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Donnerstag, 20. August 2026

Schön, wenn das Paradox Puncht


X.A.CUTE - PARADOX

In Renfield-City wird selten das kreative Tun der schreibenden Menschen verheimlicht. Da sind wir recht transparent. Es ist beispielsweise kein Geheimnis, dass unser Global-Music-Spezi Eric Mandel seit Ewigkeiten mit den Kollegen Kuzi Whan und Wuzi das Projekt X.A.CUTE be- und vorantreibt. X.A.CUTE gedeihen seit langen im Hinterhof des Kreuzberger Avalons, dem magischen Zufluchtsort mitten in der Herzkammer der Berliner Gentrifizierung.

In diesem Kosmos auf einer großen Verkehrsinsel kommt seit jeher und immer regelmäßig einiges zusammen: Tracks, EPs, Alben, Solo-Alben, dazu Mitschnitte von DJ-Sets aus den coolen Orten der Stadt. Mir wird selber manchmal ganz schwindlig, wenn ich sehe, was Mr. Mandel regelmäßig veröffentlicht. Schaut auf Bandcamp, schaut auf Mixcloud, X.A.CUTE is everywhere. Und da reden wir ja noch gar nicht von ATOMVULKAN BRITZ, wo wir auch öfter in den Keller oder Funkhäuser steigen, um auf Industriefässern, Drumkits und Bässen rumzuklöppeln - und zuweilen kosmische Hintergrundmusik erzeugen.

Bei soviel Output fällt es schwer den Überblick zu behalten, aber damit stehen X.A.CUTE im 26. Jahr des 21. Jahrtausends nicht allein. Die Veröffentlichungszyklen rasen schneller als die Musikpolizei erlaubt, was sicher auch durch die schnellen Releasemöglichkeiten unterstützt wird. Für einen Upload brauchst du nunmal kein Presswerk oder die schwerfälligen Strukturen eines großen Labels, das erstmal in der zigsten Videokonferenz über mögliche Verkaufschancen und Marketingmöglichkeiten nachgrübeln muss. Es ist bekannt, dass man Musik mittlerweile gut in DIY (oder wie ich neulich las, DIT (Do it Together))- Manier raushauen. Schnell und unkompliziert. Wenn es eben darum geht, etwas zu veröffentlichen und nicht um die raketenartige Reichweite oder die Weltherrschaft. X.A.CUTE produzieren ihre Tracks so schon seit Jahren. Und machmal kommt dabei sogar ein Stück Vinyl raus.

Wer so lange schon Musik ersinnt, produziert, aufnimmt und auflegt, ist natürlich auch bestens vernetzt. Irgendwie taucht bei jedem X.A.CUTE-Release der Zusatz "Feat. den oder die" auf. Die meisten Personen dieser Koops kenne ich nicht, aber ein paar schon: HOLZKOPF aus Kanada, MISS RED oder die Kolleg*innen von PEB. Und das, liebe Menschen am Lesegerät, sind nur ein paar Namen in der Galaxie´, in der X.A.CUTE manövrieren und kooperieren. Alles ist recht fluide, der Kern besteht zwar aus den drei Weisen aus dem Kreuzberger Land, ansonsten gibt es immer Andockmöglichkeiten für Freunde und Kurz-in-der-Stadt-Lebende. Und wenn Zeit ist, dann stemmt man entweder ein neues, gut klingendes Projekt aus dem Boden - hier sei auf DIKDADOR verwiesen - selbe Besetzung, anderes Konzept - oder auf das Zäh-Doom-Monster STUMPF oder auf das in der Pipeline lauernde HC-Wochenend-Projekt ZERSTROYER - oder: Man bringt das neu aufgenommene Material unter dem Namen X.A.CUTE raus.

Für die PARADOX-EP hat man sich mit einem guten Bekannten zusammengetan, dem Berliner Rapper ETHNIQUE PUNCH. Nicht die erste Kollaboration, vor einiger Zeit gab es schon auf der FASUIH/SLIGPO-EP eine Zusammenarbeit. ETHNIQUE PUNCH ist live auch für Leute, die mit HipHop gar nichts am Hut haben, also Menschen wie mich, bei Konzerten sehr unterhaltsam anzusehen. Da findet man wenig von typischen HipHop/Rap-Klischees, sondern einen sehr charismatischen Typen auf der Bühne, der zu seinen Tracks auf Türkisch rappt. Die Entspanntheit, die da zutage tritt, passt auch sehr gut zu den X.A.Cuties.

X.A.CUTE, das sei noch zu erwähnen, sind in ihrem Schaffen sehr global aufgestellt. Da spielen viele Rhythmen und Beats rein, die auch interkontinental anschlußfähig sind. Dub, Drum'n'Bass, HipHop, Tablas, nahöstliche Synkopierungen, Dubstepp, Dancehall, alles da, alles gemeinsam miteinander existierend. Dub vor allem, das ist wohl die große Wurzel, aus dem sich alles in allerlei Varationen speist. Was jetzt dazu gut passt, wäre eine Kochmetapher: X.A.Cute schmeißen also alles, was von dieser Wurzel ausgeht, oft in in einen Topf - und es schmeckt immerstimmig. Ihre Tracks haben oft eine sehr dicke Lebensdader, und die heißt eben Dub, das ist der Bass und der Rhythmus und darum lagert sich dann der Rest an. Im Falle von PARADOX eben der entspannte Sprechgesang von ETHNIQUE PUNCH, verhallte Samples und Sprachfetzen oder auch mal eine schräg flirrende Orgel- oder Synthie-Melodie. Das wirkt oft so entspannt wie es für einen Sommerabend in der Stadt erforderlich ist, baut aber auch mal gerne eine unterschwellige Spannung auf.

Falls es bis hierhin noch nicht klar geworden ist: Mit Rockmusik, Punkrock oder ähnlichem Gitarrenlastigen hat das hier alles nichts zu tun. Wenn du aber gern mal eine Drun'n'Bass-Party besuchst und kein Problem hast, ganz unterschiedliche Arten von Musik zu goutieren, dann solltest du mal fix bei X.A.CUTE reinhören. Und wie nennt man das alles zusammen jetzt? Häch, das Stöhnen des Blogtreibers, wenn es um schnöde Genrezuschreibungen von Musik geht. Wahrscheinlich passt eh am besten der Begriff, den X.A.CUTE selber für alles, was sie so im Herzen von Kreuzberg anstellen, öfter nutzen: Outernational Music.

Gary Flanell

Die PARADOX-EP von X.A.CUTE gibt es auf ihrer Bandcamp-Seite zu hören, also hier.

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