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Donnerstag, 26. März 2026
Schön wenn die Fuzzbox funzt, Pt. VII
LOS SAICOS - Demolición!
The complete recordings
Ich war wohl erst in der 3. Klasse, als mich mein Mitschüler Markus (der später Kommissar für Wirtschaftskriminalität werden sollte) aus heiterem Himmel fragte, was denn mein Lieblingssong sei. Darüber hatte ich bis dato noch nie nachgedacht. Ich wusste weder Titel noch Band, und Markus meinte, ich solle mal vorsingen. Das sei unmöglich, sagte ich, denn er bestehe aus „elektrischen Klängen“. Es war Santana, wie sich später herausstellte. Und somit eher E-Gitarren, auch wenn ich vor denen anfangs eine Heidenangst hatte. Da hatte ich wohl einen ganz frühen Musikclip nach der Abendschau gesehen, der mich bis in den Traum verfolgte, als insektenartiges Sägen, das von den Ästen eines unheimlichen Waldes herab erscholl. Dort saßen langhaarig spinnengliedrige Gestalten, die verspiegelt gekrümmte Insektensonnenbrillen trugen. Und was war das für eine Band?
Abba.
Irgendwie hat sich daraus auch später mein Fetisch für Frauen in Overalls entwickelt – und damit kommen wir dem Thema endlich näher: den Sixties. Wo ich zwar rechnerisch schon existierte, aber noch mitnichten in der Lage war, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem elektrisierte mich während meiner Teenjahre kaum etwas mehr, als diese eklektisch-elektrischen Klänge. Auskenner sagen „Garage Rock“, „Proto-Punk“ oder Fuzzrock dazu – wegen der programmatischen Verzerrerbox, zuerst 1962 bei den Ventures auf ihrem Song „The 2000 Pound Bee“ zu hören.
Und Lima ist nun wirklich eine eklektische Stadt, wo Erzbischofresidenzen in direkter Nachbarschaft von fliegenden Händlern stehen, die ein einzelnes Chamäleon an den Mann oder die interessierte Frau bringen wollen. Oder den ganzen Tag im Abgasnebel Damenkleider am ausgestreckten Arm halten, während die Prensa Chicha (Käseblätter mit leichten Mädels und schweren Geschossen) verkündet: „Sie schlitzten ihre Kehle auf und raubten ihre Niere!“.
Mitte der 60er trieb hier Jean Paul „el Troglodita“ (der Höhlenmensch) sein Unwesen, und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa (ich sage nur: „Tod in den Anden“) frequentierte derlei Etablissements wie das Boite oder die Grotta Azzurra. Insofern war das schon naheliegend, dass in diesem Ambiente ein Rudel Jungs der gehobenen Mittelschicht aus dem Viertel Lince auf geparkten Autos trommeln würde und – als Erwin Flores mit einer E-Gitarre aus Brasilien zurückkam - eine Band bildete. Anfangs noch eher zahm epigonisch auf englisch, aber sehr bald bereits energetisch-eruptiv auf spanisch. Wie bei ihrer Hymne „Demolición“ (Zerstörung). ¡Echemos abajo la estación del tren!
In Lima war man nämlich auch Avantgarde in Sachen Bahnhofsabriss, der heutige Zentralplatz San Martín befindet sich auf dem Areal einer bereits 1918 visionär abgerissenen Eisenbahnstation. Die Produzentin der Saicos überredete sie dazu, diesen Song als Single rauszubringen und flugs hatten sie bereits Fernsehshows und wurden im Radio rauf und runter gespielt – u.a als Weckruf bei „Radio Reloj“, dem Sender mit der Zeitansage (gut für den, der keine Seiko hatte). Apropos: Anfangs wollten sie sich wohl Los Sádicos (Die Sadisten) nennen, aber sie eliminierten lieber das „d“ und wurden zu „Saicos“, was zugleich den Anklang an „Psycho“ und „Seiko“ hatte, die damals enorm populäre batteriebetriebene Uhr. Wie melodisch oder proto- punky der Song jeweils ist, hängt fundamental davon ab, wer das Mikro hält: César ist der mit Schmelz, Erwin der Reibeisen-Ernie.
Der mit der „onda bestia“ - er legte auch den weitesten Weg zurück, studierte später Physik in Washington, arbeitete dann für die NASA und trat in seiner Freizeit in Bars mit Salsa und Cumbia-Bands auf. Das war auch die Musik, die er früher zumeist hörte, während er Punk viel später im Interview als „música de mierda“ bezeichnet, von Leuten ohne Ahnung, die andere Leute ohne Ahnung in Rage versetzt. Aber er sagt auch, die Saicos stünden ähnlich wie Lucy zum homo sapiens, entfernte Vorfahren, die erst durch die Rückschau zu Vorbildern werden.
