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Mittwoch, 3. August 2016

Das Gute Leben: Weitersuchen Pt. III

Erstmal den Notstand ausrufen!
Das mit der Anerkennung durch Erfüllen von Erwartungen habe ich erst so richtig gemerkt, als ich meine Kinder bekommen habe. Erstaunlich, wie man auf einmal in der Familie so einen ganz anderen Stand hat. Nicht dass der vorher problematisch war, halt typischer Studentenstatus. Auf einmal war ich statt dessen eine Mutter. Sofort wurde mir ungewohnte Autorität zugeschrieben und eine andere Art von Respekt erwiesen. Sehr angenehm, sowas.
Dann beschlossen der Vater meiner Kinder und ich, nicht etwa zu heiraten und die Steuerklasse zu wechseln, sondern doch lieber in getrennte Wohnungen zu ziehen, was uns in Folge ermöglichte, uns nicht gegenseitig zu erwürgen und die Schädel einzuschlagen, sondern Freunde zu werden und die Herausforderungen des Lebens wieder als Verbündete anzutreten.

Für unsere Kinder heißt das, dass sie ihre Eltern nicht täglich streiten sehen. Und dass es in beiden Wohnungen noch andere Leute gibt, die sie liebhaben, die mit ihnen Musik machen, Pfannkuchen backen, Brettspiele spielen (hatte ich noch nie Lust zu), ihnen Bilder malen (dito) und darauf bestehen, dass man gemeinsam am Tisch sitzt. Auf selbigem gibt’s dann auch mal den selbstgemachten Kartoffelbrei, der bei mir immer aus der Tüte kommt. Und einen dritten Bruder gibt es noch obendrauf.

Für uns heißt das auch, dass nicht jede soziale Fähigkeit von mir als der perfekten Mutter vermittelt werden muss. Ich brauche nicht den Engel im Haus zu geben, und der Kollege auch nicht den Patriarchen. Meine Kinder bedanken sich an der Kasse beim Verkäufer für die gerade gekauften Obstriegel und fragen ihn, wie er heißt. Von mir haben sie das nicht. So nett bin ich nie. Sie begegnen Menschen mit Zutrauen, weil sie nie etwas anderes erfahren haben als liebevolle Zuwendung, und zwar von verschiedenen Leuten, die verschiedene Arten des Umgangs haben.

Als ihnen Aschenputtel vorgelesen wurde, da sagten sie, das Mädchen hätte keinen Papa und keine Mama mehr. Dass sie im Märchen wohl einen Vater hat, der sich aber nicht um sie kümmert, das können sie sich nicht vorstellen: das ist dann ja kein Papa, per definitionem, sozusagen.
Als meine Familienangehörigen von unserer Kleinfamiliendemontage hörten, wurde der Notstand ausgerufen. Panik und Ressentiment machten sich breit. „Ihr Berliner!“ äußerte mein Schwager sich kopfschüttelnd. Meine Mutter brach zwischenzeitlich die diplomatischen Beziehungen ab, da ich ihre Enkel der Willkür und blanken Not preisgäbe und darüber hinaus den mir gerade so eben nicht Angetrauten böswillig seinem traurigen Schicksal überließe. (Der sah das anders, wurde aber nicht gefragt.) Selbst mein Vater, der sich selbst allen sozialen Bindungen entzieht, forderte über Dritte Informationen an, ob denn alles in Ordnung sei aus Anlaß dieses offenbar erschreckenden Bruches.

Die Reaktion meiner Verwandten ist, wie ich von anderen erfuhr, nicht etwa ungewöhnlich, sondern typisch. Alleinerziehend zu sein ist ein riesiges Stigma, ein Grund zur Besorgnis, etwas zu Vermeidendes, eine Katastrophe, die eine Familie befällt. Niemals aber etwas, das man wählt, das man sich aussucht, das man extra so haben will. Was nicht klar bestimmt ist als „Kleinfamilie“, ist auch wieder nur Negation: Verlust von etwas, nicht Gewinn von etwas anderem, Konkreten. Das zeigt sich auch an der gut gemeinten, aber unschuldig verächtlichen Bezeichnung „Patchwork“. Flickwerk ist etwas, das aus einem schiefen, nicht passenden, irgendwie übrig gebliebenen Zeug zusammengebastelt wurde, um damit zu versöhnen, dass es halt nicht so geklappt hat, wie es eigentlich hätte sein sollen: wie es normal wäre. Wir haben das nicht so erlebt. Wir sind eine Familie geworden und fragen uns nicht so genau, wo die anfängt und aufhört, eine Familie aus Freunden, auf die ich mich verlassen kann. Einer davon ist der Vater meiner Kinder.

Alissa Wyrdguth

Montag, 25. Juli 2016

Das gute Leben

Wie geht es bloß, das gute Leben? Ist man die unterdrückenden Strukturen von Familie und Religion erst mal los, könnte es damit losgehen für das freie Individuum. Doch leider hatten wir vergessen, dass Individualität inzwischen definiert wurde über Lohnarbeit, ob es diese nun gibt oder nicht. Die Sozialdemokraten haben aus den Ideen eines Peter Hartz ein Menschenbild gebastelt, gegen das der Fordismus sich wie kuscheliges Biedermeier ausnimmt. Wem es gelingt, sich auf dem Markt der Arbeitskräfte zu behaupten, hat zumeist weder Zeit noch Energie übrig für ein sinnvolles Leben, das ohnehin auf einem Niveau mit Teppichknüpfen und Modelleisenbahnen in die Randnotiz „Freizeitgestaltung“ hineingefaltet wurde.

