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Donnerstag, 23. Juli 2026
Punk und mehr in Süd-Afrika: Die Story von Shifty Records
Lloyd Ross startete 1982 mit seinem Partner, dem Musiker Warrick Sony, in Südafrika das Label Shifty Records. Zu Zeiten der Apartheid veröffentlichte Shifty mehr als 100 Singles, Tape- und Vinyl-Alben, die stilistisch von lokaler Tanzmusik über UK-inspirierten Punk und Postpunk bis zu Arbeiterchören, Folk und Spoken Word reichten. Die Künstler*innen waren Schwarz, weiß und nach dem südafrikanischen Kastensystem „coloured“, sie sangen und rezitierten auf Englisch, Afrikaans, Xhosa, Zulu und anderen indigenen Sprachen. Was die auf Shifty veröffentlichten Alben gemeinsam hatten, war, dass sie aufgrund ihrer politischen Texte anderswo keine Chance auf Veröffentlichung hatten. Auf der Compilation „Shifty Records Best of the 80’s“ hat Lloyd Ross ein paar der prägenden Songs der aktivsten Shifty-Ära zusammengestellt. Eric hat ihn angerufen.
Eric: Lloyd, freut mich, dich kennenzulernen. Du siehst auf der Platte jünger aus!
Loyd:(lacht höflich) Ja, das war so ziemlich das erste Mischpult, das du da siehst, und die ganze Ausrüstung ist im Grunde das, womit wir 1983 im Wohnwagen angefangen haben. Damit konnte man überall hinfahren. Es war ein mobiles Studio.
E: Um deine Geschichte nachzuerzählen, würde ich dich bitten, dich in dem Kontext dieser Zeit und dieses Ortes zu verorten. In Südafrika hast du einer Minderheit innerhalb der weißen Minderheit angehört – der britischen.
L:Ja, genau. Meine Eltern waren Einwanderer aus Irland.
E: Irland, Entschuldigung.
L:Nein, schon gut, denn sie waren britische Iren. Sie kamen also aus Nordirland. Und ich bin Südafrikaner der ersten Generation, geboren 1957. Sie kamen wahrscheinlich drei oder vier Jahre zuvor an. Ich wuchs also in einem sehr seltsamen Land auf, das, wie du weißt, schließlich zum Paria in der Welt wurde. Es war also ein sehr interessanter Ort zum Aufwachsen. Wenn man schon früh ein politisches Bewusstsein entwickelt, stellt man sich all diese Fragen, weil einem von den wenigen Medien, die es immer nur eines erzählt wurde. Das war das Radio, denn Fernsehen war in Südafrika verboten, bis 1974, 1975.
E: Wow.
L: Als calvinistisches Regime betrachteten sie es als Teufelswerk...
E (lacht): Da war vielleicht was dran, aber ich verstehe deinen Punkt.
L: Da mag was dran sein, aber nein, so geht das nicht. Man kann nicht einfach so kreative Entscheidungen für andere treffen. Schon als kleines Kind, vielleicht mit sieben oder acht Jahren, merkte ich, dass da etwas nicht stimmte. Mir wurde immer beigebracht, Ältere zu respektieren. Und ich sah, wie Schwarze auf der Straße völlig respektlos behandelt wurden. Ich konnte das einfach nicht begreifen. Später begriff ich dann dieses ziemlich perfide System, das dem großen Sozialprojekt Südafrika aufgezwungen wurde.
E: Wie hast du Gleichgesinnte gefunden und was hat dich dazu gebracht, diese vom System gezogenen Grenzen zu ignorieren oder zu untergraben?
L: Ich denke, jeder, der irgendwo lebt und anfängt, ein System zu hinterfragen, findet Gleichgesinnte, sei es in der Kunst, in der Literatur oder – wenn auch seltener – im Arbeitsumfeld. Denn die Arbeit war damals stark reglementiert. Es gab weiße Aufseher und schwarze Arbeiter.
Doch in der Kunst gab es eine große Gruppe von Menschen, die sonst keinen Zugang zur Kunst gefunden hätten. Es gab kaum Künstler ohne politisches Gewissen in der Musikindustrie. Aber die gesamte Branche funktionierte nach dem Prinzip des Kommerzes und des Plattenverkaufs, wie jede andere Branche auch. Mit Shifty gingen wir von einer völlig anderen Perspektive aus. Ich dokumentierte die Geschehnisse, weil es sonst niemand tat. Anders gesagt: Ein wirklich großartiger Song mit problematischem Text wurde weder im Radio gespielt noch aufgenommen. Und genau solche Inhalte interessierten mich, weil sie für mich sehr realitätsnah waren, indem sie die Geschehnisse im Land widerspiegelten. Es war für mich sehr eindrucksvoll, dass Künstler sich so stark engagierten.
Es ging nicht nur um den politischen Widerstand gegen das Regime, sondern auch um wirtschaftliche Belange. Ohne Radioeinsätze war eine Karriere praktisch unmöglich. Es gab nur wenige Orte für Live-Konzerte, vielleicht ein paar in Johannesburg, ein oder zwei in Kapstadt. Hin und wieder gab es vielleicht in Durban einen Ort, wo man touren und vor Gleichgesinnten spielen konnte. So war die Lage damals.
Das änderte sich im Laufe der Achtzigerjahre. Es gab immer mehr Auftrittsmöglichkeiten, da ein größerer Anteil der weißen Bevölkerung, insbesondere der Afrikaans sprechenden, also der Kinder der Unterdrücker, an den Universitäten studierte und sich an solchen Veranstaltungen beteiligte. Das ermöglichte uns Ende der Achtzigerjahre diese große Tournee durchs Land. Es war eine Art Afrikaans Rebel tour. Wenn wir mal eine Compilation mit Musik aus den Neunzigern machen, kommt die mit rein. Wir müssen nur abwarten, wie sich die Achtziger-Compilation verkauft. Das ist unsere zweite Veröffentlichung über Subterranean, und wir müssen einfach sehen, wie es sich wirtschaftlich entwickelt, denn ich kann es mir nicht leisten, solche Sachen zu finanzieren, wenn sie sich nicht verkaufen?
E: Als ich die Liner Notes las und die Compilation hörte, musste ich unweigerlich an Labels wie Two Tone denken. Wenn ich sehe, dass ihr verschiedene Kulturen in eurem Künstlerkader vereint habt – Schwarze, Weiße und coloured – und diese musikalische Mischung kreiert habt.
L: Shifty war ein Zuhause für Künstler, die sonst nirgends ein Zuhause fanden. Wir wollten gar nicht bewusst auf Diversität setzen. Es hat sich einfach so ergeben, dass die Musik, die ich aufnehmen wollte, im Grunde von Menschen handelte, die über ihre soziale und persönliche Situation sprachen, ohne die üblichen Pop-Klischees zu bedienen, ohne dass sich alles ständig um Blumen, Schwalben und Liebe drehte. Für mich lag die Kraft der Musik meist in den Texten.
Manche Musik, besonders die auf Afrikaans gesungenen Stücke, sind musikalisch nicht so interessant. Hör dir zum Beispiel die Gereformeerde Blues Band an, die sich mit ihrem Namen ironisch auf die Gereformeerde Kerk, die Reformkirche bezog. Ihre Musik ist im Grunde Rock ’n’ Roll der 70er und 80er, aber die Texte machen sie zutiefst südafrikanisch. Genau das habe ich gesucht. Und zufällig waren die Leute, die das machten, so etwas wie die Dichter des Volkes: die [Kaapse] Klopse-Szene in Kapstadt und der Ghoema-Sound, ebenfalls in Kapstadt – ein ganz eigener Sound. Es gab auch Theaterproduktionen und so weiter. All das zog Shifty irgendwie an.
E: Mich würde interessieren, inwieweit auch euer DIY-Ansatz und die Musik vom britischen Punk beeinflusst waren? Seid ihr zwischen London und Südafrika gereist?
L: Ich war 1977 für eine Weile in Europa, aber die meisten Musiker, die wir aufgenommen haben, gehörten eher der Mittelschicht an, oft der unteren Mittelschicht der weißen Bevölkerung. Leute wie James Phillips aus Springs, der mit seiner Band Corporal Punishment spielte, konnten sich eine Reise nach Übersee nicht leisten. Aber wir kannten den Sound. Die Punk-Welle kam 1976/77 in Großbritannien auf und erreichte Südafrika 1978/79, als Corporal Punishment anfingen. Im Radio lief die Musik nicht, man musste also in Plattenläden gehen und aktiv danach suchen. Und dann gab es natürlich noch die Musikzeitschriften wie den New Musical Express, die wir hier sehr eifrig lasen, damit aber immer drei Monate hinterherhinkten. Um ein Exemplar zu bekommen, musste man auf das Schiff warten. Nein, viel Kommunikation oder gar Reisen gab es eigentlich nicht. Wir waren ziemlich isoliert.
E: Hattet ihr auch vor, diese Musik zu exportieren, um die Leute international auf das aufmerksam zu machen, was da vor sich geht? Und wie weit seid ihr damit gekommen?
L: Das war immer unser Traum, einen großen internationalen Hit zu landen. Wer würde sich das nicht wünschen? Für uns als eher kleines Label wäre eine ordentliche Geldspritze großartig gewesen. Aber wir wurden von den Schweden unterstützt. Sie haben uns eine Zeit lang finanziert, etwa drei oder vier Jahre lang, von 1986 bis zum Regierungswechsel (in Südafrika), was fantastisch war.
E: „Die Schweden“? Wurden ihr vom Staat selbst, über das Auswärtige Amt, finanziert, oder von einer NGO oder einem privaten Unternehmen?
L: Es war eher eine diplomatische Angelegenheit. Es war SIDEA, die staatliche Förderagentur. Sie brachten uns mit einer sehr musikorientierten Jugendorganisation in Schweden namens Kontaktnätet zusammen, was, glaube ich, Netzwerk bedeutet.
Sie flogen mich dorthin, und ich lernte diesen jungen Mann kennen, und wir freundeten uns schnell an. Wir blieben befreundet, bis er vor etwa vier oder fünf Jahren starb. Die Förderagentur wollte uns unbedingt helfen und fand daher eine Organisation mit ähnlichen Interessen in Schweden. Diese leitete das Geld an uns weiter, um unsere Arbeit zu überwachen, was verständlich war. Das lief drei oder vier Jahre lang und finanzierte Gehälter und etwas Equipment. Und dann, am wichtigsten, eine PA-Anlage, die wir Ende der Achtziger für unsere große Tournee nutzten. Wir mussten ja auch den Transport bezahlen.
