Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Krautrock werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Krautrock werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 10. September 2026

Schön, wenn der Kosmos zweimal klingelt Pt. IXXI


CAN - Live in Arles 1975

Meine älteste Freundin (min. 1986) als arschcoole Amazone plus Chefauskennerin hatte mir vor unzähligen Jahren ein Tape mit CANs Cannibalism aufgenommen - und ich stieß mal bei der Hochzeit meiner Nachbarn auf Damo Suzuki (weil sie den guten Mann schon lange kannten).

Aber für eine alte Nullckecker-Nulpe wie mich ist das „kosmische Musik“ (guck: da sind sogar oldschoolige Untertassen auf dem Plattencover), dabei war das der andere durchgeknallte Haufen rings um Ash Ra Tempel plus Tangerine Dream und eben West-Berliner, während CAN eine Kölner Erfindung ist. Ganz ursprünglich 1968 als Inner Space (da haben wir zumindest den Mikrokosmos) zusammen gefunden, bis ihnen ihr erster Sänger Malcolm Mooney CAN vorschlug, als besonders kurzes + vielschichtiges Wort, das in seiner Muttersprache sowohl „Dose“ wie „können“ heißt, auf türkisch (dann allerdings Dschan ausgesprochen) „Seele“ oder „Leben“ (kedilerin 9 canı var – Katzen haben 9 Leben) und auf japanisch (kan) „berühren“.

Bingo, und da sind wir spot-on für den zweiten Sänger von CAN: Damo Suzuki. Geboren in Kobe und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Schweden gerollert, um dort deren „Traditionen zu studieren“ (laut Zeitungsannonce). Der zur Band kam, weil er im richtigen Moment vor dem Blow-Up, Deutschlands erster Großraumdisko in München, herumgniedelte und schrie (aus Frust), kurz bevor CAN am selben Abend dort auftraten. Die Zuschauer flüchteten in Scharen, als die Band mit Suzuki in Samurai-Modus verfiel (laut den Erinnerungen von Czukay). Am Ende 30 Standhafte in einem Saal für 1500 Leute...


Hier hingegen haben wir einen Livemitschnitt von 1975 vor uns, wo sowohl Mooney wie Suzuki ausgeschieden waren. Mooney weil er bei einem Konzert drei Stunden lang „upstairs! Downstairs!“ skandierte – auch als die Band längst aufgehört hatte zu spielen – und Suzuki dank einer zielstrebigen Dame aus Düsseldorf (ebenfalls eine Japanerin), die ihn (zeitweise) zu den Zeugen Jehovas bekehrte. Tja, da hilft auch kein yes, we can.

CAN kam nach Suzuki größtenteils ohne Stimmen aus, sondern jammte irgendwie leicht Raga- mäßig über weite Strecken aus einem erkennbaren (oder recycleten) Thema heraus - und ich meine wirklich lange Strecken: In Berlin brummselten sie bspw. über 6 Stunden eine durchgehende Spaceblues-Exploration. Aber da hatte man dann den „Motorik Beat“ zum Festhalten, ein 4/4 Dingsbums das Jaki Liebezeit besonders gerne spielte und bald zum Markenzeichen von Krautrock wurde. 4/4 war nie meine Lieblingszählzeit – doch das macht wohl unser militärisches Erbe...

Viel später haben bspw. Stereolab darauf aufgesattelt, was es zusammen mit den warmen, dynameuphorischen Stimmen von Laetitia Sadier und Mary Hansen zur perfekten Party- Aufwärmmusik bei meinen frühen Fabrikfeten machte. Denn wenn schon Armee, dann bitte Damen (oh Gott, macht er uns hier noch den Muammar al-Gaddafi?) und natürlich ergibt Motorik zwischen Schleifmaschinen umso mehr Sinn.


Kein Wunder, dass CAN bald Legendenstatus genossen, wobei überraschte Zuhörer aus Übersee anmerkten: „it was great, but I didn‘t know it was music!“

Nun, für Jazzer natürlich eigentlich ein piece of pie und zumindest Jaki hatte den Jazzhintergrund, während Czukay sowie Schmidt Schüler vom unumgänglichen Karlheinz Stockhausen waren. Die Anderen machten eher anderes, und so fand sich das eklektisch im Kollektivgeist der 70er zusammen. Nicht umsonst meinte Jaki mal, CAN stehe für „communism, anarchy and nihilism“. Quasi Frank Zappa ohne Zeremonienmeister und anfangs wie geschaffen für obskure Film-Scores: „Agilok & Blubbo“ oder „Kamasutra: Vollendung der Liebe“. Beide Filme sind aus meinem Geburtsjahr 1969 und heutzutage verloren. Aber die Soundtracks haben überlebt!


Und erst recht die Einflüsse, die von Siouxsie und Joy Division, über Primal Scream + Happy Mondays bis LCD Soundsystem & Kanye West (samplete mal „Sing Swan Song“) reichen – also wer noch Ambitionen in Sachen Akustikastralorchestralmotorikkakaphoniesymphonien hat lauscht ehrfurchtsvoll den bis auf Schmidt verstorbenen Altmeistern im römischen Amphitheater im sommerlichen Arles im präkambrischen Jahr 1975 (da war Deutschland Weltmeister). Oder gibt die obige Wortschlange als Prompt in Suno ein und lässt sich gegen viele Tokens überraschen.

A Bit Father Out

CAN - live in Arles 1975 erscheint am 25.09. auf Mute/Future Days/[PIAS] Records.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Spoon Records.

