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Donnerstag, 23. April 2026
*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. III: SB-Kassen
Die Flüche und Segen der modernen Welt sind vielfältig. Das lässt sich nur aus der Perspektive des grau werdenden Blogbetreibers sagen. Früher war von moderner Welt keien Rede, weil es keine Distanz zwischen Altem, Neuen und Noch-zu Werdenden gab. Mensch war immer mitten drin und was neu war, das war immer geil. Nun ist es anders. Es gibt einen kritisch-distanzierten Blick auf die Neuerungen, mit denen du es zu tun bekommst, ohne dass du nach deren Einführung gefragt wurdest.
Gut zu sehen ist dies beim Verkaufsabschluß im Supermarkt. Kann mensch heute alles ohne jeglichen Angestelltenkontakt machen.Ist das gut? Ist das schlecht? Und was genau wie und so? Nun, es gibt zwei Menschen, die dazu eine dezidierte Meinung vertreten.
Deshalb Blog frei für die nächste D*F*R vs. D*G*G-Runde auf dem Renfield-Blog zum Für und Wider von SB-Kassen im Supermarkt: Im Ring: Fabio La Delia und Dirk Bernemann. Die schöne Zeichnung stammt von Bernard Fruithagel.
*D*F*R*: Pro SB-Kassen von Fabio La Delia
Nahezu revolutionär erschien die flächendeckende Einführung der Selbstbedienungskasse – kurz SB-Kasse – in deutschen Supermärkten vor einigen Jahren. Schluss mit den langen Schlangen. Schluss mit dem endlosen Warten auf die Rentnerin, die ihr Geld aus dem Geldbeutel kramt, als sei man Teil einer archäologischen Ausgrabung, bei der jeder Cent als ein seltenes Fundstück sorgfältig begutachtet werden muss, so als gäbe es palettenweise Zeit im Sonderangebot. Schluss mit dem Kassenschlager: "Susanneee, kommst du ma' an die 4, wir haben wieder 'ne Retoure".
Der Vorgang an der SB-Kasse ist denkbar einfach: an die Kasse stellen, Produkt über den Scanner ziehen, ein Piepen, EC-Karte hinhalten, fertig! Kein Streit mehr um den letzten Warentrenner auf dem Kassenband. Niemand mehr, der einem an der Kassenschlange schlechten Atem in den Nacken haucht. Kein Smalltalk mit den anderen Anstehenden. Gerade für sozial scheue Menschen ist die SB-Kasse eine komfortable Erleichterung beim Einkauf.
Doch das allerbeste: Die Macht über die Kasse und damit auch über die Waren wird der Kundschaft überlassen. Der alte Spruch "Der Kunde ist König" wird hier endlich zu Ende gedacht. Der Kunde wird zum Mitarbeiter des Supermarktes. Das, wofür zuvor bezahltes Personal gebraucht wurde, wird nun der Kundschaft überlassen. Das ist eine Menge Verantwortung.
Und Verantwortung gehört belohnt. Wer also an der SB-Kasse einen kleinen inneren Lohnausgleich verspürt, der ist keineswegs kriminell, sondern lediglich konsequent. Wer Kassiererinnen die Arbeit wegnimmt und diese auf seine Kundschaft auslagert, muss damit rechnen, dass sich diese ihren Stundenlohn auch eigenhändig auszahlt. Darum heißt es doch SELBST-Bedienung: selbst scannen, selbst wiegen, selbst einpacken, selbst Lohn auszahlen in Form eines uneingescannten Snickers oder einer Bioware, die auf dem Kassenbildschirm plötzlich eine wundersame Preisanpassung erfährt. Piep.
Genau hier beginnt die allgemeine Empörung, die ich nicht verstehen kann. Betrogen werden nicht einmal Menschen, sondern namenlose Maschinen von namhaften Großkonzernen. Früher, da hatte man bei Obst und Gemüse beschissen und den Plastikbeutel beim Abwiegen mit dem kleinen Finger leicht angehoben. Heute gibt’s ja kaum mehr Plastikbeutel aus Umweltschutzgründen. Für die gewiefte Kundschaft hat sich alsbald eine neue Gelegenheit für die aktive Umverteilung des Kapitals aufgetan... Jetzt könnte man mir billige Kapitalismuskritik vorwerfen. Fair enough. Aber so einfach ist es eben doch nicht.