Ich glaube, wir wurden damals für die Tour auch ein bisschen von den Kanadiern finanziert. Davor habe ich mein Geld selbst verdient und alles, was ich eingenommen habe, ins Studio gesteckt. Wir hatten dann auch ein paar Veröffentlichungen im Ausland. Es gibt ein Label namens Piranha in Deutschland, von Christoph Borkowsky Akbar, denn du vielleicht kennt. Sie haben Mzwakhe Mbuli, The People’s Poet mit seinem Album „Change Is Pain“ veröffentlicht, und ich glaube noch ein weiteres. Dann gab es noch Earthworks, das von Jumbo Vanrene geleitet wurde und „Sankomota“ herausgebracht hat. Später wurden es Teil von Island Records. Sie haben also ein Album [von uns] herausgebracht, und Rounder Records in den USA hat tatsächlich ein paar unserer Platten veröffentlicht: „Various Artists for the End of Conscription Campaign“, „Mzwakhe Mbuli“ und die Compilation „FOSATU Worker Choirs“, weil Rounder Records sich ja ein bisschen in der Smithsonian-Tradition sieht.
E: Es gab also Momente, in denen ihr euch ermutigt fühltet und dachtet: „Okay, wir können das weiterführen.“
L: Ja, es war wirklich toll, diese Unterstützung zu bekommen, auch wenn sie finanziell nicht viel brachte. Denn die Leute kaufen Musik nicht aus Solidarität, und es waren alles sehr kleine Labels. Wir haben jeweils nur ein paar hundert Exemplare verkauft. Unsere Haupteinnahmen kamen also aus Südafrika.
E: Wo ihr gleich zu Beginn auf Hindernisse gestoßen seid. Ich habe gelesen, dass „International News“ von National Wake nach nur vier Exemplaren verboten wurde. Man durfte es einfach nicht mehr verkaufen. Stimmt das?
L: Nun, um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher. Wenn Ivan [Kadey] das sagt, dann stimmt es. Aber Shifty hat das nicht veröffentlicht. Das war vor Shifty. Die beiden Stücke von National Wake und Corporal Punishment auf dem Album stammen aus der Zeit vor Shifty, aber sie haben sozusagen die Tür für Shifty geöffnet. Ich kannte Ivan, weil ich mit ihm in einem Haus in Parktown wohnte. Es war eine große Kommune, in der seine Band untergebracht war. Es herrschte Chaos, aber die Atmosphäre war unglaublich. Und dann gab es da noch Corporal Punishment, die Band aus Springs. Die Jungs waren beim Militär. Daher kommt ihr Name.
E: Ok, ich verstehe.
L: Die waren ebenfalls gewissermaßen pre-Shifty. Ich war an den Aufnahmen mit Corporal Punishment beteiligt, aber nicht wirklich an Ivans Aufnahmen. Ich habe ein paar Demos mit ihm gemacht und so, bevor wir richtig loslegten, bevor wir das Studio einrichteten und die Hauptausrüstung kauften.
Was das Verbot angeht, gab es verschiedene Stufen von Verboten, insbesondere für Kulturgüter wie Schallplatten und andere greifbare Kulturgüter. Eine Stufe war das Verbot des Vertriebs. Eine andere das Verbot der Radioausstrahlung. Und die dritte Stufe war das Besitzverbot, und das war die schlimmste. Wenn man damals mit einer Teetasse mit Mandela darauf erwischt wurde, konnte man im Grunde fünf Jahre Gefängnis bekommen.
Das Mzwakhe-Album zum Beispiel war eines der wenigen Alben, deren Besitz verboten war. Wir haben es schließlich auf Kassetten vertrieben, aber ohne jegliche Beschriftung. Und das wurde unser größter Verkaufsschlager, weil es sich durch Mundpropaganda verbreitete und gar nicht in normalen Plattenläden, sondern nur in Fahrradläden im ganzen Land verkauft wurde. Und natürlich kauften es hauptsächlich Schwarze.
Dann wurde ein Großteil unserer Musik, ich würde sagen, 80 % davon, die wir der SABC eingereicht hatten, vom Radio verboten. Ein paar Titel wurden auch vom Vertrieb verboten. Am lustigsten ist die Geschichte von Warwick, mit dem ich viele Jahre lang das Studio leitete, nachdem Ivan nach L.A. gegangen war. Ja. Seine Band hieß Kalahari Surfers. Sie hatten ein Album namens „Bigger Than Jesus“. Und der Titel des Albums wurde verboten. Er basierte auf einem Zitat von John Lennon, aus dem Jahr 1966 glaube ich. Warwick nannte die Platte schließlich „Beach Bomb“, und die SABC sagte: „Okay, gut.“ Also mussten wir Aufkleber auf die Vorderseite des Albums kleben, und dann war alles in Ordnung.
Das Interessante war wohl, dass wir, weil wir ein Nischenlabel waren und hauptsächlich an ein Nischenpublikum verkauften, von der Polizei kaum beachtet wurden. Wir hatten also in dieser Hinsicht ziemlich viel Freiheit. Bei manchen Konzerten wurde Tränengas eingesetzt und so weiter. Aber abgesehen von Mzwakhe Mbuli, dem Volksdichter, gab es keine wirklich heftigen Vorfälle. Er landete erst für ein oder zwei Monate im Gefängnis, dann fast ein Jahr, kurz bevor wir sein zweites Album aufnahmen. Und schließlich saß er insgesamt acht Jahre im Gefängnis. Aber das hatte nichts mit Musik zu tun. Das ist eine ganz andere Geschichte, und es ist immer noch völlig unklar, warum.
E: Warum wurde er verurteilt?
L: Er kam wegen Bankraubs ins Gefängnis, im Grunde genommen … Aber es ist völlig unklar, ob er da überhaupt beteiligt war. Es gab wohl einen Streit zwischen ihm und einem der hochrangigen ANC-Leute wegen Korruption, und vielleicht wurde ihm da etwas angehängt. Wir wissen es nicht.
E: Wie ist es ihm danach ergangen?
L: Er lebt noch. Er ist ein Überlebender, aber … ich würde ihn nicht zu meinen Freunden zählen, um es mal so auszudrücken. Die meisten anderen Musiker hingegen schon. Ich glaube, es war die Einzelhaft. Er saß acht Monate lang da, und ich denke, das hat bei ihm wirklich etwas ausgelöst.
E: Du hast die Kalahari Surfers erwähnt. Sie waren die einzige Band aus deinem Repertoire, die ich kannte, weil einige ihrer Songs irgendwann mal in Deutschland über Echo Beach Records wiederveröffentlicht wurden. Ich vergleiche sie gedanklich mit The Ruts oder The Clash.
L: Aber Warwick [Sony] war schon immer sehr an ungeraden Taktarten interessiert. Es ist also definitiv kein geradliniger Punk. Wenn man es schon Punk nennen will, dann eher schwieriger Punk, okay? Und viele zerhackte Stimmen und so weiter, Stimmen werden geschnitten und auf interessante Rhythmen gelegt, aber alles ist sehr, sehr politisch. Warwick wohnt übrigens hier gegenüber von mir.
E: Ist er noch bei Shifty dabei, oder machst du das jetzt alleine?
L: Nun ja, was soll das heißen? Im Grunde ist es ein Backkatalog, verstehst du? Ich habe schon lange nichts mehr aufgenommen. Es ist also wirklich nur ein Backkatalog. Und ich denke, wenn man älter wird, fängt man an, sein musikalisches Erbe zu verwalten. Ich habe also im Archiv gekramt, und wir machen jetzt diese Podcasts, Warwick und ich.
E: Sankomotas selbstbetiteltes Album war das erste, das du komplett wiederveröffentlicht hast. Die Band war damals schon verboten und im Exil in Lesotho.
L: Das stimmt. Das war, bevor ich sie aufgenommen habe. Sie hatten einen Frontmann namens Black Jesus, was in Südafrika, nun ja, nicht gerade cool ist, sich als Sänger Black Jesus zu nennen. Es ging aber auch um seine politischen Aussagen.
Als ich die Gruppe in Lesotho entdeckte, arbeitete ich gerade am Ton für einen Dokumentarfilm. Ich traf sie zufällig in einem Hotel, wo sie gerade einen Auftritt hatten. Die Band bestand damals nur aus drei Mitgliedern. Das war der Kern der Band, die wir später aufnahmen. Sie hatten es ziemlich schwer, weil sie nirgendwo hinkamen. Lesotho ist das einzige Land der Welt, das komplett von einem anderen Land umschlossen ist. Mir fällt kein anderes ein. Es gibt vielleicht kleine europäische Fürstentümer wie Monaco, aber die haben Zugang zum Meer, nicht wahr?
Sankomota hatte kein Geld. Es war ihnen unmöglich, auf Tournee zu gehen oder auch nur irgendwo aufzunehmen, da es in Lesotho keine Tonstudios gab. Sie saßen also wirklich fest. Und ich hörte einfach ihren Sound als Trio. Ich war sofort begeistert. Es passte einfach perfekt. Zu dieser Zeit war das Studio endlich so weit, dass wir mit den Aufnahmen beginnen konnten. Wir hatten also die Achtspurmaschine. Wir hatten das Mischpult, das ihr auf dem Coverfoto seht, ein paar externe Geräte und den Wohnwagen, mit dem wir das Studio transportieren und dort aufbauen konnten, um die Jungs aufzunehmen. Es war unglaublich aufregend, aber ich war auch sehr nervös, weil es meine erste größere Studioaufnahme war. Es war der erste Versuch, diesen Traum, den wir hatten, in die Tat umzusetzen. Ivan wollte gerade in die USA fliegen, konnte also nicht mitkommen. Das hat mich auch sehr beunruhigt. Warwick kam schließlich doch mit. Er war zu dem Zeitpunkt gerade von Kapstadt nach Johannesburg gezogen.
E: So wie vorher du selbst, oder?
L: Ich komme auch aus Kapstadt. Ich war, glaube ich, 1978 in Joburg, um mit einer Band namens The Radio Rats zu spielen. Die kommen auch aus Springs, genau wie Corporal Punishment. Springs liegt am East Rand. Sehr industriell geprägt. Tatsächlich soll Springs nach Miami die zweitmeisten Art-déco-Gebäude haben. Damals war es aber eher ein trostloser Industrieort, wo es nicht mehr so viele Jobs gab wie früher. Ich habe die Jungs dann auf der Durchreise durch Johannesburg gehört. Lustigerweise hast du ja nach Europa und dem Austausch gefragt. Ich war 1977 in Europa, habe mich total der Punk-Szene angeschlossen und war acht Monate dort.
