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Montag, 27. Januar 2020

Au revoir, Aeronaut.

Bam, die erste.

2020, oder wie manche sagen, das neue Jahrzehnt (was nicht stimmt, denn das fängt ja erst mit 2021 an), schlägt mir zum ersten Mal nach drei Wochen unerwartet mit der Faust in die Magengrube.

Der 19.Januar 2020 ist ein Sonntag. Es ist der Tag, an dem GUZ oder Olifr Guz oder Oliver Maurmann, Sänger der AERONAUTEN aus der Schweiz, stirbt. Alles ist voll mit Beileidsbekundungen und Nachrufen - Webseiten von Tageszeitungen, Webseiten von Musikmagazinen und soziale Medien sowieso. Gut so. Denn GUZ hat es verdient.
Ich mache mit beim öffentlichen Trauern und Greinen. Like jedes Video auf Facebook, das von den Aeronauten, jeden traurigen Kommentar, den ich sehe und jeden Clip von Liveaufnahmen der Band und Songs seines solistischen Schaffens, das gepostet wird.

Ich bin ziemlich erschrocken, denn GUZ war ein nicht zu unterschätzender Faktor deutschsprachiger Popkultur. Ein Typ, der auch mit Ü40 immer noch gut für Überraschungen war. Die Nachricht von seinem Tod hat mich ziemlich umgehauen. Sind das Nebenwirkungen eines frisch erwachten Fan-Tums der letzten Jahre? Guz war einer von den ganz ganz Guten, definitiv. Davon gibt es sicher einige, aber der Tod von GUZ hat mich doch mehr als schockiert, als ich es erwartet hätte.

Warum?

Möglicherweise, weil Olifr Maurmann noch nicht besonders alt war. 52 Jahre, das ist in Westeuropa kein Alter, sagt man so. Dass dahinter massive gesundheitliche Probleme standen, wie es im Netz zu lesen ist, war nicht so sehr bekannt. Muss ja auch nicht. Mit seinen Malaisen öffentlich hausieren gehen, ist nicht cool. Und GUZ war cool. Cool sein ist eine harte Währung im Popmusikland. Der Devisenkurs zu Franken, Dollar oder Euro ist so hoch, dass er eigentlich unbezahlbar ist. Weswegen die besten Künstler oft recht prekär leben. GUZ konnte ein Lied davon singen. Hat er auch gemacht. Für "Anpumpen" wurde dreist bei "Hey Jude" geklaut und mit einem Text versehen, der dir mit sanftem Druck den Finger unters Kinn legt, um das Haupt nach oben zu drücken, wenn's kohlemäßig mal wieder eng ist.



Guz. 52 Jahre. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das ist nicht so weit weg von meinem Alter. Rückblickend betrachtet kann GUZ für mich als Projektion für einen nicht existierenden großen Bruder herhalten. Vielleicht löst so eine auf Fan-sein beruhende Projektion auch einiges an Schrecken aus.

Schwer ist es auch der Schrecken, wenn einer geht, der regelmäßig neues Musikmaterial geliefert hat; an dessen regelmäßigen Output in Form von unterschiedlichsten Projekten (Aeronauten, GUZ, Die Zorros, all this and more...) man sich irgendwie gewöhnt hatte. Es war eine schöne Gewohnheit, immer wieder was neues von GUZ mitzubekommen. Eine Gewohnheit, die jetzt fehlen wird.



Was auch immer gut ging bei GUZ und den Aeronauten: Die ironische Beschreibung der zunehmenden Versteinerung der Punk-Szene aus der Sicht eines All-Time-Slackers, vgl. "Ottos kleine Hardcoreband" (auch hier wunderbar schamloses Kopieren, diesmal Iggy Pop) oder "Freundin". Mit diesen sehr treffenden Beschreibungen ("Sie hören Musik aus dem Baskenland...") einer immer in Stereotypen verschwindenden Szene hat er mich sofort gekriegt. Oder mir den Spiegel vorgehalten. Vielleicht ist "Freundin" sogar der beste Emo-Song, der je auf deutsch geschrieben wurde....




Vor Jahren flog eine Promo-CD von "Der beste Freund des Menschen", der letzten Solo-Platte von GUZ, ins Renfield-HQ. Aus Zeitmangel habe ich damals kaum da reingehört, ich glaube, auch rezensiert wurde sie nicht im Heft.
Erst in den letzten Monaten 2019, fiel mir das Ding im Zuge einer internen Neustrukturierung meines CD-Bestandes wieder in die Hände. Und verdammt, da hatte mich GUZ doch noch gekriegt.

Im Herbst 2019 läuft das Ding in einem Lichtenberger Plattenbau fast rund um die Uhr. Immer und immer wieder und am Stück. Ich merke, dass ich wirklich über Jahre eine Perle übersehen habe. Eine Perle? Eine ganze Platte voll! Auch wenn es sieben Jahre her ist, seit "DBFdM" erschienen ist, sind die Songs wirklich gut. Immer noch.

Großartige Songs sind da drauf, mit den GUZ-typischen kleinen Alltagsbeobachtungen: "Hassloch", "Neid", "Sommer 1984".
Oder vielleicht am bekanntesten: "Lass uns Drogen nehmen und rumfahren" - jener Song, der durch das hübsche Video von "Die Zukunft", dem Projekt von Bernadette La Hengst, GUZ und Knarf Rellöm, nochmal intensive mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, und als Referenz auf "Let's take some drugs and drive around" von The Silohs bzw. Michael Hall gelesen werden kann.

All diese guten Texte zwischen Melancholie und Beat-Punk-Widerborst, der gut reflektiert über die Zeit gerettet wurde. Das machte mir Lust auf mehr. Ich klickte mich in diesen Wochen durch diverse Youtube-Videos des GUZ'schen Schaffen. Nahm mir fest vor: Wenn GUZ das nächste Mal in Berlin spielt, schau ich mir das auf alle Fälle an.

Tja.



Dass ich erst vor wenigen Monaten meine ganz eigene GUZ-Phase hatte, ist sicher ein Grund mehr für das Ausmaß, in dem mich die Meldung von seinem Tod umgehauen hat. Ganz allein bin ich damit sicher nicht. Die ganze deutschsprachige Pop-Blase, die in den 90ern sozialisiert wurde, trauert mit. Selbst die sarkastischsten Pop-Zulieferer, wie z.B. Linus Volkmann, werden in ihren Post-Mortem-Posts auf einmal recht lieb und leise.

Manchmal denke ich, dass ich mich so langsam mal dran gewöhnen sollte. An die Tatsache, dass Menschen sterben. Nicht nur geschätzte Musiker, die ich gar nicht persönlich kenne. Könnte man mit Mitte 40 ja mal geschafft haben. Gelegenheiten, sich daran gewöhnen zu können, gab es leider bisher schon mehr, als es mir lieb war. Nicht nur Omas und Opas oder Eltern. Auch Freunde, Gleichaltrige, Bruder-Menschen. Ich dachte lange, dass es normal wäre, wenn einige Freunde von dir sterben, ehe du Mitte 30 bist. Dass da jeder in meiner Alterskohorte so seine Erfahrungen hat. Aber das ist es wohl nicht. Und ja, mir ist auch klar, dass in anderen Teilen der Welt viele Menschen jeden Tag noch viel größere Teile ihrer Familie oder ihres Freundeskreises verlieren. Und nicht die Möglichkeiten haben, darüber in einem Blog zu reflektieren.

Sich daran gewöhnen... Well, richtig leicht wird es ehrlich gesagt nicht. Nicht mehr komplett in Panik zu verfallen... geht einigermaßen, einen ganz eigenen Umgang damit finden auch... irgendwie. Aber ein Schatten, die jeder Verlust mit sich bringt, bleibt. Und jedes Mal ist es ein Schatten mehr, der sich auf das Denken und die Sicht auf die Welt legt. Diese Schatten zu akzeptieren und das dazugehörige Licht umso mehr wert zu schätzen, bleibt vielleicht der einzige brauchbare Weg.

Tschüss Guz.




Zum Nachruf auf der Aeronauten-Homepage geht es hier.



Gary Flanell

Mittwoch, 8. Januar 2020

Dr. Loo or: How I watched a strange movie and didn't really get anything it at all.

Es ist ein normaler Abend in Januar und Gary Flanell zeigt mir eine Neuerwerbung in seiner Plattensammlung. Auf dem Cover ist ein etwas verschwommenes Gesicht zu sehen, wahrscheinlich der Künstler, der diese Platte aufgenommen hat, sowie zwei Zeilen japanische Schriftzeichen, die wir leider nicht lesen können. Als wir die Platte auflegen, ertönt sympathische, sanfte Folk Music. Irgendwo meine ich die Wörter Rakete (misairu) und Wind (Kaze) zu erkennen, soweit recht passend für ein fluffiges Singer/Songwriter-Album der 1970er, aber ansonsten geht die Bedeutung der Texte aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse völlig unter. Auch der Name des Musikers, der Titel des Albums und die Bedeutung seiner Texte gehen somit erst mal an uns vorbei. Aber wir leben ja zum Glück in modernen Zeiten. In Zeiten, in denen viele von uns über eine Art mechanisches und vielfältig hilfreiches Anhängsel verfügen.

Dank eines Phänomens, das eigentlich nur als eine Art Cyber-Magie beschrieben werden kann, braucht man lediglich die Kamera des Smartphones mit Übersetzungs-App über ein beliebige Textzeile schweben zu lassen und das Gerät spuckt mit ein bisschen Glück eine passende Übersetzung aus. In unserem Fall löst der Bildschirm meines Handys das Geheimnis um den gut frisierten Urheber der japansichen 70ies-Folkplatte: Shigeru Izumiya heißt der Typ mit dem vollen Haar, das Album übersetzt recht unspektakulär: „Spring, Summer, Fall, Winter“.



Als wir im Netz nach weiteren Spuren auf das Schaffen des Shigeru I. suchen, finden wir heraus, dass der auf dem Plattencover so sanft anmutende, 1948 geborene Izumiya mittlerweile deutlich härtere Gesichtszüge und weniger Haare hat. Zudem stellt sich heraus, dass der Sänger auch ein noch immer aktiver Schauspieler ist und in den 1980ern die Regie zu einem Film geführt hat: Death Powder. Beziehungsweise デスパウダ, oder Desu Paudā.

Death Powder/Desu Pauda (Memo an Herrn Flanell: Death Powder - großartiger Name für eine urst und böse brutale Japcore-Band) gilt Wikipedia zufolge als einer der ersten Vertreter des japanischen Cyberpunk-Genre. Ohne zu lange darüber nachzudenken entdecken wir, dass der Film in voller Länge auf Youtube hochgeladen wurde. Vielleicht von einem Fan? Wir wissen es nicht. „Low quality copy for posterity“ steht im Klammern hinter dem Titel. In schlechter Qualität für die Nachwelt. Wir sind gespannt.

