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Donnerstag, 13. Juni 2024
Aus die Maus Pt. I
Ingo Scheel - Schlussakkord
Der Tod gehört zum Leben. Wissen wir alle.
Fun Fact: Der Tod gehört auch zur Popkultur. Beide gehen eigentlich schon seit den Anfängen in einer Beziehung durch die Zeit. Dabei ist natürlich das Tragödienhafte beim Tod eines Popstars das Wesentliche. Optimalerweise muss es ein Tod in jungen Jahren sein.
Klar, wenn der letzte Beatle an Alterschwäche stirbt, Keith Richards sein letztes Blues-Lick gespielt und Johnny Rotten zum letzten Mal rumkrakeelt hat, dann ist das auch tragisch. Aber anders. So tragisch, wie der Tag, an dem Oma und Opa stirbt. Irgendwann passiert es halt und damit müssen wir alle lernen, umzugehen. All die Musiker, die es über die Mitte 50 geschaft haben, sind halt nicht mehr so aufsehenerregend.
Es gibt Verschwörungstheorien, dass Elvis noch lebt und irgendwo in Texas als Tankwart arbeitet (naja, jetzt mit 89 Jahren wohl auch nicht mehr). Sowas gibt es beispielsweise von Tina Turner oder Johnny Cash nicht. Weil die halt alt und auf medizinisch nachweisbare Weise gestorben sind. Somit war damit zu rechnen.
Würde Taylor Swift in den nächsten zwei bis drei Jahren sterben - was nicht zu wünschen ist - will ich mir gar nicht ausmalen, was für absurde Theorien über ihren Tod oder dessen Vortäuschung ins Kraut schießen würden. Live fast, die young bleibt somit der beste Dünger für Pop-Mythen.
Also: Die Mythen und die Geschichten bilden sich um jene, die früh gestorben sind. Da das Leben als Pop/Rockstar immer eine ordentliche Dosis Exzess und Exzentrik beinhaltet, dazu oft eine grundlegende Unruhe, Weltschmerz, Depression und fiebrige Nervosität, inklusive der Neigung gute Ratschläge nicht anzunehmen UND der menschliche Körper für so einen Lebensentwurf eher schlecht gemacht ist, gibt eine Menge Künstler*innen, die schon früh und sicher oft unabsichtlich von der Bühne gegangen sind.
Hinzu kommt aus der Perspektive der Fans sicher die tragische Fallhöhe. Denn der/die Popstar hat aus dieser Sicht ja eigentlich alles: Aufmerksamkeit, Ruhm, Talent, meist jede Menge Geld und ein gutes Netzwerk, um bis in das Rentenalter weiter Musik zu machen. Dazu wird ihm/ihr oft die Freiheit zugeschrieben, ab einem gewissen Erfolgslevel, künstlerisch eh alles machen zu können, was man will, weil sich jeder Output sowieso millionenfach verkauft.
Und trotzdem: Wenn ein Popstar trotz all dieser Vorraussetzungen frühzeitig aus dem Leben gefetzt wird (Ich hörte Buddy Holly ist mit seiner Brille verwest, aber genau weiß ich das nicht), dann ist Tragik angesagt. Und die verkauft sich natürlich besonders gut.
Andererseits gehört auch dazu, dass ein Star, der früh gestorben ist, nunmal keinen Scheiß mehr produzieren kann. Ökonomisch zynisch und wunderbar zugleich. Die Hits werden in Erinnerung bleiben und mögliche experimentelle Peinlichkeiten sind nun ausgeschlossen. Ein Film, ein Biopic, eine Doku, ein Konzertmitschnitt, ja das geht natürlich nach einer gewissen Zeit auch immer.
Sagen wir mal 20 Jahre danach, das passt doch, da fangen wir jetzt mal langsam an zu planen, dann wird das spitze. Kunsthandwerklich topfitte Coverbands können dazu aus dem vorliegenden Werk ein auskömmliches Einkommen genenerieren. Des Popstars früher Tod ist also keine so schlechte Fügung, vom zynischen Hochstand der Marktwirtschaft betrachtet.
Wozu reflektiere ich das hier alles? Weil Ingo Scheel, umtriebiger Musikjournalist (u.a. Visions), mit "Schlussakord - Wie Musiklegenden für immer verstummten" eine unterhaltsame Sammlung von Episoden über tote Rockstars zusmmengetragen. Die Idee ist nicht ganz neu, aber genau deshalb ist es einen Blick wert, ob und was hier anders oder besser gemacht wurde.
