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Sonntag, 14. August 2016

Blutige Knie

Wie ein Fuchs streife ich derzeit des nächtens um die Kontoauszugsdruckerautomaten dieser Stadt. Ich warte auf eine nokturne Eingebung zwecks einer Kaufentscheidung. Ich überlege, ob ich mir die 5-LP-Box mit allen offiziellen Alben von TON STEINE SCHERBEN zulegen soll. Im Augenblick führt die Stimme der Vernunft in der Diskussion das Wort und das wird wohl auch lange Zeit so bleiben.
Die Vernunft sagt mir nämlich: Alle acht Scherbenplatten brauchst du eh nicht, alle acht Scherbenplatten kannst du dir sicher auch auf Youtube anhören und schauen und für alle acht Scherbenplatten in dieser Box hast du eh gerade kein Geld. Stimmt alles.

Die dunkle Stimme der Unvernunft sagt, zugegeben etwas schwachbrüstig: Kauf dir das Ding. Es macht sich gut im Regal und außerdem hat man dann mal alles von denen. Letzteres ist eigentlich kein bzw. ein absolutes Blödsinnsargument, zieht aber bei der Kaufentscheidung oft genug. Es ist dieses Wer-weiß-wofür-man's-mal-brauchen-kann-Argument. Als würde ich die schöne Box irgendwann mal in einen zugerauchten Club zum Auflegen mitnehmen. Never. Und die Musik, sagt die Stimme, der Unvernunft, die ist ja auch dufte.

Da hat sie ja recht, aber so ein richtiger Grund ist das auch nicht. Das stimmt nun wirklich. Rockmusik aus Deutschland, ach, da waren die Scherben noch was. Das war noch echte Mucke. Macht heute ja keiner mehr. Und Mucke sagt auch keiner mehr. Nicht mal der Ansager auf einem ostdeutschen Bluesfestival. Keine Mucke mehr, keine Kunden mehr, kein Slang mehr aus Zeiten, als Bluesrock samt Parka und Haarnetz noch so richtig subversiv war. Seit den 70ern also. Seit TSS-Zeiten also. Als wir alle noch dufte Kunden waren.



Heute machen ja alle nur noch so emotionalen Indierock. Und das schon seit Tocotronic damit angefangen haben. Auch schon seit fast 30 Jahren. Oder Tingeltangel-Punk-Gedöns. Und Punk, der hat ja heute eigentlich den Stellenwert den Bluesrock inden 70ern hatte. Sagte mal ein kluger Freund von mir udn er hat recht. Ist heute zumeist nur noch auf sich selbst und die eigene Jugend bezogene Musik von alten weißen Männern für alte weiße Männer. Bliebe noch HipHop. Davon habe ich schon mal gehört. Ist für mich aber noch Neuland, auf dass ich mich erst langsam vortaste. Werde mir bald mal was von den FANTASTISCHEN VIER anhören. Ein Kollege auf der Arbeit sagte, die machen sowas. Hip Hop. Ganz modern.

Das ist natürlich fast alles Quatsch, verzeiht mir. Aber so eine richtig coole, erdige, handgemachte Rockermucke mit schicken Texten, da muss man schon lange suchen, seit eben jene Scherben oder die CHARLY-SCHRECKSCHUß-BAND (deren "Geheimratseckenblues" ist auch so ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Artefakt der deutschsprachigen Rockmusik) aktuell waren.



Aber jetzt kommmt da was. Aus Berlin. Ne richtig dufte Mucke. Sind so zwei Typen, einer von DRIVE-BY-SHOOTING (der Timo an der Gitarre) und einer von SENSOR (der Till, am Schlagzeug), und die machen ROCKmusik. Als Duo. Das ist jetzt nicht mehr so eine Riesennovität, seit den WHITE STRIPES mindestens. Wäre aber ein schicker Werbeaufhänger für BLUTIGE KNIE. Die WHITE STRIPES von Berlin. Von Friedrichshain, besser gesagt.

Der Timo und der Till, die haben beide mal zusammen in ihrer Stammkneipe gesessen. Tagung heißt die, netter Laden, da wurde auch schon mal das ein oder andere RENFIELD-Interview geführt. Gab es möglicherweise schon zu DDR-Zeiten und wird es wohl auch noch geben, wenn alle Mauern der Welt zu Schutt zerfallen sind. Saßen Timo und Till also so rum. Bei DxBxSx war gerade Pause, aber Timo hatte Bock, weiter Mucke zu machen. Kennt man ja, so richtig aufhören kann man ja nie. Gut, dass der Till auch Bock hatte und so gab es ein paar Biere und dann gab es den Namen, der ist BLUTIGE KNIE. Dann gab es ein Tape und viele Livekonzerte und jetzt gibt es diese Platte.