Death Powder ist eine chaotische Erfahrung, die durch oftmals fehlende Untertitel noch chaotischer und verwirrender rüber kommt. Dabei ist es wohl schon ein großes Glück, dass stellenweise überhaupt englische Untertitel eingeblendet werden, freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch Video Search of Miami. Offiziellere Institutionen gibt es wohl kaum.

Drei Wissenschaftler*innen, Kiyoshi (Takichi Inukai), Norris (Rikako Murakami)& Harima (gespielt von Izumiya selbst), haben in einer mysteriösen Lagerhalle eine Art Androiden namens Guernica geschaffen. Das weiblich anmutende Geschöpf liegt festgebunden an ein Gitterbett und trägt einen BDSM-ähnliche Maske und Mundschutz. Nach einer Verfolgungsjagd, in welcher Kiyoshi und Norris von mysteriösen maskierten Männer fliehen, mit den sie allerdings auch fast schon freundschaftlich schwätzen, machen sich die beiden auf dem Weg zu ihr Kollegen Harima, welcher die Lagerhalle überwacht.



Als Norris – ausgestattet mit einem sehr schicken und für die 80er reichlich modern daherkommenden Headset - versucht, Funkkontakt zum Lagerhaus aufzunehmen, hört sie nur erotisches und schmerzhaftes Gestöhne. Kiyoshi nimmt es gelassen und vermutet, dass Harima sich „bloß“ an der Androidin in der Lagerhalle vergreift. Norris vermutet allerdings mehr dahinter, was auch die einzige Erklärung dafür ist, dass die beiden übers Dach in ihre eigene Lagerhalle einsteigen – in der sie Harima mit einer Schrotflinte erwartet.

Die folgende Actionszene ist, wie eigentlich alles an diesem wunderlichen Film, verwirrend. Einerseits durch ein fehlendes „Warum“, anderseits durch die bizarre, aber passende Kameraführung. Kiyoshi wird beispielsweise durch Harima eine Treppe hinunter geschmissen, es könnte dabei aber genauso gut sein, dass er die Treppe hoch getreten wird. Norris schneidet im Kampf besser ab. bewaffnet mit eine Art Föhn-Handschuh-Pistole schafft sie es Harima dadurch zu schwächen, indem sie ihm eine vorherige Szene, die wie ein Würfel ins Bild gemorpht wurde, wie einen Fußball ins Gesicht tritt. Während sich aus recht unerklärliche Gründen die ehemaligen Kolleg*innen bekämpfen, schafft es die Androidin, sich zu befreien. Darauf besprüht sie Kiyoshi mit dem titelgebenden Death Powder.

Mit zermatschtem Gesicht und gruslig verquollenen Augen erfährt der gute Kiyoshi nun starke Halluzinationen, die so real erscheinen, dass – so scheint es - womöglich die tatsächliche Realität davon beeinflusst wird. Die Verfolger der Anfangsszene tauchen wiederum auf, angeführt von ein mit Narben bedecktem Mann im Rollstuhl. Gedanken, so die Halluzination, werden vom Körper als Geisel genommen. Der Körper begrenzt das Potential der Gedanken, aber ein Leben ohne Körper ist gleichzeitig der Tod. Ohne Tod kein Leben, ohne Körper unendliche Gedankenkraft. Alles sehr deepes Gedankengut, dass dort in verschwommenen, ruinenartigen Räumen ausgesprochen wird. Aber die Hölle, die ist überall.



Solche ernsthaften Erkenntnisse über das Sein muss man erstmals sacken lassen. Dabei hilft die folgende Halluzination, welche genauso gut eine Rückblende sein könnte. Ein munter vor sich hin rockender Wissenschaftler,der sich im Laufe des Films als Dr. Loo vorstellt, springt im Folgenden fröhlich durch irgendwelche Dünen, gefolgt von ein Ensemble, das aussieht, als würde es sich bereitmachen für ein Photo-Shooting für das Cover eines Synth-Pop Albums. Dr. Loo ist ein fröhliches Kerlchen, welches gern eine harte Van-Halen-artige Rockgitarre spielt und mit anderen schrägen Wissenschaftler*innen und dem „90s Android Guernica“ sorglos ein Musikvideo für sein Debut-Track „Dr. Loo Made Me“ aufnimmt.

Nach einer kurzen Rückkehr zu den anderen, albtraumhaften Halluzinationen von Maskenmännern, aufquellenden Gesichter und seltsamen, blutenden organischen Massen folgt, eine kurze, beinahe meditative Sequenz. Es ist eine Pause im Plot die unbedarfte Zuschauer wie uns glauben lässt, nun würde das Ende eines Films eingeläutet. Anders kann man das entspannte, fünf-minütige Saxophon-Solo, untermalt mit vorbei gleitenden Stills von Skylines, Autos und dem gelegentlichen Mann mit Fedora nicht umschreiben. Natürlich haben wir uns geirrt. Der Film ist noch lange nicht am Ende. Der ganze Streifen dauert etwas mehr als eine Stunde, die sich allerdings anfühlt wie drei.

Nach der semi-romantischen Slideshow ist noch lange nicht Schluss. Vielmehr tauchen nun drei unschuldige Paketboten auf, die – völlig losgelöst vom vorherigen Plot - ein Paket in einer Lagerhalle abliefern sollen. (vielleicht ist es DIE Lagerhalle, in der sich vorher alles abgespielt hat, aber so genau weiß man das nicht).

Es läuft, wie’s halt so läuft im Paketzusteller-Alltag: Niemand macht die Tür auf, beim Nachbar abgeben gibt’s nicht, also ruft man den Chef an. Der die drei auffordert, in die Lagerhalle einzubrechen, denn das Paket muss geliefert werden. Macht alles Sinn. Doch auch Türen sind in DEATH POWDER nicht mehr das, was sie mal waren und so werden die Paketboten nach erfolgreichem Eindringen in das Lager durch ein organisches Gewebe, das sich als Tür getarnt hat, nun ja, verdaut. Es folgen die üblichen schmelzenden Gesichter, Zähne und Augen an Stellen, wo keine Zähne sein sollten und andere Pampe, welche man nur als „sehr organisch“ bezeichnen könnte. Oder als Marmelade.

Fazit: Death Powder ist verwirrend und es ist fraglich inwiefern der Film verständlicher wäre, wenn man die etwa 40% nicht aufs Englisch übersetzten japanischen Untertitel verstehen könnte. Interessant ist sicher, dass dieses brutal-psychedelische LoRes-Arthouse-Meisterwerk in voller Länge bei Youtube zu sehen ist, und hier mal ausnahmsweise keine Altersbeschränkung greift. Stellen wir uns also mal vor, dass eine Bande fünf- bis achtjähriger in einem unbeaufsichtigten Moment an einem verregneten Nachmittag eine Stunde lang vor diesen Bildern klebt. Selbst Vielgucker wie wir waren streckenweise nicht nur verwirrt (das eigentlich die ganze Zeit), sondern auch ein wenig erschrocken über die Gewalt, die Shigeru Izumiya in Death Powder auf die Leinwand bringt (Haben wir jetzt was gepetzt? Egal). Was die ganze Sache noch unheimlicher macht, ist die Diskrepanz zwischen dem was Izumiya einerseits als Musiker veröffentlicht hat (nettes 70ies-Gitarrengeplänkel, Bob Dylan, JJ. Cale und Konsorten lassen grüßen) und dem, was er als Regisseur umsetzt. Überträgt man es auf hiesige Künstler, könnte man sich mal vorstellen, dass Hermann van Veen oder Reinhard Mey auf die Idee kommen, ihre Trashversion von Hellraiser zu verfilmen.

Frühe japanischen Cyberpunkfilme zeichnen sich oft durch eine absichtlich unklare Plot-Linie sowie unverständliche Ereignisse, Transformationen und Metamorphosen aus. Nimmt man dies als Stilmittel in Kauf ist es vielleicht tatsächlich besser DEATH POWDER als Erfahrung zu sehen und mal genau in sich selber hineinzuhorchen und zu schauen, welche Gefühle die unterschiedlichen Szenen auslösen. Der Film löst einiges an Fragen aus, welche unmöglich durch denselben Film beantwortet werden können. Vielleicht kann man sie nur lösen, indem man selbst in eine Lagerhalle einbricht und mit der Tür verschmelzt. Vielleicht reicht es aber auch einfach, irre und gut gelaunt durch die Dünen zu hopsen, während eine selbst erfundene androide Freund*in kryptisch zuschaut.

Bernard Fruithagel

Death Powder (JP, 1986)
Regie: Shigeru Izumiya
Darsteller: Shigeru Izumiya, Takichi Inukai, Rikako Murakami u.a.
Länge: 63 Min.



Sonntag, 5. Januar 2020

Atomvulkan Britz - next Gig


Machen wir's kurz:

Atomvulkan Britz (NoiseDubWave-Instro-Effekt-Duo aus Berlin) spielt
am 25. 01.2020 gemeinsam mit den Kollegen von
BUM (angenehm hektisches Indie-Elektro-Gezappel) und Lutzilla (Gesang, Gitarre, Drums, Ex-Neustadt und Nördliche Gärten)) in ihrem favourite Schnapsloch.

Alle weiteren Infos stehen auf dem Flyer oben.

Und jetzt noch was zum gucken um zu hören...

Lutz Steinbrück (von Lutzilla)



und

Atomvulkan Britz mit ihrer Hitsingle BRITZKRIEG BOP




Donnerstag, 2. Januar 2020

Urlaub in Zivilien

Neulich waren wir im Urlaub. Zehn Tage Campen auf einem wunderbaren Zeltplatz an der Ostsee. Mitten im Wald, direkt am Meer. Wenn ich mich vorm Zelt hinlegte und nach oben durch das Blätterdach schaute, war alles schon fast, als wäre man in einem von Tolkiens Wäldern gelandet, in denen Elfen nichts anderes tun, als würdig umherzuwandern.

Dieser Campingplatz ist beim ersten Anpfiff zu den Sommerferien ausgebucht. Picke-Packe-dicht, wenn man nicht schon Monate vorher einen Platz reserviert. Was wir getan haben. Wenn man den Rest des Jahres in seiner Berliner Blase verbringt, kann man zuweilen vergessen, dass in Berlin vieles eben nicht so wie der Rest vom Land ist. Nicht, dass in Berlin alles immer supi wäre, aber es scheint mir eine größere Toleranz und eine andere Art zu geben, wie man im täglichen Leben rumläuft oder agiert. Ein anderer Habitus.

