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Donnerstag, 23. Juli 2026

Punk und mehr in Süd-Afrika: Die Story von Shifty Records


Lloyd Ross startete 1982 mit seinem Partner, dem Musiker Warrick Sony, in Südafrika das Label Shifty Records. Zu Zeiten der Apartheid veröffentlichte Shifty mehr als 100 Singles, Tape- und Vinyl-Alben, die stilistisch von lokaler Tanzmusik über UK-inspirierten Punk und Postpunk bis zu Arbeiterchören, Folk und Spoken Word reichten. Die Künstler*innen waren Schwarz, weiß und nach dem südafrikanischen Kastensystem „coloured“, sie sangen und rezitierten auf Englisch, Afrikaans, Xhosa, Zulu und anderen indigenen Sprachen. Was die auf Shifty veröffentlichten Alben gemeinsam hatten, war, dass sie aufgrund ihrer politischen Texte anderswo keine Chance auf Veröffentlichung hatten. Auf der Compilation „Shifty Records Best of the 80’s“ hat Lloyd Ross ein paar der prägenden Songs der aktivsten Shifty-Ära zusammengestellt. Eric hat ihn angerufen.

Eric: Lloyd, freut mich, dich kennenzulernen. Du siehst auf der Platte jünger aus!

Loyd:(lacht höflich) Ja, das war so ziemlich das erste Mischpult, das du da siehst, und die ganze Ausrüstung ist im Grunde das, womit wir 1983 im Wohnwagen angefangen haben. Damit konnte man überall hinfahren. Es war ein mobiles Studio.

E: Um deine Geschichte nachzuerzählen, würde ich dich bitten, dich in dem Kontext dieser Zeit und dieses Ortes zu verorten. In Südafrika hast du einer Minderheit innerhalb der weißen Minderheit angehört – der britischen.

L:Ja, genau. Meine Eltern waren Einwanderer aus Irland.

E: Irland, Entschuldigung.

L:Nein, schon gut, denn sie waren britische Iren. Sie kamen also aus Nordirland. Und ich bin Südafrikaner der ersten Generation, geboren 1957. Sie kamen wahrscheinlich drei oder vier Jahre zuvor an. Ich wuchs also in einem sehr seltsamen Land auf, das, wie du weißt, schließlich zum Paria in der Welt wurde. Es war also ein sehr interessanter Ort zum Aufwachsen. Wenn man schon früh ein politisches Bewusstsein entwickelt, stellt man sich all diese Fragen, weil einem von den wenigen Medien, die es immer nur eines erzählt wurde. Das war das Radio, denn Fernsehen war in Südafrika verboten, bis 1974, 1975.

E: Wow.

L: Als calvinistisches Regime betrachteten sie es als Teufelswerk...

E (lacht): Da war vielleicht was dran, aber ich verstehe deinen Punkt.

L: Da mag was dran sein, aber nein, so geht das nicht. Man kann nicht einfach so kreative Entscheidungen für andere treffen. Schon als kleines Kind, vielleicht mit sieben oder acht Jahren, merkte ich, dass da etwas nicht stimmte. Mir wurde immer beigebracht, Ältere zu respektieren. Und ich sah, wie Schwarze auf der Straße völlig respektlos behandelt wurden. Ich konnte das einfach nicht begreifen. Später begriff ich dann dieses ziemlich perfide System, das dem großen Sozialprojekt Südafrika aufgezwungen wurde.


E: Wie hast du Gleichgesinnte gefunden und was hat dich dazu gebracht, diese vom System gezogenen Grenzen zu ignorieren oder zu untergraben?

L: Ich denke, jeder, der irgendwo lebt und anfängt, ein System zu hinterfragen, findet Gleichgesinnte, sei es in der Kunst, in der Literatur oder – wenn auch seltener – im Arbeitsumfeld. Denn die Arbeit war damals stark reglementiert. Es gab weiße Aufseher und schwarze Arbeiter.

