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Sonntag, 19. Februar 2017

Alles andere ist Tanzschule - Für Gerrit Meijer (RIP)

Sad news: Gerrit Meijer, Gitarrist bei Berlins erster Punkband PVC, ist am Wochenende gestorben. Aus diesem Grund gibt es auf dem Renfield-Blog ein ausführliches Interview mit Gerrit, das in Renfield Nr. 21 und 22 erschienen ist. Weil das Gespräch damals sehr ausführlich und unterhaltsam war, wurde es auf zwei Hefte verteilt. Gerrit war beim Termin in seiner Wohnung in Moabit sehr gesprächig, dabei aber nie langweilig. Viele Anekdoten, die nun mal zusammenkommen, wenn man ewig und umtriebig Musik macht, wirkten sehr unterhaltsam und vielleicht war es das, was das Bild von ihm so prägte: Einer der gut erzählen konnte, aber auch immer seinen eigenen Weg gegangen ist. Wenn es einen Weg gibt, Punk als Haltung in Würde mit ins Alter zu transportieren, dann hat Gerrit Meijer ihn wohl gefunden.



Gary Flanell: Hallo Gerrit, auf euer myspace-Seite stand, daß ihr auf Labelsuche seid, wie sieht’s denn damit zurzeit aus?
Gerrit: Ja, wir suchen nen Label und auch nen Booker. Die Sache ist aber so, daß die Labels heutzutage total festgefahren sind. Bei einem Oi-Label zum Beispiel ist es völlig klar, daß da 3 oder 5 Glatzen abgebildet sein müssen, wenn diese Erscheinungsform nicht stimmt, dann lässt der Käufer die CD schon mal außen vor, weil das für ihn dann einfach nicht stimmt…

GF: Wo wir mal wieder bei den berühmten Szene-Scheuklappen sind…
G.: Klar, da sind wir dann bei diesem Spießbürgertum angelangt, von dem gerade diese Herren dann meinen, dass sie völlig anders sind und dabei entsprechen sie gerade dem Ideal ihrer Väter in jeglicher Form, eigentlich sogar noch mehr…

Eine Freundin von mir, die selber mal in so’ ner Band gespielt hat - die nannten sich Leningrad Sandwich, das war noch zu alten Westberlin-Zeiten - die hat das mal so ausgedrückt: Wer heute Punk ist, der macht ja selbstverständlich keinen Punk. Und damit hat sie es eigentlich auf den Punkt gebracht. Alles andere ist ja Tanzschule. Das ist genau wie mit den Leuten die in die Tanzschule gehen und da dann Rock’n’Roll lernen. Die lernen da irgendwelche bestimmten Schritte und dann wissen die: „Aha, das ist jetzt Rock’n’Roll“ und wenn jetzt einer anders tanzt, dann sagen die: „Der macht ja gar nicht den doppelten So-und-So, also macht der gar keinen Rock und Roll.“ Es ist das Gegenteil von der Vorgabe.

GF: Mal zurück zu der Booker- und Labelsuche: Wieso bringt ihr die Platte denn nicht selber raus, so D.I.Y.-mäßig?
G.: Wenn uns nichts anderes übrig bleibt, werden wir das wohl machen. Man kann heute ja ganz andere Foren nutzen, z.B. CD-Baby, die sitzen in den USA. Von da aus erfolgt zentral der Vertrieb in alle Welt und die bestücken auch alle Runterlade-Foren. Der Vorteil ist der, dass der Anteil, Gewinn an der einzelnen CD wesentlich höher ist als bei einem herkömmlichen Label, allerdings bleibt einem auch sämtliche Werbung selber überlassen. Das ist der Nachteil. Man muss auf irgendeine Art und Weise zusehen, an die Leute ranzukommen, die wenden sich dann an CD-Baby und dann kann man sich was zuschicken lassen.



GF: Und wie siehst aus mit Gigs organisieren – macht ihr das auch noch selber?
G.: Ja, aber eigentlich mache ich das überhaupt nicht gerne. Gerade im Osten gibt es ne ganz strenge Teilung zwischen Norden und Süden. Im Süden ist es besser, im Norden geht’s gar nicht. Da hören die bloß: „Ach, die singen gar nicht englisch und machen auch nicht den üblichen Uffta-Uffta-Rhythmus.“ Da ist man schon irgendwie in der national befreiten Punkzone gar nicht geduldet.

GF: Beim Gig im Wild at heart fand ich übrigens, daß ihr soundmäßig ganz anders im Vergleich zu den Razorquills und Texas Terry wart. Die waren mehr auf der Punkrockschiene und ihr habt da mehr was Sperriges gemacht. Das war ein schöner Bruch irgendwie.
G.: Es ist ja immer so. Die Leute gehen auf die Bühne und denken: Jetzt zeigen wir mal, daß wir ganz harte Jungs und Mädels sind und legen dann volles Rohr los. Das haben wir ja nicht gemacht. Wir haben mit was völlig anderem angefangen. Das ist auch so meine Idee von Punk. wir haben einen alten Little-Richard-Song gewählt und haben den völlig demontiert. Das sind so Sachen, die mir liegen und die ich gerne mache.

Ich hab ja auch früher in anderen Bands gespielt und muss sagen, daß Anfang der 80er-Jahre, so von 79 – 82, mehr Experiment vom Publikum geduldet wurde. Die Leute hatten andere Hörgewohnheiten und waren einfach neugierig. Heute ist es so: Das Wild at heart hat ja noch eine Bandbreite. Die Leute, die da hingehen, sind noch offen für vieles andere. Das merkt man auch an der Musik, die vorher läuft oder wenn man im Riki-Tik ist, da läuft Surf und Country und so was. Und das Ganze läuft im Wesentlichen unter Trash und solange der Trashfaktor gewahrt bleibt, ob der jetzt mit einer Posaune oder mit drei E-Gitarren stattfindet, ist das für die Leute ok. Die finden es halt dann gut oder nicht so gut, das hängt dann auch von der Band selber ab. Man hat als Band im Wild at heart immer eine gute Chance anzukommen.