Auf diesem Campingplatz konnte man einen guten Blick auf den Querschnitt der deutschen Gesellschaft kriegen: Junge, Alte, Dicke, Dünne, Familien, Kinder, Gutverdiener neben Nicht-so-Gutverdienern, Freiwild-Shirt-Träger (ohne dafür irgendwelche Sanktionen fürchten zu müssen), Schlagerfans, Jack-Wolfskin-Fetischisten, Technikfreaks mit den neuesten zusammenfaltbaren Camping-Gadgets. Wir dagegen lagen jeden Morgen so festival-like auf der zerzausten Picknickdecke rum, unseren Kaffee schlürfend.

Das mit dem Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft stimmt so nicht ganz. Denn was beim Zelten ganz klar wird: Das ist doch eine sehr biodeutsche Angelegenheit. PoCs, türkische oder arabische Camper waren extrem selten. Woran das liegen mag? Zuerst mal sind wir drauf gekommen, das Campen keine rein deutsche, aber doch eine sehr nord- bis mitteleuropäische, und auch nordamerikanische Angelegenheit ist. Vielleicht auch, weil der Rest der Welt nicht so blöd ist, eine Woche in windschiefen Unterkünften, eingeschränkten Hygieneverhältnissen und das noch engere Zusammensein mit fremden Menschen, zu einer wackeligen "Zurück zur Natur"-Fantasie zusammen zu mixen.

Was noch auffiel: Beim ziellosen Daherschlendern sind mir des öfteren junge Familienväter mit Kids entgegengekommen, meist jünger als ich. Bei vielen von ihnen dachte ich: Der sieht aus, als käme er gerade von der Bundeswehr. Und der da auch. Und der nächste auch. Und irgendwie war das so bei ganz vielen von den Vätern, die dort zelteten. Vielleicht war es auch so. Vielleicht sind all die Typen, die jetzt beim Bund sind, gern mal mit der Familie am Ostseestrand. Und als ich so über die Bundeswehrvatis und- Muttis nachdachte, fiel mir ein, dass es ja mittlerweile nur noch Bundeswehr und keinen Zivildienst mehr gibt. Klar, auch keine Wehrpflicht mehr, aber eine Armee noch, immerhin.


Ich überlegte weiter, wann ich Zivildienst gemacht habe (1995, glaube ich) und wann der Zivildienst hierzulande abgeschafft wurde. 2012 war das. Dass es nun seit acht Jahren keinen Zivildienst mehr gibt, macht etwas mit der Gesellschaft, finde ich. Klar, Zivildienst war für viele ein Gegenstück zur Wehrpflicht, weil man eben nicht zum Bund wollte, aus welchen Gründen auch immer. Ich finde aber auch, dass dahinter auch ein bestimmte Haltung stand, mit der man sich als junger Mann auseinandersetzen musste. Und diese Haltung musste auch erstmal entwickelt werden. War vielleicht für manche das erste und einzige Mal, dass sie eine Haltung zu irgendwas entwickeln mussten.

Man wollte nicht in die Armee, musste sich dafür bewusst entscheiden und das auch begründen. Wenn einer zum Bund wollte, musste das niemand begründen. Für Zivildienst musste man sich Gedanken machen, musste ein nicht ganz einfaches Verfahren und möglicherweise auch gewissen Ressentiments im Sozialen Umfeld auf sich nehmen. Allein der Begriff "Kriegsdienstverweigerer" hatte ja schon für viele einen negativen Klang, Was verweigern ist immer schlecht, klingt nach Drückeberger. Der Akt, seine "Drückebergerei" argumentativ zu belegen, war für viele sicher ein großer Akt der Reflexion.

Mit diesem ganzen Verfahren, sich dem Bund zu entziehen, wuchs aber auch eine gewisse Haltung, die zumindest in Ansätzen kritisch gegenüber staatlichen Institutionen war und auch pazifistische Ideen vermittelte. Wer Zivi sein wollte, musste sich schon ein paar Gedanken über seine seine irgendwie linke Grundeinstellung, die damit einherging machen. Ich würde sagen, dass dieser ganze Prozess, um den Bund zu vermeiden, bei vielen eine bestimmte pazifistische Einstellung erst möglich gemacht hat und sich auch im weiteren Leben ausdrückt. Dazu kommt, dass viele Zivis eben nicht nur die üblichen linken, strickwollpullitragenden Alternativos waren, sondern auch jede Menge Männer, die mit einem linken Kontext eher nicht soviel am Hut hatten, aber eben auch nicht zum Bund wollten.

Also. Zivildienst gibt es nicht mehr. Bundeswehr schon. Und was sagt mir das? Viele würden sagen, dass sich diese Gesellschaft in eine konservativere, rechtere Richtung bewegt. Dass rechte Meinungen wieder salonfähiger werden. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass es die Bundeswehr noch gibt und den Zivildienst nicht mehr. Aber wäre es möglich, dass diese Lücke, die der Nicht-Mehr-Zivildienst hinterlassen hat, doch etwas dazu beiträgt, dass bestimmte pazifistische, weltoffene, hierarchiekritische Ansichten gar nicht mehr entwickelt werden, während die Bundeswehr immer noch ihre alten Ordnungen und Traditionen hat und diese auch weiter trägt?

Wäre es möglich, dass hier ein kleines Gegengewicht fehlt, welches gewisse rechte und konservative Einstellungen auffangen könnte und junge Männer und Frauen dafür sensibilisiert? Natürlich ist die Bundeswehr derzeit kein sehr großer gesellschaftlicher Faktor (Militär hatte in Deutschland schon mal eine ganz andere Stellung, wie wir alle wissen), aber eben doch einer. Immerhin lag die Zahl der Soldaten (Berufs-, Zeit.- und freiwillige) bei knapp 174.000. Zivildienst war als mögliches Gegengewicht zu Bund, Soldat-sein und damit verbundenen Werten eben auch einer. Und ist durch seine derzeitige Nicht-Existenz auf gewisse Weise immer noch ein Faktor, der zur politischen Meinungsbildung beiträgt. Es mag nur ein kleines Rädchen im System von gesellschaftlichen Haltungen sein, das nicht mehr vorhanden ist, aber möglicherweise eins, dass man nicht vernachlässigen sollte.

Natürlich gibt es die Möglichkeit, sich freiwillig zu engagieren. FöJ, FsJ, BuFDi - das steht allen offen. Im Unterschied zum Zivildienst auch Frauen. Und es sind nicht wenige die das in Anspruch nehmen - 2018, so schreibt es Wikipedia - ungefähr 41.000 Menschen. 41.000 Freiwilligendienstler*innen und 174.000 Bundeswehrsoldaten - ein ziemlich schiefes Verhältnis. Zum Vergleich - 2009 gab es noch über 90.000 Zivis. Die angebotenen Freiwilligendienste ziehen also knapp die Hälfte an.

Allerdings hat die schönen Freiwilligkeit auch ein Haken: Wer sich dazu entschließt, ein Jahr seiner Zeit freiwillig in einer sozialen, kulturellen oder ökologischen Einrichtung zu absolvieren, der/die ist wahrscheinlich eh schon in diesen Zusammenhängen unterwegs. Ihm/ihr sind wahrscheinlich bestimmte kritische oder pazifistische Ansichten nicht fremd. Ein Pflichtdienst könnte allerdings auch Menschen zeitweise in diese Felder führen, die mit diesen Bereichen eher nichts zu tun haben und die dort auch zumindest für ein winziges Zeitfenster neue Perspektiven entwickeln könnten.

Dazu kommt auch die Sozialisation, die ein Militärdienst mit sich bringt. Und die ist bei der Armee sicher um einiges verheerender und mit erbarmungslosen Unterordnungszwängen und hierarchischem Druck verbunden, als es je beim Zivildienst der Fall war. Sicher spielt dabei auch Alkohol als soziales Schmier- und Druckmittel eine große Rolle und ich wette beim Bund noch in größerem Maße, als es je beim Zivildienst der Fall war. Geschichten über Kampftrinken auf der Stube bis einer Galle kotzt, kann sicher jeder
Wehrdienstabsolvent erzählen, der monatelang isoliert mit anderen Typen in einer Kaserne eine geschlossene Gruppe bilden musste.
Das führt mich wieder zur derzeitigen Situation: Denn die Bundeswehr samt ihrer toxischen Sozialisationsmechanismen gibt es immer noch und ich wette, dass viele Männern dort mit Hilfe von Schikanen, Ritualen zur Männlichkeitsausformung (die sich bestimmt auf sehr alte Rollenbilder bezieht) und Alkoholkonsum ein Bild vom Mannsein und von der Gesellschaft vermittelt wird, das sehr rückwärtsgewandt wird un sich an einem alten Korpsgeist orientiert, von dem ich wünschte, er wäre doch allmählich mal einer Truppe von aufgeklärten Ghostbustern zum Opfer gefallen.

Zivildienst, als kritischer Gegenpart zu einer auf alten Geschlechterbildern beruhenden Militärtradition, fehlt auch hier. Eine entsprechende Institution, die ein anderes Verständnis von Männlichkeit, sozialem Miteinander und andere Perspektiven auf bestimmte Lebensbereiche vermittelt, gibt es nicht. Und das erst recht, wenn man bedenkt, dass ca. 1/4 der Bevölkerung dieses Landes dazu tendieren, rechte Ansichten zu vertreten.

Davon ab könnte ein ziviler sozialer Dienst auch anderweitig von Nutzen sein: Nämlich in der Hinsicht, dass man für eine gewisse Zeit raus ist aus dem Rattenrennen um Job, Karriere und streng durchgetakteter Lebensplanung. Nimm sechs oder 12 Monate, die jede/r nach dem Schulabschluß ableisten MUSS. Das gibt eine gewisse Ruhe, zumindest für den Augenblick. Eine Zwitspanne, in der erstmal nicht geplant werden muss, was du als nächstes machen willst oder musst. So etwas kann für einen Augenblick sehr beruhigend wirken und auch bezüglich der eigenen Berufs- und Lebens- und Karriereplanung, etwas den Druck rausnehmen.

Es gibt Momente, da wünsche ich mir echt einen verpflichtenden Sozialen Dienst. Für alle Bewohner dieses Landes ab 18 Jahren. Männer, Frauen, alle. Ob sechs Monate oder ein Jahr oder sonst was, das ließe sich alles diskutieren. Aber ich denke, dass so ein Dienst viele Soziale Einrichtungen entlasten würde, und andererseits vielleicht auch denen die dazu verpflichtet wären, noch ein anderes Bild der Gesellschaft vermitteln würde.

