Ein Mann schreibt ein Buch über sein Leben. Ein anderer Mann schreibt dazu ein Vorwort. Schon im zweiten Satz fragt er „Will ich das lesen?“.
Eine durchaus berechtigte Frage, die sich jeder stellt, der dieses Buch in der Hand hält. Er beantwortet diese Frage am Ende seiner Einleitung. Mit einer Antwort, die wahrscheinlich ebenfalls jeder geben würde, der das Buch immer noch in der Hand hält: „SCHEIßE,UND OB ICH DAS LESEN WILL!“.
Bei dem erstgenannten Mann handelt es sich um Gerrit Meijer. Gitarrist bei PVC, einer der allerersten Punkbands West-Berlins. Sowas trägt schnell zur gar nicht selbst gewollten Legendenbildung bei. Die - Herr Meijer wird es sehr gut wissen – kann manchmal mehr Fluch als Segen sein.
Segen, weil sich PVC dadurch, dass sie nach einem VIBRATORS-Gig 1977 mit ihrer Version von Punkrock loslegten, auf ewig ins popkulturelle Geschichtsbüchlein Berlins geschrieben haben. Dazu kommt der Umstand, dass sie auch einige Hits auf der Pfanne hatten, die absolut zum Kanon der Berliner-Punkhistorie gehören. „Berlin by Night“ oder „Wall city Rock“ kennt jeder, der mindestens ein Mix-Tape mit Berliner Punkbands am Start hatte.
Wobei sie das letztere auch gern mal als Label für ihren Sound benutzt haben – um sich eben nicht einfach als average Punkband abstempeln zu lassen. Dafür waren PVC auch immer viel zu eigensinnig, zu individuell und gegen jede Szenekuschelei allergisch.
Der Fluch, der so eine Position mit sich bringt, ist eben, dass der Name Gerrit Meijer auf ewig mit den drei Buchstaben PVC verbunden sein wird. Daneben verblasst vieles, was er sonst musikalisch gemacht hat. Nachdem PVC im Laufe der Zeit zu einer On/Off-Band mutierten, kooperierte Meijer immer wieder mit unzähligen Musikern und Musikerinnen. Musikalische Offenheit, bloß weit weg von jedem engstirnigen Punk-Nietenkaiser-Klüngel, war dabei die Direktive.
Was zu allerlei Projekten führte, die vielleicht einem kleineren Zirkel in West-Berlin bekannt waren, über einen lokalen Status aber nie so recht hinaus kamen. White Russia? Commando Love at least? Rouge et Noir (mit Marianne Rosenberg)? Die amüsante Koop mit Bela B. und Wiglaf Droste? Alles eher dem interessierte Modelleisenbahner bekannt. Auch PVC gerieten irgendwann etwas in Vergessenheit, was wohl den vielen Besetzungswechseln und langen Auszeiten verschuldet war. Trotzdem war die Band immer ein nicht zu unterschätzender Einfluß für nachwachsende Berliner Combos – nicht zuletzt für die frühen Tage der besten Band der Welt.
Da Punk aber wie viele andere Genres mittlerweile einer gewissen Historisierung ausgesetzt ist, wird PVC und auch der Name Gerrit Meijer immer mit dem Siegel der „ersten“ Berliner Punkband behaftet sein. Dabei wird oft vergessen, dass Gerrit mit „der“ Szene und ihren zuweilen recht konservativen Sounderwartungen nie wirklich viel anfangen konnte, was er zuweilen auch mal ganz direkt kommunizierte.
Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass seine musikalische Sozialisation schon viel früher begann. Die allerersten Banderfahrungen machte Meijer schon in den 60ern. Natürlich mit einer Beatband, The Voodoos. Die könnte man wahrscheinlich heute jedem Plattendigger als echtes Berliner Garage-Rock-Nugget verkaufen.
Als das bunte Punkbonbon 1977 richtig knallte, war Gerrit schon satte 30 Jahre alt. Für den Teilnehmer einer frisch aufkommenden „Jugendbewegung“, ein geradezu methusaleskes Alter. Eins, in dem viele andere schon das innere Eigenheim mit festen musikalischem Maschendrahtzaun fertig gebaut haben. Für Meijer ging der Spaß dann erst richtig los. Sich auf was neues einzulassen, sich neu zu erfinden war für ihn aber nie das Problem.
Auf die Einzelheiten dieser wilden "salad days" des West-Berliner Punkrocks will ich hier gar nicht weiter eingehen. Dazu ist schließlich dieses Buch da.