Doch da sind all diese Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung, in einem irgendwie gelingenden Privatleben. Dafür gibt es zum Glück ein paar lang erprobte Formen. Da weiß man, wie es geht, man wird ohne weiteres verstanden und anerkannt. Mal ausruhen und nicht immer nur machen müssen? Da ist die Couch, der Fernseher, Netflix. Sich mal richtig gut fühlen? Geh dir was Schönes kaufen, hast ja Kreditkarten. Leben auf die Reihe kriegen? Zeit zum Heiraten. Dann Zeit zum Kinderkriegen. Und was kommt als Nächstes? Haus bauen oder Wohnung kaufen. Ist das nun soweit arrangiert, die Stufen des bürgerlichen Lebens erreicht, das Gehalt zusammengeworfen und die Steuer entlastet: dann werden auch Zeittaschen geschaffen für Yoga und Skiurlaub, Chorgesang und Theaterproben. Auf diesem Weg kommen so manche Menschen nach und nach zu einem ausgefüllten und angenehmen, privilegierten Leben.



Warum sind sie privilegiert? Nun, natürlich, weil sie Geld haben. Aber auch, weil sie die Formen leben, die allgemein anerkannt sind. Weil sie nicht weiter darüber nachdenken müssen. Sie können es sich leisten, nachzudenken, wenn sie die Zeit dafür finden. Aber das quälende Nachdenken, das existenzielle, wer davon frei ist, ist privilegiert. Denn man muss dieses Leben auch wollen können.

Mit dem Prinzip Individualität kann nur erreicht werden, was das Individuum will. Anders ist ihm nur mit direktem Zwang, dh Sanktionen beizukommen. Kein Zufall, dass die Ideen von Peter Hartz in eine Werbesprache gefasst waren, die einem Konsumgut angemessener wäre. Gib ihnen ein Schema, das sie wollen können, und halte den Zwang zurück als letztes Mittel.

Was aber passiert, wenn das Individuum nicht will und nicht kann? Studium abgebrochen, nie eine feste Beziehung aufrecht erhalten, es nie in einem ordentlich bezahlten Job ausgehalten? Du hast es eben nicht richtig gewollt, sagen andere und haben recht.
Wir könnten aber auch fragen, ob sich nicht ebenso gut etwas anderes wollen lässt. Nur was? Um etwas wollen zu können, muss es irgendwie bestimmt werden. Es muss konkret sein, und irgendwie, irgendwo sozial anerkannt.



Die Suche nach „Alternativen“ ist eine alte Geschichte. Das Wort „Alternative“ war mal subversiv: als Gegenentwurf zum Etablierten. Wie alle subversiven Entwürfe, die sich verwerten lassen, wurde es vom Mainstream aufgenommen. Denn es passt so schön zum Prinzip Individualität. Jeder kann für sich entscheiden, auswählen, konsumieren. Dabei bleiben die sozial anerkannten Formen immer gleich, weil politisch bevorzugt: so viel Zeit wie möglich für Lohnarbeit (damit sich für den Arbeitgeber die Sozialabgaben lohnen), Modell Kleinfamilie (damit Pflege- und Sorgearbeit unentgeltlich bleibt), und die Illusion individualistischer Entfaltung (unterm Strich zähl ich, sagt die Postbank). Hier tauchen die „Alternativen“ wieder auf: in der Indie-Musik bei Spotify und dem crazy Klamottendesign, natürlich fairtrade. Jetzt bedeutet „alternativ“ einfach: ein bisschen anders, besonders, speziell, und schick.



Ansonsten haben wir eine „alternativlose“ Politik, was bedeutet: „es geht nicht anders, wir müssen alle (erschießen / verhungern lassen / ausgrenzen / verkaufen / einsparen)“. Daneben wabern irgendwo die „alternativen Medien“, die einen eigenen, speziellen, besonderen Weg zum Heil versprechen: zur unverstellten Wahrheit der Verschwörungen, die das Übel der Welt verursachen und nur erkannt werden müssten. Und als besonderes Sahnehäubchen haben wir die Partei „Alternative für Deutschland“. Die einzige Möglichkeit, alles anders zu machen? Die Alternative zur gescheiterten, selbsterklärt „alternativlosen“ Norm? Das, so die AfD, seien sie: die Rechten. Was mal subversiv war, ist jetzt ganz einfach rechts.

Das Problem ist eben die Unterscheidung: Normalität-Alternative. Einer realen Alternativlosigkeit sind immer Entscheidungen vorhergegangen. Der Weg, der als „normal“ etabliert ist, war immer nur eine Alternative unter mehreren. Alle Wege sind Alternativen. Die Ehe ist eine Alternative zu anderen Lebensformen. Alle Lebensstile sind alternativ.



Was das „Normale“ den anderen Alternativen voraus hat: Es ist genau bestimmt, alles andere ist nur Negation. Das Normale hat eine Form, die sich wiederholt. Nur die Ausführungen variieren, wie das Sofadesign bei IKEA. Ob in der Metalkutte heiraten oder im fließenden Hippiedress auf Bali, das ist dann egal. Heiraten ist genau bestimmt. Nicht zu heiraten ist nur eine Negation. Lohnarbeit ist genau bestimmt, jeder andere Zustand nur eine Negation. Das Bemühen um andere Lebensformen ist für die verwirrten und erschöpften Geister oft nicht mehr als das: ein Bemühen. Und bemühen kann sich keiner ewig, wenn sich kein Ergebnis zeigt.



Wie geht das also, zu wissen, was man will, wenn man es sich selber ausdenken muss? Wenn man bisher nur weiß, was man nicht will, oder nicht kann, oder nicht wollen kann?
Mehr dazu in den nächsten Tagen hier auf diesem Blog.

