlich auch nur so getan, als sänge ich mit.
Was soll die Anekdote? Keine Ahnung.
Ich surfe unmotiviert durch rezibegleitendes YouTube, nehme den Vorschlag, ein assoziiertes Courtney Love-Video zu gucken und ende.
Philipp Nussbaum
Donnerstag, 10. September 2026
Schön, wenn der Kosmos zweimal klingelt Pt. IXXI
CAN - Live in Arles 1975
Meine älteste Freundin (min. 1986) als arschcoole Amazone plus Chefauskennerin hatte mir vor unzähligen Jahren ein Tape mit CANs Cannibalism aufgenommen - und ich stieß mal bei der Hochzeit meiner Nachbarn auf Damo Suzuki (weil sie den guten Mann schon lange kannten).
Aber für eine alte Nullckecker-Nulpe wie mich ist das „kosmische Musik“ (guck: da sind sogar oldschoolige Untertassen auf dem Plattencover), dabei war das der andere durchgeknallte Haufen rings um Ash Ra Tempel plus Tangerine Dream und eben West-Berliner, während CAN eine Kölner Erfindung ist. Ganz ursprünglich 1968 als Inner Space (da haben wir zumindest den Mikrokosmos) zusammen gefunden, bis ihnen ihr erster Sänger Malcolm Mooney CAN vorschlug, als besonders kurzes + vielschichtiges Wort, das in seiner Muttersprache sowohl „Dose“ wie „können“ heißt, auf türkisch (dann allerdings Dschan ausgesprochen) „Seele“ oder „Leben“ (kedilerin 9 canı var – Katzen haben 9 Leben) und auf japanisch (kan) „berühren“.
Bingo, und da sind wir spot-on für den zweiten Sänger von CAN: Damo Suzuki. Geboren in Kobe und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Schweden gerollert, um dort deren „Traditionen zu studieren“ (laut Zeitungsannonce). Der zur Band kam, weil er im richtigen Moment vor dem Blow-Up, Deutschlands erster Großraumdisko in München, herumgniedelte und schrie (aus Frust), kurz bevor CAN am selben Abend dort auftraten. Die Zuschauer flüchteten in Scharen, als die Band mit Suzuki in Samurai-Modus verfiel (laut den Erinnerungen von Czukay). Am Ende 30 Standhafte in einem Saal für 1500 Leute...
Hier hingegen haben wir einen Livemitschnitt von 1975 vor uns, wo sowohl Mooney wie Suzuki ausgeschieden waren. Mooney weil er bei einem Konzert drei Stunden lang „upstairs! Downstairs!“ skandierte – auch als die Band längst aufgehört hatte zu spielen – und Suzuki dank einer zielstrebigen Dame aus Düsseldorf (ebenfalls eine Japanerin), die ihn (zeitweise) zu den Zeugen Jehovas bekehrte. Tja, da hilft auch kein yes, we can.
CAN kam nach Suzuki größtenteils ohne Stimmen aus, sondern jammte irgendwie leicht Raga- mäßig über weite Strecken aus einem erkennbaren (oder recycleten) Thema heraus - und ich meine wirklich lange Strecken: In Berlin brummselten sie bspw. über 6 Stunden eine durchgehende Spaceblues-Exploration. Aber da hatte man dann den „Motorik Beat“ zum Festhalten, ein 4/4 Dingsbums das Jaki Liebezeit besonders gerne spielte und bald zum Markenzeichen von Krautrock wurde. 4/4 war nie meine Lieblingszählzeit – doch das macht wohl unser militärisches Erbe...
Viel später haben bspw. Stereolab darauf aufgesattelt, was es zusammen mit den warmen, dynameuphorischen Stimmen von Laetitia Sadier und Mary Hansen zur perfekten Party- Aufwärmmusik bei meinen frühen Fabrikfeten machte. Denn wenn schon Armee, dann bitte Damen (oh Gott, macht er uns hier noch den Muammar al-Gaddafi?) und natürlich ergibt Motorik zwischen Schleifmaschinen umso mehr Sinn.
Kein Wunder, dass CAN bald Legendenstatus genossen, wobei überraschte Zuhörer aus Übersee anmerkten: „it was great, but I didn‘t know it was music!“
Nun, für Jazzer natürlich eigentlich ein piece of pie und zumindest Jaki hatte den Jazzhintergrund, während Czukay sowie Schmidt Schüler vom unumgänglichen Karlheinz Stockhausen waren. Die Anderen machten eher anderes, und so fand sich das eklektisch im Kollektivgeist der 70er zusammen. Nicht umsonst meinte Jaki mal, CAN stehe für „communism, anarchy and nihilism“. Quasi Frank Zappa ohne Zeremonienmeister und anfangs wie geschaffen für obskure Film-Scores: „Agilok & Blubbo“ oder „Kamasutra: Vollendung der Liebe“. Beide Filme sind aus meinem Geburtsjahr 1969 und heutzutage verloren. Aber die Soundtracks haben überlebt!
Und erst recht die Einflüsse, die von Siouxsie und Joy Division, über Primal Scream + Happy Mondays bis LCD Soundsystem & Kanye West (samplete mal „Sing Swan Song“) reichen – also wer noch Ambitionen in Sachen Akustikastralorchestralmotorikkakaphoniesymphonien hat lauscht ehrfurchtsvoll den bis auf Schmidt verstorbenen Altmeistern im römischen Amphitheater im sommerlichen Arles im präkambrischen Jahr 1975 (da war Deutschland Weltmeister). Oder gibt die obige Wortschlange als Prompt in Suno ein und lässt sich gegen viele Tokens überraschen.
A Bit Father Out
CAN - live in Arles 1975 erscheint am 25.09. auf Mute/Future Days/[PIAS] Records.
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Spoon Records.
Freitag, 4. September 2026
Schön, wenn's schneidet Pt. XXiiiXXUXX
V.A. BARFUß IN SCHERBEN
Der Ventil Verlag hat vor einiger Zeit die Reihe „Songcomics“ in Leben gerufen, in der inzwischen Bücher über FEHLFARBEN, TRIO, FETTES BROT oder STERO TOTAL erschienen sind. Zahlreiche Zeichner und Comickünstler nehmen sich dafür einzelne Songtexte der Bands vor und visualisieren diese mit ganz eigener Note, so dass man die Lieder einmal mit ganz anderen Augen hören kann. Anlässlich des 50-Jahre-Punk-Jubiläums ist nun mit „Barfuß in Scherben“ ein „Deutschpunk-Songcomic“ erschienen.
KünstlerInnen wie Tine Fetz, Rahel Süßkind, Sascha Hammer, Luka Lenzin oder 18 Metzger haben sich jeweils einen Deutschpunk-Klassiker vorgeknöpft und in ein Comic transformiert. Den passenden Soundtrack mit all den Songs, die in dem Buch vorkommen (plus vier weitere mehr von MALE, KFC, FEHLFARBEN und BÄRCHEN & DIE MILCHBUBIES) gibt es nun als Vinyl-Sampler gleichen Titels bei Tapete Records.
Das macht insgesamt vierzehn mal deutschen Punk Rock aus den Jahren 1979-86. Darunter Klassiker wie „Deutschland“ von SLIME, „Lachleute und Nettmenschen“ von S.Y.P.H. oder „Satan“ von SCHLEIM-KEIM reihen sich ein neben eher unbekannteren Gerne-Stücken wie „Bundeswehr“ von BRAUSEPÖTER, „Müslibrei“ von ROTZKOTZ oder „Der große Mafioso“ von THE WIRTSCHAFTSWUNDER.
Ein bunte Mischung, die zeigt, dass unter Deutschpunk nicht nur krawallige Nieten-Kaiser mit Parolen gegen Bullen und Nazis zu verstehen war, sondern ein durchaus diverses Potpourri mit Einflüssen aus New Wave, Pop, Krautrock oder Dada, das gerade in den Anfangsjahren noch wirklich für Individualität anstatt Uniformität stand. Wer Spaß nach dem Buch hat, sollte sich die Platte unbedeckt als begleitenden Soundtrack zulegen. Ansonsten ist es eine sicher noch sehr gute Ergänzung der eigenen Punk-Sammlung im Jubiläumsjahr mit Liedern, die sich nicht schon zehn mal auf anderen Tonträgern finden lassen. Und ich freue mich wie Bolle, dass auch TORPEDO MOSKAU mit dabei sind. Von denen kann ich einfach nicht genug bekommen.
Abel Gebhardt
Der BARFUß IN SCHERBEN-Sampler ist auf Tapete Records erschienen
Donnerstag, 27. August 2026
Zine, wenn schön Pt. IIII
Menschen machen Zines. Immer noch oder schon wieder ist hier nicht die Frage. Mir gefällt das. Ich freue mich einfach, wenn mir ab und an ein gedrucktes Stück grauer Szene-Literatur in die Finger kommt. Schlicht gedruckt oder kopiert, Layout so wie man will und kann und keine Ambitionen, dass das mal ein kommerzielles Ziel haben könnte. Im Grunde ein Hobby und Hobby ist hier nicht belächelnd gemeint. Fan-Zines mögen heutzutage nicht mehr den Informationswert für Szenen wie vor, sagen wir 20-40 Jahren, haben. Es ist trotzdem toll, ab und zu wieder eins in die Finger zu kriegen und zu sehen, wieviel Arbeit da rein gesteckt wurde.
Sagt der Mann, der den Blog am laufen hält und irgendwie zu faul ist, auch mal wieder eine Printnummer zu machen.
TRAIL MAGIC
Man kann von vielen Dingen Fan sein und zum jeweiligen Thema eine wie auch immer geartete Publikation, ehm, publizieren. Bei machen Leuten ist es Musik, bei anderen Kochen, die eigenen Lebensrealität, oder Stricken., Oder Wandern. Oder Hiken. Ist das eigentlich dasselbe? Ich glaube nicht ganz. Vermute nach der Lektüre des TRAIL MAGIC-Zines, dass Hiken so eine Art Extrem-Wandern ist. Dazu könnte ich Chriz, den Herausgeber des TRAIL MAGIC-Zines mal fragen, denn in diesem Heft geht es um Hiken, der vielleicht etwas abenteuerlichen Art zu Wandern. Da muss ich doch glatt an den Kollegen A Bit Father Out denken, der auch gerne dort rumkraxelt, wo sonst keiner seine Füße hinstellt. Aber darum geht's jetzt nicht.
TM-Macher Chriz ist in Zinekreisen kein Unbekannter, er hat das "MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN"-Zine und einige andere Hefte gemacht, immer in kleinen Auflagen und sympathisch graswurzelmässig kopiert. Das waren auch inhaltlich immer sehr persönlich gehaltene und interessante Zines.
Nun geht's also um die liebste Freizeitgestaltung - eben jenes Hiken. Es gibt einige Interviews mit Hikern aus der ganzen Welt, die teilweise ihre eigene Ausrüstung zusammenbasteln und ein paar hübsche, teilweise tagebuchartige Reiseberichte. Das klingt mengenmäßig dürr, ist es aber gar nicht, denn spannend ist da schon, mal von dieser "Szene", wenn es denn eine ist, zu erfahren. Ich hatte bisher keinen Zugang zum Hiking-Kosmos, bin auch nicht so der Typ für tagelange Wanderungen im Irgendwo, egal ob Berg oder am Meer. Aber es macht sehr viel Spaß, sich mal in diese Texte hineinzugeben und ein bißchen die Faszination nachzuvollziehen.
Kontakt: chriz@42zines.de
Insta: xtrailmagicx
POP-UP-FANZINE
POP-UP-ZINE NR.2
Andi Kuttner kann es nicht lassen. Er hat früher Zines gemacht und jetzt hat er den alten Faden wieder aufgenommen. Bringt nun mit dem POP-UP-ZINE ein Fan-Zine in guter old school Manier raus. Punk bis Punkrock ist das Thema, um das es geht und das POP-UP wirkt so solide und schön gemacht, wie soviele Hefte, die es in den 90ern, Anfang der 2000er noch gab. Aufgeräumtes Layout, aber mit diversen punky style-Elemente, dazu inhaltlich schön vielfältig, aber eben immer mit Blick auf Punkrock als grobem Oberthema.