Doch in der Kunst gab es eine große Gruppe von Menschen, die sonst keinen Zugang zur Kunst gefunden hätten. Es gab kaum Künstler ohne politisches Gewissen in der Musikindustrie. Aber die gesamte Branche funktionierte nach dem Prinzip des Kommerzes und des Plattenverkaufs, wie jede andere Branche auch. Mit Shifty gingen wir von einer völlig anderen Perspektive aus. Ich dokumentierte die Geschehnisse, weil es sonst niemand tat. Anders gesagt: Ein wirklich großartiger Song mit problematischem Text wurde weder im Radio gespielt noch aufgenommen. Und genau solche Inhalte interessierten mich, weil sie für mich sehr realitätsnah waren, indem sie die Geschehnisse im Land widerspiegelten. Es war für mich sehr eindrucksvoll, dass Künstler sich so stark engagierten.


Es ging nicht nur um den politischen Widerstand gegen das Regime, sondern auch um wirtschaftliche Belange. Ohne Radioeinsätze war eine Karriere praktisch unmöglich. Es gab nur wenige Orte für Live-Konzerte, vielleicht ein paar in Johannesburg, ein oder zwei in Kapstadt. Hin und wieder gab es vielleicht in Durban einen Ort, wo man touren und vor Gleichgesinnten spielen konnte. So war die Lage damals.

Das änderte sich im Laufe der Achtzigerjahre. Es gab immer mehr Auftrittsmöglichkeiten, da ein größerer Anteil der weißen Bevölkerung, insbesondere der Afrikaans sprechenden, also der Kinder der Unterdrücker, an den Universitäten studierte und sich an solchen Veranstaltungen beteiligte. Das ermöglichte uns Ende der Achtzigerjahre diese große Tournee durchs Land. Es war eine Art Afrikaans Rebel tour. Wenn wir mal eine Compilation mit Musik aus den Neunzigern machen, kommt die mit rein. Wir müssen nur abwarten, wie sich die Achtziger-Compilation verkauft. Das ist unsere zweite Veröffentlichung über Subterranean, und wir müssen einfach sehen, wie es sich wirtschaftlich entwickelt, denn ich kann es mir nicht leisten, solche Sachen zu finanzieren, wenn sie sich nicht verkaufen?

E: Als ich die Liner Notes las und die Compilation hörte, musste ich unweigerlich an Labels wie Two Tone denken. Wenn ich sehe, dass ihr verschiedene Kulturen in eurem Künstlerkader vereint habt – Schwarze, Weiße und coloured – und diese musikalische Mischung kreiert habt.

L: Shifty war ein Zuhause für Künstler, die sonst nirgends ein Zuhause fanden. Wir wollten gar nicht bewusst auf Diversität setzen. Es hat sich einfach so ergeben, dass die Musik, die ich aufnehmen wollte, im Grunde von Menschen handelte, die über ihre soziale und persönliche Situation sprachen, ohne die üblichen Pop-Klischees zu bedienen, ohne dass sich alles ständig um Blumen, Schwalben und Liebe drehte. Für mich lag die Kraft der Musik meist in den Texten.

Manche Musik, besonders die auf Afrikaans gesungenen Stücke, sind musikalisch nicht so interessant. Hör dir zum Beispiel die Gereformeerde Blues Band an, die sich mit ihrem Namen ironisch auf die Gereformeerde Kerk, die Reformkirche bezog. Ihre Musik ist im Grunde Rock ’n’ Roll der 70er und 80er, aber die Texte machen sie zutiefst südafrikanisch. Genau das habe ich gesucht. Und zufällig waren die Leute, die das machten, so etwas wie die Dichter des Volkes: die [Kaapse] Klopse-Szene in Kapstadt und der Ghoema-Sound, ebenfalls in Kapstadt – ein ganz eigener Sound. Es gab auch Theaterproduktionen und so weiter. All das zog Shifty irgendwie an.

E: Mich würde interessieren, inwieweit auch euer DIY-Ansatz und die Musik vom britischen Punk beeinflusst waren? Seid ihr zwischen London und Südafrika gereist?

