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Sonntag, 19. Februar 2017

Alles andere ist Tanzschule - Für Gerrit Meijer (RIP)

Sad news: Gerrit Meijer, Gitarrist bei Berlins erster Punkband PVC, ist am Wochenende gestorben. Aus diesem Grund gibt es auf dem Renfield-Blog ein ausführliches Interview mit Gerrit, das in Renfield Nr. 21 und 22 erschienen ist. Weil das Gespräch damals sehr ausführlich und unterhaltsam war, wurde es auf zwei Hefte verteilt. Gerrit war beim Termin in seiner Wohnung in Moabit sehr gesprächig, dabei aber nie langweilig. Viele Anekdoten, die nun mal zusammenkommen, wenn man ewig und umtriebig Musik macht, wirkten sehr unterhaltsam und vielleicht war es das, was das Bild von ihm so prägte: Einer der gut erzählen konnte, aber auch immer seinen eigenen Weg gegangen ist. Wenn es einen Weg gibt, Punk als Haltung in Würde mit ins Alter zu transportieren, dann hat Gerrit Meijer ihn wohl gefunden.



Gary Flanell: Hallo Gerrit, auf euer myspace-Seite stand, daß ihr auf Labelsuche seid, wie sieht’s denn damit zurzeit aus?
Gerrit: Ja, wir suchen nen Label und auch nen Booker. Die Sache ist aber so, daß die Labels heutzutage total festgefahren sind. Bei einem Oi-Label zum Beispiel ist es völlig klar, daß da 3 oder 5 Glatzen abgebildet sein müssen, wenn diese Erscheinungsform nicht stimmt, dann lässt der Käufer die CD schon mal außen vor, weil das für ihn dann einfach nicht stimmt…

GF: Wo wir mal wieder bei den berühmten Szene-Scheuklappen sind…
G.: Klar, da sind wir dann bei diesem Spießbürgertum angelangt, von dem gerade diese Herren dann meinen, dass sie völlig anders sind und dabei entsprechen sie gerade dem Ideal ihrer Väter in jeglicher Form, eigentlich sogar noch mehr…

Eine Freundin von mir, die selber mal in so’ ner Band gespielt hat - die nannten sich Leningrad Sandwich, das war noch zu alten Westberlin-Zeiten - die hat das mal so ausgedrückt: Wer heute Punk ist, der macht ja selbstverständlich keinen Punk. Und damit hat sie es eigentlich auf den Punkt gebracht. Alles andere ist ja Tanzschule. Das ist genau wie mit den Leuten die in die Tanzschule gehen und da dann Rock’n’Roll lernen. Die lernen da irgendwelche bestimmten Schritte und dann wissen die: „Aha, das ist jetzt Rock’n’Roll“ und wenn jetzt einer anders tanzt, dann sagen die: „Der macht ja gar nicht den doppelten So-und-So, also macht der gar keinen Rock und Roll.“ Es ist das Gegenteil von der Vorgabe.

GF: Mal zurück zu der Booker- und Labelsuche: Wieso bringt ihr die Platte denn nicht selber raus, so D.I.Y.-mäßig?
G.: Wenn uns nichts anderes übrig bleibt, werden wir das wohl machen. Man kann heute ja ganz andere Foren nutzen, z.B. CD-Baby, die sitzen in den USA. Von da aus erfolgt zentral der Vertrieb in alle Welt und die bestücken auch alle Runterlade-Foren. Der Vorteil ist der, dass der Anteil, Gewinn an der einzelnen CD wesentlich höher ist als bei einem herkömmlichen Label, allerdings bleibt einem auch sämtliche Werbung selber überlassen. Das ist der Nachteil. Man muss auf irgendeine Art und Weise zusehen, an die Leute ranzukommen, die wenden sich dann an CD-Baby und dann kann man sich was zuschicken lassen.



