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Donnerstag, 21. Mai 2026

Schön, wenn das Krokodil patrouilliert Pt. K.-IV.X


SEVEN SIOUX - ALLIGATOR PATROL

DIE ÄRZTE - waren meine erste Lieblingsband und doch habe ich es nie hingekriegt, sie mal live zu sehen. Schon schräg sowas. Ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit SEVEN SIOUX, vielleicht Österreichs Emo-Core-Veteranen No.1.

Auch von den Linzer/Wienern stehen hier etliche Platten rum. Alle, die ganz alten und die neueren, finde ich auf ihre Art toll und doch musste es erst 2025 werden, damit ich sie mal live erleben konnte.

Dabei war der Kontakt zu Sänger Rainer Krispel schon vorher da. Ich glaube, es gab da sogar mal ein Renfield-Interview. Was es sicher gab, war eine vermasselte Lesung von Rainer vor zig Jahren an einem Sonntag in meinem Lieblingskeller mit genau 1 Gast. Später haben wir dann in meiner WG noch recht betrunken den Blues auf der Akustikgiutarre gespielt. Wurde wohl auch aufgenommen. Außerdem: Immer wenn ich in Wien bin und sich's ausgeht - und dass es sich ausgeht, daran wird nach Kräften gearbeitet - muss ein Kaffee mit Rainer in einem Beisl sein.



Aber SEVEN SIOUX, die waren sehr lange in den 80ern/90ern gut sichtbarer Teil einer europäsichen Hardcore-Szene, die weniger Tough guy/Youth Crew-artig als vom DIY.Spirit à la Fugazi/Dischord geprägt war. Die Linzer Vorgängerband TARGET OF DEMAND gehörte auch schon dazu und beide Namen fielen schnell, wenn es um Punkbands aus Österreich ging. Die Platten wurden gerne mal rezensiert und waren mindestens vom namen her bekannt. Es war immer gut gemachter, intelligenter Hardcore-Punk, mit hörbarem DC-Einfluss. Das gefiel mir an SEVEN SIOUX immer sehr gut, dieses nicht prollige und Crew-mässige, sondern diese etwas nachdenklichere Art von Hardcore.

Wie's bei vielen Bands dieser Zeit so lief, habenne auch die Sioux eine längere Pause eingelegt, die ging bis 2006, 2007. Seitdem gibt es immer wieder neue Alben, mein Favorit dieser Phase ist immer noch die "We are not the scared people"-Platte mit dem gleichnamigen Überhit. Ein großartiges Fanal der Solidarität, was öfter gesungen werden sollte, auf Demos, auf Kundgebungen, in jedem ostdeutschen Flächenbundesland, auf jedem Schützenfest vorm Bierzelt, angesichts eines immer spürbarer werdenden Rechtsrucks in Europa.



Ich komme mal zurück zu den SEVEN SIOUX. Nun also eine neue Platte. Der Titel: Seltsam, was könnte eine Alligatorenpatrouille sein? Irgendein seltsamer Code? Ich habe auch ewig gebraucht, bis ich gerafft habe, was GORILLA BISCUITS sind, vielleicht ist auch dies hier ein Insider-Witz alternder HC-Helden. Aufklärung gibt es durch die Lyrics auf dem Innensleeve der LP. Für eine Punkband ist das eine schön im Song erzählte, und reichlich abgedrehte Story. I like.

Die Musik: Hier ist eine Kontinuität zu erkennen, und zwar in der Reihe der Alben, die SEVEN SIOUX seit 2006 veröffentlicht haben. Die Besetzung steht seitdem stabil, der Sound hat sich nicht groß verändert und das hört man auch den neuen Tracks an.
Was jetzt nicht mit boring stuff interpretiert werden soll, aber die Band weiß halt, was sie tut, wie sie klingen will und welche Songstrukturen sie nutzen und ausbauen kann. Man muss allerdings auf recht rockigen, mittelschnellen HC-Punk in der Art von SCREAM, VERBAL ABUSE oder DAG NASTY stehen, um diese Platte richtig schätzen zu können.

Wunderbar sind dabei die kleinen Details, wie die Esperanto-Radioansage auf Seite 1. Alle Songs haben diese hübschen melodischen Refrains, Rainer trägt viele der Stücke mit seiner Stimme, die immer noch guten Mischung aus Verzweiflung und Trost spendend changiert. Trostsuchend und gleichzeitig tröstend, kämpferisch und verzweifelt, das muss man auch erstmal hinkriegen. Teilweise sind die Tracks wirklich rockradiotauglich, aber wer wäre ich, der der Band, das übel nehmen würde?

Einen Song wie "C'mon baby" beispielsweise, sollten viel mehr Menschen der Generationen X bis Z hören, bestenfalls auf dem Weg zur Arbeit. Und wenn 7 SIOUX einen punky Reggaetrack wie "Left" einstreuen, textlich mit allerlei Bandreferenzen von Freund*innen aus lang vergangenen Zeiten gespickt, dann kommt da eine angenehme Art von Pathos auf, in die ich mich mittlerweile gerne hineinfallen lasse.
Einen Hit wie "We are not the scared people" haben sie zwar diesmal nicht hinbekommen, aber das ist ja auch ein Jahrhundertzuckerl und ich bin mit dem, was sie mit Alligator Patrouille abgeliefert haben, mehr als glücklich.



