Menschen machen Zines. Immer noch oder schon wieder ist hier nicht die Frage. Mir gefällt das. Ich freue mich einfach, wenn mir ab und an ein gedrucktes Stück grauer Szene-Literatur in die Finger kommt. Schlicht gedruckt oder kopiert, Layout so wie man will und kann und keine Ambitionen, dass das mal ein kommerzielles Ziel haben könnte. Im Grunde ein Hobby und Hobby ist hier nicht belächelnd gemeint. Fan-Zines mögen heutzutage nicht mehr den Informationswert für Szenen wie vor, sagen wir 20-40 Jahren, haben. Es ist trotzdem toll, ab und zu wieder eins in die Finger zu kriegen und zu sehen, wieviel Arbeit da rein gesteckt wurde.
Sagt der Mann, der den Blog am laufen hält und irgendwie zu faul ist, auch mal wieder eine Printnummer zu machen.
TRAIL MAGIC
Man kann von vielen Dingen Fan sein und zum jeweiligen Thema eine wie auch immer geartete Publikation, ehm, publizieren. Bei machen Leuten ist es Musik, bei anderen Kochen, die eigenen Lebensrealität, oder Stricken., Oder Wandern. Oder Hiken. Ist das eigentlich dasselbe? Ich glaube nicht ganz. Vermute nach der Lektüre des TRAIL MAGIC-Zines, dass Hiken so eine Art Extrem-Wandern ist. Dazu könnte ich Chriz, den Herausgeber des TRAIL MAGIC-Zines mal fragen, denn in diesem Heft geht es um Hiken, der vielleicht etwas abenteuerlichen Art zu Wandern. Da muss ich doch glatt an den Kollegen A Bit Father Out denken, der auch gerne dort rumkraxelt, wo sonst keiner seine Füße hinstellt. Aber darum geht's jetzt nicht.
TM-Macher Chriz ist in Zinekreisen kein Unbekannter, er hat das "MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN"-Zine und einige andere Hefte gemacht, immer in kleinen Auflagen und sympathisch graswurzelmässig kopiert. Das waren auch inhaltlich immer sehr persönlich gehaltene und interessante Zines.
Nun geht's also um die liebste Freizeitgestaltung - eben jenes Hiken. Es gibt einige Interviews mit Hikern aus der ganzen Welt, die teilweise ihre eigene Ausrüstung zusammenbasteln und ein paar hübsche, teilweise tagebuchartige Reiseberichte. Das klingt mengenmäßig dürr, ist es aber gar nicht, denn spannend ist da schon, mal von dieser "Szene", wenn es denn eine ist, zu erfahren. Ich hatte bisher keinen Zugang zum Hiking-Kosmos, bin auch nicht so der Typ für tagelange Wanderungen im Irgendwo, egal ob Berg oder am Meer. Aber es macht sehr viel Spaß, sich mal in diese Texte hineinzugeben und ein bißchen die Faszination nachzuvollziehen.
Kontakt: chriz@42zines.de
Insta: xtrailmagicx
POP-UP-FANZINE
POP-UP-ZINE NR.2
Andi Kuttner kann es nicht lassen. Er hat früher Zines gemacht und jetzt hat er den alten Faden wieder aufgenommen. Bringt nun mit dem POP-UP-ZINE ein Fan-Zine in guter old school Manier raus. Punk bis Punkrock ist das Thema, um das es geht und das POP-UP wirkt so solide und schön gemacht, wie soviele Hefte, die es in den 90ern, Anfang der 2000er noch gab. Aufgeräumtes Layout, aber mit diversen punky style-Elemente, dazu inhaltlich schön vielfältig, aber eben immer mit Blick auf Punkrock als grobem Oberthema.
Es gibt Interviews mit den Bands SPREEPUNKROCKERS, SPRUNG INS LEERE sowie Lea und Ulli vom WILD AT HEART in Kreuzberg. Da muss ich sagen, dass ich das für ein sehr gutes Interview halte, weil die beiden schon sehr reflektiert mit den Herausforderungen umgehen, die jahrzehnte langes Clubbetreiben mit sich bringt. Sehr schön und ehrlich. Finde ich top. AUch wenn Andi den Laden, also das Heft redaktionell zusammenhält. gibt's ein paar hübsche Beiträge von anderen Schreibern, zum Beispiel mit einem Rückblick auf die Chaostage 1995 in Hannover, einen schönen Überblick über spanischen Indie/Punk-Pop.
Bissl Fußball darf nicht fehlen in so einem Heft, den Ansatz die Podcastler vom Rasenfunk zu befragen, finde ich dahingehend schon gut. Chriz vom TRAIL MAGIC-Zine taucht auch mit einem Text auf, dazu gibts noch Reviews und Konzertbericht, also alles, als wäre es immer noch 199X und das Leben wäre so einfach wie damals.
