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Donnerstag, 11. Juni 2026
Die Mär vom gelangweilten Teenager Pt. IXIXXIIXXXXX
Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape
Ein Mixtape mit 150 Songs! Auch wenn viele Titel unter der Zwei-Sekunden-Marke liegen, wären dafür wohl drei 90-er-Cassetten nötig. In diesem Fall passen die versammelten Punk-Klassiker zwischen zwei Buchdeckel: Im Compilation-Stil haben alle Autor*innen einen oder mehrere Songs, die im weitesten Sinne dem Punk zuzuordnen sind, mit etwas historischem Abstand noch einmal rezensiert, erläutert, in die Musikgeschichte oder schlicht in die eigenen Biografie eingeordnet.
Chronologisch geordnet, liest sich das wie eine abwechslungsreiche Rückschau auf prägende Jahre und Klänge - wobei es natürlich auch o.k. ist, kreuz und quer in dem Buch herumzulesen. Am Anfang steht ein Prolog über den Song aus dem Jahr 1977, der dem Buch den Namen gab, sowie von Claus Cornfield eine entzückende Zeichnung anstelle eines Textes. Danach springt die Chronologie ein ganzes Stück zurück, um eine paar Titel zu würdigen, die sich später vor allem als Cover-Versionen in den Kanon geschlichen haben. Sie sind vor allem musikhistorisch interessant. Sobald wir uns dem Jubiläumsjahr 1976 nähern, ergeben die vielen, schonungslos subjektiven Standpunkte eine fröhliche Vielstimmigkeit mit gelegentlichen nostalgischen Unisono-parts.
Ein verbindender Faktor bleibt zum Beispiel die in Titel und Prolog betonte Langeweile der Adoleszenz, in die die jeweiligen Songs hineinplatzten um individuelle Epiphanien und Kreativschübe auszulösen, durch einsame Zeiten zu trösten oder den Beginn einer langen Freundschaft zu markieren. Ein anderer ist die Einsamkeit der wenigen FLINTA*s und P.O.C. in den jeweiligen Szenen. Die Anzahl der weiblichen Künstler*innen, die es in die Liste geschafft haben, spricht Bände. Auf der Autor*innenseite sieht es etwas besser aus.
Worin sich die meisten einig sind: dass sie sich dank Internet zum Teil erst Jahr(zehnt)e später zusammenreimen konnten, um was für Charaktere es sich bei den Absender*innen so mysteriöser wie verlockender Botschaften wie „Runnin’ Riot“, „Blank Generation“, „Dicks Hate Police“ oder „Vapaa Pohjolla“ handelte. Ja, auch eine finnische Band kommt vor, und eigentlich alle wichtigen Kapellen und Künstler*innen, die ihr kennt, oder nach dem Lesen auch kennen wollt.
Über Vollständigkeit sollte man sich hier nicht so viele Gedanken machen, es geht eher um Repräsentation, unerwartete Entscheidungen und Obskuritäten. Also keine Nirvana, aber dafür 2 x Hole, aber auch The Offspring und Guano Apes, dazu ein paar übliche Verdächtige (Ramones, Pistols, Patti Smith, Minor Threat) und allerlei Wissenswertes über Bands wie The Fuggs und Las Vulpess oder Typen wie Wesley Willis. Das Internet wird Euch auch helfen, wenn ihr nicht gerade auf eine ausgezeichnete eigene Sammlung zurückgreifen könnt.
Wenn die besprochenen Bands zusammen so etwas wie ein Who Is Who? ergeben, gilt das ebenso für die Autor*innen. Nicht wenige spielen oder spielten selbst in Bands, betreiben Labels, Läden und Fanzines, so dass die Texte von den üblichen Schwächen musikjournalistischer Bescheidwissenwollerei weitgehend frei sind. Es geht eher um Lernprozesse, und wie schwer es vor allem in der Provinz war, überhaupt ein bisschen Bescheid zu wissen, als es von Lieblingsbands nichts gab außer grobe Schwarzweißfotos und kryptische Nachrichten auf dem Cover. Von diesen Botschaften und ihren unberechenbaren Auswirkungen handelt das Buch in seinen besten Stellen, bis es mit einem Song von The Notwist in der Gegenwart endet.
Eric Mandel
Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape
Jonas Engelmann (Hg.), Ventil Verlag, 368 Seiten, 25,- €
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