Ich habe für „Berlin, Punk, PVC“ drei Tage gebraucht, um es komplett zu lesen. Das ich es quasi in einem Stück eingeatmet habe, lag an zwei Dingen. Zum einen gab es vor einigen Jahren ein Interview mit Gerrit im Renfield. Weil's so nett war, kam er dann auch noch für eine SubCult-Radioshow ins Studio. Schon damals teilte er mir mit, dass er an seiner Biografie schreibe und ließ mir netterweise sogar das Manuskript als Datei zukommen. Dass da also ein Buch in Vorbereitung war, das ein wichtiger Mosaikstein im großen und ganzen Bild der West-Berliner Musikszene sein könnte, ahnte ich schon. Von daher war ich eh daran interessiert, wie das Endprodukt aussehen würde.
Zum anderen liest sich diese Biografie auch sehr gut und flott durch. Langatmige Passagen finden sich kaum, da folgt eine Episode aus dem Meijer'schen Leben auf die andere. Man könnte eventuell einwenden, dass es an manchen Stellen noch etwas ausführlicher hätte sein können. Gerrits Post-PVC-Zeit wirkt teilweise etwas zerklüftet. Es geht von einem Projekt zum nächsten, zwischendurch eine Reunion seiner bekanntesten band, dazu gibt es die "Pogo Dancing"-EP mit Bela B. Und 2005 die Reunion mit völlig neuen Musikern an Gerrits Seite. Ich hatte allerdings teilweise das Gefühl, dass dazwischen recht große zeitliche Abstände liegen. Es wäre interessant gewesen, da noch mehr zu erfahren. Auch fällt es ab und an schwer, die Übersicht über all die Bands zu behalten, bei denen Gerrit involviert. Eine übersichtliche Diskografie mit zeitlicher Einordnung als Anhang hätte die ganze Sache sicher noch runder gemacht.
Hinzu kommt, dass Gerrit Meijer natürlich in erster Linie Musiker ist. Darauf liegt ein Schwerpunkt dieses Buchs. In einer Biografie geht es aber natürlich auch um das Leben, das Private, Beziehungen, Jobs und die Wahrnehmung der Welt, in der einer lebt. Da fällt es beispielsweise auf, dass die Frauen in Gerrits Leben nur recht kurz als Personen angerissen werden. Hier eine langjährige Beziehung, dann irgendwann die nächste. Die Frauen im Leben des Gerrit M. Bleiben dabei immer ein wenig blass. Ebenso werden dramatische Ereignisse, wie beispielsweise der Tod von Knut Schaller, dem Original-Bassisten von PVC, recht knapp und fast schon beiläufig abgehandelt.
Was dagegen sehr gut vermittelt wird, ist das Bild eines jungen, musikverrückten Typen im West-Berlin, der sich neben der Musik mit allerlei Jobs durchs Leben schlägt. Vieles was da erzählt wird, klingt heute recht amüsant, auch weil man sich gewisse Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen heute nicht mehr so recht vorstellen kann. War halt alles Rock'n'Roll irgendwie. Laut, wild chaotisch und in der Blase West-Berlin oft auch ziemlich nihilistisch. Und gut und kurzweilig geschrieben.
Um also noch mal auf die Frage des Vorwortschreibers, kein geringerer als Bela B. Übrigens, zu kommen: Will ich das denn lesen? Scheiße, natürlich will ich das auch lesen!
Gary Flanell
Die erste Vorstellung von "Berlin, Punk, PVC" mit Gerrit Meijer gibt's am 13.10., 19.00 Uhr in der Milchbar, Manteuffelstr. 41 , Berlin Kreuzberg.
Weitere Termine für Gerrit-Meijer-Lesungen:
30.10. 2016, 19 Uhr, Schokoladen, Ackerstraße 169, Berlin-Mitte
29. 11.2016, 19 Uhr, Pinguin Club, Wartburgstraße 54, Berlin-Schöneberg
Gerrit Meijer:
Berlin, Punk, PVC - Die unzensierte Geschichte,
Eulenspiegel-Verlag, Edition Neues Leben,
256 S., ISBN 978-3-355-01849-4
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Mittwoch, 28. September 2016
Mittwoch, 2. Dezember 2015
California Über alles
Die Biografie der Dead Kennedys von Alex Ogg
Bücher über Punk gibt es mittlerweile sehr viele. Wahrscheinlich lässt sich damit ein ganzes Archiv füllen. Aber das gibt’s ja schon. Auch über einzelne Bands wurde ja auch schon einiges , mehr oder minder interessantes zusammengeschrieben.Nicht, dass ich sagen würde, jetzt reicht's mal, aber wenn ich mich so umschaue, ist die Dokumentatin doch recht ungleich verlaufen. Massenweise Literatur gibt es über die RAMONES, die SEX PISTOLS, THE CLASH, CRASS undsoweiterundsofort gibt es ja schon massenweise. Seltsamerweise wurde aber bisher eine der erfolgreichsten Punkbands ever biografisch noch nicht aufgearbeitet – die DEAD KENNEDYs. Bis jetzt.