POP-UP-ZINE NR.3
Die Nummer 3 vom POP-UP hat mir Andi zugeschickt, nachdem wir uns beim EA80-Konzert im Schokoladen zufällig getroffen haben - und er mir geholfen hat, ein Ticket loszuwerden. Zwei Tage später lag die neue Au8sgabe im breifkasten. Oberthema diesmal - gab es bei der No. 2 auch ein Oberthema? Falls ja, habe ich es nicht verstanden. Egal. - Das Oberthema: Abschiede. Nicht das einfachste Topic, aber ein wichtiges. Denn da denkt man unweigerlich ans Sterben, an das Loslassen, an den Abschied von Freunden, von Verwandten, von denen man gar nicht will, dass sie jetzt schon werweißwohin gehen. Ich kann da gut eine Verbindung aufbauen, denn das Thema Abschied im Sinne von Sterben begleitet mich schon sehr lange, ich kämpfe immer damit und meistens komme ich klar.
Aber Abschiede müssen nicht immer so drastisch sein. Es kann - und darum geht es in einigen Texten in diesem Heft - auch um Abschied in anderer Hinsicht gehen: Um letzte Alben von guten Bands. Um den Abschied von einem bestimmten Land. Darum, Dinge, die man nicht mehr braucht, loszuwerden. Ums Wegschmeißen oder ins Archiv geben also. Um Bands, die sich entschieden haben, aufzuhören. Gutes Beispiel dafür wären DIE SCHWARZEN SCHAFE, die 2025 Schluß gemacht haben und nun noch einmal von Andi interviewt werden. Weitere Bands, die in dieser Ausgabe vorgestellt werden, sind BETONKINDER, LISA SINSON und THE CLEOPATRAS. Dazu wie gehabt Konzertberichte und Rezis, quasi Salz und Pfeffer in jedem Punk-Zine. Die Idee, dem POP-UP ein Thema zu geben undd as mal auf der Bais von Punk(Rock) durchzudeklineiren, finde ich super. Gerade weil dann mal ein paar andere Aspekte des Themas auftauchen - allein der Text zu den letzten Platten von Bands wie THE CLASH, WIPERS oder ...BUT ALIVE in dieser Hinsicht mal zu betrachten, macht Spaß zu lesen.
Kontakt:
pop-up@posteo.de
Gary Flanell
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Donnerstag, 27. August 2026
Donnerstag, 20. August 2026
Schön, wenn das Paradox Puncht
X.A.CUTE - PARADOX
In Renfield-City wird selten das kreative Tun der schreibenden Menschen verheimlicht. Da sind wir recht transparent. Es ist beispielsweise kein Geheimnis, dass unser Global-Music-Spezi Eric Mandel seit Ewigkeiten mit den Kollegen Kuzi Whan und Guvibosch das Projekt X.A.CUTE be- und vorantreibt. X.A.CUTE gedeihen seit langen im Hinterhof des Kreuzberger Avalons, dem magischen Zufluchtsort mitten in der Herzkammer der Berliner Gentrifizierung.
In diesem Kosmos auf einer großen Verkehrsinsel kommt seit jeher und immer regelmäßig einiges zusammen: Tracks, EPs, Alben, Solo-Alben, dazu Mitschnitte von DJ-Sets aus den coolen Orten der Stadt. Mir wird selber manchmal ganz schwindlig, wenn ich sehe, was Mr. Mandel regelmäßig veröffentlicht. Schaut auf Bandcamp, schaut auf Mixcloud, X.A.CUTE is everywhere. Und da reden wir ja noch gar nicht von ATOMVULKAN BRITZ, wo wir auch öfter in den Keller oder Funkhäuser steigen, um auf Industriefässern, Drumkits und Bässen rumzuklöppeln - und zuweilen kosmische Hintergrundmusik erzeugen.
Bei soviel Output fällt es schwer den Überblick zu behalten, aber damit stehen X.A.CUTE im 26. Jahr des 21. Jahrtausends nicht allein. Die Veröffentlichungszyklen rasen schneller als die Musikpolizei erlaubt, was sicher auch durch die schnellen Releasemöglichkeiten unterstützt wird. Für einen Upload brauchst du nunmal kein Presswerk oder die schwerfälligen Strukturen eines großen Labels, das erstmal in der zigsten Videokonferenz über mögliche Verkaufschancen und Marketingmöglichkeiten nachgrübeln muss. Es ist bekannt, dass man Musik mittlerweile gut in DIY (oder wie ich neulich las, DIT (Do it Together))- Manier raushauen. Schnell und unkompliziert. Wenn es eben darum geht, etwas zu veröffentlichen und nicht um die raketenartige Reichweite oder die Weltherrschaft. X.A.CUTE produzieren ihre Tracks so schon seit Jahren. Und machmal kommt dabei sogar ein Stück Vinyl raus.