Es gibt Interviews mit den Bands SPREEPUNKROCKERS, SPRUNG INS LEERE sowie Lea und Ulli vom WILD AT HEART in Kreuzberg. Da muss ich sagen, dass ich das für ein sehr gutes Interview halte, weil die beiden schon sehr reflektiert mit den Herausforderungen umgehen, die jahrzehnte langes Clubbetreiben mit sich bringt. Sehr schön und ehrlich. Finde ich top. AUch wenn Andi den Laden, also das Heft redaktionell zusammenhält. gibt's ein paar hübsche Beiträge von anderen Schreibern, zum Beispiel mit einem Rückblick auf die Chaostage 1995 in Hannover, einen schönen Überblick über spanischen Indie/Punk-Pop.
Bissl Fußball darf nicht fehlen in so einem Heft, den Ansatz die Podcastler vom Rasenfunk zu befragen, finde ich dahingehend schon gut. Chriz vom TRAIL MAGIC-Zine taucht auch mit einem Text auf, dazu gibts noch Reviews und Konzertbericht, also alles, als wäre es immer noch 199X und das Leben wäre so einfach wie damals.
POP-UP-ZINE NR.3
Die Nummer 3 vom POP-UP hat mir Andi zugeschickt, nachdem wir uns beim EA80-Konzert im Schokoladen zufällig getroffen haben - und er mir geholfen hat, ein Ticket loszuwerden. Zwei Tage später lag die neue Au8sgabe im breifkasten. Oberthema diesmal - gab es bei der No. 2 auch ein Oberthema? Falls ja, habe ich es nicht verstanden. Egal. - Das Oberthema: Abschiede. Nicht das einfachste Topic, aber ein wichtiges. Denn da denkt man unweigerlich ans Sterben, an das Loslassen, an den Abschied von Freunden, von Verwandten, von denen man gar nicht will, dass sie jetzt schon werweißwohin gehen. Ich kann da gut eine Verbindung aufbauen, denn das Thema Abschied im Sinne von Sterben begleitet mich schon sehr lange, ich kämpfe immer damit und meistens komme ich klar.
Aber Abschiede müssen nicht immer so drastisch sein. Es kann - und darum geht es in einigen Texten in diesem Heft - auch um Abschied in anderer Hinsicht gehen: Um letzte Alben von guten Bands. Um den Abschied von einem bestimmten Land. Darum, Dinge, die man nicht mehr braucht, loszuwerden. Ums Wegschmeißen oder ins Archiv geben also. Um Bands, die sich entschieden haben, aufzuhören. Gutes Beispiel dafür wären DIE SCHWARZEN SCHAFE, die 2025 Schluß gemacht haben und nun noch einmal von Andi interviewt werden. Weitere Bands, die in dieser Ausgabe vorgestellt werden, sind BETONKINDER, LISA SINSON und THE CLEOPATRAS. Dazu wie gehabt Konzertberichte und Rezis, quasi Salz und Pfeffer in jedem Punk-Zine. Die Idee, dem POP-UP ein Thema zu geben undd as mal auf der Bais von Punk(Rock) durchzudeklineiren, finde ich super. Gerade weil dann mal ein paar andere Aspekte des Themas auftauchen - allein der Text zu den letzten Platten von Bands wie THE CLASH, WIPERS oder ...BUT ALIVE in dieser Hinsicht mal zu betrachten, macht Spaß zu lesen.
Kontakt: pop-up@posteo.de
Gary Flanell
Sagt der Mann, der den Blog am laufen hält und irgendwie zu faul ist, auch mal wieder eine Printnummer zu machen.
TRAIL MAGIC
Man kann von vielen Dingen Fan sein und zum jeweiligen Thema eine wie auch immer geartete Publikation, ehm, publizieren. Bei machen Leuten ist es Musik, bei anderen Kochen, die eigenen Lebensrealität, oder Stricken., Oder Wandern. Oder Hiken. Ist das eigentlich dasselbe? Ich glaube nicht ganz. Vermute nach der Lektüre des TRAIL MAGIC-Zines, dass Hiken so eine Art Extrem-Wandern ist. Dazu könnte ich Chriz, den Herausgeber des TRAIL MAGIC-Zines mal fragen, denn in diesem Heft geht es um Hiken, der vielleicht etwas abenteuerlichen Art zu Wandern. Da muss ich doch glatt an den Kollegen A Bit Father Out denken, der auch gerne dort rumkraxelt, wo sonst keiner seine Füße hinstellt. Aber darum geht's jetzt nicht.
TM-Macher Chriz ist in Zinekreisen kein Unbekannter, er hat das "MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN"-Zine und einige andere Hefte gemacht, immer in kleinen Auflagen und sympathisch graswurzelmässig kopiert. Das waren auch inhaltlich immer sehr persönlich gehaltene und interessante Zines.
Nun geht's also um die liebste Freizeitgestaltung - eben jenes Hiken. Es gibt einige Interviews mit Hikern aus der ganzen Welt, die teilweise ihre eigene Ausrüstung zusammenbasteln und ein paar hübsche, teilweise tagebuchartige Reiseberichte. Das klingt mengenmäßig dürr, ist es aber gar nicht, denn spannend ist da schon, mal von dieser "Szene", wenn es denn eine ist, zu erfahren. Ich hatte bisher keinen Zugang zum Hiking-Kosmos, bin auch nicht so der Typ für tagelange Wanderungen im Irgendwo, egal ob Berg oder am Meer. Aber es macht sehr viel Spaß, sich mal in diese Texte hineinzugeben und ein bißchen die Faszination nachzuvollziehen.
Kontakt: chriz@42zines.de
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POP-UP-FANZINE
POP-UP-ZINE NR.2
Andi Kuttner kann es nicht lassen. Er hat früher Zines gemacht und jetzt hat er den alten Faden wieder aufgenommen. Bringt nun mit dem POP-UP-ZINE ein Fan-Zine in guter old school Manier raus. Punk bis Punkrock ist das Thema, um das es geht und das POP-UP wirkt so solide und schön gemacht, wie soviele Hefte, die es in den 90ern, Anfang der 2000er noch gab. Aufgeräumtes Layout, aber mit diversen punky style-Elemente, dazu inhaltlich schön vielfältig, aber eben immer mit Blick auf Punkrock als grobem Oberthema.
Es gibt Interviews mit den Bands SPREEPUNKROCKERS, SPRUNG INS LEERE sowie Lea und Ulli vom WILD AT HEART in Kreuzberg. Da muss ich sagen, dass ich das für ein sehr gutes Interview halte, weil die beiden schon sehr reflektiert mit den Herausforderungen umgehen, die jahrzehnte langes Clubbetreiben mit sich bringt. Sehr schön und ehrlich. Finde ich top. AUch wenn Andi den Laden, also das Heft redaktionell zusammenhält. gibt's ein paar hübsche Beiträge von anderen Schreibern, zum Beispiel mit einem Rückblick auf die Chaostage 1995 in Hannover, einen schönen Überblick über spanischen Indie/Punk-Pop.
Bissl Fußball darf nicht fehlen in so einem Heft, den Ansatz die Podcastler vom Rasenfunk zu befragen, finde ich dahingehend schon gut. Chriz vom TRAIL MAGIC-Zine taucht auch mit einem Text auf, dazu gibts noch Reviews und Konzertbericht, also alles, als wäre es immer noch 199X und das Leben wäre so einfach wie damals.
POP-UP-ZINE NR.3
Die Nummer 3 vom POP-UP hat mir Andi zugeschickt, nachdem wir uns beim EA80-Konzert im Schokoladen zufällig getroffen haben - und er mir geholfen hat, ein Ticket loszuwerden. Zwei Tage später lag die neue Au8sgabe im breifkasten. Oberthema diesmal - gab es bei der No. 2 auch ein Oberthema? Falls ja, habe ich es nicht verstanden. Egal. - Das Oberthema: Abschiede. Nicht das einfachste Topic, aber ein wichtiges. Denn da denkt man unweigerlich ans Sterben, an das Loslassen, an den Abschied von Freunden, von Verwandten, von denen man gar nicht will, dass sie jetzt schon werweißwohin gehen. Ich kann da gut eine Verbindung aufbauen, denn das Thema Abschied im Sinne von Sterben begleitet mich schon sehr lange, ich kämpfe immer damit und meistens komme ich klar.
Aber Abschiede müssen nicht immer so drastisch sein. Es kann - und darum geht es in einigen Texten in diesem Heft - auch um Abschied in anderer Hinsicht gehen: Um letzte Alben von guten Bands. Um den Abschied von einem bestimmten Land. Darum, Dinge, die man nicht mehr braucht, loszuwerden. Ums Wegschmeißen oder ins Archiv geben also. Um Bands, die sich entschieden haben, aufzuhören. Gutes Beispiel dafür wären DIE SCHWARZEN SCHAFE, die 2025 Schluß gemacht haben und nun noch einmal von Andi interviewt werden. Weitere Bands, die in dieser Ausgabe vorgestellt werden, sind BETONKINDER, LISA SINSON und THE CLEOPATRAS. Dazu wie gehabt Konzertberichte und Rezis, quasi Salz und Pfeffer in jedem Punk-Zine. Die Idee, dem POP-UP ein Thema zu geben undd as mal auf der Bais von Punk(Rock) durchzudeklineiren, finde ich super. Gerade weil dann mal ein paar andere Aspekte des Themas auftauchen - allein der Text zu den letzten Platten von Bands wie THE CLASH, WIPERS oder ...BUT ALIVE in dieser Hinsicht mal zu betrachten, macht Spaß zu lesen.
Kontakt: pop-up@posteo.de
Gary Flanell
Donnerstag, 20. August 2026
Schön, wenn das Paradox Puncht
X.A.CUTE - PARADOX
In Renfield-City wird selten das kreative Tun der schreibenden Menschen verheimlicht. Da sind wir recht transparent. Es ist beispielsweise kein Geheimnis, dass unser Global-Music-Spezi Eric Mandel seit Ewigkeiten mit den Kollegen Kuzi Whan und Guvibosch das Projekt X.A.CUTE be- und vorantreibt. X.A.CUTE gedeihen seit langen im Hinterhof des Kreuzberger Avalons, dem magischen Zufluchtsort mitten in der Herzkammer der Berliner Gentrifizierung.
In diesem Kosmos auf einer großen Verkehrsinsel kommt seit jeher und immer regelmäßig einiges zusammen: Tracks, EPs, Alben, Solo-Alben, dazu Mitschnitte von DJ-Sets aus den coolen Orten der Stadt. Mir wird selber manchmal ganz schwindlig, wenn ich sehe, was Mr. Mandel regelmäßig veröffentlicht. Schaut auf Bandcamp, schaut auf Mixcloud, X.A.CUTE is everywhere. Und da reden wir ja noch gar nicht von ATOMVULKAN BRITZ, wo wir auch öfter in den Keller oder Funkhäuser steigen, um auf Industriefässern, Drumkits und Bässen rumzuklöppeln - und zuweilen kosmische Hintergrundmusik erzeugen.
