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Donnerstag, 25. Juni 2026
Urlaub in Polen. (Nicht die Band.)
Neulich bin ich in eine Zeitmaschine gesprungen, die stand in Warschau rum und hatte sehr bunte Wände. Aber der Reihe nach.
Urlaub in Warschau, Ende Mai 2026: Städtetrips an sich mag ich gern. Leider immer weniger. Jedenfalls bei großen Städten. Ich fahre meist über meinen Geburtstag weg. Halte den Sozialstress, der sich dann aufbaut wie eine Gewitterwolke, nicht so gut aus und ähnlich wie das Hydrometer bei steigendem Luftdruck ansteigt, bin auch ich Sack, der zu 90% aus Wasser besteht, zu dieser Zeit recht nah am Wasser gebaut ob der nicht zu verleugnenden Vergänglichkeit und ich mag es nicht so sehr, wenn das jemand sieht. Jaja, Körperpanzer bei Männern, Theweleit könnte dazu einiges sagen. Wegfahren funktioniert also ganz gut. Fluchtmechanismus halt.
Diesmal also Warschau, vier Tage lang. In der Rückschau ist zu sagen: Vielleicht wären drei auch genug gewesen. Denn europäische Hauptstädte gleichen sich äußerlich schon sehr an. Überall die gleichen Geschäftsketten, gleiche Fast-Food-Buden, Pizzarestaurants, lokale Gastronomie touristisch angenehm verpackt, wichtige Gebäude, Museen und Straßen, alles gut und mehrsprachig ausgeschildert. Die IKEA-sierung des Großstadtflairs. Inklusive städtisch geduldeter Street-Art, als Zeichen urbanen Zeitgeists.
Nicht falsch verstehen: Ich schaue mir all dies immer noch gerne an, allerdings merke ich, dass es mir dort am besten gefällt, wo ich im Park oder am Wasser sitzen kann. Das kann ich für den Urlaub natürlich auch in einem kleinen verschlafenen Seebad haben. Es wird Zeit, urlaubstechnisch langsam umzudenken.
Warschau also: Beeindruckende Skyline, wenn du aus dem Bahnhof fällst, mit Kulturpalast als optischem Mittelpunkt. Hotel eher karg, aber angenehm anonym. Links vom Hotel ein Nachtclub, rechts vom Hotel ein Nachtclub. Die ganze Nacht also Musik, Musik, Musik. Musik ist in dieser Straße Trumpf, Techno zieht dir dabei einen Stich nach dem nächsten aus den Ohren. Fenster zu - zu warm. Fenster auf - zu laut. Nunja, sind ja nur vier Tage.
Techno von links und rechts wäre irgendwie zu schaffen, wenn die Straße an sich nicht als Beschleunigungsstrecke für allerlei fette Karren dienen würde. Also Techno plus urst lautes Beschleunigungsgebrüll von den PS-Monstern dieser Stadt. Penisvergleich im oberen Dezibelvergleioch, ha püh.
Dann also den ganzen Tag durch die Stadt rennen, bei der georgischen Bäckerei guten Kaffee und riesigen Mohnstrudel frühstücken, zum Mittagstisch in eine Bar Mleczny einkehren und abends auf der Fußgängerbrücke über der Weichsel den Sonnenuntergang anschauen. Das, meine lieben Renfieldfreund*innen, empfehle ich jedem, der die Stadt besucht.
Natürlich wollte ich auch Kultur bis Subkultur. Auch das hat sich für mich etwas geändert. Auf früheren Reisen war es einfach, sich mit einem Bier in eine Bar zu flacken und dank steigendem Pegel sicher irgendwen zum Quatschen oder Knutschen zu finden. Nun trinke ich keinen Alkohol mehr, deshalb ist in Bars rumhängen nicht mehr so spannend. Als Ausgleich gehe ich mittlerweile gerne ins Kino. Schaue mir Filme an in Sprachen, die ich nicht verstehe. In Lodz sah ich "Beau hat Angst" in der OV mit polnischen Untertiteln gesehen, in Sczeczin im ältesten Kino der Welt die indisch-französische Koproduktion "Girls will be girls", ebenfalls im Original mit polnischen UTs. Sprachlich kriegt man dabei einiges geboten.