GF: Und wie siehst aus mit Gigs organisieren – macht ihr das auch noch selber?
G.: Ja, aber eigentlich mache ich das überhaupt nicht gerne. Gerade im Osten gibt es ne ganz strenge Teilung zwischen Norden und Süden. Im Süden ist es besser, im Norden geht’s gar nicht. Da hören die bloß: „Ach, die singen gar nicht englisch und machen auch nicht den üblichen Uffta-Uffta-Rhythmus.“ Da ist man schon irgendwie in der national befreiten Punkzone gar nicht geduldet.

GF: Beim Gig im Wild at heart fand ich übrigens, daß ihr soundmäßig ganz anders im Vergleich zu den Razorquills und Texas Terry wart. Die waren mehr auf der Punkrockschiene und ihr habt da mehr was Sperriges gemacht. Das war ein schöner Bruch irgendwie.
G.: Es ist ja immer so. Die Leute gehen auf die Bühne und denken: Jetzt zeigen wir mal, daß wir ganz harte Jungs und Mädels sind und legen dann volles Rohr los. Das haben wir ja nicht gemacht. Wir haben mit was völlig anderem angefangen. Das ist auch so meine Idee von Punk. wir haben einen alten Little-Richard-Song gewählt und haben den völlig demontiert. Das sind so Sachen, die mir liegen und die ich gerne mache.

Ich hab ja auch früher in anderen Bands gespielt und muss sagen, daß Anfang der 80er-Jahre, so von 79 – 82, mehr Experiment vom Publikum geduldet wurde. Die Leute hatten andere Hörgewohnheiten und waren einfach neugierig. Heute ist es so: Das Wild at heart hat ja noch eine Bandbreite. Die Leute, die da hingehen, sind noch offen für vieles andere. Das merkt man auch an der Musik, die vorher läuft oder wenn man im Riki-Tik ist, da läuft Surf und Country und so was. Und das Ganze läuft im Wesentlichen unter Trash und solange der Trashfaktor gewahrt bleibt, ob der jetzt mit einer Posaune oder mit drei E-Gitarren stattfindet, ist das für die Leute ok. Die finden es halt dann gut oder nicht so gut, das hängt dann auch von der Band selber ab. Man hat als Band im Wild at heart immer eine gute Chance anzukommen.



GF: Wobei das Wild at heart für mich schon so ein typischer Punkrockladen ist. Ich finde Bands wie Texas Terry oder so, das sind schon Bands, die meiner Meinung nach den Sound, der da läuft, ziemlich typisch darstellen…
G.: Ja, aber so ein typischer Punkladen ist es eigentlich nicht. Da ist das Spektrum schon etwas weiter. Ein typischer Punkladen ist für mich das Thommy-Weißbecker-Haus. Das ist klar, da geht gar nichts anderes. Da sind die ganzen Raubritter und Irokesenträger und die wissen ganz genau wie’s zu laufen hat. Da passiert’s zum Beispiel auch, wie mir ein Bekannter sagte, daß ihm erklärt wurde, aufgrund seines Aussehens wäre er gar nicht punkwürdig. Dabei ist das ein Typ, der schon 1977 dabei war und der mit der Sache bestimmt mehr zu tun hat, als diese 5te-Generation-Punks.

GF: Gab’s eigentlich für dich irgendwann einen Zeitpunkt, an dem du für dich gemerkt hast, daß dich diese ganze Punksache gar nicht mehr interessiert?
G.: Das hängt aber gar nicht mal damit zusammen. Für mich war Musik auch immer aus Abenteuer gemacht. Ich hab mich lange Zeit von jeglicher Art von Popmusik total entfernt. Ich habe dann mit Musik Bekanntschaft gemacht, die man dummerweise seit 1910 ungefähr als Neue Musik bezeichnet. Komponisten des 20 Jahrhunderts. Die interessieren mich auch heute noch. Ich bin davon wieder ein bisschen abgekommen. aber so 15 Jahre lang habe ich bestimmt nichts anderes gehört.