Wer so lange schon Musik ersinnt, produziert, aufnimmt und auflegt, ist natürlich auch bestens vernetzt. Irgendwie taucht bei jedem X.A.CUTE-Release der Zusatz "Feat. den oder die" auf. Die meisten Personen dieser Koops kenne ich nicht, aber ein paar schon: HOLZKOPF aus Kanada, MISS RED oder die Kolleg*innen von PEB. Und das, liebe Menschen am Lesegerät, sind nur ein paar Namen in der Galaxie, in der X.A.CUTE manövrieren und kooperieren. Alles ist recht fluide, der Kern besteht zwar aus den drei Weisen aus dem Kreuzberger Land, ansonsten gibt es immer Andockmöglichkeiten für Freunde und Kurz-in-der-Stadt-Lebende. Und wenn Zeit ist, dann stemmt man entweder ein neues, gut klingendes Projekt aus dem Boden - hier sei auf DIKDÆDØR verwiesen - selbe Besetzung, anderes Konzept - oder auf das Zäh-Doom-Monster STUMPF oder auf das in der Pipeline lauernde HC-Wochenend-Projekt ZERSTROYER - oder: Man bringt das neu aufgenommene Material unter dem Namen X.A.CUTE raus.
Für die PARADOX-EP hat man sich mit einem guten Bekannten zusammengetan, dem Bremer Rapper ETHNIQUE PUNCH. Nicht die erste Kollaboration, vor einiger Zeit gab es schon auf der FASUIH/SLIGPO-EP eine Zusammenarbeit. ETHNIQUE PUNCH ist live auch für Leute, die mit HipHop gar nichts am Hut haben, also Menschen wie mich, bei Konzerten sehr unterhaltsam anzusehen. Da findet man wenig von typischen HipHop/Rap-Klischees, sondern einen sehr charismatischen Typen auf der Bühne, der zu seinen Tracks auf Türkisch rappt. Die Entspanntheit, die da zutage tritt, passt auch sehr gut zu den X.A.Cuties.
X.A.CUTE, das sei noch zu erwähnen, sind in ihrem Schaffen sehr global aufgestellt. Da spielen viele Rhythmen und Beats rein, die auch interkontinental anschlußfähig sind. Dub, Drum'n'Bass, HipHop, Tablas, nahöstliche Synkopierungen, Dubstep, Dancehall, alles da, alles gemeinsam miteinander existierend. Dub vor allem, das ist wohl die große Wurzel, aus dem sich alles in allerlei Varationen speist. Was jetzt dazu gut passt, wäre eine Kochmetapher: X.A.Cute schmeißen also alles, was von dieser Wurzel ausgeht, oft in in einen Topf - und es schmeckt immerstimmig. Ihre Tracks haben oft eine sehr dicke Lebensdader, und die heißt eben Dub, das ist der Bass und der Rhythmus und darum lagert sich dann der Rest an. Im Falle von PARADOX eben der entspannte Sprechgesang von ETHNIQUE PUNCH, verhallte Samples und Sprachfetzen oder auch mal eine schräg flirrende Orgel- oder Synthie-Melodie. Das wirkt oft so entspannt wie es für einen Sommerabend in dieser Stadt erforderlich ist, baut aber auch mal gerne eine unterschwellige Spannung auf.
Falls es bis hierhin noch nicht klar geworden ist: Mit Rockmusik, Punkrock oder ähnlichem Gitarrenlastigen hat das hier alles nichts zu tun. Wenn du aber gern mal eine Drun'n'Bass-Party besuchst und kein Problem hast, ganz unterschiedliche Arten von Musik zu goutieren, dann solltest du mal fix bei X.A.CUTE reinhören. Und wie nennt man das alles zusammen jetzt? Häch, das Stöhnen des Blogtreibers, wenn es um schnöde Genrezuschreibungen von Musik geht. Wahrscheinlich passt eh am besten der Begriff, den X.A.CUTE selber für alles, was sie so im Herzen von Kreuzberg anstellen, öfter nutzen: Outernational Music.
Gary Flanell
Die PARADOX-EP von X.A.CUTE gibt es auf ihrer Bandcamp-Seite zu hören, also hier.
Donnerstag, 13. August 2026
Schön, wenn das Kassettendeck noch klickt Pt. I
TRAMHAUS - BLISTER
„Zehn Minuten", sagt Gary. „Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt…" Bei den Temperaturen bimmelt hier gar nichts. Vielmehr bommelt alles, hängt in der Gegend rum und ist schlapp, schlapp, schlapp. Vierundzwanzigstundensiesta. Uhrenbimmeln? Nee, Gedöse und Halbschlaf. Mit komischen Bildern, Gerüchen und Tönen von Annodazumal.
