Dieses Blog durchsuchen

Donnerstag, 5. Februar 2026

*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. I: Skifliegen im Dunkeln


*D*F*R* vs. *D*G*G*

Dieses Kürzel steht - in Ermangelung geeigneter Vokale - für DAFÜR und DAGEGEN.

Pro&Con, Schwipp&Schwapp, Auf&Nieder, Hüh (oder Hü?) &Hott, Geil&Schrott.

Das ist die neue Streiten-aber-Lieb-Sein-Kolumne auf dem Renfieldblog und vom Prinzip her ist es bekannt:
Ein brandheißes (!) und extrem polarisierendes (!) Thema wird von zwei Fachmenschen jeweils Pro und Contra-mäßig bearbeitet. Die Liste der vorliegenden Themen wurde letzte Woche schon gepostet, alle, die dies hier lesen, sind eingeladen, sich zu beteiligen.

Schickt einfach eine Mail an renfield-fanzine@hotmail.de, alles andere klärt sich dann, ihr scheiß Punks.

Und nun Ring frei für die erste Runde! In Berlin und Graz hauen sie sich wegen eines Themas derzeit die tiefgefrorenen Köpfe ein, das schon viele Familien auseinander dividiert hat:

SKIFLIEGEN IM DUNKELN.

Nicht zu verwechseln mit Schiefliegen im Dunkeln. Das kommt später.
In der Berliner Ecke haben wir den bohemian Skiflug-Experten Dirk Bernemann, in der Contra-Ecke die grazile Grazer Alpinsportlegende HC Roth.

Viel Spaß!

*D*F*R*

Skispringen im völligen Dunkeln, stand noch nie zur Debatte, aber ich fordere hiermit die Erhebung dieser momentan noch nerdigen Randsportart als olympische Disziplin.
In Ermangelung an Flutlicht, ohne technische Hilfsmittel, allein mit der Schanze und der Nacht, natürlich sehe ich ein, das fordert unser heutiges Verständnis von Sport heraus. In einer Zeit, in der Wettkämpfe immer stärker kontrolliert, ausgeleuchtet und optimiert werden, stellt dieses Konzept eine bewusste Reduktion dar. Es fragt danach, was sportliche Leistung im Kern ausmacht. Ich verfolge ja seit jeher die These: Der Mensch ist ein Konkurrenztier bis in den Tod.

Skispringen war von jeher ein Sport, der den Menschen in ein direktes Verhältnis zur Natur setzt. Wetterverhältnisse, Wind und Höhe gehören untrennbar dazu. Die Dunkelheit ist dabei kein künstliches Hindernis, sondern ein natürlicher Zustand. Wer im Dunkeln springt, begegnet dem Sport in seiner ursprünglichsten Form. Keine visuelle Sicherheit, dafür lediglich das Vertrauen in die eigene Technik, die eigene Kompetenz und in jahrelanges Training, sowie dem geschulten Körpergefühl.

Gerade der Verzicht auf die Sicht verschiebt den Fokus. Bewegung, Balance und Timing entstehen nicht mehr aus Kontrolle durch das Auge, sondern aus innerer Wahrnehmung und Erfahrung. Dies zwingt den Sportler zur höchsten Konzentration und zur außergewöhnlichen Körperbeherrschung. Gleichzeitig schafft die Dunkelheit eine radikale Gleichheit. Alle Athleten springen unter exakt denselben Bedingungen, ohne Wahrnehmungsvorteile oder technische Unterstützung.

Was natürlich nicht vergessen werden darf, ist der inklusive Aspekt dieser Sportart. Menschen mit Erblindungen und Sehschwächen sind auch hier automatisch konkurrenzfähig. Denken wir bitte kurz an Michael Edwards, bekannt unter seinem Springernamen Eddie, the Eagle, ein britischer Skispringer, der stets wegen seines Brillenkassengestells Diskriminierung erfahren hat. Derlei Dinge würden fürderhin nie wieder vorkommen.

Zudem rückt die mentale Stärke der Springer stärker in den Mittelpunkt. Sportliche Leistung bedeutet nicht nur physische Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit, ja auch Todesangst, umzugehen. Der Sprung ins Dunkel erfordert Mut, Selbstvertrauen und innere Ruhe. Damit wird Skispringen zu einer Grenzerfahrung, in der mentale und körperliche Leistung untrennbar miteinander verbunden sind.

Skispringen im Dunkeln setzt ein bewusstes Zeichen gegen die fortschreitende Technisierung des Sports. Es erinnert daran, dass Leistung nicht zwangsläufig von Messbarkeit und Kontrolle abhängt. Der Sprung wird zum Ausdruck von Können und Vertrauen, reduziert auf das Wesentliche. Wer das überlebt, ist automatisch ein Gewinner.

Dirk Bernemann



*D*G*G*

Jetzt also auch noch im Dunkeln Schifliegen. Warum das denn plötzlich? TikTok-Trend? YouTube-Hype? Irgend so ein neumodischer schneller, härter, lauter-Wahnsinn auf jeden Fall. Als würde es nicht reichen mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zuzurasen, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln. Nein, es muss jetzt auch noch im Dunkeln passieren. Aber dazu gibt es von mir ein klares NEIN.

Dabei geht es mir jetzt aber nicht primär um den Sicherheitsaspekt. Denn seien wir uns ehrlich, wenn du mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zurast, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln, begibst du dich doch sowieso in Lebensgefahr. Da sitzt Gevatter Tod mit seiner Sense ohnehin immer in der Drohne, die hinter dir herfliegt, um möglichst fette Bildaufnahmen zu liefern. Deswegen kannst du das meinetwegen auch gleich im Dunkeln machen.

Aber ich als Fan, als Zuschauer, sei es live im Stadion, sei es zuhause auf der Couch vor dem Fernseher, ich will etwas geliefert bekommen. Ich will Action, ich will Bilder und ich will Farbe. Das Live-Erlebnis in der Schiflug-Arena Hintergrunzenstein kannst du knicken, weil du ja nichts siehst und jaja, für das Fernseherlebnis gibt es natürlich Nachtsichtkameras, dies das. Bei Big Brother und Love Island funktioniert das ja auch, denken sich jetzt manche. Für das Schäferstündchen von Marc-Robin und Michelle-Joelle mag das vielleicht ausreichen, wenn man die nur unscharf und grüngepixelt sieht. Meine Kobayaschis, Krafts und Prevces aber will ich scharf und in Farbe.

Und dann ist da natürlich das Erlebnis für die schifliegende Person selbst. Was ist denn der Anreiz für diejenigen, die sich hier Tag für Tag bei unwirtlichen Wetterverhältnissen für ein Taschengeld hohe Schanzen hinabstürzen? Der Nervenkitzel alleine ist es nicht. Nein, es geht auch um Fame und Anerkennung und Jubel.
Wie geil muss es sein, mit 130 km/h durch den Himmel von Planica zu fliegen, während dir unten in der Arena 30.000 begeisterte Fans zujubeln. Und ja, die willst du sehen. Vielleicht nicht ihre Gesichter, aber ihre Köpfe, die ganze euphorische Menschenmasse. Es reicht dir nicht sie nur zu hören. Ein Hörspiel ist kein MX4D-Kinoerlebnis. Du gehst ja auch nicht zum Dinner in the Dark und lässt im Schlafzimmer gerne das Licht an, oder?

Wenn Schifliegen, dann richtig. Mit Sicht, mit Licht, mit Farbe.

H.C. Roth