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Mittwoch, 18. Februar 2015

Kinky, Sarah und Freddy


Nachdem hier unter dem Eindruck des gestrigen Kinky-Friedman-Konzerts der virtuelle Cowbyhut aufgesetzt und in den Sonnenuntergang geritten wurde...

(Kleine Konzertrezi gefällig? Kinky Friedman ist ein Spitzentyp. Und mit 70 unterhaltsamer als manch 25-jähriger-Post-Bachelor-Prä-Burnout-Indiespacken. Dazu auch sehr stilvoll, so ganz in Schwarz mit großem Cowboyhut und großem texanischem Akzent und ganz allein auf der großen Lidobühne. Es gibt Witze aus dem Stand und Songs aus der Akustikgitarre und eine kurze Lesung aus Kinkys neuestem Buch. Manchmal ist der Humor recht schenkelklopfrig, aber das stört aber keinen der Anwesenden im gut gefüllten Lido. Wir sind halt alle Cowboys, die auch mal einen derberen Scherz vertragen. Auf Deutsch wäre manches doch zu sehr in die Mike-Krüger-Ecke gedriftet, aber einem älteren legendären Schriftsteller mit Countrybackground, der sich auch gut in einer Big-Lebowski-Fortsetzung machen würde, verzeiht man einiges. Am Ende lasse ich mir von Kinky einen Fünf-Euro-Schein signieren, der noch in der Nacht seinen Platz auf meinem Altar findet.)

...empfiehlt die Renfield-Crew eine Ausstellung zweier Künstler, die wir hier im Renfield-HQ sehr schätzen:


"Teacup Storms" - An exhibition from Freddy Fudd Pucker & Sarah Steiner. @ Let it be, Treptower Straße 90, 12059 Berlin

Freddy Fudd Pucker a.k.a. Tom Young wird hier eh immer geknuddelt und gelobhudelt. Nicht zuletzt seit er das wirklich wunderbare Cover zur aktuellen Renfield-Ausgabe geschaffen hat und den Herrn Flanell auch bei der Buchpräsentation seiner Kurzgeschichtensammlung "Stuntman unter Wasser" musikalisch unterstützt hat. Sarah Steiner kennt man als eine der treibenden Kräfte hinter den 40-Sekunden-Pop-Wunderwerk ON ON ON und dem Tapelabel TRIM TAB TAPES.
Letzteres wurde in Renfield No. 27 von LRTT* schon einmal vorgestellt - und gibt es jetzt auch hier zum nachlesen.

Als meine Anlage abgeraucht ist, die ich seit meinen Jugendjahren habe, bin ich in einen Laden gegangen, dessen verstaubter Name den Subtext: „Reparaturen & Unterhaltungselektronik“ hatte. In diesem kleinen chaotischen Geschäft habe ich mir einen Technics Amp und ein dazu gehöriges Doppeltapedeck gekauft. Das war 2006. Zum einen weil ich dachte, dass CDs auch in mein Laufwerk passen und zum anderen, weil ich doch noch das eine oder andere Tape habe.

Nachdem ich peu à peu viele der Tapes (und auch Platten) entsorgt hatte, blieben doch bis heute zumindest noch diejenigen, die ich selbst zusammen kompiliert habe oder die mir geschenkt wurden. Und da ist genau der Punkt. Im klassischen Fall, hat man mit einer leeren Kassette Radio-Bootlegs aufgezeichnet und Mixtapes für andere gemacht. Meistens für Menschen, die einem etwas bedeuten. „Home Taping is Killing Music“ sagt für mich demnach genau das Gegenteil aus! Es hat lediglich den kommerziellen Erfolg von Tapes „gekillt“. Derselbe Fluch wurde ein paar Jahre später auch der mp3 nachgesagt. Naja! Mittlerweile befindet sich das kleine Plastikding in irgendeiner Nische und traut sich langsam wieder hervor. Erlebt das Tape ein Comeback?