Als ich zurückflog, habe ich ein oder zwei Nächte in Johannesburg verbracht und mir eine Band im Market Theatre angesehen, das von da an viele Jahre lang das Zentrum des Protesttheaters in Südafrika und Johannesburg war. Die Band hieß The Radio Rats. Und ich hatte mir geschworen, dass ich da mitmachen würde. Ich habe mich quasi in die Band gedrängt. Ich bin mit meinem Freund, einem australischen Schauspieler, nach Kapstadt gefahren. Sie mussten mir ein Vorsprechen geben, also habe ich ungefähr acht Monate mit ihnen gespielt. Dann bin ich kurz zurück nach Kapstadt und anschließend nach Johannesburg gegangen, um mein Glück in der Filmbranche zu versuchen. Und da fing alles an.
E: Haben dich diese Jobs beim Film also über Wasser gehalten und dir ermöglicht, Geld in dein Labelprojekt zu investieren?
L: Es war im Grunde mein Hauptberuf, den ich viele Jahre lang ausgeübt habe, bis die Schweden anfingen, uns zu finanzieren.
E: Verstehe. Was sind eure nächsten Veröffentlichungen?
L: Darüber haben wir uns noch nicht endgültig entschieden. Wir hatten uns aber überlegt, dass wir, falls die beiden anderen erfolgreich sind, ein Album eines Künstlers und anschließend einen Sampler herausbringen. Danach folgt ein weiteres Album eines anderen Künstlers und wieder ein Sampler, wahrscheinlich „Shifty 90’s“. Als Nächstes planen wir Genuines, eine Band aus Kapstadt. Sie waren musikalisch definitiv die talentiertesten Musiker, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Sie waren sehr schillernde Persönlichkeiten mit interessanten Geschichten, aber James Phillips war wohl der interessanteste Komponist. Er war bei Corporal Punishment und später bei den Cherry Faced Lurchers. Auf der Compilation ist der Song „Shot Down“ von ihnen, eine wunderschöne Ballade. Ich finde, es ist eine der besten Balladen, die damals über den Kampf gegen die Gewalt geschrieben wurden.
E: Habt ihr noch Kontakt zu diesen Künstlern? Könntest du so etwas wie eine Präsentation der Shifty-Künstler organisieren?
L: Wir machen das alle zehn Jahre, beginnend mit 30. 2014 gab es Shifty 30 und 2024 Shifty 40. Das waren Live-Events mit ausschließlich Shifty-Musikern.
E: Vielen Dank, Lloyd, für deine Zeit, all die Musik, und alles Gute für die Zukunft!
Eric Mandel
Mehr Infos zu Shifty Records gibt's auf der sehr ausführlichen Homepage des Labels - oder auf der Bandcampseite.
Labels:
Eric Mandel,
Interview,
Lloyd Ross,
Punk in Südafrika,
Shifty Records,
Shifty Records Best of the 80’s,
Südafrika,
Underground music in South Africa
Donnerstag, 16. Juli 2026
RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche
Rike van Kleef arbeitet in „Billige Plätze“ schonungslos die Missstände in der Musikbranche auf, die auf patriarchalen und rassistischen Strukturen fußen und fesselt durch ihren mitfühlenden und ehrlichen, aber keineswegs zurückhaltenden Schreibstil. Ich habe mich wiedererkannt.
Das Buch zeigt, dass dieses Gefühl, das ich verspüre, wenn mich wieder einer der Tontechniker mansplained, oder wenn die ganzen Kerle zu unserem Gitarristen rennen, um ihm ganz in der Bro-Culture-Manier auszudrücken, wie er abgerissen hat und man ja merke, dass er das Genie hinter der Band sei, und das, obwohl der Front-Gesang von einer Flinta* besetzt ist, eigentlich kein Gefühl ist, sondern die Wahrnehmung einer benachteiligenden Struktur.
Besonders spannend waren für mich die beschriebenen Rollen, die Flinta*-Besetzungen in Alternative Rock Bands einnehmen. Insbesondere die tragende, zurückhaltende Rolle am Bass hatte in mir einen Reflexionsprozess ausgelöst. Denn genau diese Rolle habe ich ja auch angenommen.
Ich bin generell kein super extrovertierter Mensch, und auch, wenn ich die Bühne liebe, gibt es für mich jene Tage, an denen ich mich lieber im Hintergrund halte. Das liegt jedoch nicht nur in subjektiven Dispositionen, sondern entspringt auch der Erfahrung, immer wieder abgewertet zu werden. Sprüche wie „Das, was du da spielst, könnte ich ja auch.“ oder „Machst ja ‘ne ziemliche Show!“ – Sprüche, die unserem Gitarristen und unserem Schlagzeuger nie unterkämen.
Flinta* müssen in der Musikszene immer mehr geben als ihre männlichen Kollegen, sie müssen besser sein. Auch das wird in „billige Plätze“ thematisiert. Das Buch wirkt wie eine schmerzliche Genugtuung, die Bestätigung einer Wahrnehmung, die ich am liebsten nicht hätte.
Als Künstlerin kann ich viel aus dem Buch mitnehmen. Ich habe mir erneut bewusst machen können, dass meine Fragen, wie viele Flinta* im Team sind, ob für Awareness an den Veranstaltungsorten gesorgt ist und welche Maßnahmen man ergreift, um die Orte inklusiver zu gestalten, weder zu viel verlangen noch übertrieben sind, sondern etwas Notwendiges zeigen: mehr Bewusstsein für Veränderungsbedürftigkeit in den Bereich der Kulturlandschaft zu bringen. Denn der alte weiße Mann im Anzug sitzt noch am Hebel. Ich werde auf jeden Fall in Zukunft die Veranstalter und Teams dazu animieren, sich dieses Buch zu kaufen in der Hoffnung, dass die Lektüre von „Billige Plätze“ auch bei ihnen einen Prozess der Reflexion auslöst.
Nadja Miemiec
RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche ist im Ventil-Verlag erschienen.
Donnerstag, 25. Juni 2026
Urlaub in Polen. (Nicht die Band.)
Neulich bin ich in eine Zeitmaschine gesprungen, die stand in Warschau rum und hatte sehr bunte Wände. Aber der Reihe nach.
Urlaub in Warschau, Ende Mai 2026: Städtetrips an sich mag ich gern. Leider immer weniger. Jedenfalls bei großen Städten. Ich fahre meist über meinen Geburtstag weg. Halte den Sozialstress, der sich dann aufbaut wie eine Gewitterwolke, nicht so gut aus und ähnlich wie das Hydrometer bei steigendem Luftdruck ansteigt, bin auch ich Sack, der zu 90% aus Wasser besteht, zu dieser Zeit recht nah am Wasser gebaut ob der nicht zu verleugnenden Vergänglichkeit und ich mag es nicht so sehr, wenn das jemand sieht. Jaja, Körperpanzer bei Männern, Theweleit könnte dazu einiges sagen. Wegfahren funktioniert also ganz gut. Fluchtmechanismus halt.
Diesmal also Warschau, vier Tage lang. In der Rückschau ist zu sagen: Vielleicht wären drei auch genug gewesen. Denn europäische Hauptstädte gleichen sich äußerlich schon sehr an. Überall die gleichen Geschäftsketten, gleiche Fast-Food-Buden, Pizzarestaurants, lokale Gastronomie touristisch angenehm verpackt, wichtige Gebäude, Museen und Straßen, alles gut und mehrsprachig ausgeschildert. Die IKEA-sierung des Großstadtflairs. Inklusive städtisch geduldeter Street-Art, als Zeichen urbanen Zeitgeists.
Nicht falsch verstehen: Ich schaue mir all dies immer noch gerne an, allerdings merke ich, dass es mir dort am besten gefällt, wo ich im Park oder am Wasser sitzen kann. Das kann ich für den Urlaub natürlich auch in einem kleinen verschlafenen Seebad haben. Es wird Zeit, urlaubstechnisch langsam umzudenken.
Warschau also: Beeindruckende Skyline, wenn du aus dem Bahnhof fällst, mit Kulturpalast als optischem Mittelpunkt. Hotel eher karg, aber angenehm anonym. Links vom Hotel ein Nachtclub, rechts vom Hotel ein Nachtclub. Die ganze Nacht also Musik, Musik, Musik. Musik ist in dieser Straße Trumpf, Techno zieht dir dabei einen Stich nach dem nächsten aus den Ohren. Fenster zu - zu warm. Fenster auf - zu laut. Nunja, sind ja nur vier Tage.
Techno von links und rechts wäre irgendwie zu schaffen, wenn die Straße an sich nicht als Beschleunigungsstrecke für allerlei fette Karren dienen würde. Also Techno plus urst lautes Beschleunigungsgebrüll von den PS-Monstern dieser Stadt. Penisvergleich im oberen Dezibelvergleioch, ha püh.
Dann also den ganzen Tag durch die Stadt rennen, bei der georgischen Bäckerei guten Kaffee und riesigen Mohnstrudel frühstücken, zum Mittagstisch in eine Bar Mleczny einkehren und abends auf der Fußgängerbrücke über der Weichsel den Sonnenuntergang anschauen. Das, meine lieben Renfieldfreund*innen, empfehle ich jedem, der die Stadt besucht.
Natürlich wollte ich auch Kultur bis Subkultur. Auch das hat sich für mich etwas geändert. Auf früheren Reisen war es einfach, sich mit einem Bier in eine Bar zu flacken und dank steigendem Pegel sicher irgendwen zum Quatschen oder Knutschen zu finden. Nun trinke ich keinen Alkohol mehr, deshalb ist in Bars rumhängen nicht mehr so spannend. Als Ausgleich gehe ich mittlerweile gerne ins Kino. Schaue mir Filme an in Sprachen, die ich nicht verstehe. In Lodz sah ich "Beau hat Angst" in der OV mit polnischen Untertiteln gesehen, in Sczeczin im ältesten Kino der Welt die indisch-französische Koproduktion "Girls will be girls", ebenfalls im Original mit polnischen UTs. Sprachlich kriegt man dabei einiges geboten.
Warschau verfügt über eine Menge Kinos, große wie kleine, da fiel die Auswahl schwer. Letzten Endes wollte ich mir zum Geburtstag eine Vorführung von Żuławskis Body-Horror-Klassiker POSSESSION gönnen, den sie just an diesem Abend im winzigen AMONDO-Kino zeigten. Am Kino angekommen, besser gesagt, an dem Ladengeschäft, wo der Film gegeben werden sollte, sah eine halbe Stunde vorher nicht viel nach Kino aus. Ich leider viel zu ungeduldig, um dort länger kaugummikauend rumzustehen, also ging ich weiter durch Warschaus frühlingswarme Straßen. Letzen Endes landete ich im Kulturpalast und schaute "Mandolorian & Grogu". Jaja, totales Mainstreamzeug, aber es ist wie Popcorn: Manchmal schmeckt das einfach sehr gut.