Warschau verfügt über eine Menge Kinos, große wie kleine, da fiel die Auswahl schwer. Letzten Endes wollte ich mir zum Geburtstag eine Vorführung von Żuławskis Body-Horror-Klassiker POSSESSION gönnen, den sie just an diesem Abend im winzigen AMONDO-Kino zeigten. AM Kino angekommen, besser gesagt, an dem Ladengeschäft, wo der Film gegeben werden sollte, sah eine halbe Stunde vorher nicht viel nach Kino aus. Ich leider viel zu ungeduldig, um dort länger kaugummikauend rumzustehen, also ging ich weiter durch Warschaus frühlingswarme Straßen. Letzen Endes landete ich im Kulturpalast und schaute "Mandolorian & Grogu". Jaja, totales Mainstreamzeug, aber es ist wie Popcorn: Manchmal schmeckt das einfach sehr gut.
Nächster Abend: Mir ist nach Musik, nach Szene, nach Underground. Eine Facebook-Gruppe für Warschau-Punk preist gleich drei Gigs mit je drei Bands an. Punkkonzerte sind - auch das ist in jeder Großstadt gleich - der niedrigschwelligste Zugang zu Subkultur. Ich hätte auch nach abseitigen Noise/Electro/Industrialpartys forschen können. War aber zu faul. Infos über Punkkonzerte gab es sofort und schnell.
Option 1: Ein Streetpunk-Konzert mit einer Coverband, die alte Punkrockhits nachspielt. Das riecht schon bei der Beschreibung recht ranzig. Als in der Playlist noch steht, dass man auch was von Skrewdriver darbieten wird, fällt das schon mal raus.
Option 2: Ein Psychobilly/Countrypunk-Konzert in einem Motorradrocker-Club, irgendwo hinter dem Bahnhof. Das klingt... erstmal viel versprechend. Allerdings bin ich nicht so überzeugt, alleine den Weg in den Titty Twister der polnischen Hautstadt auf mich zu nehmen, außerdem sieht's auf der Karte schon recht weit aus. Und ja, ich werde im Alter etwas schissiger, wenn ich allein auf irgendwelche Gigs gehe, die weit entfernt von meiner Homebase zu sein scheinen.
Option 3: Anarchopunk im Skłot (Squat, hihi) Przychodnia, das fußläufig vom Hotel erreichbar ist. Es spielt eine Band aus Brasilien, die SCUMBAGS. Nie gehört den Namen. Klingt auf Bandcamp wie NOFX oder früherer Skatepunk. Komisches Englisch, seltsame Texte. Dazu drei polnische Bands, MASTURBACJA, DEFORMACIA DZWIEKU und CZARNOBYL ZDROJ . Sagt mir alles nix, bin auch zu faul, das alles im Netz anzuhören. Was soll schiefgehen?
Schiefgehen tut nichts. Das Przychodnia sieht draussen aus wie eine besetzte Schule, innendrin wie eine Mischung aus Köpi und meinem Lieblingskeller, vielleicht ein Tacken grusliger. Unter niedrigen Wänden zweigen von einem langen Gang immer wieder schlecht bis gar nicht beleuchtete Räume mit verschlissenen Sitzmöbeln ab, in denen Menschen (?) sitzen - oder auch nicht, es ist nicht so gut zu erkennen, was in den Katakoben passiert. AUf dem Klo glänzt frisches Blut, ich drück mal lieber alles zusammen. Zu trinken gibt es eh nur Bier und Mate. Draussen im Innenhof alles freundlicher. Die SCUMBAGS haben einen ordentlichen Merch-Tisch aufgebaut, daneben vertickt ein Typ selbstgedruckte Bandshirts und Tapes von Krachbands aus Armenien. Nehme ihm ein Tape ab, armenischen Punk kann man nicht genug haben.
Dann setzte ich mich aufs abgewetzte Sofa in der Ecke. Und dann läuft die Zeitmaschine. Ich bin wieder in den 90ern, allerdings im Körper eines Mitte 50-jährigen. Um mich herum unglaublich viele junge Kid-Punks, Gothics, Metaller und nicht einzuordnende Alternative-Kids. Das könnten alles meine Kinder sein. Sie sehen teilweise sehr gestylt aus, teilweise aber auch auf angenehme Art unperfekt, aber selbstgestylt. Alle schreien, trinken, rennen herum, fallen übereinander wie junge Hunde. Also wirklich alles wie früher in den westdeutschen AJZs, egal ob Wermelskirchen, Homburg, Göttingen oder Bielefeld. Sollte Punk wirklich einen neuen frischen Schub kriegen? Ich hatte in den letzten Jahren eher immer die Vermutung, dass Punk sich immer mehr zum Alte-Menschen-Verein entwickelt mit eklatantem Nachwuchsproblem. Das hier wirkt allerdings komplett anders als alle Konzerte, die ich in letzter Zeit beobachtet habe - ich sage nur GUITAR WOLF und HARD-ONS, da waren sicher 1000 Jahre Lebenszeit in einem Raum. Im Skłot alles anders.
