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Donnerstag, 20. Februar 2025
Lee(h)ren aus der Magengrube Pt. IXI
STRZAL W KOLANO - s/t
Selbst der rundeste Kreis besteht aus einer Ansammlung vieler Ecken. Perfektion ist eine Illusion und womöglich wurzelt unsere Verstörung ob arger Irritationen in dem innigen Wunsch, einer lullenden Apotheose anheim zu fallen, die Halt zumindest suggeriert.
Jakub Majchrzak, einst Mitglied des polnischen, experimentierfreudigen und genreoffenen Kraut-Post-Punk-Whatever-Trios The Kurws, soliert mit Strzal w kolano seit 2017 kakophon-verstörend und entkleidet allen Makel bar seiner Losigkeit. Los, Los, Lösung – immer weiter bis zur Vollkommenheit, doch nö und nein, wir leben in einem Moloch vieler Fehler, das darf man alldieweil wahrhaben. Und darum hören wir das!
Autoaggressiv, wer dies tut, denn Strzal w kolano heißt nichts weniger als Schuss ins Knie. Stolpern, humpeln, daniederliegen, das ist die Folge, eine Abfolge ungerader Rhythmen. Solo. Nur mit Gitarre. Zweifach abgenommen via Verstärker nebst Piezo-Mikrophon an der gleichgültigen Klampfe. Irgendwo dazwischen ist alles. Und das Nichts. Strukturen gegeben und wieder genommen – ein Hin und Her. Wie das klingt? Wie die Erde, die nicht kugel-, sondern kartoffelrund halt ist.
Beginnend mit nur einer Gitarrensaite, monoton akzelerierend wie ein rumpelnd-ovales Motorgetriebe einer unwilligen Nähmaschine bis zur zweiten Saite ab 1:25, die sich schnippisch dazugesellt, unrund bis zum dritten Ton bei 2:37, mal synchron, dann wieder nicht, ein Kommen und Gehen, Gruß und Abschied, Achtung hochtönende Variation ab 3:15! Tieftönend bei 3:40! 4:09 hätte Schluss sein können, 4:39 ebenso, doch dann stählernes Rauschen, seit 5:14 wie eine sphärische Doku über eine indische Schneiderei, kühne Arpeggio-Soli zur sechsten Minute, in der siebenten hat das Schwungrad Höhen- und Seiten-Acht!
><>>< die Naht vertorkelt ><<><
zu viel Mangoschnaps mit Bombay Gin! Der Motor klopft. Saitendresche in der achten. Harte Anschläge in der neunten und jäh: zaghaft, lieblich, experimentierend tastend, auf die Kotze schauend und darob nachwürgend. Kotze eklig, 11:30 – ist das Besinnungsklimpern? Stahl erdröhnt kephalgisch. Magensaft am Rachenzipfel. Scheiße, wen interessiert, ob ein Kreis wirklich rund ist…?!? Das war der erste Titel…
…und im zweiten wird das das Sujet Speibe fortgesetzt. Die Gitarre taumelt kühlen Brechsaft empor, den man aber gleich wieder runterwürgt. Dann Zweifel: Kotze ja? Kotze nein? Man kennt das ja… Was nun? Das Zupfbrett repetiert wie eine Schallplatte mit Sprung. Ein klassischer Hänger. Insgesamt alles melodischer hier (was es ja nur sein kann) und auch fröhlicher. Das Zaghafte kommt diesmal schon nach dreieinhalb Minuten; eine Prise Pitch untermalt die Trunkenheit. Fast schon perkussives Tätscheln in Hall gehüllt – klingt wieder irgendwie indisch. Gen Ende formiert sich die Suppe im Magen zum Klotz, der scheppernd anklopft – vielleicht doch besser kacken!
Und nun noch der Dritte: Ein klimperködernder Schellenring am Fuß verheißt Rhythmus total! Immerhin: Es wird ein enervierender Marsch eines manisch-boshaft grinsenden Jägers im Wahn, grundlos nach Beute suchend. (RUHE!) …aufmerksames Spähen… … …nichts. Forsches Weitermarschieren. Der Fuß wippt. Endlich mal ein halbwegs verlässlicher Takt. Wir brauchen Struktur! Ersterbende Gitarrenschreie. Halt! Erratisch-argwöhnendes Saitenschwingen… … Weiter im Gleichschritt… …und obwohl dieser Track recht rund daherkommt, ist er genau das wieder nicht. Ständige Unterbrechungen irritieren. Man weiß ohnehin nicht, warum es irgendwohin geht. Na ja, nach etwas mehr als sechs Minuten jedenfalls wird der beutegierige Marsch resigniert aufgegeben.