Es gibt allerdings für mich ein Dilemma: Diese Augenblicke, in denen ich mir denke, dass so en Pflichtdienst gar nicht so schlecht wäre, sind nur kurz. Denn vom Staat zu einem Dienst verpflichtet zu werden, finde ich ja eigentlich eher uncool. Staatliche Eingriffe in meine persönliche Lebensplanung oder der von anderen Leuten, nunja, ist nun mal nicht wirklich was, dass ich mir heutzutage wünsche. Vielleicht auch, weil es nicht so ganz zu meinem von mir zusammen konstruierten Selbstbild passt, dass ich einmal einen verpflichtenden sozialen Dienst für alle wirklich gut finden würde. Wenn es allerdings dazu führt, dass in Zukunft die Menschen, denen ich beim Campen begegne, weniger wie Soldaten auf Urlaub wirken, wäre das schon ein guter Grund dafür.


Gary Flanell

Dienstag, 31. Dezember 2019

This is the end - Final SubCult Radioshow


Dear friends of SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms!

2020 starts with a big bang: On January 1st, we will broadcast the VERY LAST SubCult Radioshow. Niki Matita and Timbob Kegler terminate ten years of self organized free and DIY radio with a final show from 8 to 9 o'clock in the evening live from Studio Ansage.
All of you would like to listen to this fial SubCult show tune in on frequency 88,4 - if you are in Berlin. All of you somewhere else in the world, stream it here.


Take care and remember: "The future is unstreamed" (Joe Strummer)

Liebe Freunde, das neue Jahr kommt und es kommt mit einer dicken Überraschung: Morgen werden Niki Matita und Timbob Kegler gemeinsam die ALLERLETZTE Folge der SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms - Radioshow senden. Ja, richtig gelesen. Wir hören auf. 10 Jahre selbst organisiertes, freies Radio machen haben uns gerockt. Was nicht heißt, dass nicht später mal was Neues kommt, aber jetzt ist in dieser Form erstmal S.C.H.L.U.S.S.
Deshalb morgen für die letzte SubCult-Livesause von 20-21 Uhr in Berlin die Empfangsgeräte einschalten und auf Frequenz 88,4 tunen. Alle anderen streamen bitte hier.

Montag, 18. November 2019

Atomvulkan Hits - The Mixtape!

It's Bonus time!
rechtzeitig zum anstehenden Release von Atomvulkan Britz gibt es noch hübsch gemachte Handarbeit:
Weil etwas Muße und jede Menge Musik verfügbar war, haben Sun Ra Bullock und "Scary" Gary Flanell (zusammen Atomvulkan Britz) jeder eine Seite für ein nettes Mixtape zusammengestellt.
Natürlich NICHT auf haptisch greifbaren Kassetten, sondern digital und somit für jede/n jederzeit abrufbar.

Anzuhören ist es hier

oder hier:

https://www.mixcloud.com/Sun_Ra_Bullock/atomvulkan-hits-by-scary-gary-sunra-bullock/

Sonntag, 17. November 2019

Atomvulkan Britz

Lange hat er gebrodelt, jetzt steht er kurz vor dem Ausbruch - der ATOMVULKAN BRITZ!

Anders bei manch anderem Vulkan ist diese Eruption allerdings zeitlich genau festzumachen (und im Gegensatz zu anderen Vulkanen muss hier auch niemand evakuiert werden. Glauben wir zumindest):

Am 21.11.2019 erscheint ZARYA, die erste EP des Noise-Dub-Wave-Instrumental-Regressive-Rock-Duos ATOMVULKAN BRITZ unter dem Berliner Label Edelfaul.

Sieben Songs gibt's zu hören, aufgenommen und gemixt im schönsten Schnapsloch der Stadt und gemastert durch die fachmännischen Hände und Ohren von Karmacopter. Das hübsche Cover wurde von Lina Bailón extra für die Atomvulkan-Brudis gestaltet.

Hinter ATOMVULKAN BRITZ stecken:

Zum einen SunRa Bullock, der gute Spirit hinter der Freakout International Radio Show, sowie und den Dub-Helden von X.A. Cute und Stumpf, dem zweiten Act auf Edelfaul.

Zum anderen Gary Flanell (der Typ vom Renfield-Zine, der Typ von John Steam Tecords, der Typ von Bands wie Sceptic Jazz, ESEL, Till the Morninglight's Hot Band, Mercedes Z u.v.a., und auch der Typ mit den lustig-traurigen Kurzgeschichten. You know him.)

Als tanzanregende erste Single wird die Latin-Punk-Miniatur "Britzkrieg Bop" ausgegeben, und weil die Zeiten so modern sind, wie sie nun mal sind, gibt es dazu ein liebevoll gestaltetes Video.



Gedreht von SunRa Bullock und Edelfaul-Kommilitonen Silly Knob Thurston, gewürzt mit russischen voiceovers vom X.A.Cute-Kollegen Guvibosh, wird hier schwungvoll die knatterbunte Stop-Motion-Sci-Fi-Trash-Mühle angeworfen, um Gelenke und Fantasie gleichermaßen zu befügeln.

Noch was vergessen?
Ja.

Live wir der Release am 21.11.2019 gefeiert, mit einem Liveset von eben jenem ATOMVULKAN, Stumpf und Ilia Gorovitz von edelfaul.

ATOMVULKAN BRITZ - ZARYA Record Release Party

21.11.2019, 21 Uhr doors open.

TRCKSSCCCPXt*TRAJA (you know where it is.)

Freitag, 13. September 2019

The future of Punk...

liegt hier auf meinem Küchentisch. Wenn es nach dem Louder than war-Magazin geht. “Wonk Unit are arguably the future of punk rock..." heißt es in einer Rezension einer frühen W.U.-Platte. Braucht eine Subkultur, die einst mit dem Slogan "No Future" angetreten ist, eigentlich eine Zukunft? Ich weiß es nicht.
Wonk unit. Wonk Wonk Wonk. Bisher nur vom Hörensagen gekannt. DIY-Helden aus Noch-Britannien sollen es sein, nehmen seit zig Jahren reihenweise Platten auf und organisieren Dinge. Wohl auch das sehr hübsche WonkFest. Nie dagewesen. Plakat sieht aber gut aus. Line-Up auch.
Wonk Wonk Wonk.
Ich jetzt so mit Teerfinger im "Klingt wie"-Modus beim Hören der neuen Platte. Macht man so beim Rezi schreiben. Verweise auf andere Bands, die gehören dazu. Wenn dir Dings gefällt, dann gefällt dir auch Bums und Wonk. Welche Bilder im Kopf erzeugt werden, ist egal, um Referenzen geht es.
Wonk Wonk Wonk.
Klingt wie ein kaputter Scanner im Fahrstuhl nach oben in den 30. Stock. Wie ein elektrisches Gerät zum Dinge Durchleuchten. Nur der Name.
Wonk Wonk Wonk.
Die Musik, ich scanne mal: Green Day, Descendents und all solches Pop-Punk-Geschmeiß. Wonk Wonk Wonk.
They might be giants. Ein wenig kauzig. "Christmas in a crack house." Wonk Wonk Wonk.
Madness-Humor und Madness-Melancholie. Wonk Wonk Wonk.
King's Blues, die waren groß und abwechslungsreich. Auch davon was dabei. Gleich beim ersten Song, dem mit den Dayjob. Wonk Wonk Wonk.



Ein bißchen Dresden Dolls, ein bißchen World/Inferno Friendship Society. Wonk Wonk Wonk.
Klimmperklavier nice. Texte nice, Cockney-Einschlag nice. "Me and Curtis" gleich in zwei Versionen drauf. Warum? Die erste war doch ok. Wonk Wonk Wonk.
Mein Finger riecht nach Teer. Kommt vom Ichtolan. Trotzdem schreiben. Wonk Wonk Wonk.
"All she ever want is drugs, All I ever want is babies". Wonk Wonk Wonk.
Ein sublimer Reggaesong, den lass ich durchgehen. Wonk Wonk Wonk.
Genug gescannt.
Wonk.



(G) wie, tja, gut auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala.

Gary Flanell

Wonk Unit: Terror. CD/LP auf Kidnap Records.

Diese Rezension wurde im FreeWriting-Verfahren nach Ken Macrorie und Peter Elbow innerhalb von 10 Minuten verfasst. Bis auf Rechtschreibfehler wurde nichts verbessert oder redigiert.

Donnerstag, 5. September 2019

Go to hell then turn left

Lebenszeichen aus Südwest. Keine Split-Soli-Single von Annegret Kramp-Karrenbauer und Markus Söder für Extinction Revolution, leider. Aber ein neues Spermbirds-Album. Titel: siehe Betreff dieses Beitrags.
Guter Titel, passt zu dem, was von den Spermbirds zu erwarten ist.
Versuche, diese Rezension zu schreiben, ohne Floskeln wie "HC-Legende", "Szeneveteranen", "Spermvögel" oder "Ikonen", "gewohnt gute Lyrics" zu verwenden. Es wird gelingen.
Platte gerade gehört, während ich die Wohnung putze. Das funktioniert gut. Ist eine Platte, die anregt, die zum Aktiv werden aktiviert. Liegt sicher am Tempo, an der angenehmen Aggression, die darüber kommt. Haben sie immer noch drauf. Gut so.
Habe beim Putzen überlegt, ob es mal eine Phase gab, in der die Spermbirds richtig scheiße waren. Die gab es. So um 1992-1994 rum, Lee Hollis war weg, dafür kam ein gewisser Ken Haus dazu (was macht der jetzt so eigentlich?) und das, was rauskam, war eine lauwarme Sauce, die so klang, als wolle man mit Gewalt auf den boomenden Rock-HipHop-Crossover-Zug aufspringen. War scheiße.



Dann Auflösung und irgendwann Reunion mit Lee, you know it all, das muss hier nicht wiederholt werden. Seitdem gibt's recht regelmäßig neuen Stoff, alle paar Jahre bringen die Spermbirds eine komplette LP raus und richtig kacke ist keine davon. "Columbus Feeling" war recht mitreißend, und das ist "Go to hell, then turn left" auch. Hübsch neurotisch zwischendurch, das liegt sicher auch am Gesang von Hollis, aber auch an der Routine des jahrzehntelangen Zusammenspiels.

Was mir ein wenig fehlt, aber das ist vielleicht meine Gier nach neuen Klängen geschuldet, ist etwas Abwechslung, ein bißchen Experiment. Einen Moment des bedingungslosen Abfeierns. Den gibt's hier für mich leider nicht, aber wie gesagt, das liegt sicher eher an mir. Das hier ist eben nicht "Common Thread", ich bin nicht 17 und so einen Enthusiasmus kann die neunte LP dann doch nicht abliefern. Aber sonst alles gut, danke. Die Spermbirds spielen einen sehr guten Hardcore-Punk, der immer noch frisch klingt und das muss man nach der Zeit auch mal hinkriegen. So Titel wie "If I only find my pants (someone's gonna die)" auch erstmal.