Es geht nicht ausschließlich um den eigenen finanziellen Vorteil, sondern auch um einen kleinen Ausbruch aus dem sonst so durchgetakteten Alltag. Ein kleiner Nervenkitzel nach dem Feierabend zwischen Einkaufszettel und Sonderangeboten. Ein kleines Abenteuer, von dem wir niemandem erzählen werden.
Man muss schon zugeben: Supermarktkonzerne, die nach all dem immer noch auf unsere Ehrlichkeit hoffen, sind schlichtweg naiv. Wer Personal einspart und gleichzeitig auf den Anstand der Kundschaft setzt, darf sich über kleine Grenzüberschreitungen nicht wundern. Neben Bananen und Kiwis werden nun mal auch Ehrlichkeit und Anstand in kleinen Portionen an der Kasse vorbeigeschmuggelt. Der eigentliche Widerspruch zeigt sich ohnehin ganz woanders. Auf der einen Seite wird der Kundschaft Vertrauen geschenkt und auf der anderen Seite wird dieses Vertrauen sofort wieder einkassiert.
Überall hängen Kameras, Sicherheitsvorkehrungen gegen Diebstahl werden hochgefahren und am Ausgang wartet schon der nächste Kontrollblick. Den Supermarkt verlassen darf nur, wer einen gültigen Kassenbon vorzeigen kann, dazu kommen Mitarbeitende, die den Selbstbedienungskassenbereich überwachen und Security-Mitarbeiter, die Eingänge bewachen, als würde man keinen Supermarkt, sondern den Louvre betreten. Inzwischen nimmt die Überwachung der Selbstbedienungskasse bizarre Züge an. Mindestens ein Supermarktmitarbeiter und zwei Security-Leute, welche die SB-Kassen überwachen und zusätzlich ein Ladendetektiv, der durch die Gänge schlendert. Mehr Überwachung, mehr Sicherheitspersonal, mehr Ausgaben. Was hat der Supermarkt am Ende wirklich gespart? Man traut der hart arbeitenden Bevölkerung an deutschen Selbstbedienungskassen einfach nicht mehr.
Inzwischen ist ziemlich klar, dass der große Siegeszug der Selbstbedienungskasse an deutschen Supermärkten ausgeblieben ist. Dieses Modell ist an der Realität gescheitert. In einzelnen Filialen werden SB-Kassen heimlich zurückgebaut. Na schönen Dank, muss ich jetzt eine Plastikbeutel-Petition starten, um wieder im Supermarkt bescheißen zu können?
Das haben wir nun also davon. Die ehrlichste Erfindung des Kapitalismus… eine Kasse, die ihre Kundschaft arbeiten lässt, ihr misstraut und am Ende ganz überrascht darüber ist, wenn die Sache mit der Selbstbedienung ein wenig zu wörtlich genommen wird. Wo Gelegenheiten entstehen, werden sie auch genutzt. Es heißt nicht umsonst "Gelegenheit macht aus Delikatessen Dosengemüse". Der Handel wollte Effizienz. Bekommen hat er ein Katz-und-Maus-Spiel mit Scanner, Schranke und mehr Security. Was am Ende wirklich gespart wurde, weiß vermutlich nicht einmal Susanne von Kasse 4.
Ach, und bitte unterschreiben Sie hier für meine Plastikbeutel-Petition.
Danke!
*D*G*G*: Betrug an der Selbstbedienungskasse von Dirk Bernemann
Die Selbstbedienungskasse ist ein faszinierendes Symbol unserer Zeit. Sie steht da, geschniegelt in Glas und Plastik, fast wie ein übermotivierter Praktikant, der alles kann, außer zu kontrollieren, ob du gerade die Bio-Avocado als Zwiebel deklarierst. Oder statt 2 kleinen Wasserflaschen nur eine abrechnest. Und genau hier beginnt das leise moralische Abenteuer des modernen Menschen.