Irgendwann legt eine Band los, DEFORMACIA DZWIEKU sind das wohl. So typischer polnischer HardcorePunk, wie man ihn spätestens seit den 90ern aus den Autonomen Freiräumen dieses Kontinents kennt. oder kannte? Gibt's ja auch nicht mehr sooft. Eine Sängerin, die wütend Texte brüllt, dazu crusty, freshe Gitarren und Bassriffs über Punkbeats. Schön, die ausgewogene gender- und Altersmischung. Alle tanzen Pogo unter der niedrigen tropfenden Kellerdecke. Vor dem letzten Song brauche ich Frischluft, also zurück in den Hof. Gerate in ein politisches Gespräch mit einem Gewerkschaftler und einem Philospophen. Alles zu interessant, um es hier detailliert widerzugeben.
Dann noch mit den Brasilianern rumhängen. Ist ihre erste Europatour, sie feiern es total und ich gönne ihnen das so sehr. Wir quatschen lang und viel, ich verpasse die zweite Band, aber genau das gehört zu so einem Abend auch dazu: Sich Festquatschen und mindestens eine Band verpassen. Aus dem Keller brummt Gitarrenlärm und grob kann ich wieder einen simplen Punk-Beat erahnen, dazu manchmal Bassgeblubber. Ob das MASTURBACJA sind, ist recht egal, es klingt nach Allerwelts-DIY-AJZ-Punk. Man kennt's.
Kurz vorm Ende des CZARNOBYL ZDROJ-Gigs schleiche ich nochmal runter. Die Brasilianer tun mir mittlerweile etwas leid, weil sie so elendslang warten müssen, bis sie spielen. Ich wünsche mir, dass noch Publikum da ist und nicht nur die fünf alten Suffi-Punks, die jetzt so langsam aus den dunklen Ecken gekrochen kommen. CZARNOBYL ZDROJ doch recht interessant, recht monotoner Noise-Punk mit golem-artigen Bass-Riesen, der mit einem Ton auskommt. Fühle mich an EA80 oder ABWÄRTS als Stonerbands erinnert. Platte kaufe ich mir trotzdem nicht. Dann die SCUMBAGS, beim Soundcheck ist der Keller erschreckend leer.
Ein dicker Typ mit Glatze quatscht mich von rechts an und hält mir sein Telefon vor die Nase. Lullert mich damit zu, dass das da auf YT die Crustband ist, in der er singt. Ich schaffe es irgendwie interessiert die Wand anzugucken und er wankt in die Finsternis zurück. Dann ist es Zeit für Skate-Punk. Die ersten vier Songs der SCUMBAGS werden sauschnell durchgeprügelt, das klingt überzeugender als die Aufnahmen im Netz. Glücklicherweise kommen doch noch ein paar Zuschauer zusammen und sie spielen nicht für den leeren Raum. ich höre mir vom einzigen Barhocker aus noch ein paar Sachen an, merke dann aber doch, wie mich mein Bettchen im kargen Hotel ruft. Außerdem habe ich Durst und noch eine Mate will ich einfach nicht. Also raus aus dem Keller, weg vom Hof, raus aus der Zeitmaschine, eine Fanta besorgt und zurück zum Hotel zwischen den Nachtclubs, zurück zum Techno und den lauten Protzkarren tief unter mir.
Gary Flanell
Donnerstag, 18. Juni 2026
Schön, wenn der Flamenco-Filibuster zweimal in den Ohren klingelt!
NESTTER DONUTS - Flamenco Trash
Als Vorarbeiter Flanell mir den Link zu Obengenanntem schickte, wusste ich zunächst nicht, ob ich das durchstehen würde. Denn ich habe ganz schüchterne Ohren. Und „Maracas mit seinen Genitalien spielen“ (laut Pressetext) war für mich auch nicht vorbehaltslos ein Pluspunkt.