Episodenhaft werden hier 30 popkulturelle Todesfälle dargestellt. Die Rahmendaten zu fast aller hier aufgeführten Personen kann man heutzutage bei Wikipedia abfragen. Ingo Scheel schafft es aber, die Lebens- und Todesumstände jedes Mal in kleinen Geschichten sehr unterhaltsam und bildlich darzustellen. Dass dabei die üblichen Verdächtigen (John Lennon, Janis Joplin, Jim Morrisson, Brian Jones, Whitney Houston) am Start sind, ist nicht verwunderlich.
Das schöne an diesem Buch ist, dass auch ein paar Menschen dabei sind, die halt nicht zum ewig gleichen Kanon der Jung-verstorbenen Popstars gehören: Mal Evans, Cathy Wayne oder Darrell Banks werden hier gebührend geehrt. Die sind eben oft nicht mit dabei, wenn man auf einer langen Autofahrt mal wieder das A-Z-Spiel der toten Rockstars spielt.
Auch schön die Tatsache, dass Scheel sich weder an ein Genre klammert, (von Metal über Rock/Pop, Soul bis zu Schlager ist alles dabei. HipHop allerdings gar nicht), noch eine zeitliche Einschränkung macht. Von den 50ern ins ins 21. Jahrhundert finden sich viel zu früh verstorbene Pop-Akteur*innen.
Was mich ein wenig irritiert, sind die Cliffhanger am Ende jedes Kapitels, die jeweils auf den nächsten Abschnitt im Buch hinweisen. Das ist sicher nett gemeint, allerdings bringt das manchmal auch einen gewissen "Geschichten aus der Gruft"-Trashfaktor mit rein. So nach dem Motto "Seltsam, aber so steht es geschrieben..."
"Schlussakkord" muss man nicht an einem Stück von vorne nach hinten lesen. Ich habe, wenig überraschend, mit dem Kapitel über G.G. Allin angefangen. Andererseits verführen diese Cliffhanger dazu, einfach weiterzulesen, obwohl man eigentlich nun mal was ganz anderes zu tun hätte. So lässt sich das Buch doch gut an einem Stück wegbingen. Es ist unterhaltsame, leicht morbide Lektüre, nicht zu verkopft und alles in schönen kleinen Häppchen verpackt. Dazu grafisch hübsch aufbereitet durch die stilvollen Schwarzweiß-Illustrationen von Oliver Schmitt. Quasi eine popliterarische Tüte Chips über den Tod. Hat man schnell weggemampft. Lecker it is.
Eine Sache, über die zu sprechen wäre, ist das Geschlechterverhältnis der Aufgeführten: 30 Texte sind drin, davon neun über Frauen. So richtig ausgeglichen ist das nicht, andererseits hätte das auch noch viel schlimmer aussehen können.
Ein Buch nur über tote Rockstar-Männer wäre aber heutzutage sicher nicht mehr zu vermitteln. Es ließe sich auch darüber nachdenken, ob und warum sich Männer im Pop-Business öfter ins Aus schießen. Wenn es dazu belastbare Zahlen gibt, würde ich vermuten, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer im Pop teilweise so hart sind, dass sie nur noch durch heftige Betäubung bis zum Tod auszuhalten sind. Was wiederum zeigt, dass das Patriarchat uns alle fickt. Frauen aber nochmal mehr als Männer, eh klar. Ok, vielleicht war es manchmal auch einfach unbedarftes Herumexperimentieren mit Drogen.
Noch was? Ja. Die Auswahlstrategie der Künstler*innen, die es ins Buch geschafft haben, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar: Ganz viele weltweit Bekannte aus dem anglo-amerikanischen Raum, klar. Aber eben auch Alexandra, die nun mal Schlager gemacht hat und nur hierzulande einen gewissen Status hatte. Aber wie passt sie in die Reihe der anderen? Wahrscheinlich geht es um das Mythenhafte, eben darum, welcher Frühtod eine gute Story hergibt. und das ist nunmal eine Kerneigenschaft von Pop - die gute und tragische Story hinter der Figur auf der Bühne. So gesehen war Ikarus wahrscheinlich der erste Popstar.
Natürlich ist so ein Buch nie komplett.