Es dauerte daher auch 40 Jahre, bis der Rest der Welt von den Saicos Kenntnis nahm. Da war ihr Bassist „El Chino“ schon tot, der das Riff von „El entierro de los gatos“ (die Beerdigung der Katzen) erfand, was Erwin retrospektiv als einen Song ohne jegliches Vorbild sieht. Der sei weiland so sonderbar gewesen, dass er gar nicht in die Musikgeschichte passe. Aber „Fugitivo de Alcatraz“ (Geflohen aus Alcatraz) ist auch nicht gerade Johann Sebastian Bach und eher was für Giallo- oder Mondo-Horror Filme.
No hay nada más punk que tocar punk sin saber rayos que sea punk (Es gibt nichts Punkigeres, als Punk zu spielen und keinen Blassen von Punk zu haben). Daher zum Geleit diese Zeilen aus „Fugitivo de Alcattraz“:
Los perros siento ya muy cerca de mí /
sirenas suenan locas, suenan sin cesar /
yo pienso en tu amor y siento valor /
y sigo el sendero por el matorral /
(Ich spüre die Hunde schon ganz nah / Sirenen schrillen verrückt, schrillen ohne Unterlass / ich denk an deine Liebe und spüre Mut / und folge dem Weg ins Unterholz...)
Bit Father Out
LOS SAICOS - Demolición! The complete recordings erscheint am 27.03.2026 auf Munster Records.
Samstag, 6. August 2016
Immer noch heiß.
Wer zum Teufel hat eigentlich das Konzept der Sommerplatte erfunden? Wer auch immer es war, er oder sie hat da ein Bild von einem Album kreiert, dass man drei Monate lang am Stück zu jeder Tages-, Nacht- und sonstigen Aktivität hören kann, ohne irgendwann davon genug zu bekommen. Ein Album also, dass zum Rumliegen am Strand passt, genauso wie zum grillen mit Freunden, zum Fahrradausflug, zur Boulepartie, zu Sex in überhitzten Hotelzimmern im Urlaub. Es ist gleichermaßen der Soundtrack um Eisessen, zum Planschen im Pool, zum Gutes-Buch-lesen, zum Gin-Tonic trinke. Zum Rausgehen ohne Jacke. Zum Erdbeerenpflücken. Zum Wassermelonen-Essen und zum Besuch bei der Oma, die selbstgemachten, gut gekühlten Kartoffelsalat kredenzt. Insgesamt also ein Album, dass eher zur Saison mit den hohen Temperaturen passt.
Das muss nicht zwangsweise eine sehr melodiöse oder poppige Platte sein.Es gibt sicher genug Menschen, die bester Laune sind, wenn sie eine eher melancholische und zweifel verbreitende Musik hören. Ich glaube nicht, dass es sowas wie eine Sommerplatte gibt. Klar, vielleicht gibt es zwischen Juni und September mehr Tage, an denen man lieber was von den BEACH BOYS als von NACHTFROST hört, aber das hat sicher nichts mit der Jahreszeit zu tun. Geht im Winter sicher auch. Was mich zu den COATHANGERS bringt. Drei Frauen aus Atlanta, die vor einigen Wochen (Ok, es war schon im April. Aber April 2016.) ihr fünftes Album rausgebracht haben.
Vor fünf Wochen war der Sommer noch am Anfang und noch nicht mittendrin und auch wenn ich diesem Sommerplattenkonzept nicht viel abgewinnen kann (außer der Tatsache, dass man damit immer einen guten Aufhänger für eine Rezension am Start hat), könnte ich mir vorstellen mit "Nosebleed Weekend" eine Menge Zeit in dieser Saison zu verbringen. Da passt nämlich einiges. Zum einen ist es eine Platte, die hübsch abwechslungsreich ist, da gibt es Sounds, die die ganz locker die Energie von diversen Rrriot grrl und frühen Punkbands haben. Dann sind da welche mit einem ordentlichen 60ies-Girl-Group-Touch und insgesamt schwebt da über allem, noch so eine gewisse Grunge-Coolness. Also nicht diese pathetische Rockstar-Scheiße, wie sie SOUNDGARDEN oder PEARL JAM schon immer fabriziert haben. Mehr so diese wütende Art, die HOLE vor über 25 Jahren an den Tag gelegt haben. Davon ab ist das Artwork schon eher eins, das man mit dem Sommer verbinden könnte. Die drei Musikerinnen in luftiger Bekleidung auf einer Wiese im Gegenlicht fotografiert, auf dem Cover. Der Verweis zum nasenblutigen Albumcover wird da auch ganz locker miteingebunden. Und Back-Cover-Fotos, bei denen all drei mitten in der Nacht vor der Haustür sitzen, erinnern auch nicht an eiskalte Nächte in dunkler Jahreszeit. Also vielleicht doch eine Sommerplatte? Muss jeder für sich selber rausfinden.