Wenn mir dann einer gesagt hätte: Heute Abend spielen So-und-so, war mir das scheißegal. Ich bin auch nur durch Zufall wieder dazugekommen und hab jetzt wieder mehr ein Bedürfnis nach Experiment. Wir bringen das ja in einer Form ein, die immer noch zugänglich ist. Aber schon da kommen Experten, die sagen: Früher war das viel authentischer. Was heißt das denn? Früher hat man mit Murmeln gespielt, jetzt spielt man nach 25 Jahren nicht mehr mit Murmeln, ist man dann nicht mehr authentisch? Das sind so bekloppte Wortspiele.

Da werden auch schnell mal Begriffe zum Einsatz und in Verbindung mit Umständen gebracht, die überhaupt nicht zueinander passen unter Verkennung der eigentlichen Bedeutung. Authentisch ist man doch, wenn man macht, was man will, aber nicht, wenn man festhält.
Was ich verstehe, wenn Leute sagen: Sie haben eine Weile gesucht, haben ihr Ding gefunden und bleiben da, aber das ist nicht mein Ding.

GF: Veränderung gehört meiner Meinung auch zu Punk. Die Ramones haben ewig lang den gleichen Sound gemacht und als sie mal versucht haben, sich ein bißchen zu ändern, haben alle gemeckert. Aber mal zurück zur Band. Gab’s PVC eigentlich durchgehend die ganze Zeit bis heute?
G.: Es gab drei Abschnitte. der erste von 77-84 in drei verschiedenen Besetzungen. Dann ging’s noch mal von 1988-1991, das waren dann auch drei verschiedene Besetzungen und dann wieder seit 2004, das ist jetzt auch schon die dritte Besetzung aber die funktioniert schon seit Ende 2006. Damit bin ich jetzt auch ganz zufrieden. Ich habe auch den Eindruck, wenn man mal die Quersumme aller musikalischen Aspekte zieht, ist das auch die Besetzung, die am besten funktioniert.



GF: Habt ihr eigentlich immer zu dritt gespielt?
G.: Nee, wir waren früher auch mal zu viert, aber als ich wieder angefangen hatte, war das so ’n Zufall. Das war mit den Shocks. mit denen hatte ich es wieder gemacht, das war sozusagen meine Backingband, wobei wir deren Zeug und das PVC-Sachen immer total getrennt haben. Da fiel mal der Gitarrist aus und dann haben wir es halt zu dritt gemacht und das gefiel mir schon sehr gut, denn zu dritt läuft es so: Wenn du der einzige Gitarrist bist, dann bist du 100pro zuständig, das ist wie bei ’nem Tennisspieler, der ist niemand weiter. Du bist nichts anderes, du musst immer 105% da sein und auch in meinem Fall, gerade weil ich auch der Sänger bin und dann mein Zeug fummele, das macht mir schon ziemlich viel Spaß. Zu dritt kommt man auch schneller auf den Punkt. Und was mich auch in früheren Besetzungen geärgert hat, war, daß der zweite Gitarrist nie das gespielt hat, was ich mir so vorstelle.

Der Ulli, der im Wild at heart den Mix macht und bei CHURCH OF CONFIDENCE spielt, der sagt auch: Er macht nix mehr mit einem zweitem Gitarristen. Ehe da einer steht, der nicht die Fantasie aufbringt, was dazu beizutragen und nur mit dir mitschrammelt, dann kannst du auf den auch verzichten. Musik unterliegt ja auch immer einer gewissen Ökonomie. Das stelle ich bei unheimlich vielen Bands fest. Die denken, sie müssten immer schrammeln und ständig Krach machen. Das ist dann auch nur laut, da gibt es ja gar keine Dynamik. Dem unterliegen so viele Bands. Wenn du also bei so ’nem Festival bist, dann klingen die alle gleich, drehe alle ihre Marshalls auf und schrammeln wie die Blöden, und es ist gähnend langweilig.