Die Kassette wird sicher nicht in den Genuss kommen eine Art Renaissance wie das Vinyl zu erfahren. Der Umsatz von Vinyl stieg allein im ersten halben Jahr 2013 um ca. 30%. Ein ähnlicher Erfolg ist bei dem Tape nicht zu erwarten, aber es gibt heute zweifellos eine neue Faszination an diesem Format. In den Statistiken der großen Musikvertriebe wird das Tape weiterhin ignoriert werden, weswegen wir hier nur über Dunkelziffern spekulieren können. Tatsächlich wurden um die Jahrtausendwende über 70 Millionen Musikkassetten in den USA ausgeliefert, während die offiziellen Zahlen behaupten, dass im Wesentlichen keine Tapes vertrieben wurden. Die Kassette macht also den Eindruck etwa so verbreitet zu sein wie Mini-Discs oder DAT. Wenn sich eine Band dazu entscheidet ihre Musik (auch) auf Tape zu veröffentlichen, dann nehmen sie das oft selbst in die Hand, übernehmen die Gestaltung und verkaufen sie auf Tour, was so viel heißt, dass Tapes oft nur gegen Bares über einen improvisierten Merchandise-Tisch gehen.

Zwei Menschen, die die neue Popularität von Tapes gut kennen sind Clooos On und Sarahhh On. Ziemlich genau 50 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Tapes auf der Bildfläche haben die beiden in Berlin ein kleines DIY-Tapelabel namens TrimTabTapes gegründet. Irgendwie aus Versehen und nicht beim Anblick des letzten Kontoauszugs. Beide haben zwar nie so ganz mit dem Tape-Hören aufgehört, doch seit sie selbst in die Produktion gegangen sind, ist das Format mehr in den Fokus ihres Lebens gerückt. Die Leute sollen wieder Tonträger kaufen (können). Sie selbst sagen: CDs sind scheiße und unsexy und Vinyl ist leider nicht so „leicht und billig“ wie das Tape. Nach dem 2007 gegründeten „Record Store Day“, der internationale Tag unabhängiger Plattenläden, gab es am 07. September 2013 den ersten, von Burger Records initiierten „Cassette Store Day“. Kassetten werden auf jeden Fall immer noch verkauft, wenn auch nicht vergleichbar mit anderen Formaten.

Ein Tapelabel zu betreiben ist keine "Hipster"-Sache. Es geht nicht darum, ein Analog-Heini zu sein. Das Medium ist ein Artefakt aus dem Ursprung der Szene, denn tatsächlich sind Kassetten aus der Noise-, Punk- und generell Schrubb-Gitarren-Szene nie verschwunden. Hier konzentriert man sich eher auf eine Art Gesinnung und das Individuelle einer Band, die man heutzutage auch in keine Genreschublade mehr packen kann. CDs sind Einwegware; Zwischenlager für Musik, bevor man sie nach dem Kauf auf den Rechner lädt, so man sie denn überhaupt noch kauft.

Mit einem Tape verbindet einen etwas anderes. Es altert mit dir und ist wie ein akustisches Fotoalbum oder ein Tagebucheintrag. Es ist fast, als wäre das entschleunigte Musikhören ein Protest gegen die Digitalisierung, die alles leicht verfügbar und dadurch scheinbar wertloser macht.

Während CD-Produktionen immer mehr dieser Wertlosigkeit verfallen (es gibt CDs im Rossmann zu kaufen) und LP-Fertigungen lange und kostspielige Großvorhaben sind, kann man ein Tape in kurzer Zeit und mit geringem finanziellen Aufwand produzieren. TrimTabTapes machen das zu Hause. Ihr Kosten belaufen sich auf etwa 1€ pro Stück. Das hängt natürlich davon ab, wie aufwändig das Artwork werden soll, wie ausgefallen die Farben des Tapes und der Snapbox und wie viele Exemplare sie in ihrer Manufaktur überspielen müssen. Vor allem durch das Internet war es noch nie einfacher, ein Label zu starten. Kassetten-Unternehmen sind oft Schlafzimmer-Projekte von Einzelpersonen, die irgendwelche Jobs haben. Da ist es klar, dass sie es sich nicht leisten können, PR-Agenten zu sein oder außerordentliche Label-Promo zu machen.

Bei Clooos On und Sarahhh On ist es genau so. Beide sind nicht hauptberuflich „Tape-Label-Owner“, aber um auch ihr Label etwas wahrnehmbarer zu machen, ist der sogenannte Tapetresen entstanden, der im Grunde ein gemütlicher Kneipenabend ist, der einmal im Monat in einem Berliner Kellerloch stattfindet und zu dem sie selbst und die kommenden Gäste ihre Lieblingstapes hören. Mixtapes, Alben, Aufnahmen eigener Bands werden da von dem Tonkopf abgetastet.