Das Cover übrigens auch super: Außerirdischer Totenkopf-Spermienangriff auf Mutter Erde. Spermien haben natürlich Schnäbel, wir sind ja bei den Spermbirds. Man darf spekulieren, wer sich beim Zeugungsprozess durchkämpft und was am Ende raus kommt. Frage mich allen Ernstes, wie der Penis aussieht, der diese Spermien ins All ejakuliert hat. Und wessen Penis es ist. Aber das ist ja eine sehr anthropozentrische Perspektive auf einen Befruchtungsprozess. Für Hardcore-Punk-Verhältnisse jedenfalls schon ein fast psychedelischer Ansatz.

Musste beim Hören an das Konzert der Spermbirds mit Youth of Today (also wie alle Konzerterlebnisse kurz nach dem Krieg) vor einige Jahren denken. Da ist mir erst einmal aufgefallen, dass die Band im Vergleich zu Y.o.T. - und sicher auch vielen anderen NYHC-Bands - echt filigran an den Instrumenten ist, ihre Songs gut ausgearbeitet und abwechslungsreich sind.



Ray Cappo und seine Kollegen wirkten dagegen doch eher wie (Achtung, obligatorische Fußballmetapher in einer Punk-Rezension): eine hochmotivierte, aber technisch durchschnittliche Drittliga-Mannschaft, die ihre Sieg durch die reine physische Kraft einfährt und nicht durch technische Finessen. Sie wirkten im Vergleich zu den Spermbirds doch ziemlich... wie soll ich es ausdrücken? Neanderthalesk trifft es ganz gut.

Oh, der Boden ist trocken, ich muss die Möbel wieder richtig hinstellen.

"Go to hell then turn left" bekommt ein solides (F) wie filigraner AWMP (Alte-Weiße-Männer-Punk) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala.

Gary Flanell

Spermbirds - Go to hell, then turn left, erscheint am 13.09.2019 auf Rookie Records.

Dann im Herbst wohl auch auf Tour, Termine finden sich bei FB oder auf der Band-Homepage.

Noch ein Spermbirds-Video verlinken? Well, warum eigentlich nicht?! Aber einen Klassiker in vivo.



Sonntag, 18. August 2019

1. September 2019 Wahl in Brandenburg

In Brandenburg wird am 1.9. ein neuer Landtag gewählt. Dazu könnte ich sagen: Ist mir doch hupe, ich wohn ja in Berlin. Nun ist Brandenburg gleich ums Eck von Berlin, besser gesagt um alle Ecken von Berlin und von daher ist es mir nicht komplett egal, wie diese Wahlen ausgehen.
Vor allem nicht vor dem Hintergrund, dass die AfD voraussichtlich sehr stark abschneiden wird. Das gilt es zu verhindern. Möglicherweise entscheiden sich viele Brandenburger dafür, ihr Kreuz bei der AfDzu machen, ohne mal einen genauen Blick in das Wahlprogramm zu werfen. Schon klar, dass da auch Gefühle des Protestes und der Enttäuschung gegenüber den Parteien mitschwingen, die sich traditionell aufstellen. Aber AfD wählen ist einfach scheiße.
Es ist eine rechte Partei, die gegen Toleranz, Offenheit und gesellschaftliches Miteinander steht. Eine Partei, die mit ihren Einstellungen oder NPD nichts nachsteht. Das ist keine CSU light oder die noch konservativere Version der CDU. Sondern eine rechte, eine rechtsradikale Partei. Faschos, Nazis, nennt es wie ihr wollt. Eine Partei, die lieber heute als morgen alles, was hier demokratisch gewählt und legitimiert wird, abschaffen will.
Das nicht alle Brandenburger Nazis sind, ist eine Tatsache, die man in diesem Zusammenhang auch betonen sollte, um das in Westdeutschland oft zitierte Klischee "Im Osten wohnen eh nur Nazis" zu widerlegen. Natürlich gibt es in Ostdeutschland Nazis, aber die gibt es in Westdeutschland auch.
Es gibt in Brandenburg jede Menge Menschen, die sich gegen rechts engagieren, wie zum Beispiel die "Künstler mit Herz Brandenburg" - die aus gegebenem Anlass ein Video samt Song produziert haben, in dem sie eindeutig positionieren und zur Nichtwahl der AfD aufrufen.
Das nicht mit platten Parolen sondern mit ziemlich genauen Infos aus dem Wahlprogramm der AfD.
Also liebe Brandenburger: Egal, was ihr am 1.9. wählt, wählt alles, nur nicht eben die AfD.



Mittwoch, 7. August 2019

Hoffest in Lichtenberg 31.08. 2019

Sommerzeit ist Hoffest-Zeit. Man muss nur einen Blick in den Terminkalender vom Stressfaktor werfen, da fliegen eine die Termine der Hof-, Sommer- und Solifeste unzähliger Projekte und Kollektive entgegen. OBOA-Umsonst-und-draussen-Festival in Fort Gorgast hier, 40 Jahre Mehringhöfe da, Tortenheber-Solifest im der Regenbogenfabrik und ganz klar, auch auf dem Wagenplatz Lohmühle wird an einem Sonntag im August feiermäßi ab nachmittags eingeschenkt. Wer dann noch kann, kratzt sich kurz am Knie und schleppt sich zur Seawatch-Soli-Sause ins Tommy-Haus, das zu diesem Zweck extra seinen Summerbreak ehm, unterbreakt hat. All crazy and good ideas, one might say. Sage ich ja auch

Um dem geneigten Leser eine gewisse Orientierung im dies-augustigen Sommerfest-Überangebot zu verschaffen, möchte ich an dieser Stelle an ein Hoffest am 31.08.2019 hinweisen, das mir besonders am Herzen liegt. Der Grund ist ganz klar: Es ist nämlich das Hoffest des Hausprojekts in dem ich jetzt seit knapp 5 Jahren wohne.
Die Magdalenenstraße 19 oder auch WiLMa19 hat sich seit dem Bezug als feste alternative Wohnstruktur in Lichtenberg etabliert. Auch das Hoffest findet mittlerweile regen Anklang, keine Ahnung, wieviele Leute letztes Mal da waren, ich habe nicht gezählt, aber im mittleren dreistelligen Bereich tummelten sich die Menschen sicher auf unserem grünen Hinterhof. Das sollte auch dieses Jahr zu schaffen sein.
Deshalb hier mal ein Überblick dessen, was an Musik und Aktionen ab 14 Uhr (und ohne Eintritt) stattfinden wird - fangen wir mal mit dem Nachmittagsprogramm an:

- Kinderschminken

- Zauberer

- Workshops

- Bergstraße 68 - Ein Baum zieht um Comicbuchlesung und - Malaktion mit der Autorin Tina Brenneisen zu ihrem neuen Buch, in dem kindgerecht die Themen Wohnen in berlin, Mietwucher und Verdrängung thematisiert werden

- Antifaschistischer Kiezspaziergang organisiert und durchgeführt von der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)

- Freaky Wrestlingshow
(Wrestling auf einem Hoffest?! Aber sowas von! Karl Marx vs. Jesus, Jesus vs. den nie funktierenden WLAN-Router. Wer erinnert sich nicht an diese legendäre Wrestling-Performance vom letzten Jahr? Es war ein Fest. Wird es dieses Jahr auch wieder.)

- Capoeira Popular

Ohne Musik geht natürlich nix, neben Live-Acts werden auch DJ*s bis in die tiefe Nacht auflegen. Von Punk bis Techno, Vorwärts-und Backdoor-Beats ist alles dabei - wie das Line-Up zeigt (Achtung: Dies ist kein Zeitplan der Auftritte).

Bands:

- Cellolitas (All female PunkSkaSchlagerPartyMusik)



- Trainingseinheit Katzenkotze (somegender PommesPunk, Berlin)

- Die ErlOichtung (Wie machen die Eso-Skins? Om!Om!Om!)

DJs:

- INC (Downtempo, Berlin)

- Crille & Tamalt

- No Cap No Style (Anti-fascist feminist DJane Collective, Berlin)


- Ante (Afrohouse)

- Schnösel Pöbel (Trash)

- Heavy Mental


Außerdem nice food and nice drinks and nice people!

++++ EINTRITT FREI!! ++++




Samstag, 3. August 2019

und dann war da noch... die Website vom Maximum RocknRoll

Es wurde wohl viel geweint, als es bekannt wurde. Soviele Herzschläge, die einfach mal aussetzten. Soviele verwirrte und traurige Gesichter, als sich die Nachricht durch die sozialen Medien fraß und so langsam bis in die hintersten Ecken sickerte. Als das Maximum RocknRoll vor einigen Monaten den Printgeist aufgegeben hat, war das gefühlt so, als würde Punk aufhören zu existieren. (Was er/sie nicht tut. Soviel Unabhängigkeit von einem einzigen Medium einer Szene, die an sich nur ein Oberbegriff für verschiedenste Wahrnehmungen, Subszenen und Vorstellungen ist, sollte schon sein.)

Keine graue Fischeinwickelpapier-Haptik, kein schlichtes S/W-Layout mehr, stattdessen der Transfer in die komplette digitale Existenz. Kann man machen, wenn sich das ganze Materialisieren in Papierform nicht mehr rechnet.
Der erste Schock ist gerade verwunden, die letzte Träne weggewischt, das letzte Stück Dachboden abgesucht, nach der letzten MRR-Ausgabe (Nr. 433), die man sich vor Jahren mal zugelegt hatte (auch wenn man wusste, wie wichtig und gut das Heft war, darf man sich auch eingestehen, dass man es seltener gekauft hat, als nötig und möglich gewesen wäre), als sich die Frage "Und was passiert jetzt?" in den Kopf gräbt. Es gibt nur einen Weg um herauszufinden, wie die erwähnte Komplett-Online-Ausgabe des MRR sich so schlägt: Selber nachschauen.
Ich muss zugeben, dass ich gar nicht so scharf darauf bin, ausführliche Kolumnen, Bandinterviews oder Konzertberichte online zu lesen. Das war für mich in der Printversion schon angenehmer. Aber in dieser Hinsicht hat mein bedarf insgesamt sehr nachgelassen. Im Netz interessiert es mich eher, neue Bands anzuchecken, gerne auch solche, die nicht konventionell auf ihren Gitarren rumschrubben. Dazu eine Einschätzung eines Schreibers, das reicht meist für mich. Ich muss sagen, dass das MRR diese Aufgabe auf seiner Homepage sehr gut erfüllt. Die Rezensions-Abteilung ist gut auffindbar, ebenso die erwähnten Kolumnen und alles, was es rund ums MRR zu fragen gibt. Wenig Schnick-Schnack, das gefällt mir doch sehr. die Kritiken selber sind kurz und knackig gehalten, meist nicht mehr als zehn Zeilen in leserfreundlicher Größe, dazu einen Link zur Homepage und Bandcamp-Seite.
Klar, das machen viele andere Online-Zines auch. Beim MRR gefällt mir aber die Übersichtlichkeit sehr, wozu auch das einfache Runterscrollen zur nächsten Plattenbesprechung reicht. Wird natürlch auch dadurch serh angenehm gestaltet, dass es (noch!) keine Werbung gibt. Auch dass man nicht mit diesen "Wenn du das magst, gefällt dir vielleicht auch das hier"-Links vom eigentlichen lesen abgelenkt wird, ist super. Davon ab ist es einfach sehr cool, das fast alles besprochen wird, was an Material reinkommt. Jede noch so schlecht aufgenommene Demo-CD scheint ihren Platz zu bekommen. Das führt zu einem schönen und guten Maß an Vielfalt, bei dem wahrscheinlich jede*r sich wiederfinden kann. Also insgesamt ein guter Start in die vollständige digitale Existenz. Was jetzt bleibt, ist abzuwarten und zu beobachten, wohin der Weg des Digi-MRR in Zukunft führen wird. Und wer jetzt immer noch traurig ist, sollte nicht weinend in im Mancave seine Plattensammlung streicheln, sondern zur Erbauung bei den Kollegen von THE HARD TIMES vorbeischauen.

