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Dienstag, 3. März 2015

No. Stage. For. Rapists.


„Also ihr meint, ihr wollt das nicht hinterfragen...“ Eine nachdenkliche, irgendwie zaghafte Stimme. „Das versteh ich, ja... Aber sind wir denn ganz sicher, dass es nicht...“ Die Stimme verstummt kurz, obwohl man ihr angehört hat, dass sie noch etwas auf dem Herzen hat.
„Dass es nicht... was?“ fragt eine andere Stimme aus der Runde nach, freundlich, aber auch schon mit einem etwas unglücklichen Unterton. Alle wissen natürlich, was jetzt kommt und dass das Problem prinzipiell nicht zu lösen ist. Die Stimme nimmt ihren Mut zusammen. „Dass es nicht auch Missverständnisse geben kann?“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein junger Mann im Besitz einer Gitarre, einer Band und einer Bühne Anspruch auf die Aufmerksamkeit von Frauen hat. So oder so ähnlich schrieb schon Jane Austen. Und auch wenn Groupietum inzwischen deutlich weniger zeitgemäß ist als Jane Austen, hält sich selbst in der subkulturellsten aller Untergrundszenen irgendwie hartnäckig die Vorstellung, dass da doch was gehen MUSS mit irgendeiner dieser jungen, manchmal sehr jungen Frauen im Publikum. Müssten sich die Mädels nicht irgendwie, na ja, sagen wir doch mal, geehrt fühlen? Ist nicht der Typ auf der Bühne irgendwie ein bisschen auch ein Star? Und wenn das nun zu Missverständnissen führt?
Neben dieser allgemein anerkannten Wahrheit gibt es da eine Geschichte. Die Geschichte wurde zwei Musikerinnen erzählt, die gemeinsam in einer Band spielen. Die beiden Musikerinnen waren in Tel Aviv unterwegs und trafen dort auf eine junge Frau, die den Kontakt zu ihnen über ein beliebtes soziales Medium gesucht und gefunden hatte. Die junge Frau hatte festgestellt, dass die Band der beiden Musikerinnen auf dem Online-Sampler eines kleinen Berliner Indie-Labels vertreten war. Auf diesem Sampler befand sich auch eine andere Band, die der jungen Frau persönlich bekannt war. Sie erzählte den beiden Musikerinnen, dass sie von einem Musiker dieser anderen Band zwei Jahre zuvor in Tel Aviv vergewaltigt worden sei.

Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe sind im Verständnis vieler Menschen von einem Nebel des Unbehagens umgeben. Es sollte nicht so sein, aber schon beim ersten Erfahren von einer solchen Geschichte spaltet sich die Zuhörerschaft in zwei: in solche Menschen, die sich selbst vorstellen können, dass ihnen etwas derart Verletzendes widerfährt, die vielleicht auch wissen, wie es sich anfühlt. Und in solche, die es sich nicht vorstellen können und nicht wissen, wie es sich anfühlt.
Diese Menschen wissen natürlich, dass es sich um eine ernste, wichtige, schmerzhafte, ja existenzielle Angelegenheit handelt. Aber sie wissen es eben nur, sie fühlen es nicht. Sie fühlen, dass sie gezwungen werden, sich mit etwas zu befassen, womit sie sich ganz und gar nicht befassen wollen. Viele von ihnen werden nun versuchen, da sie ja zu der Auseinandersetzung gezwungen sind, möglichst gerecht und vernünftig zu sein. Wie urteilt man gerecht und vernünftig über ein Ereignis, von dem man erzählt bekommt? Wie kann eine Zuhörerschaft ein Urteil über einen Bericht fällen? Gibt es Zeugen? Nein, meistens und auch in diesem Fall gibt es keine Zeugen. Es gibt nur die Person, die sprechen will, und die Person, die schweigen will.


Natürlich hätte auch das ein Missverständnis sein können. Denn der junge Mann wollte ja nichts Böses. Er war, so sagte er auf die Frage eines Freundes hin, unter dem Einfluss euphorisierender Substanzen. Gewiss könnte er die junge Frau missverstanden haben, der er im Dunkeln gefolgt ist. Er könnte missverstanden haben, dass ihm eine eigenständige Person mit einem eigenen Willen gegenüber steht. Vielleicht hat er sie verwechselt mit einer Art belebter Puppe, die von einem fröhlichen, gutmütigen Marionettenspieler zu seinem ganz persönlichen Vergnügen bereitgestellt worden ist.
Die junge Frau hat selbst lange Zeit geschwiegen. Es gab dann aber einen Punkt, an dem sie entschieden hat, dass es ihr helfen wird und dass es ihr möglich ist, zu sprechen. Anfangs tat sie das im Rahmen einer subkulturellen Szene in Tel Aviv. Dort wurden die Anschuldigungen tot geschwiegen. Man wollte die Szene schützen. Dennoch tauchten hier und da noch andere, ähnliche Geschichten auf. Die Band ist inzwischen aus Israel verschwunden. Sie lebt und spielt jetzt in Berlin.

Heute ist die Band nicht mehr auf dem Online-Sampler des kleinen Berliner Indie-Labels vertreten. Denn die beiden Musikerinnen, die als erstes selbst mit ihrer Band von dem Sampler zurückgetreten sind, haben mit einer Gruppe von Gleichgesinnten zusammen ein Schreiben aufgesetzt und sind damit an die Öffentlichkeit getreten. Das heißt, an einen Teil derjenigen Öffentlichkeit heran, die sich ihrer Meinung nach für das Sprechen und das Schweigen über sexuelle Gewalt interessiert – und für Bands und ihre Bühnen. Diese Gruppe von Gleichgesinnten nennen sich No Stage For Rapists.

Eine Bühne geben, heißt, jemandem Raum für eine Performance zu geben und damit auch Macht. Denn es gibt tatsächlich eine Art der intensiven, fast erotischen Beziehung zwischen einer Band auf der Bühne und ihrem Publikum. Die Band kann die Aufmerksamkeit dieser Menschen beanspruchen und nutzen, ihre Gefühle bewegen, sie vielleicht sogar begeistern. In einer kapitalistisch geprägten Verwertungskultur zählt dabei nur, wie sich die Band so vermarkten lässt, dass sie möglichst viele Menschen vor die Bühne bringt.
Wenn es eine Alternative zu dieser Kultur gibt, kann sie nicht nur darin bestehen, dass wir die Musik zu schätzen wissen. Denn die Beziehung zu einer Band ist mehr als nur Musikkonsum. Von einer Band, der wir Bühne geben, dürfen wir eine gewisse Haltung erwarten, nennen wir es ein Bemühen um Integrität. „Es war bloß ein Missverständnis“ reicht da irgendwie nicht ganz aus.
Niemand wird jemals genau wissen, was sich zwischen der jungen Frau und dem jungen Mann damals abgespielt hat außer den beiden Beteiligten. Wir brauchen es auch nicht zu wissen. Wir sind nicht aufgerufen, eine solche Geschichte zu bewerten und zu urteilen, aber wir dürfen erwarten, dass sie nicht einfach totgeschwiegen wird mit dem Verweis darauf, dass ja eigentlich nur die Musik zähle. Das wäre nun wirklich ein Missverständnis.

Alissa Wyrdguth

Fragen? Gerne an no.stage.for.rapists@googlemail.com.

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