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Donnerstag, 2. Januar 2020

Urlaub in Zivilien

Neulich waren wir im Urlaub. Zehn Tage Campen auf einem wunderbaren Zeltplatz an der Ostsee. Mitten im Wald, direkt am Meer. Wenn ich mich vorm Zelt hinlegte und nach oben durch das Blätterdach schaute, war alles schon fast, als wäre man in einem von Tolkiens Wäldern gelandet, in denen Elfen nichts anderes tun, als würdig umherzuwandern.

Dieser Campingplatz ist beim ersten Anpfiff zu den Sommerferien ausgebucht. Picke-Packe-dicht, wenn man nicht schon Monate vorher einen Platz reserviert. Was wir getan haben. Wenn man den Rest des Jahres in seiner Berliner Blase verbringt, kann man zuweilen vergessen, dass in Berlin vieles eben nicht so wie der Rest vom Land ist. Nicht, dass in Berlin alles immer supi wäre, aber es scheint mir eine größere Toleranz und eine andere Art zu geben, wie man im täglichen Leben rumläuft oder agiert. Ein anderer Habitus.

Auf diesem Campingplatz konnte man einen guten Blick auf den Querschnitt der deutschen Gesellschaft kriegen: Junge, Alte, Dicke, Dünne, Familien, Kinder, Gutverdiener neben Nicht-so-Gutverdienern, Freiwild-Shirt-Träger (ohne dafür irgendwelche Sanktionen fürchten zu müssen), Schlagerfans, Jack-Wolfskin-Fetischisten, Technikfreaks mit den neuesten zusammenfaltbaren Camping-Gadgets. Wir dagegen lagen jeden Morgen so festival-like auf der zerzausten Picknickdecke rum, unseren Kaffee schlürfend.

Das mit dem Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft stimmt so nicht ganz. Denn was beim Zelten ganz klar wird: Das ist doch eine sehr biodeutsche Angelegenheit. PoCs, türkische oder arabische Camper waren extrem selten. Woran das liegen mag? Zuerst mal sind wir drauf gekommen, das Campen keine rein deutsche, aber doch eine sehr nord- bis mitteleuropäische, und auch nordamerikanische Angelegenheit ist. Vielleicht auch, weil der Rest der Welt nicht so blöd ist, eine Woche in windschiefen Unterkünften, eingeschränkten Hygieneverhältnissen und das noch engere Zusammensein mit fremden Menschen, zu einer wackeligen "Zurück zur Natur"-Fantasie zusammen zu mixen.

Was noch auffiel: Beim ziellosen Daherschlendern sind mir des öfteren junge Familienväter mit Kids entgegengekommen, meist jünger als ich. Bei vielen von ihnen dachte ich: Der sieht aus, als käme er gerade von der Bundeswehr. Und der da auch. Und der nächste auch. Und irgendwie war das so bei ganz vielen von den Vätern, die dort zelteten. Vielleicht war es auch so. Vielleicht sind all die Typen, die jetzt beim Bund sind, gern mal mit der Familie am Ostseestrand. Und als ich so über die Bundeswehrvatis und- Muttis nachdachte, fiel mir ein, dass es ja mittlerweile nur noch Bundeswehr und keinen Zivildienst mehr gibt. Klar, auch keine Wehrpflicht mehr, aber eine Armee noch, immerhin.


Ich überlegte weiter, wann ich Zivildienst gemacht habe (1995, glaube ich) und wann der Zivildienst hierzulande abgeschafft wurde. 2012 war das. Dass es nun seit acht Jahren keinen Zivildienst mehr gibt, macht etwas mit der Gesellschaft, finde ich. Klar, Zivildienst war für viele ein Gegenstück zur Wehrpflicht, weil man eben nicht zum Bund wollte, aus welchen Gründen auch immer. Ich finde aber auch, dass dahinter auch ein bestimmte Haltung stand, mit der man sich als junger Mann auseinandersetzen musste. Und diese Haltung musste auch erstmal entwickelt werden. War vielleicht für manche das erste und einzige Mal, dass sie eine Haltung zu irgendwas entwickeln mussten.