Alissa Wyrdguth

Samstag, 25. Juni 2016

Lange Nacht, Lesenacht


Ok, man kann sich in den nächsten 48 Stunden in Neukölln rumtreiben, kann mit seiner peer group zum x-ten mal alle derzeitigen Post-Brexit-Szenarien durchkauen und sich bei Nüsschen und Bier die ersten EM-Achtelfinals anschauen.

ABER DAS IST ALLES TOTALER QUATSCH!

Der rational gut aufgestellte und kulturinteressierte Mensch begibt sich heute abend in die Bornholmer Traße 81 in Prenzlauer Berg.
Da lesen nämlich die Alissa (Wyrdguth), der Gary (Flanell) und der Thomas (Manegold) bei der Langen Nacht der Subkultur im sicher angenehm temperierten Literaturcafé des periplaneta-Verlags.
Wie es bei Periplanetas sonst lesenderweise zugeht, zeigt die folgende Kollegenbeobachtung von Alissa Wyrdguth bei der VISION&WAHN-Lesebühne, erschienen in Renfield Nummer 32


VISION UND WAHN (jeden 1. Montag im Monat, im Periplaneta Literaturcafé in der Bornholmer Straße)


Die meinen es ernst und fangen pünktlich an. Sind ja auch Profis, nämlich die führenden Verleger der Subkultur (nicht nur) dieser Stadt. Dafür ist ihr kleines Café mit Tresen und Stuhlreihen auch hübsch voll, und als ich im letzten Moment noch an der Tür kratze, werde ich rasch eingelassen und schlüpfe auf einen letzten Platz am Boden auf meinem Mantel.

Die Periplanetas nutzen ihre Montags-Lesungen, um wechselnd etablierte und neue Autoren vorzustellen. Chef Thomas Manegold gibt den „Conférencier“, Chefin Marion Müller steht am Tresen. Beide sind in der Lesebühnen-Anthologie „Schindluder und Moralapostel“ mit eigenen Texten vertreten. Die musikalische Begleitung kommt heute von Guido Kreutzmüller, und zwar so gut, dass die Lesenden sich etwas anstrengen müssen. Der Eintritt ist frei.
Unter den Periplaneta-Autoren heute ist auch Renfieldisto Gary Flanell, über dessen viele Qualitäten ich hier vornehm schweige.
Da ich noch nicht wusste, dass ich dies schreiben würde, habe ich mir den Namen der Autorin nicht gemerkt, die jene äußerst gruselige Leichenfindungs-Szene darbot (Periplaneta hat auch eine Krimi-Edition). Im Gegensatz zu ihrem, der auch auf der Seite des Verlags nicht zu finden war(?), ließ sich der Name des dritten Lesenden leicht recherchieren: er ist gerade so etwas wie ein Verkaufsstar, heißt Mikis Wesensbitter und stellt sein neues Buch „Wir hatten ja nüscht im Osten... nich mal Spaß“ vor.
In der zweiten Lese-Runde zeigt er sich vielfältig und entwirft ein Extrem-Horror-Skurril-Szenario. Insgesamt haben wir Spaß, obwohl wir uns tief im Prenzlauer Berg befinden, die Lesenden bekommen eine charmante Moderation, die Zuhörer eine Pause zum Bierholen, und dass wir uns auf dem Heimweg verlaufen haben, ja nun, daran sind wir selber schuld.

periplaneta.com

Mittwoch, 11. Mai 2016

Bloggin' like mad!

Das neue Heft ist im Druck! So mit das geilste bisher, entschied die unabhängige Jury aus dem Renfield-Hauptquartier. Aber warum eigentlich Renfield lesen? Wie geht das überhaupt? Wer macht denn so was?

Weil wir so was gerne machen, lesen wir hier aus dem Renfield für euch vor - auf dem hauseigenen YouTube-Kanal.



In den nächsten Tagen bis zur Releaseparty werden wir dort je einen Klassikertext aus bisherigen Renfield-Ausgaben vorlesen.

Heute haben wir den Text GERADE GESTERN von ANDRE KORSCH ausgewählt, gelesen von ALISSA WYRDGUTH.
Warum? Weil Herr Korsch schön und weise über eins der wichtigsten Themen für alle Renfield-Lesenden schreibt, nämlich die Musik. Über Mixtapes und die Erinnerung.


Wer Frau Wyrdguth gerne live lesen sehen möchte: Auf der jetzt schon legendären, obwohl noch nicht stattgefundenen RENFIELD RELEASE PARTY wird es mal wieder eine Blitzlesung geben, bei der Frau Wyrdguth und Herr Flanell ihre Lieblingsfetzen aus dem ZIEMLICH GEILEN NEUEN HEFT vortragen werden!



Dienstag, 17. November 2015

Graz ohne Texte, Wien ohne Socken, Salzburg ohne Technik



Die SCHABEN KANNS NICHT Periplaneta-Tour Österreich 2015

„Wer ist denn dieser Österreich? Wie heißt der denn?“, so soll mein Kind genervt ausgerufen haben, als sein Vater ihm erklärte, warum Mama immer noch nicht wieder da ist. Denn Mama war, so berichtet also die Legende, in Österreich. Auf Lesetour. In Graz, Wien und Salzburg. Zusammen mit zwei leicht schäbigen Stars der DIY-Punk-Avantgarde: dem HC Roth und dem Gary Flanell, auch bekannt als URS GROB BOOTSBETRIEB.
Dass Mama vorliest, sah mein Kind noch ein, denn das tut sie ja tagein, tagaus. Warum sie das aber in Österreich mit den schäbigen Bootsbetreibern tut und nicht zu Hause, wollte sich ihm nicht erschließen. Jetzt ist er aber wieder bester Dinge, obwohl ich vergessen habe, ihm eines dieser psychedelischen Plüschmonster vom Salzburger Flughafen mitzubringen, wie ich es eigentlich vorhatte. Aber der Gary Flanell wurde hektisch und so durfte ich nur eine Riesentafel Schokolade erwerben, für mehr war keine Zeit mehr übrig.