GF: Wobei das Wild at heart für mich schon so ein typischer Punkrockladen ist. Ich finde Bands wie Texas Terry oder so, das sind schon Bands, die meiner Meinung nach den Sound, der da läuft, ziemlich typisch darstellen…
G.: Ja, aber so ein typischer Punkladen ist es eigentlich nicht. Da ist das Spektrum schon etwas weiter. Ein typischer Punkladen ist für mich das Thommy-Weißbecker-Haus. Das ist klar, da geht gar nichts anderes. Da sind die ganzen Raubritter und Irokesenträger und die wissen ganz genau wie’s zu laufen hat. Da passiert’s zum Beispiel auch, wie mir ein Bekannter sagte, daß ihm erklärt wurde, aufgrund seines Aussehens wäre er gar nicht punkwürdig. Dabei ist das ein Typ, der schon 1977 dabei war und der mit der Sache bestimmt mehr zu tun hat, als diese 5te-Generation-Punks.

GF: Gab’s eigentlich für dich irgendwann einen Zeitpunkt, an dem du für dich gemerkt hast, daß dich diese ganze Punksache gar nicht mehr interessiert?
G.: Das hängt aber gar nicht mal damit zusammen. Für mich war Musik auch immer aus Abenteuer gemacht. Ich hab mich lange Zeit von jeglicher Art von Popmusik total entfernt. Ich habe dann mit Musik Bekanntschaft gemacht, die man dummerweise seit 1910 ungefähr als Neue Musik bezeichnet. Komponisten des 20 Jahrhunderts. Die interessieren mich auch heute noch. Ich bin davon wieder ein bisschen abgekommen. aber so 15 Jahre lang habe ich bestimmt nichts anderes gehört.

Wenn mir dann einer gesagt hätte: Heute Abend spielen So-und-so, war mir das scheißegal. Ich bin auch nur durch Zufall wieder dazugekommen und hab jetzt wieder mehr ein Bedürfnis nach Experiment. Wir bringen das ja in einer Form ein, die immer noch zugänglich ist. Aber schon da kommen Experten, die sagen: Früher war das viel authentischer. Was heißt das denn? Früher hat man mit Murmeln gespielt, jetzt spielt man nach 25 Jahren nicht mehr mit Murmeln, ist man dann nicht mehr authentisch? Das sind so bekloppte Wortspiele.

Da werden auch schnell mal Begriffe zum Einsatz und in Verbindung mit Umständen gebracht, die überhaupt nicht zueinander passen unter Verkennung der eigentlichen Bedeutung. Authentisch ist man doch, wenn man macht, was man will, aber nicht, wenn man festhält.
Was ich verstehe, wenn Leute sagen: Sie haben eine Weile gesucht, haben ihr Ding gefunden und bleiben da, aber das ist nicht mein Ding.

GF: Veränderung gehört meiner Meinung auch zu Punk. Die Ramones haben ewig lang den gleichen Sound gemacht und als sie mal versucht haben, sich ein bißchen zu ändern, haben alle gemeckert. Aber mal zurück zur Band. Gab’s PVC eigentlich durchgehend die ganze Zeit bis heute?
G.: Es gab drei Abschnitte. der erste von 77-84 in drei verschiedenen Besetzungen. Dann ging’s noch mal von 1988-1991, das waren dann auch drei verschiedene Besetzungen und dann wieder seit 2004, das ist jetzt auch schon die dritte Besetzung aber die funktioniert schon seit Ende 2006. Damit bin ich jetzt auch ganz zufrieden. Ich habe auch den Eindruck, wenn man mal die Quersumme aller musikalischen Aspekte zieht, ist das auch die Besetzung, die am besten funktioniert.



GF: Habt ihr eigentlich immer zu dritt gespielt?
G.: Nee, wir waren früher auch mal zu viert, aber als ich wieder angefangen hatte, war das so ’n Zufall. Das war mit den Shocks. mit denen hatte ich es wieder gemacht, das war sozusagen meine Backingband, wobei wir deren Zeug und das PVC-Sachen immer total getrennt haben. Da fiel mal der Gitarrist aus und dann haben wir es halt zu dritt gemacht und das gefiel mir schon sehr gut, denn zu dritt läuft es so: Wenn du der einzige Gitarrist bist, dann bist du 100pro zuständig, das ist wie bei ’nem Tennisspieler, der ist niemand weiter. Du bist nichts anderes, du musst immer 105% da sein und auch in meinem Fall, gerade weil ich auch der Sänger bin und dann mein Zeug fummele, das macht mir schon ziemlich viel Spaß. Zu dritt kommt man auch schneller auf den Punkt. Und was mich auch in früheren Besetzungen geärgert hat, war, daß der zweite Gitarrist nie das gespielt hat, was ich mir so vorstelle.

Der Ulli, der im Wild at heart den Mix macht und bei CHURCH OF CONFIDENCE spielt, der sagt auch: Er macht nix mehr mit einem zweitem Gitarristen. Ehe da einer steht, der nicht die Fantasie aufbringt, was dazu beizutragen und nur mit dir mitschrammelt, dann kannst du auf den auch verzichten. Musik unterliegt ja auch immer einer gewissen Ökonomie. Das stelle ich bei unheimlich vielen Bands fest. Die denken, sie müssten immer schrammeln und ständig Krach machen. Das ist dann auch nur laut, da gibt es ja gar keine Dynamik. Dem unterliegen so viele Bands. Wenn du also bei so ’nem Festival bist, dann klingen die alle gleich, drehe alle ihre Marshalls auf und schrammeln wie die Blöden, und es ist gähnend langweilig.

GF: Bei vielen Festivals spielen ja auch nur noch Bands einer Stilrichtung, da wird meiner Meinung nach wenig gemischt. Bei einem HC-Festival haben die alle den gleichen Beat, alles so’n bisschen metalmäßig, die gleichen Posen, den gleichen Sound…
G.: Genau, da verstehe ich aber auch die Anspruchshaltung des Publikums nicht. Als wir so 1977 angefangen haben, da gab’s ja nix weiter, da waren wir die einzigen. Und da ist uns auch nach 5-6 Stücken aufgefallen, dass das Publikum langsam etwas gelangweilt war. Dann dachten wir uns: Wir müssten immer mal was anderes einbauen und selbst wenn es total langweilig ist, einfach, damit es hinterher wieder richtig losgeht.

Bei den typischen Festivals heute habe ich das Gefühl, die Leute wollen nur, daß nur ein Film durchläuft. Eigentlich interessiert sie die Musik auch gar nicht. Die wollen nur Mitgröhlen und was die Leute an ihren Instrumenten machen, interessiert die ’nen Scheißdreck. Das ist so, als wenn du zum Fußball gehst und nur die Tore sehen willst. Das ist doch Quatsch. Ich meine, Sachen entwickeln sich doch. Man fängt mit einem Vers an und dann geht’s irgendwann auf. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Art von Genussfaktor gar nicht da ist. Die stehen dann da rum und wollen ein bißchen mitgröhlen. Da geht natürlich nur, was der Pegel erlaubt. Feinheiten dringen dann gar nicht mehr so durch.
Wir kennen das auch so, daß es immer Ausländer sind, egal wo die herkommen, die das total klasse finden. Viele, die mich auch speziell auf mein Gitarrenspiel ansprechen. Das war jetzt auch im Wild at heart so. Das macht dann auch mehr Spaß, wenn man merkt, daß die mit dem Geschehen auf der Bühne mehr mitgehen.



