...Zeit keine Rolle spielt.
Und Aktualität ebenso wenig.
Und junge Menschen trotzdem Musik machen.
Deshalb ist es hier auf dem Renfield-Blog total schnuppe, ob und wann eine Rezension veröffentlicht wird.
Ich finde eh, dass gerade im Kontext von Zines und ähnlichen unkommerziellen Veröffentlichungen, die Zeit bzw. der Anspruch, zeitnah nach einer Veröffentlichung eine Rezension zu einer Platte zu schreiben, total egal ist. Erstens liest es eh fast niemand in der täglichen Flut, die so gepostet wird und zweitens hängt auch keine Konsequenz dran, wenn ein Text früher oder später geschrieben wird.
Also erstmal Salbeitee.
Und weil das keine Rolle spielt, wann die Rezension kommt - für diesen Blog zumindest - lasse ich mir Zeit, wenn es um Besprechungen geht. Ein gutes Gefühl, denn davon hängt nun wirklich nichts ab. Und diese Ruhe wahrzunehmen, nimmt dem ganzen Irrsinn, den ich täglich im Internet wahrnehme, all dieser Hektik, Hysterie und der immer schneller Abfolge von News, den Schrecken.
Die Bremse treten und sich mal wieder ordentlich verweigern: Fühlt sich ganz gut an.
Im Folgenden also die Einschätzung zu zwei Alben, die schon vor einiger Zeit im Renfield-Postksten lagen. Beide sind bei Kidnap Music erschienen.
1. WONK UNIT - Uncle Daddy
Die WONK UNIT wurde vor einiger Zeit hier schon mal besprochen, aber andere Platte. Ich habe den Eindruck, dass sie seit einiger Zeit ziemlich abgefeiert werden, aber da ich kaum noch den Bau verlasse, kann ich mich natürlich täuschen, Trotzdem: Ein paar gute Rezensionen habe ich mitbekommen, und wenn es um zeitgenössischen britischen Punk geht, der nicht irgendwas Exploited-GHB-Opa-haftes widerkäut (ist wahrscheinlich auch ein Klischee, sowas spielen sicher nur noch Ü-50er, die dass eh schon seit den 80ern kennen - und nun wirklich Punk-Opas sind), dann sind W.U. schon die richtigen.
Angenehm melodisch, hübsch abwechslungsreich und ziemlich guten Lyrics, soweit ich die beim Hören und nicht Mit-Lesen beurteilen kann. Ich weiß, dass ich bei der letzten Kritik etwas schlecht gelaunt war, weil ich irgendwie mehr Experiment erwartet habe.
Nun weiß ich, was ich bei Alex Wonk und seiner Crew zu erwarten habe und das ist total ok. Es muss ja nicht immer bis ins Unhörbare gehen, manchmal reichen ein paar hübsche Melodiebögen und gute Vocals - hier besonders, wenn Alex gesanglich von Keyboaderin Vez unterstützt wird, um die Seele zu streicheln. Dann kann es auch mal schlicht gut gemachter melodischer Punkrock sein. Zwischendurch muss ich echt an meine Lieblinge PETROGRAD denken. Würde mir sogar glatt einWonk-Unit- T-Shirt besorgen, wenn es ein hübsches gibt. Das ist schon eine große Auszeichnung.
WONK UNIT - Uncle Daddy ist so vor ca. einem Jahr bei Kidnap Music erschienen. Gibts als LP und mit DL-Code. Das wisen die, die es interessiert, sicher eh schon seit letztem Oktober.
F auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.
2. LYVTEN - Offbeast
Die zweite Platte, die die Kidnapskis vor einiger Zeit mal vorbei geschickt haben.
Während das Ofengemüse in der Röhre vor sich hin dampft, bleibt Zeit,um dieses Album genauer unter die Lupe zu nehmen. Gebe zu, ich habe vorher schon mal reingehört. Ist die dritte Lytven-Platte, aber das erste Album mit neuem Sänger. Soweit die Fakten.