„Laaangweilig nach der Tour! Und dabei war es nur eine ganz kleine Tour!“ jammerte ich. „das rockstarsyndrom. die gähnende leere nach dem grossen narzisstischen rausch“, spottete mein guter Freund Freak Ass E, der es wissen muss. „hotelzimmer zerlegen soll helfen, oder charity“. Nun hatten wir aber die Gage längst für Grazer Schweinebraten, Salzburger Nockerln und Allerorten Krainer auf den Kopp jehauen (sorry HC, der das täglich mit ansehen musste), und für die Hotelzimmer hatte es denn nun doch nicht ganz gereicht. Also tue ich statt dessen, wofür man mich meist nicht bezahlt, und schreibe.

Es folgt das Tour-Tagebuch.

1. GRAZ OHNE TEXTE

Eine Tour spielt sich, das liegt in der Natur der Sache, an anderen Orten ab. In diesem Fall in Graz. Dort erstmal hinkommen, heißt verdammt früh aufstehen, sogar noch früher, als es zwei Drittel der Tourenden auf Grund von Versorgungsarbeit ohnehin gewohnt sind. Der HC ist dafür in Graz schon vor Ort und holt uns netterweise bei strahlendem Wetter vom Flughafen ab, und es ist immer noch erst zehn oder so. In Graz übrigens, so werden wir informiert, ist das Wetter immer strahlend, während es in Wien immer regnet, so ist das da geregelt. Unsere Erfahrung bestätigt dies.
Im Explosiv können wir erstmal unser Zeug abladen. Wir können das nur, weil ein selbstloser Mensch uns extra erwartet, um uns die Türen aufzuschließen. Kaum begrüßt er uns, befallen mich massive Selbstzweifel. Wie können wir es schaffen, Menschen zu bespaßen, die selber schon so ungeheuer putzig sind, sobald sie nur den Mund aufmachen? Es tut mir leid, dass ich hier Klischees reproduziere, was ich sonst zumindest bemüht bin zu vermeiden. Aber dieser österreichische Akzent! Egal wo! Ich kann das eh nicht auseinanderhalten! (Obwohl der HC mich darin zu unterrichten versucht.) Wie niedlich ist das denn! Der selbstlose Mensch begrüßt die Jungs und wendet sich dann charmeoffensiv an mich: „Küss die Hand, Madame.“ Und das nennt sich hier Subkultur.

Leider muss uns der HC erstmal verlassen, da seine Versorgungsaufgaben für diesen Tag noch nicht abgeschlossen sind. Doch der selbstlose Mensch führt uns im Explosiv herum und wir erfahren dabei das volle Maß seiner Selbstlosigkeit: Er ist nicht etwa zeitig aufgestanden, um uns zu begrüßen, er ist noch gar nicht ins Bett gegangen. Dementsprechend bewegt er sich vielleicht etwas langsamer als sonst, doch seine Gastfreundschaft ist davon nicht beeinträchtigt. Zwischendurch dreht er sich zu uns um und vermerkt besorgt: „Aber nicht gleich drüber schreiben, ja?“


Das Explosiv befindet sich in einer ehemaligen Bonbonfabrik (Zuckerln!“) in der Nähe vom Grazer Bahnhof und erinnert uns an eine Großversion unseres eigenen Wohnzimmers in Kreuzberg. Dem entsprechend fühlen wir uns auch gleich zu Hause. Nach einiger Zeit brechen wir dennoch Richtung Innenstadt auf, aufgemuntert und angeregt und des Sprechens kurzfristig kaum mehr mächtig, denn der selbstlose Mensch, welcher anonym zu bleiben wünscht und nun endlich mal schlafen gegangen ist, hat uns selbst angebaute Chilis kredenzt, aus denen er thai-style Köstlichkeiten zu zaubern pflegt.

Unterwegs dämmert uns etwas. Nämlich, dass wir gegen Abend eine Lesung veranstalten sollen, falls wir bis dahin trotz chilitauber Zunge wieder artikuliert sprechen können. Die bereits publizierten Periplaneta-Autoren sind natürlich im Besitz diverser selbstgeschriebener Bücher, die sie stets hoffnungsvoll mit sich führen, um sie unter die Leute zu bringen. Ich aber habe so etwas nicht und auch der Flanell will eigentlich neue Texte lesen, die noch nicht im Flanell-Kanon offiziell enthalten sind. Wir haben also Bedarf an moderner Technologie, namentlich einem Drucker und einer Internetverbindung.

In den nächsten Stunden stellen wir fest, dass wir arrogante, selbstgefällige, privilegierte, hochnäsige Großstädter sind, die sich einbilden, der Rest der Welt sei ein einziges Internetcafe. Nachdem unsere Selbstreflexion abgeschlossen ist, gehen wir erstmal fürstlich essen. Dann muss der Flanell unbedingt unter einer Uhr fotografiert werden, was ihm hinterher selber peinlich ist, denn Tourist zu sein ist das eine und so auszusehen etwas anderes. Zum Glück habe ich aber eh irgendeinen Finger versehentlich davor gehalten und die Fotos sind ruiniert, so dass das entwürdigende Schauspiel ganz fruchtlos geblieben ist.