Die Auswahlkriterien der TTT-Crew für die Sachen, die sie auf ihrem Label veröffentlichen, sind simpel und einleuchtend. Die Musik muss gefallen und die Leute, die die Musik machen, müssen coole Säue sein. Im Idealfall kommt die Musik exklusiv nur bei TrimTabTapes raus, das ist aber natürlich nicht zwingend. Es wird kein Vertrag unterschrieben, sondern gemeinsam Hand angelegt. Die Instrumente werden mal kurz zur Seite gestellt und die Bandmitglieder selbst helfen beim Etiketten kleben und Cover schneiden. Alle setzen sich zusammen und basteln gemeinsam am Layout. Meistens verlieben sich Clooos und Sarahhh On in die Musik und lassen sich zu einem bestimmten Artwork inspirieren. Gemeinsam werden dann Entscheidungen über die Kassetten- und Casefarbe, so wie Cover getroffen.

Die beiden kümmern sich dann um die Bestellung der Rohlinge, die fast ausschließlich Ferrochrombänder sind, das Duplizieren, die Werbung und ein wenig um den Vertrieb. Demnach kann man davon ausgehen, dass, wenn man ein TrimTabTape in der Hand hält, es sich hierbei um Musik von KünstlerInnen handelt, die die beiden begeistert. Neben den regulären Musikalben werden aber auch beispielsweise Hörspiele produziert, die zumeist aus der eigenen Feder stammen.

Das Tape-Revival ist natürlich auch ein bisschen nostalgisch. Das ist zwar scheiße, meint Clooos, aber da kommt man irgendwie nicht drum herum, wobei es nicht das Tape an sich ist, so Sarahhh, sondern der Hype der darum gemacht wird. Retromanie ist also nicht ganz das richtige Wort, wenn es um das Interesse an Tapes geht. Das Interesse könnte eher als Beweis für die Unzufriedenheit mit dem aktuellen Musik-Markt gedeutet werden. Musik ist mehr als nur eine Information, die man in eine Cloud lädt oder von DJ Shuffle durch Billigkopfhörer um die Ohren geschleudert kriegt.

Wir haben sie alle schon gesehen, die iPhone-Schutzhüllen im Tapelook oder Tape-Nachbauten, die einen USB-Stick enthalten. Tape ist schick, aber diese Attrappen sind eben keine Tapes! Sarahhh stellt richtig fest, wenn sie sagt, dass Tapes nicht ersetzt werden können, genauso wie das Tape nie das Vinyl oder die CD ersetzen wird. Diese Formate koexistieren und haben lediglich ein unterschiedliches Zielpublikum. Doch die Herausforderung der Gestaltung eines Tapes liegt für sie in dem Format. Es ist kleiner als LP oder CD und nicht quadratisch. Die Möglichkeiten sind vielfältig – da geht es um die Kassette selbst, die Hülle, Sticker, das Inlay und so weiter. Jedes neue Release fordert eine neue Bastel-Session, an der die beiden Freude haben und die natürlich auch Zeit fordert, die sich die meisten Menschen nicht mehr nehmen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass vermeidlich „jeder“ Song auf den einschlägigen Plattformen, wie Youtube, Spotify und iTunes verfügbar ist. Die meisten betrachten dies als einen Segen. Indem ein Großteil unserer Musikbibliothek auf unseren Smartphones ist und zu allen Zeiten abrufbar, scheinen wir befreit zu sein von der Zufälligkeit der Stimmung, des Orts und der Zeit. Wir haben es unter Kontrolle, welches Gefühl in uns erzeugt werden soll. Das gibt uns Sicherheit und wir werden zum Radiogott. Ich habe festgestellt, dass dies oft dazu führt, dass ich nie weiß, was ich hören soll, obwohl ich mehr als zwanzig tausend Songs auf meinem iPod haben kann. Ich höre selten Radio, aber es löst eine kleine Euphorie aus, wenn zufällig ein Lied, das ich mag, gespielt wird.

Die Kassette, noch mehr als die LP, fokussieren unser Musikhörverhalten, weil es schlicht nicht möglich ist, zu skippen. Wenn du das letzte Lied auf einem Tape hören willst, musst du dir erstmal ein paar Minuten das Vorspulgeräusch anhören und hoffen, dass du den richtigen Zeitpunkt triffst. Vergleichsweise ist es einfach in fünf Minuten zehn verschiedene Filme zu sehen.