Bei soviel Output fällt es schwer den Überblick zu behalten, aber damit stehen X.A.CUTE im 26. Jahr des 21. Jahrtausends nicht allein. Die Veröffentlichungszyklen rasen schneller als die Musikpolizei erlaubt, was sicher auch durch die schnellen Releasemöglichkeiten unterstützt wird. Für einen Upload brauchst du nunmal kein Presswerk oder die schwerfälligen Strukturen eines großen Labels, das erstmal in der zigsten Videokonferenz über mögliche Verkaufschancen und Marketingmöglichkeiten nachgrübeln muss. Es ist bekannt, dass man Musik mittlerweile gut in DIY (oder wie ich neulich las, DIT (Do it Together))- Manier raushauen. Schnell und unkompliziert. Wenn es eben darum geht, etwas zu veröffentlichen und nicht um die raketenartige Reichweite oder die Weltherrschaft. X.A.CUTE produzieren ihre Tracks so schon seit Jahren. Und machmal kommt dabei sogar ein Stück Vinyl raus.
Wer so lange schon Musik ersinnt, produziert, aufnimmt und auflegt, ist natürlich auch bestens vernetzt. Irgendwie taucht bei jedem X.A.CUTE-Release der Zusatz "Feat. den oder die" auf. Die meisten Personen dieser Koops kenne ich nicht, aber ein paar schon: HOLZKOPF aus Kanada, MISS RED oder die Kolleg*innen von PEB. Und das, liebe Menschen am Lesegerät, sind nur ein paar Namen in der Galaxie, in der X.A.CUTE manövrieren und kooperieren. Alles ist recht fluide, der Kern besteht zwar aus den drei Weisen aus dem Kreuzberger Land, ansonsten gibt es immer Andockmöglichkeiten für Freunde und Kurz-in-der-Stadt-Lebende. Und wenn Zeit ist, dann stemmt man entweder ein neues, gut klingendes Projekt aus dem Boden - hier sei auf DIKDÆDØR verwiesen - selbe Besetzung, anderes Konzept - oder auf das Zäh-Doom-Monster STUMPF oder auf das in der Pipeline lauernde HC-Wochenend-Projekt ZERSTROYER - oder: Man bringt das neu aufgenommene Material unter dem Namen X.A.CUTE raus.
Für die PARADOX-EP hat man sich mit einem guten Bekannten zusammengetan, dem Bremer Rapper ETHNIQUE PUNCH. Nicht die erste Kollaboration, vor einiger Zeit gab es schon auf der FASUIH/SLIGPO-EP eine Zusammenarbeit. ETHNIQUE PUNCH ist live auch für Leute, die mit HipHop gar nichts am Hut haben, also Menschen wie mich, bei Konzerten sehr unterhaltsam anzusehen. Da findet man wenig von typischen HipHop/Rap-Klischees, sondern einen sehr charismatischen Typen auf der Bühne, der zu seinen Tracks auf Türkisch rappt. Die Entspanntheit, die da zutage tritt, passt auch sehr gut zu den X.A.Cuties.
X.A.CUTE, das sei noch zu erwähnen, sind in ihrem Schaffen sehr global aufgestellt. Da spielen viele Rhythmen und Beats rein, die auch interkontinental anschlußfähig sind. Dub, Drum'n'Bass, HipHop, Tablas, nahöstliche Synkopierungen, Dubstep, Dancehall, alles da, alles gemeinsam miteinander existierend. Dub vor allem, das ist wohl die große Wurzel, aus dem sich alles in allerlei Varationen speist. Was jetzt dazu gut passt, wäre eine Kochmetapher: X.A.Cute schmeißen also alles, was von dieser Wurzel ausgeht, oft in in einen Topf - und es schmeckt immerstimmig. Ihre Tracks haben oft eine sehr dicke Lebensdader, und die heißt eben Dub, das ist der Bass und der Rhythmus und darum lagert sich dann der Rest an. Im Falle von PARADOX eben der entspannte Sprechgesang von ETHNIQUE PUNCH, verhallte Samples und Sprachfetzen oder auch mal eine schräg flirrende Orgel- oder Synthie-Melodie. Das wirkt oft so entspannt wie es für einen Sommerabend in dieser Stadt erforderlich ist, baut aber auch mal gerne eine unterschwellige Spannung auf.
Falls es bis hierhin noch nicht klar geworden ist: Mit Rockmusik, Punkrock oder ähnlichem Gitarrenlastigen hat das hier alles nichts zu tun. Wenn du aber gern mal eine Drun'n'Bass-Party besuchst und kein Problem hast, ganz unterschiedliche Arten von Musik zu goutieren, dann solltest du mal fix bei X.A.CUTE reinhören. Und wie nennt man das alles zusammen jetzt? Häch, das Stöhnen des Blogtreibers, wenn es um schnöde Genrezuschreibungen von Musik geht. Wahrscheinlich passt eh am besten der Begriff, den X.A.CUTE selber für alles, was sie so im Herzen von Kreuzberg anstellen, öfter nutzen: Outernational Music.
Gary Flanell
Die PARADOX-EP von X.A.CUTE gibt es auf ihrer Bandcamp-Seite zu hören, also hier.
Donnerstag, 13. August 2026
Schön, wenn das Kassettendeck noch klickt Pt. I
TRAMHAUS - BLISTER
„Zehn Minuten", sagt Gary. „Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt…" Bei den Temperaturen bimmelt hier gar nichts. Vielmehr bommelt alles, hängt in der Gegend rum und ist schlapp, schlapp, schlapp. Vierundzwanzigstundensiesta. Uhrenbimmeln? Nee, Gedöse und Halbschlaf. Mit komischen Bildern, Gerüchen und Tönen von Annodazumal.
Ist schon wieder 1992? Oder vielleicht 1993? Lange-Her könnte das Jahr auch heißen, jedenfalls ist es von Juni bis September in dieser olivgrünmetallicfarbenen Karre unerträglich und phantastisch zugleich. Megadreck, innen wie außen, hier sind seit Ewigkeiten Sauger und Waschanlage nicht mehr dran gewesen. Vielleicht auch besser so, der Schmutz hält bestimmt alles so gerade eben zusammen. Ein wenig Seife, und mehr als Einzelteile blieben dann nicht. Kotflügel, schräges Heck, die drei Frösche, ein paar Handvoll Postkarten der Namensgeberin, Zigarettenkippen, zerknüllte Taschentücher und andere Zeichen von Leben und jede Menge Kassetten. Kassetten. CD-Spieler, Digitaldings – alles da noch Utopie, Science Fiction, Müsste-sich-mal-einer-ausdenken.
Gut, dem Grunde nach gibt's das schon, irgendwelche Sebastians oder Karstens haben's, dafür jedoch keinen Platz mehr im Kofferraum, alles voll blinkender Technik, die man dann dem geneigten Publikum auf dem ratzigen Parkplatz der Dorfdisko präsentiert, aber hier in diesem Subsubsubuniversum spielt die Musik weiter anders. Schön aus der Zeit gefallen oder diese konservierend, festhaltend, umarmend. Magisch mechanisch. Echt.
Rack! Stets der gleiche Anfangssound, wenn durchgeladen wird wie bei der antiquierten Knarre eines James Bond-Endbosses, und dann ab mit Leiervollgas und ohne auch nur den Hauch einer Chance auf Tuning. Feinstes Mono, laut oder leise, nichts dazwischen. Irgendwann habe ich mal versucht, eine Stereoanlagenbox zusätzlich anzuschließen, so einen mit Omas Strumpfhose bespannten Holzkasten, schwer wie ein Kasten Wasser. Die hätte prima hinter den Fahrersitz gepasst, der ja ohnehin lebenszeitlich arretiert war, ob durch Rost, etwas Abgebrochenes oder etwas Dazwischengefallenes, niemand wird's mehr herausbekommen. Aber das misslang kläglich wegen der Kabellage. Farben, Phasen, alles nur Phrasen. Der Radio-Backstein ist seitdem auch nicht mehr ganz so zu versenken wie bautechnisch gedacht, dank eines alten Kulis bleibt er aber klemmen. Egal, Optik ist für Optiker.
Fenster runter gekurbelt, Gang mit Gewalt irgendwo rein, und hinein in die überhitzte Unendlichkeit, in deren Verqualmtheit und in das Geröhre des Auspuffs sich nach kurzer Zeit auch schwarzer Nebel und Teergeruch mischen. Irgendwo spritzt immer was Öliges auf was Glühendes, das ist am Ende halt Sommer.
Wäre es nicht 1992, 1993 oder irgendetwas in zeitlicher Nähe, zöge der Polo vielleicht keine scheppernde Soundfahne aus Sonic Youth, Nirvana, Pixies und all solchem Kram aus dem Probenraumwunderland hinter sich her, sondern recht passend etwas von TRAMHAUS aus den Niederlanden.
„Etwas“ ist wohl tatsächlich Blödsinn, da bisher deren „Alles“ auf einer Kassette Platz fände. Muss gerne nicht so bleiben. Bleibt es auch nicht, denn bald kommt mit "Blister" das zweiten Album der Niederländer raus. Großartig wuchtig, seltsam melodisch, kompatibel mit einer großen Bühne ebenso wie mit einem Tapedeck in einer kleinen Ratzkarre.
Die Bande aus dem Nachbarort, kleine Schreihälse und Instrumentenverprügler, ebenfalls eher magisch mechanisch, auch wenn am einen oder anderen mehr herumgedreht und nach oben oder unten gezogen wird, als das am Gerät in meinem ersten Auto jemals möglich gewesen wäre. Hat noch jemand einen Schrägheckpolo in Grün und mit Kassettenspieler, um das Setting mal auszuprobieren?
Vornehmlich dann wohl Richtung Herbst, im heißen Sommer verheddern sich Bänder schon mal sehr, sehr gerne, da hilft dann auch kein Kuli mehr.
Philipp Nussbaum
"Blister", das zweite Album von Traumhaus erscheint am 09.10., derweil die Band weltweit auf Tour ist.
Mehr Infos zu Tramhaus, dem neuen Album und Tourdates finden sich hier.
Donnerstag, 30. Juli 2026
Das große Unbehagen
JAKOB DOBERS - Signale
Senden, Empfangen, Verbindungen herstellen – dieser Prozess schimmert wie ein Leitfaden durch Jakob Dobers' neues Album „Signale“, das im April auf Staatsakt erschienen ist. Gar nicht so einfach, sich in einer durchdigitalisierten, von falschen und halbgaren Behauptungen zugestellten Welt auf den eigenen Kern zu besinnen, sich zugehörig zu fühlen zwischen all den Sendenden und ihren Botschaften.
Die Lyrics des Berliner Songwriters sind am Puls der Gegenwart, dabei reflexiv und eindringlich in ihrer situativen Bildhaftigkeit. Durchzogen von einer prä-apokalyptischen Melancholie, eher abgeklärt als verzweifelt, mit einem Rest von Hoffnung, die ein Blick in den Himmel verspricht.
Trotz gehaltvoller Textkost gehen Dobers' präzise arrangierten, atmosphärisch gekonnt verdichteten Indie-Folk-Popsongs leicht ins Ohr und laden zum Mitwippen ein. Die Musik wird zur tröstlichen Umarmung – zum Beispiel im Song „Die Nachricht“, wo er mit angerauhter Stimme singt: „Und dann kam die Nachricht, aber nicht mit der Post, an alle Bewohner: Ich glaub wir sind lost und wir sahen uns an und dann in die Gegend, verzogen die Münder, ein bisschen verlegen, denn es gab ja noch Film, es gab gutes Eis, die Winter waren seltsam und die Sommer schön heiß, wir dachten, es geht noch eine Weile so weiter, hier auf den oberen Sprossen der Leiter“.
Die Gewissheit um die Privilegien der eigenen Bubble bietet keinen Schutz gegen übermächtige existenzielle Bedrohungen, die für alle spürbar sind in klimatischen Extremen. Wie in einer Rückschau auf die verlorene Gegenwart, ohne Handlungsoptionen, ohne positive Zukunftsvisionen in einer aus den Fugen geratenenen Welt, heißt es weiter: „Und Dinge geschahen und wir konnten nur zusehen und eigentlich hatte sie niemand gewollt … überall Zeichen und überall Seher und Überblickhaber und Allesversteher, Beschreibung stand gleichwertig neben dem Wahn und viele verstummten, fingen gar nicht erst an...". Verdrängung, Eis und Filme helfen da nur temporär: "es fiel immer schwerer, die Angst zu verbergen, auch wenn man dachte, dass man gar keine hat“.