Dann wenden wir uns an eine Bevölkerungsgruppe, die am ehesten unsere Bedürfnisse zu verstehen scheint: fünfzehnjährige Schulmädchen. Und siehe da, mitleidig nehmen sie sich unser an und erklären uns, wo wir vielleicht hoffentlich unsere Texte ausdrucken können: in einem schicken Schreibwarenladen, in dem selbst die Notizbücher zehn Euro kosten. Echt? Ja, echt, versichern sie uns. Wir also hin und ja, tatsächlich, im Obergeschoß erlaubt man mir, an einem Rechner meine Texte runterzuladen und auszudrucken. Die progressiven Verkäuferinnen werden dabei missbilligend von ihrem Chef beäugt. OK, nächstes Mal werde ich einen Datenträger mit mir führen, damit die Mädels nicht wegen mir Ärger kriegen. Endlich habe ich Texte.

Wir besichtigen noch ein bisschen und essen Krainer und touristen so rum, um dann noch eine Runde zu schlafen. Zur Abendveranstaltung tauchen wir verpennt wieder auf und treffen den HC am Tresen an. Die Massen strömen und wir beginnen vor vier Gästen zu lesen, die zwar allesamt sehr freundlich sind, sich ihre Begeisterung über unsere Kunstfertigkeit jedoch nicht anmerken lassen. Das verunsichert etwas am ersten Abend, doch tapfer stürzen wir uns ins Gefecht, aufgelockert durch das Krokodil mit Schwimmflügeln und die Gesangseinlagen des HC.

Leider sind meine Texte verschwunden, was daran liegt, dass der Flanell sie geklaut hat, um darauf die Zeilen seines epischen Poems „Michel Piccoli“ für die Performance von URS GROB BOOTSBETRIEB zu notieren. Ich finde sie wieder und beglücke Graz mit kreuzbergspezifischer Alltagserfahrung zu begrenzter Resonanz. UGBB aber retten schließlich noch den Abend und bringen sogar die überaus höflichen, doch bisher emotionsfreien Gäste zum Rocken. Ich bin erstmal erschöpft und schaue ihnen zufrieden zu, wie sie nach den Meisterwerken „Alter Mann“ und „Michel Piccoli“ letzteres nochmal als Soul-Version spontan intonieren. Ich bin nachhaltig und ernsthaft beeindruckt, und die Grazer sind es auch. Dann gehen alle, schließlich ist es Donnerstag. Nur Flanell und ich irren noch ein Weilchen durch die Nacht auf der Suche nach weiteren fünfzehnjährigen Schülerinnen, die unsere Bedürfnisse verstehen. Ersatzweise finden wir ebenso hilfreiche auszubildende Mädels in Feierlaune, die uns in die Richtung der Drei Goldenen Kugeln weisen. Wir händigen dieser Grazer Institution unsere Gage aus und erhalten dafür eine unglaubliche Essensmenge, die man uns allerdings am Tisch direkt verpackt überreicht als zarten Hinweis darauf, dass wir eigentlich auch gleich wieder gehen könnten. Also schleppen wir die Beute nach Hause und nennen es erstmal einen Tag, nämlich den ersten.

2. WIEN OHNE SORGEN/SOCKEN

Am zweiten Tag haben wir ausgeschlafen, das ist eine unglaubliche Erfahrung, vor allem für mich. Im folgenden wird sich allerdings erweisen, dass ich ein Weichei bin, weil der HC sonst immer genauso früh aufstehen muss, auf Tour dann aber gleich so gut wie gar nicht mehr schläft. Wenn das Punk ist, bin ich zu schwach. Aber ist wahre Faulheit nicht auch irgendwie Punk? Jeder ihr Punk, beschließe ich und penne allnächtlich episch, während ich dem HC die biertrinkende Zusammenrottung mit den jeweiligen Veranstaltern überlasse, die dazu tendiert, bis gegen sechs Uhr früh anzudauern.

Den Besten unter diesen selbstlosen Menschen treffen wir als erstes an, wie er rapunzelmäßig aus seinem Wohnzimmerfenster hinaus ruft, um uns anzuzeigen, wieviele Wiener Stockwerke wir in seinem turmähnlichen Treppenhaus erklimmen müssen. Es handelt sich um den Betreiber von Schall & Rauch Platten, aka der Klaus. Wir werden in Wien empfangen mit Regen und Polizeikontrollen am Bahnhof auf Grund einer hohen Zahl ominöser Flüchtlinge, die angeblich den Wiener Westbahnhof nahezu lahmgelegt haben sollen, von denen aber absolut nichts zu sehen ist. Es sei denn, man würde die sehr sichtbaren Polizisten epistemologisch als Spuren der unsichtbaren Flüchtlinge einstufen, sinniere ich und fühle mich trotzdem gleich wohler, weil bunthaarige Mädchen sich zur Begrüßung zärtlich knutschen und eine Beth-Ditto-Kopie ihren wonnig voluminösen Hintern in schwarzweiß gestreiftem Stretch und schön zerlöcherten Strumpfhosen vor uns hin und her swingt. Wien ist auf sympathische Art nicht Graz.

Der nächste kleine Urghs-Moment nach der Polizeieskorte folgt aber dennoch auf dem Fuße, als wir erwägen, bis zu Klausens Haus mal eben rasch schwarz zu fahren, und feststellen, dass uns diese Aktion schlimmstenfalls dreihundertundneun Euro kosten würde. Für uns alle drei. Also hundertunddrei Euro Strafzahlung verhängen die Wiener Linien, falls wir uns in direkter Demokratie ihrer Transportmittel bedienen würden. In leichter Schockstarre ob dieser drakonischen Massnahmen erwerben wir ganz brav Fahrkarten und fahren stumm durch den Regen. In Klausens Haus hebt sich indessen die Stimmung wieder, wir verteilen rasch das Dosenbier und ziehen bester Laune zum Avalon.