Nimm Lana Del Rey das Valium weg und steck sie mit Courtney Love und den Go Go's eine Woche in einen Proberaum, dann weißt du ungefähr wie's klingt.
(F auf der 26-teiligen Renfield-Platten-Bewertungsskala)
Nosebleed Weekend von The Coathanger ist auf Suicide Squeeze Records erschienen.
Gary Flanell
Das muss nicht zwangsweise eine sehr melodiöse oder poppige Platte sein.Es gibt sicher genug Menschen, die bester Laune sind, wenn sie eine eher melancholische und zweifel verbreitende Musik hören. Ich glaube nicht, dass es sowas wie eine Sommerplatte gibt. Klar, vielleicht gibt es zwischen Juni und September mehr Tage, an denen man lieber was von den BEACH BOYS als von NACHTFROST hört, aber das hat sicher nichts mit der Jahreszeit zu tun. Geht im Winter sicher auch. Was mich zu den COATHANGERS bringt. Drei Frauen aus Atlanta, die vor einigen Wochen (Ok, es war schon im April. Aber April 2016.) ihr fünftes Album rausgebracht haben.
Vor fünf Wochen war der Sommer noch am Anfang und noch nicht mittendrin und auch wenn ich diesem Sommerplattenkonzept nicht viel abgewinnen kann (außer der Tatsache, dass man damit immer einen guten Aufhänger für eine Rezension am Start hat), könnte ich mir vorstellen mit "Nosebleed Weekend" eine Menge Zeit in dieser Saison zu verbringen. Da passt nämlich einiges. Zum einen ist es eine Platte, die hübsch abwechslungsreich ist, da gibt es Sounds, die die ganz locker die Energie von diversen Rrriot grrl und frühen Punkbands haben. Dann sind da welche mit einem ordentlichen 60ies-Girl-Group-Touch und insgesamt schwebt da über allem, noch so eine gewisse Grunge-Coolness. Also nicht diese pathetische Rockstar-Scheiße, wie sie SOUNDGARDEN oder PEARL JAM schon immer fabriziert haben. Mehr so diese wütende Art, die HOLE vor über 25 Jahren an den Tag gelegt haben. Davon ab ist das Artwork schon eher eins, das man mit dem Sommer verbinden könnte. Die drei Musikerinnen in luftiger Bekleidung auf einer Wiese im Gegenlicht fotografiert, auf dem Cover. Der Verweis zum nasenblutigen Albumcover wird da auch ganz locker miteingebunden. Und Back-Cover-Fotos, bei denen all drei mitten in der Nacht vor der Haustür sitzen, erinnern auch nicht an eiskalte Nächte in dunkler Jahreszeit. Also vielleicht doch eine Sommerplatte? Muss jeder für sich selber rausfinden.
Nimm Lana Del Rey das Valium weg und steck sie mit Courtney Love und den Go Go's eine Woche in einen Proberaum, dann weißt du ungefähr wie's klingt.
(F auf der 26-teiligen Renfield-Platten-Bewertungsskala)
Nosebleed Weekend von The Coathanger ist auf Suicide Squeeze Records erschienen.
Gary Flanell
Dienstag, 30. Dezember 2014
Auferstanden - Ausgegraben
Schwer vorstellbar, dass der Name der wohl bekanntesten Crypt-Compilation mal so selbstbezogen zu deuten war. Es ging ja mehr um diese Songs, die auf diesen Platten vom gar nicht so kleinen Friedhof der Popgeschichte zurückgeholt wurden, aber wohl nie so selbst um das eigene Schicksal. Dabei sah es mal echt lange so aus, als wären die BACK FROM THE GRAVE-Sampler selber am Ende gewesen. Dass da noch was kommt, hätten wohl nur wenige gedacht. "Echt lange" heißt in diesem Fall übrigens 18 Jahre. Selbst in den alternativsten Subkulturen eine Ewigkeit, an deren Anfänge sich kein Szenezombie noch erinnern kann.