Hier, genau hier zu dieser Platte, passt der Name dieser Rezensionskolumne am besten:
Ich finde es echt gut, wenn junge Menschen, egal ob hierzulande oder in der Schweiz (da kommen Lytven her) Musik machen. Laute, schnelle Stromgitarrenmusik.
Aber..., jetzt kommt's, die bittere Wahrheit: Es rührt mich meist nicht an. Berührt mich nicht ansatzweise. Löst nix aus. Nicht mal Schulterzucken.
So ordentlich gespielter, deutschsprachiger Punk mit sackweise Melancholie, Mid-Tempo, nicht so stumpfen Lyrics, alles so TURBOSTAAT- und PASCOW-like, das ist alles schön und gut, aber es lässt mich so komplett kalt wie ein Bergsee.
Na, der Vergleich passt nicht, ein Bergsee verpasst mir echt ein großes Glücksgefühl, ob ich am Rand stehe oder mitten rein springe. Das tut "Offbeast" leider so gar nicht. Ein Song nach dem anderen, einer rein, der nächste raus.
Sorry, das ist mir alles zu gleichförmig und das ist schon seit langem das Hauptproblem mit Punkrock. Ausnahmen gibt's immer, wie z.B NOXE, aber das ist eine Band unter zig hunderten Schlappo-Lahmbands. Es wird sicher Leute geben, die Lytven total toll finden, mir fehlt hier einfach an guten, herausragenden Ideen.
Offbeast von Lytven is auf Kidnap Records, erschienen, im Aril 2022. Gibt's ur auf LP, das ist gut und gelb. Das Vinyl ist gelb, heißt das.
J auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.
Gary Flanell
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Sonntag, 11. September 2022
Mittwoch, 1. Februar 2017
Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. III
Blut Hirn Schranke - s/t
Erste Erkenntnis: Nicht alles, was an Bands aus Düsseldorf kommt und einen Punk/HC-Background hat, klingt wie die Toten Hosen oder die Broilers oder die Schwarzen Schafe.
Zweite Erkenntnis: Nicht alles, was auf Kidnap Music erscheint, klingt zwangsläufig wie Pascow.
Damit haben BLUT HIRN SCHRANKE schon mal zwei Pünktchen auf meiner ausgeleierten Aufmerksamkeitsfre-quenzband gut gemacht. Hardcore würde ich das nennen, was die Band auf ihrem ersten Album (nach zwei EPs der logische Schritt) so zustande bringt. Hardcore. Nicht gerade der Quadrant im Musikuniversum, in dem ich mich seit längerem so rumtreibe. Vielleicht hat's wirklich was mit dem Alter zu tun - oder der Tatsache, dass gerade bei Punk/HC die persönliche Bindung zur Band noch eine größere Rolle spielt als in anderen Szenen. Meine These, aber ich würde sagen, das liegt zum Teil daran, dass das Gefälle zwischen Band und Publikum hier immer gewollt klein gehalten wurde. Du kannst bei einem guten, gemütlichen HC-Konzert immer noch hinterher ohne Probleme mit dem Sänger quatschen oder mit dem Gitarristen ein Bierchen trinken. Und über die Texte quatschen. Deshalb haben auch obskure Bands, die nie einen wirklich großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, immer noch die Chance, über die persönliche Bindung beim einzelnen in Erinnerung gehalten zu werden.
Was aber auch bedeutet, dass eine Band nur zu einem bestimmten Augenblick für eine bestimmte Person oder Gruppe wichtig ist. Right time, right place, right party - da hatte Alfred Hitchcock schon recht.
Right gig, right record, right song, möchte ich fast hinzufügen. Kann ja sein, dass die eine Scheibe einer Band dir zu einem bestimmten Augenblick total aus der Seele spricht, das Nachfolgealbum aber in deinem Regal verstaubt. Ach scheiße, wahrscheinlich kann man das auch auf jedes Genre übertragen. Trotzdem glaube ich, dass da was ist. Dass Punkbands, gerade die, die nie richtig bekannt werden, es leichter haben, vom Publikum geschätzt und emotional länger in Erinnerung healten werden.