Zeit wurde es ja mal. Vielleicht hat Alex Ogg, der Verfasser der DK-Biographie „California über alles“ einen kleinen masochistischen Hang. Denn so einflußreich die Band war, umso schwieriger dürfte es gewesen sein, die Mitglieder über die gemeinsame Zeit berichten zu lassen. Es ist vielleicht eine ganz besondere Tragik, dass diese Band, die für viele ein Inbegriff der coolen, „guten“ Punkband war, die für DIY steht wie sonst keine Anfang der 80er, dass diese Band mittlerweile heillos zerstritten ist und sich jahrelang gegenseitig ohne zu zögern den sprichwörtlichen Schlamm um die Ohren gehauen hat.
Wegen Tantiemen, Rechteverwertungen und Abrechnungen. Ich gebe zu, dass meine Sympathien lange Zeit komplett auf der Seite von Jello Biafra lagen. Vielleicht aus dem Grund, dass der ja nach dem Ende der DKs regelmäßig neue Projekte startete, von denen eigentlich alle immer sehr erfrischend und spannend waren. Wiederholung oder Rückschau waren nie Jellos Ding. Statt sich auf den Kennedys-Lorbeeren auszuruhen, und sich eventuell eine Band zusammen zu suchen, mit der er bis ans Ende seiner Tage die alten Hits spielen könnte, ging er immer neue Projekte an. Mal Punk, mal Country (mit Mojo Nixon), mal spoken word Performances, mal Elektro-Industrial-Rock (LARD), mal einfach eine neue Punk/Rockband mit verschiedenen Buddies. Nicht zu vergessen wäre dann noch Alternative Tentacles, jenes Label, das auch abseits der Dead Kennedys immer für interessante Platten gut war.
Von seinen ehemaligen Mitstreitern Klaus Flouride, East Bay Ray und D.H. Peligro kam dazu im Vergleich in den 30 Jahren nach der Auflösung wenig. Ein paar Touren mit einem Ersatzsänger – wobei ich mich frage, was einen Punkrocker dazu treiben kann, zu versichen, Jello Biafra in dieser Band glaubwürdig ersetzen zu können – das war's.
Wie das alles so kam, vom Anfang bis zur Auflösung 1986, nach der letzten LP Bedtime for Democracy und danach zu dem fiesen Zwist um das Erbe der Band, ist also schon spannend.
Alex Ogg behandelt in seinem Buch gar nicht auf die ganze Geschichte der Dead Kennedys. Dann wäre es wahrscheinlich ein 6-bändiges Werk geworden und Alex hätte die nächsten Jahre in einem Sanatorium zubringen müssen. Aber die Fronten zwischen den Bandmitgliedern waren zutiefst verhärtet, wie Ogg anschaulich im Vorwort erklärt. Ursprünglich waren Teile des Buchtextes als Liner-Notes für eine Neuauflage der ersten DK-LP „Fresh Fruit for rotten vegetables“ vorgesehen. Biafra vs. the rest of the band, hauptsächlich East Bay Ray, waren die Kontrahenten. Es ist fast absurd zu lesen, wie Oggs Interviewtranskriptionen, die er für das Manuskript verwendete von der jeweiligen Gegenseite komplett auseinander genommen wurden. Wie man sich um einzelne Formulierungen stritt. Wie es seitenweise Anmerkungen gab. Wie aus ursprünglich 5000 Wörtern CD-Beilagentext auf einmal 64.000 wurden.
Leider habe ich Alex Ogg bei seinen Lesungen in Berlin verpasst, ich könnte mir aber vorstellen, dass er ein Mensch mit einem sehr langen Atem sein muss, um zwischen diesen beiden Streitparteien hin und herswitchen zu können. War da Buddhismus und Meditation im Spiel? Keine Ahnung, wieviel Geld es für dieses Buch gegeben haben wird, aber das allein kann Arbeitsleistung nicht aufwiegen.
Von daher ist es verständlich und im Sinne der seelischen Gesundheit des Autors, dass in „California über alles“ nur die Anfänge der Band in der frühen Punkszene von San Francisco Anfang der 80er, bis nach der Veröffentlichung von „Fresh fruit...“.
