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Donnerstag, 26. Februar 2026
Schön. wenn schwarz Pt. IIXII
John Robb - GOTH
Im Sommer letzten Jahres war ich im Urlaub in Cornwall - einem Flecken, von dem ich bisher nicht wusste, wie schön er überhaupt ist. Und was passt am besten als Lektüre zur Regeneration ins begrenzte Gepäck als ein 700 Seiten schwerer Wälzer über eine der buntesten Subkulturen ever? Eben. Der 700-Seiten-Stein musste mit.
GOTH ist ein Buch, das schon rein äusserlich aussieht, als wäre es die Entsprechung eines Bausteins einer alten erhabenen Kapelle.
Dick, stark, massiv. Wuchtig. Schlichtes Artwork, natürlich schwarz. Das Medium ist die Botschaft. Wenn schon ein Buch über dieses Thema, dann auch dunkel und dick. Eine ordentliche Abhandlung zu dieser Subkultur passt halt nicht ins Reclamheftchen. John Robb ist in Sachen Underground und Punk, gerade in bezug auf Entwicklungen in Großbritannien kein Unbekannter: Früher bei dem wunderbaren Noise-Post-Punks MEMBRANES, danach mehr Punkrock-orientiert unterwegs mit GOLDBLADE. Ganz losgelassen hat ihn subkulturelles Treiben also nie und allein deswegen hat er schon genug Glaubwürdigkeit, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Fachwissen ist also einiges da.
GOTH. Es gibt Klischees und Stereotype, die selbst deine Oma in der Provinz kennt. Aber es gibt soviel mehr. Gothic ist sicher nicht nur schwarze Klamotten und Patchouliduft (kann auch, aber muss nicht), es ist auch nicht nur CURE und JOY DIVISION. Beovr ich überhaupt angefangen habe, das Buch zu lesen und über das Thema nachgedacht habe, fiel mir auf: Das ist ein ganz schöner Brocken. Wo fängt man denn da überhaupt an? Kleiner Spoiler, es geht natürlioch nicht erst mit den ersten Post-Punk-Bands Ende der 70er los. Auch nicht mit den SEX PISTOLS oder THE DAMNED. Mit Punk ist man eigenltich schon mittendrin in der Kulturgeschichte. und nicht am Anfang. Somit ist Robbs Buch allein vom Umfang her gerechtfertigt. Wenn man es denn ordentlich machen will. Und John Robb macht es ziemlich ordentlich.
Da gibt's keine halben Sachen, er fängt bei den urigen Ursprüngen des Begriffs an und führt alles in einem wilden, aber gut verständlichen Ritt durch die Kulturgeschichte fort: Gotische Architektur, wie sie zeitgenössisch bewertet und betrachtet wurde, dann Ausführungen zu dem ursprünglichen Genre der "gothic literature", den Schauerromanen aus dem anglo-amerikanischen Raum und der europäsichen Romantik, über die dunklen Seiten des frühen Rock'n'Roll und Glamrock, bis er dann endlich bei den Bands und Musiker*innen landet, die auch Otto Normalo mit Gothic verbindet.
Während die frühen Begrifflichkeiten in einzelnen Kapiteln gut zusammengefasst werden, fächert der Autor im weiteren Verlauf die ganz Sache dann detaillierter auf, sobald es um die wichtigsten Gothic-Vertreter geht. Bedeutet also, dass Bands wie THE CURE, JOY DIVISION, SISTERS OF MERCY, SIOXSIE & THE BANSHEES, aber auch die VIRGIN PRUNES, THEATRE OF HATE, THROBBING GRISTLE mit eigenen Kapiteln bedacht werden. Was ja Sinn macht. Dass John Robb selber tief in der Subkultur verwurzelt ist, merkt man an den vielen Verweisen und Ziteten von Interviews, die er oft selber geführt hat.
Manchmal dachte ich, angesichts diverser Verweise auf Bands, ich muss mir hier mal eine Liste machen mit Bands, die ich unbedingt nochmal anchecken will. Er zeichnet ein gutes, nachvollziehbares Bild dieses ganze dunklen Universums, das unter dem Begriff Gothic subsummiert werden kann. Somit ist GOTH ein Buch geworden, das einerseits Einsteiger in das Thema gut und umfassend abholt, andererseits auch Menschen, die selber einiges an Wissen haben, nicht verschreckt. Oder gar langweilt.
GOTH. Dieses Buch ist ein Startpunkt. Natürlich ist hier vieles kurz, aber nicht verkürzt zusammengefasst. John Robb hat einen guten und klaren Stil, verweist auf dieses und jenes (er könnte sicher noch viel tiefer in Einzelheiten gehen), kommt aber immer wieder zurück auf den Punkt, verfranst sich also nicht. Wäre das der Fall, hätte GOTH Brockhausmässige Dimensionen annehmen können.
Allein für jede Band, die hier unter dem Begriff Goth oder auch Post-Punk aufgeführt wird, ließe sich sicher eine eigene Biografie schreiben. Unbegrenzte Ausführlichkeit und allumfassende und abschließende Weisheit abzuliefern, ist aber sicher nicht das Anliegen des Autors gewesen. Es ist ein schmaler Grat, einerseits in eine gewisse Tiefe zu gehen, andererseits auch die Grenzen des Formats zu beachten. Was es alles noch anzusprechen gäbe! Welche Bands wichtig waren und unbedingt erwähnt werden müssen?! Es kann leider nicht alles abgebildet werden. Aber es wird versucht.