Was das mit BLUT HIRN SCHRANKE zu tun hat? Sagen wir es so: Ich mag das, was sie tun. Die Musik: mit großem Ernst vorgetragen, die mich an die Wucht von Bands wie DEFEATER erinnert, allerdings mit ein paar Indie-Rock-Melodien versehen. Die Texte sind manchmal zwar etwas plakativ, aber es geht ja alles noch. Ich steige hier nicht komplett aus. Vielleicht habe ich auch sehr viel Verständnis für sowas. Punk, der auf bunte Plattencover verzichtet, mit dem Quentchen Zerrissenheit und Zweifel, der dazu gehört. Wie nannte sich das früher? Emo-Core? Well, passt schon. Punk mit Pathos, aber eben noch alles ertragbar.
Aber soviel Wut bringe ich derzeit nicht auf, um bei Songs wie "Menschensammelstelle" oder "More than music" komplett abzugehen. Da höre ich lieber das neue Christiane-Rösinger-Album, das spricht mir mehr aus der Seele. Vielleicht auch, weil BHS sehr ernst rüberkommen. Soviel Ernst. Hat man selten bei einer Band aus dem Rheinland. Ein gewisse Ironie und Leichtigkeit würde ihnen ganz gut stehen. Ist aber immer noch besser als die nervige Bierseligkeit, die man bei Bands aus Düsseldorf öfter mal findet.
Aber das ist es dann wohl: BLUT HIRN SCHRANKE werden sicher genug zornige junge Männer finden, die ihre Texte bald auswendig können und dem Sänger kollektiv das Mikro entreißen. Und das wird dann genau der Teil der Menschheit sein, der sich auch in ein paar Jahren genau daran erinnert, wie er bei einem Konzert dieser Düsseldorfer abgegangen ist wie sonst davor und danach nicht mehr. Und BLUT HIRN SCHRANKE deshalb, wer weiß was da noch passiert, für länger in Erinnerung gehalten wird, als irgendeine gefällige Mainstreamkapelle.
(H) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.
BLUT HIRN SCHRANKE - s/t
erschienen bei Kidnap Music
LP gibt's limitiert mit CD und DL-Code
Erste Erkenntnis: Nicht alles, was an Bands aus Düsseldorf kommt und einen Punk/HC-Background hat, klingt wie die Toten Hosen oder die Broilers oder die Schwarzen Schafe.
Zweite Erkenntnis: Nicht alles, was auf Kidnap Music erscheint, klingt zwangsläufig wie Pascow.
Damit haben BLUT HIRN SCHRANKE schon mal zwei Pünktchen auf meiner ausgeleierten Aufmerksamkeitsfre-quenzband gut gemacht. Hardcore würde ich das nennen, was die Band auf ihrem ersten Album (nach zwei EPs der logische Schritt) so zustande bringt. Hardcore. Nicht gerade der Quadrant im Musikuniversum, in dem ich mich seit längerem so rumtreibe. Vielleicht hat's wirklich was mit dem Alter zu tun - oder der Tatsache, dass gerade bei Punk/HC die persönliche Bindung zur Band noch eine größere Rolle spielt als in anderen Szenen. Meine These, aber ich würde sagen, das liegt zum Teil daran, dass das Gefälle zwischen Band und Publikum hier immer gewollt klein gehalten wurde. Du kannst bei einem guten, gemütlichen HC-Konzert immer noch hinterher ohne Probleme mit dem Sänger quatschen oder mit dem Gitarristen ein Bierchen trinken. Und über die Texte quatschen. Deshalb haben auch obskure Bands, die nie einen wirklich großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, immer noch die Chance, über die persönliche Bindung beim einzelnen in Erinnerung gehalten zu werden.
Was aber auch bedeutet, dass eine Band nur zu einem bestimmten Augenblick für eine bestimmte Person oder Gruppe wichtig ist. Right time, right place, right party - da hatte Alfred Hitchcock schon recht.