Denn seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon einmal diesen kurzen, flackernden Gedanken gehabt? Diesen winzigen Moment zwischen „Ich bin ein aufrechter, gottesfürchtiger, gesetzestreuer Bürger“ und „Ach komm, eine Brezel ist ja fast ein Brötchen“. Es ist dieser Moment, in dem der innere Engel noch seine Flügel sortiert, während der innere Teufel bereits die Produktnummer für „Gurke, einzeln“ bestätigt. Und das, obwohl eindeutig eine Mango vor dir liegt, die nur ein wenig teurer ist. Aber grün ist grün, könntest du denken und gibst dir selbst grünes Licht für diesen unsachlichen Betrug an den ehrlichen Menschen, die diese ehrlich Lidl-Filiale verteidigen und erhalten. Du dumme Sau.
Ich weiß, die Versuchung ist subtil. Niemand schaut dir über die Schulter, keine Kassiererin hebt skeptisch ihre gezupften Augenbrauen, kein genervtes Räuspern aus der Warteschlange hinter dir. Nur du, der Scanner und dieser beruhigende Auftrag, der „Bitte legen Sie den Artikel in die Ablage“ sagt, als würde sie dir auch jede moralische Last abnehmen. Ein Freifahrtschein für kleine Schummeleien? Besser nicht. Wir sollten dem Satan des möglichen Betrugs nicht das Feld überlassen, wo wir es verhindern könnten.
Denn so unscheinbar dieser Moment wirkt, so groß ist seine Bedeutung. An der Selbstscannerkasse entscheidet sich, ob wir diese upgefuckte Art von Gesellschaft sind, die auch dann ehrlich bleibt, wenn niemand hinschaut. Oder ob wir uns kollektiv darauf einigen, dass eine Paprika schon irgendwie als Kartoffel durchgeht, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Natürlich kann man leichtfertig argumentieren: „Das ist doch nur ein großer Konzern, die merken das gar nicht.“ Das mag stimmen, ungefähr so, wie es stimmt, dass ein einzelner Tropfen Wasser im Ozean nicht auffällt. Aber wenn alle anfangen zu tropfen, trocknen wir so den Ozean der Ehrlichkeit aus. Und das hat auch für uns und andere Konsequenzen: Preise steigen, Kontrollen werden strenger, und plötzlich steht da doch wieder jemand neben dir, nur diesmal nicht mehr freundlich lächelnd, sondern mit einem Tablet und einem Blick, der sagt: „Wir wissen beide, dass das keine Zwiebel ist.“ Und du so mit halbem Herzen und voller Unterzeugung: „Ich habe mich vertan, woher soll ich wissen, dass das 7 Fertigpizzen sind?“ Am Ende müssen dich deine weinenden Erben im Gefängnis besuchen und fragen dich: „Papa, war es das wert?“ Und du denkst an gestern, als das mit der Seife passiert ist und in deinem Gesicht spielen sich Dramen ab und du sagst so ruhig es geht: „Es sind nur noch 7 Jahre, 3 Monate und 9 Tage, Uli.“ Warum dein Sohn in diesem Beispiel Uli heißt, soll dich gleichermaßen nachdenklich machen, sensibilisieren und eine Warnung sein.
Ironischerweise ist das System der Selbstbedienungskassen ja auf Vertrauen aufgebaut. Der Supermarkt glaubt so fest an das Gute im Menschen wie die Katholische Kirche. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, wie viele Leute gleichzeitig versuchen, kernlose rote Trauben, die nicht im Angebot sind, als Karotten zu deklarieren. Und doch funktioniert es erstaunlich oft. Die meisten scannen brav, zahlen ehrlich und gehen mit einem Gefühl hinaus, das irgendwo zwischen „Ich habe eingekauft“ und „Ich habe heute die Zivilisation gerettet“ liegen könnte.
