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Mittwoch, 8. Januar 2020

Dr. Loo or: How I watched a strange movie and didn't really get anything it at all.

Es ist ein normaler Abend in Januar und Gary Flanell zeigt mir eine Neuerwerbung in seiner Plattensammlung. Auf dem Cover ist ein etwas verschwommenes Gesicht zu sehen, wahrscheinlich der Künstler, der diese Platte aufgenommen hat, sowie zwei Zeilen japanische Schriftzeichen, die wir leider nicht lesen können. Als wir die Platte auflegen, ertönt sympathische, sanfte Folk Music. Irgendwo meine ich die Wörter Rakete (misairu) und Wind (Kaze) zu erkennen, soweit recht passend für ein fluffiges Singer/Songwriter-Album der 1970er, aber ansonsten geht die Bedeutung der Texte aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse völlig unter. Auch der Name des Musikers, der Titel des Albums und die Bedeutung seiner Texte gehen somit erst mal an uns vorbei. Aber wir leben ja zum Glück in modernen Zeiten. In Zeiten, in denen viele von uns über eine Art mechanisches und vielfältig hilfreiches Anhängsel verfügen.

Dank eines Phänomens, das eigentlich nur als eine Art Cyber-Magie beschrieben werden kann, braucht man lediglich die Kamera des Smartphones mit Übersetzungs-App über ein beliebige Textzeile schweben zu lassen und das Gerät spuckt mit ein bisschen Glück eine passende Übersetzung aus. In unserem Fall löst der Bildschirm meines Handys das Geheimnis um den gut frisierten Urheber der japansichen 70ies-Folkplatte: Shigeru Izumiya heißt der Typ mit dem vollen Haar, das Album übersetzt recht unspektakulär: „Spring, Summer, Fall, Winter“.



Als wir im Netz nach weiteren Spuren auf das Schaffen des Shigeru I. suchen, finden wir heraus, dass der auf dem Plattencover so sanft anmutende, 1948 geborene Izumiya mittlerweile deutlich härtere Gesichtszüge und weniger Haare hat. Zudem stellt sich heraus, dass der Sänger auch ein noch immer aktiver Schauspieler ist und in den 1980ern die Regie zu einem Film geführt hat: Death Powder. Beziehungsweise デスパウダ, oder Desu Paudā.

Death Powder/Desu Pauda (Memo an Herrn Flanell: Death Powder - großartiger Name für eine urst und böse brutale Japcore-Band) gilt Wikipedia zufolge als einer der ersten Vertreter des japanischen Cyberpunk-Genre. Ohne zu lange darüber nachzudenken entdecken wir, dass der Film in voller Länge auf Youtube hochgeladen wurde. Vielleicht von einem Fan? Wir wissen es nicht. „Low quality copy for posterity“ steht im Klammern hinter dem Titel. In schlechter Qualität für die Nachwelt. Wir sind gespannt.

Death Powder ist eine chaotische Erfahrung, die durch oftmals fehlende Untertitel noch chaotischer und verwirrender rüber kommt. Dabei ist es wohl schon ein großes Glück, dass stellenweise überhaupt englische Untertitel eingeblendet werden, freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch Video Search of Miami. Offiziellere Institutionen gibt es wohl kaum.

Drei Wissenschaftler*innen, Kiyoshi (Takichi Inukai), Norris (Rikako Murakami)& Harima (gespielt von Izumiya selbst), haben in einer mysteriösen Lagerhalle eine Art Androiden namens Guernica geschaffen. Das weiblich anmutende Geschöpf liegt festgebunden an ein Gitterbett und trägt einen BDSM-ähnliche Maske und Mundschutz. Nach einer Verfolgungsjagd, in welcher Kiyoshi und Norris von mysteriösen maskierten Männer fliehen, mit den sie allerdings auch fast schon freundschaftlich schwätzen, machen sich die beiden auf dem Weg zu ihr Kollegen Harima, welcher die Lagerhalle überwacht.