Es ist bemerkenswert, wie Jakob Dobers das große Unbehagen, was viele kennen und teilen, sich angesichts multipler Krisen im Welttheater zum Zuschauen oder Aushalten verurteilt zu fühlen, erzählerisch verdichtet. Es lässt sich intensiv nachempfinden in seinen Songs. Die unerwartete Schönheit des Lebens geht dabei dennoch nie ganz verloren: „aber manchmal reißt etwas dein Herz auf wie ein italienisches Lied“. Auch das ist irgendwie tröstlich.
Das Album Singale von Jakob Dobers ist auf Staatsakt erschienen.
Nächste Live-Shows von Jakob Dobers:
7.8. Dorfkirche Schönwalde, Schönwald im Spreewald, 20 Uhr
9.8. Fit Tankstelle Berlin, Reformbühne Heim & Welt, Berlin, 20 Uhr https://jakobdobersmusic.com/shows https://staatsakt.de/portfolio/jakob-dobers/
Lutz Steinbrück
Donnerstag, 18. Juni 2026
Schön, wenn der Flamenco-Filibuster zweimal in den Ohren klingelt!
NESTTER DONUTS - Flamenco Trash
Als Vorarbeiter Flanell mir den Link zu Obengenanntem schickte, wusste ich zunächst nicht, ob ich das durchstehen würde. Denn ich habe ganz schüchterne Ohren. Und „Maracas mit seinen Genitalien spielen“ (laut Pressetext) war für mich auch nicht vorbehaltslos ein Pluspunkt.
Aber schon startet das Phänomen mit welschem Klatschmohn (Amapola francesa), dann kommt das Wunderpulver (Cocaina), und später begegnet man der Babyschlange (mamba jovencita) plus billigem Gift (veneno barato) hinter der Düne der Perversion (Duna de la perversión). Also die Titel geben schon einen Ausblick, auf welche Reise im Sinne von Freakshow voller Snake Oil man sich begeben wird. Es rumpelt eigen-energetisch los, doch dann überrascht einen der Herr mit einer Crooning-Entsprechung zum „King“ – wobei hier speziell der Pelvis angesprochen wird, denn „Elvis wants to fuck my mom“.
Zur weitreichenden Verständlichkeit sogar in Inglés. Nestter Donut, soll das eigentlich ein Wortspiel auf Jester, den Narren oder Joker sein? Er tritt übrigens auch in nördlichen Gefilden (bspw. Rotterdam) im Schlüpper auf, denn er traktiert als Solovulkan nicht nur seine Gitarre + Stimmbänder, sondern zudem sein Drumset. In Brügge war er evtl. im Knast dafür, jedenfalls hat er einen Song „Bruges Jail Rumba“, und das Video zu „Elvis Presley“ ist punky camp as camp can be.
Neben der melodisch krachigen Gitarre umschlingen mich fürderhin Ennio-Moricone-Vibes von dieser eher Borat-artigen Stage-Persona (dicker ins Gesicht genagelter Schnauz wie bei 70er Jahre Pornos). Sein Gesangsstil kann aber auch die Kadenzierung eines canta‘ors annehmen. Der Sound klingt indes wie in einer halligen, nicht allzu großen Höhle abgegriffen. Also ein Ort, den man im Albaycín durchaus antrifft und gerade auch für „gypsy heritage“ (wieder laut Pressetext) Sinn macht (obwohl der Herr aus Alicante stammt). Das legendäre „Cemento“ in Buenos Aires hätte ebenfalls gut als Austragungsort für jene Klangakustik gepasst. Denn wie fasste dies dort ein Musiker seinerzeit sagenhaft in Worte: „Du hast Dir vor Hitze eingekackt, der Sound klang wie im Treppenhaus, und die Klos liefen permanent über!“
Ähnlich verschwitzt und olfaktorisch durchdringend gibt sich dieser Relaunch – jawollo, denn ursprünglich ist das Œuvre von 2022. Zudem mit allerlei Anspielungen, denn der Asesinato yugular (Mord durch Erdrosseln) verweist z.B. gleich auf mehrere spanische Musikpfeiler: Die Punkband Yugular aus Madrid, wie auch Globalphänomen ROSALÍA*, mit ihrem gleichnamigen Song (ohne Asesinato), der auf spanisch und arabisch die Halsschlagader umkreist. Im mystischen Sufi-Islam ein Gegensymbol zur Gottesferne, denn wenn Du Gott in der Ferne suchst, so ist er Dir doch näher als Deine Halsschlagader…
Argh. Und da sind wir dann beim inneren Lebenssaft: Denn dieser „Donut“, wobei die Betonung wohl auf nut liegt, im Sinne von nutjob, erwischt mich speziell mit seinem letzten Song: „Su sangre, mi amor“! Sein Blut, meine Liebe, wozu man sehr gut sein eigenes Jodorowsky-Mini Memorial-Epos inszenieren könnte – geht ja dank KI jetzt alles. Also lasst ihn in Eure Herzen und an Eure Gurgel „and let yourself go into the Wild Wild World of Flamenco Trash with Nestter Donuts“!
*(Die Gute veröffentlichte aus ihrem aktuellen Album LUX zuerst den Song „Berghain“ - aber ganz anders als einst bei unseren heißgeliebten Kellermiezen „The Brunettez“ und ihrem Song „Go to Berghain!“ ist dies ein orchestraler Emotionsoverkill mit deutschem Chor + Björk + Yves Tumor (der angeblich Mike Tyson zitiert), also ein grandisymphonisches Schwergewicht.)
Bit Father Out Nestter Donuts flamenco trash iost als rer-issuer auf Voodoo Rhythm Records erschienen - wo auch sonst?!
Donnerstag, 21. Mai 2026
Schön, wenn das Krokodil patrouilliert Pt. K.-IV.X
SEVEN SIOUX - ALLIGATOR PATROL
DIE ÄRZTE - waren meine erste Lieblingsband und doch habe ich es nie hingekriegt, sie mal live zu sehen. Schon schräg sowas. Ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit SEVEN SIOUX, vielleicht Österreichs Emo-Core-Veteranen No.1.
Auch von den Linzer/Wienern stehen hier etliche Platten rum. Alle, die ganz alten und die neueren, finde ich auf ihre Art toll und doch musste es erst 2025 werden, damit ich sie mal live erleben konnte.
Dabei war der Kontakt zu Sänger Rainer Krispel schon vorher da. Ich glaube, es gab da sogar mal ein Renfield-Interview. Was es sicher gab, war eine vermasselte Lesung von Rainer vor zig Jahren an einem Sonntag in meinem Lieblingskeller mit genau 1 Gast. Später haben wir dann in meiner WG noch recht betrunken den Blues auf der Akustikgitarre gespielt. Wurde wohl auch aufgenommen. Außerdem: Immer wenn ich in Wien bin und sich's ausgeht - und dass es sich ausgeht, daran wird nach Kräften gearbeitet - muss ein Kaffee mit Rainer in einem Beisl sein.
Aber SEVEN SIOUX, die waren sehr lange in den 80ern/90ern gut sichtbarer Teil einer europäsichen Hardcore-Szene, die weniger Tough guy/Youth Crew-artig als vom DIY.Spirit à la Fugazi/Dischord geprägt war. Die Linzer Vorgängerband TARGET OF DEMAND gehörte auch schon dazu und beide Namen fielen schnell, wenn es um Punkbands aus Österreich ging. Die Platten wurden gerne mal rezensiert und waren mindestens vom Namen her bekannt. Es war immer gut gemachter, intelligenter Hardcore-Punk, mit hörbarem DC-Einfluss. Das gefiel mir an SEVEN SIOUX immer sehr gut, diese etwas nachdenklichere Art von Hardcore.
Wie's bei vielen Bands dieser Zeit so lief, haben auch die Sioux eine längere Pause eingelegt, die ging bis 2006, 2007. Seitdem gibt es immer wieder neue Alben, mein Favorit dieser Phase ist immer noch die "We are not the scared people"-Platte mit dem gleichnamigen Überhit. Ein großartiges Fanal der Solidarität, was öfter gesungen werden sollte, auf Demos, auf Kundgebungen, in jedem ostdeutschen Flächenbundesland, auf jedem Schützenfest vorm Bierzelt, angesichts eines immer spürbarer werdenden Rechtsrucks in Europa.
Nun also eine neue Platte. Der Titel: Seltsam, was könnte eine Alligatorenpatrouille sein? Irgendein seltsamer Code? Ich habe auch ewig gebraucht, bis ich gerafft habe, was GORILLA BISCUITS sind, vielleicht ist auch dies hier ein Insider-Witz alternder HC-Helden. Aufklärung gibt es durch die Lyrics auf dem Innensleeve der LP. Für eine Punkband ist das eine schön im Song erzählte, und reichlich abgedrehte Story. I like.
Die Musik: Hier ist eine Kontinuität zu erkennen, und zwar in der Reihe der Alben, die SEVEN SIOUX seit 2006 veröffentlicht haben. Die Besetzung steht seitdem stabil, der Sound hat sich nicht groß verändert und das hört man auch den neuen Tracks an.
Was jetzt nicht mit boring stuff interpretiert werden soll, aber die Band weiß halt, was sie tut, wie sie klingen will und welche Songstrukturen sie nutzen und ausbauen kann. Man muss allerdings auf recht rockigen, mittelschnellen HC-Punk in der Art von SCREAM, VERBAL ABUSE oder DAG NASTY stehen, um diese Platte richtig schätzen zu können.
Wunderbar sind dabei die kleinen Details, wie die Esperanto-Radioansage auf Seite 1. Alle Songs haben diese hübschen melodischen Refrains, Rainer trägt viele der Stücke mit seiner Stimme, die immer noch guten Mischung aus Verzweiflung und Trost spendend changiert. Trostsuchend und gleichzeitig tröstend, kämpferisch und verzweifelt, das muss man auch erstmal hinkriegen. Teilweise sind die Tracks wirklich rockradiotauglich, aber wer wäre ich, der dieser Band das übel nehmen würde?
Einen Song wie "C'mon baby" beispielsweise, sollten viel mehr Menschen der Generationen X bis Z hören, bestenfalls auf dem Weg zur Arbeit. Und wenn 7 SIOUX einen punky Reggaetrack wie "Left" einstreuen, textlich mit allerlei Bandreferenzen von Freund*innen aus lang vergangenen Zeiten gespickt, dann kommt da eine angenehme Art von Pathos auf, in die ich mich mittlerweile gerne hineinfallen lasse.
Einen Hit wie "We are not the scared people" haben sie zwar diesmal nicht hinbekommen, aber das ist ja auch ein Jahrhundertzuckerl und ich bin mit dem, was sie mit Alligator Patrouille abgeliefert haben, mehr als glücklich.
Das erste Konzert von SEVEN SIOUX, das ich nun also gesehen habe, fand übrigens im gleichen Keller statt, in dem sich die desaströs besuchte Krispel-Lesung vor über einem Jahrzehnt abgespielt hat. Diesmal war der Keller allerdings voll, es war eins der schönsten Konzerte seit langem und ganz am Ende, da haben sie dann wirklich noch "We are not the scared people" gespielt. Danach war ich sehr glücklich und konnte gut ins Bett gehen.
Gary Flanell
Alligator Patrol von SEVEN SIOUX ist im Herbst 2025 erschienen, wurde von der Band selber veröffentlicht.
Donnerstag, 9. April 2026
CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende
Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?
Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.
Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.
Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.
Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.
Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.
Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.
Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)
Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.
Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.
Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?
Gary Flanell
CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.