Wenn man ein wenig überlegt, gibt es noch zig Leute, deren Geschichte hier erzählt werden müsste: Mia Zapata, Ian Curtis, Hillel Slovak, Fela Kuti, 2Pac, Notorious B.I.G. fallen mir als erstes ein. Hinzu kommt, dass Scheel sich meist auf die historisch bekannten Popszenen des anglo-amerikanischen Raumes konzentriert. In Zeiten von globalisierter Popkultur wäre ein Blick auf die tragisch verstorbenen Popstars in Asien, Afrika, Südamerika oder auch Europa (Ost und West) sicher interessant. Aber das bleibt möglicherweise eine Option für eine Fortsetzung der Schussakkorde.
"Schlussakord - Wie Musiklegenden für immer verstummten" von Ingo Scheel ist im Ventil Verlag erschienen.
Gary Flanell
Dienstag, 5. Januar 2016
Sex&Drugs&Fensterreiniger - Ein letztes Wort für Lemmy
Um meine persönliche Lemmy-Kilmister-Gedenkwoche abzuschließen, habe ich mir die Dokumentation "Lemmy" von Wes Orshowski angeschaut. Gibt es derzeit noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Eine gute Gelegenheit, mal mein Lemmy-Bild posthum zu überprüfen. Naja, als ob das jetzt noch relevant wäre. Es klingt wie ein Klischee, aber glaubt man dem Film, waren das wichtigste der Person Lemmy wohl wirklich die drei Backzutaten Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Ok, eventuell noch Nazi-Nippes sammeln und Daddelautomaten aller Art. Viel mehr Wichtiges erfährt man nicht über Mister Ian K. Vielleicht war da auch nicht mehr.
Ich dachte, das geht ja gar nicht. Da muss doch mehr sein. Das sind doch so drei hohe Worte, die ja gar nicht reichen, um einen Menschen zu porträtieren. Im Falle von Lemmy reicht es aber komplett. Sex. Drugs. Rock'n'Roll. Keine Hobbies, keine altersmilden Ersatzbeschäftigungen wie sie andere Rocker ähnlichen Kalibers der Gesundheit zuliebe irgendwann mal ausprobieren. Kein Yoga, kein Golf, keine Pferdezucht. Bei Lemmy muss man S., D und R'n'R als Lebensinhalt sehen. Und eben, bei aller Selbstironie, die der Mann hatte, doch als ernste Sache. Das war kein Karneval, der nach dem Gig in der Backstage-Garderobe abgegeben wurde.
Einige der interessantesten Szenen des Films sind die in Lemmys Wohnung. Zu sehen, wie Lemmy wirklich gewohnt hat, war so ziemlich das spannendste an dem ganzen Film. Auch die Tatsache, dass es nur ein kleines gemietetes Apartment ist, unweit vom Sunset Boulevard und quasi nur 2 Schritte vom Rainbow, Lemmys Stammkneipe entfernt.
Er hätte sich sicher was größeres, exzentrischeres leisten können. So wie andere Rockstars, die in den Hügeln Hollywoods ausladende Anwesen bevölkern. Lemmy nicht. Der lebte bis zum Schluß in seiner kleinen Quasi-Junggesellenbude. Alles größere wäre aber vielleicht finanziell immer ein Wagnis gewesen, nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Und dann wäre er schnell bei Sex, Drugs and Eigenheim statt Rock'n'Roll gewesen. Ein weiser Mann also, der sich auf die wichtigen Dinge in seinem Leben konzentrieren konnte.
Stattdessen war da: Eine winzige Bude mit allerlei... nunja, Zeug. Andenken. Fangeschenken. Nazidevotionalien en masse. Goldene Schallplatten. Krimskrams. Und ziemlich unaufgeräumt. Eine alterslose Wohnung, es könnte auch das das Zimmer eines halbwüchsigen Kuttenträgers aus den 70ern, 80ern, 90ern sein. Ok, bis auf die Goldenen Schallplatten. Eigentlich habe ich die ganze Zeit gedacht, dass irgendwann eine Mutter reinschneit und ihrem Sprössling sagt, er soll erstmal lüften und dann die Bude aufräumen, sonst würde es bald mal klatschen. Aber keinen Beifall.