Nächster Abend: Mir ist nach Musik, nach Szene, nach Underground. Eine Facebook-Gruppe für Warschau-Punk preist gleich drei Gigs mit je drei Bands an. Punkkonzerte sind - auch das ist in jeder Großstadt gleich - der niedrigschwelligste Zugang zu Subkultur. Ich hätte auch nach abseitigen Noise/Electro/Industrialpartys forschen können. War aber zu faul. Infos über Punkkonzerte gab es sofort und schnell.
Option 1: Ein Streetpunk-Konzert mit einer Coverband, die alte Punkrockhits nachspielt. Das riecht schon bei der Beschreibung recht ranzig. Als in der Playlist noch steht, dass man auch was von Skrewdriver darbieten wird, fällt das schon mal raus.
Option 2: Ein Psychobilly/Countrypunk-Konzert in einem Motorradrocker-Club, irgendwo hinter dem Bahnhof. Das klingt... erstmal viel versprechend. Allerdings bin ich nicht so überzeugt, alleine den Weg in den Titty Twister der polnischen Hautstadt auf mich zu nehmen, außerdem sieht's auf der Karte schon recht weit aus. Und ja, ich werde im Alter etwas schissiger, wenn ich allein auf irgendwelche Gigs gehe, die weit entfernt von meiner Homebase zu sein scheinen.
Option 3: Anarchopunk im Skłot (Squat, hihi) Przychodnia, das fußläufig vom Hotel erreichbar ist. Es spielt eine Band aus Brasilien, die SCUMBAGS. Nie gehört den Namen. Klingt auf Bandcamp wie NOFX oder früherer Skatepunk. Komisches Englisch, seltsame Texte. Dazu drei polnische Bands, MASTURBACJA, DEFORMACIA DZWIEKU und CZARNOBYL ZDROJ . Sagt mir alles nix, bin auch zu faul, das alles im Netz anzuhören. Was soll schiefgehen?
Schiefgehen tut nichts. Das Przychodnia sieht draussen aus wie eine besetzte Schule, innendrin wie eine Mischung aus Köpi und meinem Lieblingskeller, vielleicht ein Tacken grusliger. Unter niedrigen Wänden zweigen von einem langen Gang immer wieder schlecht bis gar nicht beleuchtete Räume mit verschlissenen Sitzmöbeln ab, in denen Menschen (?) sitzen - oder auch nicht, es ist nicht so gut zu erkennen, was in den Katakoben passiert. Auf dem Klo glänzt frisches Blut, ich drück mal lieber alles zusammen. Zu trinken gibt es eh nur Bier und Mate. Draussen im Innenhof alles freundlicher. Die SCUMBAGS haben einen ordentlichen Merch-Tisch aufgebaut, daneben vertickt ein Typ selbstgedruckte Bandshirts und Tapes von Krachbands aus Armenien. Nehme ihm ein Tape ab, armenischen Punk kann man nicht genug haben.
Dann setzte ich mich aufs abgewetzte Sofa in der Ecke. Und dann läuft die Zeitmaschine. Ich bin wieder in den 90ern, allerdings im Körper eines Mitte 50-jährigen. Um mich herum unglaublich viele junge Kid-Punks, Gothics, Metaller und nicht einzuordnende Alternative-Kids. Das könnten alles meine Kinder sein. Sie sehen teilweise sehr gestylt aus, teilweise aber auch auf angenehme Art unperfekt, aber selbstgestylt. Alle schreien, trinken, rennen herum, fallen übereinander wie junge Hunde. Also wirklich alles wie früher in den westdeutschen AJZs, egal ob Wermelskirchen, Homburg, Göttingen oder Bielefeld.
Sollte Punk wirklich einen neuen frischen Schub kriegen? Ich hatte in den letzten Jahren eher immer die Vermutung, dass Punk sich immer mehr zum Alte-Menschen-Verein entwickelt mit eklatantem Nachwuchsproblem. Das hier wirkt komplett anders als alle Konzerte, die ich in letzter Zeit beobachtet habe - ich sage nur GUITAR WOLF und HARD-ONS, da waren sicher 1000 Jahre Lebenszeit in einem Raum. Im Skłot alles anders.
Irgendwann legt eine Band los, DEFORMACIA DZWIEKU sind das wohl. So typischer polnischer HardcorePunk, wie man ihn spätestens seit den 90ern aus den Autonomen Freiräumen dieses Kontinents kennt. oder kannte? Gibt's ja auch nicht mehr sooft. Eine Sängerin, die wütend Texte brüllt, dazu crusty, freshe Gitarren und Bassriffs über Punkbeats. Schön, die ausgewogene gender- und Altersmischung. Alle tanzen Pogo unter der niedrigen tropfenden Kellerdecke. Vor dem letzten Song brauche ich Frischluft, also zurück in den Hof. Gerate in ein politisches Gespräch mit einem Gewerkschaftler und einem Philospophen. Alles zu interessant, um es hier detailliert widerzugeben.
Dann noch mit den Brasilianern rumhängen. Ist ihre erste Europatour, sie feiern es total und ich gönne ihnen das so sehr. Wir quatschen lang und viel, ich verpasse die zweite Band, aber genau das gehört zu so einem Abend auch dazu: Sich Festquatschen und mindestens eine Band verpassen. Aus dem Keller brummt Gitarrenlärm und grob kann ich wieder einen simplen Punk-Beat erahnen, dazu manchmal Bassgeblubber. Ob das MASTURBACJA sind, ist recht egal, es klingt nach Allerwelts-DIY-AJZ-Punk. Man kennt's.
Kurz vorm Ende des CZARNOBYL ZDROJ-Gigs schleiche ich nochmal runter. Die Brasilianer tun mir mittlerweile etwas leid, weil sie so elendslang warten müssen, bis sie spielen. Ich wünsche mir, dass noch Publikum da ist und nicht nur die fünf alten Suffi-Punks, die jetzt so langsam aus den dunklen Ecken gekrochen kommen. CZARNOBYL ZDROJ doch recht interessant, recht monotoner Noise-Punk mit golem-artigen Bass-Riesen, der mit einem Ton auskommt. Fühle mich an EA80 oder ABWÄRTS als Stonerbands erinnert. Platte kaufe ich mir trotzdem nicht. Dann die SCUMBAGS, beim Soundcheck ist der Keller erschreckend leer.
Ein dicker Typ mit Glatze quatscht mich von rechts an und hält mir sein Telefon vor die Nase. Lullert mich damit zu, dass das da auf YT die Crustband ist, in der er singt. Ich schaffe es irgendwie interessiert die Wand anzugucken und er wankt in die Finsternis zurück. Dann ist es Zeit für Skate-Punk. Die ersten vier Songs der SCUMBAGS werden sauschnell durchgeprügelt, das klingt überzeugender als die Aufnahmen im Netz. Glücklicherweise kommen doch noch ein paar Zuschauer zusammen und sie spielen nicht für den leeren Raum. ich höre mir vom einzigen Barhocker aus noch ein paar Sachen an, merke dann aber doch, wie mich mein Bettchen im kargen Hotel ruft. Außerdem habe ich Durst und noch eine Mate will ich einfach nicht. Also raus aus dem Keller, weg vom Hof, raus aus der Zeitmaschine, eine Fanta besorgt und zurück zum Hotel zwischen den Nachtclubs, zurück zum Techno und den lauten Protzkarren tief unter mir.
Gary Flanell
Donnerstag, 18. Juni 2026
Schön, wenn der Flamenco-Filibuster zweimal in den Ohren klingelt!
NESTTER DONUTS - Flamenco Trash
Als Vorarbeiter Flanell mir den Link zu Obengenanntem schickte, wusste ich zunächst nicht, ob ich das durchstehen würde. Denn ich habe ganz schüchterne Ohren. Und „Maracas mit seinen Genitalien spielen“ (laut Pressetext) war für mich auch nicht vorbehaltslos ein Pluspunkt.
Aber schon startet das Phänomen mit welschem Klatschmohn (Amapola francesa), dann kommt das Wunderpulver (Cocaina), und später begegnet man der Babyschlange (mamba jovencita) plus billigem Gift (veneno barato) hinter der Düne der Perversion (Duna de la perversión). Also die Titel geben schon einen Ausblick, auf welche Reise im Sinne von Freakshow voller Snake Oil man sich begeben wird. Es rumpelt eigen-energetisch los, doch dann überrascht einen der Herr mit einer Crooning-Entsprechung zum „King“ – wobei hier speziell der Pelvis angesprochen wird, denn „Elvis wants to fuck my mom“.
Zur weitreichenden Verständlichkeit sogar in Inglés. Nestter Donut, soll das eigentlich ein Wortspiel auf Jester, den Narren oder Joker sein? Er tritt übrigens auch in nördlichen Gefilden (bspw. Rotterdam) im Schlüpper auf, denn er traktiert als Solovulkan nicht nur seine Gitarre + Stimmbänder, sondern zudem sein Drumset. In Brügge war er evtl. im Knast dafür, jedenfalls hat er einen Song „Bruges Jail Rumba“, und das Video zu „Elvis Presley“ ist punky camp as camp can be.
Neben der melodisch krachigen Gitarre umschlingen mich fürderhin Ennio-Moricone-Vibes von dieser eher Borat-artigen Stage-Persona (dicker ins Gesicht genagelter Schnauz wie bei 70er Jahre Pornos). Sein Gesangsstil kann aber auch die Kadenzierung eines canta‘ors annehmen. Der Sound klingt indes wie in einer halligen, nicht allzu großen Höhle abgegriffen. Also ein Ort, den man im Albaycín durchaus antrifft und gerade auch für „gypsy heritage“ (wieder laut Pressetext) Sinn macht (obwohl der Herr aus Alicante stammt). Das legendäre „Cemento“ in Buenos Aires hätte ebenfalls gut als Austragungsort für jene Klangakustik gepasst. Denn wie fasste dies dort ein Musiker seinerzeit sagenhaft in Worte: „Du hast Dir vor Hitze eingekackt, der Sound klang wie im Treppenhaus, und die Klos liefen permanent über!“
Ähnlich verschwitzt und olfaktorisch durchdringend gibt sich dieser Relaunch – jawollo, denn ursprünglich ist das Œuvre von 2022. Zudem mit allerlei Anspielungen, denn der Asesinato yugular (Mord durch Erdrosseln) verweist z.B. gleich auf mehrere spanische Musikpfeiler: Die Punkband Yugular aus Madrid, wie auch Globalphänomen ROSALÍA*, mit ihrem gleichnamigen Song (ohne Asesinato), der auf spanisch und arabisch die Halsschlagader umkreist. Im mystischen Sufi-Islam ein Gegensymbol zur Gottesferne, denn wenn Du Gott in der Ferne suchst, so ist er Dir doch näher als Deine Halsschlagader…
Argh. Und da sind wir dann beim inneren Lebenssaft: Denn dieser „Donut“, wobei die Betonung wohl auf nut liegt, im Sinne von nutjob, erwischt mich speziell mit seinem letzten Song: „Su sangre, mi amor“! Sein Blut, meine Liebe, wozu man sehr gut sein eigenes Jodorowsky-Mini Memorial-Epos inszenieren könnte – geht ja dank KI jetzt alles. Also lasst ihn in Eure Herzen und an Eure Gurgel „and let yourself go into the Wild Wild World of Flamenco Trash with Nestter Donuts“!