L: Ich war 1977 für eine Weile in Europa, aber die meisten Musiker, die wir aufgenommen haben, gehörten eher der Mittelschicht an, oft der unteren Mittelschicht der weißen Bevölkerung. Leute wie James Phillips aus Springs, der mit seiner Band Corporal Punishment spielte, konnten sich eine Reise nach Übersee nicht leisten. Aber wir kannten den Sound. Die Punk-Welle kam 1976/77 in Großbritannien auf und erreichte Südafrika 1978/79, als Corporal Punishment anfingen. Im Radio lief die Musik nicht, man musste also in Plattenläden gehen und aktiv danach suchen. Und dann gab es natürlich noch die Musikzeitschriften wie den New Musical Express, die wir hier sehr eifrig lasen, damit aber immer drei Monate hinterherhinkten. Um ein Exemplar zu bekommen, musste man auf das Schiff warten. Nein, viel Kommunikation oder gar Reisen gab es eigentlich nicht. Wir waren ziemlich isoliert.


E: Hattet ihr auch vor, diese Musik zu exportieren, um die Leute international auf das aufmerksam zu machen, was da vor sich geht? Und wie weit seid ihr damit gekommen?

L: Das war immer unser Traum, einen großen internationalen Hit zu landen. Wer würde sich das nicht wünschen? Für uns als eher kleines Label wäre eine ordentliche Geldspritze großartig gewesen. Aber wir wurden von den Schweden unterstützt. Sie haben uns eine Zeit lang finanziert, etwa drei oder vier Jahre lang, von 1986 bis zum Regierungswechsel (in Südafrika), was fantastisch war.

E: „Die Schweden“? Wurden ihr vom Staat selbst, über das Auswärtige Amt, finanziert, oder von einer NGO oder einem privaten Unternehmen?

L: Es war eher eine diplomatische Angelegenheit. Es war SIDEA, die staatliche Förderagentur. Sie brachten uns mit einer sehr musikorientierten Jugendorganisation in Schweden namens Kontaktnätet zusammen, was, glaube ich, Netzwerk bedeutet.

Sie flogen mich dorthin, und ich lernte diesen jungen Mann kennen, und wir freundeten uns schnell an. Wir blieben befreundet, bis er vor etwa vier oder fünf Jahren starb. Die Förderagentur wollte uns unbedingt helfen und fand daher eine Organisation mit ähnlichen Interessen in Schweden. Diese leitete das Geld an uns weiter, um unsere Arbeit zu überwachen, was verständlich war. Das lief drei oder vier Jahre lang und finanzierte Gehälter und etwas Equipment. Und dann, am wichtigsten, eine PA-Anlage, die wir Ende der Achtziger für unsere große Tournee nutzten. Wir mussten ja auch den Transport bezahlen.

Ich glaube, wir wurden damals für die Tour auch ein bisschen von den Kanadiern finanziert. Davor habe ich mein Geld selbst verdient und alles, was ich eingenommen habe, ins Studio gesteckt. Wir hatten dann auch ein paar Veröffentlichungen im Ausland. Es gibt ein Label namens Piranha in Deutschland, von Christoph Borkowsky Akbar, denn du vielleicht kennt. Sie haben Mzwakhe Mbuli, The People’s Poet mit seinem Album „Change Is Pain“ veröffentlicht, und ich glaube noch ein weiteres. Dann gab es noch Earthworks, das von Jumbo Vanrene geleitet wurde und „Sankomota“ herausgebracht hat. Später wurden es Teil von Island Records. Sie haben also ein Album [von uns] herausgebracht, und Rounder Records in den USA hat tatsächlich ein paar unserer Platten veröffentlicht: „Various Artists for the End of Conscription Campaign“, „Mzwakhe Mbuli“ und die Compilation „FOSATU Worker Choirs“, weil Rounder Records sich ja ein bisschen in der Smithsonian-Tradition sieht.


E: Es gab also Momente, in denen ihr euch ermutigt fühltet und dachtet: „Okay, wir können das weiterführen.“

L: Ja, es war wirklich toll, diese Unterstützung zu bekommen, auch wenn sie finanziell nicht viel brachte. Denn die Leute kaufen Musik nicht aus Solidarität, und es waren alles sehr kleine Labels. Wir haben jeweils nur ein paar hundert Exemplare verkauft. Unsere Haupteinnahmen kamen also aus Südafrika.