Ich habe mich gefragt, wie es wohl für das Kamerateam war, dieses Zwei-Zimmer-Motörhed-Museum zu erforschen. Kommt man sich blöd vor, wenn man einer Kultfigur so nahe tritt? Blättert da was von dem ganzen Mythos ab? Steht auch bei Lemmy irgendwo ungewaschenes Geschirr rum? Sieht man irgendwo seine alte Unterwäsche rumliegen? Trug der Mann in seinen handgeschneiderten Lederboots vielleicht keine glamourösen Rock'n'Roll-Strümpfe, sondern eventuell stinknormale weiße Tennissocken? War Lemmy also unter all den langen Haaren, der Lederweste, den Koteletten und den Fibromen einfach nur ein gesetzter Herr, gar nicht so anders wie die, die man in beigem Windbreaker durch die Fußgängerzonen der Welt zuckeln sieht?
Ich will's mir gar nicht vorstellen, wie die Aktivitäten des alltäglichen Lebens (Waschenkochenspülenusw) von Herrn Ian Kilmister ausgesehen haben. Lieber erhalte ich mir dafür das Bild vom beinharten Rocker, der einfach nur gestählt vom ewigen Tourleben, den unzähligen Studioaufentahlten und wilden Groupieorgien bis ins hohe Alter Rock'n'Roll aus jeder Drüse schwitze. Und den ganzen Schnaps auch noch. Dieses Bild will ich mir nicht dadurch nehmen lassen, dass ich mir vorstelle, wie Lemmy in Downtown L.A. In einem Billo-Shop Socken und Unterhosen kauft. Würde irgendwie nicht passen.
Davon ab habe ich mir vorgestellt, wenn ich anstelle des Kameramanns in Lemmys Appartment rumtun würde. Würde ich irgendwas anrühren? Würde ich verstohlen in Ecken gucken, die gar nicht für meine Augen bestimmt wären? Vielleicht in Lemmys Schuhregal? Hinter seine Waschmaschine ?(Hatte Lemmy eine Waschmaschine? Oder ging er in den Waschsalon? Oder ließ er waschen? Bei solchen Fragen ist die Kilmisterforschung noch nicht wirklich weit gekommen, fürchte ich). Würde ich mit dem Finger unauffällig über eins der mit Andenken vollgestopften Regale fahren, um festzustellen, ob der Herr Motörhead regelmäßig Staub wischt? Gibt es da einen Motörhead-Staubfeudel mit Snaggletooth-Griff? Vielleicht hätte ich auch einen schnellen Blick unter Lemmys Sofa geworfen. Nur um mal zu sehen, ob es da genauso unordentlich aussieht wie unter allen Sofas der restlichen Non-Rock'n'Roll-Helden-Menschheit. Oder hätte ich vielleicht… was geklaut? Nein, Klauen ist schlecht fürs Karma. Mach ich nicht. Aber die Versuchung wäre schon groß gewesen.
Die nächste Frage, die sich dann für mich auftut ist:
Warum wäre ich so neugierig gewesen auf die Banalitäten in des Rockers Haushalt? Warum so begierig darauf, was stinknormales bei einer fast schon mythischen Gestalt zu finden? Es ist etwas komplex. Denn einerseits soll der Mythos Lemmy gar nicht demontiert werden, also warum diese Suche nach den banalen Dingen? Andererseits wäre es schon faszinierend, wenn man in der Bude eines Mannes, der über Jahrzehnte ein wirklich ausschweifendes Leben geführt hat, etwas total normal-bürgerliches zu finden, und sei es nur die Feststellung, dass er seine Fenster mit dem gleichen Glasreiniger putzt wie ich.
Vielleicht ist gerade die kleine Lemmy-Wohnung der Dreh, der die Kultfigur Lemmy Kilmister noch begehrenswerter macht:
Wenn man feststellt, dass er eben kein der Realität enthobener Rocker ist, der wie beispielsweise Ozzy Osbourne in einer gigantischen Villa residiert, fernab von den Nöten ganz normaler Menschen. Dass er eben nicht im selbstgedrechselten Hardrock-Elfenbeinturm hockt – wie man es von anderen Musikkollegen kennt und wie es ihm bestimmt auch möglich gewesen wäre, sondern dass er unerwarteterweise einfach in so einer Zweizimmerküchebad-Butze haust. Und genau durch diese Bodenständigkeit noch ein bißchen weiter an seinem Mythos gebastelt hat.