*(Die Gute veröffentlichte aus ihrem aktuellen Album LUX zuerst den Song „Berghain“ - aber ganz anders als einst bei unseren heißgeliebten Kellermiezen „The Brunettez“ und ihrem Song „Go to Berghain!“ ist dies ein orchestraler Emotionsoverkill mit deutschem Chor + Björk + Yves Tumor (der angeblich Mike Tyson zitiert), also ein grandisymphonisches Schwergewicht.)
Bit Father Out Nestter Donuts flamenco trash iost als rer-issuer auf Voodoo Rhythm Records erschienen - wo auch sonst?!
Donnerstag, 11. Juni 2026
Die Mär vom gelangweilten Teenager Pt. IXIXXIIXXXXX
Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape
Ein Mixtape mit 150 Songs! Auch wenn viele Titel unter der Zwei-Sekunden-Marke liegen, wären dafür wohl drei 90-er-Cassetten nötig. In diesem Fall passen die versammelten Punk-Klassiker zwischen zwei Buchdeckel: Im Compilation-Stil haben alle Autor*innen einen oder mehrere Songs, die im weitesten Sinne dem Punk zuzuordnen sind, mit etwas historischem Abstand noch einmal rezensiert, erläutert, in die Musikgeschichte oder schlicht in die eigenen Biografie eingeordnet.
Chronologisch geordnet, liest sich das wie eine abwechslungsreiche Rückschau auf prägende Jahre und Klänge - wobei es natürlich auch o.k. ist, kreuz und quer in dem Buch herumzulesen. Am Anfang steht ein Prolog über den Song aus dem Jahr 1977, der dem Buch den Namen gab, sowie von Claus Cornfield eine entzückende Zeichnung anstelle eines Textes. Danach springt die Chronologie ein ganzes Stück zurück, um eine paar Titel zu würdigen, die sich später vor allem als Cover-Versionen in den Kanon geschlichen haben. Sie sind vor allem musikhistorisch interessant. Sobald wir uns dem Jubiläumsjahr 1976 nähern, ergeben die vielen, schonungslos subjektiven Standpunkte eine fröhliche Vielstimmigkeit mit gelegentlichen nostalgischen Unisono-parts.
Ein verbindender Faktor bleibt zum Beispiel die in Titel und Prolog betonte Langeweile der Adoleszenz, in die die jeweiligen Songs hineinplatzten um individuelle Epiphanien und Kreativschübe auszulösen, durch einsame Zeiten zu trösten oder den Beginn einer langen Freundschaft zu markieren. Ein anderer ist die Einsamkeit der wenigen FLINTA*s und P.O.C. in den jeweiligen Szenen. Die Anzahl der weiblichen Künstler*innen, die es in die Liste geschafft haben, spricht Bände. Auf der Autor*innenseite sieht es etwas besser aus.
Worin sich die meisten einig sind: dass sie sich dank Internet zum Teil erst Jahr(zehnt)e später zusammenreimen konnten, um was für Charaktere es sich bei den Absender*innen so mysteriöser wie verlockender Botschaften wie „Runnin’ Riot“, „Blank Generation“, „Dicks Hate Police“ oder „Vapaa Pohjolla“ handelte. Ja, auch eine finnische Band kommt vor, und eigentlich alle wichtigen Kapellen und Künstler*innen, die ihr kennt, oder nach dem Lesen auch kennen wollt.
Über Vollständigkeit sollte man sich hier nicht so viele Gedanken machen, es geht eher um Repräsentation, unerwartete Entscheidungen und Obskuritäten. Also keine Nirvana, aber dafür 2 x Hole, aber auch The Offspring und Guano Apes, dazu ein paar übliche Verdächtige (Ramones, Pistols, Patti Smith, Minor Threat) und allerlei Wissenswertes über Bands wie The Fuggs und Las Vulpess oder Typen wie Wesley Willis. Das Internet wird Euch auch helfen, wenn ihr nicht gerade auf eine ausgezeichnete eigene Sammlung zurückgreifen könnt.
Wenn die besprochenen Bands zusammen so etwas wie ein Who Is Who? ergeben, gilt das ebenso für die Autor*innen. Nicht wenige spielen oder spielten selbst in Bands, betreiben Labels, Läden und Fanzines, so dass die Texte von den üblichen Schwächen musikjournalistischer Bescheidwissenwollerei weitgehend frei sind. Es geht eher um Lernprozesse, und wie schwer es vor allem in der Provinz war, überhaupt ein bisschen Bescheid zu wissen, als es von Lieblingsbands nichts gab außer grobe Schwarzweißfotos und kryptische Nachrichten auf dem Cover. Von diesen Botschaften und ihren unberechenbaren Auswirkungen handelt das Buch in seinen besten Stellen, bis es mit einem Song von The Notwist in der Gegenwart endet.
Eric Mandel
Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape
Jonas Engelmann (Hg.), Ventil Verlag, 368 Seiten, 25,- €
Donnerstag, 21. Mai 2026
Schön, wenn das Krokodil patrouilliert Pt. K.-IV.X
SEVEN SIOUX - ALLIGATOR PATROL
DIE ÄRZTE - waren meine erste Lieblingsband und doch habe ich es nie hingekriegt, sie mal live zu sehen. Schon schräg sowas. Ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit SEVEN SIOUX, vielleicht Österreichs Emo-Core-Veteranen No.1.
Auch von den Linzer/Wienern stehen hier etliche Platten rum. Alle, die ganz alten und die neueren, finde ich auf ihre Art toll und doch musste es erst 2025 werden, damit ich sie mal live erleben konnte.
Dabei war der Kontakt zu Sänger Rainer Krispel schon vorher da. Ich glaube, es gab da sogar mal ein Renfield-Interview. Was es sicher gab, war eine vermasselte Lesung von Rainer vor zig Jahren an einem Sonntag in meinem Lieblingskeller mit genau 1 Gast. Später haben wir dann in meiner WG noch recht betrunken den Blues auf der Akustikgitarre gespielt. Wurde wohl auch aufgenommen. Außerdem: Immer wenn ich in Wien bin und sich's ausgeht - und dass es sich ausgeht, daran wird nach Kräften gearbeitet - muss ein Kaffee mit Rainer in einem Beisl sein.
Aber SEVEN SIOUX, die waren sehr lange in den 80ern/90ern gut sichtbarer Teil einer europäsichen Hardcore-Szene, die weniger Tough guy/Youth Crew-artig als vom DIY.Spirit à la Fugazi/Dischord geprägt war. Die Linzer Vorgängerband TARGET OF DEMAND gehörte auch schon dazu und beide Namen fielen schnell, wenn es um Punkbands aus Österreich ging. Die Platten wurden gerne mal rezensiert und waren mindestens vom Namen her bekannt. Es war immer gut gemachter, intelligenter Hardcore-Punk, mit hörbarem DC-Einfluss. Das gefiel mir an SEVEN SIOUX immer sehr gut, diese etwas nachdenklichere Art von Hardcore.
Wie's bei vielen Bands dieser Zeit so lief, haben auch die Sioux eine längere Pause eingelegt, die ging bis 2006, 2007. Seitdem gibt es immer wieder neue Alben, mein Favorit dieser Phase ist immer noch die "We are not the scared people"-Platte mit dem gleichnamigen Überhit. Ein großartiges Fanal der Solidarität, was öfter gesungen werden sollte, auf Demos, auf Kundgebungen, in jedem ostdeutschen Flächenbundesland, auf jedem Schützenfest vorm Bierzelt, angesichts eines immer spürbarer werdenden Rechtsrucks in Europa.
Nun also eine neue Platte. Der Titel: Seltsam, was könnte eine Alligatorenpatrouille sein? Irgendein seltsamer Code? Ich habe auch ewig gebraucht, bis ich gerafft habe, was GORILLA BISCUITS sind, vielleicht ist auch dies hier ein Insider-Witz alternder HC-Helden. Aufklärung gibt es durch die Lyrics auf dem Innensleeve der LP. Für eine Punkband ist das eine schön im Song erzählte, und reichlich abgedrehte Story. I like.
Die Musik: Hier ist eine Kontinuität zu erkennen, und zwar in der Reihe der Alben, die SEVEN SIOUX seit 2006 veröffentlicht haben. Die Besetzung steht seitdem stabil, der Sound hat sich nicht groß verändert und das hört man auch den neuen Tracks an.
Was jetzt nicht mit boring stuff interpretiert werden soll, aber die Band weiß halt, was sie tut, wie sie klingen will und welche Songstrukturen sie nutzen und ausbauen kann. Man muss allerdings auf recht rockigen, mittelschnellen HC-Punk in der Art von SCREAM, VERBAL ABUSE oder DAG NASTY stehen, um diese Platte richtig schätzen zu können.
Wunderbar sind dabei die kleinen Details, wie die Esperanto-Radioansage auf Seite 1. Alle Songs haben diese hübschen melodischen Refrains, Rainer trägt viele der Stücke mit seiner Stimme, die immer noch guten Mischung aus Verzweiflung und Trost spendend changiert. Trostsuchend und gleichzeitig tröstend, kämpferisch und verzweifelt, das muss man auch erstmal hinkriegen. Teilweise sind die Tracks wirklich rockradiotauglich, aber wer wäre ich, der dieser Band das übel nehmen würde?
Einen Song wie "C'mon baby" beispielsweise, sollten viel mehr Menschen der Generationen X bis Z hören, bestenfalls auf dem Weg zur Arbeit. Und wenn 7 SIOUX einen punky Reggaetrack wie "Left" einstreuen, textlich mit allerlei Bandreferenzen von Freund*innen aus lang vergangenen Zeiten gespickt, dann kommt da eine angenehme Art von Pathos auf, in die ich mich mittlerweile gerne hineinfallen lasse.