E: Wo ihr gleich zu Beginn auf Hindernisse gestoßen seid. Ich habe gelesen, dass „International News“ von National Wake nach nur vier Exemplaren verboten wurde. Man durfte es einfach nicht mehr verkaufen. Stimmt das?

L: Nun, um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher. Wenn Ivan [Kadey] das sagt, dann stimmt es. Aber Shifty hat das nicht veröffentlicht. Das war vor Shifty. Die beiden Stücke von National Wake und Corporal Punishment auf dem Album stammen aus der Zeit vor Shifty, aber sie haben sozusagen die Tür für Shifty geöffnet. Ich kannte Ivan, weil ich mit ihm in einem Haus in Parktown wohnte. Es war eine große Kommune, in der seine Band untergebracht war. Es herrschte Chaos, aber die Atmosphäre war unglaublich. Und dann gab es da noch Corporal Punishment, die Band aus Springs. Die Jungs waren beim Militär. Daher kommt ihr Name.

E: Ok, ich verstehe.

L: Die waren ebenfalls gewissermaßen pre-Shifty. Ich war an den Aufnahmen mit Corporal Punishment beteiligt, aber nicht wirklich an Ivans Aufnahmen. Ich habe ein paar Demos mit ihm gemacht und so, bevor wir richtig loslegten, bevor wir das Studio einrichteten und die Hauptausrüstung kauften.


Was das Verbot angeht, gab es verschiedene Stufen von Verboten, insbesondere für Kulturgüter wie Schallplatten und andere greifbare Kulturgüter. Eine Stufe war das Verbot des Vertriebs. Eine andere das Verbot der Radioausstrahlung. Und die dritte Stufe war das Besitzverbot, und das war die schlimmste. Wenn man damals mit einer Teetasse mit Mandela darauf erwischt wurde, konnte man im Grunde fünf Jahre Gefängnis bekommen.

Das Mzwakhe-Album zum Beispiel war eines der wenigen Alben, deren Besitz verboten war. Wir haben es schließlich auf Kassetten vertrieben, aber ohne jegliche Beschriftung. Und das wurde unser größter Verkaufsschlager, weil es sich durch Mundpropaganda verbreitete und gar nicht in normalen Plattenläden, sondern nur in Fahrradläden im ganzen Land verkauft wurde. Und natürlich kauften es hauptsächlich Schwarze.

Dann wurde ein Großteil unserer Musik, ich würde sagen, 80 % davon, die wir der SABC eingereicht hatten, vom Radio verboten. Ein paar Titel wurden auch vom Vertrieb verboten. Am lustigsten ist die Geschichte von Warwick, mit dem ich viele Jahre lang das Studio leitete, nachdem Ivan nach L.A. gegangen war. Ja. Seine Band hieß Kalahari Surfers. Sie hatten ein Album namens „Bigger Than Jesus“. Und der Titel des Albums wurde verboten. Er basierte auf einem Zitat von John Lennon, aus dem Jahr 1966 glaube ich. Warwick nannte die Platte schließlich „Beach Bomb“, und die SABC sagte: „Okay, gut.“ Also mussten wir Aufkleber auf die Vorderseite des Albums kleben, und dann war alles in Ordnung.

Das Interessante war wohl, dass wir, weil wir ein Nischenlabel waren und hauptsächlich an ein Nischenpublikum verkauften, von der Polizei kaum beachtet wurden. Wir hatten also in dieser Hinsicht ziemlich viel Freiheit. Bei manchen Konzerten wurde Tränengas eingesetzt und so weiter. Aber abgesehen von Mzwakhe Mbuli, dem Volksdichter, gab es keine wirklich heftigen Vorfälle. Er landete erst für ein oder zwei Monate im Gefängnis, dann fast ein Jahr, kurz bevor wir sein zweites Album aufnahmen. Und schließlich saß er insgesamt acht Jahre im Gefängnis. Aber das hatte nichts mit Musik zu tun. Das ist eine ganz andere Geschichte, und es ist immer noch völlig unklar, warum.