Gary Flanell

Alle Bilder: www.maximumrocknroll.com

Freitag, 19. Juli 2019

Gary Flanell Interview

Zum Zeitvertreib während dieses wechselhaften Sommers hier der Link zum Interview mit Gary Flanell über sein Buch "Angst vor blauem Himmel" auf der Seite des Periplaneta-Verlags.

Die zentrale Frage darin:
Wer darf in Gary Flanells Bart überwintern?


Foto: Gabriele Summen (www.gabriele-summen.de)

https://www.periplaneta.com/wer-darf-in-gary-flanells-bart-ueberwintern/#more-12483

Mittwoch, 17. Juli 2019

It's a dream, it's Punk, It's I drew blank.(Schön, wenn junge Menschen Musik machen, Pt. XII)



Well, was für ein Tag, was für ein Jahr, was für ein Monat! Um mit den Plakaten einer Serie zu sprechen, die ich neulich im Schnelldurchlauf konsumierte: Dieser Sommer wird alles verändern. Aber sowas von. Ihr glaubt es kaum.
Alles wird sich ändern... a) wenn wir groß sind b) wenn wir tot sind c) wenn wir blöd sind.
Sucht euch was aus - es ist alles richtig.

Der Sommer 2019 wird als ein besonders toller Sommer in die menschliche Geschichtsschreibung eingehen.
Wer weiß, was noch alles passiert. Es ist ja schon einiges passiert. Am 28. Juni beispielsweise. Was war da? Wer weiß es? Ich.

Am 28. Juni ist hier in Berlin etwas besonders schönes passiert. Es wurde nämlich eine neue Platte veröffentlicht. Das war sehr schön. Man kann über den Neuigkeits-Wert dieser Information diskutieren, aber schön ist diese Tatsache einer Plattenveröffentlichung auf alle Fälle.
Worüber in diesem Zusammenhang zu diskutieren wäre, ist der Witzigkeitsfaktor eines Bandnamens wie IDREWBLANK, jener Band, die am 28. Juni ihre erste EP 'Interesting Life Choices' veröffentlicht hat. Ob so ein Wortwitz nach drei Minuten noch cool ist, würde ich mal dahinstellen.
Was und wer sich dahinter verbirgt, ist es allerdings allemal wert gehört zu werden. Spontan hätte ich an eine besoffene Jungs-Melodic-Skate-Punk-Combo gedacht, die sich furchtbar witzig vorkommt mit so einem Namen. Ist aber nicht so.



Überraschenderweise stecken dahinter Dom, Eilis, Oyèmi und was sie als Band machen bezeichnen sie als Dream-Punk.
Das kann man wunderbar so als Beschreibung durchgehen lassen, denn eine gewisse wohltuende Verträumtheit haben alle ihre Songs durchaus in sich.
Einerseits gibt es da diesen leicht sphärischen schwebenden Gesang, der sich schmusig über eine schrammelnde Noise-Pop-Gitarre legt, die ihrerseits sanft wie in der ersten REM-Phase (nicht die Band, ihr Deppen, ich meine wirklich die Schlafphase) dahin sägt, und nur manchmal mit diesem Wave-Beat durchaus zackige Akzente setzt. Ein hübscher Soundtrack für die Sommernacht, also. Das Interieur von IDREW-BLANK'schen Schlafgemachs stellt sich folgendermaßen dar. The Jesus& Mary Chain sind das Bettgestell, Robert Smith samt seiner ganzen Cure-Baggage die Matratze, Lush geben das leichte Bettzeug und Lemuria dürfen als kuschelig weiches Kissen herhalten. Irgendwo in der Ecke sitzt eine Bande Pixies und passt auf, dass niemand schlechte Träume hat.
Ich hätte jetzt gern eine Portion Zuckerwatte. Ist aber zu spät, habe ja schon Zähne geputzt.
In diesem Sinne: Dream on, dream until your dreams come true. (Ist geklaut. Eh klar.)

Auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala ein klares B wie "Bettzeit!"

IDREWBLANK - Interesting life choices (über Späti Palace)

Anzuhören bei Soundcloud und auch über Spotify (wer hat).




Montag, 24. Juni 2019

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms 19.06.2019

In der letzten SubCult-Sendung vom 19.06.2019 hat Timbob Kegler mit Houssam Hamade über sein Buch "Sich prügeln" gesprochen.
Passend dazu - die Playlist der Sendung:

1. Boy Harsher – Pain

2. G.L.O.S.S. - Give violence a chance

3. The Sonics – Psycho

4. Stereo Total – Ich bin cool

5. The Thermals – Born to kill

6. Drug Church – Conflict minded

7. Jennie & The Slingers – Better off dead

8. Kid Congo & the pink monkey birds - Hills Of Pills

9. Big John Bates – All the devils


Dienstag, 14. Mai 2019

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. XX

Heute: Nord - Dahinter eine Festung (Kidnap, 2016, nordpunk.de)

Musste erstmal schauen, von wann die Platte ist, solange steht sie schon in der Renfield-Rezikiste. Die jetzt mal renoviert wurde. Vielleicht bringt mich das ja dazu, da öfter mal reinzuschauen. Auf alle Fälle wurde sortiert und das erste Exemplar, das mich in „Mensch-die-musst-du-dir-jetzt-mal-genauer-anschauen“-Schuldgefühle stürzt, ist die LP von Nord. Ob's die noch gibt? Könnte ich recherchieren, aber ich habe ehrlich gesagt keine Lust. Die Chancen, dass es die Band noch gibt, stehen nicht so schlecht, immerhin ist das Album vom Herbst 2016, auf Kidnap raus gekommen, da ist man doch motiviert, länger dran zu bleiben. Wäre ich zumindest, wenn ich eine Band hätte und solche Voraussetzungen bestehen würden. Aber wer weiß; es gab oft genug Bands, die eine Platte gemacht haben, hoffnungsvoll waren und dann ging aus gründen die niemand versteht, nichts mehr. Aber das kann mir ja auch egal sein. Ich nehme diese Platte, der Infozettel ist schon lang den Weg des Altpapiers gegangen. Soweit ich weiß kommen nord aus Münster und Dortmund. Dortmund Nord, oder auch vom Nordpol, welch ein Witz. Da möchte ich nicht wohnen, wenn das alles stimmt, was man sich so sagt. Abgeranzt und voller Nazis. Nord sind glücklicherweise keine von diesen bierbräsigen Streetpunkbands, die es im Ruhrgebiet viel zu oft gibt. Sie sind eher so die Melo-Ollis. So eine homöopathische Dosis Turbostaat lässt sich wohl nicht vermeiden. Das finde ich ja prinzipiell gut, aber irgendwie werde ich mit Nord nicht warm. Klingt zu gewollt, nach zuviel Probe, zu viel Ernst von jungen Männern, die mit Mitte 20 ihre trübsinnigen Gedanken schon so gut in Metaphern und Metaebenen formulieren können, dass es mir Angst wird. Vielleicht bin ich auch nur neidisch, dass ich das mit Mitte 20 nicht so konnte.
Hamburg (vielleicht kommt daher die Nord-Referenz im Namen?). 3000 Yen ohne Gruselfaktor. Oder Bärbel. Dieses Hake-Zeug. Mit leichtem Faible für pathosgeladenen Gesang. Und mit Texten. Ja wirklich, Gesang mit Texten, na sowas. Auch ein bißchen langweilig, Gesang mit Texten. Da habe ich in dieser beschreibenden Art schon sowas von den Kanal voll, dass ich eigentlich ausschalten möchte. Finster und ernst wollen die schon sein, das klappt so mäßig. Aber nunja, hör ich mir das halt mal komplett an. Ernst sein gefällt mir ja ganz gut. Es wird nicht wirklich besser. Ja ja, das Tempo stimmt und alles Formale ist total super, aber mich kriegt der Norden, egal ob Dortmund, Münster oder Hamburg-Nord-Süd leider nicht. Dieses Filmsample mit den Himmelsrichtungen ist super, woher kenne ich das eigentlich? Insgesamt fehlt mir da was, denn von allem wird geklaut, DackelBlumen am Arsch von Oma Pascow, das hört man alles raus. Eine Orgel wie bei den Doors wünsche ich mir ab dem zweiten Song. So läuft alles in ein haariges Ohr rein und aus dem anderen raus. Halt so eine Jungscombo, die in NRW Punk macht. Schulterzucken. "Jetzt geht's nicht mehr weiter." singt man. Wenn der Sänger wüüsste, wi Recht er hat. Das mag besser sein als irgendwas total Bierseliges, das über das Rodeofeld called Ruhrpott hoppelt, bringt mich aber nicht zum Zucken. Infozettel ist doch noch da, hatte sich im Inlay versteckt. Gucke aber jetzt nicht drauf, die 10 Minuten sind eh um. Merke jetzt erstmal, wie müde ich bin. Danke Nord. Geht bitte woanders spielen, ich habe leider keine Zeit mehr für euch.
(m, ein kleines müdes m für diese ernsten jungen selbstzweifelnden Männer aus NRW.)
Mary Flanell

Diese Rezension wurde im FreeWriting-Verfahren nach Ken Macrorie und Peter Elbow innerhalb von 10 Minuten verfasst. Bis auf Rechtschreibfehler wurde nichts verbessert oder redigiert.