Right gig, right record, right song, möchte ich fast hinzufügen. Kann ja sein, dass die eine Scheibe einer Band dir zu einem bestimmten Augenblick total aus der Seele spricht, das Nachfolgealbum aber in deinem Regal verstaubt. Ach scheiße, wahrscheinlich kann man das auch auf jedes Genre übertragen. Trotzdem glaube ich, dass da was ist. Dass Punkbands, gerade die, die nie richtig bekannt werden, es leichter haben, vom Publikum geschätzt und emotional länger in Erinnerung healten werden.
Was das mit BLUT HIRN SCHRANKE zu tun hat? Sagen wir es so: Ich mag das, was sie tun. Die Musik: mit großem Ernst vorgetragen, die mich an die Wucht von Bands wie DEFEATER erinnert, allerdings mit ein paar Indie-Rock-Melodien versehen. Die Texte sind manchmal zwar etwas plakativ, aber es geht ja alles noch. Ich steige hier nicht komplett aus. Vielleicht habe ich auch sehr viel Verständnis für sowas. Punk, der auf bunte Plattencover verzichtet, mit dem Quentchen Zerrissenheit und Zweifel, der dazu gehört. Wie nannte sich das früher? Emo-Core? Well, passt schon. Punk mit Pathos, aber eben noch alles ertragbar.
Aber soviel Wut bringe ich derzeit nicht auf, um bei Songs wie "Menschensammelstelle" oder "More than music" komplett abzugehen. Da höre ich lieber das neue Christiane-Rösinger-Album, das spricht mir mehr aus der Seele. Vielleicht auch, weil BHS sehr ernst rüberkommen. Soviel Ernst. Hat man selten bei einer Band aus dem Rheinland. Ein gewisse Ironie und Leichtigkeit würde ihnen ganz gut stehen. Ist aber immer noch besser als die nervige Bierseligkeit, die man bei Bands aus Düsseldorf öfter mal findet.
Aber das ist es dann wohl: BLUT HIRN SCHRANKE werden sicher genug zornige junge Männer finden, die ihre Texte bald auswendig können und dem Sänger kollektiv das Mikro entreißen. Und das wird dann genau der Teil der Menschheit sein, der sich auch in ein paar Jahren genau daran erinnert, wie er bei einem Konzert dieser Düsseldorfer abgegangen ist wie sonst davor und danach nicht mehr. Und BLUT HIRN SCHRANKE deshalb, wer weiß was da noch passiert, für länger in Erinnerung gehalten wird, als irgendeine gefällige Mainstreamkapelle.
(H) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.
BLUT HIRN SCHRANKE - s/t
erschienen bei Kidnap Music
LP gibt's limitiert mit CD und DL-Code
Dienstag, 21. Juni 2016
Lygo, Trügo, Heiterkeit (Ach, die Musik)
Sommeranfang. Jetzt, heute und nächstes Jahr wohl auch wieder um die gleiche Zeit. Ich hasse es. Der Gedanke, dass jeder Tag in diesem Jahr bis kurz vor Weihnachten (Weihnachten! Nur noch sechs Monate, verdammt!) kürzer sein wird als der vorhergehende hat mir bisher immer ganz schön die Laune verhagelt.
Dieses nun mal nicht zu verhindernde Ereignis, das jedes Jahr so sicher eintritt wie irgendwann der eigene Tod, war schon schnell mal ein Grund, inaktiv zu werden.
Nach dem Motto: Ach, das Jahr... jetzt ist es eh bald um. Wird eh bald wieder dunkel. Bald schon wieder Herbst. Dann Winter. Maikäfer gibt`s auch schon nicht mehr, ist ja schon Mitte Juni. Ach ach ach. Lohnt gar nicht mehr, jetzt noch was neues anzufangen. Noch n Kaffee und dann wieder ins Bett und endlos your personal Lieblingsserie HowImetTheTheBigBreakingbadWalkingDesperateMisfitsThroneoftheSimpsons gucken. Vielleicht noch eine Rolle Klopapier zum Eigenverbrauch häkeln, mitten im August. Aber sonst - schon alles passé und längst Zeit, die heimische Sasse winterfest zu machen.