Der Name ist gar nicht so schlecht, finde ich. Blutige Knie kennt jede/r, schon seit Kindertagen und der Gedanke an die letzte Schotterakne lässt einen auch gern mal innerlich zusammenzucken. Aber man weiß auch, dass es sich ab und an lohnt, sich sowas zu holen. Um dann wieder aufzustehen.



Jetzt also die Platte. Zugegeben, stilistisch ist das kein großer Quantensprung im Vergleich zu den letzten DxBxSx-Platten. Nur halt noch reduzierter, noch knorztrockener wird da Stonerrock, Blues und 70er-Jahre-Kifferrock (also eigentlich alles dasselbe) angerührt. Noch purer könnte man sagen, mit noch mehr Retroschmiß an der Backe. Texte gibt's auch, und ähnlich wie bei DxBxSx - die hatten ja mit "It's so Berghain" den Überhit zum Thema - mokiert man sich gern über allgegenwärtige Auswüchse des Berlin-Hypes und die Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten des täglichen Lebens. Und den Frust darüber, der sich am besten in handgemachter ROCKmusik kanalisieren lässt, damit man nicht doch eines tages mal komplett Amok läuft.
"It's so Berghain" ist nebenbei immer noch so ein schönes Lied, das es auch nach drei Jahren noch wert ist, hier mal eingebettet zu werden. Liebe Internet-Regie, bitte MAZ ab!



Blutige Knie sind bei weitem nicht nur ein DxBxSx-Abziehbildchen, aber die musikalsiche Linie lässt sich gut zurückverfolgen. Brüche zwischen den Bands gibt es nicht. Musikalisch ist das solide und handgemacht, inhaltlich wird sympathisch rumgenölt. Irgendwann auf der ersten Seite ist er dann da, der absolute Hit der Platte. "Sind nicht Weltmeister" ist das beste, wirklich das beste, deutlichste und massentauglichste Statement gegen doofen Fußballpatriotismus seit langem.



Ich sage nur: Hit, Hit, Hit! Gibt es mittlerweile auch auf die EM 2016 zugeschnitten in der Europameister-Version. Sollte wirklich in jedem Fußballstadion des Landes vor Anpfiff gespielt werden. Und zur offiziellen DFB-Hymne erhoben werden. Ich mach gleich schon mal die Petition klar.



Es gibt also fast nix zu meckern, auch nicht am Sound oder der Produktion. Da dies eine Rezension über eine echte Rockplatte ist, MUSS über sowas gesprochen werden. Macht man ja so im Rockuniversum, über den Sound reden. Aber ich mache es kurz. Nur eine Referenz an den Produzenten: Fein abgeliefert, Alex Ott.

Was allerdings beim ersten Album der Blutigen Knie etwas nervt, ist dieses gewollte Überschlagen der Stimme in manchen Songs. Obertöne sollte man können oder es eben ganz lassen. Das nervt nach einiger Zeit doch etwas, und gibt MUCKER, BOOKER, WICHTIGTUER einen etwas blödeligen Touch, den die Platte gar nicht nötig hat.

Was diese Rezension dagegen nötig hat, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass der Titel der Platte, um die es geht, zum ersten Mal drei Zeilen vor Schluß auftaucht. Fein abgeliefert, Herr Flanell.

Was noch zu sagen ist: Bakraufarfita Records ist wirklich keins von den Labels, deren Releases ich vorbehaltlos abfeiere (ich erinnere mich an diese seltsame Band aus Köln, Angelika-irgendwas, die so unglaublich unauffällig-blassen Pop-Punk mit schlechten ÄRZTE-Texten machte, dass ich nach dem Anhören schon den Namen vergessen hatte. Bis heute.). Um so schöner, dass sie mit BLUTIGE KNIE einen echten Treffer an Land gezogen haben. Einen Treffer, der dem retro-affinen Rocker mit Joint im Mundwinkel, Black-Sabbath-Shirt und Berlin-Bezug mal einen Griff ins Portmonee wert sein könnte.

Was jetzt noch fehlt und BLUTIGE KNIE endgültig einen festen Platz im Lexikon der deutschsprachigen Rockmusik sichern würde, wäre ein gemeinsames Album mit HAFTBEFEHL und ROMANO. Es würde mich komplett narrisch machen.

"Mucker Booker Wichtigtuer" von BLUTIGE KNIE erscheint am 02.09.2016 auf Bakraufarfita Rec.

(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell

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