GF:.: Beim Wild-at-heart-Gig habt ihr ja auch ganz am Ende Berlin by night gespielt…
G.: Da ist mir dummerweise der Amp ausgefallen…
GF: Oh, ich dachte, das wäre Absicht gewesen, daß ihr es in so einer reduzierten Version bringt.

G.: Wir machen das ab und zu mal, wenn wir bei der x-ten Zugabe angelangt sind, spielen wir auch mal die „Las-Vegas“-Version, aber da war im Lautstärkeregler ein Wackelkontakt, das ist mir aber erst bei der nächsten Probe aufgefallen.

GF: Nervt das denn nicht, den Song immer wieder spielen zu müssen…?
G.: Ja natürlich, das ist auch total blöd. Ich hab’s auch gar nicht gern, wenn das immer wieder gefeatured wird. Wir haben ja auch neue Sachen am Start, deshalb suchen wir auch ja ein Label. Wir sind auch ziemlich bekannt mit Marianne Rosenberg und die kennt das Problem auch. Die hat halt ihre Schlager von früher, aber auch ganz andere Programme. Die macht auch so ein Jazzprogramm und sagt, das wäre auch ganz schwierig. Die Leute kommen da hin und wollen mit ihr zusammen in Nostalgie schwelgen. Man kann natürlich damit hausieren gehen, es gibt ja diese Bädertouren, und davon existieren die gut, aber davon ist der Punksektor ja weit entfernt.



Gerrit: …dann dümpeln die alle so rum und meinen sie machen Streetpunk, was dann beinhaltet: Gage ist sowieso scheißegal, das ist eh nur für die bourgeois. Aber daraus entsteht natürlich nichts. Das ist doch Sumpf, da entsteht ja keine Kreativität.
Wir haben es in Pasewalk erlebt, da hat eine Band gespielt, Atemnot heißen die und die haben gesungen: Feuer und Flamme für den Staat. Und unten stehen so ein paar Typen und gröhlen es einfach stumpf hinterher. Da fragst du dich: Sag mal, was haben die denn? Gibt’s bei denen keine Mädels? Wird da nicht gevögelt, was wollen die eigentlich? Die fühlen sich nur scheiße und sind von Sex & Drugs & Rock’n’Roll denkbar weit entfernt…

GF: Da fehlt wohl das Weiterdenken. Das hat für mich dann später Hardcore ausgemacht, weil das cool war. Nicht nur alles scheiße finden und voll anti sein, sondern auch was dagegen setzen, was Neues machen, was Konstruktives bringen.
G.: Unsere Ambition war damals so: Wir ignorieren den ganzen Quatsch, wir protestieren nicht. Wogegen denn auch? Wir haben halt unseren Spaß. Es ist ja immer irgendwas, und ob die einen den anderen jetzt Nägel in die Knie kloppen oder umgekehrt, es bleibt im Prinzip gleich. Aso lassen wir den Scheiß gleich draußen vor und machen was wir wollen.

Es ist auch später passiert, das man uns einreden wollte, eine Ideologie haben zu müssen. Unsere Ideologie war ja gerade keine zu haben. Zum Beispiel zur Gründung, der Urvater Knut Schaller, der Bassist, der war schwul, der hatte ein T-Shirt, da waren auf der einen Seite Hammer und Sichel und auf der anderen Hakenkreuze und ich dachte damals: Der hat völlig recht. Das haut genau hin. Wozu braucht man eine Ideologie, eine Religion? Die Leute hauen sich deshalb den Schädel ein. Lass doch jeden machen, wie er will, das ist für mich auch Punk.

GF: Kommen wir mal zu Wall City Rock, der Begriff ist und war ja immer sehr eng mit PVC verbunden…
G.: Wir hatten damals diesen Begriff, der kam zu uns, das war so März 78. Da gab’s so eine befreundete Gruppe, die DIRTY NEEDS. Die wussten da aber noch nicht, daß sie DIRTY NEEDS heißen. Aber die haben nach einem Namen gesucht, damals hießen die noch V3. Wir haben alle so rumgesessen, damals war das ja eine sehr handverlesene Szene. Die 20 Gestalten, die es gab, kannte man ja alle, die waren so in unserem Umfeld. Wir haben so überlegt, wie man sich nennen könnte und unser Gitarrist, der Reimund, meinte dann in Anlehnung an Berlin und die Mauer drum herum und die BAY CITY ROLLERS: Nennt euch doch Wall City Rockers. Das fanden die irgendwie scheiße, aber ich fand den Begriff gut. Wall City Rock.



Wir nennen uns nicht mehr Punkband, weil wir auch schon angefangen hatten, ein paar andere Songs zu machen und das Spektrum zu erweitern. Wie die Songs konzipiert waren und wir dachten uns, wenn wir sagen: Wir machen Wall City Rock. Das beinhaltet auch, daß wir mehr Freiheiten haben, weil wir nicht auf diese Punkschiene festgelegt sind. Du musst nicht jedes Mal überlegen, ob das passt oder nicht und in der ersten Besetzung von März 77 bis Ende Februar 79 gab’s schon drei Phasen. Wir waren einfach interessiert an dem Abenteuer Musik. Wir wussten: Wir starten jetzt. Es war klar, daß wir schon als Punkband starten, das war geil, so Sachen wie die Ramones, die waren super. Die konnten nichts und wir meinten, geil, wir können auch nichts, und das was die können, soviel können wir auch.