Aber gut, ich bin lernfähig, selbst im hohen Alter von über 40. Denn die Erfahrung ist mein Dozent, und da höre ich doch immer aufmerksam zu, was es da neues gibt. Zum Beispiel wurde mir erst kürzlich die Tatsache bewusst, dass nach der Phase der kürzer werdenden Tage... DIE TAGE AUCH WIEDER LÄNGER WERDEN! Auch das jedes Jahr dasselbe, es ist und bleibt ein Wahnsinn! Da lohnt es sich ja gar nicht trübselig werden ob der dräuenden Finsternis, die über uns in den nächsten Monaten hereinbrechen zu droht. Denn heller wird es dann ja auch wieder. Dann wieder dunkler, dann wieder heller und so fort. Yeah. Ich glaube, ich habe jetzt verstanden, wie das so geht mit dem Jahresablauf.
Was ich noch nicht so ganz verstanden habe, ist die Tatsache, warum ich mich manchmal davor drücke, Rezensionen über bestimmte Platten zu schreiben. Die Mini-LP "Misere" von LYGO ist so ein Ding. Ich finde nichts zu meckern, das ist schon mal ein Punkt, warum das so lange gedauert hat. Es ist eine hübsche 6-Song-EP geworden. Das Cover schlicht und edel in dunkler Pappe gehalten, rein äußerlich könnte man es fast für eine Doom-Metalplatte halten.
Als visuell veranlagter Mensch haben sie mich damit schon fast auf ihrer Seite. Und die Musik? Die ist ja das wichtigste, bei einer Schallplatte oder?
Dann also mal aufgelegt, das gute rote Stück Vinyl. Und sofort werde ich genatzt. Ja, es ist eine 12inch, die spiele ich nun mal gewohnheitsmäßig auf 33 Umdrehungen ab.. Hört sich aber einfach nur scheiße und nicht mal lustig an, also schnell den Hebel auf 45 U/Min gestellt. Dann geht's besser.
Punkrock, deutsche Texte, beides sehr wütend und voller Energie, nicht zu platt, schön kämpferisch und mit einer gewissen Melancholie versehen. Sturm und Drang-Punk, gibt's sowas? Ich nenne das jetzt mal so. Sehr gut hätten LYGO schon auf ein Projekt wie dem TURNITDOWN-Sampler gepasst. Der ist allerdings schon 2004 raus gekommen. Zeigt also, dass dieser Sound so frisch nun auch nicht mehr ist.
Textlich gibt man sich etwas persönlich bis kryptisch, wie man das von diversen Bands kennt, die sich intensiv mit dem Werk Jens Rachuts, TURBOSTAAT, PASCOW, DUESENJAEGER und so weiter befasst haben. In diese Ecke deines Plattenregals passen LYGO ganz gut, sie kennen die dazugehörigen Riffs, und wissen auch wie man die Songs strukturiert. Kleines Beispiel gefällig? Erster Song, erste Seite, "Da sind Fragen" heißt der. Fängt quasi a capella an, also einer schreit sehr wütend, fast fanalmäßig seine Wut und Verzweiflung in die Welt raus. Guter Aufhänger, um ne Platte zu starten, aber auch ziemlich offensichtlich bei TURBOSTAAT abgeguckt.
Tja, und da wären wir also. Sechs Songs von diesem melancholisch eingefärbten Wutpunkrock. Läuft zwar wunderbar in einem Rutsch durch, gibt es leider schon sehr oft und ein echtes Alleinstellungsmerkmal finde ich bei LYGO leider nicht. Vielleicht mal zwischendurch mal das Tempo rausnehmen? Dynamik rein? Spannung aufbauen? Was mit einer Djembe machen? Oder soll das so sein, damit auch der etwas intelligentere, wenn auch soundkonservative Punkrocker nun mal weiß, was er unter dem Namen LYGO kriegt und es deshalb auch umso lieber frißt, als mal ein Experiment zu wagen? Wärt ihr dann eventuell nicht bei Kidnap Music gelandet, dem Fachlabel für diesen Sound? Aber vielleicht wären Experimente von einer Punkband ja auch einfach zuviel verlangt...