Freitag, 19. April 2019

SubCult – Klänge jenseits des Hauptstroms - 17.04.2019

SubCult – Klänge jenseits des Hauptstroms vom 17.04.2019 – mit Timbob Kegler und Studiogast SJ Cora.

Die Playlist:

1. Brute Minou – Désiré


2. Dane Joe – Down and out in Jerusalem and Berlin


3. Botanica – Dead Prophet


4. SJ Cora – Your friend forever


5. Wrackspurts – Rosa


6. Wargirl – Last time


7. Deafkids – Vox Dei


8. Deaf Kids – Pacto des Mascaras
9. Alien Fight Club – Alien Fight Club #1


10. Able Bodies- Punk #2


11. 19 Wiosen - Błękitny Express


12. Gary Flanell feat Felix Navidad – Rockaway beach (Sorry, no link. Too cool for the internet.)

Samstag, 13. April 2019

Krachmittag 2019 - die dritte Lichtenberger Noise-Matinee

Den Sonntagnachmittag darf man nicht dem Jazz überlassen, es muss gekracht werden.
Deshalb wird in der Remise in einem Lichtenberger Hinterhof kräftig gelärmt.

Zwei Bands, vier Personen.
Zwei Schlagzeuger_innen, zwei Bassisten. Liest sich wie Drum'n'Bass, ist aber was anderes.

KRÄLFE (Minimal Noise Rock, Berlin, https://www.facebook.com/kraelfe/)
+

ATOMVULKAN BRITZ (NoiseDubWave, Berlin, so neu, da gibt es nicht mal irgendeine SoundcloudBandcampMyspcaewünschdirwas-Seite)

Inklusive Kinderbetreuung für krachliebende Familien und Alleinerziehende,

05.05.2019
Einlass ab 14 Uhr,
Loskrachen ab 15 Uhr.
Magdalenenstraße 19, Berlin-Lichtenberg (U5, Ubhf Magdalenenstraße)


Sonntag, 24. März 2019

Angst vor blauem Himmel - Termine 2019 so far

Hier die Termine, an denen man Gary Flanell bis Mitte des Jahres live bei Lesungen aus seinem neuen Kurzgeschichtenband "Angst vor blauem Himmel" erleben kann.

29.03.2019 Lesen zwei Männer in einer Bar Soulcat, Pannierstraße 53, 12047 Berlin, 20 Uhr, mit HC Roth (Graz)

06.04.2019 Mokkabär, Frankfurter Straße 266, 38122 Braunschweig, 20 Uhr, m. Abel Gebhardt

23.04.2019 Lies los! - Lesebühne des Studierendenwerks Berlin, Skyline Mensa der TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin

16.05.2019 Lesereise NRW: Wohnzimmer, Cow Club Vereinsheim, Düsseldorfer Straße 87, 42697 Solingen, 20 Uhr, m. Philip Nussbaum

17.05.2019 Lesereise NRW: Brause - Vereinsheim des Metzgerei Schnitzel Kunstverein e.V., Bilker Straße 233, 40215 Düsseldorf, m. Philip Nussbaum und Alex Gräbeldinger

05.06.2019 Schanzenzelt-Festival, Schanzenpark, Hamburg, m. Abel Gebhardt

18.06.2019
Lies los! - Lesebühne des Studierendenwerks Berlin, Skyline Mensa der TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin

Montag, 25. Februar 2019

Pure Erschöpfung darf niemals siegen

Schöner Titel für eine Kolumne, das da oben. Wenn es das Renfield mal wieder in gedruckter Form gibt, und es darin überhaupt irgendwas zu schreiben, dann wird das eine Rubrik. Dann wird eh alles rubriziert, alles in Strukturen gepackt. Als hätte man einen Handwerkskoffer mit lauter Fächern, mal größer, mal kleiner, die befüllt werden könnten - mit Werkzeug, mit Schrauben, Ventilen, Klammern, Ösen, all dem Zeug, das hilft, um ein bißchen an dem Getriebe der eigenen geistigen Balance des jeweils Schreibenden zu drehen. Bis die interne Wasserwaage wieder im Gleichgewicht ist.

Ernsthaft, ich denke, das Schreiben an sich hat schon eine ausgleichende Wirkung. Dabei muss es noch nicht einmal zielgerichtet sein. Schreiben, so wie ich es gerade tue, ist derzeit eine kleine Warm-Up-Übung, um mich einzugrooven auf größere Dinge, die bald anstehen und geschrieben werden müssen. Warum also nicht schon mal das Schreibzentrum ein wenig auf Touren bringen, damit die Prokastination nicht all zu wild wird?

Im letzten Post ließ ich mich zu der Überflüssigkeit von Plattenkritiken aus. Dazu stehe ich immer noch. Vor allem, wenn eine Rezension eigentlich nur die basic facts vom Promozettel wiedergibt. Interessanter wird es, wenn der/die Schreibende ein wenig darüber reflektiert, was eine bestimmte Musik bei ihm/ihr auslöst. Dazu finde ich, eignet sich eine Rezension dann schon. Vielleicht probiere ich das jetzt mal aus. Die Stoppuhr stelle ich auf zehn Minuten. Danach ist Schluß. Los geht's.

DIE SCHWARZEN SCHAFE/NAKED AGGRESSION BREAK FREE SPLIT 7" - Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel. Das Wochenende hört scheiße auf, die Woche fängt schlecht an. Guter Grund um wieder ins Bett zu gehen. Komplett. Platten bestellt bei Elfenart, da kam die 7inch von DSS und NA mit. Hatte ich gar nicht bestellt. Wollte mich empören, tat ich aber nicht, denn die war als Reviewexemplar gedacht. Herrje, Deutschpunk und Anarchogeballer. Beides nicht meins, derzeit nicht und sowieso schon lange nicht mehr. Wenn ich jetzt auf dem Teppich liege, dann ist um mich herum folgendes: Angst (Dead Brothers), Reverend Beat-Man, Trixie Trainwreck, Czeslaw Niemen, Wargirl - großartig! Aber kein Schrubbel-Punk. Schwarze Schafe zuerst. Artwork sieht aus wie immer, schwarz-rot, Bröckel-Layout, Quasi-Schreibmaschinenschrift der Texte. Klingt auch so wie immer. Ich tue mich schwer. Verstehen kann ich das. Dass man als langlebige Punkband so seinen Stiefel fährt. Aber wie wär's mal mit was Neuem? Bißchen Experiment? Mal ein paar Dub-Remixe von DSS-Hits? Hörte, dass bei den Schafen jetzt einer von PARANOYA den Bass zupft. Macht es auch nicht frischer. Was sie tun in allen Ehren, aber wenn man eine DSS-Platte von vor, sagen wir 10-15 Jahren nimmt und die hier abspielt, man könnte nicht sagen, was neu wäre und was nicht. Gibt Leute, die nennen, das traditionell. Die wollen dann auch nichts Neues. Das ist dann Punk, oder was? Immer den gleichen Brei nochmal aufkochen? Jaja, auch diese Meckerei ist nicht neu, wir drehen uns im Kreis. Kann ich auch nix für. Spitzen-Lösungsansatz, Herr Flanell, Chapeau dafür. Das hier. Zieht mich aber nicht an und finde ich für mich total uninteressant. DSS sind wie Sterni trinken. Es geht irgendwie runter, aber ich stehe mehr auf Gin Tonic. Keine Ahnung, was das im Vergleich wäre. Sorry Armin. Noch zwei Minuten. Die sind für Naked Aggression. So Split-Buddies aus den USA von DSS. Finde ich tempomäßig etwas cooler, weil es da mehr anzieht, aber insgesamt für meinen Energielevel dann doch zu hektisch. Textlich auch so konkret, als wäre seit 1995 nix mehr passiert. Da... Der Wecker klingelt. (M für Naked Agression und O für Die Schwarzen Schafe auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala)

DIE SCHWARZEN SCHAFE/NAKED AGGRESSION - Break Free SPLIT 7", erschienen in einer Kooperation von Campary Records, Malok Records, Urinal Vinyl Records, Elfenart Rec., Black Wednesday Records und Malditos Vinilos.

Samstag, 29. Dezember 2018

Death of a genre - Pt.II

Ausgehend vom letzten Eintrag hier sind mir in den vergangenen Tagen einige Gedanken zu dem Thema durch den Kopf gegangen. Nach wie vor finde ich, dass Plattenrezensionen, abgesehen von den hard facts (Band, Titel, Label, Erscheinungsjahr, LP/CD/digital, Verfügbarkeit), eigentlich nur mehr wenig Relevanz haben. Wenn das, wie ich vermute, mit der fehlenden Zeit zu tun hat, die zum Schreiben infolge der Geschwindigkeit, mit der sich Informationen mittlerweile verbreiten, fehlt, dann müsste man vielleicht andere Wege des Rezensionsschreibens finden. Ein weiterer Aspekt ist auch die schiere Menge an Musik, die veröffentlicht wird und die Menge an Texten die zu Platten im Netz verfasst werden. Geht man von der Menge an verfügbarer Musik aus und der wenigen Zeit, die zum Schreiben bleibt, hilft vielleicht am besten: Entschleunigung. Die wird hier beim Renfield ja seit einiger Zeit erfolgreich praktiziert. Was Plattenkritiken angeht, ist dieser Blog in den letzten Monaten nicht besonders aktiv gewesen. Was ok ist.

Ein weiterer Punkt hat nur in zweiter Linie etwas mit Menge und Zeit zu tun: Es geht um Relevanz. Wenn ich auf eine sehr große Menge von Veröffentlichter Musik zugreifen kann, mir an jeder Ecke was von Labelmachern angeboten wird und ich mir die zeit nehme, vieles davon zu hören und zu rezensieren, dann wird es um so schwieriger, sich nicht zu wiederholen, nicht wiederzukäuen, was im Infoschrieb steht. Leider sind noch nicht viele Wege gefunden, um aus dem notorisch öden Rezensions-Sprech mit Namedropping, Rock'n'Roll-Floskeln, Nacherzählung der Bandhistorie und pseudo-objektiver Notenvergabe rauszukommen. Vieles bleibt Mittelmaß, denn der Großteil der veröffentlichten Musik ist ja nicht mal richtig schlecht, sondern eben irgendwie gut gemacht, aber nichts besonderes. Für das wirklich grottige Zeug will man seine Zeit und Energie auch nicht verschwenden und die richtig guten Platten - sie sind selten und das ist irgendwie auch gut so.