Aber die Sachen entwickeln sich ja. Man malt sein erstes Bild, man macht seine erste Stulle, Irgendwann wird’s automatisch besser, aber die Ansprüche steigen. Wir hatten dann einen letzten Gig in Hamburg und die waren dort gerade so pogomäßig dabei und da haben wir schon gemerkt, daß es gar nicht mehr passt. Die waren so richtig sauer auf uns. Wir haben da schon angefangen, so etwas mechanische Rhythmen reinzubringen, Industrial ist auch so ein Wort. Wir haben gemerkt, das wir da in eine ganz andere Ecke driften. Uns war das dann auch egal, wir wollten das auch so…

GF: Ist ja auch legitim, wenn man für sich selber merkt, dass man sich in eine andere Richtung entwickelt. Andererseits aber auch schwierig, wenn das bisherige Publikum den Weg nicht so mitgeht…
G.: Damals ging’s noch. Es gab dann eine zweite Besetzung, da hatten wir auch einen Sänger. Das ging von März 79 bis September 79. Dann haben der Sänger und ich uns aber von der Band getrennt und als White Russia weitergemacht und zwei Platten rausgebracht. Da sind wir noch weiter ins Experimentelle, Maschinenhafte abgedriftet. Damals ging das noch ganz gut. Wir haben damals eine Tour gemacht, da war NDW ganz groß angesagt, das passte auch so gar nicht. Dieses Neben-der-Spur-Leben zieht sich durch die ganzen Jahre, in denen ich Musik mache, wie ein roter Faden. Aber damit kann ich gut leben. Ich kann mich zwischen den Stühlen durchaus wohlfühlen. Ich brauche nicht immer diese Gruppendynamik, zu irgendwelchen Riesenhorden dazuzugehören, da stehe ich überhaupt nicht drauf.

GF: Ihr habt doch irgendwann auch mal eine Platte mit Bela B. gemacht, wie kam das denn zustande…?
G.: Das war einfach nur eine Maxisingle. Ende 88 hatten wir mal wieder angefangen, das war der erste Neuanfang. Die erste Band ging von 77 bis 84, in drei Besetzungen. Ich war damals in so einer Institution, da wurden die Bögen von der Volkszählung ausgezählt. Das passte mir so gar nicht. Das war alles so blöd.



Und in so einem komischen Moment, wenn man nach der Mittagspause wach wird, diese Zehntelsekunde, hatte ich so die Idee: Wir sollten mal wieder nen Gig machen. Dann hab ich ein bisschen rumtelefoniert und innerhalb von einer halben Stunde war dann die Originalbesetzung wieder zusammen. Ich hatte dann Kontakt zu so einem Manager, der nannte sich Conny Konzak und mit dem hatten wir früher schon Kontakt. Der hatte früher das Kant-Kino, da fanden ja früher immer Konzerte statt und da haben die englischen Bands immer ihren ersten Gig gemacht. Wir hatten als PVC das große Privileg, uns alle Bands angucken zu können.

Das war damals auch ein Novum: Wir haben den Laden voll gemacht, wie die ganzen englischen Combos und hatten nicht mal einen Plattenvertrag. Und der wurde später u.a. Manager der Ärzte. 1989 befanden die sich gerade in der Endphase und Bela B. hatte allerlei Projekte am laufen. Der hatte da Kontakte zum Weserlabel und die haben alles mit ihm gemacht, was er machen wollte. Da hat er uns mal gesehen und meinte zu Conny Konzak, er würde gern mit uns eine Single machen. Er hat dann über Conny bei uns anfragen lassen. Als Kiddie hatte er als erste Punksingle von Chris Spedding die „Pogo dancing“-Platte gekauft und er wollte seine erste Punksingle mit uns noch mal produzieren, und das haben wir dann gemacht.

GF: In den letzten Jahren gab’s ja verschiedene Projekte in den Punk in Deutschland noch mal aufgerollt wird, „Kein Zukunft war gestern“, „Dorfpunks“ als Buch und im Kino, „Verschwende deine Jugend“ und so was. Wie findest du es, daß Punk jetzt so einen historischen Anstrich bekommt?
G.: Komisch daran ist folgendes: Bevor ich wieder angefangen hab, Musik zu machen, kam über einen Bekannten ein Amerikaner auf mich zu, der hat hier am John-F.-Kennedy-Institut unterrichtet. Der hat mich eingeladen, um vor den StudentInnen Rede und Antwort zu stehen zum Thema Punk.
Da dachte ich auch, das ist komisch – jetzt stehst du hier und dozierst über Punk. Heute ist jede Art von Subkultur nach einer bestimmten Zeit Bestandteil der Kulturgeschichte. Das ist etwas komisch, aber ist halt so. Und da kommen dann die Leute, die dich früher angespuckt hätten und sind dann total freundlich zu dir. Selbst die Ramones hat es hinterher in die Rock’n’Roll-Hall of fame verschlagen. Ist aber eigentlich das Beste, was solchen Sachen passieren kann. Damit nimmst du solchen Bewegungen ja den Stachel. Wenn du das immer draußen vorlässt, bleibt es immer kontrovers, aber wenn man es vereinnahmt, wird es nicht mehr so gefährlich. Das kennt man ja auch bei Kleinigkeiten.

Früher gab’s z.B. in Steglitz so einen Laden, wo alle möglichen Bands gespielt haben. Da ist dann irgendwann Udo Lindenberg aufgetaucht, der hatte gerade so eine Tour am Start, die hieß „Die Heizer kommen“. Da kam dann so ein Typ auf ihn zu und meinte „Ey ich find deine Musik total scheiße“ und Lindenberg meinte dann halt so: „Find ich voll gut, daß mir das mal einer sagt“ und hat ihm dann ein Bier ausgegeben und ihm auch noch 50 Mark geschenkt. Der Typ war danach natürlich total anderer Ansicht. Und so ist es ja immer. Sachen, die mal Avantgarde sind, sind irgendwann auch Allgemeingut und irgendwann auch langweilig. Ich bin nur erstaunt, daß dieser Punk-Kram ja schon seit 30 Jahren läuft und es immer neue Bands gibt. Da frage ich mich, ob die denn nichts Eigenes haben. Andererseits fällt mir dann ein, daß diese niedrigsten Primitiv-Standards beim Spielen ja auch so schnell erreichbar sind…



GF: So schlecht zu sein, dass es immer noch einen Schockmoment gibt kann ja auch wieder ein Anreiz sein.
G.: Aber inzwischen klingt ja alles gleich, es ist einfach zuviel. Ich existiere ja nicht erst seit gestern, sondern mindestens seit vorgestern. In den 60ern musste sich bei den Beatbands immer einer hinsetzen und den Leadgitarristen aufdrücken und die Bassisten mussten alle Läufe spielen. Heute spielen ja alle nur noch Grundtöne und reden davon, daß sie Bassisten sind, das ist ja völlig langweilig. Beim Bass spielen findet ja gar nichts mehr statt. Das ist ja durch Punk völlig durch die Räder gekommen. Meinetwegen sollen sie das machen, aber diese Pose, die sie dabei einnehmen, dieses „Jetzt kommen die gefährlichen Punks“, das interessiert doch keinen mehr. Wo soll denn da der aufjaulende Bürger herkommen? Die kennen das doch schon ewig lang. Elvis hatte in den 50ern Koteletten und eine Ente hinten am Kopf, heute sind alle tätowiert und haben Nasenringe, aber das zieht doch auch nichts mehr weg. Das ist eigentlich nur noch Parodie.