Und jetzt? Ist es passiert, nicht einen, sondern gleich zwei neue BFTG-Sampler gibt's. Man hält's kaum aus.
Eigentlich unglaublich, dass es 18 Jahre her ist, seit die achte Compialtion dieser Reihe veröffentlicht wurde. 18 verdammte Jahre. Hast du damals ein Kind in die Welt gesetzt, hat es jetzt schon den Führerschein. Und du? Erinnerst dich vielleicht sehr gut daran, wie du in den 80ern und/oder 90ern volljährig warst und mit Muttis grauem Golf Zwo und deinen Jeansbekleideten Punkkumpels durch verschneite Landschaften zum NEWDEVILOBLIVIANSPAGANSLAUGHINGHYENASTURKS- Konzert in die nächste große Stadt gefahren seid. Und das in dieser biederen Karre, in der es so kalt war, dass dem Typen ganz links auf der Rückbank in der Nacht beim Rausch ausschlafen die Haare an der kondenswassergetränkten Innenscheibe festgefroren sind. War ja auf dem Weg zurück dann auch alles sehr eng – alle breit und voll, aber selig, denn neben den Erinnerungen an ein geiles Konzert war der der Wagen auch voll mit neuen Platten, für die man all sein Weihnachtsgeld von Oma hergegeben hat. Und einer hat eventuell auch den neuen Back-From-The-Grave-Sampler mitgenommen. Weil das gezeichnete Cover so geil aussah und die Euphorie war da. Obwohl man keine Band darauf kannte, weil das ja alles so obskure Amibands aus dem behüteten mittleren Westen waren, die 30 Jahre zuvor mal eine Single aufgenommen haben. Zuhause hat man dann beim ersten Hören einen Geschmack davon bekommen, dass Beat auch mal Punk sein konnte und Punk eben nicht erst mit dem Ramones und Slime anfing. Sondern dass auch 60ties-Bands ziemlich ruppig und irre war.
Nun also gleich in zweifacher Ausführung. Nach so langer Zeit musste es wohl die Doppelnummer sein. Was ja nur heißt, dass es da draußen noch so unglaublich viel unentdecktes Beatzeug gibt, das irgendwann mal in Acetat geritzt wurde. Plattenpresswerkbesitzer hätte man damals sein müssen!
Vielleicht kann man sich Tim Warren von Crypt Records als eine Mischung als Detektiv und Archäologe im Indiana Jones-Format vorstellen. Einer, der auch in die finstersten Ecken des amerikanischen Kontinents zieht um DAS eine Exemplar einer lang verschollenen 7inch zu finden. Jedenfalls als einen, der sich darum kümmert, dass diese Perlen der Teenbeat-Geschichte nicht komplett verloren gehen. Denn die Bands auf den BFTG-Samplern sind nie diejenigen, die 1000e von Platten verkauft haben. Es war wohl mehr wirkliche DIY-Arbeit von ein paar Jungs in den US-Provinzcombos , die unbedingt wie die Beatles, die Stones, die Sonics oder die Kinks klingen wollten – aber eben nicht nächtelang Konzertreihen in Hamburgs Beatschuppen hatten oder in London lebten, sondern die lokalen Garage-Rockhelden in irgendeinem Kaff in Arkansas, Indiana, New Jersey oder Tennessee waren. Die vielleicht 1-2 gute Songs hatten und diese dann in Eigenregie auf eine 100ter-Auflage Vinyl pressen ließen, um diese dann an Freunde, Verwandte und Groupies zu vertickern. Oder unterm Bett vergammeln ließen und später beim Yard Sale verramscht haben. Genau so entstehen Raritäten.
Das war das Gute an den BFTG-Samplern. Plötzlich hatte man Songs, die keiner hatte. Von Bands, die keiner kannte und sie waren nicht viel schlechter als die Mainstream-60ies-Bands. Vielleicht etwas wackeliger gespielt, etwas räudiger aufgenommen und manchmal auch einfach billig kopiert. Aber genau dieses Unperfekte machte ja diese unzähligen und kurzlebigen Früh-Rock’n‘Rollbands so charmant. Und vielleicht erfüllten sie gerade dadurch den Wunsch nach Authentizität, dem ja jeder Musikfreak so gern hinterherhechelt.