Was dazu führt, dass das Buch zum Ende hin leider ein wenig hektisch wirkt. Nachdem den großen, bekannten Bands und ihrem Wirken berechtigterweise viel Raum gegeben wurde, scheint es dann eher darum zu gehen, noch möglichst viel Bands, die zwischen den 80er bis heute (in West-Europa) unterwegs waren, auch noch Platz und eine Erwähnung zukommen zu lassen. Als Leser*in könnte man den Eindruck bekommen, dass Goth seine Hochphase in den 80ern und 90ern hatte. Denn das ist die Zeit, auf die sich John Robb fokussiert.
Im Unterschied zu Punk als Bewegung, dem ich hiermal ein massives Nachwuchsproblem unterstelle, scheinen Gothic, Wave und Post-Punk derzeit jedoch eine weitere Blüte zu erleben. Seit Jahren finden immer wieder neue Bands, die einen eher dunklen Sound bevorzugen, ihren Weg und ihr Publikum: LEBANON HANOVER, SHE PAST AWAY, BERLINER DOOM, DINAH SUMMER, BOY HARSHER, LINGUA IGNOTA, ALGIERS, KING DUDE, PLOHO, CHELSEA WOLFE - um nur ein paar zu nennen.
Alles Bands und Künstler*innen, die dem Genre sicher zuzuordnen sind und teilweise die Clubs zum Bersten voll machen. Und, das ist wichtig: Nicht nur aus dem anglo-amerkanischen Raum stammen. Natürlich kann ein Buch wie GOTH nicht alles und auch nicht aktuellste Entwicklungen abbilden, irgendwann ist ja auch mal Redaktionsschluß. Ich frage mich allerdings, ob dann eine zeitliche Eingrenzung dem Buch insgesamt nicht doch gut getan hätte. So wirkt das Ende doch etwas überstürzt.
Was noch auffällt: Immer wieder ertappe ich mich beim Lesen der deutschen Fassung, dass ich Begriffe und Redewendungen finde, die etwas konstruiert wirken und die ich dann im Kopf zurück ins Englische übersetze. Die deutsche Übersetzung des Originals ins Deutsche von Joachim Hiller ist solide, allerdings bin ich doch manchmal über Ausdrücke gestolpert, von denen ich denke, dass sie etwas sperrig, mindestens ungewöhnlich wirken. Was aber nicht heißt, dass es keinen Spaß macht, dieses Kompendium durchzuackern. Von Anfang bis Ende.
Aber das sind letztendlich kleinere Dinge, die den positiven Gesamteindruck von GOTH nicht schmälern. Gutes Ding, entspannt geschrieben. Kann, nunja, vielleicht nicht an einem Wochenende, aber sicher in einem 2-3-wöchigen Urlaub weggelesen werden. Am besten in einem kleinen Ferienort in Cornwall.
Der, um doch mal kurz abzuschweifen, über einen anarchistischen Buchladen verfügte und in dem eine Art Brit-Humana sogar obskure 2nd-Hand-Platten anbot. Zwei habe ich mitgenommen: Eine von einem britischen Jäger, der englische Jägerwitze erzählt (habe ich Abel geschenkt) und zum anderen eine Spoken-word-LP von einem UK-Comedian aus den 70ern, der... ehm, fiktive reden von Idi Amin-Reden performiert. Ich weiß, daran ist auf vielen Ebenen soviel falsch, aber genau deshalb musste einer das Ding dann für zwei Pfund aus dem Verkehr ziehen und in den Renfield-Giftschrank packen.
Zurück zu GOTH. Im Herbst 2025 war John Robb für das Buch auf Vortragsreise. Dabei war er an gleich zwei Abenden im wunderbaren Posh Teckel in Neukölln, eine Location, die eine hübsche chaotische Gemütlichkeit ausstrahlt, die sich in Berlin nicht mehr so häufig finden lässt. Zum Glück hat er nicht seitenweise aus dem Buch vorgelesen, das wäre vielleicht etwas öde gewesen, sondern frei Hand alles mögliche zu all den Bands und Themen erzählt, die in GOTH abgehandelt werden. Dazu gab es Bilder auf der Leinwand und fertig war der subkulturelle Diavortrag. Das ist auchd er tatsdache zu verdanken, dass John Rob schon zig Interview geführt und gegeben hat und ein gutes Talent für einenunterhaltsam,e Bühnenperformance hat.
Das war sehr unterhaltsam und hat gezeigt, dass der Mann ein guter und eloquenter Erzähler ist und sich mit Ü60 noch einiges an jugendlichem Spirit bewahrt hat. Als dann noch Mark Reeder auf die Bühne steigt und mit John Robb über seine Szene-Erlebnisse im West-Berlin der 80er plauscht, wird allen Gästen klar, dass man hier a) einen wunderbaren und fast einzigartigen Abend erlebt und b) und die beiden ein wirklich gutes Gespann abgeben.
Die deutsche Ausgabe von GOTH von John Robb ist im Ventilverlag erschienen.
Gary Flanell
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