Es geht nicht um die paar Cent. Es geht um die Entscheidung, sich selbst ernst zu nehmen. Wer an der Selbstbedienungskasse ehrlich bleibt, obwohl es so einfach wäre, es nicht zu sein, beweist eine Form von Integrität, die im Alltag selten so klar sichtbar wird. Es ist ein stiller Sieg, unspektakulär, aber bemerkenswert. Betrügen ist auch einfach anstrengend. Man muss sich merken, was man falsch eingegeben hat, hoffen, dass keine Stichprobe kommt, und dabei möglichst unschuldig schauen. Ein logistischer Aufwand, der in keinem Verhältnis zu dem Gewinn steht, der sich oft im Bereich eines Kaugummis bewegt. Ehrlichkeit hingegen ist herrlich unkompliziert: scannen, zahlen, gehen. Glücklich sein. Und schaut beim Verlassen der Supermarktfiliale bitte auch in die oft jammervollen Augen des Securitybediensteten. Er ist am Ende der Endabrechnung oft der Leidtragende. Er hat hungernde Kinder daheim, denen du mit deiner beschissenen Centfuchserei das Essen aus den bereits geöffneten Klageschnäbeln ziehst.
Am Ende ist die Selbstbedienungskasse vielleicht weniger ein technisches Gerät als vielmehr ein kleiner Charaktertest. Kein großer, kein weltbewegender – aber einer, der uns zeigt, wer wir sind, wenn uns niemand beobachtet. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir ihn ernst nehmen sollten.
Also, beim nächsten Einkauf: Eine Mango ist eine Mango ist eine Mango. Die Brezel muss sich nicht als Brötchen verkleiden, und die Trauben haben es verdient, als solche erkannt zu werden. Nicht, weil der Supermarkt es verlangt. Sondern weil wir es uns selbst schuldig sind, auch in den kleinen Dingen stabil zu bleiben. Und ganz ehrlich: Es fühlt sich auch einfach besser an, durch seine eigene Finanzkraft wieder einen Tag überstanden zu haben.
Donnerstag, 9. April 2026
CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende
Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?
Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.
Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.
Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.
Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.
Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.
Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.
Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)
Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.
Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.
Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?
Gary Flanell
CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.
Donnerstag, 2. April 2026
D*F*R vs. D*G*G Pt. II
WORTSPIELE IN PLATTENTITELN
Wir einnern uns: Vor einiger Zeit wurde die neue, unglaublich kreative Kolumne D*F*R vs. D*G*G hier auf dem Blog vorgestellt.
Es ist das gute alte Pro&Contra-Spielchen. In der ersten Episode haben sich Dirk Bernemann und HC Roth dem an Relevanz nicht zu überbioetenden Thema "Skifliegen im Dunkeln" gewidmet.
Nun steht der nächste Disput an und dazu hat ING FERNO ein Fanal für die Vorteile von Wortspielen in Plattentiteln gewidmet. Was dagegen spricht? Erfahrt ihr bald an dieser Stelle.
Es gibt übrigens eine tolle Liste von Themen, die darauf warten, durch den Diskurs-Wolf gereht zu werden. Die finden sich HIER.
Nun aber alle Aufmerksamkeit für ING FERNO zum Thema...
„Wortwitze in Plattentiteln“
Bei der Frage „genial-kreative Wortspiele oder langweilige 08/15-Floskeln als Albumname“ stehe ich unverrückbar auf der Seite der ersteren.
Werfen wir einen Blick auf die unsäglichen wortwitzlosen Plattentitel, die uns Punk-, Pop- und Rock-Artists zu unserem Leidwesen kredenzt haben und wir werden schnell der schwersten Sünden gewahr, die man Musikinteressierten antun kann.
Sünde 1: Zahlen als Plattentitel.