Ende 2007 waren wir in Chemnitz beim Weihnachtspogo und backstage hattest du echt den Eindruck, die wären von einem Bühnenfundus ausgestattet worden; so nach dem Motto: Wir drehen hier einen Punkfilm, du machst den Nietengürtel um, du das Stachelarmband und du machst dir einen Iro. Tut mir leid, da war nix eigenes mehr, das war gähnend langweilig.

Viel ist dem nicht mehr hinzuzufügen, außer: Gerrit, mach's gut und vielen Dank für das Interview und all die gute Musik! Berlin will miss you schon jetzt.



Wer noch mehr über PVC und Punk in Berlin erfahren will, dem sei, jetzt vielleicht nch mehr als sowieso, die Biografie von Gerrit Meijer "Berlin, Punk, PVC" empfohlen. Eine Rezension auf dem Renfield-Blog gibt's hier.


Montag, 13. Februar 2017

Soundtracks of OUR lives? Nee, only of mine...

Gibt ja so Situationen im Leben. Da strengt alles an. Tag und Nacht. Die ganze Zeit fragt man sich, wo einem der Kopf steht, wenn er überhaupt noch steht und nicht nur irgendwie am Restkörper nach Belieben rumbaumelt. In der Bahn, bei der Arbeit, im Bett. Und dann noch eisige Temperaturen, nein nein nein.
Keine Frage, da muss man durch, hilft alles nix. Aber manchmal hilft bei sowas Musik. Oft sogar. Mir jedenfalls. Oft habe ich gar nicht das große Bedürfnis jetzt EINE Playlist für bestimmte Lebenslagen abzuspulen. Einfach, weil es die oft nicht gibt.
Im Augenblick allerdings schon. Deshalb hier jetzt Gary Flanells 6-Uhr-früh-Arbeitsbeginn-ist-nicht-nur-im-Winter-bei-Minus-5-Grad-viel-zu-früh-für-jede-Art-von-Job-ähm-Liederliste. Unkommentiert.
Hätte ich eine Plattenpresse im Keller würde ich das Ganze nach Abflauen des derzeitigen Wahnsinns für Freunde in winziger Privatauflage auf Vinyl überspielen. Weil das nicht der Fall ist, hier also alles verlinkt.

Marie singt


Feine Sahne Fischfilet - Komplett im Arsch


Rummelsnuff - Halt durch


Solomon Burke - Does my ring burn your finger


Nick 13 - Carry my body down


Miss red -Fever


Dookoom - Kak Stirvy


That handsome devil - March


The Legendary Stardust Cowboy - Ghost Riders in the Sky


Deadbolt - Jimmy's grave


James Carter & the Prisoners - Po Lazarus


Kina - Se ho vinto, se ho perso (ohne Scheiß, es muss das komplette Album sein)

Freitag, 10. Februar 2017

Subcult - Klänge jenseits des Hauptstroms mit Niki Matita

Playlist vom 09.02.2017

Gurr - Walnuss (In My Head)



Figer Han - Haydi Bastırr (taken from the compilation Saz Beat Vol.3)


Önder Bali 4 - Halûk Îcin (taken from the compilation Saz Beat Vol.3)


Pallet Of Leaves - Intro (Pallet Of Leaves)


Diazpora - 27-28-29 Islands


Miramode Orchestra - Loco One Tumbler


Pallet Of Leaves A Love Song (Pallet Of Leaves)

The Revox - Sick Of You (Talk About Her/Sick Of You)


Delaney Davidson - Kiss Her Dead (30 Year Anniversary The Monsters)

The Sexorgans Orgasms - Intergalactic Sex Tourists


The Seniles - Going Away Girl (30 Year Anniversary The Monsters)

Jaako Laitinen & Väähä Raha - Aman aman Näennäinen

Jukka Eskola Soul Trio - Subterranean Variations (Grotto)

Diazpora - Streetmarket Islands

Gurr - Klartraum (In My Head)

Jukka Eskola Soul Trio - Soft Drop (Grotto)

Mittwoch, 1. Februar 2017

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. III

Blut Hirn Schranke - s/t

Erste Erkenntnis: Nicht alles, was an Bands aus Düsseldorf kommt und einen Punk/HC-Background hat, klingt wie die Toten Hosen oder die Broilers oder die Schwarzen Schafe.
Zweite Erkenntnis: Nicht alles, was auf Kidnap Music erscheint, klingt zwangsläufig wie Pascow.
Damit haben BLUT HIRN SCHRANKE schon mal zwei Pünktchen auf meiner ausgeleierten Aufmerksamkeitsfre-quenzband gut gemacht. Hardcore würde ich das nennen, was die Band auf ihrem ersten Album (nach zwei EPs der logische Schritt) so zustande bringt. Hardcore. Nicht gerade der Quadrant im Musikuniversum, in dem ich mich seit längerem so rumtreibe. Vielleicht hat's wirklich was mit dem Alter zu tun - oder der Tatsache, dass gerade bei Punk/HC die persönliche Bindung zur Band noch eine größere Rolle spielt als in anderen Szenen. Meine These, aber ich würde sagen, das liegt zum Teil daran, dass das Gefälle zwischen Band und Publikum hier immer gewollt klein gehalten wurde. Du kannst bei einem guten, gemütlichen HC-Konzert immer noch hinterher ohne Probleme mit dem Sänger quatschen oder mit dem Gitarristen ein Bierchen trinken. Und über die Texte quatschen. Deshalb haben auch obskure Bands, die nie einen wirklich großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, immer noch die Chance, über die persönliche Bindung beim einzelnen in Erinnerung gehalten zu werden.



Was aber auch bedeutet, dass eine Band nur zu einem bestimmten Augenblick für eine bestimmte Person oder Gruppe wichtig ist. Right time, right place, right party - da hatte Alfred Hitchcock schon recht.
Right gig, right record, right song, möchte ich fast hinzufügen. Kann ja sein, dass die eine Scheibe einer Band dir zu einem bestimmten Augenblick total aus der Seele spricht, das Nachfolgealbum aber in deinem Regal verstaubt. Ach scheiße, wahrscheinlich kann man das auch auf jedes Genre übertragen. Trotzdem glaube ich, dass da was ist. Dass Punkbands, gerade die, die nie richtig bekannt werden, es leichter haben, vom Publikum geschätzt und emotional länger in Erinnerung healten werden.