Als Norris – ausgestattet mit einem sehr schicken und für die 80er reichlich modern daherkommenden Headset - versucht, Funkkontakt zum Lagerhaus aufzunehmen, hört sie nur erotisches und schmerzhaftes Gestöhne. Kiyoshi nimmt es gelassen und vermutet, dass Harima sich „bloß“ an der Androidin in der Lagerhalle vergreift. Norris vermutet allerdings mehr dahinter, was auch die einzige Erklärung dafür ist, dass die beiden übers Dach in ihre eigene Lagerhalle einsteigen – in der sie Harima mit einer Schrotflinte erwartet.

Die folgende Actionszene ist, wie eigentlich alles an diesem wunderlichen Film, verwirrend. Einerseits durch ein fehlendes „Warum“, anderseits durch die bizarre, aber passende Kameraführung. Kiyoshi wird beispielsweise durch Harima eine Treppe hinunter geschmissen, es könnte dabei aber genauso gut sein, dass er die Treppe hoch getreten wird. Norris schneidet im Kampf besser ab. bewaffnet mit eine Art Föhn-Handschuh-Pistole schafft sie es Harima dadurch zu schwächen, indem sie ihm eine vorherige Szene, die wie ein Würfel ins Bild gemorpht wurde, wie einen Fußball ins Gesicht tritt. Während sich aus recht unerklärliche Gründen die ehemaligen Kolleg*innen bekämpfen, schafft es die Androidin, sich zu befreien. Darauf besprüht sie Kiyoshi mit dem titelgebenden Death Powder.

Mit zermatschtem Gesicht und gruslig verquollenen Augen erfährt der gute Kiyoshi nun starke Halluzinationen, die so real erscheinen, dass – so scheint es - womöglich die tatsächliche Realität davon beeinflusst wird. Die Verfolger der Anfangsszene tauchen wiederum auf, angeführt von ein mit Narben bedecktem Mann im Rollstuhl. Gedanken, so die Halluzination, werden vom Körper als Geisel genommen. Der Körper begrenzt das Potential der Gedanken, aber ein Leben ohne Körper ist gleichzeitig der Tod. Ohne Tod kein Leben, ohne Körper unendliche Gedankenkraft. Alles sehr deepes Gedankengut, dass dort in verschwommenen, ruinenartigen Räumen ausgesprochen wird. Aber die Hölle, die ist überall.



Solche ernsthaften Erkenntnisse über das Sein muss man erstmals sacken lassen. Dabei hilft die folgende Halluzination, welche genauso gut eine Rückblende sein könnte. Ein munter vor sich hin rockender Wissenschaftler,der sich im Laufe des Films als Dr. Loo vorstellt, springt im Folgenden fröhlich durch irgendwelche Dünen, gefolgt von ein Ensemble, das aussieht, als würde es sich bereitmachen für ein Photo-Shooting für das Cover eines Synth-Pop Albums. Dr. Loo ist ein fröhliches Kerlchen, welches gern eine harte Van-Halen-artige Rockgitarre spielt und mit anderen schrägen Wissenschaftler*innen und dem „90s Android Guernica“ sorglos ein Musikvideo für sein Debut-Track „Dr. Loo Made Me“ aufnimmt.

Nach einer kurzen Rückkehr zu den anderen, albtraumhaften Halluzinationen von Maskenmännern, aufquellenden Gesichter und seltsamen, blutenden organischen Massen folgt, eine kurze, beinahe meditative Sequenz. Es ist eine Pause im Plot die unbedarfte Zuschauer wie uns glauben lässt, nun würde das Ende eines Films eingeläutet. Anders kann man das entspannte, fünf-minütige Saxophon-Solo, untermalt mit vorbei gleitenden Stills von Skylines, Autos und dem gelegentlichen Mann mit Fedora nicht umschreiben. Natürlich haben wir uns geirrt. Der Film ist noch lange nicht am Ende. Der ganze Streifen dauert etwas mehr als eine Stunde, die sich allerdings anfühlt wie drei.