E: Warum wurde er verurteilt?

L: Er kam wegen Bankraubs ins Gefängnis, im Grunde genommen … Aber es ist völlig unklar, ob er da überhaupt beteiligt war. Es gab wohl einen Streit zwischen ihm und einem der hochrangigen ANC-Leute wegen Korruption, und vielleicht wurde ihm da etwas angehängt. Wir wissen es nicht.

E: Wie ist es ihm danach ergangen?

L: Er lebt noch. Er ist ein Überlebender, aber … ich würde ihn nicht zu meinen Freunden zählen, um es mal so auszudrücken. Die meisten anderen Musiker hingegen schon. Ich glaube, es war die Einzelhaft. Er saß acht Monate lang da, und ich denke, das hat bei ihm wirklich etwas ausgelöst.


E: Du hast die Kalahari Surfers erwähnt. Sie waren die einzige Band aus deinem Repertoire, die ich kannte, weil einige ihrer Songs irgendwann mal in Deutschland über Echo Beach Records wiederveröffentlicht wurden. Ich vergleiche sie gedanklich mit The Ruts oder The Clash.

L: Aber Warwick [Sony] war schon immer sehr an ungeraden Taktarten interessiert. Es ist also definitiv kein geradliniger Punk. Wenn man es schon Punk nennen will, dann eher schwieriger Punk, okay? Und viele zerhackte Stimmen und so weiter, Stimmen werden geschnitten und auf interessante Rhythmen gelegt, aber alles ist sehr, sehr politisch. Warwick wohnt übrigens hier gegenüber von mir.

E: Ist er noch bei Shifty dabei, oder machst du das jetzt alleine?

L: Nun ja, was soll das heißen? Im Grunde ist es ein Backkatalog, verstehst du? Ich habe schon lange nichts mehr aufgenommen. Es ist also wirklich nur ein Backkatalog. Und ich denke, wenn man älter wird, fängt man an, sein musikalisches Erbe zu verwalten. Ich habe also im Archiv gekramt, und wir machen jetzt diese Podcasts, Warwick und ich.


E: Sankomotas selbstbetiteltes Album war das erste, das du komplett wiederveröffentlicht hast. Die Band war damals schon verboten und im Exil in Lesotho.

L: Das stimmt. Das war, bevor ich sie aufgenommen habe. Sie hatten einen Frontmann namens Black Jesus, was in Südafrika, nun ja, nicht gerade cool ist, sich als Sänger Black Jesus zu nennen. Es ging aber auch um seine politischen Aussagen.

Als ich die Gruppe in Lesotho entdeckte, arbeitete ich gerade am Ton für einen Dokumentarfilm. Ich traf sie zufällig in einem Hotel, wo sie gerade einen Auftritt hatten. Die Band bestand damals nur aus drei Mitgliedern. Das war der Kern der Band, die wir später aufnahmen. Sie hatten es ziemlich schwer, weil sie nirgendwo hinkamen. Lesotho ist das einzige Land der Welt, das komplett von einem anderen Land umschlossen ist. Mir fällt kein anderes ein. Es gibt vielleicht kleine europäische Fürstentümer wie Monaco, aber die haben Zugang zum Meer, nicht wahr?

Sankomota hatte kein Geld. Es war ihnen unmöglich, auf Tournee zu gehen oder auch nur irgendwo aufzunehmen, da es in Lesotho keine Tonstudios gab. Sie saßen also wirklich fest. Und ich hörte einfach ihren Sound als Trio. Ich war sofort begeistert. Es passte einfach perfekt. Zu dieser Zeit war das Studio endlich so weit, dass wir mit den Aufnahmen beginnen konnten. Wir hatten also die Achtspurmaschine. Wir hatten das Mischpult, das ihr auf dem Coverfoto seht, ein paar externe Geräte und den Wohnwagen, mit dem wir das Studio transportieren und dort aufbauen konnten, um die Jungs aufzunehmen. Es war unglaublich aufregend, aber ich war auch sehr nervös, weil es meine erste größere Studioaufnahme war. Es war der erste Versuch, diesen Traum, den wir hatten, in die Tat umzusetzen. Ivan wollte gerade in die USA fliegen, konnte also nicht mitkommen. Das hat mich auch sehr beunruhigt. Warwick kam schließlich doch mit. Er war zu dem Zeitpunkt gerade von Kapstadt nach Johannesburg gezogen.