Was das mit BLUT HIRN SCHRANKE zu tun hat? Sagen wir es so: Ich mag das, was sie tun. Die Musik: mit großem Ernst vorgetragen, die mich an die Wucht von Bands wie DEFEATER erinnert, allerdings mit ein paar Indie-Rock-Melodien versehen. Die Texte sind manchmal zwar etwas plakativ, aber es geht ja alles noch. Ich steige hier nicht komplett aus. Vielleicht habe ich auch sehr viel Verständnis für sowas. Punk, der auf bunte Plattencover verzichtet, mit dem Quentchen Zerrissenheit und Zweifel, der dazu gehört. Wie nannte sich das früher? Emo-Core? Well, passt schon. Punk mit Pathos, aber eben noch alles ertragbar.

Aber soviel Wut bringe ich derzeit nicht auf, um bei Songs wie "Menschensammelstelle" oder "More than music" komplett abzugehen. Da höre ich lieber das neue Christiane-Rösinger-Album, das spricht mir mehr aus der Seele. Vielleicht auch, weil BHS sehr ernst rüberkommen. Soviel Ernst. Hat man selten bei einer Band aus dem Rheinland. Ein gewisse Ironie und Leichtigkeit würde ihnen ganz gut stehen. Ist aber immer noch besser als die nervige Bierseligkeit, die man bei Bands aus Düsseldorf öfter mal findet.

Aber das ist es dann wohl: BLUT HIRN SCHRANKE werden sicher genug zornige junge Männer finden, die ihre Texte bald auswendig können und dem Sänger kollektiv das Mikro entreißen. Und das wird dann genau der Teil der Menschheit sein, der sich auch in ein paar Jahren genau daran erinnert, wie er bei einem Konzert dieser Düsseldorfer abgegangen ist wie sonst davor und danach nicht mehr. Und BLUT HIRN SCHRANKE deshalb, wer weiß was da noch passiert, für länger in Erinnerung gehalten wird, als irgendeine gefällige Mainstreamkapelle.
(H) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.

BLUT HIRN SCHRANKE - s/t
erschienen bei Kidnap Music
LP gibt's limitiert mit CD und DL-Code

Freitag, 27. Januar 2017

The Heavy Metal Kids are alright

Als ich zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand genommen habe, war ich 16. Meine erste Punkband (hieß erst STUHLGANG. Dann SCHLOiDERTRAUMA. Obwohl wir mit Oi nicht ansatzweise was zu tun hatten. und nein, es gibt keine Demos, die hier verbreitet werden.), in der ich Bass gespielt habe, hatte ich mit 17. Ich war damit wohl vergleichsweise spät dran.

Zumindest verglichen mit den drei Jungs (hier ausnahmsweise mal kein salopp-lockerer, bemüht-cooler Ausdruck für volljährige Mitglieder einer Band) von UNLOCKING THE TRUTH.



Die haben schon in der Grundschule angefangen zu moshen und spätestens seit ihrem auf Youtube dokumentierten 2013er-Gig auf dem Times Square in New York weiß die virtuelle Welt, dass das Motto "Jugend musiziert" auch ganz angenehme Auswirkungen haben kann. Zumindest sieht man da schon, dass Malcolm (Gitarre/vocals), Jarad (Drums) und Alec Atkins (Bass) ziemlich souverän alles verarbeiten, was New-und-Nicht-ganz-so-New-Metal-Vorbilder wie METALLICA oder Slipknot vorgelegt haben. Respekt von allen wichtigen Medien und Menschen im Metal-Biz konnten sie damit auf alle Fälle schon mal einheimsen.

Sind diese drei Typen also totale Nerds? Einfach nur sehr dizipliniert? Oder wurden sie von ihren Eltern schon im Kindergarten zu kleinen Rockstars erzogen?
Was letzteres angeht: Diese Kids aus Brooklyn machen nicht unbedingt nicht den Eindruck, als würden Mama oder Papa sie mit der rockgetränkten Karrierepeitsche zum Heavy Metal zwingen. Ob dem wirklich so ist und wie es mit UNLOCKING THE TRUTH überhaupt in Zeiten von Pubertät und Stimmbruch weitergeht, könnte die Doku zur Teen-Metalband "Breaking a Monster". Ist zwar schon letztes Jahr erschienen, ist aber gerade in Hinblick auf die Unwägbarkeiten, die in der Entwicklung einer Band auftreten können, allemal sehenswert. Am besten in Anschluß an "The other F-Word."


Donnerstag, 26. Januar 2017

SubCult - 26.01.2017

Wir erinnern uns: Das RASKOLNIKOFF-Trio hatte sich angekündigt, um ihre Split-7inch mit der philippinischen Band MONTHLY RED vorzustellen.
Un die drei waren auch im gemütlichen SubCult-Studio. Es war etwas anarchisch, aber so belebend wie ein guter starker Espresso.
Und hier mal die Playlist:

1. BLUT HIRN SCHRANKE - Menschensammelstelle


2. RASKOLNIKOFF - Zündholz

3. RASKOLNIKOFF - Keller

4. LITBARSKI - Hedwig (von ihrer selbstbetitelten Mini-LP auf Elfenart)

5. ON ON ON - Slave to Physiognomy (von der 7inch "17 spells", released on John Steam Records)

6. ON ON ON - Suicide Lullaby (von der 7inch "17 spells")

7. RASKOLNIKOFF - No city for old men

8. MONTHLY RED - away from home

9. LULU & DIE EINHORNFARM - ZITRONE


10. TREND - Wir haben einen Auftrag


11. RASKOLNIKOFF - Lila schwarz (unreleased)

Sonntag, 22. Januar 2017

Donnerstag! Raskolnikoff bei SubCult


Vielleicht nicht so aufregend wie all der Tumult um die Trump-Inauguration, aber auf alle Fälle die bessere Nachricht:
Am 29.01. geht die nächste SubCult-Show über die Bühne.
Studiogäste gibt's diesmal bie Timbob Kegler auch: Die Herren von der sympathischen Berliner Punkband RASKOLNIKOFF.
Die heißen nicht nur wie eine DER ganz großen Figuren der Weltliteratur (an dieser Stelle Props an den alten russischen Schreiber- Bro Dostojewski), sondern sind auch sehr produktiv. So lange gibt es die Band nämlich noch gar nicht und schon haben sie eine Split-7inch mit der philippinischen Band MONTHLY RED am Start. Natürlich ist sowas das Ergebnis guter Umstände und auch eines gut funktionierenden DIY-Netzeerkes, aber wie das alles kam und was Raskolnikoff noch so zu Punk im Jahre 2017 zu sagen haben, erfährt der geneigte Hörer am Empfangsgerät am kommenden Donnerstag von 19-20 Uhr auf Pi-Radio 88,4.



