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Mittwoch, 1. Februar 2017

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. III

Blut Hirn Schranke - s/t

Erste Erkenntnis: Nicht alles, was an Bands aus Düsseldorf kommt und einen Punk/HC-Background hat, klingt wie die Toten Hosen oder die Broilers oder die Schwarzen Schafe.
Zweite Erkenntnis: Nicht alles, was auf Kidnap Music erscheint, klingt zwangsläufig wie Pascow.
Damit haben BLUT HIRN SCHRANKE schon mal zwei Pünktchen auf meiner ausgeleierten Aufmerksamkeitsfre-quenzband gut gemacht. Hardcore würde ich das nennen, was die Band auf ihrem ersten Album (nach zwei EPs der logische Schritt) so zustande bringt. Hardcore. Nicht gerade der Quadrant im Musikuniversum, in dem ich mich seit längerem so rumtreibe. Vielleicht hat's wirklich was mit dem Alter zu tun - oder der Tatsache, dass gerade bei Punk/HC die persönliche Bindung zur Band noch eine größere Rolle spielt als in anderen Szenen. Meine These, aber ich würde sagen, das liegt zum Teil daran, dass das Gefälle zwischen Band und Publikum hier immer gewollt klein gehalten wurde. Du kannst bei einem guten, gemütlichen HC-Konzert immer noch hinterher ohne Probleme mit dem Sänger quatschen oder mit dem Gitarristen ein Bierchen trinken. Und über die Texte quatschen. Deshalb haben auch obskure Bands, die nie einen wirklich großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, immer noch die Chance, über die persönliche Bindung beim einzelnen in Erinnerung gehalten zu werden.



Was aber auch bedeutet, dass eine Band nur zu einem bestimmten Augenblick für eine bestimmte Person oder Gruppe wichtig ist. Right time, right place, right party - da hatte Alfred Hitchcock schon recht.
Right gig, right record, right song, möchte ich fast hinzufügen. Kann ja sein, dass die eine Scheibe einer Band dir zu einem bestimmten Augenblick total aus der Seele spricht, das Nachfolgealbum aber in deinem Regal verstaubt. Ach scheiße, wahrscheinlich kann man das auch auf jedes Genre übertragen. Trotzdem glaube ich, dass da was ist. Dass Punkbands, gerade die, die nie richtig bekannt werden, es leichter haben, vom Publikum geschätzt und emotional länger in Erinnerung healten werden.

Was das mit BLUT HIRN SCHRANKE zu tun hat? Sagen wir es so: Ich mag das, was sie tun. Die Musik: mit großem Ernst vorgetragen, die mich an die Wucht von Bands wie DEFEATER erinnert, allerdings mit ein paar Indie-Rock-Melodien versehen. Die Texte sind manchmal zwar etwas plakativ, aber es geht ja alles noch. Ich steige hier nicht komplett aus. Vielleicht habe ich auch sehr viel Verständnis für sowas. Punk, der auf bunte Plattencover verzichtet, mit dem Quentchen Zerrissenheit und Zweifel, der dazu gehört. Wie nannte sich das früher? Emo-Core? Well, passt schon. Punk mit Pathos, aber eben noch alles ertragbar.

Aber soviel Wut bringe ich derzeit nicht auf, um bei Songs wie "Menschensammelstelle" oder "More than music" komplett abzugehen. Da höre ich lieber das neue Christiane-Rösinger-Album, das spricht mir mehr aus der Seele. Vielleicht auch, weil BHS sehr ernst rüberkommen. Soviel Ernst. Hat man selten bei einer Band aus dem Rheinland. Ein gewisse Ironie und Leichtigkeit würde ihnen ganz gut stehen. Ist aber immer noch besser als die nervige Bierseligkeit, die man bei Bands aus Düsseldorf öfter mal findet.

Aber das ist es dann wohl: BLUT HIRN SCHRANKE werden sicher genug zornige junge Männer finden, die ihre Texte bald auswendig können und dem Sänger kollektiv das Mikro entreißen. Und das wird dann genau der Teil der Menschheit sein, der sich auch in ein paar Jahren genau daran erinnert, wie er bei einem Konzert dieser Düsseldorfer abgegangen ist wie sonst davor und danach nicht mehr. Und BLUT HIRN SCHRANKE deshalb, wer weiß was da noch passiert, für länger in Erinnerung gehalten wird, als irgendeine gefällige Mainstreamkapelle.
(H) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.

BLUT HIRN SCHRANKE - s/t
erschienen bei Kidnap Music
LP gibt's limitiert mit CD und DL-Code

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