E: So wie vorher du selbst, oder?

L: Ich komme auch aus Kapstadt. Ich war, glaube ich, 1978 in Joburg, um mit einer Band namens The Radio Rats zu spielen. Die kommen auch aus Springs, genau wie Corporal Punishment. Springs liegt am East Rand. Sehr industriell geprägt. Tatsächlich soll Springs nach Miami die zweitmeisten Art-déco-Gebäude haben. Damals war es aber eher ein trostloser Industrieort, wo es nicht mehr so viele Jobs gab wie früher. Ich habe die Jungs dann auf der Durchreise durch Johannesburg gehört. Lustigerweise hast du ja nach Europa und dem Austausch gefragt. Ich war 1977 in Europa, habe mich total der Punk-Szene angeschlossen und war acht Monate dort.

Als ich zurückflog, habe ich ein oder zwei Nächte in Johannesburg verbracht und mir eine Band im Market Theatre angesehen, das von da an viele Jahre lang das Zentrum des Protesttheaters in Südafrika und Johannesburg war. Die Band hieß The Radio Rats. Und ich hatte mir geschworen, dass ich da mitmachen würde. Ich habe mich quasi in die Band gedrängt. Ich bin mit meinem Freund, einem australischen Schauspieler, nach Kapstadt gefahren. Sie mussten mir ein Vorsprechen geben, also habe ich ungefähr acht Monate mit ihnen gespielt. Dann bin ich kurz zurück nach Kapstadt und anschließend nach Johannesburg gegangen, um mein Glück in der Filmbranche zu versuchen. Und da fing alles an.

E: Haben dich diese Jobs beim Film also über Wasser gehalten und dir ermöglicht, Geld in dein Labelprojekt zu investieren?

L: Es war im Grunde mein Hauptberuf, den ich viele Jahre lang ausgeübt habe, bis die Schweden anfingen, uns zu finanzieren.

E: Verstehe. Was sind eure nächsten Veröffentlichungen?

L: Darüber haben wir uns noch nicht endgültig entschieden. Wir hatten uns aber überlegt, dass wir, falls die beiden anderen erfolgreich sind, ein Album eines Künstlers und anschließend einen Sampler herausbringen. Danach folgt ein weiteres Album eines anderen Künstlers und wieder ein Sampler, wahrscheinlich „Shifty 90’s“. Als Nächstes planen wir Genuines, eine Band aus Kapstadt. Sie waren musikalisch definitiv die talentiertesten Musiker, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Sie waren sehr schillernde Persönlichkeiten mit interessanten Geschichten, aber James Phillips war wohl der interessanteste Komponist. Er war bei Corporal Punishment und später bei den Cherry Faced Lurchers. Auf der Compilation ist der Song „Shot Down“ von ihnen, eine wunderschöne Ballade. Ich finde, es ist eine der besten Balladen, die damals über den Kampf gegen die Gewalt geschrieben wurden.


E: Habt ihr noch Kontakt zu diesen Künstlern? Könntest du so etwas wie eine Präsentation der Shifty-Künstler organisieren?

L: Wir machen das alle zehn Jahre, beginnend mit 30. 2014 gab es Shifty 30 und 2024 Shifty 40. Das waren Live-Events mit ausschließlich Shifty-Musikern.

E: Vielen Dank, Lloyd, für deine Zeit, all die Musik, und alles Gute für die Zukunft!

Eric Mandel

Mehr Infos zu Shifty Records gibt's auf der sehr ausführlichen Homepage des Labels - oder auf der Bandcampseite.

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