Wie einfallslos muss man sein, seinem neuesten Werk eine Zahl als Namen zu geben? Der kreative Prozess beschränkt sich dabei zumeist auf die Darstellung der Zahl, dabei kann man zwischen römischen (sehr beliebt) und arabischen Zahlen, einer Strichliste oder dem ausgeschriebenen Zahlwort wählen. Wow! Zumeist gibt die Zahl an, um das wievielte Album der Band es sich handelt, was die Hörer sicher fesselt. „Oha, ich werde jetzt Songs aus dem 3. Album der Künstler anhören, bei dem kreativen Titel werden die Lieder mit Sicherheit auch nur vor Ideen strotzen“, ist eine sehr unwahrscheinliche Äußerung, trotzdem haben u.a. Billy Talent, Dritte Wahl, Adele und Ben Racken sich für eine solche Benamsung entschieden.
Sünde 2: Farben als Plattentitel.
Die Beatles haben es getan, Weezer hat es getan, Hammerhead haben es getan, viele andere auch. White Album, Blue Album, Green Album, Black, Red, Yellow, Purple Album… Nicht besonders begeisternd, wenn ihr mich fragt. Die einzigen Ausnahmen, die ich tolerieren kann, sind entweder hässliche Spartenfarben wie z.B. ein Ocker Album - das würde ich mir unvoreingenommen anhören - und wenn der Albumtitel konterkariert wird, wie es bei Das Rote Album von Ernte77 der Fall ist, das komplett in grün erstrahlt.
Sünde 3: s/t.
Schreibt doch gleich „Uns ist kein Titel eingefallen“. Außer einem Gähnen wird bei solch einem Albumtitel bei mir nichts stimuliert. „Wir sind Platzhalter und spielen den Song Platzhalter vom Album Platzhalter. Super, dass ihr auf der Platzhalter-Tour dabei seid.“ Geht’s noch uninspirierter? Sowieso ist es kritisch zu betrachten, wenn ein Liedtitel auch als Albumname dient. Die Erwartungen an den Song werden immens, mitunter unerfüllbar, was die gefühlte Qualität des Langspielers mindert. Man stelle sich vor, das titelgebende Lied Leben verboten von Toxoplasma wäre kein Superhit, ein Schatten läge über dem gesamten Tonträger.
Wie es besser geht, zeigen uns einige wohlklingende Musterbeispiele, allen voran das Album Eigenuran der Kölner Formation CHEFDENKER.
Ein Wortspiel, das mich nach Jahren noch erfreut und ein Schmunzeln auf mein Gesicht zaubert. Ein so getauftes Album kann nur gut sein und tatsächlich ist es ihr bestes Werk, da kann es wirklich keine zwei Meinungen geben. Noch besser wäre es nur, wenn zusätzlich das Cover ästhetisch ansprechend gestaltet wäre, wie es beim Release Rhabarbershop von Ing Ferno (also mir selber) in Perfektion gelungen ist.
Selbst, wenn man das Wortspiel unlustig oder blöd findet oder es einfach nicht versteht, kalt lässt es einen nicht, es weckt Emotionen, man lacht darüber, man bekommt Aggressionen, man fremdschämt sich oder verliebt sich in den Urheber. Alles Gefühle, die eine Zahl, eine Farbe oder ein Lied- als Albumtitel niemals erzeugen wird.
Ein weiteres, glänzendes Exempel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Platte Die Kernseife der Medaille der Hamburger Combo DAS PACK.
Der Rezipient merkt sofort, dass da ein kreativer Geist am Werk war, der Konventionen bricht, mit Erwartungen spielt und mit Sprache umgehen kann. Es ist davon auszugehen, dass auch musikalisch keine Langeweile aufkommen wird. Ein Extralob gibt es von mir, wenn der Titel nicht nur eine nette, aber oberflächliche Wortspielerei ist, sondern Interpretationsspielräume öffnet und Ambiguitäten erzeugt, wie es dem ohnehin als Wortakrobat bekannten Alligatoah mit dem Albumtitel Triebwerke in Vollendung gelingt.
Wie meine Ausführungen belegen, ist ein Wortspiel als Plattentitel jedem anderen Plattentitel vorzuziehen. Gerade in der heutigen, deprimierenden Zeit setzen sie ein Zeichen für Optimismus und gegen die Trostlosigkeit sowie Langeweile der Gegenwart.
Ing Ferno
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