Ist schon wieder 1992? Oder vielleicht 1993? Lange-Her könnte das Jahr auch heißen, jedenfalls ist es von Juni bis September in dieser olivgrünmetallicfarbenen Karre unerträglich und phantastisch zugleich. Megadreck, innen wie außen, hier sind seit Ewigkeiten Sauger und Waschanlage nicht mehr dran gewesen. Vielleicht auch besser so, der Schmutz hält bestimmt alles so gerade eben zusammen. Ein wenig Seife, und mehr als Einzelteile blieben dann nicht. Kotflügel, schräges Heck, die drei Frösche, ein paar Handvoll Postkarten der Namensgeberin, Zigarettenkippen, zerknüllte Taschentücher und andere Zeichen von Leben und jede Menge Kassetten. Kassetten. CD-Spieler, Digitaldings – alles da noch Utopie, Science Fiction, Müsste-sich-mal-einer-ausdenken.
Gut, dem Grunde nach gibt's das schon, irgendwelche Sebastians oder Karstens haben's, dafür jedoch keinen Platz mehr im Kofferraum, alles voll blinkender Technik, die man dann dem geneigten Publikum auf dem ratzigen Parkplatz der Dorfdisko präsentiert, aber hier in diesem Subsubsubuniversum spielt die Musik weiter anders. Schön aus der Zeit gefallen oder diese konservierend, festhaltend, umarmend. Magisch mechanisch. Echt.
Rack! Stets der gleiche Anfangssound, wenn durchgeladen wird wie bei der antiquierten Knarre eines James Bond-Endbosses, und dann ab mit Leiervollgas und ohne auch nur den Hauch einer Chance auf Tuning. Feinstes Mono, laut oder leise, nichts dazwischen. Irgendwann habe ich mal versucht, eine Stereoanlagenbox zusätzlich anzuschließen, so einen mit Omas Strumpfhose bespannten Holzkasten, schwer wie ein Kasten Wasser. Die hätte prima hinter den Fahrersitz gepasst, der ja ohnehin lebenszeitlich arretiert war, ob durch Rost, etwas Abgebrochenes oder etwas Dazwischengefallenes, niemand wird's mehr herausbekommen. Aber das misslang kläglich wegen der Kabellage. Farben, Phasen, alles nur Phrasen. Der Radio-Backstein ist seitdem auch nicht mehr ganz so zu versenken wie bautechnisch gedacht, dank eines alten Kulis bleibt er aber klemmen. Egal, Optik ist für Optiker.
Fenster runter gekurbelt, Gang mit Gewalt irgendwo rein, und hinein in die überhitzte Unendlichkeit, in deren Verqualmtheit und in das Geröhre des Auspuffs sich nach kurzer Zeit auch schwarzer Nebel und Teergeruch mischen. Irgendwo spritzt immer was Öliges auf was Glühendes, das ist am Ende halt Sommer.
Wäre es nicht 1992, 1993 oder irgendetwas in zeitlicher Nähe, zöge der Polo vielleicht keine scheppernde Soundfahne aus Sonic Youth, Nirvana, Pixies und all solchem Kram aus dem Probenraumwunderland hinter sich her, sondern recht passend etwas von TRAMHAUS aus den Niederlanden.
„Etwas“ ist wohl tatsächlich Blödsinn, da bisher deren „Alles“ auf einer Kassette Platz fände. Muss gerne nicht so bleiben. Bleibt es auch nicht, denn bald kommt mit "Blister" das zweiten Album der Niederländer raus. Großartig wuchtig, seltsam melodisch, kompatibel mit einer großen Bühne ebenso wie mit einem Tapedeck in einer kleinen Ratzkarre.
Die Bande aus dem Nachbarort, kleine Schreihälse und Instrumentenverprügler, ebenfalls eher magisch mechanisch, auch wenn am einen oder anderen mehr herumgedreht und nach oben oder unten gezogen wird, als das am Gerät in meinem ersten Auto jemals möglich gewesen wäre. Hat noch jemand einen Schrägheckpolo in Grün und mit Kassettenspieler, um das Setting mal auszuprobieren?
Vornehmlich dann wohl Richtung Herbst, im heißen Sommer verheddern sich Bänder schon mal sehr, sehr gerne, da hilft dann auch kein Kuli mehr.
Philipp Nussbaum
"Blister", das zweite Album von Traumhaus erscheint am 09.10., derweil die Band weltweit auf Tour ist.
Mehr Infos zu Tramhaus, dem neuen Album und Tourdates finden sich hier.
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