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Freitag, 8. Dezember 2017

Gruseliges Handwerk?

Wer kann sich eigentlich noch an den Soundtrack von Blair Witch Project erinnern? Gab es sowas überhaupt? Es gab natürlich einen Soundtrack, der wurde in diesem fast zwanzig Jahre alten Meisterwerk des Pseudo-Doku-Horrors zwar fast gar nicht verwendet, aber irgendwie doch in die Geschichte um die drei wild campenden Studenten mit eingeflochten. Überhaupt Blair Witch Projekt: Drei Studenten jagen eine Hexe in den Wäldern Marylands, halten alles mit der Kamera fest und sind am Ende ziemlich im Eck. Hui, war das gruselig damals. Und das alles ohne unheimliche Begleitmusik. Respekt.

Warum dieses kurze Nachdenken über einen Gruselfilm, der vor fast 20 Jahren einiges Aufsehen erregt hat? Weil ich vor einigen Tagen recht zufällig auf ein winziges Label gestoßen bin, von dem ich sagen würde, dass die dort erscheinenden Releases den wahrscheinlich besten OST für Blair Witch Project hergeben würden, der nie erschienen ist.

Eigentlich klingt alles, was man an Infos zu HANDWERK Records aus Pennsylvania kriegen kann, klingt einigermaßen obskur. Es stellt sich bei näherer Betrachtung allerdings die Frage, ob alles, was mit Handwerk Records zusammenhängt, nicht eher ein Fall für die Rubrik "Geschichten aus der Gruft" von den Kollegen vom Plastic Bomb ist. Ansässig ist das Label mit dem zupackenden Namen in dem 6000-Seelen-Dorf (ich hoffe, die Zahl der Einwohner deckt sich mit denen der Seelen) Selinsgrove in Pennsylvania. Möglicherweise ist die Abgelegenheit eher ein Standortvorteil für ein solches Label, um in aller Ruhe der Veröffentlichung allerlei obskurer und experimenteller Bands und Projekte nachgehen zu können.
Noise, Experimentelles, NeoFolk und manchmal schwer zu hörendes Synthie-Geklimper findet sich dort zuhauf, WARSHRIMP (bester Name seit langem!), CANNIBAL ONE, MIDNIGHT OFFICE oder THE HAWK AND THE GROUNDHOG heißen die Bands.

Aber möglicherweise sollte man nicht von Bands sprechen. Vielleicht sollte man auch nicht von einem Label sprechen, sondern einem Band-Projekt-Vertriebs-Konstrukt, hinter dem genau ein Mann namens Sean David Stoltenberg steckt. Der ist nicht nur Musiker und Labelbetreiber, sondern auch Buchautor mit einem Faible für alte italienische Horrorstreifen, wie Argento oder Fulci sie produziert haben. Stoltenbergs Faszination für dieses Genre geht soweit, dass er nicht nur den Soundtrack zu einem fiktiven 70er-Jahre-Italo-Splatter-Film namens NYMPHO ZOMBIE CULT aufgenommen hat, sondern auch gleich noch ein Buch mit der Story dazu veröffentlicht hat. Das klingt erstmal verwirrend: Ein Zombie-Film, den es nicht gibt, dessen Existenz aber suggeriert wird und dazu komponiert ein Typ den Soundtrack und veröffentlicht die Story plus "behind the scenes"-Stories in Buchform. Ach, ich wusste es, dieses Internet ist voll mit Verrückten, die alle irgendwas machen.


Ähnlich verwirrend ist eigentlich alles, was Stoltenberg musikalisch und literarisch rausbringt und auch das Artwork, mit dem er seine Publikationen umgibt. Da wimmelt es von Tiergebeinen im Herbstlaub, sackweise okkult anmutende Plattencover und esoterisch bis spirituell-schamanisch angehauchte Essays bei Facebook. Wo sich Stoltenberg und seine lustige Handwerker-Plattenfirma politisch verorten, lässt sich schwer sagen, aber wie oben schon erwähnt, im Bereich gerade Neo-Folk und Industrial gibt es gerade in diesem Punkt ja einige neurechte Irrlichter. Dass der gute Sean in dieser Hinsicht nicht komplett verwirrt ist, könnte man eventuell an der Tatsache festmachen, dass er, bevor er in seine experimentelle Phase gegangen ist, in einigen recht konventionellen, wenn auch gar nicht so schlechten Punk/Rockbands gespielt hat (wobei Punk nicht zwangsläufig bedeutet, dass man eine linke Einstellung pflegt, wie das Beispiel Johnny Ramone bewiesen hat).
Erwähnenswert wären dabei COFFIN SPELL, eine grundsolide Horrorpunkband, die sicher das gesamte Schaffen der MISFITS sorgfältig studiert hat. Die komplette CS-Discografie lässt sich bei Bandcamp runterladen, nicht weniges sogar kostenlos. Darunter - welch Überraschung - auch eine MISFITS-Tribute-EP.
Kostenlos - und damit endlich der Grund für diesen Post - gibt es seit September auch einen Labelsampler von Handwerk Records mit eben all dem, was Sean David Stoltenberg unter diesem Label raus gebracht hat. Und allein diese Compilation würde eine passable Filmmusik zu einem weiteren Blair-Witch-Streifen abgeben. Bleibt die Frage, ob der Mann nur unheimlich kreativ oder vielleicht doch ein wenig wahnsinnig ist. Eine Frage, die zu klären ich der Stammesältestenversammlung von Selinsgrove und ihrem Tierknochen-Orakel überlasse.

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