Was vergessen? Jau. In der Sendung verlosen wir nämlich auch ein Exemplar der RASKOLNOKOFF/MONTHLY RED-SPLIT-Single.

Also:
SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms - mit Timbob Kegler
Live im Studio - RASKOLNIKOFF
29.01.2017, 19-20 Uhr auf Pi-Radio, 88,4

Mittwoch, 18. Januar 2017

Steinbach bleibt Steinbach (Danke Sookee!)

Die Brustmuskeltänzer pfeifen es mit dem Pectoralis von den Dächern: Sookee, Quing of Berlin, hat eine neue Platte am Start.
Kommt am 17.3. raus und heißt "Mortem & Makeup". Ich würde das hier nicht so prominent ankündigen, wenn Sookee nicht schon länger zu den interessantesten Hip-Hop-Acts hierzulande zählt. Thematisch eigentlich immer auf den Punkt, nicht komplett dämlich oder gequält lustig, sondern mit dem richtigen Flow, mit Texten, die sich gekonnt mit dem ganzen aktuellen Scheiß um uns herum auseinandersetzen. Aber eben auch nicht so verkopft, dass man dazu ein Philosophie-Glossar benötigen müsste. Ignorieren kann man Sookee jedenfalls nach sieben Releases in den letzten Jahren nicht mehr. Und das sage ich, der HipHop zwar irgendwie interessant findet, aber nicht dermaßen, dass ich davon irgendwelche Platten im Schrank habe (kurze Recherche am Expedit-Regal: keine einzige HipHop-Platte im Flanell'schen LP-Bestand. Eigentlich unglaublich.)
Wenn sich "Mortem & Makeup" in seiner Gesamtheit so gestaltet wie die erste Single Q1, dann könnte es ein richtig gutes Ding werden. Auch wenn die hier formulierte Auswanderungssehnsucht Sookees, angesichts der sich verändernden politischen Zustände, zwar nachvollziehbar ist, aber hoffentlich nie realisiert wird. Wäre schade.



Noch was zu den Brustmuskeldancern. Da habe ich Sookee zum ersten Mal richtig mitbekommen. War eine Koop mit den nicht weniger guten Sprachkünstlern TAPETE und der BOSE WÖLF. Immer noch ein Hit.



Sookee - "Mortem & Makeup"
ab 17.03.2017 auf Buback

Dienstag, 17. Januar 2017

First Subcult-Show 2017...

Lief letzten Donnerstag von 19-20 Uhr auf Pi-Radio und der Herr Timbob Kegler stellte einige interessante Platten vor. Vorzugsweise solche, die von den Vampisoul/Munster Records-Diggern aus Madrid herausgebracht wurden. Beispiele gefällig? Da wäre die ProgRock-Monster-LP "Two heads are better than one" von Bond and Brown, oder die hübsch gemachte Retrospektive von Macondo Records, einen Label aus Uruguay, das in den 70ern sackweise Platten von lokalen Cumbia-, Plena-, Merengue-Combos rausgebracht hat. Ich fühlte mich ein bißchen wie Frank Laufenberg, als ich dies spielte.
Uruguayische 70er-Jahre-Labels fallen mittlerweile bestimmt unter das "Ziemlich-Obskur"-Label, aber es lohnt sich, doch mal hinzuhören. Ebenso bei der zuckersüßen Easy-Listening-Lounge-Music-Torte "Latin A-Go-Go", die Produzenten-Wizard Mark Wirtz in die Welt setzte, als das Geld bei den Plattenfirmen noch im Keller gedruckt wurde. Und da interpretiert er doch tatsächlich einen alte Hank-Williams-Hit neu. Musste natürlich mit rein. Genauso wie die Johnny Reggae Rub Foundation, die einen alten Misfits-Klassiker hübsch ins Ska-Korsett gedrückt haben.

Diese Sendung war also recht schmusig, aber eben nicht nur. Schaut selbst...

Johnny reggae rub foundation – Attitude (Misfits-Cover)


Mark Wirtz Orchestra – Coming home baby


Mark Wirtz Orchestra – I'm so lonesome I could cry (Hank Williams Cover)

Bond and Brown – Oobati


Bond and Brown - SCUNTHORPE CRABMEAT TRAIN SIDEWAYS BOOGIE SHUFFLE STOMP

Cairobi – Saint

SONORA BORINQUEN - RECORDANDO A MI BARRIO


CONJUNTO CASINO - PLENA COSTERA


CONJUNTO CASINO - ¡QUÉ GOLAZO!

GRUPO MARACAIBO - JUAN


Gnarly Sacs – Love is rad


Tim Maia - RIDE TWIST AND ROLL


Miss Chain and broken heels – Uh Uh

Dienstag, 10. Januar 2017

Atomteller bedrohen unser Leben

Meine Hassliebe zum Ruhrgebiet habe ich in den letzten Tagen schon öfter in diversen Sozialmedien angesprochen. Da ist einerseits dieser Tocotronic'sche "Aber hier leben - nein danke"-Aspekt und andererseits doch große Sympathie für die Menschen, die da leben und tun.
Wie mir nun aber von gut informierter Seite zugetragen wurde, wurden für die Stadt, aus der ich komme und die ich immer liebevoll das Springfield von NRW nenne, ganz große Merchandise-Geschütze aufgefahren.
Ja ja, Mützen, Shirts und Schals kann jedes städtische Amt für Öffentlichkeitsarbeit in Auftrag geben. Aber wenn du ein Atomkraftwerk vor der Nase hattest, dann ist das sicher einen PORZELLANTELLER wert.