GF: Bei vielen Festivals spielen ja auch nur noch Bands einer Stilrichtung, da wird meiner Meinung nach wenig gemischt. Bei einem HC-Festival haben die alle den gleichen Beat, alles so’n bisschen metalmäßig, die gleichen Posen, den gleichen Sound…
G.: Genau, da verstehe ich aber auch die Anspruchshaltung des Publikums nicht. Als wir so 1977 angefangen haben, da gab’s ja nix weiter, da waren wir die einzigen. Und da ist uns auch nach 5-6 Stücken aufgefallen, dass das Publikum langsam etwas gelangweilt war. Dann dachten wir uns: Wir müssten immer mal was anderes einbauen und selbst wenn es total langweilig ist, einfach, damit es hinterher wieder richtig losgeht.

Bei den typischen Festivals heute habe ich das Gefühl, die Leute wollen nur, daß nur ein Film durchläuft. Eigentlich interessiert sie die Musik auch gar nicht. Die wollen nur Mitgröhlen und was die Leute an ihren Instrumenten machen, interessiert die ’nen Scheißdreck. Das ist so, als wenn du zum Fußball gehst und nur die Tore sehen willst. Das ist doch Quatsch. Ich meine, Sachen entwickeln sich doch. Man fängt mit einem Vers an und dann geht’s irgendwann auf. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Art von Genussfaktor gar nicht da ist. Die stehen dann da rum und wollen ein bißchen mitgröhlen. Da geht natürlich nur, was der Pegel erlaubt. Feinheiten dringen dann gar nicht mehr so durch.
Wir kennen das auch so, daß es immer Ausländer sind, egal wo die herkommen, die das total klasse finden. Viele, die mich auch speziell auf mein Gitarrenspiel ansprechen. Das war jetzt auch im Wild at heart so. Das macht dann auch mehr Spaß, wenn man merkt, daß die mit dem Geschehen auf der Bühne mehr mitgehen.



GF:.: Beim Wild-at-heart-Gig habt ihr ja auch ganz am Ende Berlin by night gespielt…
G.: Da ist mir dummerweise der Amp ausgefallen…
GF: Oh, ich dachte, das wäre Absicht gewesen, daß ihr es in so einer reduzierten Version bringt.

G.: Wir machen das ab und zu mal, wenn wir bei der x-ten Zugabe angelangt sind, spielen wir auch mal die „Las-Vegas“-Version, aber da war im Lautstärkeregler ein Wackelkontakt, das ist mir aber erst bei der nächsten Probe aufgefallen.

GF: Nervt das denn nicht, den Song immer wieder spielen zu müssen…?
G.: Ja natürlich, das ist auch total blöd. Ich hab’s auch gar nicht gern, wenn das immer wieder gefeatured wird. Wir haben ja auch neue Sachen am Start, deshalb suchen wir auch ja ein Label. Wir sind auch ziemlich bekannt mit Marianne Rosenberg und die kennt das Problem auch. Die hat halt ihre Schlager von früher, aber auch ganz andere Programme. Die macht auch so ein Jazzprogramm und sagt, das wäre auch ganz schwierig. Die Leute kommen da hin und wollen mit ihr zusammen in Nostalgie schwelgen. Man kann natürlich damit hausieren gehen, es gibt ja diese Bädertouren, und davon existieren die gut, aber davon ist der Punksektor ja weit entfernt.



Gerrit: …dann dümpeln die alle so rum und meinen sie machen Streetpunk, was dann beinhaltet: Gage ist sowieso scheißegal, das ist eh nur für die bourgeois. Aber daraus entsteht natürlich nichts. Das ist doch Sumpf, da entsteht ja keine Kreativität.
Wir haben es in Pasewalk erlebt, da hat eine Band gespielt, Atemnot heißen die und die haben gesungen: Feuer und Flamme für den Staat. Und unten stehen so ein paar Typen und gröhlen es einfach stumpf hinterher. Da fragst du dich: Sag mal, was haben die denn? Gibt’s bei denen keine Mädels? Wird da nicht gevögelt, was wollen die eigentlich? Die fühlen sich nur scheiße und sind von Sex & Drugs & Rock’n’Roll denkbar weit entfernt…