Nach der semi-romantischen Slideshow ist noch lange nicht Schluss. Vielmehr tauchen nun drei unschuldige Paketboten auf, die – völlig losgelöst vom vorherigen Plot - ein Paket in einer Lagerhalle abliefern sollen. (vielleicht ist es DIE Lagerhalle, in der sich vorher alles abgespielt hat, aber so genau weiß man das nicht).

Es läuft, wie’s halt so läuft im Paketzusteller-Alltag: Niemand macht die Tür auf, beim Nachbar abgeben gibt’s nicht, also ruft man den Chef an. Der die drei auffordert, in die Lagerhalle einzubrechen, denn das Paket muss geliefert werden. Macht alles Sinn. Doch auch Türen sind in DEATH POWDER nicht mehr das, was sie mal waren und so werden die Paketboten nach erfolgreichem Eindringen in das Lager durch ein organisches Gewebe, das sich als Tür getarnt hat, nun ja, verdaut. Es folgen die üblichen schmelzenden Gesichter, Zähne und Augen an Stellen, wo keine Zähne sein sollten und andere Pampe, welche man nur als „sehr organisch“ bezeichnen könnte. Oder als Marmelade.

Fazit: Death Powder ist verwirrend und es ist fraglich inwiefern der Film verständlicher wäre, wenn man die etwa 40% nicht aufs Englisch übersetzten japanischen Untertitel verstehen könnte. Interessant ist sicher, dass dieses brutal-psychedelische LoRes-Arthouse-Meisterwerk in voller Länge bei Youtube zu sehen ist, und hier mal ausnahmsweise keine Altersbeschränkung greift. Stellen wir uns also mal vor, dass eine Bande fünf- bis achtjähriger in einem unbeaufsichtigten Moment an einem verregneten Nachmittag eine Stunde lang vor diesen Bildern klebt. Selbst Vielgucker wie wir waren streckenweise nicht nur verwirrt (das eigentlich die ganze Zeit), sondern auch ein wenig erschrocken über die Gewalt, die Shigeru Izumiya in Death Powder auf die Leinwand bringt (Haben wir jetzt was gepetzt? Egal). Was die ganze Sache noch unheimlicher macht, ist die Diskrepanz zwischen dem was Izumiya einerseits als Musiker veröffentlicht hat (nettes 70ies-Gitarrengeplänkel, Bob Dylan, JJ. Cale und Konsorten lassen grüßen) und dem, was er als Regisseur umsetzt. Überträgt man es auf hiesige Künstler, könnte man sich mal vorstellen, dass Hermann van Veen oder Reinhard Mey auf die Idee kommen, ihre Trashversion von Hellraiser zu verfilmen.

Frühe japanischen Cyberpunkfilme zeichnen sich oft durch eine absichtlich unklare Plot-Linie sowie unverständliche Ereignisse, Transformationen und Metamorphosen aus. Nimmt man dies als Stilmittel in Kauf ist es vielleicht tatsächlich besser DEATH POWDER als Erfahrung zu sehen und mal genau in sich selber hineinzuhorchen und zu schauen, welche Gefühle die unterschiedlichen Szenen auslösen. Der Film löst einiges an Fragen aus, welche unmöglich durch denselben Film beantwortet werden können. Vielleicht kann man sie nur lösen, indem man selbst in eine Lagerhalle einbricht und mit der Tür verschmelzt. Vielleicht reicht es aber auch einfach, irre und gut gelaunt durch die Dünen zu hopsen, während eine selbst erfundene androide Freund*in kryptisch zuschaut.

Bernard Fruithagel

Death Powder (JP, 1986)
Regie: Shigeru Izumiya
Darsteller: Shigeru Izumiya, Takichi Inukai, Rikako Murakami u.a.
Länge: 63 Min.



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