Wenn ich weiter darüber nachdenke, merke ich, was mir bei vielen Kritiken fehlt. Eine gewisse Subjektivität des/der Autor*in. Wie schon oben gesagt. Die normalen Infos plus Verweis auf Klingt-wie-so-und-so-in-ihrer-Post-80s-90s-Depro-NYC-Phase, das ist schnell gemacht. Für eine formale Beschreibung einer Platte kann man auch auf diverse Algorithmen im Netz zurückgreifen, um herauszufinden, ob es einem/einer taugt. Interessanter wäre es zu lesen, was in dem/der Schreiber*in so vorgeht, wenn sie die Platte hört. Kann von cool inszenierter Langeweile bis zu totaler Euphorie ja alles sein. Vielleicht sollte man in Rezension mehr Bilder, mehr Vergleiche nutzen, um die Stimmung nachzuvollziehen, die eine Platte auslöst. Und vielleicht geht es dann auch weniger darum, die Platte mit einer Bewertung in Form von Noten, Sternchen oder Klötzchen zu versehen. Damit, so finde ich, bietet man dem Leser eine schön rationale Einschätzung, nimmt ihm aber auch die Möglichkeit, mal etwas auszuprobieren. Ich glaube, wenn all diese Bewertungssysteme weg fielen, wären viele Hörer ziemlich irritiert. Denn der erste Blick geht ja mal auf die Zahl der Punkte. Was einem/einer ja schon mal eine erste Einschätzung vorwegnimmt.

Wie könnte man aber an dieses Subjektive, Nicht-Formale herankommen, um eine Kritik interessanter zu machen? Vielleicht macht es Sinn, sich dabei des "Free Writing" zu bedienen, eine Methode, um in einen Schreibfluß zu kommen. Es ist eigentlich ganz einfach. Und macht Spaß.
Es ist sogar so einfach, dass ich sage, wenn es in Zukunft Rezensionen auf dem Renfield-Blog gibt, dann werden die nur noch nach Art des Free Writings verfasst.

Spielen wir das doch mal durch:
Du willst eine Rezension über das neue Album von Band XYZ schreiben.

1. Platte anhören. Dabei schon mal Artwork anschauen. Infozettel lesen. Letzteres nur eventuell. Kann man auch weglassen (großes Sorry an den/diejenige, die den Pressetext dann für Nüsse geschrieben hat. Wir schätzen deine Arbeit trotzdem.).

2. Wecker oder Timer auf 10 Minuten stellen.

3. 10 Minuten schreiben. Ununterbrochen schreiben. Egal ob langsam oder schnell, Hauptsache schreiben. Thema ist diese Platte, aber was du schreibst, ist erstmal vollkommen egal. Du kannst auch 10 Minuten lang schreiben "Mirfälltnichtsein, mirfälltnichtsein, mirfälltnichttseiin" usw. Egal. Hauptsache du schreibst. Es müssen keine Sätze sein. Hauptsache schreiben.

4. Nach 10 Minuten aufhören. Auf eventuelle Rechtschreibfehler checken. Vielleicht schauen, was man rausnehmen will.

5. Wenn es ein Verlangen nach Veröffentlichung auf diesem Blog gibt, den Text an renfield-fanzine@hotmail.de schicken. Es wird von dieser Seite nur zart redigiert. Das hier ist keine Journalistenschule, wir vergeben keine Preise und zahlen auch nix. Dafür wurden wir bisher auch noch nie von Claas Relotius verarscht.

Fertig. Das war es schon.

Ich wünsche allen Lesern dieser Zeilen einen kuschlig weichen Jahresendtransfer.

Gary Flanell

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Death of a genre - die Plattenrezension

Kein Mensch braucht mehr Plattenrezensionen. Gut und schlecht geschriebene Kritiken sind mittlerweile total unbrauchbar für die Beschreibung von Musik geworden. Warum?

Die schlecht geschriebenen sind unnötig geworden, weil sie eigentlich nur Umformulierungen dessen sind, was die Labels mit dem Stream oder der Promo-CD schicken und den Redakteuren diverser Musikmedien auf den Zettel schreiben. Formale Informationen sind das. Infos, wer mit wem und wann mal ins Studio gegangen ist, wen man sich als Backgroundsänger für Track Null, acht und 15 dazugeholt hat, welche Techniken und Instrumente diesmal - total verrückt - zum Einsatz gekommen sind und ja außerdem, was noch total wichtig ist, wäre.... PFFFFT! Langweilig! Uninteressant!

Wenn man eh nur das, was auf dem Waschzettel zu Platte X steht, wiederholt, dann kann man es gleich sein lassen. Das passiert leider häufig genug bei schlechten Plattenrezensionen. Die oben genannten Infos kann sich jeder, der im 21. Jahrhundert einigermaßen medienkompetent ist, schnell selber aus dem Netz ziehen, mit freundlicher Unterstützung der Informationshausmeister Google und Discogs.
Ein netter Trick, der allerdings die eigene komplette Hilflosigkeit und Desinteresse gegenüber einer Veröffentlichung darzustellen, ist das Zitat einer älteren Rezension zum gleichen Künstler. Wenn mir nichts mehr einfällt, der Text aber doch noch viel zu kurz ist, dann schreib ich doch mal beim Banknachbarn ab: "Wie ich schon beim Debut schrieb..." oder "Wie XYX schon in seiner Rezension in Heft No. WRXL so treffend bemerkte..."
Auch das: PFFFFT! Langweilig! Uninteressant!

Diese schlechten Rezensionen sind ein Ärgernis, das Problem liegt allerdings woanders: Im Zeitdruck. Dank digitaler Verschiffung passiert alles im popkulturellen Kontext mittlerweile rasend schnell. Platte kommt raus, Info wird verschickt, in zwei Minuten hast du sie auf dem Rechner, kannst alles anhören und anschauen und dann.... muss was passieren. Dann musst du am besten sofort schon was Prägnantes schreiben. Denn die anderen sind genauso schnell und vielleicht sogar schneller. Wie auch immer die das hinbekommen. Aber unter Zeitdruck kommt selten etwas gut geschriebenes raus. War ja schon bei Klassenarbeiten so. Wenn du nach 30 Minuten noch vor dem leeren Blatt sitzt, dann hilft es eben nur beim Banknachbarn abzuschreiben (s.o.), oder den kompletten vorgegebenen Text aus dem Geschichtsbuch zu kopieren. Beides ist am Ende... PFFFFT! Langweilig! Uninteressant!
Genau so ist es mit den schlechten Plattenrezensionen. Und weil das Wiederkäuen der eh schon verfügbaren Information nichts bringt - nicht mal Geld, sind wir mal so ehrlich - können wir es auch einfach lassen und uns den schönen, entspannteren Textformen zuwenden.

Die gut geschriebenen Plattenrezensionen sind aber auch überflüssig. Und so selten geworden wie Einhörner im Hambacher Forst. Um eine gute Plattenkritik zu schreiben braucht es ausreichend Zeit. Und ausreichend Raum. Raum, in dem die Zeichen, Buchstaben und Gedanken so munter galoppieren können wie Wildpferde über eine baumlose Prärie (Nicht Einhörner. Die leben im Wald). Raum auf einem Blog, auf einer Homepage, in einem Magazin. An diesen Aspekten scheitert es. Zeit und Raum und Aufmerksamkeit - gibt's alles nicht mehr.

Vor wenigen Monaten konnte man mit Grausen erleben, wie die Spex untergangen ist (Die Spex! The unsinkable majesty of Diskurs-Bingo! Bitte fügen Sie hier wahlweise eine TITANIC- oder DINOSAURIER-Metapher ein), eben weil sich das Printgeschäft für Musikmagazine
einfach nicht mehr lohnt. Das Interesse an gut gemachten Artikeln und Rezensionen über Alben und Songs ist sicher da, aber es fehlt die Zeit, um sie anständig zu schreiben.
Auch die Aufmerksamkeitsspanne, um etwas konzentriert zu Ende zu lesen ist oft nicht mehr gegeben. Selbst dieser Text wird wahrscheinlich von 3/4 der Anklickenden nicht bis zum Ende gelesen. Das Problem ist das gleiche wie bei schlecht geschriebenen Kritiken: Alles muss sehr schnell gehen. Gerade gehört und während du bei Track 3 bist, am besten schon 4500 Zeichen in Typo3 reingehackt. Schön ist sowas nicht. Aber schnell und gut geschrieben, das schließt sich eigentlich aus.

Wie sähe aber eine gut geschriebene Plattenrezension aus? Wie stelle ich mir das vor?
Vielleicht so: Erstmal in Ruhe einmal die Platte hören. Eine Platte, an der ich wirklich Interesse habe. Nicht irgendwas, das mir der gestresste Redakteur hinknallt, weil es ins Heft muss (weil Plattenfirma Anzeige bezahlt) und für das ich dann eine Rechnung über 30 Euro ausstellen kann. Also anhören. Von vorn bis hinten. Nicht skippen müssen. Am besten zuhause, dann nochmal im Büro. Beim ersten Mal nicht über Kopfhörer, sondern im freien Raum. Später dann nochmal in verschiedenen Situationen: Unterwegs, zuhause, abends, morgens, allein, mit der/dem Freund*in, mit Kolleg*innen. Vielleicht bringst du die Leute in deiner Lieblingsbar dazu, sie mal aufzulegen. Eine Woche Zeit dafür haben. Nur zum Hören. Vielleicht schon mal ein bißchen Recherche betreiben.
Cover anschauen, Texte studieren, Info vom Waschzettel in Ruhe lesen. Dann noch eine Woche Zeit nehmen. Das ganze sacken lassen. Auf kleiner Bewusstseinsflamme köcheln. Dann noch eine Woche, wenn möglich zwei, zum Schreiben. Dann die Deadline reißen. Mit Absicht und Gelassenheit. Noch eine Woche später einen wirklich guten Text abgeben. Über Zeichenzahl können wir reden. Meinetwegen den etwas fahrig wirkenden Redakteur alles zerrupfen lassen. Aber das gute Gefühl haben, eine Platte mit Zeit und Muße einer Begutachtung unterzogen zu haben, die sie und auch der Schreibende verdient. Was der Redakteur mit den Augenringen damit nach der Abgabe macht, ist egal. Mein Baby bleibt bei mir, so wie ich es schuf.

Und jetzt die traurige Wahrheit: Für all das ist keine Zeit mehr. Deshalb sind Plattenkritiken, so wie es sie gibt und wie wir wie seit Jahrzehnten kennen, extrem unnötig geworden. Die eine Variante ist belanglos und die andere heutzutage nicht mehr realisierbar. Vielleicht müsste man sich neue Wege und Techniken zum Schreiben von Rezensionen überlegen. Die die Aspekte zeit und inhaltliche Tiefe gleichermaßen berücksichtigen. Denn die Information über neue Musik zu verbreiten, Künstler und Alben bekannter zu machen, das ist immer noch wichtig. Dazu reichen aber drei Zeilen und ein Link.