GF: Da fehlt wohl das Weiterdenken. Das hat für mich dann später Hardcore ausgemacht, weil das cool war. Nicht nur alles scheiße finden und voll anti sein, sondern auch was dagegen setzen, was Neues machen, was Konstruktives bringen.
G.: Unsere Ambition war damals so: Wir ignorieren den ganzen Quatsch, wir protestieren nicht. Wogegen denn auch? Wir haben halt unseren Spaß. Es ist ja immer irgendwas, und ob die einen den anderen jetzt Nägel in die Knie kloppen oder umgekehrt, es bleibt im Prinzip gleich. Aso lassen wir den Scheiß gleich draußen vor und machen was wir wollen.

Es ist auch später passiert, das man uns einreden wollte, eine Ideologie haben zu müssen. Unsere Ideologie war ja gerade keine zu haben. Zum Beispiel zur Gründung, der Urvater Knut Schaller, der Bassist, der war schwul, der hatte ein T-Shirt, da waren auf der einen Seite Hammer und Sichel und auf der anderen Hakenkreuze und ich dachte damals: Der hat völlig recht. Das haut genau hin. Wozu braucht man eine Ideologie, eine Religion? Die Leute hauen sich deshalb den Schädel ein. Lass doch jeden machen, wie er will, das ist für mich auch Punk.

GF: Kommen wir mal zu Wall City Rock, der Begriff ist und war ja immer sehr eng mit PVC verbunden…
G.: Wir hatten damals diesen Begriff, der kam zu uns, das war so März 78. Da gab’s so eine befreundete Gruppe, die DIRTY NEEDS. Die wussten da aber noch nicht, daß sie DIRTY NEEDS heißen. Aber die haben nach einem Namen gesucht, damals hießen die noch V3. Wir haben alle so rumgesessen, damals war das ja eine sehr handverlesene Szene. Die 20 Gestalten, die es gab, kannte man ja alle, die waren so in unserem Umfeld. Wir haben so überlegt, wie man sich nennen könnte und unser Gitarrist, der Reimund, meinte dann in Anlehnung an Berlin und die Mauer drum herum und die BAY CITY ROLLERS: Nennt euch doch Wall City Rockers. Das fanden die irgendwie scheiße, aber ich fand den Begriff gut. Wall City Rock.



Wir nennen uns nicht mehr Punkband, weil wir auch schon angefangen hatten, ein paar andere Songs zu machen und das Spektrum zu erweitern. Wie die Songs konzipiert waren und wir dachten uns, wenn wir sagen: Wir machen Wall City Rock. Das beinhaltet auch, daß wir mehr Freiheiten haben, weil wir nicht auf diese Punkschiene festgelegt sind. Du musst nicht jedes Mal überlegen, ob das passt oder nicht und in der ersten Besetzung von März 77 bis Ende Februar 79 gab’s schon drei Phasen. Wir waren einfach interessiert an dem Abenteuer Musik. Wir wussten: Wir starten jetzt. Es war klar, daß wir schon als Punkband starten, das war geil, so Sachen wie die Ramones, die waren super. Die konnten nichts und wir meinten, geil, wir können auch nichts, und das was die können, soviel können wir auch.

Aber die Sachen entwickeln sich ja. Man malt sein erstes Bild, man macht seine erste Stulle, Irgendwann wird’s automatisch besser, aber die Ansprüche steigen. Wir hatten dann einen letzten Gig in Hamburg und die waren dort gerade so pogomäßig dabei und da haben wir schon gemerkt, daß es gar nicht mehr passt. Die waren so richtig sauer auf uns. Wir haben da schon angefangen, so etwas mechanische Rhythmen reinzubringen, Industrial ist auch so ein Wort. Wir haben gemerkt, das wir da in eine ganz andere Ecke driften. Uns war das dann auch egal, wir wollten das auch so…

