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Mittwoch, 27. Juli 2016

Freedom Rockets for Milo

DESCENDENTS-Fans sind scheiße.
Ja, ich weiß, das ist eine steile These. Aber es gibt Ereignisse in den letzten Tagen, die für diese Behauptung Gründe liefern.

Los ging's damit, dass die DESCENDENTS, eine der dienstältesten und wohl auch einflussreichsten Pop-Punkbands, am 29. Juli eine neue Platte raus bringen. Die heißt "Hypercaffium Spazzinate". Dazu schickt man gleich eine 5-Song-EP hinterher. Die heißt schlicht "Spazz Hazard".

Was bei beiden Titeln auffällt, ist die Verwendung des Wortes Spazz. Und der geht gar nicht. Denn "Spazz" bezeichnet im Englischen recht abfällig Menschen mit einer Bewegungsstörung, die durch eine frühe Hirnschädigung verursacht wird. Im Deutschen wurden Menschen mit einer solchen Behinderung früher - analog wie im Englischen - einfach als Spastis oder Spast(en) bezeichnet. Hat sich im Laufe der Jahre auch als ganz normales Schimpfwort durchgesetzt. Etwas weiter verbreitet, aber von gleicher Wortherkunft ist der vielbenutzte Spacko oder Spacken.

Im Deutschen wie im Englischen ist das Wort Spast bzw. Spazz sehr beleidigend, egal ob man nun Spastiker ist oder nicht. Ich denke, die DESCENDENTS haben den Begriff bei der Namensfindung ihrer Platte eher unbedarft eingesetzt. Aber das ist im Jahr 2016, vor dem Hintergrund von Begriffen wie Inklusion und der zunehmenden Integration von Behinderten, einfach nur total dämlich und dumm (beides!).

Für die englische Punkband HEAVY LOAD, die zu 2/3 aus Menschen mit Behinderungen besteht, war dieser Titel der DESCENDENTS-Platte ein Grund zum Protest. Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu erwähnen, dass die DESCENDENTS eine US-amerikanische Band sind, HEAVY LOAD aus Großbritannien kommen. Trotz gleicher Sprache hat der Begriff "Spazz" in beiden Ländern eine unterschiedliche Wertigkeit. Ich glaube, dass in England dem Begriff Spazz sensibler begegnet wird als im sonnigen Kalifornien, wo die DESCENDENTS herkommen. Trotzdem sollte man sowas auf dem Schirm haben, wenn man seine Platte so benennt. Dazu kommt die Einschätzung von HEAVY LOAD auf ihrer Homepage: "There also seems to be a real trend at the moment for people to proudly declare they are ‘politically incorrect and proud of it’.
Ganz allein stehen HEAVY LOAD mit ihrem Protest nicht, Unterstützung gab es auch von seiten des Blogs realgonerock.



Aber wie kann eine relativ unbekannte Punkband, ihren Unmut gegenüber solchen Szenestars wie den DESCENDENTS über deren Albumtitel äußern?

Was sie taten, war folgendes:
1.) Auf ihrem Blog einen Post setzten, der eindeutig gegen die Nutzung von "divisive language" Stellung bezieht.
2.) einen offenen Brief an die DESCENDENTS schreiben
3.)Aufruf zum Boykott der neuen DESCENDENTS-Platte.
4.) Ihrerseits ein an das bekannte Milo-goes-to-irgendwas-Motiv angelehntes T-Shirt anbieten. (Bestes DESCENDENTS-Fake-Shirt seit langer Zeit, übrigens).
5.) Eine Petition starten, die die DESCENDENTS dazu auffordert, den Titel ihres Albums zu ändern.

Nun kann man ganz pragmatisch sagen: Das bringt ja eh nichts. Die große DESCENDENTS-Werbewalze ist schon Monate vor dem Release im Gang, da sind Plattencover gedruckt, Anzeigen geschaltet, Touren gebucht, Shirts gedruckt, all das. Stimmt. Aber es geht bei dieser Aktion von HEAVY LOAD vielmehr darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aufmerksamkeit für den wirklich dummen Umgang mit einem Begriff, der in den 70er und 80ern oft benutzt wurde, aber auch da schon ein sehr abwertendes Schimpfwort war.
Zumindest wäre ein Statement der DESCENDENTS zu der ganzen Sache drin gewesen. Aber da kam nix. Und von einer Band, bei der immer wieder gern erwähnt wird, dass ihr Sänger ja ein gebildeter Mensch mit einem Doktortitel in Biochemie ist, wäre etwas mehr Reflexion bei der Wahl des Albumtitels sicher zu erwarten gewesen.

Was stattdessen als Reaktion für die HEAVY LOAD-Crew kam, war die geballte Wut der DESCENDENTS-Gemeinde.
Nur fünf Tage nachdem die Petition gestartet wurde, musste sie eingestellt werden. Warum? Weil aufgebrachte, von der Kritik an ihrer ach-so-tollen Lieblingsband in ihrem Innersten verletzte DESCENDENTSfans die Website und den Facebook-Account von HEAVY LOAD sabotiert haben. Na, spitze.

Was man sich in dem Zusammenhang mal fragen kann: Wie sieht der typische DESCENDENTS-Fan eigentlich aus? Wahrscheinlich ähnlich wie die Band. Weiße Männer mittleren Alters, möglicherweise eher der Mittelklasse zugehörig, also gar nicht so arm, und wahrscheinlich mit einer ganz ordentlichen Ausbildung - und wohl auch ganz ohne körperliche und geistige Behinderung. Ja, ich weiß, da kann ich mir an die eigene Nase fassen. Aber es kotzt mich an, dass man aus dieser Position heraus dermaßen nachtreten muss, wenn es mal zu einer Kritik an deiner Lieblings-Punkband kommt.

Und dass, nachdem gerade mal 201 (in Worten ZWEIHUNDERTUNDEINE!) Personen, diese Petition unterschrieben haben.
Dafür gibt's dann gleich massenhaft Drohmails und Webseitesabotage? Von Leuten, deren liebste Band wahrscheinlich tausendmal soviele Fans hat? Die sich mit ihrer neuen Platte, all den dazugehörigen Shirts und dem anderem Merch-Klimbim wahrscheinlich doof und dämlich verdient?
Eine Band übrigens, die ihrerseits total gerne auf ihr Außenseitertum und ihr Nerd-Dasein in ihren Songs thematisiert. Und in deren Namen wird jetzt auf die nächsten Outsider getreten, nur weil die mal Protest anmelden in einer Sache, die sie persönlich was angeht?
Es kotzt mich an. Deshalb sind DESCENDENTS-Fans scheiße.

P.S.: Dear Bill, Milo, Karl and Stephen,
I suppose, you won't understand a word of what I wrote above. But maybe you heard about the protest of HEAVY LOAD from England about the title of your new album. Would be overcharged from you to issue at least a statement regarding to this topic? I'd really appreciate that.

Cheers from a Plattenbau in East-Berlin,
Gary Flanell

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