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Dienstag, 4. August 2015

Das ist laut und nimmt Platz weg! Pt.II

Nachdem in der letzten Woche bereits Kathrin von der Ska-band PORT ROYAL und Johanna von KULKU vorgestellt wurden, folgt nun der zweite Teil des Trommlerinnen_Special aus Renfield Nummer 30 (das als Prinausgabe immer noch erhältlich ist).
Vorgestellt werden diesmal Malwina, Trommlerin von DEAD TIRED (und früher bei THE BRUNETTEZ) und Rachel Rep, die einigen schon als Drummerin des FARIN URLAUB RACING TEAMs untergekommen sein dürfte.

III. MALWINA - REBEL GIRL

„Das hätt ich ja auch nicht gedacht, dass ich mal meine eigenen Songs hören würde“, lacht Malwina, während sie an meinem Küchentisch sitzt und mir die letzten Aufnahmen ihrer Band DEAD TIRED auf Bandcamp raussucht. Dann hören wir uns rein und sie freut sich merklich über das gelungene Spiel.

„I piss in your pixie dust and what is left is simple mud“, schreit Sängerin Ruth über Malwinas Trommelgeprügel. „Nach dem Song bin ich fertig, der geht am besten am Ende vom Konzert.“
Dead Tired sind eine Post-Punkband, die etwas langsamere, melodiösere Songs und Auf-die-Fresse-Stücke vereinen.
„Die einen sind eher im Winter geschrieben und die anderen im Sommer“, sagt Malwina, „das kann man richtig hören. Für mich ist Musik sowieso etwas Emotionales. Manchmal hört man gar nicht genau, was gespielt wird, sondern nur die Stimmung von dem Song.“ Sie selbst ist beeinflusst von Bands wie BIKINI KILL, deren Stück „Rebel Girl“ das allererste war, was sie am Schlagzeug gespielt hat. Aber so wichtig die Riot Grrls waren, möchte sich Malwina doch nicht in dieser Weise stempeln lassen. „Das ist zum Label geworden, alles, was Frau und Punk und laut ist, wird so jetzt in eine Ecke gesteckt – auch wenn es mit Riot Grrl eigentlich gar nichts zu tun hat. Das ist inzwischen ziemlich kontraproduktiv.“

Auch Malwina hat sich das Schlagzeug selbst beigebracht und dann lange bei den BRUNETTEZ gespielt. Musikalisch gesehen passen Dead Tired, die sie selbst mit gegründet hat, ihr allerdings doch besser. Sie mag Hardcore und Screamo. „Und alle Rachut-Bands!“ Favoriten sind auch KAMIKATZE, deren Song „I hate kids“ sie covert und dabei nicht trommelt, sondern singt. Sie darf also aus vollem Halse „I hate kids“, brüllen, für die engagierte Erzieherin durchaus mal eine kathartische Erfahrung. COASTING aus Portland haben dazu beigetragen, sie zum Schlagzeug zu motivieren. „Das klang gut, aber sah nicht ganz so schwierig aus. Und ich dachte: Wenn sie das kann, dann krieg ich das auch hin!“

Genau diese Erfahrung und Motivation zu vermitteln, ist für Malwina auch Teil des Musikmachens. Wenn andere Frauen nach dem Konzert begeistert sagen, dass die Band sie motiviert oder inspiriert, weiß sie genau, warum sie das macht. „Das ist eben, was ich wirklich will: Musik machen“, sagt sie dazu. „Fühlt sich immer noch komisch an, das zu sagen, aber ich sehe mich als Schlagzeugerin. Erzieherin ist mein Beruf, aber nicht unbedingt eine Berufung.“ Sie grinst: „Ich geh lieber auf Tour, als arbeiten zu gehen!“

Punk hat für sie eine gelebte politische Dimension, die auf einem DIY-Ethos basiert, von der Musik nicht zu trennen ist und sich in Texten, im Sound und in der Haltung äußern kann. Frauenquoten, Ladyfeste und Mädchenbands können dabei höchstens eine Übergangsrolle spielen, ein Hilfskonstrukt, das notwendig war, das aber auch wieder überwunden werden muss. Zum Beispiel neulich, diesen März in Leipzig. „Wir haben da mit SLEAZY INC. OPERATED und KENNY KENNY OH OH gespielt, das war total toll.“ Malwina ist besonders begeistert von Sleazy‘s Schlagzeugerin Elinor, die auch einen Film darüber gedreht hat, wie sie zum Schlagzeug kam: „Meer is nich“. Das Schöne an jenem Konzert in Leipzig war aber eben: Auf der Bühne waren fast nur Frauen. „Und zwar ganz ohne Label oder ohne dass es jemand erwähnen musste, nicht absichtlich, sondern ganz normal. Wie es sein soll.“