Aber schon startet das Phänomen mit welschem Klatschmohn (Amapola francesa), dann kommt das Wunderpulver (Cocaina), und später begegnet man der Babyschlange (mamba jovencita) plus billigem Gift (veneno barato) hinter der Düne der Perversion (Duna de la perversión). Also die Titel geben schon einen Ausblick, auf welche Reise im Sinne von Freakshow voller Snake Oil man sich begeben wird. Es rumpelt eigen-energetisch los, doch dann überrascht einen der Herr mit einer Crooning-Entsprechung zum „King“ – wobei hier speziell der Pelvis angesprochen wird, denn „Elvis wants to fuck my mom“.
Zur weitreichenden Verständlichkeit sogar in Inglés. Nestter Donut, soll das eigentlich ein Wortspiel auf Jester, den Narren oder Joker sein? Er tritt übrigens auch in nördlichen Gefilden (bspw. Rotterdam) im Schlüpper auf, denn er traktiert als Solovulkan nicht nur seine Gitarre + Stimmbänder, sondern zudem sein Drumset. In Brügge war er evtl. im Knast dafür, jedenfalls hat er einen Song „Bruges Jail Rumba“, und das Video zu „Elvis Presley“ ist punky camp as camp can be.
Neben der melodisch krachigen Gitarre umschlingen mich fürderhin Ennio-Moricone-Vibes von dieser eher Borat-artigen Stage-Persona (dicker ins Gesicht genagelter Schnauz wie bei 70er Jahre Pornos). Sein Gesangsstil kann aber auch die Kadenzierung eines canta‘ors annehmen. Der Sound klingt indes wie in einer halligen, nicht allzu großen Höhle abgegriffen. Also ein Ort, den man im Albaycín durchaus antrifft und gerade auch für „gypsy heritage“ (wieder laut Pressetext) Sinn macht (obwohl der Herr aus Alicante stammt). Das legendäre „Cemento“ in Buenos Aires hätte ebenfalls gut als Austragungsort für jene Klangakustik gepasst. Denn wie fasste dies dort ein Musiker seinerzeit sagenhaft in Worte: „Du hast Dir vor Hitze eingekackt, der Sound klang wie im Treppenhaus, und die Klos liefen permanent über!“
Ähnlich verschwitzt und olfaktorisch durchdringend gibt sich dieser Relaunch – jawollo, denn ursprünglich ist das Œuvre von 2022. Zudem mit allerlei Anspielungen, denn der Asesinato yugular (Mord durch Erdrosseln) verweist z.B. gleich auf mehrere spanische Musikpfeiler: Die Punkband Yugular aus Madrid, wie auch Globalphänomen ROSALÍA*, mit ihrem gleichnamigen Song (ohne Asesinato), der auf spanisch und arabisch die Halsschlagader umkreist. Im mystischen Sufi-Islam ein Gegensymbol zur Gottesferne, denn wenn Du Gott in der Ferne suchst, so ist er Dir doch näher als Deine Halsschlagader…
Argh. Und da sind wir dann beim inneren Lebenssaft: Denn dieser „Donut“, wobei die Betonung wohl auf nut liegt, im Sinne von nutjob, erwischt mich speziell mit seinem letzten Song: „Su sangre, mi amor“! Sein Blut, meine Liebe, wozu man sehr gut sein eigenes Jodorowsky-Mini Memorial-Epos inszenieren könnte – geht ja dank KI jetzt alles. Also lasst ihn in Eure Herzen und an Eure Gurgel „and let yourself go into the Wild Wild World of Flamenco Trash with Nestter Donuts“!
*(Die Gute veröffentlichte aus ihrem aktuellen Album LUX zuerst den Song „Berghain“ - aber ganz anders als einst bei unseren heißgeliebten Kellermiezen „The Brunettez“ und ihrem Song „Go to Berghain!“ ist dies ein orchestraler Emotionsoverkill mit deutschem Chor + Björk + Yves Tumor (der angeblich Mike Tyson zitiert), also ein grandisymphonisches Schwergewicht.)
Bit Father Out Nestter Donuts flamenco trash iost als rer-issuer auf Voodoo Rhythm Records erschienen - wo auch sonst?!