Donnerstag, 26. März 2026
Schön wenn die Fuzzbox funzt, Pt. VII
LOS SAICOS - Demolición!
The complete recordings
Ich war wohl erst in der 3. Klasse, als mich mein Mitschüler Markus (der später Kommissar für Wirtschaftskriminalität werden sollte) aus heiterem Himmel fragte, was denn mein Lieblingssong sei. Darüber hatte ich bis dato noch nie nachgedacht. Ich wusste weder Titel noch Band, und Markus meinte, ich solle mal vorsingen. Das sei unmöglich, sagte ich, denn er bestehe aus „elektrischen Klängen“. Es war Santana, wie sich später herausstellte. Und somit eher E-Gitarren, auch wenn ich vor denen anfangs eine Heidenangst hatte. Da hatte ich wohl einen ganz frühen Musikclip nach der Abendschau gesehen, der mich bis in den Traum verfolgte, als insektenartiges Sägen, das von den Ästen eines unheimlichen Waldes herab erscholl. Dort saßen langhaarig spinnengliedrige Gestalten, die verspiegelt gekrümmte Insektensonnenbrillen trugen. Und was war das für eine Band?
Abba.
Irgendwie hat sich daraus auch später mein Fetisch für Frauen in Overalls entwickelt – und damit kommen wir dem Thema endlich näher: den Sixties. Wo ich zwar rechnerisch schon existierte, aber noch mitnichten in der Lage war, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem elektrisierte mich während meiner Teenjahre kaum etwas mehr, als diese eklektisch-elektrischen Klänge. Auskenner sagen „Garage Rock“, „Proto-Punk“ oder Fuzzrock dazu – wegen der programmatischen Verzerrerbox, zuerst 1962 bei den Ventures auf ihrem Song „The 2000 Pound Bee“ zu hören.
Und Lima ist nun wirklich eine eklektische Stadt, wo Erzbischofresidenzen in direkter Nachbarschaft von fliegenden Händlern stehen, die ein einzelnes Chamäleon an den Mann oder die interessierte Frau bringen wollen. Oder den ganzen Tag im Abgasnebel Damenkleider am ausgestreckten Arm halten, während die Prensa Chicha (Käseblätter mit leichten Mädels und schweren Geschossen) verkündet: „Sie schlitzten ihre Kehle auf und raubten ihre Niere!“.
Mitte der 60er trieb hier Jean Paul „el Troglodita“ (der Höhlenmensch) sein Unwesen, und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa (ich sage nur: „Tod in den Anden“) frequentierte derlei Etablissements wie das Boite oder die Grotta Azzurra. Insofern war das schon naheliegend, dass in diesem Ambiente ein Rudel Jungs der gehobenen Mittelschicht aus dem Viertel Lince auf geparkten Autos trommeln würde und – als Erwin Flores mit einer E-Gitarre aus Brasilien zurückkam - eine Band bildete. Anfangs noch eher zahm epigonisch auf englisch, aber sehr bald bereits energetisch-eruptiv auf spanisch. Wie bei ihrer Hymne „Demolición“ (Zerstörung). ¡Echemos abajo la estación del tren!
In Lima war man nämlich auch Avantgarde in Sachen Bahnhofsabriss, der heutige Zentralplatz San Martín befindet sich auf dem Areal einer bereits 1918 visionär abgerissenen Eisenbahnstation. Die Produzentin der Saicos überredete sie dazu, diesen Song als Single rauszubringen und flugs hatten sie bereits Fernsehshows und wurden im Radio rauf und runter gespielt – u.a als Weckruf bei „Radio Reloj“, dem Sender mit der Zeitansage (gut für den, der keine Seiko hatte). Apropos: Anfangs wollten sie sich wohl Los Sádicos (Die Sadisten) nennen, aber sie eliminierten lieber das „d“ und wurden zu „Saicos“, was zugleich den Anklang an „Psycho“ und „Seiko“ hatte, die damals enorm populäre batteriebetriebene Uhr. Wie melodisch oder proto- punky der Song jeweils ist, hängt fundamental davon ab, wer das Mikro hält: César ist der mit Schmelz, Erwin der Reibeisen-Ernie.
Der mit der „onda bestia“ - er legte auch den weitesten Weg zurück, studierte später Physik in Washington, arbeitete dann für die NASA und trat in seiner Freizeit in Bars mit Salsa und Cumbia-Bands auf. Das war auch die Musik, die er früher zumeist hörte, während er Punk viel später im Interview als „música de mierda“ bezeichnet, von Leuten ohne Ahnung, die andere Leute ohne Ahnung in Rage versetzt. Aber er sagt auch, die Saicos stünden ähnlich wie Lucy zum homo sapiens, entfernte Vorfahren, die erst durch die Rückschau zu Vorbildern werden.
Es dauerte daher auch 40 Jahre, bis der Rest der Welt von den Saicos Kenntnis nahm. Da war ihr Bassist „El Chino“ schon tot, der das Riff von „El entierro de los gatos“ (die Beerdigung der Katzen) erfand, was Erwin retrospektiv als einen Song ohne jegliches Vorbild sieht. Der sei weiland so sonderbar gewesen, dass er gar nicht in die Musikgeschichte passe. Aber „Fugitivo de Alcatraz“ (Geflohen aus Alcatraz) ist auch nicht gerade Johann Sebastian Bach und eher was für Giallo- oder Mondo-Horror Filme.
No hay nada más punk que tocar punk sin saber rayos que sea punk (Es gibt nichts Punkigeres, als Punk zu spielen und keinen Blassen von Punk zu haben). Daher zum Geleit diese Zeilen aus „Fugitivo de Alcattraz“:
Los perros siento ya muy cerca de mí /
sirenas suenan locas, suenan sin cesar /
yo pienso en tu amor y siento valor /
y sigo el sendero por el matorral /
(Ich spüre die Hunde schon ganz nah / Sirenen schrillen verrückt, schrillen ohne Unterlass / ich denk an deine Liebe und spüre Mut / und folge dem Weg ins Unterholz...)
Bit Father Out
LOS SAICOS - Demolición! The complete recordings erscheint am 27.03.2026 auf Munster Records.
Donnerstag, 19. Februar 2026
Schön, wenn das Trotzdem Weiter macht, Pt. XXVI
MARIA BC - Marathon
"Zehn Minuten", sagt Gary. "Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt..." Darf man das Schicksal herausfordern, also, es wieder und wieder und wieder tun?
Irgendwann geht's schief, alles ist vorbei, und am Ende heult einer.
Andererseits: Heißt es nicht, aller guten Dinge seien drei? Unbesorgt voran also! Moment. Ist's überhaupt die mystische Drei? Hm, Gedächtnis und Nachweis weg, oh nein. Ohne Sorge ist wohl unmöglich.
Einfach weiter machen. Weiter. Machen.
Wie bei einem Marathon zum Beispiel. Gleichzeitig so sinnlos und albern als sogenannter „Sport“, an und für sich selbstverständlich allein in dieser Hinsicht wenigstens zweifelhaft, wenn nicht bereits disqualifiziert, wie auch transzendierend und in andere Sphären führend als blubbernde Mischung aus Zerstörung, Schmerz und dem schließlichen Hinfallen und Verschwundensein. Nicht gegen eine antike Strecke, sondern am Ende gegen alle Umstände, die ganze Welt, sich selbst.
Das Weiter- und das Dagegen- und das Trotzdem-Machen.
Nicht so das Einfachste, der Tage die Musik eines Amerikaners zu erkennen, denn parallel ballert per Sperrfeuer die menschenverachtende Kirmeskulisse aus Bildern und Wörtern eines immer schneller in den Wahnsinn strudelnden alten, ekligen, bösen Mannes und seiner geilen, geifernd und verschwitzt dazu tanzenden Entourage von Opportunisten, Hetzern und Faschisten, laut, billig, fies, mörderisch.
Kaum mehr etwas anderes zu hören und überhaupt nichts zu verstehen. Es aber also ganz bleiben lassen, sich die Ohren zuhalten und sich von allem abwenden, was über den erfreulich großen Teich kommt? Größtmögliche Vermeidung nicht nur von Pepsi, Google, amazon und Tesla, sondern auch von aller Kultur? Hoffen, dass dann alles irgendwie zu einer Art Schwarzes Loch wird und mit einem Knall schließlich in sich selbst zusammenstürzt? Hm.
Weiter- und Dagegen- und Trotzdem-Machen besser. Und aufpassen, natürlich.
Maria BC geht nicht mit Krawall gegen den Alptraum an. Mit schneidender Zärtlichkeit, schmerzhaft dringlich, klar, reduziert und mächtig singt und musiziert sie mit Gitarre und ein bisschen Elektrokrams inmitten des Irrsinns und stört ihn vielleicht.
Sorgen nimmt das nicht und tröstet kaum, doch es ist unüberhörbar und gibt so eine gewisse Hoffnung, u. a. nämlich die, dass im Hier und Jetzt und an viel zu vielen Orten und zu viel zu vielen Gelegenheiten zwar eine Unmenge verblödeter fetter Rednecks mit Knarre, geschniegelter Nazis oder degenerierter Päderasten sind, trotz derer es aber auch noch die Guten gibt.
Zehn Minuten, gefüllt mit Musik, wirren Gedanken, Wut, dem Gefühl von Ohnmacht, gelenkknackendem Schulterzucken, Seufzen.
Ich höre mir Marathon jetzt nochmal ohne Herrn Trump an.
Philip Nussbaum
Das Album „Marathon“ von MARIA BC erscheint am 27. Februar 2026 auf Sacred Bones Records.
Donnerstag, 12. Februar 2026
Schön, wenn Ing Ferno Pt. Hä?
Gringo Verano
Der Kanon der absurden Forderungen
Volle Hallen, schweißnasses Publikum, schweißnasse Musiker. Schräge Outfits, Bier, hämmernde Beats. Wir sind ja alle Menschen, die sich auskennen in der Szene, die wissen, was gut ist im Punk. Und deshalb muss ich hier wohl niemanden Ing Ferno vorstellen, oder?
Das einzig wahre große Ding in Sachen Elektro-Punk. Diesen sympathischen wie charismatischen Typen, dem die Herzen von Frau und Mann nur so zufliegen, kaum hat er die Bühne betreten. Und um diesen charismatischen Kerl, seine großartige Musik, seine zeitlosen Lieder handelt dieses Buch.
Aber beginnen wir am Anfang, am Anfang meiner eigenen, zugegeben sehr kurzen Geschichte mit Ing Ferno. Im Juli 2025 hätte ich eigentlich bei Florian Franzus und Iris Müller in deren Garten Texte vorlesen sollen, die ich geschrieben habe. Eine liebgewordene Tradition, seit 2021 mache ich das eigentlich jährlich, einmal war auch Gary Flanell mit dabei und es war super. 2025 gibt es allerdings eine Termin-Überschneidung. Im Schlampazius im Stuttgarter Osten findet am anvisierten Tag eine Veranstaltung namens „Punk Rock Sommer“ statt, die dasselbe Publikum anzieht wie meine Lesung. ERNTE 77 aus Köln und BRUTAL BESOFFEN aus Berlin spielen vor vollem Haus großartige Gigs und meine eigene Lesung findet statt in einem Garten in Leonberg nun eben dort statt. Das ist auch super, aber darum geht’s jetzt nicht.
Vielmehr geht es um das, was nach meinem Auftritt passiert. Da betritt nämlich besagter Ing Ferno die kleine aber feine und wunderbar sommerlich dekorierte Bühne. Mit dabei hat er seinen Sidekick Friedrich Thriller. Schrille Kleidung, adrette Schnauzbärte, keine Instrumente. Die Musik kommt aus der Dose, die Show selbst sucht ihresgleichen. Es wird mitgegrölt, kollektiv geschunkelt und gesoffen, was das Zeug hält. Wer das nicht gesehen hat, sollte das mir hier vorliegende Buch lesen, um ein Bild davon zu bekommen, was eine Ing Ferno-Show ausmacht.