Was hätte ich nun also getan, wenn ich mit dem Kamerateam in Lemmys privatestes eindringen hätte dürfen? Natürlich hätte ich nichts geklaut, nicht mal einen alten Pizakarton. Wahrscheinlich hätte ich mich kurz entschuldigt und wäre mal eben aufs Klo verschwunden. Um mal zu sehen, ob Lemmys Lokus genauso säkular ist wie der in allen Haushalten der westlichen Welt oder ob dieser Ort auch vollgestopft mit Motörhead-Memorabilien wäre. Ich hätte mich gefreut, einmal Motörheadklopapier zu benutzen. Einmal den Thron mit dem König zu teilen, wäre wohl das höchste der Gefühle gewesen. Und ein Andenken, das kein Film dokumentieren könnte.
Gary Flanell
P.S.: Lemmys Beerdigung steht ja noch an. Wer nicht live mit dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich dieses Ereignis am Samstag um 23.30 Uhr in einer Liveübertragung auf Youtube anzuschauen. Ich werd's tun.
Ich dachte, das geht ja gar nicht. Da muss doch mehr sein. Das sind doch so drei hohe Worte, die ja gar nicht reichen, um einen Menschen zu porträtieren. Im Falle von Lemmy reicht es aber komplett. Sex. Drugs. Rock'n'Roll. Keine Hobbies, keine altersmilden Ersatzbeschäftigungen wie sie andere Rocker ähnlichen Kalibers der Gesundheit zuliebe irgendwann mal ausprobieren. Kein Yoga, kein Golf, keine Pferdezucht. Bei Lemmy muss man S., D und R'n'R als Lebensinhalt sehen. Und eben, bei aller Selbstironie, die der Mann hatte, doch als ernste Sache. Das war kein Karneval, der nach dem Gig in der Backstage-Garderobe abgegeben wurde.
Einige der interessantesten Szenen des Films sind die in Lemmys Wohnung. Zu sehen, wie Lemmy wirklich gewohnt hat, war so ziemlich das spannendste an dem ganzen Film. Auch die Tatsache, dass es nur ein kleines gemietetes Apartment ist, unweit vom Sunset Boulevard und quasi nur 2 Schritte vom Rainbow, Lemmys Stammkneipe entfernt.
Er hätte sich sicher was größeres, exzentrischeres leisten können. So wie andere Rockstars, die in den Hügeln Hollywoods ausladende Anwesen bevölkern. Lemmy nicht. Der lebte bis zum Schluß in seiner kleinen Quasi-Junggesellenbude. Alles größere wäre aber vielleicht finanziell immer ein Wagnis gewesen, nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Und dann wäre er schnell bei Sex, Drugs and Eigenheim statt Rock'n'Roll gewesen. Ein weiser Mann also, der sich auf die wichtigen Dinge in seinem Leben konzentrieren konnte.
Stattdessen war da: Eine winzige Bude mit allerlei... nunja, Zeug. Andenken. Fangeschenken. Nazidevotionalien en masse. Goldene Schallplatten. Krimskrams. Und ziemlich unaufgeräumt. Eine alterslose Wohnung, es könnte auch das das Zimmer eines halbwüchsigen Kuttenträgers aus den 70ern, 80ern, 90ern sein. Ok, bis auf die Goldenen Schallplatten. Eigentlich habe ich die ganze Zeit gedacht, dass irgendwann eine Mutter reinschneit und ihrem Sprössling sagt, er soll erstmal lüften und dann die Bude aufräumen, sonst würde es bald mal klatschen. Aber keinen Beifall.
Ich habe mich gefragt, wie es wohl für das Kamerateam war, dieses Zwei-Zimmer-Motörhed-Museum zu erforschen. Kommt man sich blöd vor, wenn man einer Kultfigur so nahe tritt? Blättert da was von dem ganzen Mythos ab? Steht auch bei Lemmy irgendwo ungewaschenes Geschirr rum? Sieht man irgendwo seine alte Unterwäsche rumliegen? Trug der Mann in seinen handgeschneiderten Lederboots vielleicht keine glamourösen Rock'n'Roll-Strümpfe, sondern eventuell stinknormale weiße Tennissocken? War Lemmy also unter all den langen Haaren, der Lederweste, den Koteletten und den Fibromen einfach nur ein gesetzter Herr, gar nicht so anders wie die, die man in beigem Windbreaker durch die Fußgängerzonen der Welt zuckeln sieht?