Krank! Und menschlich darum, nachgerade gesund in aller ontologischen Ehrlichkeit. Jakub Majchrzak vertont mit Strzal w kolano nichts weniger als den Umgang mit dem Unbeständigen in der Sehnsucht nach Verlässlichkeit. Allzeit modern also oder um es mit der Lehre aus Luhmanns Weltverständnis auszudrücken: Wir brauchen eine konsistente Beschreibung einer inkonsistenten Gesellschaft. Warum ist das reizvoll? Weil es dem entspricht, was wir stets scheiternd versuchen: Kommunikation.
Noise, Krampf und Getön, das ist interessante und interessierende Kommunikation im Prozess, Anschlüsse für nicht eindeutig aufeinander abbildbare und nicht endgültig harmonische Perspektiven zu finden. Reden hilft und auch nicht, ist problemlösend wiewohl auch problematisch. Verstehst Du das? Verstehst Du das? Ob Du das verstehst, Menschenskind?!? Die Diskrepanz zwischen den Bezugsproblemen und ihren „Lösungen“ ist der Kern der Kommunikation als solcher, denn ohne sie gäbe es gar keinen Anlass zu kommunizieren. Es gibt kein Entrinnen aus der höchsteigenen Spreche! Darum hilft einzig, Perspektiven in ihrer nimmer endenden Diversität zu beschreiben. Wer das anzweifelt, ist schon mal nicht politisch korrekt und darum muss das irgendwie auch richtig sein.
Majchrzak hat alles richtig gemacht im Falschen. Drei dummschlaue Titel mit merkwürdigen Namen. Allein die Veröffentlichung auf dem Label Pointless Geometry… Teufel, gerade Matheleerer würden hier parallel auf der Strecke bleiben!
Tja, der Jakob mag seine Klänge womöglich anders deuten, aber das versteht doch eh keiner außer er, wenn überhaupt. Ich gestehe offen und ehrlich, beim ersten Mal Hören fand ich das Werk absurd-bescheuert, doch wer öfters wagt – es ist einfach nur geil!
Gustav Roland Reudengeutz
Das selbstbetitelte Album von STRZAL W KOLANO ist als Tape und digital auf Pointless Geometry erschienen.
Donnerstag, 25. Juli 2024
Schön wenn junge Menschen Musik machen Pt. XIXXDIX
Scott Monteith – The Lichen Diaries Vol. 1
Der kanadische Produzent Scott Monteith, a.k.a. Deadbeat, war investigativ im Urlaub und vertonte diesen geräuschvoll in seinem neusten Album The Lichen Diaries Vol 1.
Nebulöse Schleier, durchschnitten von wirren Lichtsäbeln vor einem seichten Regenbogen über der Gischt karibischen Gewässers, gerahmt von mattgrünen Palmen zieren das Cover: Die Dominikanische Republik. Inmitten dieses Arrangements erkennt man bei näherem Hinschauen den Fuß eines Bürostuhls nebst lässig schlängelnden Kabeln, eine mögliche Andeutung auf Reminiszenzen in Monteith’s Tonstudio.
Hier zeigt sich bereits das Spannungsfeld, das in The Lichen Diaries auch akustisch aufgemacht wird, nämlich eine sehnsüchtige Robinsonade inmitten palmenverklärter Herausforderung menschlicher Existenz, die ihre räsonable Verhaftung im artifiziellen Kulturbombast funktionaler Differenzierungen nimmer leugnen kann.
Das Album beginnt mit Grillen und Dschungelgezwitscher, vermischt mit desinteressierter Anthropo-Akustik. Hie und da eine Klangschale auf einem ätherischen Synthteppich angeschlagen. Es könnte mondäner Ashram-Ambient werden, doch dafür fehlt die Geduld. Brutzeln und Gluckern flankieren die Drive-Thru-Meditation und in den Teppich werden mit heißer Nadel Orgelmuster in Overdrive-Optik gestrickt. Rhythmisch gekämmtes White-Noise trachtet hintergründig danach, wellenwogengleich einzulullen, doch plötzlich stöbert eine 303-Bassmelodie unentschlossen durchs Dickicht und dann ist es auch schon vorbei.
Im zweiten Track, der sich wie alle anderen Titel nahtlos einreiht, nimmt die Reise Fahrt auf. Four on the floor, aber mit Barfußschuhen! Lieblich-hüpfend breit-verhallte Dub-Kicks, auf der sich unisono eine kurz angeschlagene Hammond dazu gesellt. Hier fühlt sich Monteith sicher, der als Deadbeat Einiges im Dub-Genre veröffentlicht hat. Die dubbigen Fußstapfen hinterlassen ihre forsche Spur aber immer noch inmitten des krissligen Dschungelambientes, über dem sich gewitterwolkig und Blitze zuckend Turbulenzen ankündigen, von denen der Hörer jedoch unerwartet filterout verschont bleibt.