Ich könnte versuchen, nur die wichtigsten oder besten der 30 Bands aufzählen, die auf BFTG 9 und 10 vertreten sind, zu erwähnen. Aber das funktioniert nicht. Denn es gibt hier nicht den unglaublich herausragenden einzelnen Song. Andersherum gibt es auch keinen absolut schlechten Track. Was hier ausgebuddelt wurde, soll nicht mit Namen glänzen. Denn das ist alles geil. Kann alles in einem Stück durchlaufen, egal ob man sich Volume 9 und 10 auf der einen CD anhört oder separat jeweils auf Vinyl (was den Vorteil hat, dass man das grandiose Artwork von No. 10 auch in angemessener Größe bewundern kann). Da ist kein Hänger oder Luschensong dabei. Und gerade mal zwei Coverversionen. Darauf zu verzichten gehört vielleicht auch zum Ethos des Sampler-Reihen-Herausgebers.
Was auch dazugehört, ist wohl die angemessene Informationsversorgung der gierigen Garagegemeinde mit Infos zu Bands und Songs, die nach 40-50 Jahren nochmal ans Licht gezerrt wurden. Deshalb diese beiden fetten Booklets, mit Infos zu wirklich jeder Band und jedem Song und Fotos und Abbildungen der Orginal-7inches. Was angesichts der schlechten Quellenlage ein Arbeitsaufwand ist, an dem sich manche Billo-Kompilation mal was abgucken kann.
Das Angebot von Samplerreihen, die allerlei obskure Rockmusik aus früheren Zeiten anbieten, ist mittlerweile riesig. Crypt Records hat neben den BFTG-Platten auch noch die mit frühem und obskuren Rock-a-Billy/Novelty-Songs versehene Sin Alley-Reihe aufgelegt, und das hat im Laufe der Jahre viele Nachahmer gefunden. Was aber die optische und inhaltliche Aufarbeitung (Cover! Artwork! Booklets! Infos!) angeht, kommen viele Sampler nicht mit.
18 Jahre. Lange Zeit für Rock’n’Roll. Da waren viele in den letzten 18 Jahren wohl mit anderen Sachen beschäftigt, als jeden Tag der dringenden Frage nachzugehen, wann denn die nächste BFTG-Compilation erscheint. Schande über uns alle, die wir damit nicht gerechnet haben. Und große Verneigung vor der Crypt-Crew für diese zwei wunderbaren Platten. (C)
Gary Flanell
Crypt Records
Und jetzt? Ist es passiert, nicht einen, sondern gleich zwei neue BFTG-Sampler gibt's. Man hält's kaum aus.
Eigentlich unglaublich, dass es 18 Jahre her ist, seit die achte Compialtion dieser Reihe veröffentlicht wurde. 18 verdammte Jahre. Hast du damals ein Kind in die Welt gesetzt, hat es jetzt schon den Führerschein. Und du? Erinnerst dich vielleicht sehr gut daran, wie du in den 80ern und/oder 90ern volljährig warst und mit Muttis grauem Golf Zwo und deinen Jeansbekleideten Punkkumpels durch verschneite Landschaften zum NEWDEVILOBLIVIANSPAGANSLAUGHINGHYENASTURKS- Konzert in die nächste große Stadt gefahren seid. Und das in dieser biederen Karre, in der es so kalt war, dass dem Typen ganz links auf der Rückbank in der Nacht beim Rausch ausschlafen die Haare an der kondenswassergetränkten Innenscheibe festgefroren sind. War ja auf dem Weg zurück dann auch alles sehr eng – alle breit und voll, aber selig, denn neben den Erinnerungen an ein geiles Konzert war der der Wagen auch voll mit neuen Platten, für die man all sein Weihnachtsgeld von Oma hergegeben hat. Und einer hat eventuell auch den neuen Back-From-The-Grave-Sampler mitgenommen. Weil das gezeichnete Cover so geil aussah und die Euphorie war da. Obwohl man keine Band darauf kannte, weil das ja alles so obskure Amibands aus dem behüteten mittleren Westen waren, die 30 Jahre zuvor mal eine Single aufgenommen haben. Zuhause hat man dann beim ersten Hören einen Geschmack davon bekommen, dass Beat auch mal Punk sein konnte und Punk eben nicht erst mit dem Ramones und Slime anfing. Sondern dass auch 60ties-Bands ziemlich ruppig und irre war.
Nun also gleich in zweifacher Ausführung. Nach so langer Zeit musste es wohl die Doppelnummer sein. Was ja nur heißt, dass es da draußen noch so unglaublich viel unentdecktes Beatzeug gibt, das irgendwann mal in Acetat geritzt wurde. Plattenpresswerkbesitzer hätte man damals sein müssen!