Einen Hit wie "We are not the scared people" haben sie zwar diesmal nicht hinbekommen, aber das ist ja auch ein Jahrhundertzuckerl und ich bin mit dem, was sie mit Alligator Patrouille abgeliefert haben, mehr als glücklich.
Das erste Konzert von SEVEN SIOUX, das ich nun also gesehen habe, fand übrigens im gleichen Keller statt, in dem sich die desaströs besuchte Krispel-Lesung vor über einem Jahrzehnt abgespielt hat. Diesmal war der Keller allerdings voll, es war eins der schönsten Konzerte seit langem und ganz am Ende, da haben sie dann wirklich noch "We are not the scared people" gespielt. Danach war ich sehr glücklich und konnte gut ins Bett gehen.
Gary Flanell
Alligator Patrol von SEVEN SIOUX ist im Herbst 2025 erschienen, wurde von der Band selber veröffentlicht.
Donnerstag, 14. Mai 2026
Unsterbliche Lebensläufe
Alex Solman und Gereon Klug auf Spurensuche:
Verstorbene Idole in Bildern und Texten
„Wen die Götter lieben, holen sie früh.“ Das antike Dichter-Sprichwort von Menander bzw. Plautus hat bis heute als Trostspruch überlebt - für frühe, unerwartete Todesfälle. Somit bescheren die Allmächtigen den Hinterbliebenen zwar oft Trauer, den Verstorbenen aber ersparen sie das Leid körperlichen und geistigen Zerfalls im Alter. Das ist doch was!
Populäre Beispiele aus der Musikkultur sind die Mitglieder des Klub 27, speziell dessen inner circle: Janis Joplin, Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse. Ihr früher Tod ist eine Säule für den Mythos von Unsterblichkeit. Kein ödes Spätwerk kann je an der Legende kratzen, keine Falte furcht ins ewig junges Gesicht - „Forever Young“.
Promis aus Kultur und Wissenschaft
Amy Winehouse (1983-2011) hat es als Einzige der Genannten ins Buch „Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte“ geschafft. Darin sind 210 meist prominente Tote verewigt: in Zeichnungen von Alex Solman und Moritaten von Gereon Klug – die meisten von ihnen bekannte öffentliche Figuren aus Kunst, Musik und Wissenschaft.
Solman begann seine Portrait-Serie 2016 mit David Bowie. Die meisten dieser für ihn prägenden oder interessanten Toten habe ihn - und viele von uns - zu ihren Lebzeiten über Jahre bis Jahrzehnte begleitet und sind erst in den letzten Jahren oder vor nicht allzulanger Zeit verstorben. Daher fehlen Janis und Jimi, aber Amy ist am Start. Das Bild von ihr zählt zu den eindrucksvollsten im Buch: Mittels geometrischer Formen kunstvoll zusammengepuzzelt, ziehen runde große schwarzen Augen den Blick der Betrachtenden in ihren Bann. Sie ist es - unverkennbar, auch dank charakteristischer Mundpartie und voluminöser Haarpracht. „Ihr Tod war ein Bluessong, der darauf wartete, veröffentlicht zu werden“, heißt es im Nachruf - mit bedauerndem Seitenblick auf ihr altersbedingt überschaubares Oeuvre.
Queen meets Karl Dall
Die posthume Auswahl reicht von Weltstars wie Prince oder Marianne Faithfull über Queen Elizabeth II. bis zu norddeutschen „Originalen“ wie Jan Fedder und Karl Dall. Daneben ist Platz für unbekanntere Persönlichkeiten, etwa die Klangkünstlerin Pauline Oliveros – auch als Einladung, diese und ihr Werk für sich zu entdecken. Alex Solman setzt mit pointiertem Schwarzweiß-Strich auf eine minimalistische Ästhetik der klaren Formen, die sich teils fragmentarisch zusammenfügen. Die Idole sind fast immer schnell zu erkennen, anhand typischer Merkmale, seien es optische Eigenheiten oder passende Accessoires. Mehr oder weniger schmeichelhaft (zum Beispiel Karl Lagerfeld), oft originell, mitunter Groteske überzeichnet.
Dampfhammer als Erfinder
Mit spitzzüngiger Feder hat Gereon Klug viel Skurriles und Wissenswertes über die Porträtierten zusammengetragen. Wer hätte gedacht, dass Bud Spencer der Erfinder des Spazierstocks mit ausklappbarem Sitz sowie einer Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta ist? Und ob Bohnen trotz oder wegen all der staubigen Pfannen-Variationen über Wildwest-Film-Lagerfeuern sein Leibgericht waren?
Sean Connery wiederum staunte nicht schlecht, als er einst privat im Auto von einem Polizisten angehalten wurde. Dessen Name? Bond. James Bond. Schade nur, dass es für nicht wenige Gewürdigte bloß zu sehr knappen, zweizeiligen Nachrufen reichte - vermutlich aus Platzgründen. Aber irgendwann ist nunmal Schluss. Dann wird der Papier-Friedhof der Idole wegen Überfüllung der Seitenzahl geschlossen. Zum Trost bleibt dieses Buch - zum Schmökern, Staunen und Erinnern.
Gereon Klug/Alex Solman: Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte.
DuMont Buchverlag, Köln 2025. 304 Seiten, 20 Euro.
Die nächste Buchpräsentation mit Alex Solman und Gereon Klug findet am Samstag, 16. Mai, im Rahmen einer Ausstellung in Hamburg statt.
Wo? Alter Schwede, Ovelgönne 106, 22605 Hamburg
Wann? Ausstellungseröffnung 15 Uhr, Lesung 19.30 Uhr, danach DJ & Open End. Sonntag, 17.5.2026: Offene Ausstellung, DJs im Garten und Café & Kuchen von 12 Uhr bis abends.
Lutz Steinbrück
Donnerstag, 23. April 2026
*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. III: SB-Kassen
Die Flüche und Segen der modernen Welt sind vielfältig. Das lässt sich nur aus der Perspektive des grau werdenden Blogbetreibers sagen. Früher war von moderner Welt keien Rede, weil es keine Distanz zwischen Altem, Neuen und Noch-zu Werdenden gab. Mensch war immer mitten drin und was neu war, das war immer geil. Nun ist es anders. Es gibt einen kritisch-distanzierten Blick auf die Neuerungen, mit denen du es zu tun bekommst, ohne dass du nach deren Einführung gefragt wurdest.
Gut zu sehen ist dies beim Verkaufsabschluß im Supermarkt. Kann mensch heute alles ohne jeglichen Angestelltenkontakt machen.Ist das gut? Ist das schlecht? Und was genau wie und so? Nun, es gibt zwei Menschen, die dazu eine dezidierte Meinung vertreten.
Deshalb Blog frei für die nächste D*F*R vs. D*G*G-Runde auf dem Renfield-Blog zum Für und Wider von SB-Kassen im Supermarkt: Im Ring: Fabio La Delia und Dirk Bernemann. Die schöne Zeichnung stammt von Bernard Fruithagel.
*D*F*R*: Pro SB-Kassen von Fabio La Delia
Nahezu revolutionär erschien die flächendeckende Einführung der Selbstbedienungskasse – kurz SB-Kasse – in deutschen Supermärkten vor einigen Jahren. Schluss mit den langen Schlangen. Schluss mit dem endlosen Warten auf die Rentnerin, die ihr Geld aus dem Geldbeutel kramt, als sei man Teil einer archäologischen Ausgrabung, bei der jeder Cent als ein seltenes Fundstück sorgfältig begutachtet werden muss, so als gäbe es palettenweise Zeit im Sonderangebot. Schluss mit dem Kassenschlager: "Susanneee, kommst du ma' an die 4, wir haben wieder 'ne Retoure".
Der Vorgang an der SB-Kasse ist denkbar einfach: an die Kasse stellen, Produkt über den Scanner ziehen, ein Piepen, EC-Karte hinhalten, fertig! Kein Streit mehr um den letzten Warentrenner auf dem Kassenband. Niemand mehr, der einem an der Kassenschlange schlechten Atem in den Nacken haucht. Kein Smalltalk mit den anderen Anstehenden. Gerade für sozial scheue Menschen ist die SB-Kasse eine komfortable Erleichterung beim Einkauf.
Doch das allerbeste: Die Macht über die Kasse und damit auch über die Waren wird der Kundschaft überlassen. Der alte Spruch "Der Kunde ist König" wird hier endlich zu Ende gedacht. Der Kunde wird zum Mitarbeiter des Supermarktes. Das, wofür zuvor bezahltes Personal gebraucht wurde, wird nun der Kundschaft überlassen. Das ist eine Menge Verantwortung.
Und Verantwortung gehört belohnt. Wer also an der SB-Kasse einen kleinen inneren Lohnausgleich verspürt, der ist keineswegs kriminell, sondern lediglich konsequent. Wer Kassiererinnen die Arbeit wegnimmt und diese auf seine Kundschaft auslagert, muss damit rechnen, dass sich diese ihren Stundenlohn auch eigenhändig auszahlt. Darum heißt es doch SELBST-Bedienung: selbst scannen, selbst wiegen, selbst einpacken, selbst Lohn auszahlen in Form eines uneingescannten Snickers oder einer Bioware, die auf dem Kassenbildschirm plötzlich eine wundersame Preisanpassung erfährt. Piep.
Genau hier beginnt die allgemeine Empörung, die ich nicht verstehen kann. Betrogen werden nicht einmal Menschen, sondern namenlose Maschinen von namhaften Großkonzernen. Früher, da hatte man bei Obst und Gemüse beschissen und den Plastikbeutel beim Abwiegen mit dem kleinen Finger leicht angehoben. Heute gibt’s ja kaum mehr Plastikbeutel aus Umweltschutzgründen. Für die gewiefte Kundschaft hat sich alsbald eine neue Gelegenheit für die aktive Umverteilung des Kapitals aufgetan... Jetzt könnte man mir billige Kapitalismuskritik vorwerfen. Fair enough. Aber so einfach ist es eben doch nicht.
Es geht nicht ausschließlich um den eigenen finanziellen Vorteil, sondern auch um einen kleinen Ausbruch aus dem sonst so durchgetakteten Alltag. Ein kleiner Nervenkitzel nach dem Feierabend zwischen Einkaufszettel und Sonderangeboten. Ein kleines Abenteuer, von dem wir niemandem erzählen werden.