Nun wird es noisy und alles geriert zu einem großen, sämigen Flatsch; als wenn sich ein erhabener Geist aus der grünen Hölle erhebt und Petrus die Stirn hinbietet, unterstützt von ein paar Tropenholz schlägelnden Jüngern. Wer will da schon noch regnen? Leider sind die anheimgestellten Synthieklänge, dröhnend geboostet, etwas ungestüm gelevelt und holpern eher in die sonst spannende Melange aus Ambient-Flow und metallisch-zirrender Äther-Elektrik.
Der Drone-Sound tönt weiter, jetzt versöhnlerisch mit dem Wettergott, besänftigend, träumerisch, mit friedlich-indigener Resonanz. Ab der Mitte des jetzigen Tracks werden die Felle von Big-Toms zum Zittern gebracht und verleihen der Zeremonie eine Prise Weisheit, die schließlich sanft und mit weniger Delay im Synth tippelnd ausklingt.
Es klärt auf. Das Gewitter war nur eine Drohgebärde. Der Dschungel brüllt sein üblich schrilles Fundament. Eine dünne Melodie tanzt zitternd mit verstörtem Orientierungssinn um eine sich in Trance befindende Bassline – quo vadis? Ein Dialog zwischen Timbre und Shape mit einem Quäntchen Acid.
Das Ende naht und endlich: Ein Sonnenstrahl durchsticht das firmamentale Dickicht und ein jungfräulicher Wind durchstiebt die Wogen vor der atemberaubenden Küste karibischer Jahresurlaubs-Silhouette. Leise Zweifel strömen kristallin-sphärisch präfrontal, ergießen sich im Lappen der Erkenntnis erratisch – wie lange wird man hier noch stranden können? Aeroplane Strings in stereo-strato-cirrus. Soundtechnisch der schönste Teil im Album, das aus- wie einklingt, mit egalitärem Personen-Polter.
The Lichen Diaries ist eine knappe Dreiviertelstunde Field Recordings eingekleidet mit allerlei Synthesizer-Gewändern. Hin und wieder rhythmisch untersetzt, meistenteils aber befreit von Beats. Eine geräuschvolle, zweifelsschwere und gleichsam zweifelsleichte Kulisse, vor der man sich gern, doch stets argwöhnisch durch das Noisy-Nature-Ambient-Theater treiben lässt, veröffentlicht im April 2024 auf BLKRTZ.
Bar der üppigen phonetischen Andeutungen in The Lichen Diaries, die so viele namensgebende Assoziationen zulassen, benennt Monteih die Tracks übrigens lediglich im akademischen Duktus von 1.1 bis 1.6 und macht somit abermals einen Fingerzeig auf den Habitus der technokratischen Welt, aus der er kommt und mit deren Maschinen er hiesiges Album kreiert hat, das dessen zum Trotz ein Echo eines ehemals unbefleckten Naturparadieses erklingen lässt.
The Lichen Diaries – Die verflochtenen Tagebücher. Vol 1 – das lässt hoffen auf weitere Reisen von Scott Monteith, an denen er uns teilhaben lässt, den Hörer dabei aber immer auch zu sich selbst führt.
Gustav Roland Reudengeutz
Scott Monteith – The Lichen Diaries Vol. 1 ist im April 2024 auf BLKRTZ erschienen. Alles weitere von Scott Monteith hier.
Der kanadische Produzent Scott Monteith, a.k.a. Deadbeat, war investigativ im Urlaub und vertonte diesen geräuschvoll in seinem neusten Album The Lichen Diaries Vol 1.
Nebulöse Schleier, durchschnitten von wirren Lichtsäbeln vor einem seichten Regenbogen über der Gischt karibischen Gewässers, gerahmt von mattgrünen Palmen zieren das Cover: Die Dominikanische Republik. Inmitten dieses Arrangements erkennt man bei näherem Hinschauen den Fuß eines Bürostuhls nebst lässig schlängelnden Kabeln, eine mögliche Andeutung auf Reminiszenzen in Monteith’s Tonstudio.
Hier zeigt sich bereits das Spannungsfeld, das in The Lichen Diaries auch akustisch aufgemacht wird, nämlich eine sehnsüchtige Robinsonade inmitten palmenverklärter Herausforderung menschlicher Existenz, die ihre räsonable Verhaftung im artifiziellen Kulturbombast funktionaler Differenzierungen nimmer leugnen kann.