Dass es nicht immer ist, wie es sein soll, zeigte sich am Tag darauf im Kontrastprogramm in Dresden. Hier gab es fast nur Männer auf der Bühne, was auch am Publikum auffiel: „Vor allem so gut angezogene Hardcoretypen. Die haben sich auch nicht viel für unsere Musik interessiert. Aber dann nach dem Auftritt sind ihre Freundinnen gekommen und haben unser Tape gekauft.“

Und machen sie Sprüche, die Jungs, gerade in der Szene? „Und wie!“ Genau wie Johanna war Malwina schon in der Situation, dass sie sich nicht beim Schlagzeugaufbau helfen lassen wollte, um das immer noch kursierende Klischee nicht noch zu bestätigen. Besonders nervt aber der häufige, nett gemeinte Kommentar, der gar nicht merkt, wie herablassend er rüberkommt. „Du spielst ja ganz interessant, aber du haust da nicht so richtig drauf.

Oder fieser: Ist eurer Schlagzeugerin nicht langweilig? Sowas zieht mich schon manchmal ganz schön runter, mehr als mir lieb ist. Aber das sind halt so Dinge, mit denen man leben muss. Wenn Männer schlecht spielen, sagen die anderen meistens nichts, bei Frauen meinen sie dann irgend wie immer, sie müssten einen Rat geben.“ Und gibt’s auch die direkte Sexismusschiene? „Mit deinen Becken würd ich auch gerne mal spielen.“ Wie bitte??? „Ja na ja, das war im Wild at Heart.“ Verstehe. Trotzdem.

„Es fällt schon noch auf, als Frau am Schlagzeug“, meint Malwina. „Auch wenn da in den letzten 10, 15 Jahren echt viel passiert ist. Bandintern spielt sowas zum Glück keine Rolle. Die Band fängt einen auf. Im Sommer gehen wir auch wieder auf Tour.“ Wann denn? „Mitte Juli wahrscheinlich. Aber am 11.6. spielen wir erst mal auf dem New Direction Festival in Herrenberg!“

Wisst ihr Bescheid.

DEAD TIRED IM NETZ

IV. RACHEL REP - IM ZENTRUM DES TORNADOS


Da soll ich Rachel Rep vom FARIN URLAUB RACING TEAM treffen. Im Schwarzen Café auf der Kantstraße. Und dann bin ich verhindert und kann die weite Reise in den Berliner Westen nicht antreten. Ich ärgere mich und der Kollege Gary Flanell darf hinfahren und das Gespräch führen. Leicht benommen kehrt er zurück und überreicht mir eine Audiodatei, so dass auch ich Rachel live sprechen darf. Oder zumindest hören.

Rachel stammt aus einer Musikerfamilie, hat aber selber erstmal als Model gearbeitet, ehe sie anfing, ernsthaft Schlagzeug zu spielen und zu schreiben. Ihr Roman „Panzerschokolade“ erzählt eine autobiographische Geschichte und ist beim Wiener Milena Verlag und inzwischen auch als Hörspiel beim WDR erschienen. Das Schlagzeug wurde ihr trotz Musikereltern nicht in die Wiege gelegt. „In meinem gut situierten Haushalt waren Saiteninstrumente ausschlaggebend – Schlagzeug galt eher als absolut unnötig.“

Und dann? „Dann hat mich dieser Freund, der Schlagzeuger war, in dieses Konzert geschleift. Terry Bozzio. Ich sag nur: bei Frank Zappa mitgespielt. Muss ich da noch was sagen? Weißte Bescheid.“

Bozzio, der bekannt für sein großes und vielteiliges Schlagzeug ist, trat damals in der Kölner Sporthalle mit dem Gitarristen Jeff Beck auf. „Der hatte die Kölner Sporthalle komplett mit Schlagzeug zugemüllt. Komplett! Da hab ich mich in das Instrument verknallt, ganz einfach. Da hab ich dann den Freund noch in der Nacht, nach dem Gig, in seinen Proberaum geschleppt. Der hat mir dann irgendwelche Triolen auf irgendwelchen Toms vorgespielt, und dann war‘s ganz aus.“ Die Langversion kann man anderswo nachlesen, Rachel skizziert ihren Werdegang für uns: „Erste Band, yeah! Zweite Band, uh! Dritte Band, wirste berühmt, jetzt sitz ich hier.“

