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Donnerstag, 31. März 2016

Es war einmal … ein Interview mit Safi

Endlich wieder Berliner? Keine Ahnung, ich habe SAFI und Safi zunächst im städtischen Hexenhaus vom niederrheinischen Viersen erlebt. Wo auch immer sie und ihre unwirkliche Musik herkamen – dass aus einer Märchenwelt, schien noch am wahrscheinlichsten. 2015 nun „Janus“, und nichts wird realer.
Flüsternd und schreiend durch die Wälder, an Haaren die Wände hinauf, auf Flügeln wieder hinab und mit einem mächtigen Sprung ins sirenen- und buttbewachte Schwarz. Ein Lied dann. Donner?
Ist Safi ist SAFI ist Safi.

Philip: Es war einmal … Ja, was denn eigentlich? Heute schon irgendwelchen Hexen, Zwergen oder Prinzen begegnet?

Safi: Heute, Montag Morgen, in der U-Bahn sind zwei Riesen aufgetaucht. Die wollten meine Fahrkarte sehen – sie kamen quasi aus dem Nichts …

P.: Neue Platte am Start, und es soll hier um Märchen gehen.
S.: Ein schönes Thema! Die Welt ist ein Märchen, ständig passieren unglaublich gruselige und brutale Dinge. Aber auch Wunderbares, Erhebendes. Jeder Mensch entscheidet nach seiner Herkunft und Bildung, was Gut und was Böse ist. Und muss als einsamer Held bestehen, gegebenenfalls mit Unterstützung von Lebensphilosophien, Vorstellungen, starken Wünschen, kleinen Freuden oder Freunden, die ihm übermenschliche Kräfte verleihen.
Der Janus-Titel des Albums symbolisiert den Blick in die Welt, der in alle Richtungen gleichzeitig schaut und alles ungefiltert und ohne zu werten oder einzuschränken wiedergibt, was er wahrnimmt.
Janus kann aber auch der kleine Held sein, der in uns wohnt und uns erinnert, die Dinge aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten, um klüger, vielleicht zum Besten des Umfeldes, handeln zu können. In diesem Moment tritt der Held in den Schatten, er tritt zurück während er seinem Umfeld etwas gibt.

P.: Spielten Märchen früher bei dir eine Rolle? Wer hat wem erzählt, vorgelesen, von Kassette, Platte, Festplatte vorgespielt?
S.: Meine Ma musste mir, ganz wichtig, jeden Abend Märchen vorlesen. Ich habe völlig in der Märchenwelt gelebt und war sämtliche Prinzessinnen und Feen. Das war sehr prägend für mich. Ich habe jeden einzelnen Satz wiederholt, den sie mir vorgelesen hat. Ich konnte alle Märchen bereits auswendig und habe sofort jeden Fehler bemerkt, der sich beim Lesen eingeschlichen hat. Sie hat mir neulich erzählt, als sie mir ein Versprechen abnehmen musste, etwas Bestimmtes nie wieder zu tun, versprach ich ihr mein erstes Kind, wenn ich Königin werde.

P.: Favorisierte Story oder Figur? Und wer oder was war Garant für Grusel und schlechte Gefühle?
Safi: Favoriten waren unwirkliche Gestalten wie Feen, die zaubern und fliegen konnten und so eine Art Lichtwesen waren. Andersrum aber auch die Räubertochter im Wald, die mit Messern spielt und die kleine Gerda beschützt, die auf Suche nach dem verschollenen Kay ist.
Sie schenkt Gerda dann ihr liebstes Rentier und so kann es Gerda bis an den Nordpol zum Palast der Schneekönigin schaffen, wo sie Kay findet, der damit beschäftigt ist, das Wort „Ewigkeit“ zusammenzusetzen.
Und da ist auch der Grusel – das Ungreifbare, Unterschwellige, Unausweichliche, etwas, was immer vorhanden ist, eine Bedrohung, aber auch kalte Abwesenheit von Liebe, unbestimmte dunkle Kraftfelder, denen man sich nicht ohne Weiteres entziehen kann. Und genauso beängstigend fand und finde ich in Märchen wie im echten Leben körperliche Gewalt und Mord. Nicht aber den Tod selber.

P.: Zumeist ist die Märchenzielgruppe arg minderjährig und sehr empfänglich für die Bilderwelten und Spinnereien. Hexen, Drachen, brrrrr. Zauberer, Einhörner, oooooh. Mord und Totschlag, Sex and Crime, Missgestaltete und Besessene. Alles eigentlich Fälle für die Bundesprüfstelle?
S.: Nicht gut, auf diese Weise kleine Menschen zu beeindrucken, damit sie später besser spuren. Interessant, dass gleich damit in den kleinen Köpfen jeweilige Moral- und Wertevorstellungen eingraviert werden. Mich würde mal interessieren, wie verbreitet die klassischen Märchen heute noch sind. Inwieweit mündliche Überlieferung aus der Vergangenheit in die Zukunft heute noch anhält. Inzwischen explodieren ja die Möglichkeiten der Verbreitung von Inhalten.
Die märchenhafte Darstellung von Vorgängen durch übersteigerte Charaktere, die ganz klar nicht menschlich sind, finde ich aber längst nicht so schlimm wie unkontrollierter Genuss aller gängigen Medien, denen Kinder überall ausgesetzt sind, wo flache Ablenkung angereichert mit Gewalt, ungefiltert und ohne sinnvollen Input dargeboten werden.