Diese treffend benamste Insel der Seligen wird an diesem Abend zum Platz einer leidenschaftlich abgelieferten Schaben-Schau, die im Vergleich zu gestern deutlich an Schwung gewonnen hat. Vor lauter Freude bewerbe ich mich spontan um den Posten der Gast-Percussionista bei UGBB und nutze zu diesem Zwecke einen Kugelschreiber, meine Haarbürste und die zum Glück stabilen Biergläser des Avalon, sowie die unterliegende Tischplatte. Der Erfolg ist überwältigend, der HC liegt am Boden und die Innereien des Kugelschreibers fliegen irgendwann durch die Gegend. Überlebt haben die Gäste, die Haarbürste und die Biergläser, was mich zu zwei Anmerkungen verleitet.

Erstens: Es ist ein Zeichen für die wahrhaft große Seele des Betreibers vom Avalon, mit welcher fröhlichen Gelassenheit er den Missbrauch seiner Gläser beobachtete, und ein Zeichen für die Harmonie des Universums, dass keines davon kaputt gegangen ist. Zweitens: Douglas Adams, sonst in jeder Hinsicht vertrauenswürdig, irrte in der Angelegenheit der weit überschätzten Handtücher. Merke: Ein Handtuch, das du mit dir führst, ist nach einem Gebrauch schon nass und wird nie mehr ordentlich trocken, müffelt nervig in deinem Gepäck herum und ist eh überflüssig, denn Handtücher gibt es überall. Entscheidend ist dagegen das Mitführen einer Haarbürste. Es sei denn, du hast keine Haare. In diesem Fall empfehle ich einen Löffel.

3. SALZBURG OHNE TECHNIK



Wild und wüst, wie wir sind, riskieren wir alles und werfen unsere jeweiligen Existenzen in die Waagschale, um in heroischer Manier die eine Station zum Westbahnhof für 309,- Euro zu fahren. Nur der Klaus, heroisch bis zum Letzten aber nicht komplett bescheuert, verzichtet darauf, uns zu begleiten, bringt uns aber bis zur U-Bahn und winkt uns noch nach, um dann nach Hause zurückzukehren und einzusammeln, was wir vergessen haben: die DEAD KENNEDYS-Biografie von Alex Ogg mit reingekritzelten Songtextideen und Flanells stinkige Socken. Daher: Wien ohne Socken.

In gehobener Stimmung, weil wir unsere Gage NICHT an die Wiener Linien abgeben noch unsere Familien in Schuldknechtschaft schicken mussten, erledigen wir noch rasch den obligatorischen Kaffeehausbesuch in Gesellschaft wunderbarer kleiner und großer Menschen, die der Flanell von früher kennt und die extra vorbeigekommen sind, um mit uns zu frühstücken. Dann schnappen wir uns im letzten Moment den Zug nach Salzburg, obwohl uns die Nina vor der katholisch-vergoldeten Hochkultur bereits gewarnt hat. Und recht hat sie, die Stadt ist eine einzige Mozartkugel. Wir stellen ethnologische Betrachtungen an und kommen zu dem Schluß: Während in Wien die Bohème in langer Wiener Tradition in Kaffeehaus und Avalon als Wiege der Zivilisation fungiert, klafft in einer Stadt wie Salzburg, die recht klein ist und sich auf ökonomisch äußerst hochwertige Hochkultur konzentriert, ein nahezu unüberbrückbarer Abgrund zwischen dieser und der von uns zu frequentierenden Subkultur.

Wir nagen uns also mit erhobenen Fühlern durch die Mozartkugel und glauben, dass der tapfer voranmarschierende HC deswegen dauernd auf sein Telefon guckt, weil er den Weg zur Subkultur zu finden versucht. Später stellt sich heraus, dass er in Wahrheit Billy Pinguin und Brigitte Brillenpinguin im Schaufenster des Steiff-Ladens entdeckt hat und diese seine Protagonisten abfotografiert auf FB posten muss. Auch ist er ständig bestrebt, uns Mozarts Geburtshaus zu zeigen, welches er an jeder Ecke aufzufinden behauptet. Wir wollen das aber nicht sehen, sondern essen. Zwar finden wir ohne allzu viel Mühe die Salzburger Subkultur in Gestalt des SUB, doch ist dort noch niemand und wir sind hungrig. Wir treffen auf ein bürgerliches Gasthaus (geschlossen), eine Pizzeria (geschlossen) und eine Bushaltestelle (geöffnet), welche genutzt wird von Trägern schwerer Stiefel mit weißen Schnürsenkeln. Gerade als uns Beklemmung beschleicht, entdecken wir das freundliche Licht einer Gaststätte, die uns zukünftig als Hertas Mäusebude im Gedächtnis bleiben wird.

Herta ist eine schmerbäuchige bärtige Kapitänsgestalt, die uns Würste kocht, nachdem der HC für uns übersetzt hat. Ansonsten hat sich Herta auf den örtlichen Schlager-Sender spezialisiert und trägt stolz eine für besondere Dienste um das Hotelgewerbe verliehene Urkunde an der Wand. Während wir die schmackhaften Würste und Pommes verzehren, kommt eine kleine Stammkundin zur Tür hereingewieselt und besucht ohne Eile ihre Freundinnen unter der Friteuse. Ganz entspannt verlässt sie Hertas Räumlichkeiten dann wieder und verschwindet unter dem Rinnstein. Wir entspannen uns auch. Wenn schon die Mäuse hier in der Gegend dermaßen angstfrei sind, vermute ich, brauchen wir uns vor den weißen Schnürsenkeln auch nicht zu fürchten.