Gringo Verano, dem ich jetzt einfach unterstelle, dass er niemand anderes als Ing Ferno selbst ist, erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang des größten Punkrock-Künstlers unserer Zeit. Oder besser gesagt er lässt Ing Ferno selbst und viele ins Geschehen involvierte Charaktere erzählen.
Ein verliebtes Fan-Girl etwa, das alles daransetzt, das Herz des Musikers endlich zu gewinnen. Der Bürgermeister der Stadt der alles daransetzt, das Konzert, in dem es im Speziellen im Buch geht, zu verhindern und sei es mit Wasserwerfer und Polizeigewalt.
(Danke an die Plattenschau für die Bereitstellung dieses Livevideos)
Die Frau des Bürgermeisters, die im Gegensatz zu ihrem Mann, großer Fan ist, alle Ing-Ferno-Shirts bis auf eines besitzt und am allerliebsten gleich nach der Show mit dem Star durchbrennen möchte. Was sie damit zu tun hat, dass so viele der anwesenden Frauen von Ing Ferno schwanger sind ohne je mit ihm den Geschlechtsakt vollzogen zu haben, wird an dieser Stelle nicht verraten.
Ein Medien-Vertreter kommt zu Wort, ein Polizist, der privat da ist und natürlich Friedrich Thriller, der vom Pech geplagte, ewig die zweite Geige spielende Sidekick, ohne den zwar auf der Bühne nichts laufen würde, dem es aber dennoch an Wertschätzung seines Arbeitgebers fehlt. Dafür hat er eine Waffe dabei, die bei der Show auch zum Einsatz kommt. Ob sie geladen ist oder nicht, wird nicht gespoilert.
In diesem Buch wird hauptsächlich ein Abend geschildert, ein Konzert, mit exakter Schilderung, was bei welchem Song wie passiert. Wie die Fans reagieren und die Mitarbeiter*innen des Veranstaltungsortes sowie die Vorband agieren und wie sich potentielle neue Lebenspartnerinnen in die Haare bekommen. Wie eine Gruppe von fünf Punks Ausverkauf brüllt und sich, um es dem überheblichen Star zu zeigen, dem Bürgermeister und der Polizei anschließen.
H.C. Roth
Donnerstag, 22. Januar 2026
Schön, wenn die Seele noch für Rock'n'Roll verkauft wird, Pt. VI VI VI
Marquis de Coco Nut - I Sold my Soul for Rock'N'Roll
Der Jahreswechsel - jaja, gefühlt schon wieder Monate, aber faktisch noch gar nicht so lange - hat zwei interessante Seiten, die beide mit den Begriffen Neu und Alt zu tun haben: Erstens beginnt ein neues Jahr, andererseits ist ein Jahresende und -neubeginn gar nichts neues, also Jahreswechsel an sich ein ziemlich ALTer Hut. Das kennt man hierzulande, schon seit... nunja, knapp 2026 Jahren??!
Ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich vom neuen Album von Marquis de Coco Nut hörte. Auch hier gibt es Altes, was irgendwie auch neu ist.
Marquis de Coco Nut a.k.a. Coco Neubauer an sich fällt schon in diese Kategorie, denn er war in den 80ern und frühen 90ern Gründungsmitglied der LOLITAS, dieser tollen Kreuzberger Garage-Pop/Punk-Band, deren Platten ich immer ins Herzerl geschlossen habe und aus deren Asche dann später STEREO TOTAL entstanden. Lässiger alter Kreuzberger Punk-Adel erhebt also wieder das umwölkte und vielleicht auch grau gewordene Haupt.
Neubauer war lange Zeit von der Bildfläche verschwunden, lebte in New Orleans, New York, Baltimore, und landete irgendwann auf Guadeloupe. Dabei, schaut man sich die überaus fette Discographie aus Bandcamp an, hat er eigentlich immer Musik und Kunst gemacht. Musikalisch oft mit Banjo und Gitarre bewaffnet, wurden immer einzelne Songs veröffentlicht, die charmant zwischen Rock'n'Roll, Cajun und ein bißchen Calypso launig hin und herwackeln. Dort finden sich dabei einige hübsche Perlen. Wer sich schon immer frug, wie der 70er-Jahre-Hardrock-Stomper "Black Betty" in der Swamp-Rock-Banjo-Interpretation klingt, sollte hier einmal nachschauen.
Nach vielen einzelnen Tracks, allesamt mit wundervollem Artwork vom Marquie selber versehen, nun gibt es nun ein komplettes Album von Coco N. - digital, wie man es derzeit so macht und auch auf CD. Auch bei "I sold my Soul for Rock'n'Roll" passt die Alt/Neu-Dichotomie:
Denn Coco N. hat hier eine Menge ALTer und teilweise sehr bekannter Rock'nRoll-Hits NEU eingespielt: "Summertime blues", "See you later Alligator", "Hey good looking" - das sind nur ein paar der hier vertretenen Hits. Und ja, das ist so old school, das wird sicher keine jungen Menschen ansprechen, für die die R'n'R-Frühphase zeitlich ähnlich nachvollziehbar ist wie der Bau der Pyramiden. Ich hörte übrigens dereinst, dass Nofretete zeitlich näher an den ersten Elvis-Presley-Platten lebte als am Bau der Gizeh-Pyramiden - es ist also mittlerweile alles Historie.
Zurück zur neuen Platte vom Marquis de Coco Nut: 15 Songs hat er eingespielt, und recht logisch hat er einige Gäste dafür angeheuert. Das Tolle daran: Dazu wurde teilweise das alte Kreuzberger Punknetzwerk reaktiviert. Da sitzt dann Jacques Palminger beizwei Songs am Schlagzeug und Yvonne Ducksworth (Yeah, JINGO DE LUNCH und TREEDEON!), ist Gastsängerin von "Jump Jack Jive" zu hören - das ist spannend, weil dieser Old school Rock'n'Roll nicht gerade das ist, was man von ihr erwarten würde - fetzt aber wider der Erwartungshaltung.
Soundmäßig und vom Arrangement bleibt der Marquis bei allen Songs den Vorlagen treu. Das Album klingt zwar nicht wie original aus den 50ern hergebeamt, das wäre doch etwas zuviel des guten Retrogeschmacks, aber wie eine schöne simple 80er-Jahre-Rockabilly-Version davon. Ganz sanft bekomme ich dann doch beim Hören LOLITAS-Assoziationen. Insgesamt also: Schönes Ding, das angenehm kribbelnd den Nostalgie-Nerv kitzelt.
Gary Flanell
Das Album "I Sold my Soul for Rock'N'Roll" von Marquis de Coco Nut gibt's digital hier auf seiner Bandcamp-Seite.
Donnerstag, 4. Dezember 2025
Schön, wenn die Front dubbt Pt.MIX
FRONT - ALBUM
Front...? Da war doch was... Zumindest Verwechslungsgefahr war da, denn es gab/gibt im Kontext von (Post-)Punk gleich zwei Bands, die so heißen. Zumindest in Deutschland, Discogs liefert darüber hinaus noch ganz andere Infos.
Aber schauen wir mal auf die beiden FRONT-Bands hierzulande: Die erste und ältere Band mit dem Namen FRONT kam aus Hamburg, Die zweite, die jüngere, aus Wiesbaden. Drt spielt der in Zinekreisen bekannte Falk Fatal etwas eckigen Punk, den ich immer in der Ecke von TREND verortet habe.
Die Hamburger FRONT waren Anfang der 1980er aktiv, haben aber gar nicht wirklich viele Veröffentlichungen gehabt. Gerade mal zwei 7inches gab es, beide auf Alfred Hilsbergs ZickZack Label herausgekommen.
Interessant ist der Kontext der Band. Denn hervorgegangen ist die Band aus den CORONERS (die sich bestimmt auch nie ausmalen konnten, dass sie mal ausgesprochen wie eine weltweite Seuche klingen würden), einer legendären Hamburger Ur-Punkband, deren legendärer Ur-Punk-Band-Status für die jüngeren Punksozialisierten sicher auf ihre beiden Beiträgen zum "Paranoia in der Straßenbahn"-Sampler basiert. Scheiß Penne und "You've got blind" wurden Anfang der 80er durch diesed Sampler nochmal zu Hits einer neuen Punk-Generation. Interessanterweise gab es von den CORONERS auch keine LP-Veröffentlichung. Da waren andere Bands aus dem Umfeld dieser Bands um einiges zielstrebiger, was Veröffentlichungen anging. Anja Huwe erzählte beispielsweise im Renfield-Interview, dass sie in den Anfangszeiten vom X-MAL DEUTSCHLAND in Hamburg mit den FRONT/CORONERS-Leuten rumhing.
FRONT war im Vergleich zu den CORONERS sperriger, aber auch grooviger, Post-Punk im wörtlichen Sinne, infiziert von neuartigeren Klängen, von denen viele damals begeistert waren. Rock wie in Punkrock war hier kaum vertreten, Punk war explodiert, für die Beteiligten wahrscheinlich ziemlich abgeraucht und nun floß Dub, Funk und Kraut mit in die Musik ein.
Es hätte bei den beiden FRONT-Singles "Alternativ City West" und "Georg" sowie ein paar Samplerbeiträgen bleiben können, die Welt hätte sich weitergedreht und FRONT wären im deutschsprachigen Post-Punk-Narrativ überhaupt nie mehr aufgetaucht. Dass es nicht so gekommen ist, ist sicher das Verdienst von Andreas Dorau. Der war und ist nicht nur großer Fan der Band, sondern auch gut bekannt mit den Mitgliedern, die in goldenen NDW-Zeiten in seiner Band spielten.
Da alle FRONT-Beteiligten bei Dorau und auch PALAIS SCHAUMBURG gut zu tun hatten, passierte das, was häufig mit guten Projekten passiert: Sie bleiben irgendwo auf der Strecke. Wahrscheinlich wurden Prioritäten gesetzt und FRONT hatte nicht so eine große. Prio. Das ist besonders schade, weil ein komplettes Album geplant war. Es gab sogar Aufnahmen, aber dann hat sich wohl alles irgendwie zerstreut...bis ins Jetzt.
Wieder ist es Andreas Dorau, der, aus Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass die Band in der deutschen Post-Punk/Indie-Erzählung so gar nicht auftaucht, mit den Bandmitgliedern die alten Bänder der Studioaufnahmen fürs Album aufbereitet. Mit Staatsakt ist dann auch schnell ein Label am Start, in dessen Rooster eine Band, die sich zwischen Punk, Dub, Funk und Kraut bewegt, nur auf große Gegenliebe stoßen konnte. Und so gibt es nun, nach 45 Jahren doch das erste Album der Hamburger Band FRONT und das klingt glücklicherweise sehr spannend und gar nicht altbacken. Aber eben auch nicht stumpf rockig, sondern sehr cool, eben wie eine gelungene Kombination der schon erwähnten Stilmittel. Gerade die Dub-Elemente (Hall hier, Echo da, also das Studio, das wie ein weiteres Instrument genutzt wird), die hier auf kantige, deutschsprachige Textstrukturen und Post-Punk-Coolness stoßen, machen das Album sehr spannend. Am besten gefallen mir FRONT immer dann, wenn sie tiefer in den Dub vorstoßen, das herrliche versponnene "Wasser (Dub)" ist ein kleines Meisterstück.
Deshalb Danke an Andreas Dorau für seinen Einsatz, diese Band wieder ans Tageslicht geholt zu haben. Und danke an Staatsakt für diese Veröffentlichung, mit der sicher einige Indie-Connaisseur*innen wirklich glücklich gemacht werden konnten. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn diese FRONT-Aufnahmen für alle Ewigkeiten in der Versenkung verschwunden wären.
