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Sonntag, 9. Oktober 2016

Hot and shitty record stuff - last post

Wer die Printausgabe vom Renfield bisher in den Fingern hatte, konnte die Rezensionen dort finden, wo es quer zuging.
Plattenkritiken fanden und finden im Renfield auf den waagerecht gestalteten Seiten des Heftes statt. Die Überschrift war bisher immer "Hot and shitty record stuff".
Bisher.

Da es in Renfieldhausen in den nächsten Monaten einschneidende Änderungen bezüglich der gedruckten Ausgabe geben wird...
(An dieser Stelle Blick auf die virtuelle To-Do-liste: Über beifällig gestreuten Cliffhanger Spannung bezüglich der Zukunft des Heftes aufbauen - Check.),
...werden auch die Kritiken auf dem Blog fortan unter einer neuen Überschrift gepostet.
Statt "HOT AND SHITTY RECORD STUFF" heißt es fortan bei der kritischen Auseinandersetzung mit zugesandtem Musikmaterial:
"SCHÖN, WENN JUNGE MENSCHEN MUSIK MACHEN".

Diese neue Überschrift passt sehr gut zu der CD einer jungen Ska-Punk-Band, die hier angekommen ist. Die Band heißt SKAMARLEY, ihre vom Punkfilmfest Berlin "Too drunk too watch" und Famed Records, trägt den Titel "Terror & Trompete". Ich habe das Gefühl, SKARMARLEY trauen interessierten Hörern nicht allzu viel Offenheit und Grips zu, sonst hätten sie die maßgebende Stilrichtung und Instrumentierung nicht direkt in den Bandnamen eingebaut (damit's auch jeder Trottel wirklich versteht). Vielleicht halten sie Subtil wirklich für ein Waschmittel, aber ich frage mich, warum es gerade bei Ska-affinen Bands immer sein muss, dass die drei Buchstaben mit in den Namen eingebunden werden müssen. Davon ab, gibt es diverse Punkte, die dazu führen, dass ich diese CD wirklich schlecht finde.

1.) Ich mag keine uniformierten Bands: Es mag vom FOH aus total toll aussehen, wenn alle in schwarz mit weißen Krawatten auf der Bühne rumtanzen. Ich finde es total bescheuert, in einer Band zu spielen und dabei einem bestimmten Dresscode entsprechen zu müssen. Uniformierung ist für mich eine der schrecklichsten Dinge, wenn es ums Musik machen geht. Das hat dann entweder was von Karneval, Gruppenzwang oder vorgeschriebener Arbeitskleidung in einem Lebensbereich, in dem man sicher keine Arbeitskleidung tragen will. Es mag auch gehörig das Gemeinschaftsgefühl steigern, wenn alle vier Musiker in der Band im gleichen Outfit loslegen. Aber dann müsst ihr keine Musik machen, sondern könnt auch in den Fußballverein eures Bezirks gehen. Dann könnt ihr auch außer Atem kommen, ohne Blasinstrumente zu bedienen.



2.) Ich mag auch keine "lustigen" Bands, die denken, Ska wäre es, wenn man eine unverzerrte Gitarre hektisch über einen Punkbeat hoppeln lässt.
Menschen, die sowas denken, glauben sicher auch, NOFX wäre eine 2-Tone-Band. Sind sie nicht. Besonders aufregend ist auch der vorhersehbare Wechsel zwischen unverzerrtem "Ska"-Part und verzerrten Punk-Teilen auch nicht. Das ist so wie Licht an, Licht aus. Das macht ihr im Schafzimmer ja auch nicht die ganze Nacht, weil das so lustig ist. Es wird auch nicht besser, je öfter man es wiederholt. Wenn der Drummer dazu meint, er müsste wiederholt zeigen, dass er auch ganz toll Double-Bass spielen kann, um zu beweisen, dass die Band ja mehr als Ska oder Punk kann (Metal-Einflüsse, müsste man dann noch ins Info schreiben.Total vielfältig, das.), dann macht das die Sache nicht besser. Gleiches gilt für Bläsersätze aus dem Grundkurs "Ska-Trompete für Anfänger" von Roy Etzel.