Man muss schon zugeben: Supermarktkonzerne, die nach all dem immer noch auf unsere Ehrlichkeit hoffen, sind schlichtweg naiv. Wer Personal einspart und gleichzeitig auf den Anstand der Kundschaft setzt, darf sich über kleine Grenzüberschreitungen nicht wundern. Neben Bananen und Kiwis werden nun mal auch Ehrlichkeit und Anstand in kleinen Portionen an der Kasse vorbeigeschmuggelt. Der eigentliche Widerspruch zeigt sich ohnehin ganz woanders. Auf der einen Seite wird der Kundschaft Vertrauen geschenkt und auf der anderen Seite wird dieses Vertrauen sofort wieder einkassiert.
Überall hängen Kameras, Sicherheitsvorkehrungen gegen Diebstahl werden hochgefahren und am Ausgang wartet schon der nächste Kontrollblick. Den Supermarkt verlassen darf nur, wer einen gültigen Kassenbon vorzeigen kann, dazu kommen Mitarbeitende, die den Selbstbedienungskassenbereich überwachen und Security-Mitarbeiter, die Eingänge bewachen, als würde man keinen Supermarkt, sondern den Louvre betreten. Inzwischen nimmt die Überwachung der Selbstbedienungskasse bizarre Züge an. Mindestens ein Supermarktmitarbeiter und zwei Security-Leute, welche die SB-Kassen überwachen und zusätzlich ein Ladendetektiv, der durch die Gänge schlendert. Mehr Überwachung, mehr Sicherheitspersonal, mehr Ausgaben. Was hat der Supermarkt am Ende wirklich gespart? Man traut der hart arbeitenden Bevölkerung an deutschen Selbstbedienungskassen einfach nicht mehr.
Inzwischen ist ziemlich klar, dass der große Siegeszug der Selbstbedienungskasse an deutschen Supermärkten ausgeblieben ist. Dieses Modell ist an der Realität gescheitert. In einzelnen Filialen werden SB-Kassen heimlich zurückgebaut. Na schönen Dank, muss ich jetzt eine Plastikbeutel-Petition starten, um wieder im Supermarkt bescheißen zu können?
Das haben wir nun also davon. Die ehrlichste Erfindung des Kapitalismus… eine Kasse, die ihre Kundschaft arbeiten lässt, ihr misstraut und am Ende ganz überrascht darüber ist, wenn die Sache mit der Selbstbedienung ein wenig zu wörtlich genommen wird. Wo Gelegenheiten entstehen, werden sie auch genutzt. Es heißt nicht umsonst "Gelegenheit macht aus Delikatessen Dosengemüse". Der Handel wollte Effizienz. Bekommen hat er ein Katz-und-Maus-Spiel mit Scanner, Schranke und mehr Security. Was am Ende wirklich gespart wurde, weiß vermutlich nicht einmal Susanne von Kasse 4.
Ach, und bitte unterschreiben Sie hier für meine Plastikbeutel-Petition.
Danke!
*D*G*G*: Betrug an der Selbstbedienungskasse von Dirk Bernemann
Die Selbstbedienungskasse ist ein faszinierendes Symbol unserer Zeit. Sie steht da, geschniegelt in Glas und Plastik, fast wie ein übermotivierter Praktikant, der alles kann, außer zu kontrollieren, ob du gerade die Bio-Avocado als Zwiebel deklarierst. Oder statt 2 kleinen Wasserflaschen nur eine abrechnest. Und genau hier beginnt das leise moralische Abenteuer des modernen Menschen.
Denn seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon einmal diesen kurzen, flackernden Gedanken gehabt? Diesen winzigen Moment zwischen „Ich bin ein aufrechter, gottesfürchtiger, gesetzestreuer Bürger“ und „Ach komm, eine Brezel ist ja fast ein Brötchen“. Es ist dieser Moment, in dem der innere Engel noch seine Flügel sortiert, während der innere Teufel bereits die Produktnummer für „Gurke, einzeln“ bestätigt. Und das, obwohl eindeutig eine Mango vor dir liegt, die nur ein wenig teurer ist. Aber grün ist grün, könntest du denken und gibst dir selbst grünes Licht für diesen unsachlichen Betrug an den ehrlichen Menschen, die diese ehrlich Lidl-Filiale verteidigen und erhalten. Du dumme Sau.
Ich weiß, die Versuchung ist subtil. Niemand schaut dir über die Schulter, keine Kassiererin hebt skeptisch ihre gezupften Augenbrauen, kein genervtes Räuspern aus der Warteschlange hinter dir. Nur du, der Scanner und dieser beruhigende Auftrag, der „Bitte legen Sie den Artikel in die Ablage“ sagt, als würde sie dir auch jede moralische Last abnehmen. Ein Freifahrtschein für kleine Schummeleien? Besser nicht. Wir sollten dem Satan des möglichen Betrugs nicht das Feld überlassen, wo wir es verhindern könnten.
Denn so unscheinbar dieser Moment wirkt, so groß ist seine Bedeutung. An der Selbstscannerkasse entscheidet sich, ob wir diese upgefuckte Art von Gesellschaft sind, die auch dann ehrlich bleibt, wenn niemand hinschaut. Oder ob wir uns kollektiv darauf einigen, dass eine Paprika schon irgendwie als Kartoffel durchgeht, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Natürlich kann man leichtfertig argumentieren: „Das ist doch nur ein großer Konzern, die merken das gar nicht.“ Das mag stimmen, ungefähr so, wie es stimmt, dass ein einzelner Tropfen Wasser im Ozean nicht auffällt. Aber wenn alle anfangen zu tropfen, trocknen wir so den Ozean der Ehrlichkeit aus. Und das hat auch für uns und andere Konsequenzen: Preise steigen, Kontrollen werden strenger, und plötzlich steht da doch wieder jemand neben dir, nur diesmal nicht mehr freundlich lächelnd, sondern mit einem Tablet und einem Blick, der sagt: „Wir wissen beide, dass das keine Zwiebel ist.“ Und du so mit halbem Herzen und voller Unterzeugung: „Ich habe mich vertan, woher soll ich wissen, dass das 7 Fertigpizzen sind?“ Am Ende müssen dich deine weinenden Erben im Gefängnis besuchen und fragen dich: „Papa, war es das wert?“ Und du denkst an gestern, als das mit der Seife passiert ist und in deinem Gesicht spielen sich Dramen ab und du sagst so ruhig es geht: „Es sind nur noch 7 Jahre, 3 Monate und 9 Tage, Uli.“ Warum dein Sohn in diesem Beispiel Uli heißt, soll dich gleichermaßen nachdenklich machen, sensibilisieren und eine Warnung sein.
Ironischerweise ist das System der Selbstbedienungskassen ja auf Vertrauen aufgebaut. Der Supermarkt glaubt so fest an das Gute im Menschen wie die Katholische Kirche. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, wie viele Leute gleichzeitig versuchen, kernlose rote Trauben, die nicht im Angebot sind, als Karotten zu deklarieren. Und doch funktioniert es erstaunlich oft. Die meisten scannen brav, zahlen ehrlich und gehen mit einem Gefühl hinaus, das irgendwo zwischen „Ich habe eingekauft“ und „Ich habe heute die Zivilisation gerettet“ liegen könnte.
Es geht nicht um die paar Cent. Es geht um die Entscheidung, sich selbst ernst zu nehmen. Wer an der Selbstbedienungskasse ehrlich bleibt, obwohl es so einfach wäre, es nicht zu sein, beweist eine Form von Integrität, die im Alltag selten so klar sichtbar wird. Es ist ein stiller Sieg, unspektakulär, aber bemerkenswert. Betrügen ist auch einfach anstrengend. Man muss sich merken, was man falsch eingegeben hat, hoffen, dass keine Stichprobe kommt, und dabei möglichst unschuldig schauen. Ein logistischer Aufwand, der in keinem Verhältnis zu dem Gewinn steht, der sich oft im Bereich eines Kaugummis bewegt. Ehrlichkeit hingegen ist herrlich unkompliziert: scannen, zahlen, gehen. Glücklich sein. Und schaut beim Verlassen der Supermarktfiliale bitte auch in die oft jammervollen Augen des Securitybediensteten. Er ist am Ende der Endabrechnung oft der Leidtragende. Er hat hungernde Kinder daheim, denen du mit deiner beschissenen Centfuchserei das Essen aus den bereits geöffneten Klageschnäbeln ziehst.
Am Ende ist die Selbstbedienungskasse vielleicht weniger ein technisches Gerät als vielmehr ein kleiner Charaktertest. Kein großer, kein weltbewegender – aber einer, der uns zeigt, wer wir sind, wenn uns niemand beobachtet. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir ihn ernst nehmen sollten.
Also, beim nächsten Einkauf: Eine Mango ist eine Mango ist eine Mango. Die Brezel muss sich nicht als Brötchen verkleiden, und die Trauben haben es verdient, als solche erkannt zu werden. Nicht, weil der Supermarkt es verlangt. Sondern weil wir es uns selbst schuldig sind, auch in den kleinen Dingen stabil zu bleiben. Und ganz ehrlich: Es fühlt sich auch einfach besser an, durch seine eigene Finanzkraft wieder einen Tag überstanden zu haben.
Donnerstag, 9. April 2026
CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende
Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?
Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.
Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.
Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.
Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.
Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.
Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.
Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)
Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.
Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.
Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?
Gary Flanell
CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.
Donnerstag, 2. April 2026
D*F*R vs. D*G*G Pt. II
WORTSPIELE IN PLATTENTITELN
Wir einnern uns: Vor einiger Zeit wurde die neue, unglaublich kreative Kolumne D*F*R vs. D*G*G hier auf dem Blog vorgestellt.
Es ist das gute alte Pro&Contra-Spielchen. In der ersten Episode haben sich Dirk Bernemann und HC Roth dem an Relevanz nicht zu überbioetenden Thema "Skifliegen im Dunkeln" gewidmet.
Nun steht der nächste Disput an und dazu hat ING FERNO ein Fanal für die Vorteile von Wortspielen in Plattentiteln gewidmet. Was dagegen spricht? Erfahrt ihr bald an dieser Stelle.
Es gibt übrigens eine tolle Liste von Themen, die darauf warten, durch den Diskurs-Wolf gereht zu werden. Die finden sich HIER.
Nun aber alle Aufmerksamkeit für ING FERNO zum Thema...
„Wortwitze in Plattentiteln“
Bei der Frage „genial-kreative Wortspiele oder langweilige 08/15-Floskeln als Albumname“ stehe ich unverrückbar auf der Seite der ersteren.