Wenn du aber ins Kino gehst, bleibst du bis zum Schluss sitzen – meistens zumindest. Ähnlich ist der Vergleich einer Bilddatei mit einem Ölgemälde. Das Hören einer Kassette ist wie eine Gegenbewegung zur immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, die sich im Zuge der Menge an ständig verfügbaren Inhalten, entwickelt hat. Tapes verleiten dazu, dass man konzentrierter zuhört und im Gegensatz zu Vinyl, kann man sie auch unterwegs hören. Zwar wurde die Produktion des Walkman 2010 eingestellt, aber das findet Clooos On richtig scheiße und sicher nicht nur er. Für Sarahhh On, die noch einen Walkman hat, war das absehbar, nachdem die Produktion von Tapes in mehreren Ländern eingestellt wurde. Da setzen sich kleinere und leichtere digitale Gerät mit mehr Speicherplatz durch. Außerdem kann man mit denen auch telefonieren und fotografieren und was weiß ich noch für noch andere dolle Sachen machen.

Ein Tape-Label sollte doch irgendwie ernster genommen werden, da nicht nur Inhalte, sondern auch Gefäße für die Inhalte produziert werden, die ebenfalls eigenständige Kunstwerke sind. Selbst wenn es ein Nischen-Produkt ist, das produziert wird und unvereinbar mit den Musikabspielgeräten, die die breite Masse benutzt. Im Vergleich zu einer Datei auf dem Computer ist es etwas ganz anderes, den Tonträger in den Händen halten zu können. Musik geht dann über sich selbst hinaus, denn man ist bei der Produktion gezwungen sich über Dinge wie die Reihenfolge und Dramaturgie oder gar das Konzept eines Albums Gedanken zu machen, was oft nicht irrelevant für die Musik ist. Ist ein Album doch mehr als die Menge seiner einzelnen Songs.

Kassetten sind nicht nur für Audiophile, aber sie zielen auf die Spürbarkeit der DIY-orientierten Künstler ab und stellen handgezeichnete Albumcover über Computergeneriertes. Ein Tape ist irgendwie näher an der ursprünglichen Aufnahme, macht sie greifbar und der Künstler war meistens direkt an dem Look des Tonträgers beteiligt. Ein Tape wird dann irgendwann verbeult und zerkratzt, die Farbe wird verblichen sein, aber wie bei einem Buch, sind die Spuren an den Ecken, die beim Benutzen nun einmal entstehen, ein Zeugnis des eigenen Bezugs zum jeweiligen Werk.

Dies ist am deutlichsten beim Mixtape zu erkennen. Individuelle Mixes gibt es ja nach wie vor. Zum Beispiel DJ-Sets bei Sound- oder Mixcloud, doch das Mixtape hat den Namen gepachtet. Die Wahrscheinlichkeit jemandem das Herz mit einem Mixtape zu erweichen, ist heute größer als je zuvor. Es dient nicht dem bloßen Musikaustausch, sondern enthält vermeintlich verborgene Botschaften, die nur für eine Person bestimmt sind.

Sarahhh On verweist in diesem Zusammenhang auf „Tapetausch“. Eine Online-Plattform, an die jeder Mixtapes schicken kann und bei denen jeder Mixtapes „bestellen“ kann. Hier werden im wahrsten Sinne Tapes getauscht. Clooos und Sarahhh On haben im Laufe der Zeit, die sie nun schon ihre TrimTabTapes produzieren diverse andere Tape-Nerds kennen gelernt, die keiner bestimmten Szene angehören. Es gibt bislang noch kein offizielles Netzwerk, dennoch haben ein paar andere Tapeliebhaber ihren Weg gekreuzt, wie beispielsweise Mustard Mustache, Kill all Human oder Kick Ass Tapes. Bei TrimTabTapes selbst sind bereits Anfragen aus Washington oder Frankreich eingegangen, wobei sie nicht wissen, wie diese auf sie aufmerksam geworden sind.

Für die Zukunft wünschen wir Clooos On und Sarahhh On das, was sie sich selbst wünschen und zwar, dass sie noch viele geile Veröffentlichungen machen, durch die sie noch viele tolle Musik und tolle Menschen kennen lernen und uns hoffentlich weiterhin daran Teil haben lassen.

trimtabtapes.blogspot.de

tapetausch.blogspot.de

LRTT*

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