3.) Ich mag auch keine Bands, die auf deutsch lustige Texte schreiben. Sogenanntes, party-taugliches Liedgut. Aufforderungen zum Tanz, über den Stuhlgang von Mädchen (MKB) oder platt formulierte Polit-Lyrics im A-B-A-B-Reimschema sind ganz ganz schrecklich. Das ging eventuell vor 20 Jahren bei den ÄRZTEN oder WIZO ganz gut, bei SONDASCHULE und den KASSIERERN war so ein Mist irgendwann auch nicht mehr lustig. Jetzt braucht es sicher keine drittklassige Berliner Rumpelcombo, die die Thematik nochmal durchkäut. Ein wenig DaDa, Absurdität und Improvisation in Text und Musik würde die Sache vielleicht wieder interessant machen. Offbeat-gestützte Kack-Texte gingen eventuell in den 90ern auf westdeutschen Dorfparties ok. Aber, ach nee, nicht wirklich. Haben wir damals aber nicht gemerkt. Konrad ist tot, Funpunk is over. Akzeptier's einfach.



4.) Ich mag auch keine Ska-Bands, die aussehen, als wären sie beim Kirchenchor die falsche Tür genommen. Klar, langhaarige Jungs, die gerade das Abi in der Tasche haben und seit dem 10. Lebensjahr Blechblasinstrument spielen, empfinden Ska sicher als große Befreiung von dem Zeug, was sie unter der Knute des Herrn Kaplan jedes Jahr zum Weihnachtskonzert geben mussten. Dagegen ist Ska natürlich cool. Aber da fehlt was. Nämlich die Smartness, die Ska-Bands mitbringen, die ihre Wurzeln in der Skinheadszene haben. Dadurch bekommt die Sache möglicherweise etwas mehr Schwung. Leider sind Trompetenabiturienten mit Bart, Brille, nettem Mutti-Haarschnitt und schwarzer Buntfaltenhose keine smarte Ska-Combo, sondern nur deren biederer Abklatsch fürs JuZE am Stadtrand.



5.) Natürlich ist es für mich als alter Sack relativ leicht, über so eine junge Band wie SKAMARLEY her zu ziehen. Vor der Musikanlage sitzend, kann man immer meckern. Aber wenn ich das höre und davon ausgehen muss, dass Skabands hierzulande im Jahr 2016 nur solch einen belanglosen und vorhersehbaren Scheiß zusammenspielen können, dann sinkt mein Interesse an Ska noch weiter. Vielleicht haben die Typen auch mit mir einfach dem komplett falschen Rezipienten für ihrer Musik gefunden. Ich finde das nämlich unglaublich schlecht und langweilig.

SKARMARLEY spielen übrigens 2016 noch zwei Konzerte in Berlin. Eine Empfehlung da hin zu gehen, kann ich leider nicht wirklich aussprechen. Ich möchte nicht mal wissen, ob sie live besser sind als auf CD. Es interessiert mich so gar nicht, wie das bei denen auf der Bühne abläuft. Aber ich bin sicher, dass die Band auch ohne Renfield-Warnhinweis einen Sack voll Dosenbier saufender, BW-Rucksacktragender, möglicherweise TERRORGRUPPE-Shirt-tragende anziehen wird, die Mutti den Fünfer Extrataschengeld fürs Konzert aus den Rippen leiern wird. Werde mir stattdessen bei einer heißen Schokoladen die Madness-Doku anschauen.



Ein gutes hat die Sache aber doch: Selten hat es mehr Spaß gemacht, eine CD mit Schwung in den Mülleimer zu werfen. Ich kann das nicht mehr hören, tut mir leid.

(T auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Bewertungs-Skala. Weil man Trompete nicht mit Z schreibt.)
Gary Flanell

www.skarmarley.de

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