Das Album beginnt mit Grillen und Dschungelgezwitscher, vermischt mit desinteressierter Anthropo-Akustik. Hie und da eine Klangschale auf einem ätherischen Synthteppich angeschlagen. Es könnte mondäner Ashram-Ambient werden, doch dafür fehlt die Geduld. Brutzeln und Gluckern flankieren die Drive-Thru-Meditation und in den Teppich werden mit heißer Nadel Orgelmuster in Overdrive-Optik gestrickt. Rhythmisch gekämmtes White-Noise trachtet hintergründig danach, wellenwogengleich einzulullen, doch plötzlich stöbert eine 303-Bassmelodie unentschlossen durchs Dickicht und dann ist es auch schon vorbei.
Im zweiten Track, der sich wie alle anderen Titel nahtlos einreiht, nimmt die Reise Fahrt auf. Four on the floor, aber mit Barfußschuhen! Lieblich-hüpfend breit-verhallte Dub-Kicks, auf der sich unisono eine kurz angeschlagene Hammond dazu gesellt. Hier fühlt sich Monteith sicher, der als Deadbeat Einiges im Dub-Genre veröffentlicht hat. Die dubbigen Fußstapfen hinterlassen ihre forsche Spur aber immer noch inmitten des krissligen Dschungelambientes, über dem sich gewitterwolkig und Blitze zuckend Turbulenzen ankündigen, von denen der Hörer jedoch unerwartet filterout verschont bleibt.
Nun wird es noisy und alles geriert zu einem großen, sämigen Flatsch; als wenn sich ein erhabener Geist aus der grünen Hölle erhebt und Petrus die Stirn hinbietet, unterstützt von ein paar Tropenholz schlägelnden Jüngern. Wer will da schon noch regnen? Leider sind die anheimgestellten Synthieklänge, dröhnend geboostet, etwas ungestüm gelevelt und holpern eher in die sonst spannende Melange aus Ambient-Flow und metallisch-zirrender Äther-Elektrik.
Der Drone-Sound tönt weiter, jetzt versöhnlerisch mit dem Wettergott, besänftigend, träumerisch, mit friedlich-indigener Resonanz. Ab der Mitte des jetzigen Tracks werden die Felle von Big-Toms zum Zittern gebracht und verleihen der Zeremonie eine Prise Weisheit, die schließlich sanft und mit weniger Delay im Synth tippelnd ausklingt.
Es klärt auf. Das Gewitter war nur eine Drohgebärde. Der Dschungel brüllt sein üblich schrilles Fundament. Eine dünne Melodie tanzt zitternd mit verstörtem Orientierungssinn um eine sich in Trance befindende Bassline – quo vadis? Ein Dialog zwischen Timbre und Shape mit einem Quäntchen Acid.
Das Ende naht und endlich: Ein Sonnenstrahl durchsticht das firmamentale Dickicht und ein jungfräulicher Wind durchstiebt die Wogen vor der atemberaubenden Küste karibischer Jahresurlaubs-Silhouette. Leise Zweifel strömen kristallin-sphärisch präfrontal, ergießen sich im Lappen der Erkenntnis erratisch – wie lange wird man hier noch stranden können? Aeroplane Strings in stereo-strato-cirrus. Soundtechnisch der schönste Teil im Album, das aus- wie einklingt, mit egalitärem Personen-Polter.
The Lichen Diaries ist eine knappe Dreiviertelstunde Field Recordings eingekleidet mit allerlei Synthesizer-Gewändern. Hin und wieder rhythmisch untersetzt, meistenteils aber befreit von Beats. Eine geräuschvolle, zweifelsschwere und gleichsam zweifelsleichte Kulisse, vor der man sich gern, doch stets argwöhnisch durch das Noisy-Nature-Ambient-Theater treiben lässt, veröffentlicht im April 2024 auf BLKRTZ.
Bar der üppigen phonetischen Andeutungen in The Lichen Diaries, die so viele namensgebende Assoziationen zulassen, benennt Monteih die Tracks übrigens lediglich im akademischen Duktus von 1.1 bis 1.6 und macht somit abermals einen Fingerzeig auf den Habitus der technokratischen Welt, aus der er kommt und mit deren Maschinen er hiesiges Album kreiert hat, das dessen zum Trotz ein Echo eines ehemals unbefleckten Naturparadieses erklingen lässt.
The Lichen Diaries – Die verflochtenen Tagebücher. Vol 1 – das lässt hoffen auf weitere Reisen von Scott Monteith, an denen er uns teilhaben lässt, den Hörer dabei aber immer auch zu sich selbst führt.
Gustav Roland Reudengeutz
Scott Monteith – The Lichen Diaries Vol. 1 ist im April 2024 auf BLKRTZ erschienen. Alles weitere von Scott Monteith hier.
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