Man wollte nicht in die Armee, musste sich dafür bewusst entscheiden und das auch begründen. Wenn einer zum Bund wollte, musste das niemand begründen. Für Zivildienst musste man sich Gedanken machen, musste ein nicht ganz einfaches Verfahren und möglicherweise auch gewissen Ressentiments im Sozialen Umfeld auf sich nehmen. Allein der Begriff "Kriegsdienstverweigerer" hatte ja schon für viele einen negativen Klang, Was verweigern ist immer schlecht, klingt nach Drückeberger. Der Akt, seine "Drückebergerei" argumentativ zu belegen, war für viele sicher ein großer Akt der Reflexion.

Mit diesem ganzen Verfahren, sich dem Bund zu entziehen, wuchs aber auch eine gewisse Haltung, die zumindest in Ansätzen kritisch gegenüber staatlichen Institutionen war und auch pazifistische Ideen vermittelte. Wer Zivi sein wollte, musste sich schon ein paar Gedanken über seine seine irgendwie linke Grundeinstellung, die damit einherging machen. Ich würde sagen, dass dieser ganze Prozess, um den Bund zu vermeiden, bei vielen eine bestimmte pazifistische Einstellung erst möglich gemacht hat und sich auch im weiteren Leben ausdrückt. Dazu kommt, dass viele Zivis eben nicht nur die üblichen linken, strickwollpullitragenden Alternativos waren, sondern auch jede Menge Männer, die mit einem linken Kontext eher nicht soviel am Hut hatten, aber eben auch nicht zum Bund wollten.

Also. Zivildienst gibt es nicht mehr. Bundeswehr schon. Und was sagt mir das? Viele würden sagen, dass sich diese Gesellschaft in eine konservativere, rechtere Richtung bewegt. Dass rechte Meinungen wieder salonfähiger werden. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass es die Bundeswehr noch gibt und den Zivildienst nicht mehr. Aber wäre es möglich, dass diese Lücke, die der Nicht-Mehr-Zivildienst hinterlassen hat, doch etwas dazu beiträgt, dass bestimmte pazifistische, weltoffene, hierarchiekritische Ansichten gar nicht mehr entwickelt werden, während die Bundeswehr immer noch ihre alten Ordnungen und Traditionen hat und diese auch weiter trägt?

Wäre es möglich, dass hier ein kleines Gegengewicht fehlt, welches gewisse rechte und konservative Einstellungen auffangen könnte und junge Männer und Frauen dafür sensibilisiert? Natürlich ist die Bundeswehr derzeit kein sehr großer gesellschaftlicher Faktor (Militär hatte in Deutschland schon mal eine ganz andere Stellung, wie wir alle wissen), aber eben doch einer. Immerhin lag die Zahl der Soldaten (Berufs-, Zeit.- und freiwillige) bei knapp 174.000. Zivildienst war als mögliches Gegengewicht zu Bund, Soldat-sein und damit verbundenen Werten eben auch einer. Und ist durch seine derzeitige Nicht-Existenz auf gewisse Weise immer noch ein Faktor, der zur politischen Meinungsbildung beiträgt. Es mag nur ein kleines Rädchen im System von gesellschaftlichen Haltungen sein, das nicht mehr vorhanden ist, aber möglicherweise eins, dass man nicht vernachlässigen sollte.

Natürlich gibt es die Möglichkeit, sich freiwillig zu engagieren. FöJ, FsJ, BuFDi - das steht allen offen. Im Unterschied zum Zivildienst auch Frauen. Und es sind nicht wenige die das in Anspruch nehmen - 2018, so schreibt es Wikipedia - ungefähr 41.000 Menschen. 41.000 Freiwilligendienstler*innen und 174.000 Bundeswehrsoldaten - ein ziemlich schiefes Verhältnis. Zum Vergleich - 2009 gab es noch über 90.000 Zivis. Die angebotenen Freiwilligendienste ziehen also knapp die Hälfte an.

Allerdings hat die schönen Freiwilligkeit auch ein Haken: Wer sich dazu entschließt, ein Jahr seiner Zeit freiwillig in einer sozialen, kulturellen oder ökologischen Einrichtung zu absolvieren, der/die ist wahrscheinlich eh schon in diesen Zusammenhängen unterwegs. Ihm/ihr sind wahrscheinlich bestimmte kritische oder pazifistische Ansichten nicht fremd. Ein Pflichtdienst könnte allerdings auch Menschen zeitweise in diese Felder führen, die mit diesen Bereichen eher nichts zu tun haben und die dort auch zumindest für ein winziges Zeitfenster neue Perspektiven entwickeln könnten.