Auf der 26-teiligen Renfield-Plattenbewertungsskala ein gutes, handwerklich soldides G wie Gut gemacht, Lygo-Boys.
Noch was?
Yeah, fünf Songs von fünf Bands, an die ich beim Anhören von LYGOs Misere spontan denken musste.
Turbostaat - Harm Rochel
Disco/Oslo - Teenage Angst
Dackelblut - Mach's nach deinem Leben
Grizou - Flaschenpost
Pascow - Merkeljugend
Montag, 4. April 2016
Baboo, baboo!
The Baboons - The World is bigger than you
Alles Scheiße.
Wenn eine Rezension so beginnt, kann es eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Entweder ist die zu besprechende Platte wirklich totaler Mist und es fällt einem wirklich nichts anderes dazu ein. Oder man baut als Leser auf das retardierende Moment. Hofft, dass der Schreiber sich einen coolen Spannungsbogen ausgedacht hat. Einen Bogen, der von dem miesepetrigen Anfang zu einer total guten Kritik führt. Eine, in der sich am Ende alle lieb haben, in die Arme fallen und dazu läuft, als fiktiver oder ganz realer Soundtrack, die Platte, aus den Boxen, um die es im Text geht.
Bei THE BABOON SHOW, dieser Punkrock gewordenen Version von ABBA, ist es schwer, einen spannenden Rezensionsplot aufzubauen, der bis zum Ende durchhält. Dazu sind sie einfach zu nett und ihre Platten sind nie wirklich schlecht. Dafür werden sie ja auch geliebt. Sieben Platten haben sie seit 2005 draussen, Respekt vor soviel Output in recht kurzer Zeit. Denn die letzte Platte ist gerade mal zwei Jahre raus, dazwischen wurde nicht wenig getourt. Den Schwung der letzten Platte hat man dann mitgenommen und ist fix wieder ins Studio gegangen.
Und wie das bei schwedischen Bands so ist, sind sie alle so wirklich gut. Gut an ihren Instrumenten, gut im Songwriting, gut bei den Konzerten, sympathisch in den Interviews, selbstverständlich besteht die Band zur Hälfte aus Frauen (und es wird nicht mit dem peinlichen Spruch "Punk with female vocals" geworben) und die Videos zeigen, wie viel Energie in dieser Band steckt.
Sie sind also gut in allem. Damit reihen sie sich eigentlich in die Generationen von Punkbands ein, die eigentlich schon immer aus Schweden hier rüber schwappten.
Ihr seht, ich suche wie ein Wilder nach einem Makel an "The World is yours", aber es findet sich keiner. Gäbe es den Punkrock-ESC, THE BABOON SHOW wären sicher immer heiße Anwärter auf den Sieg.
Einzige wichtige Prämisse, um diese Platte gut zu finden: Man muss halt auf Rockmusik stehen. Denn das ist es nun mal, was sie machen. Punkrock mit Betonung auf Rock. Simpel und fix gerade aus, mit einer Sängerin, die Cecilia heißt und eine gut röhrendes Organ hat. Wäre Bonnie Tyler in den 80ern im besetzten Haus großgeworden, würde es genauso klingen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass THE BABOON SHOW simpel gestrickt sind. Aber das Problem, das ich mit ihnen und auch anderen Punkrockbands habe, ist: Es wird nicht viel Neues ausprobiert.