Das erste Konzert von SEVEN SIOUX, das ich nun also gesehen habem, fand übrigens im gleichen Keller statt, in dem die desaströse Krispel-Lesung vonr über einem Jahrzehnt stattfand. Diesmal war der Keller allerdings voll, es war eins der schönsten Konzerte seit langem und ganz am Ende, da haben sie dann wirklich noch "We are not the scared people" gespielt. Danach war ich sehr glücklich und konnte gut ins Bett gehen.

Gary Flanell

Alligator Patrol von SEVEN SIOUX ist im Herbst 2025 erschienen, wurde von der Band selber veröffentlicht.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Unsterbliche Lebensläufe


Alex Solman und Gereon Klug auf Spurensuche:
Verstorbene Idole in Bildern und Texten


„Wen die Götter lieben, holen sie früh.“ Das antike Dichter-Sprichwort von Menander bzw. Plautus hat bis heute als Trostspruch überlebt - für frühe, unerwartete Todesfälle. Somit bescheren die Allmächtigen den Hinterbliebenen zwar oft Trauer, den Verstorbenen aber ersparen sie das Leid körperlichen und geistigen Zerfalls im Alter. Das ist doch was!

Populäre Beispiele aus der Musikkultur sind die Mitglieder des Klub 27, speziell dessen inner circle: Janis Joplin, Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse. Ihr früher Tod ist eine Säule für den Mythos von Unsterblichkeit. Kein ödes Spätwerk kann je an der Legende kratzen, keine Falte furcht ins ewig junges Gesicht - „Forever Young“.

Promis aus Kultur und Wissenschaft

Amy Winehouse (1983-2011) hat es als Einzige der Genannten ins Buch „Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte“ geschafft. Darin sind 210 meist prominente Tote verewigt: in Zeichnungen von Alex Solman und Moritaten von Gereon Klug – die meisten von ihnen bekannte öffentliche Figuren aus Kunst, Musik und Wissenschaft.

Solman begann seine Portrait-Serie 2016 mit David Bowie. Die meisten dieser für ihn prägenden oder interessanten Toten habe ihn - und viele von uns - zu ihren Lebzeiten über Jahre bis Jahrzehnte begleitet und sind erst in den letzten Jahren oder vor nicht allzulanger Zeit verstorben. Daher fehlen Janis und Jimi, aber Amy ist am Start. Das Bild von ihr zählt zu den eindrucksvollsten im Buch: Mittels geometrischer Formen kunstvoll zusammengepuzzelt, ziehen runde große schwarzen Augen den Blick der Betrachtenden in ihren Bann. Sie ist es - unverkennbar, auch dank charakteristischer Mundpartie und voluminöser Haarpracht. „Ihr Tod war ein Bluessong, der darauf wartete, veröffentlicht zu werden“, heißt es im Nachruf - mit bedauerndem Seitenblick auf ihr altersbedingt überschaubares Oeuvre.

Queen meets Karl Dall

Die posthume Auswahl reicht von Weltstars wie Prince oder Marianne Faithfull über Queen Elizabeth II. bis zu norddeutschen „Originalen“ wie Jan Fedder und Karl Dall. Daneben ist Platz für unbekanntere Persönlichkeiten, etwa die Klangkünstlerin Pauline Oliveros – auch als Einladung, diese und ihr Werk für sich zu entdecken. Alex Solman setzt mit pointiertem Schwarzweiß-Strich auf eine minimalistische Ästhetik der klaren Formen, die sich teils fragmentarisch zusammenfügen. Die Idole sind fast immer schnell zu erkennen, anhand typischer Merkmale, seien es optische Eigenheiten oder passende Accessoires. Mehr oder weniger schmeichelhaft (zum Beispiel Karl Lagerfeld), oft originell, mitunter Groteske überzeichnet.

Dampfhammer als Erfinder

Mit spitzzüngiger Feder hat Gereon Klug viel Skurriles und Wissenswertes über die Porträtierten zusammengetragen. Wer hätte gedacht, dass Bud Spencer der Erfinder des Spazierstocks mit ausklappbarem Sitz sowie einer Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta ist? Und ob Bohnen trotz oder wegen all der staubigen Pfannen-Variationen über Wildwest-Film-Lagerfeuern sein Leibgericht waren?
Sean Connery wiederum staunte nicht schlecht, als er einst privat im Auto von einem Polizisten angehalten wurde. Dessen Name? Bond. James Bond. Schade nur, dass es für nicht wenige Gewürdigte bloß zu sehr knappen, zweizeiligen Nachrufen reichte - vermutlich aus Platzgründen. Aber irgendwann ist nunmal Schluss. Dann wird der Papier-Friedhof der Idole wegen Überfüllung der Seitenzahl geschlossen. Zum Trost bleibt dieses Buch - zum Schmökern, Staunen und Erinnern.

Gereon Klug/Alex Solman: Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte.
DuMont Buchverlag, Köln 2025. 304 Seiten, 20 Euro.


Die nächste Buchpräsentation mit Alex Solman und Gereon Klug findet am Samstag, 16. Mai, im Rahmen einer Ausstellung in Hamburg statt.
Wo? Alter Schwede, Ovelgönne 106, 22605 Hamburg

Wann? Ausstellungseröffnung 15 Uhr, Lesung 19.30 Uhr, danach DJ & Open End. Sonntag, 17.5.2026: Offene Ausstellung, DJs im Garten und Café & Kuchen von 12 Uhr bis abends.

Lutz Steinbrück