Wir genehmigen uns noch etwas Dosenbier auf der Bank am Fluß, wie sich das gehört, und suchen dann das SUB auf. Ganz sicher bin ich mir ja nicht, ob meine bürgertumskritischen (und daher eigentlich auch nur bürgertumslustigen) Texte hier Anklang finden werden, aber immerhin haben sie ein süßes buntes Einhorn an die Wand gemalt – auch wenn jemand gleich streng daneben gekritzelt hat: „Infantilisierung ist scheiße!“ Wir bewegen uns definitiv auf hohem kritischem Niveau, was wir auch daran merken, dass eine Diskussion über Gewerkschaft, Streiks und Finanzkrisen noch nicht zu Ende gegangen ist und mit großem Ernst betrieben wird. Insgesamt ein sehr sympathischer Laden.

Die nun folgende Lesung der Schaben-Crew wird weitaus freundlicher aufgenommen als vermutet und spielt sich zwar in technik-austeren Verhältnissen ab, macht aber um so mehr Spaß. Nachdem beim HC das Mikro schon andauernd ausgegangen ist, verzichte ich ganz und stelle fest, dass man es nicht braucht. Nach der Lesung stellt der fleißig daran herumtuende Technikmensch seinerseits fest, dass das Mikro sehr wohl funktioniert, nur für uns nicht. Das macht aber nichts. Inzwischen mag man uns im SUB und für den HC hat man sogar schon laut vorgelesen (das Publikum ihm, nicht umgekehrt, ist das Outsourcing?) und sich im Kreise gedreht. Dabei flatterten weiße Schnürsenkel fröhlich im Wind. (Viele Stunden später werden der HC und ich den Fehler begehen, nach den weißen Schnürsenkeln zu fragen, was einen empörten Monolog über kulturelle Aneignung zur Folge hat – und warum man in der Schule nichts über GG Allin lernt.)

Wir schließen mit einer nunmehr eingespielten Performance von UGBB nebst Gast-Percussionista, der diesmal mehrere herumliegende Kleiderbügel zum Opfer fallen. Die Flaschen erweisen sich jedoch auch hier als erstaunlich stabil, das Publikum als erfreulich begeisterungsfähig, und als wir durch sind und die übrigens großartige Band angekündigt wird, zu der wir dann noch einige Schnäpse vertanzen, ruft es irgendwo aus dem Haufen: „Aber das war doch schon die Band!“ Vielen Dank für diesen letzten Satz, unbekannter SUB-Gast. Wir lieben euch.

Alissa Wyrdguth

Dienstag, 3. Februar 2015

Von Lesungen und Geschlechtsorganen



In ganz eigener Sache ist zu Anfang des dienstäglichen Renfield-Posts auf eine Veranstaltung im Herzen Kreuzbergs hinzuweisen - die natürlich unmittelbar was mit der Renfield-Crew zu tun hat...

Am 07.02.2015 findet im Kremanski, Adalbertstraße 96, direkt am Kotti am Durchgang zur Dresdener Straße (an dieser Stelle bitte keine PEGIDA-Witze) eine Lesung von Gary Flanell und Alissa Wyrdguth statt. Gary liest Geschichten und Gedichte aus seinem (demnächst vergriffenen) Bestseller STUNTMAN UNTER WASSER. Alissa liest Geschichten und Gedichte,die noch kein Zuhause haben. Vielleicht gibt es sogar MUSIK!
Lassen wir uns überraschen.
Hier nochmal die grundlegenden Fakten:

SEID MAL STILL. UND HÖRT GUT ZU.
Lesung mit Gary Flanell & Alissa Wyrdguth
07.02.2015, ab 21 Uhr
@ Café Kremanski,
Adalbertstraße 96,
Berlin-Kreuzberg

Das an sich ist natürlich schon so geil, dass man's kaum bis zum Wochenende aushalten kann.
Noch viel geiler, sozusagen hyper-hyper-geil, ist aber die folgende Kolumne zu einem Thema, das uns alle angeht. Verfasst von einer Expertin, die sich im Rahmen ihrer akademischen Arbeit mit Schwänzen beschäftigt hat. Mit Penissen. Dem männlichen Glied. Schwengeln, Dödeln, Fleischpeitschen, Pimmeln, Beidln, Latten, Lümmeln, Piepmätzen, Schniedeln, Pullermännern, Muttermundkontaktbolzen, erhobenen Zeptern der Liebe und wie ihr es sonst noch nennen wollt.
Ursprünglich in RENFIELD Nummer 27 erschienen, packen wir dieses Highlight der letzten Ausgaben für alle Zu-Spätgekommenen nochmal hier auf den Blog.

All you ever wanted to know about circumcision but never dared to ask.
Von der Fachfrau für den Kenner.

Der Penis: Gegenstand pubertärer und postpubertärer Vergleiche und Kompensationen, Lieblingskritzelei auf Schulheften und fast jeder hat einen - so oder so.
Ich habe vor etwa einem halben Jahr angefangen, mich intensiv mit Penissen zu befassen. Quasi beruflich. Das ist nicht halb so anstößig wie es klingen mag, denn tatsächlich: der Anlass war eine wissenschaftliche Arbeit. Meine Masterarbeit.
Dieser Arbeit verdanke ich den weltbesten Partygesprächs-Opener: „Was machst du so?“ „Ich beschäftige mich mit Penissen“. Wer ein Faible für irritierte Gesichtsausdrücke hat, sollte das probieren. Frauen sind neugierig, Männer verunsichert. Aber jeder kann sofort einsteigen und mitreden (und wird das auch tun)! Ganz im Gegenteil zu meiner Bachelorarbeit, in der es um eine Kambodschanische Diktatur in den 1970er Jahren ging. Khmer Rouge? Kennt kein Mensch. Penis kennt jeder.