GF: Ist ja auch legitim, wenn man für sich selber merkt, dass man sich in eine andere Richtung entwickelt. Andererseits aber auch schwierig, wenn das bisherige Publikum den Weg nicht so mitgeht…
G.: Damals ging’s noch. Es gab dann eine zweite Besetzung, da hatten wir auch einen Sänger. Das ging von März 79 bis September 79. Dann haben der Sänger und ich uns aber von der Band getrennt und als White Russia weitergemacht und zwei Platten rausgebracht. Da sind wir noch weiter ins Experimentelle, Maschinenhafte abgedriftet. Damals ging das noch ganz gut. Wir haben damals eine Tour gemacht, da war NDW ganz groß angesagt, das passte auch so gar nicht. Dieses Neben-der-Spur-Leben zieht sich durch die ganzen Jahre, in denen ich Musik mache, wie ein roter Faden. Aber damit kann ich gut leben. Ich kann mich zwischen den Stühlen durchaus wohlfühlen. Ich brauche nicht immer diese Gruppendynamik, zu irgendwelchen Riesenhorden dazuzugehören, da stehe ich überhaupt nicht drauf.

GF: Ihr habt doch irgendwann auch mal eine Platte mit Bela B. gemacht, wie kam das denn zustande…?
G.: Das war einfach nur eine Maxisingle. Ende 88 hatten wir mal wieder angefangen, das war der erste Neuanfang. Die erste Band ging von 77 bis 84, in drei Besetzungen. Ich war damals in so einer Institution, da wurden die Bögen von der Volkszählung ausgezählt. Das passte mir so gar nicht. Das war alles so blöd.



Und in so einem komischen Moment, wenn man nach der Mittagspause wach wird, diese Zehntelsekunde, hatte ich so die Idee: Wir sollten mal wieder nen Gig machen. Dann hab ich ein bisschen rumtelefoniert und innerhalb von einer halben Stunde war dann die Originalbesetzung wieder zusammen. Ich hatte dann Kontakt zu so einem Manager, der nannte sich Conny Konzak und mit dem hatten wir früher schon Kontakt. Der hatte früher das Kant-Kino, da fanden ja früher immer Konzerte statt und da haben die englischen Bands immer ihren ersten Gig gemacht. Wir hatten als PVC das große Privileg, uns alle Bands angucken zu können.

Das war damals auch ein Novum: Wir haben den Laden voll gemacht, wie die ganzen englischen Combos und hatten nicht mal einen Plattenvertrag. Und der wurde später u.a. Manager der Ärzte. 1989 befanden die sich gerade in der Endphase und Bela B. hatte allerlei Projekte am laufen. Der hatte da Kontakte zum Weserlabel und die haben alles mit ihm gemacht, was er machen wollte. Da hat er uns mal gesehen und meinte zu Conny Konzak, er würde gern mit uns eine Single machen. Er hat dann über Conny bei uns anfragen lassen. Als Kiddie hatte er als erste Punksingle von Chris Spedding die „Pogo dancing“-Platte gekauft und er wollte seine erste Punksingle mit uns noch mal produzieren, und das haben wir dann gemacht.

GF: In den letzten Jahren gab’s ja verschiedene Projekte in den Punk in Deutschland noch mal aufgerollt wird, „Kein Zukunft war gestern“, „Dorfpunks“ als Buch und im Kino, „Verschwende deine Jugend“ und so was. Wie findest du es, daß Punk jetzt so einen historischen Anstrich bekommt?
G.: Komisch daran ist folgendes: Bevor ich wieder angefangen hab, Musik zu machen, kam über einen Bekannten ein Amerikaner auf mich zu, der hat hier am John-F.-Kennedy-Institut unterrichtet. Der hat mich eingeladen, um vor den StudentInnen Rede und Antwort zu stehen zum Thema Punk.
Da dachte ich auch, das ist komisch – jetzt stehst du hier und dozierst über Punk. Heute ist jede Art von Subkultur nach einer bestimmten Zeit Bestandteil der Kulturgeschichte. Das ist etwas komisch, aber ist halt so. Und da kommen dann die Leute, die dich früher angespuckt hätten und sind dann total freundlich zu dir. Selbst die Ramones hat es hinterher in die Rock’n’Roll-Hall of fame verschlagen. Ist aber eigentlich das Beste, was solchen Sachen passieren kann. Damit nimmst du solchen Bewegungen ja den Stachel. Wenn du das immer draußen vorlässt, bleibt es immer kontrovers, aber wenn man es vereinnahmt, wird es nicht mehr so gefährlich. Das kennt man ja auch bei Kleinigkeiten.