Die Songs sind kämpferisch und bringen live bestimmt den gesamten Club zum Beben. Aber es ist auch schnell klar, wie der Hase läuft, bzw. wie all diese Songs angelegt sind. Im fast immer gleichen Tempo und Rhythmus peitscht die Band durch die Songs, ebenso wie es Rockbands machen. Beim ersten Song "Class War " ist es noch ganz hübsch anzuhören, dass er in 1:47 durchgeknattert wurde. Beim darauffolgenden "I will go on" bleibt noch der kämpferische Refrain hängen, danach folgt solide Nicht-Unterscheidbarkeit. Aber genau das wird als Qualitätsmerkmal verkauft. Da ist es schon ein Point of interest, dass der Björn von MANDO DIAO dieses "schnörkellose und pure Punkrockalbum" (Zitat Infoschreiben) produziert hat und beim finalen Countdown "Lost you in a second" mit Cecilia ins Duett geht.
Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die zitierte Schnörkellosigkeit. Warum ist das ein Qualitätsmerkmal und seit wann? Und sollte man als Band wie THE BABOONSHOW nicht nach sieben Platten mal Bock haben, ein paar Schnörkel einzubauen? Ich liebe Schnörkel im Punkrock. Deshalb sind einige meiner Lieblingspunkplatten die späten Werke von KINA, die "Grand Fury"Platte von den BELLRAYS, oder die "Get better"-LP von LEMURIA.
Das sind Punkplatten, die nicht so ganz simpel rüberkommen, bei denen immer noch eine gewisse Vielfalt am Start ist. Ich erwarte von keiner Punkband, dass sie bei der zweiten Platte gleich auf Krautrock umsteigt, aber seit wann schließen sich Punk und die Offenheit, mal was neues auszuprobieren so dermaßen aus? Vielleicht doch schon seit dem Ende der SEX PISTOLS? Ich befürchte schon.
John Lydon hat in seiner 2015 erschienenen Biografie "Anger is an energy" die Frage aufgeworfen, warum er denn die RAMONES brauche. Schließlich hätte er ja schon STATUS QUO. Etwas ketzerisch könnte man ähnlich fragen, wozu man 2016 noch zig Punkrockbands braucht, denn man hat ja schon die RAMONES. Eventuell weil immer neue junge Punkrocker nachwachsen und für die sind eben jetzt gerade THE BABOON SHOW die Punkrockerweckung sind. Sollen sie haben. Denn zum Abfeiern und SichmaldenKopfdurchpustenlassen ist dieses siebte BABOON SHOW-Platte definitiv gut geeignet. Nuff said.
(H wie Hatten was schon mal, aber schlecht ist das nicht, auf der von A bis Z reichenden Renfield-Rezensions-Skala)
"The world is bigger than you" ist am 11.03. 2016 auf Kidnap Music erschienen.
Gary Flanell
Alles Scheiße.
Wenn eine Rezension so beginnt, kann es eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Entweder ist die zu besprechende Platte wirklich totaler Mist und es fällt einem wirklich nichts anderes dazu ein. Oder man baut als Leser auf das retardierende Moment. Hofft, dass der Schreiber sich einen coolen Spannungsbogen ausgedacht hat. Einen Bogen, der von dem miesepetrigen Anfang zu einer total guten Kritik führt. Eine, in der sich am Ende alle lieb haben, in die Arme fallen und dazu läuft, als fiktiver oder ganz realer Soundtrack, die Platte, aus den Boxen, um die es im Text geht.
Bei THE BABOON SHOW, dieser Punkrock gewordenen Version von ABBA, ist es schwer, einen spannenden Rezensionsplot aufzubauen, der bis zum Ende durchhält. Dazu sind sie einfach zu nett und ihre Platten sind nie wirklich schlecht. Dafür werden sie ja auch geliebt. Sieben Platten haben sie seit 2005 draussen, Respekt vor soviel Output in recht kurzer Zeit. Denn die letzte Platte ist gerade mal zwei Jahre raus, dazwischen wurde nicht wenig getourt. Den Schwung der letzten Platte hat man dann mitgenommen und ist fix wieder ins Studio gegangen.
Und wie das bei schwedischen Bands so ist, sind sie alle so wirklich gut. Gut an ihren Instrumenten, gut im Songwriting, gut bei den Konzerten, sympathisch in den Interviews, selbstverständlich besteht die Band zur Hälfte aus Frauen (und es wird nicht mit dem peinlichen Spruch "Punk with female vocals" geworben) und die Videos zeigen, wie viel Energie in dieser Band steckt.