Werfen wir einen Blick auf die unsäglichen wortwitzlosen Plattentitel, die uns Punk-, Pop- und Rock-Artists zu unserem Leidwesen kredenzt haben und wir werden schnell der schwersten Sünden gewahr, die man Musikinteressierten antun kann.
Sünde 1: Zahlen als Plattentitel.
Wie einfallslos muss man sein, seinem neuesten Werk eine Zahl als Namen zu geben? Der kreative Prozess beschränkt sich dabei zumeist auf die Darstellung der Zahl, dabei kann man zwischen römischen (sehr beliebt) und arabischen Zahlen, einer Strichliste oder dem ausgeschriebenen Zahlwort wählen. Wow! Zumeist gibt die Zahl an, um das wievielte Album der Band es sich handelt, was die Hörer sicher fesselt. „Oha, ich werde jetzt Songs aus dem 3. Album der Künstler anhören, bei dem kreativen Titel werden die Lieder mit Sicherheit auch nur vor Ideen strotzen“, ist eine sehr unwahrscheinliche Äußerung, trotzdem haben u.a. Billy Talent, Dritte Wahl, Adele und Ben Racken sich für eine solche Benamsung entschieden.
Sünde 2: Farben als Plattentitel.
Die Beatles haben es getan, Weezer hat es getan, Hammerhead haben es getan, viele andere auch. White Album, Blue Album, Green Album, Black, Red, Yellow, Purple Album… Nicht besonders begeisternd, wenn ihr mich fragt. Die einzigen Ausnahmen, die ich tolerieren kann, sind entweder hässliche Spartenfarben wie z.B. ein Ocker Album - das würde ich mir unvoreingenommen anhören - und wenn der Albumtitel konterkariert wird, wie es bei Das Rote Album von Ernte77 der Fall ist, das komplett in grün erstrahlt.
Sünde 3: s/t.
Schreibt doch gleich „Uns ist kein Titel eingefallen“. Außer einem Gähnen wird bei solch einem Albumtitel bei mir nichts stimuliert. „Wir sind Platzhalter und spielen den Song Platzhalter vom Album Platzhalter. Super, dass ihr auf der Platzhalter-Tour dabei seid.“ Geht’s noch uninspirierter? Sowieso ist es kritisch zu betrachten, wenn ein Liedtitel auch als Albumname dient. Die Erwartungen an den Song werden immens, mitunter unerfüllbar, was die gefühlte Qualität des Langspielers mindert. Man stelle sich vor, das titelgebende Lied Leben verboten von Toxoplasma wäre kein Superhit, ein Schatten läge über dem gesamten Tonträger.
Wie es besser geht, zeigen uns einige wohlklingende Musterbeispiele, allen voran das Album Eigenuran der Kölner Formation CHEFDENKER.
Ein Wortspiel, das mich nach Jahren noch erfreut und ein Schmunzeln auf mein Gesicht zaubert. Ein so getauftes Album kann nur gut sein und tatsächlich ist es ihr bestes Werk, da kann es wirklich keine zwei Meinungen geben. Noch besser wäre es nur, wenn zusätzlich das Cover ästhetisch ansprechend gestaltet wäre, wie es beim Release Rhabarbershop von Ing Ferno (also mir selber) in Perfektion gelungen ist.
Selbst, wenn man das Wortspiel unlustig oder blöd findet oder es einfach nicht versteht, kalt lässt es einen nicht, es weckt Emotionen, man lacht darüber, man bekommt Aggressionen, man fremdschämt sich oder verliebt sich in den Urheber. Alles Gefühle, die eine Zahl, eine Farbe oder ein Lied- als Albumtitel niemals erzeugen wird.
Ein weiteres, glänzendes Exempel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Platte Die Kernseife der Medaille der Hamburger Combo DAS PACK.
Der Rezipient merkt sofort, dass da ein kreativer Geist am Werk war, der Konventionen bricht, mit Erwartungen spielt und mit Sprache umgehen kann. Es ist davon auszugehen, dass auch musikalisch keine Langeweile aufkommen wird. Ein Extralob gibt es von mir, wenn der Titel nicht nur eine nette, aber oberflächliche Wortspielerei ist, sondern Interpretationsspielräume öffnet und Ambiguitäten erzeugt, wie es dem ohnehin als Wortakrobat bekannten Alligatoah mit dem Albumtitel Triebwerke in Vollendung gelingt.
Wie meine Ausführungen belegen, ist ein Wortspiel als Plattentitel jedem anderen Plattentitel vorzuziehen. Gerade in der heutigen, deprimierenden Zeit setzen sie ein Zeichen für Optimismus und gegen die Trostlosigkeit sowie Langeweile der Gegenwart.
Ing Ferno
Donnerstag, 26. März 2026
Schön wenn die Fuzzbox funzt, Pt. VII
LOS SAICOS - Demolición!
The complete recordings
Ich war wohl erst in der 3. Klasse, als mich mein Mitschüler Markus (der später Kommissar für Wirtschaftskriminalität werden sollte) aus heiterem Himmel fragte, was denn mein Lieblingssong sei. Darüber hatte ich bis dato noch nie nachgedacht. Ich wusste weder Titel noch Band, und Markus meinte, ich solle mal vorsingen. Das sei unmöglich, sagte ich, denn er bestehe aus „elektrischen Klängen“. Es war Santana, wie sich später herausstellte. Und somit eher E-Gitarren, auch wenn ich vor denen anfangs eine Heidenangst hatte. Da hatte ich wohl einen ganz frühen Musikclip nach der Abendschau gesehen, der mich bis in den Traum verfolgte, als insektenartiges Sägen, das von den Ästen eines unheimlichen Waldes herab erscholl. Dort saßen langhaarig spinnengliedrige Gestalten, die verspiegelt gekrümmte Insektensonnenbrillen trugen. Und was war das für eine Band?
Abba.
Irgendwie hat sich daraus auch später mein Fetisch für Frauen in Overalls entwickelt – und damit kommen wir dem Thema endlich näher: den Sixties. Wo ich zwar rechnerisch schon existierte, aber noch mitnichten in der Lage war, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem elektrisierte mich während meiner Teenjahre kaum etwas mehr, als diese eklektisch-elektrischen Klänge. Auskenner sagen „Garage Rock“, „Proto-Punk“ oder Fuzzrock dazu – wegen der programmatischen Verzerrerbox, zuerst 1962 bei den Ventures auf ihrem Song „The 2000 Pound Bee“ zu hören.
Und Lima ist nun wirklich eine eklektische Stadt, wo Erzbischofresidenzen in direkter Nachbarschaft von fliegenden Händlern stehen, die ein einzelnes Chamäleon an den Mann oder die interessierte Frau bringen wollen. Oder den ganzen Tag im Abgasnebel Damenkleider am ausgestreckten Arm halten, während die Prensa Chicha (Käseblätter mit leichten Mädels und schweren Geschossen) verkündet: „Sie schlitzten ihre Kehle auf und raubten ihre Niere!“.
Mitte der 60er trieb hier Jean Paul „el Troglodita“ (der Höhlenmensch) sein Unwesen, und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa (ich sage nur: „Tod in den Anden“) frequentierte derlei Etablissements wie das Boite oder die Grotta Azzurra. Insofern war das schon naheliegend, dass in diesem Ambiente ein Rudel Jungs der gehobenen Mittelschicht aus dem Viertel Lince auf geparkten Autos trommeln würde und – als Erwin Flores mit einer E-Gitarre aus Brasilien zurückkam - eine Band bildete. Anfangs noch eher zahm epigonisch auf englisch, aber sehr bald bereits energetisch-eruptiv auf spanisch. Wie bei ihrer Hymne „Demolición“ (Zerstörung). ¡Echemos abajo la estación del tren!
In Lima war man nämlich auch Avantgarde in Sachen Bahnhofsabriss, der heutige Zentralplatz San Martín befindet sich auf dem Areal einer bereits 1918 visionär abgerissenen Eisenbahnstation. Die Produzentin der Saicos überredete sie dazu, diesen Song als Single rauszubringen und flugs hatten sie bereits Fernsehshows und wurden im Radio rauf und runter gespielt – u.a als Weckruf bei „Radio Reloj“, dem Sender mit der Zeitansage (gut für den, der keine Seiko hatte). Apropos: Anfangs wollten sie sich wohl Los Sádicos (Die Sadisten) nennen, aber sie eliminierten lieber das „d“ und wurden zu „Saicos“, was zugleich den Anklang an „Psycho“ und „Seiko“ hatte, die damals enorm populäre batteriebetriebene Uhr. Wie melodisch oder proto- punky der Song jeweils ist, hängt fundamental davon ab, wer das Mikro hält: César ist der mit Schmelz, Erwin der Reibeisen-Ernie.
Der mit der „onda bestia“ - er legte auch den weitesten Weg zurück, studierte später Physik in Washington, arbeitete dann für die NASA und trat in seiner Freizeit in Bars mit Salsa und Cumbia-Bands auf. Das war auch die Musik, die er früher zumeist hörte, während er Punk viel später im Interview als „música de mierda“ bezeichnet, von Leuten ohne Ahnung, die andere Leute ohne Ahnung in Rage versetzt. Aber er sagt auch, die Saicos stünden ähnlich wie Lucy zum homo sapiens, entfernte Vorfahren, die erst durch die Rückschau zu Vorbildern werden.
Es dauerte daher auch 40 Jahre, bis der Rest der Welt von den Saicos Kenntnis nahm. Da war ihr Bassist „El Chino“ schon tot, der das Riff von „El entierro de los gatos“ (die Beerdigung der Katzen) erfand, was Erwin retrospektiv als einen Song ohne jegliches Vorbild sieht. Der sei weiland so sonderbar gewesen, dass er gar nicht in die Musikgeschichte passe. Aber „Fugitivo de Alcatraz“ (Geflohen aus Alcatraz) ist auch nicht gerade Johann Sebastian Bach und eher was für Giallo- oder Mondo-Horror Filme.
No hay nada más punk que tocar punk sin saber rayos que sea punk (Es gibt nichts Punkigeres, als Punk zu spielen und keinen Blassen von Punk zu haben). Daher zum Geleit diese Zeilen aus „Fugitivo de Alcattraz“:
Los perros siento ya muy cerca de mí /
sirenas suenan locas, suenan sin cesar /
yo pienso en tu amor y siento valor /
y sigo el sendero por el matorral /
(Ich spüre die Hunde schon ganz nah / Sirenen schrillen verrückt, schrillen ohne Unterlass / ich denk an deine Liebe und spüre Mut / und folge dem Weg ins Unterholz...)
Bit Father Out
LOS SAICOS - Demolición! The complete recordings erscheint am 27.03.2026 auf Munster Records.
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