P.: Ist die Zeit der Märchen am Ende vorbei? Niemand berichtet wem anders noch bei Kerzenschein, alles ist bis ins Letzte erklärt und verplausibilisiert, und bevor es einem gewesen sein könnte, ists schon überholt und vorbeigeupdatet.
S.: Ich denke, die Offenheit für Märchen ist immer da. Leider ist sie ja auch da für all den Quatsch, der den großen und kleinen Leuten um die Ohren geschleudert wird. Bedürfnis nach Sinn, Übersinn, Sehnsucht nach einem Etwas, was alle Probleme beseitigt, der Wunsch nach Geborgenheit und Gerechtigkeit werden immer da sein, und so könnten Märchen immer wieder Comebacks erleben, auch wenn sie neue Formen annehmen. Hallo Superhelden?

P.: Pazonk! Eine Welt aufgeteilt in Unverkennbar-Gut und Unverkennbar-Böse, und der Ausgang ist immer derselbe Beruhigende – das täte so kissengut! Endlich mal kein Dauerausloten von Schattierungen und Interpretieren von Zwischentönen, plötzlich alles so einfach …
S.: Natürlich langweilig. Aber in der Vorstellung wichtig! Der Mensch braucht seine Probleme. Und die Hoffnung, Probleme und Aufgaben zu lösen, um zu wachsen und innere Grenzen zu durchbrechen. Aber sollte sich die Welt irgendwann sehr friedlich entwickeln und alles im Einklang sein, so kann es sein, dass es den Menschen so nicht mehr gibt, weil er sich selbst abgeschafft hat...

P.: Märchen geht mit Bild geht mit Schauspiel geht auch mit Musik. Geht mit SAFI?
S.: Klar. Weil wir beim Hervorrufen von Klängen in dem Moment eine Welt erschaffen, so wie wir auch beim Hören von Klanggebilden eine Welt empfinden. Deshalb ist Musik wie Theater, Tanz, wie Malerei oder Literatur oder Märchen. Nur eben konzentriert auf akustischer Ebene mit mehr oder weniger Optik.
Ich moralisiere zwar nicht, aber nehme eine Art Schwebeposition ein und gebe assoziativ wieder, was ich beobachte. Dabei entstehen oft Wort- und Satzkombinationen, die vielleicht logisch nicht zusammen passen, aber beim Empfänger doch etwas auslösen.
Mit Hilfe einer Art Collagetechnik erschaffe ich emotionale Bilder, die beim Hörer eher übers Empfinden als über den Verstand aufgenommen werden. Märchen bestehen ebenso aus emotional aufgeladenen Bildern, denen aber jeweils eine logische Erzählstruktur zugrunde liegt. Die Gemeinsamkeit besteht darin, Inhalte an einen Empfänger zu übermitteln und das mit Hilfe von Sinnbildern.



P.: Safi schreibt selbst ein Märchen. Bitteschön:
S.: Es war einmal ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden. Eines Tages verdunkelte sich der Himmel und am Horizont stieg ein gewaltiger Riese empor.
Sein Blick war furchtbar und entschlossen. Kein Einzelner konnte sich seiner Macht entgegenstellen.
Jeder Unglückliche, der das versuchte, musste sterben. So schlossen sich die Menschen des Landes fest zusammen und ersonnen einen Plan, wie sie des Monsters Herr werden könnten.
Sie bildeten ein Heer und stürmten wie Ameisen auf den Riesen zu, kletterten an seiner zerklüfteten Haut empor, drangen in seine Poren ein, besetzten jede Zelle seines Körpers, verschmolzen mit seinem Körper.
Der Riese wankte, fiel beinahe, aber die Menschen hatten ihn fest in ihrer Gewalt, denn sie WAREN jetzt der Körper.
Das gefiel den Menschen so gut, dass sie nichts anderes mehr wollten, als den Riesen zu steuern. Sie vergaßen ihre kleinen Sorgen und Wünsche und ergötzten sich an ihrer neuen gemeinsamen Übermacht.
Und gerade so als ob der Riese, der hinter dem Horizont hervor gestiegen war, keine merkliche Veränderung erfahren hatte und auch nicht für einen Moment zum stehen gekommen war, bewegte er sich immer weiter in Richtung des nächsten Horizontes.
Dahinter lag ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden...

P.: Unbenommen dessen, dass alle noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind – letzte Worte?
S.: Aufeinander aufpassen und Verantwortung übernehmen, im Zweifel nachdenken statt mitlaufen.


Ist SAFI ist Safi ist SAFI.
Und es ist Donner, übertönt von Liedern, auseinander berstend und sich zusammenrollend, ein Streicheln, ein Schlag, dann Stille. Alsbald in deinen Ohren, dann und wann auch vor deinen Augen auf einer Bühne um eine Ecke.



safimusic.com


Text: Philip Nussbaum
Fotos: Stephanie von Becker, Steve Viezens, Robert Soujon

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