Ich will's mir gar nicht vorstellen, wie die Aktivitäten des alltäglichen Lebens (Waschenkochenspülenusw) von Herrn Ian Kilmister ausgesehen haben. Lieber erhalte ich mir dafür das Bild vom beinharten Rocker, der einfach nur gestählt vom ewigen Tourleben, den unzähligen Studioaufentahlten und wilden Groupieorgien bis ins hohe Alter Rock'n'Roll aus jeder Drüse schwitze. Und den ganzen Schnaps auch noch. Dieses Bild will ich mir nicht dadurch nehmen lassen, dass ich mir vorstelle, wie Lemmy in Downtown L.A. In einem Billo-Shop Socken und Unterhosen kauft. Würde irgendwie nicht passen.
Davon ab habe ich mir vorgestellt, wenn ich anstelle des Kameramanns in Lemmys Appartment rumtun würde. Würde ich irgendwas anrühren? Würde ich verstohlen in Ecken gucken, die gar nicht für meine Augen bestimmt wären? Vielleicht in Lemmys Schuhregal? Hinter seine Waschmaschine ?(Hatte Lemmy eine Waschmaschine? Oder ging er in den Waschsalon? Oder ließ er waschen? Bei solchen Fragen ist die Kilmisterforschung noch nicht wirklich weit gekommen, fürchte ich). Würde ich mit dem Finger unauffällig über eins der mit Andenken vollgestopften Regale fahren, um festzustellen, ob der Herr Motörhead regelmäßig Staub wischt? Gibt es da einen Motörhead-Staubfeudel mit Snaggletooth-Griff? Vielleicht hätte ich auch einen schnellen Blick unter Lemmys Sofa geworfen. Nur um mal zu sehen, ob es da genauso unordentlich aussieht wie unter allen Sofas der restlichen Non-Rock'n'Roll-Helden-Menschheit. Oder hätte ich vielleicht… was geklaut? Nein, Klauen ist schlecht fürs Karma. Mach ich nicht. Aber die Versuchung wäre schon groß gewesen.
Die nächste Frage, die sich dann für mich auftut ist:
Warum wäre ich so neugierig gewesen auf die Banalitäten in des Rockers Haushalt? Warum so begierig darauf, was stinknormales bei einer fast schon mythischen Gestalt zu finden? Es ist etwas komplex. Denn einerseits soll der Mythos Lemmy gar nicht demontiert werden, also warum diese Suche nach den banalen Dingen? Andererseits wäre es schon faszinierend, wenn man in der Bude eines Mannes, der über Jahrzehnte ein wirklich ausschweifendes Leben geführt hat, etwas total normal-bürgerliches zu finden, und sei es nur die Feststellung, dass er seine Fenster mit dem gleichen Glasreiniger putzt wie ich.
Vielleicht ist gerade die kleine Lemmy-Wohnung der Dreh, der die Kultfigur Lemmy Kilmister noch begehrenswerter macht:
Wenn man feststellt, dass er eben kein der Realität enthobener Rocker ist, der wie beispielsweise Ozzy Osbourne in einer gigantischen Villa residiert, fernab von den Nöten ganz normaler Menschen. Dass er eben nicht im selbstgedrechselten Hardrock-Elfenbeinturm hockt – wie man es von anderen Musikkollegen kennt und wie es ihm bestimmt auch möglich gewesen wäre, sondern dass er unerwarteterweise einfach in so einer Zweizimmerküchebad-Butze haust. Und genau durch diese Bodenständigkeit noch ein bißchen weiter an seinem Mythos gebastelt hat.
Was hätte ich nun also getan, wenn ich mit dem Kamerateam in Lemmys privatestes eindringen hätte dürfen? Natürlich hätte ich nichts geklaut, nicht mal einen alten Pizakarton. Wahrscheinlich hätte ich mich kurz entschuldigt und wäre mal eben aufs Klo verschwunden. Um mal zu sehen, ob Lemmys Lokus genauso säkular ist wie der in allen Haushalten der westlichen Welt oder ob dieser Ort auch vollgestopft mit Motörhead-Memorabilien wäre. Ich hätte mich gefreut, einmal Motörheadklopapier zu benutzen. Einmal den Thron mit dem König zu teilen, wäre wohl das höchste der Gefühle gewesen. Und ein Andenken, das kein Film dokumentieren könnte.
Gary Flanell
P.S.: Lemmys Beerdigung steht ja noch an. Wer nicht live mit dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich dieses Ereignis am Samstag um 23.30 Uhr in einer Liveübertragung auf Youtube anzuschauen. Ich werd's tun.
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