Vielleicht kann man sich Tim Warren von Crypt Records als eine Mischung als Detektiv und Archäologe im Indiana Jones-Format vorstellen. Einer, der auch in die finstersten Ecken des amerikanischen Kontinents zieht um DAS eine Exemplar einer lang verschollenen 7inch zu finden. Jedenfalls als einen, der sich darum kümmert, dass diese Perlen der Teenbeat-Geschichte nicht komplett verloren gehen. Denn die Bands auf den BFTG-Samplern sind nie diejenigen, die 1000e von Platten verkauft haben. Es war wohl mehr wirkliche DIY-Arbeit von ein paar Jungs in den US-Provinzcombos , die unbedingt wie die Beatles, die Stones, die Sonics oder die Kinks klingen wollten – aber eben nicht nächtelang Konzertreihen in Hamburgs Beatschuppen hatten oder in London lebten, sondern die lokalen Garage-Rockhelden in irgendeinem Kaff in Arkansas, Indiana, New Jersey oder Tennessee waren. Die vielleicht 1-2 gute Songs hatten und diese dann in Eigenregie auf eine 100ter-Auflage Vinyl pressen ließen, um diese dann an Freunde, Verwandte und Groupies zu vertickern. Oder unterm Bett vergammeln ließen und später beim Yard Sale verramscht haben. Genau so entstehen Raritäten.
Das war das Gute an den BFTG-Samplern. Plötzlich hatte man Songs, die keiner hatte. Von Bands, die keiner kannte und sie waren nicht viel schlechter als die Mainstream-60ies-Bands. Vielleicht etwas wackeliger gespielt, etwas räudiger aufgenommen und manchmal auch einfach billig kopiert. Aber genau dieses Unperfekte machte ja diese unzähligen und kurzlebigen Früh-Rock’n‘Rollbands so charmant. Und vielleicht erfüllten sie gerade dadurch den Wunsch nach Authentizität, dem ja jeder Musikfreak so gern hinterherhechelt.
Ich könnte versuchen, nur die wichtigsten oder besten der 30 Bands aufzählen, die auf BFTG 9 und 10 vertreten sind, zu erwähnen. Aber das funktioniert nicht. Denn es gibt hier nicht den unglaublich herausragenden einzelnen Song. Andersherum gibt es auch keinen absolut schlechten Track. Was hier ausgebuddelt wurde, soll nicht mit Namen glänzen. Denn das ist alles geil. Kann alles in einem Stück durchlaufen, egal ob man sich Volume 9 und 10 auf der einen CD anhört oder separat jeweils auf Vinyl (was den Vorteil hat, dass man das grandiose Artwork von No. 10 auch in angemessener Größe bewundern kann). Da ist kein Hänger oder Luschensong dabei. Und gerade mal zwei Coverversionen. Darauf zu verzichten gehört vielleicht auch zum Ethos des Sampler-Reihen-Herausgebers.
Was auch dazugehört, ist wohl die angemessene Informationsversorgung der gierigen Garagegemeinde mit Infos zu Bands und Songs, die nach 40-50 Jahren nochmal ans Licht gezerrt wurden. Deshalb diese beiden fetten Booklets, mit Infos zu wirklich jeder Band und jedem Song und Fotos und Abbildungen der Orginal-7inches. Was angesichts der schlechten Quellenlage ein Arbeitsaufwand ist, an dem sich manche Billo-Kompilation mal was abgucken kann.
Das Angebot von Samplerreihen, die allerlei obskure Rockmusik aus früheren Zeiten anbieten, ist mittlerweile riesig. Crypt Records hat neben den BFTG-Platten auch noch die mit frühem und obskuren Rock-a-Billy/Novelty-Songs versehene Sin Alley-Reihe aufgelegt, und das hat im Laufe der Jahre viele Nachahmer gefunden. Was aber die optische und inhaltliche Aufarbeitung (Cover! Artwork! Booklets! Infos!) angeht, kommen viele Sampler nicht mit.
18 Jahre. Lange Zeit für Rock’n’Roll. Da waren viele in den letzten 18 Jahren wohl mit anderen Sachen beschäftigt, als jeden Tag der dringenden Frage nachzugehen, wann denn die nächste BFTG-Compilation erscheint. Schande über uns alle, die wir damit nicht gerechnet haben. Und große Verneigung vor der Crypt-Crew für diese zwei wunderbaren Platten. (C)
Gary Flanell
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