Sie sind also gut in allem. Damit reihen sie sich eigentlich in die Generationen von Punkbands ein, die eigentlich schon immer aus Schweden hier rüber schwappten.
Ihr seht, ich suche wie ein Wilder nach einem Makel an "The World is yours", aber es findet sich keiner. Gäbe es den Punkrock-ESC, THE BABOON SHOW wären sicher immer heiße Anwärter auf den Sieg.
Einzige wichtige Prämisse, um diese Platte gut zu finden: Man muss halt auf Rockmusik stehen. Denn das ist es nun mal, was sie machen. Punkrock mit Betonung auf Rock. Simpel und fix gerade aus, mit einer Sängerin, die Cecilia heißt und eine gut röhrendes Organ hat. Wäre Bonnie Tyler in den 80ern im besetzten Haus großgeworden, würde es genauso klingen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass THE BABOON SHOW simpel gestrickt sind. Aber das Problem, das ich mit ihnen und auch anderen Punkrockbands habe, ist: Es wird nicht viel Neues ausprobiert.
Die Songs sind kämpferisch und bringen live bestimmt den gesamten Club zum Beben. Aber es ist auch schnell klar, wie der Hase läuft, bzw. wie all diese Songs angelegt sind. Im fast immer gleichen Tempo und Rhythmus peitscht die Band durch die Songs, ebenso wie es Rockbands machen. Beim ersten Song "Class War " ist es noch ganz hübsch anzuhören, dass er in 1:47 durchgeknattert wurde. Beim darauffolgenden "I will go on" bleibt noch der kämpferische Refrain hängen, danach folgt solide Nicht-Unterscheidbarkeit. Aber genau das wird als Qualitätsmerkmal verkauft. Da ist es schon ein Point of interest, dass der Björn von MANDO DIAO dieses "schnörkellose und pure Punkrockalbum" (Zitat Infoschreiben) produziert hat und beim finalen Countdown "Lost you in a second" mit Cecilia ins Duett geht.
Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die zitierte Schnörkellosigkeit. Warum ist das ein Qualitätsmerkmal und seit wann? Und sollte man als Band wie THE BABOONSHOW nicht nach sieben Platten mal Bock haben, ein paar Schnörkel einzubauen? Ich liebe Schnörkel im Punkrock. Deshalb sind einige meiner Lieblingspunkplatten die späten Werke von KINA, die "Grand Fury"Platte von den BELLRAYS, oder die "Get better"-LP von LEMURIA.
Das sind Punkplatten, die nicht so ganz simpel rüberkommen, bei denen immer noch eine gewisse Vielfalt am Start ist. Ich erwarte von keiner Punkband, dass sie bei der zweiten Platte gleich auf Krautrock umsteigt, aber seit wann schließen sich Punk und die Offenheit, mal was neues auszuprobieren so dermaßen aus? Vielleicht doch schon seit dem Ende der SEX PISTOLS? Ich befürchte schon.
John Lydon hat in seiner 2015 erschienenen Biografie "Anger is an energy" die Frage aufgeworfen, warum er denn die RAMONES brauche. Schließlich hätte er ja schon STATUS QUO. Etwas ketzerisch könnte man ähnlich fragen, wozu man 2016 noch zig Punkrockbands braucht, denn man hat ja schon die RAMONES. Eventuell weil immer neue junge Punkrocker nachwachsen und für die sind eben jetzt gerade THE BABOON SHOW die Punkrockerweckung sind. Sollen sie haben. Denn zum Abfeiern und SichmaldenKopfdurchpustenlassen ist dieses siebte BABOON SHOW-Platte definitiv gut geeignet. Nuff said.
(H wie Hatten was schon mal, aber schlecht ist das nicht, auf der von A bis Z reichenden Renfield-Rezensions-Skala)
"The world is bigger than you" ist am 11.03. 2016 auf Kidnap Music erschienen.
Gary Flanell
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