Doch dass meine Arbeit von Penissen handelt, ist nur die halbe Wahrheit. Denn das eigentliche Thema meiner Masterarbeit ist die Beschneidung. Ist die erste Irritation meiner Gesprächspartner verflogen, wähnen sie sich beim Penisthema wieder auf sicherem Boden, BÄÄM, bringe ich die Beschneidung ins Spiel. Während bei Frauen die Neugier in echtes, persönliches Interesse umschlägt (Was ist denn nun besser: Beschnitten oder unbeschnitten?), setzen die meisten Männer eine schmerzverzerrte Miene auf, als wollte ich ihnen höchstpersönlich mit einem scharfen Gegenstand zu Leibe rücken.

Besonders interlinguistische Gespräche fördern hier die absurdesten Geschichten zutage:
Ein amerikanischer Künstler, den ich von gelegentlichen Zusammentreffen kenne, fragte mich bei einem solchen Treffen, nach dem Thema meiner Masterarbeit. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich die richtige englische Bezeichnung kenne und fragte ihn, ob es im Englischen den Begriff „Circumcision“ gebe. Sein irritierter Blick und die vorsichtige Antwort „There is. But I really dont’t know if you mean what you’re saying....“ bestätigten, dass ich goldrichtig lag. Inspiriert von diesem Wortwechsel verstrickten wir uns in einen Diskurs über sprachliche Missverständnisse. Dieser gipfelte in der Geschichte, wie er in seiner Anfangszeit in Berlin nach einem Fahrradunfall in eine Bar stolperte und in gebrochenem Deutsch fragte, ob er einmal die Toilette benutzen dürfe. Mit wirrem Haar, völlig verdreckt und wild gestikulierend erklärte er, er habe „bis zum Ellenbogen in eine Fotze gefasst“. Was er eigentlich sagen wollte war: er war bis zum Ellenbogen in einer Pfütze gelandet.
Zurück zur Beschneidung. Die kann, wie gesagt, unterhaltungstechnisch so einiges. Nach einer halbjährigen Probezeit, in der sie sich auf Partys wirklich gut bewährt hat, könnte ich es nun einmal mit Familienfeiern versuchen. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer das auch mal ausprobieren möchte: Ich habe eine Liste mit 10 interessanten Fakten zur Beschneidung zusammengestellt, mit denen man auf dem Event seiner Wahl wunderbar glänzen kann. There you go.

10 Fakten zum Thema Beschneidung mit hohem Partygesprächspotential:
1. Etwa ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung ist beschnitten.
2. Bei Neugeborenen wird die Beschneidung oftmals ohne Betäubung durchgeführt.
3. Zu den Nebenwirkungen der Beschneidung gehören unter anderem Penis-deformation, Zeugungsunfähigkeit, Spaltung oder Amputation der Eichel und Tod.
4. Die Vorhautverengung, die von Ärzten oft als Indikation zur Beschneidung angegeben wird, bildet sich oftmals bis zum 13. Lebensjahr von ganz alleine vollständig zurück.
5. Bereits die alten Ägypter praktizierten die Beschneidung.
6. Einige indigene Volksstämme in Australien praktizieren neben der Beschneidung auch die Subinzision – die Spaltung der Unterseite des Penis, inklusive der Harnröhre.
7. Muslime stellen mit knapp 70 % die größte Gruppe beschnittener Männer dar – obwohl die Beschneidung im Koran nirgends als religiöse Pflicht erwähnt wird.
8. In Deutschland ist die Beschneidung die bei Jungen am häufigsten durchgeführte Operation 9. Das 2012 erlassene Beschneidungsgesetz ist verfassungswidrig.
10. Es verstößt gegen Art. 3 des GG, nachdem alle Menschen vor dem Gesetz gleich, und Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Da die Beschneidung der männlichen Vorhaut per Gesetz erlaubt wurde, müsste demnach gleiches für die weibliche Klitorisvorhaut gelten.

Text: Nora Zu Pan

Dienstag, 13. Januar 2015

Wer ist hier Charlie?

Aus gegebenem Anlass hat auch die Renfield-Crew einen angespitzten Stift gezückt. Renfield ist zwar durchaus nicht Charlie, zum Beispiel ist er immer noch am Leben (untot?). Dass es so viele Charlies gibt, war uns auch gar nicht klar. Aber Renfield in seiner Zelle hat letzte Woche fassungslos und sehr traurig durch seine Gitterstäbe gespäht. Wenn man in Frankreich wäre, so dachte er sich, müsste man jetzt Marine Le Pen zeichnen, wie sie Mord für ihre Kampagnen benutzt. Hier in Berlin bleibt uns Madame Le Pen erspart. Hier gibt es die besorgten Bürger, die im Netz mit kaum verhohlener Schadenfreude kommentieren, sie hätten es ja immer gesagt, was passiert, wenn man den Butzemann in UNSER Haus lässt! Dabei wird uns ziemlich übel, und wir können uns nur fragen: Wer, bitte, ist hier eigentlich Charlie?

"Wenn die Zeichnung intelligent ist, um so besser. Wenn nicht, auch nicht schlimm." (Stéphane Charbonnier)