Früher gab’s z.B. in Steglitz so einen Laden, wo alle möglichen Bands gespielt haben. Da ist dann irgendwann Udo Lindenberg aufgetaucht, der hatte gerade so eine Tour am Start, die hieß „Die Heizer kommen“. Da kam dann so ein Typ auf ihn zu und meinte „Ey ich find deine Musik total scheiße“ und Lindenberg meinte dann halt so: „Find ich voll gut, daß mir das mal einer sagt“ und hat ihm dann ein Bier ausgegeben und ihm auch noch 50 Mark geschenkt. Der Typ war danach natürlich total anderer Ansicht. Und so ist es ja immer. Sachen, die mal Avantgarde sind, sind irgendwann auch Allgemeingut und irgendwann auch langweilig. Ich bin nur erstaunt, daß dieser Punk-Kram ja schon seit 30 Jahren läuft und es immer neue Bands gibt. Da frage ich mich, ob die denn nichts Eigenes haben. Andererseits fällt mir dann ein, daß diese niedrigsten Primitiv-Standards beim Spielen ja auch so schnell erreichbar sind…



GF: So schlecht zu sein, dass es immer noch einen Schockmoment gibt kann ja auch wieder ein Anreiz sein.
G.: Aber inzwischen klingt ja alles gleich, es ist einfach zuviel. Ich existiere ja nicht erst seit gestern, sondern mindestens seit vorgestern. In den 60ern musste sich bei den Beatbands immer einer hinsetzen und den Leadgitarristen aufdrücken und die Bassisten mussten alle Läufe spielen. Heute spielen ja alle nur noch Grundtöne und reden davon, daß sie Bassisten sind, das ist ja völlig langweilig. Beim Bass spielen findet ja gar nichts mehr statt. Das ist ja durch Punk völlig durch die Räder gekommen. Meinetwegen sollen sie das machen, aber diese Pose, die sie dabei einnehmen, dieses „Jetzt kommen die gefährlichen Punks“, das interessiert doch keinen mehr. Wo soll denn da der aufjaulende Bürger herkommen? Die kennen das doch schon ewig lang. Elvis hatte in den 50ern Koteletten und eine Ente hinten am Kopf, heute sind alle tätowiert und haben Nasenringe, aber das zieht doch auch nichts mehr weg. Das ist eigentlich nur noch Parodie.

Ende 2007 waren wir in Chemnitz beim Weihnachtspogo und backstage hattest du echt den Eindruck, die wären von einem Bühnenfundus ausgestattet worden; so nach dem Motto: Wir drehen hier einen Punkfilm, du machst den Nietengürtel um, du das Stachelarmband und du machst dir einen Iro. Tut mir leid, da war nix eigenes mehr, das war gähnend langweilig.

Viel ist dem nicht mehr hinzuzufügen, außer: Gerrit, mach's gut und vielen Dank für das Interview und all die gute Musik! Berlin will miss you schon jetzt.



Wer noch mehr über PVC und Punk in Berlin erfahren will, dem sei, jetzt vielleicht nch mehr als sowieso, die Biografie von Gerrit Meijer "Berlin, Punk, PVC" empfohlen. Eine Rezension auf dem Renfield-Blog gibt's hier.


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