Wie das mit dem Berühmt-Werden funktioniert, darüber macht sich Rachel keine Illusionen: „Da musste ich mit meiner süßen kleinen Band Glow ja überhaupt erstmal gesichtet werden in irgendeiner Art von Öffentlichkeit.“ Damit meint sie keine alternativen Bühnen. Wer Teil der Industrie werden will, der muss erstmal in die Medien-Öffentlichkeit, und das heißt immer noch meist MTV. Glow waren Emergenza-Gewinner. „Newcomerband tralala. Da liefen dann noch irgendwelche Videos auf MTV. Das ist zu der Zeit aufgefallen, denn es gab noch nicht so viele Mädels am Schlagzeug.“

Solcherart ausgewählt, hatte Rachel aber erstmal gar keine Lust auf das Farin Urlaub Racing Team. Sie wollte ihre eigene Musik spielen. „Playback? Was für ein Quatsch. Ich mochte die Ärzte immer, aber ich war nie so riesiger Fan wie die Leute in meiner Umgebung. Mein Bassist ist dann ausgerastet: Das sind meine Helden! Das kannst du doch nicht ablehnen! Na ja, dann hab ichs ausprobiert und dann hat es total gepasst. Ich liebe diese Band.“

Was es bedeutet, dass es total passt: da ist für sie sowohl die menschliche als auch die musikalische Ebene ausschlaggebend. „Ich hab mal mit einer Band gespielt, das Problem war: das waren Freunde. Aber dann... Also ich hab damals im Parka gespielt. Und wenn ich im Parka nach ner halben Stunde im Proberaum nicht durchgeschwitzt bin, dann stimmt da was nicht. Das ging dann leider nicht mehr.“

Und wie ist es so mit den immer gleichen Sprüchen, die Schlagzeugerinnen sich anhören müssen? „Das ist mir früher passiert, als ich noch nicht mit dem Farin Urlaub Racing Team gespielt habe – aber spätestens da hält sich dann, glaub ich, jeder zurück.“ Kennste aber schon? „Klar, früher ist das schon öfter passiert, dass man mir zeigen wollte, wie man ein Kabel zusammenrollt.“ Sie grinst süffisant. „Ich habe ja Verständnis fürs männliche Geschlecht, das ist kein Problem, ich weiß auch, dass das wohl irgendwie mit Testosteron zusammenhängt – ich hab ja auch viel Testosteron... Aber das hört irgendwann auf, spätestens wenn man mal zusammen gespielt hat.“ Aufhalten lassen sollte sich eine Frau nicht, wenn sie wirklich was reißen will in dem Bereich. „Da musst du dich mal kurz beweisen, aber eigentlich musst du nur das machen, was du liebst, fertig. Die Nummer mit Frau und Mann, das ist doch Bullshit.“ Finden wir auch.

Doch auch Rachel selbst meint: „Ich unterrichte ja ab und zu zeitweise und muss dann feststellen, dass wenige Frauen sich in der Rolle nicht als Ballerina, sondern als Drummerin sehen. Das ist ja nicht immer sexy, man muss sich konzentrieren und schwitzt ganz schön, die Schlepperei und so... Viele haben zwar ein gutes Rhythmusgefühl, die Koordination läuft flott, aber oft ist das sehr zart, und ich bin ja eher so n Massakertyp. Wenns dann anstrengend wird, oder auch wenn sie dann irgendwann Kinder haben wollen, dann erübrigt sich das manchmal wieder.“ Es sind eben nicht die lästigen sexistischen Sprüche, sondern viel eher die oft prekäre ökonomische Realität, die dafür sorgt, dass es immer noch wenig so erfolgreiche Schlagzeugerinnen wie Rachel gibt.

Und die sich durchsetzen, bleiben nicht unbedingt sympathisch. „Mit den Profidrummern willst du echt nicht verwandt sein. Aber was solls, Genies soll man in Ruhe lassen. Zum Glück gibt’s ja noch Terry Bozzio. Und wen ich liebe, das ist Dave Grohl. Weil der schon allein beim Spielen so rüberkommt, dass der auch menschlich ne geile Sau ist. Man ist so, wie man spielt, glaube ich immer noch. Und ich finde den fantastisch.“

Sind Trommler also auch manchmal Diven? „Ich glaub, es hackt! Das fragt mich ausgerechnet der Gitarrist. Ihr seid doch als Diven geboren!“ lacht sie. „Als Trommler muss ich hier gucken, dass ich das Ding zusammenhalte, das Schiff sozusagen durch die Stürme zerre. Da ist man doch Chef, muss die ganze Mannschaft aus der Front heraus, aus dem Hintergrund steuern. Das ist ja das Befriedigende. Trommeln, das ist das Zentrum des Tornados! Das Auge! Das ist so heilig, und deswegen muss das auch mit der Band so dermaßen passen... dass man sich so austoben darf, wie das bei mir ist, das ist wie ein Lottogewinn. Aber ich hatte da auch echt Glück.“

Rachel Rep im Netz

Text: Alissa Wyrdguth

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