Donnerstag, 11. Juni 2026
Die Mär vom gelangweilten Teenager Pt. IXIXXIIXXXXX
Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape
Ein Mixtape mit 150 Songs! Auch wenn viele Titel unter der Zwei-Sekunden-Marke liegen, wären dafür wohl drei 90-er-Cassetten nötig. In diesem Fall passen die versammelten Punk-Klassiker zwischen zwei Buchdeckel: Im Compilation-Stil haben alle Autor*innen einen oder mehrere Songs, die im weitesten Sinne dem Punk zuzuordnen sind, mit etwas historischem Abstand noch einmal rezensiert, erläutert, in die Musikgeschichte oder schlicht in die eigenen Biografie eingeordnet.
Chronologisch geordnet, liest sich das wie eine abwechslungsreiche Rückschau auf prägende Jahre und Klänge - wobei es natürlich auch o.k. ist, kreuz und quer in dem Buch herumzulesen. Am Anfang steht ein Prolog über den Song aus dem Jahr 1977, der dem Buch den Namen gab, sowie von Claus Cornfield eine entzückende Zeichnung anstelle eines Textes. Danach springt die Chronologie ein ganzes Stück zurück, um eine paar Titel zu würdigen, die sich später vor allem als Cover-Versionen in den Kanon geschlichen haben. Sie sind vor allem musikhistorisch interessant. Sobald wir uns dem Jubiläumsjahr 1976 nähern, ergeben die vielen, schonungslos subjektiven Standpunkte eine fröhliche Vielstimmigkeit mit gelegentlichen nostalgischen Unisono-parts.
Ein verbindender Faktor bleibt zum Beispiel die in Titel und Prolog betonte Langeweile der Adoleszenz, in die die jeweiligen Songs hineinplatzten um individuelle Epiphanien und Kreativschübe auszulösen, durch einsame Zeiten zu trösten oder den Beginn einer langen Freundschaft zu markieren. Ein anderer ist die Einsamkeit der wenigen FLINTA*s und P.O.C. in den jeweiligen Szenen. Die Anzahl der weiblichen Künstler*innen, die es in die Liste geschafft haben, spricht Bände. Auf der Autor*innenseite sieht es etwas besser aus.
Worin sich die meisten einig sind: dass sie sich dank Internet zum Teil erst Jahr(zehnt)e später zusammenreimen konnten, um was für Charaktere es sich bei den Absender*innen so mysteriöser wie verlockender Botschaften wie „Runnin’ Riot“, „Blank Generation“, „Dicks Hate Police“ oder „Vapaa Pohjolla“ handelte. Ja, auch eine finnische Band kommt vor, und eigentlich alle wichtigen Kapellen und Künstler*innen, die ihr kennt, oder nach dem Lesen auch kennen wollt.
Über Vollständigkeit sollte man sich hier nicht so viele Gedanken machen, es geht eher um Repräsentation, unerwartete Entscheidungen und Obskuritäten. Also keine Nirvana, aber dafür 2 x Hole, aber auch The Offspring und Guano Apes, dazu ein paar übliche Verdächtige (Ramones, Pistols, Patti Smith, Minor Threat) und allerlei Wissenswertes über Bands wie The Fuggs und Las Vulpess oder Typen wie Wesley Willis. Das Internet wird Euch auch helfen, wenn ihr nicht gerade auf eine ausgezeichnete eigene Sammlung zurückgreifen könnt.
Wenn die besprochenen Bands zusammen so etwas wie ein Who Is Who? ergeben, gilt das ebenso für die Autor*innen. Nicht wenige spielen oder spielten selbst in Bands, betreiben Labels, Läden und Fanzines, so dass die Texte von den üblichen Schwächen musikjournalistischer Bescheidwissenwollerei weitgehend frei sind. Es geht eher um Lernprozesse, und wie schwer es vor allem in der Provinz war, überhaupt ein bisschen Bescheid zu wissen, als es von Lieblingsbands nichts gab außer grobe Schwarzweißfotos und kryptische Nachrichten auf dem Cover. Von diesen Botschaften und ihren unberechenbaren Auswirkungen handelt das Buch in seinen besten Stellen, bis es mit einem Song von The Notwist in der Gegenwart endet.
Eric Mandel
Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape
Jonas Engelmann (Hg.), Ventil Verlag, 368 Seiten, 25,- €
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