Dazu kommt auch die Sozialisation, die ein Militärdienst mit sich bringt. Und die ist bei der Armee sicher um einiges verheerender und mit erbarmungslosen Unterordnungszwängen und hierarchischem Druck verbunden, als es je beim Zivildienst der Fall war. Sicher spielt dabei auch Alkohol als soziales Schmier- und Druckmittel eine große Rolle und ich wette beim Bund noch in größerem Maße, als es je beim Zivildienst der Fall war. Geschichten über Kampftrinken auf der Stube bis einer Galle kotzt, kann sicher jeder
Wehrdienstabsolvent erzählen, der monatelang isoliert mit anderen Typen in einer Kaserne eine geschlossene Gruppe bilden musste.
Das führt mich wieder zur derzeitigen Situation: Denn die Bundeswehr samt ihrer toxischen Sozialisationsmechanismen gibt es immer noch und ich wette, dass viele Männern dort mit Hilfe von Schikanen, Ritualen zur Männlichkeitsausformung (die sich bestimmt auf sehr alte Rollenbilder bezieht) und Alkoholkonsum ein Bild vom Mannsein und von der Gesellschaft vermittelt wird, das sehr rückwärtsgewandt wird un sich an einem alten Korpsgeist orientiert, von dem ich wünschte, er wäre doch allmählich mal einer Truppe von aufgeklärten Ghostbustern zum Opfer gefallen.

Zivildienst, als kritischer Gegenpart zu einer auf alten Geschlechterbildern beruhenden Militärtradition, fehlt auch hier. Eine entsprechende Institution, die ein anderes Verständnis von Männlichkeit, sozialem Miteinander und andere Perspektiven auf bestimmte Lebensbereiche vermittelt, gibt es nicht. Und das erst recht, wenn man bedenkt, dass ca. 1/4 der Bevölkerung dieses Landes dazu tendieren, rechte Ansichten zu vertreten.

Davon ab könnte ein ziviler sozialer Dienst auch anderweitig von Nutzen sein: Nämlich in der Hinsicht, dass man für eine gewisse Zeit raus ist aus dem Rattenrennen um Job, Karriere und streng durchgetakteter Lebensplanung. Nimm sechs oder 12 Monate, die jede/r nach dem Schulabschluß ableisten MUSS. Das gibt eine gewisse Ruhe, zumindest für den Augenblick. Eine Zwitspanne, in der erstmal nicht geplant werden muss, was du als nächstes machen willst oder musst. So etwas kann für einen Augenblick sehr beruhigend wirken und auch bezüglich der eigenen Berufs- und Lebens- und Karriereplanung, etwas den Druck rausnehmen.

Es gibt Momente, da wünsche ich mir echt einen verpflichtenden Sozialen Dienst. Für alle Bewohner dieses Landes ab 18 Jahren. Männer, Frauen, alle. Ob sechs Monate oder ein Jahr oder sonst was, das ließe sich alles diskutieren. Aber ich denke, dass so ein Dienst viele Soziale Einrichtungen entlasten würde, und andererseits vielleicht auch denen die dazu verpflichtet wären, noch ein anderes Bild der Gesellschaft vermitteln würde.

Es gibt allerdings für mich ein Dilemma: Diese Augenblicke, in denen ich mir denke, dass so en Pflichtdienst gar nicht so schlecht wäre, sind nur kurz. Denn vom Staat zu einem Dienst verpflichtet zu werden, finde ich ja eigentlich eher uncool. Staatliche Eingriffe in meine persönliche Lebensplanung oder der von anderen Leuten, nunja, ist nun mal nicht wirklich was, dass ich mir heutzutage wünsche. Vielleicht auch, weil es nicht so ganz zu meinem von mir zusammen konstruierten Selbstbild passt, dass ich einmal einen verpflichtenden sozialen Dienst für alle wirklich gut finden würde. Wenn es allerdings dazu führt, dass in Zukunft die Menschen, denen ich beim Campen begegne, weniger wie Soldaten auf Urlaub wirken, wäre das schon ein guter Grund dafür.


Gary Flanell

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