Um die Sache zu komplettieren, wurden neben der LP nun auch die "Alternativ City West"-EP, die "Georg"-Single sowie die Beiträge von FRIONT zum Sampler "Lieber zuviel als zuwenig" als 10inch auf Staatsakt wiederveröffentlicht - was sicher diejenigen freut, die keine Mondpreise für ein paar alte, zerknitterte 7inches zahlen möchten.
Gary Flanell
(Bandfoto: Ilse Ruppert)
Donnerstag, 27. November 2025
Schön, wenn bunt und grau zusammen Pt.I
MAHLER / FONDERMANN - Neu, gebraucht, geliehen & verraucht
Mahler. Fondermann. Slime. Torpedo Moskau. Antikörper. Um die Dimension klarzumachen, wer hier eigentlich gemeinsam Musik macht, würde die Aufzählung der Bands, in denen die beiden involviert waren, eigentlich reichen.
Stellt sich die Frage nach der Erwartung: Klingt das gemeinsame Werk dieser beiden Hamburger Musiker komplett nach den anfangs genannten Bands? Natürlich nicht, dann wär's ja langweilig. Es kann auch gar nicht genau danach klingen (also nach klassischem HH-Deutschpunk samt inkludierter St.Pauli-Hafenstraße-Folklore), denn Stephan Mahler und Ritchy Fondermann sind ja während ihres musikalischen Schaffens noch in einigen anderen Projekten aktiv gewesen. Die teilweise nicht immer so bekannt geworden sind, aber darum geht's ja nicht. Dass diese Platte also recht vielfältig ausgefallen ist, wundert vor diesem Hintergrund nicht.
Ich muss zugeben, dass "Neu, gebraucht, geliehen & verraucht" mich beim ersten Hören nicht sofort gekriegt hat. Das kann daran liegen, dass ich nicht besonders konzentriert zugehört habe. Es ist aber auch nicht so, dass sie sofort ins Regal gewandert ist. Die Platte blieb erstmal auf dem Abspielgerät liegen und dann habe ich sie ein zweites Mal gehört. Und ein drittes Mal. Und ein viertes und ein fünftes Mal. Ihr seht, wohin das geht. Diese Platte ist ein sogenannter Grower. Eine Platte, die umso mächtiger und toller wird, je öfter man sie hört. Denn es sind viele Dinge zu entdecken, manchmal waren es auch spannende, weil unerwartete Assoziationen, die mich packten. Beim Opener "Schattenvogel" dachte ich nach den ersten 4 Takten: "Sex Pistols?", und nein, es wird dann kein typischer Rotzpunk, sondern ein wunderschönes dunkel-herbstliches Post-Punk-Stück. Video übrigens auch total toll, wurde wohl teilweise in Lappland gedreht. Sagt zumindest Ritchie.
Es gibt hier recht viele Dinge, die bei dieser Platte zusammenkommen. Manches klingt nach den WIPERS ("Trauertränen"), anderes nach TOCOTRONIC oder KETTCAR, sogar ELEMENT OF CRIME und natürlich die alte Hamburger Punkschule schimmern hier durch die nachdenkliche Atmosphäre des gesamten Albums durch. Reflexion und Melancholie zieht sich fast durch alle Songs. Gerade bei den ruhigeren, in denen Akustikgitarre und Klavier zum Tragen kommen, ist sie schon sehr wohltuend ("Neubeginn" beispielsweise).
Was bei dieser Platte noch wichtig ist: Die Jahreszeit. Ich finde, dass der Herbst als Zeitpunkt der Veröffentlichung total nachvollziehbar ist. Wenn das Ding im Sommer erschienen wäre, hätte es nicht die gleiche Wirkung gehabt.
Neulich waren Abel und ich in Hamburg im Studio von Ritchie Fondermann, um Dinge aufzunehmen. Da war auch schon Herbst. Als ich mich beim Hören dieser Platte später daran erinnerte, wie wir durch Ottensen gelaufen sind, fiel mir auf, dass hier alles passt: das MAHLER/FONDERMANN-Album, die Jahreszeit, die Stadt. Warum das so ist? Weil Mahler/Fondermann immer wieder Szenerien, die an Herbst und eher dunkle Tage erinnern (zB. in "Sturm" oder eben jenem Video zu "Schattenvogel"). Ich kann nciht genau sagen, warum, aber die B-Seite gefällt mir insgesamt ein bißchen besser. Vielleicht kommt hier die Tatsache, dass es diese Platte eben ein Grower ist, auf Mikroebene nochmal mehr zum tragen. Ich werde darüber nachdenken. Genug dunkle Tage, heißen Tee und gute Musik gibt es ja jetzt.
Beste Tracks (auch das rein subjektiv) einer insgesamt sehr tollen Platte:
EINE WOCHE (weil erst schön seltsames Noise-Gelöt, dass sich dann in einen wunderbaren Noise-Pop-Song verwandelt. Und weil Liebe.). SCHATTENVOGEL (weil spröder, aber sehr stimmungsvoller Opener). DIE KRONE (weil schöne Twang-Gitarre auf hübsch verträumte Lyrics trifft. Bekomme irgendwann seltsame U2-Gedanken. Trotzdem super). LICHT (weil top Text). ALLES HAT SINN (weil's ja stimmt. Und der Song top ist.).
Ganz vergessen: Das Cover, dieses wunderschöne bunte Cover, das dafür sorgen wird, dass du diese Platte in deinem Regal immer wiederfinden wirst und das angenehm alle befürchteten Punk-Cover-Artwork-Klischees souverän umschifft, ist übrigens von Daniel Richter. Genau, dem Künstler Daniel Richter. Kennst du nicht? Dann schau mal bei Wikipedia nach, du Baunase.
Gary Flanell
Neu, gebraucht, geliehen & verraucht von MAHLER / FONDERMANN ist erschienen auf Sterbt Alle Records.
Donnerstag, 20. November 2025
Schön wenn kurz Pt. IIIXXI
Hier mal einige Shorties von kleinen Platten, die in letzter Zeit (dehnbarer Begriff, ich weiß) oder in naher Zukunft erschienen sind oder erscheinen werden. Aber scheiß auf Tagesaktualität, das hier ist Zine und da ist sowas egal. Also los.
TAG OHNE SCHATTEN / TRUST ISSUES - Split 7inch
Manche Dinge gehen einfach gut zusammen - Rewe neben Aldi zum Beispiel. Wölfe und Bären bei der Jagd ebenso. Gleiches gilt auch für die beiden Bands auf dieser Split-7inch mit dem sehr schönen Comic-ein-bissl-wie-früher-bei-Frank-Koziks-Man's-Ruin-Cover, und dann noch rotes Vinyl, ein Traum. T/O/S bringen zweimal richtig guten deutschsprachigen Punk, schön abwechslungsreich, gut gespielt und eine angenehme Dosis an Melancholie mit Wut vermischt. Ein bissl muss ich an RAZZIA und ein bissl an PETROGRAD denken. Top!
TRUST ISSUES sind old rabbits im Punkbusiness, wie ich es Abends im Schaukelstuhl auf der Veranda meines brandenburgischen Anwesens zu nennen pflege, während ich mir nach hartem Tagwerk einen Zug aus der Meerschaumpfeife gönne und auf die gut bestellten Ländereien schaue. Ok, ich schweife ab...
JEDENFALLS: Ihre letzte LP habe ich schon sehr gefeiert und auch die beiden Songs auf ihrer Seite der 7inch sind kleine Wunderwerke. Wieder ist es SCREAM-artiger old school HC/Punk mit leicht neurotischen Noise-Rock-Tendenzen. Alles, was in den späten 80ern bis in die frühen 90er an HC-Punk geil war, dürft ihr jetzt als Referenz nehmen... naja, bis auf dieses ewig nach der gleichen Papp-Schablone klingende Melodic-Hardcore-Zeug. Wie gesagt, manche Dinge gehen gut zusammen, hier sowieso beide Bands, das Gesamtpaket ist sehr gelungen und auf dem Label mit dem tollen Namen STERBT ALLE Records erschienen.
Gary Flanell
DIE BENJAMINS „In 10 Jahren / Pas De Deux“ (Tomatenplatten)
Die Benjamins sind wieder da. Die All-Star-Band um die ehemalige Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin legt nach ihrem Debütalbum nun eine Single mit zwei nagelneuen Songs nach. Aufgenommen und produziert von Moses Schneider, live eingespielt und roh und unverputzt eingefangen. So kommt derCharme der Band gleich richtig zur Geltung. Ihr Post-Punk knarzt und kracht, direkt und unverbraucht. Und über allem natürlich Annettes unverwechselbare Stimme. In „Wer liebt dich in 10 Jahren“ besiegt sie die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft vor allem auch in der Szene und führt dem Hörer damit unverhohlen die eigene Endlichkeit vor Augen. Noch drastischer wird es bei „Pas de deux“, wo Gewalt und Dominanz in der Beziehung thematisiert werden. Da Die Benjamins ja eher als Projekt denn als Band zu sehen sind, machen sie sich leider auf Konzertbühnen eher rar, so dass dieses schöne Kleinod von einer Vinyl-Single ein prima Methadon-Präparat darstellt. Dazu schön verpackt, Platten-Junkie, was willst Du mehr?
Abel Gebhardt
CHOIR DIVISION „Open Hearts, Empty Spaces“ (Last Exit Music)
Das Format ist das gleiche, die Marschrichtung aber eine gänzlich andere. Bei der Debüt-EP „Open Hearts, Empty Spaces“ von Choir Division handelt es sich um vier Stücke klassischer Chormusik. Nur dass es sich dabe eben nicht um klassische Lieder handelt, sondern um Neuinterpretationen großer Hits von Joy Division und ihrer Nachfolgeband New Order handelt. Die düsteren, melancholischen Songs der Kultband aus Manchester eignen sich hierfür so hervorragend, dass man fast geneigt ist sich zu fragen, warum bislang noch nie jemand auf diese Idee kam. Mit „Transmission“, „Day Of The Lord“, „Isolation“ und „Bizarre Love Triangle“ gibt es auf dieser 7“ gleich vier Klassiker der New-Wave-Epoche in neuem Gewand zu hören. Das ist einerseits sehr spannend, zu hören, wie man sich diesen Kompositionen als reine Acapella-Versionen nähern kann, anderseits machen die Stücke einfach Spaß.
Abel Gebhardt
TAG OHNE SCHATTEN / TRUST ISSUES - Split 7inch
Manche Dinge gehen einfach gut zusammen - Rewe neben Aldi zum Beispiel. Wölfe und Bären bei der Jagd ebenso. Gleiches gilt auch für die beiden Bands auf dieser Split-7inch mit dem sehr schönen Comic-ein-bissl-wie-früher-bei-Frank-Koziks-Man's-Ruin-Cover, und dann noch rotes Vinyl, ein Traum. T/O/S bringen zweimal richtig guten deutschsprachigen Punk, schön abwechslungsreich, gut gespielt und eine angenehme Dosis an Melancholie mit Wut vermischt. Ein bissl muss ich an RAZZIA und ein bissl an PETROGRAD denken. Top!
TRUST ISSUES sind old rabbits im Punkbusiness, wie ich es Abends im Schaukelstuhl auf der Veranda meines brandenburgischen Anwesens zu nennen pflege, während ich mir nach hartem Tagwerk einen Zug aus der Meerschaumpfeife gönne und auf die gut bestellten Ländereien schaue. Ok, ich schweife ab...
JEDENFALLS: Ihre letzte LP habe ich schon sehr gefeiert und auch die beiden Songs auf ihrer Seite der 7inch sind kleine Wunderwerke. Wieder ist es SCREAM-artiger old school HC/Punk mit leicht neurotischen Noise-Rock-Tendenzen. Alles, was in den späten 80ern bis in die frühen 90er an HC-Punk geil war, dürft ihr jetzt als Referenz nehmen... naja, bis auf dieses ewig nach der gleichen Papp-Schablone klingende Melodic-Hardcore-Zeug. Wie gesagt, manche Dinge gehen gut zusammen, hier sowieso beide Bands, das Gesamtpaket ist sehr gelungen und auf dem Label mit dem tollen Namen STERBT ALLE Records erschienen.