Für diesen Zeitraum bekommt man allerdings alles, was man von einer guten Punk-Bio erwartet. Viele Livefotos, Comics über die Bandgeschichte, zahlreiche Bilder vom Artwork der Platten, das ja bei den DKs immer eine sehr wichtige Rolle spielte und natürlich viele Hintergrundinfos zum Werdegang der Band. Die gehen mir allerdings manchmal zu sehr ins Detail. Ich meine, ist es wirklich wichtig, welche Bandmaschine die DKs bei den Aufnahmen zu ihrem ersten Album benutzt haben? Trägt es wirklich zum Verständnis des Debutalbums bei, wenn man weiß, dass es das große lolliförmige Sonymikro war, mit dem aufgenommen wurde? Davin ab liefert „California...“ 177 Seiten viele Infos über eine der einflussreichsten Punkbands ever. Sagte ich 177 Seiten? Aber das Buch hat doch 240, was ist da los?
Die Wahrheit ist: Nach knapp 180 ist merkwürdigerweise schon Schluß mit dem eigentlichen Text. Die anschließenden 60 Seiten sind gefüllt mit Anmerkungen, Zitaten von Musikerkollegen zum Einfluß der Platte, weiterem Artwork, einer Timeline und einer Discographie. Das mag alles Sinn machen, trotzdem war ich ein wenig überrrascht über das abrupte Ende. Und irgendwie auch ein wenig enttäuscht, denn Alex Ogg hat, abgesehen von dem Hang zu vielen Details (s.o.), eine gute Schreibe. Stell dir vor, du erwartest als Kind eine geile lange Gute-Nacht-Geschichte von deinem Großvater und das was er dir erzählt, ist nach 10 Minuten schon vorbei, und du bis noch gar nicht müde. So ungefähr war das, als ich „California über alles“ zuklappte. Ich hätte also gern noch erfahren, wie es weiterging nach der ersten DK-Platte. Wäre schön gewesen, wenn da noch mehr wäre. Aber andererseits... bleibt so ja noch die Möglichkeit der Fortsetzung.
Alex Ogg: California über alles Dead Kennedys – wie alles begann 240 Seiten Ventil Verlag ISBN 978-3-95575-008-4
Gary Flanell
Bücher über Punk gibt es mittlerweile sehr viele. Wahrscheinlich lässt sich damit ein ganzes Archiv füllen. Aber das gibt’s ja schon. Auch über einzelne Bands wurde ja auch schon einiges , mehr oder minder interessantes zusammengeschrieben.Nicht, dass ich sagen würde, jetzt reicht's mal, aber wenn ich mich so umschaue, ist die Dokumentatin doch recht ungleich verlaufen. Massenweise Literatur gibt es über die RAMONES, die SEX PISTOLS, THE CLASH, CRASS undsoweiterundsofort gibt es ja schon massenweise. Seltsamerweise wurde aber bisher eine der erfolgreichsten Punkbands ever biografisch noch nicht aufgearbeitet – die DEAD KENNEDYs. Bis jetzt.
Zeit wurde es ja mal. Vielleicht hat Alex Ogg, der Verfasser der DK-Biographie „California über alles“ einen kleinen masochistischen Hang. Denn so einflußreich die Band war, umso schwieriger dürfte es gewesen sein, die Mitglieder über die gemeinsame Zeit berichten zu lassen. Es ist vielleicht eine ganz besondere Tragik, dass diese Band, die für viele ein Inbegriff der coolen, „guten“ Punkband war, die für DIY steht wie sonst keine Anfang der 80er, dass diese Band mittlerweile heillos zerstritten ist und sich jahrelang gegenseitig ohne zu zögern den sprichwörtlichen Schlamm um die Ohren gehauen hat.
Wegen Tantiemen, Rechteverwertungen und Abrechnungen. Ich gebe zu, dass meine Sympathien lange Zeit komplett auf der Seite von Jello Biafra lagen. Vielleicht aus dem Grund, dass der ja nach dem Ende der DKs regelmäßig neue Projekte startete, von denen eigentlich alle immer sehr erfrischend und spannend waren. Wiederholung oder Rückschau waren nie Jellos Ding. Statt sich auf den Kennedys-Lorbeeren auszuruhen, und sich eventuell eine Band zusammen zu suchen, mit der er bis ans Ende seiner Tage die alten Hits spielen könnte, ging er immer neue Projekte an. Mal Punk, mal Country (mit Mojo Nixon), mal spoken word Performances, mal Elektro-Industrial-Rock (LARD), mal einfach eine neue Punk/Rockband mit verschiedenen Buddies. Nicht zu vergessen wäre dann noch Alternative Tentacles, jenes Label, das auch abseits der Dead Kennedys immer für interessante Platten gut war.