Donnerstag, 19. Dezember 2024

Schön, wenn der Samtvogel wieder fliegt Pt. XXIV


GÜNTHER SCHICKERT - SAMTVOGEL

Dieses Album wollte ich schon ganz lange mal gehört haben. Es ist fast genau so alt wie ich, so dass Bureau B das Dings jetzt mit einer Jubiläumsausgabe (50!) ehrt.

Aber vor allem ist es bisher ein immer besonders geheimnisvolles Teilchen der Vergangenheit von Günther Schickert gewesen, den ich vor ungefähr 25 Jahren das erste Mal kennengelernt habe, weil wir uns einen Proberaum in der Waldemarstraße geteilt haben.

Er war eine tiefenentspannt wirkende Erscheinung mit Hut, von dem ich nicht viel wusste, außer dass er einen empfindlichen permanenten Aufbau kompliziert verschalteter Effektpedale pflegte, von dem wir (unbeholfen jazzrockende Postpunk-Opfer) gefälligst die Finger zu lassen hatten. Ich hab seine Effekte oder auch nur ihn damals nie in Aktion gesehen, aber ich wusste, dass er African Headcharge kannte und mochte, was ich bemerkenswert fand, denn mit dieser Leidenschaft war ich bisher allein geblieben.

Wir verloren uns aus den Augen, aber Jahre später sollte ich, interessanten Bassvibrationen folgend, in eine Stahltür in einem Kreuzberger Hof stolpern, und hinterm Tisch am Einlass saß niemand anders als der Günther aus der Waldemar und zeigte wortlos auf die Treppe abwärts. Das kann man wohl als lebensverändernden Moment bezeichnen, denn seitdem bin ich aus dem Loch, in das er mich damals lotste, nie so ganz wieder herausgekrochen. Das macht ihn noch ein bisschen mysteriöser.

Die Ahnung, dass Günther nicht irgendwer war, erhärtete sich kurz darauf, als ich ihn sah, wie er im Biergarten ums Eck sah einem japanischen Journalisten ein Interview gab. Und durch vielstimmige orale Überlieferung erfuhr ich nach und nach, in was für Sachen er so vor den Waldemar-Jahren verstrickt war, z.B: frühes SO36, ein Trio namens GAM (Günther Axel Michael) und Tontechnik für Klaus Schulze.


Ich hab Krautrock in meiner Leihbibliotheken-Phase gestreift und dann bis ins hohe Alter ignoriert, weil ich Drum’n’Bass wichtiger fand. Tatsächlich hab ich mir immer gesagt, dass ich mir die Musik alter Männer, Can, Kraftwerk, Tangerine Dream und Günther aufheben kann für wenn ich selber alt bin. Tja, jetzt ist es so weit, und ich kann mich an plötzlich an so was wie Harald Grosskopfs Solo-LP von 1981 erfreuen, oder eben Günthers „Samtvogel“.

Das kam aber auch nicht von ganz alleine. Vor ein paar Jahren habe ich Günther mal zusammen mit Gary für die Printausgabe vom Renfield-Magazin interviewt, natürlich in dem bewussten Keller. Dabei gab er uns eine aktuelle Doppel-CD von ihm namens „Pharoah Chromium“. Irre! Supergutes, irgendwie nicht endenwollendes Doom-Ambient-Geschwobber mit durch den Raum kollernden Gitarrenlinien, die offenbar immer noch aus einer hochkomplexen Anordnung von Effektpedalen kamen.

Seitdem weiß ich auch, dass sein erstes Album „Samtvogel“ im selbstverlegten Original auf Discogs von ganz besonders hingebungsvollen Fans (z.B. Japanern) für 800,- € gehandelt wird. Nachpressungen waren immer schnell weg, und Youtube zählt nicht. In der EU gibt’s das Teil jetzt also wieder für mehr oder weniger erschwingliche Ladenpreise.


Und ich bin schwer versucht! Das digitale Promo hat die Angewohnheit, immer weder von vorne zu beginnen, und ehe ich so ganz wusste, wie mir geschah, war ein halber Bürotag rum, und ich hatte das Album vier oder fünf mal durchgehört. Die Musik passt also einfach so in die Landschaft, taugt aber auch zum Reinfallenlassen.

Dann entfalten sich seine drei damals noch mit relativ minimalen Mitteln aufgenommenen 4-Spur-Studien aus Gitarre und Echo-Loops zur Mandala-artigen Handarbeit mit fortlaufender Entwicklung, ohne Pomp oder Blendwerk. Die sympathisch subjektiven Titel geben einen schönen Querschnitt davon, was den jungen Westberliner damals so umtrieb: Hedonismus („Apricot Brandy“), Pazifismus („Kriegsmaschinen, fahrt zur Hölle“) und Wald („Wald“).

Der erste Song ist ein bisschen anders, weil kürzer und mit Stimme: Der junge Günther klingt, wenn er singt, ein bisschen wie Arto Lindsay, nur was er singt, verstehe ich nie so richtig. Oder ich vergesse es, während die anderen, längeren Stücke reinkicken – entweder hypnotisch und wirklich die Aufmerksamkeit fesselnd, oder auch so ganz nebenbei, als Teil der Umwelt.


Auch wenn dieses Album nur ein ganz kleines Mosaikteil aus dieser mythischen Zeit darstellt, als Westberlin ein kachelofenbeheiztes Feuchtbiotop für Freaks mit Gitarreneffektpedalen war, steckt genau darin seine ganze Schönheit, die mich glatt mit dem Altwerden versöhnt … so lange es noch neue Musik gibt, die genau so alt ist du selbst.

Wolfgang Noise

Das Album Samtvogel von Günther Schickert ist als Neuauflage auf Bureau B erschienen.