Gary Flanell
DIE BENJAMINS „In 10 Jahren / Pas De Deux“ (Tomatenplatten)
Die Benjamins sind wieder da. Die All-Star-Band um die ehemalige Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin legt nach ihrem Debütalbum nun eine Single mit zwei nagelneuen Songs nach. Aufgenommen und produziert von Moses Schneider, live eingespielt und roh und unverputzt eingefangen. So kommt derCharme der Band gleich richtig zur Geltung. Ihr Post-Punk knarzt und kracht, direkt und unverbraucht. Und über allem natürlich Annettes unverwechselbare Stimme. In „Wer liebt dich in 10 Jahren“ besiegt sie die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft vor allem auch in der Szene und führt dem Hörer damit unverhohlen die eigene Endlichkeit vor Augen. Noch drastischer wird es bei „Pas de deux“, wo Gewalt und Dominanz in der Beziehung thematisiert werden. Da Die Benjamins ja eher als Projekt denn als Band zu sehen sind, machen sie sich leider auf Konzertbühnen eher rar, so dass dieses schöne Kleinod von einer Vinyl-Single ein prima Methadon-Präparat darstellt. Dazu schön verpackt, Platten-Junkie, was willst Du mehr?
Abel Gebhardt
CHOIR DIVISION „Open Hearts, Empty Spaces“ (Last Exit Music)
Das Format ist das gleiche, die Marschrichtung aber eine gänzlich andere. Bei der Debüt-EP „Open Hearts, Empty Spaces“ von Choir Division handelt es sich um vier Stücke klassischer Chormusik. Nur dass es sich dabe eben nicht um klassische Lieder handelt, sondern um Neuinterpretationen großer Hits von Joy Division und ihrer Nachfolgeband New Order handelt. Die düsteren, melancholischen Songs der Kultband aus Manchester eignen sich hierfür so hervorragend, dass man fast geneigt ist sich zu fragen, warum bislang noch nie jemand auf diese Idee kam. Mit „Transmission“, „Day Of The Lord“, „Isolation“ und „Bizarre Love Triangle“ gibt es auf dieser 7“ gleich vier Klassiker der New-Wave-Epoche in neuem Gewand zu hören. Das ist einerseits sehr spannend, zu hören, wie man sich diesen Kompositionen als reine Acapella-Versionen nähern kann, anderseits machen die Stücke einfach Spaß.
Abel Gebhardt
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Choir Division,
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Last Exit Music,
Review,
Sterbt Alle Records,
Tag Ohne Schatten,
Tomatenplatten,
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Donnerstag, 4. September 2025
Schön, wenn Schuhfabrik bleibt Pt. VIVI
JULIA BASSENGER - Schuhfabrik bleibt!
Die Schuhfabrik ist ein fiktiver Club, Treffpunk und Kulturzentrum in Wien, in dem sich allerlei bunte Gestalten aufeinandertreffen. Im Zentrum stehen dabei Marianne und ihr Freund Emil, die gleich zu Beginn in den Tod von Mariannes toxischem Bruder beim selbstinszenierten russischen Roulette verwickelt werden.
Ein rasanter Einstieg in den Debüt-Roman von Julia Bassenger, der den Leser gleich mitten ins Geschehen zieht. Man könnte hier auch von einem Episoden-Roman sprechen, denn die unterschiedlichen Protagonisten haben alle ihre eigenen Geschichten, deren Erzähl-Stränge in der Schuhfabrik zusammenlaufen. Doch diese einzelnen Erzählungen haben auch sehr unterschiedliche Tempi und Spannungsbögen, die das Lesen zu einer etwas unorthodoxen Ritt machen, der mich manchmal etwas ratlos zurücklässt.
Da explodiert gerade noch das Gehirn des Bruders und kurz darauf geht es auf den Kommunen-Spielplatz der anderen Protagonisten. Das sorgt für ein etwas arg unkonventionelles Hin-un-Her im Lesefluss. Ebenfalls die immer wieder eingestreute, aber nicht konsequent durchgezogene Wiener Mundart. Aber das mag ja auch nur für mich Piefke etwas anstrengend sein. Landsleute lesen sich da wahrscheinlich lockerer durch.
Insgesamt ist „Schuhfabrik bleibt!“ ein kurzweiliger Roman über alternative Lebensentwürfe und den Zusammenhalt einer homogenen Szene mit allen Aufs und Abs, dem manchmal ein wenig den sprachliche und literarische Feinschliff vermissen lässt, dafür aber mit Authentizität und lebensnahen Figuren überzeugen kann.
Abel Gebhard
Schuhfabrik bleibt! von Julia Bassenger (Roman, Hardcover, 300 Seiten, 22 Euro) ist bei Glitzer & Grind erschienen.
Donnerstag, 28. August 2025
Schön, wenn Egg bene dict Pt. OxO
DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN - EGG BENEDICT
Das 2025-Album der unterhaltsamsten Swinging-60ies-Indie-Soul-Pop-Retro-Vintage-Ska-all-das-und-mehr-Band des Landes. Schon der Titel klingt spitze. Ich habe keine Idee, was das sein soll, das könnte ich natürlich googlen, aber das wäre ja... schnöde.
Meine Überlegungen gehen in Richtung eines seltsamen Mixgetränks.
Ich hatte mal ein Buch mit Punschrezepten, darin gab es eine Anleitung für Kaiserpunsch, der mit rohem Ei zubreitet wurde. Puh. Ähnlich seltsam stelle ich mir Egg Benedict vor. Habe nun doch gegoogelt. Eigentlich Ei auf Brötchen mit was dazu. Sieht entgegen meiner Erwartungen recht appetitlich aus. Also, ich nehm's. Gibt's Maggi dazu?
Was ich auch gerne zu mir nehme, seit Monaten schon und über die Gehörgänge, ist das gleichnamige Album der LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN. Läuft hier schon seit geraumer Zeit sehr oft und sehr oft komplett durch, oft als Soundtrack zu ischiasbedingter Morgengymnastik. Ich kenne sie mittlerweile sehr gut, die Songs auf der Platte.
Perfekt für ein paar Dehnungsübungen im Stehen geht es flott los: Zunächst der knackige Opener und Sofort-Mitschwing-Befehl aus dem Liga-Hauptquartier "Es ist immer Sommer irgendwo", gefolgt vom großartigen Disco-Smasher "Song für die ALU" - einer der wenigen aktuellen Pro-Gewerkschafts-Songs. Denke gerade daran, dass es ja in den 70er- und 80ern sehr viele Songs über die Relevanz der Gewerkschaften gibt. Mit Solidarität und so. Sowas macht eigentlich keiner mehr, oder? Wo ist denn das alles hin? Wird in Gewerkschaften nicht mehr gesungen? Ich befürchte, falls ja, dann nur der alte Traditions-Schmonzes. Aber weiter...
"Picknick auf Schloß Mühlenhof" ist nicht ganz mein Favorit, beschreibt halt eine lustige Landparty mit Frühschoppencharakter. Das ist mir ein bißchen zu sehr Alt-Herren-Art, aber textlich durchaus gewitzt. Dem folgt "Es ist Frühling" - ein leicht sehnsüchtig-nachdenklicher Indie-Pop-Schieber. Schön, und mit gewisser Melancholie. Kann ich gut mitgehen. Mache dazu eine seltsame Dehnübung mit abgeknicktem Unterschenkel.
Zur anschließenden Streckung der Muskeln im Schneidersitz dann "Sonniges Süd Schwabing" - luftiges Instrumental mit ordentlich Pfiff und Filmsamples von Werner Enke, vermute ich mal. Für dieses "Zur Sache Schätzchen"-60ies-München hatte die Liga eh immer schon ein Faible.
Dann der Hit des Albums, nein eigentlich der Opener zu einer ganzen Strecke von Hits des Albums - "Wenn du ein Problem hast". Geht erstmal los mit einer guten Geschichte und bietet dann: die finale Lösung all deiner Probleme! Verrate sie hier natürlich nicht, hör's dir einfach an. So muss man's einfach machen. Schön, wenn Songs zu Alltagshelfern werden.
Weiter im Eier-Album. Nächster Song, nächster Hit ist "Ich geh lieber allein" - diese ganze "You'll never walk alone"-Fußball-wir-stehen-alle-Zusammen-Atmo wird hier amüsant auseinandergenommen. Perspektivwechsel im deutschen Indie-Pop kann so gut sein und wird hier zum Hohelied des individuellen Voranschreitens. Macht zuweilen Sinn. Davon ausgehend ist die Wahlmöglichkeit zu haben, alleine ODER mit der Gruppe zu gehen, dann vielleicht das höchste Privileg. Sage ich als angehender Spaziergangswissenschaftler.
Befinde mich auf der Zielgerade der morgendliche Übungen - zum Abschuß eine Plank, eine Minute schaffe ich sicher. Dazu brauche ich einen entspannten Soundtrack, also passt "Ist Gunther da?" als schunkeliger Slow-Ska-Grower genau richtig. Inhaltlich ein wunderbare Mini-Alltagsszene (Ich schließ das Fahrrad an und hab einen Song im Kopf), jamaikanisch beinflusst vertont. Soche Daily-life-Miniaturen konnte die LIGA schon immer gut. So auch hier. I like.
Jetzt abschließend ins Ruhebad: "Paare vorm Kino" ist einer von diese charmanten LIGA-Pop-Songs, die auf Alltagsbeobachtungen beruhen und daraus eine hübsche romantische Geschichte entspinnen. Das ist chanson-, fast schon schlager-artig schön. Ganz ohne leichte Grauwolke geht es aber auch hier nicht ab, denn nach dem Kino muss man fix nach Haus, weil es morgen um 5 wieder wieder zur Schicht geht. Somit auch hier wieder die Referenz zur Working class, die sich auch immer wieder in den Lyrics von DLGDGG findet, war ja auch schon bei SUPERPUNK so. Diese Anspielungen auf das unprivilegierte Leben der arbeitenden Schicht ist gut, weil sie dir eben nicht zu sehr ins Gesicht gespuckt werden. Leider etwas unrealistisch, denn wer morgens um fuckin' 5 Uhr auf Arbeit sein muss, wird am Abend vorher sicher nicht ins Kino gehen. Aber ansonsten sehr schön.
Vorletzter Song und damit fast der krönende Abschluß (auch weil hier Andreas Dorau als Gastsänger am Start ist) wäre dann "Hedy Lamarrs siebter Mann". Auch das ein Hit, der live ebenso gut ankommen wird, wie die drei vorherigen Songs der Platte. Hedy wer? Leider etwas vergessen, die Frau Lamarr, aber sicher bin ich nicht der einzige, der nach diesem Tribute mal ihren Wikipedia-Eintrag gelesen hat. Interessante Lebensgeschichte. Wäre davon ab auch ein guter Name für ein Beiserl: Café Lamarr, oh I like!
Von dort könnte man gleich für einen Absacker rüber ins "Chez Delmonico" gehen, zufällig auch der Titel des Instrumentals, mit dem "Egg Benedict" schließt. Auch wieder subtile Ska-Rhythmik, dazu angenehme CARDIGANS-artige Easy-Listening-Sounds. Genau richtig, um die Gymnastik zu beenden.
Gary Flanell
P.S.: Memo für mich selbst: Mit der LIGA ein Interview machen. Nur übers Wetter reden. Kommt in den Lyrics ja oft vor. Also warum?
"EGG BENEDICT" von DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN ist 2025 auf Tapete Records erschienen.
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