Von seinen ehemaligen Mitstreitern Klaus Flouride, East Bay Ray und D.H. Peligro kam dazu im Vergleich in den 30 Jahren nach der Auflösung wenig. Ein paar Touren mit einem Ersatzsänger – wobei ich mich frage, was einen Punkrocker dazu treiben kann, zu versichen, Jello Biafra in dieser Band glaubwürdig ersetzen zu können – das war's.
Wie das alles so kam, vom Anfang bis zur Auflösung 1986, nach der letzten LP Bedtime for Democracy und danach zu dem fiesen Zwist um das Erbe der Band, ist also schon spannend.
Alex Ogg behandelt in seinem Buch gar nicht auf die ganze Geschichte der Dead Kennedys. Dann wäre es wahrscheinlich ein 6-bändiges Werk geworden und Alex hätte die nächsten Jahre in einem Sanatorium zubringen müssen. Aber die Fronten zwischen den Bandmitgliedern waren zutiefst verhärtet, wie Ogg anschaulich im Vorwort erklärt. Ursprünglich waren Teile des Buchtextes als Liner-Notes für eine Neuauflage der ersten DK-LP „Fresh Fruit for rotten vegetables“ vorgesehen. Biafra vs. the rest of the band, hauptsächlich East Bay Ray, waren die Kontrahenten. Es ist fast absurd zu lesen, wie Oggs Interviewtranskriptionen, die er für das Manuskript verwendete von der jeweiligen Gegenseite komplett auseinander genommen wurden. Wie man sich um einzelne Formulierungen stritt. Wie es seitenweise Anmerkungen gab. Wie aus ursprünglich 5000 Wörtern CD-Beilagentext auf einmal 64.000 wurden.
Leider habe ich Alex Ogg bei seinen Lesungen in Berlin verpasst, ich könnte mir aber vorstellen, dass er ein Mensch mit einem sehr langen Atem sein muss, um zwischen diesen beiden Streitparteien hin und herswitchen zu können. War da Buddhismus und Meditation im Spiel? Keine Ahnung, wieviel Geld es für dieses Buch gegeben haben wird, aber das allein kann Arbeitsleistung nicht aufwiegen.
Von daher ist es verständlich und im Sinne der seelischen Gesundheit des Autors, dass in „California über alles“ nur die Anfänge der Band in der frühen Punkszene von San Francisco Anfang der 80er, bis nach der Veröffentlichung von „Fresh fruit...“.
Für diesen Zeitraum bekommt man allerdings alles, was man von einer guten Punk-Bio erwartet. Viele Livefotos, Comics über die Bandgeschichte, zahlreiche Bilder vom Artwork der Platten, das ja bei den DKs immer eine sehr wichtige Rolle spielte und natürlich viele Hintergrundinfos zum Werdegang der Band. Die gehen mir allerdings manchmal zu sehr ins Detail. Ich meine, ist es wirklich wichtig, welche Bandmaschine die DKs bei den Aufnahmen zu ihrem ersten Album benutzt haben? Trägt es wirklich zum Verständnis des Debutalbums bei, wenn man weiß, dass es das große lolliförmige Sonymikro war, mit dem aufgenommen wurde? Davin ab liefert „California...“ 177 Seiten viele Infos über eine der einflussreichsten Punkbands ever. Sagte ich 177 Seiten? Aber das Buch hat doch 240, was ist da los?
Die Wahrheit ist: Nach knapp 180 ist merkwürdigerweise schon Schluß mit dem eigentlichen Text. Die anschließenden 60 Seiten sind gefüllt mit Anmerkungen, Zitaten von Musikerkollegen zum Einfluß der Platte, weiterem Artwork, einer Timeline und einer Discographie. Das mag alles Sinn machen, trotzdem war ich ein wenig überrrascht über das abrupte Ende. Und irgendwie auch ein wenig enttäuscht, denn Alex Ogg hat, abgesehen von dem Hang zu vielen Details (s.o.), eine gute Schreibe. Stell dir vor, du erwartest als Kind eine geile lange Gute-Nacht-Geschichte von deinem Großvater und das was er dir erzählt, ist nach 10 Minuten schon vorbei, und du bis noch gar nicht müde. So ungefähr war das, als ich „California über alles“ zuklappte. Ich hätte also gern noch erfahren, wie es weiterging nach der ersten DK-Platte. Wäre schön gewesen, wenn da noch mehr wäre. Aber andererseits... bleibt so ja noch die Möglichkeit der Fortsetzung.
Alex Ogg: California über alles Dead Kennedys – wie alles begann 240 Seiten Ventil Verlag ISBN 978-3-95575-008-4
Gary Flanell
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