Den dargestellten THTR-Reaktor gibt es übrigens nicht mehr. Wurde noch zu meinen Schulzeiten stillgelegt und der Kühlturm gesprengt siehe oben. Die Kommentare der Filmer sind aber noch amüsanter.)
Vor einigen Jahren verbrachte ich Silvester in Wien und redete auf einer Party mit einem Engländer, der bei einer Atomkraftbehörde arbeitete. Der kannte den THTR natürlich und war von der Technik ziemlich angetan. So angetan wie er es überhaupt von den Kenntnissen "of the germans" auf dem Gebiet der Atomenergiegewinnung war - bis "leider" leider leider diese für ihn sehr blöde Anti-Atomenergie-Stimmung Oberhand gewann und nun keiner mehr Bock auf sowas hatte. Nunja, der Herr könnte sich bestimmt auch die restlichen Exemplare der großartigen Atomteller-Kollektion von Biblis über Krümmel und Greifswald bis nach Würgassen an die Wand nageln.


Donnerstag, 5. Januar 2017

They got the beat

Mit dem Ruhrgebiet verbindet mich eine seltsame Art von Hassliebe. Vielleicht wäre das etwas anders gewesen, wenn ich in den 60er-Jahren gelebt hätte und die flotten Rhythmen der geschätzten 1000 Beatbands mitbekommen hätte.
Tja, die späte Geburt hat also ihr Für und Wider. Aufzuwachsen im wirtschaftlich florierenden Ruhrgebiet, damals noch ohne Strukturwandel und mit prall gefüllten Kohleflözen, wäre mit diesem Soundtrack sehr interessant gewesen.
Weil das damals so war, kann man sich mit Hilfe einer sehr guten Doku vorstellen, die derzeit in der Mediathek des WDR zu sehen ist.

Beat im Pott - warum eigentlich nicht? Es klingt nicht so abwegig, dass es da ein paar Bands gegeben haben könnte. Aber ein paar ist eine sanfte Untertreibung. Der große Hammer kommt bereits nach wenigen Minuten: Die Behauptung, dass es um 1965 ca. 1500 Beatbands gegeben haben soll. 1500 Combos, die sich zusammen gefunden haben und der Jugend zwischen Duisburg und Hamm das liefern wollten, was die BEATLES oder ROLLING STONES nur an ausgewählten Orten auf die Bühne gebracht haben. Allein bei dieser zahl bin ihc doch etwasd beeindruckt. und auch etwsd geplättet, weil sich davo im Pott fast ncihts mehr findet.



Vielleicht war das die zweite Welle echter Subkultur an der Ruhr. Rockabilly gab es schon früher, Metal und Punk sind im Pott immer noch ziemlich angesagt. Zum ersteren gibt es einen Film, letzere wurden auch schon ausgiebig in diversen Formaten und Medien beleuchtet.



Aber über Beat im Pott, da war bisher wenig zu finden. Schon seltsam, dass Bands wie die Rangers, die Dakotas, die German Blue Flames oder die Rag Dolls, so komplett ind er Obskurität verschwunden sind. Könnte eventuell damit zusammenhängen, dass sie zwar alle soliden bis sehr guten Beat und Rhythm'n'Blues nach den einschlägigen Vorbuldern gespielt haben, aber es somit eben "nur" zu regionalen Ehren geschafft haben. Was ja überhaupt nicht schlimm ist. Aber egal in welchem Genre, es gibt bei Bands so unglaublich viel Unwägbarkeiten und Möglichkeiten, die dazu beitragen, ob es eine Band schafft oder eben nicht. Wobei man auch mal definieren müsste, was das heißt, "es" zu schaffen.
Deshalb ist diese Dokumentation ein ganz heißer Tip. Anschauen, so lange es die WDR-Mediathek hergibt. Besonders weil nicht nur rüpelnde Jungs gezeigt werden, sondern auch die Rag Dolls, eine (oder vielleicht die) nur aus Frauen bestehende Beatband des Ruhrgebiets vorgestellt werden.



Film gucken ist natürlich das eine, für die Plattendigger dieser Welt stellt sich aber die Frage, warum sich noch kein Label gefunden hat, das eine Retrospektive zum Thema mit all den damals bekannten Combos zusammenzustellen. Sampler mit Beatbands aus ganz Deutschland gibt es schon öfter, aber gerade wegen der fast unglaublichen Zahl an Bands im Ruhrgebiet wäre eine Retrospektive mit diesem regionalen Bezug doch sicher machbar und interessant. Zeit wäre es.

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. II

Aus langjähriger Beobachtung weiß ich recht genau, wie ein Abend verläuft, bei dem man die Verantwortung an die Menschen in der Band LITBARSKI gibt. Zumindest musikalisch kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, wie das läuft. Irgendwann wird einiges an Alkohol geflossen sein. Bier Schnaps, Wein, alles was süffig ist und die Hemmungen vertreibt. Dann wird mit Sicherheit auf der Stereoanlage des Vertrauens die komplette Mush-LP von LEATHERFACE laufen. Alle werden die Gläser in die Höhe strecken und mitsingen. Alles. Auswendig.
Danach läuft möglicherweise die komplette "Is this real" von den WIPERS. Auch da werden alle komplett mitmachen. Dann, darauf verwette ich den Hintern des Pferdes meiner Nichte, wahrscheinlich noch die "New day rising" von HÜSKER DÜ. Und direkt darauffolgend sicher was von DACKELBKLUT und weil man irgendwann etwas alkoholbedingt doch etwas albern wird, auch noch "Was gut ist, setzt sich durch" von den PUHDYS. Tiefer auf feindliches Schlagergebiet wagt man sich an so einem Partyabend aber nicht.

Davon abgesehen wären damit aber die Koordinaten gesetzt, was die musikalische Einordnung auf der ersten LITBARSKI-Mini-LP angeht. Deutschsprachiger Punkrock, der mehr in Moll als Dur rüberkommt, textlich und gesanglich sicher an Herrn Rachuts Gitarrenbands angelehnt- einen Innovationspreis gibt es dafür im Jahr 2017 sicher nicht. Aber Punk und Innovation, auch schon ne Weile her, dass das mal zusammenging.
Wir haben hier eine Konstellation, wie man sie oft in irgendwelchen Punkbands findet: Drei weiße Kerls, die jahrelang knietief durch den Szenesumpf gewatet sind. Drei Typen, die in Punkbands wie ANNE TANKE und WELTRAUMSCHROTT gelernt haben, was in einer Punkband alles schiefgehen kann. Und daraus gelernt haben. Und während ich diese verweise niedertippe, fällt mir doch das Wort ein, nach dem ich gesucht habe, um die sechs Litbarski-Songs gut beschreiben: Reife.



Das hier sind keine überambitionierten Anfang-20er, die glauben mit ihrer Wut die Welt erobern zu müssen. Das hier ist nicht mal eben rausgerotzt, weil ein Bandaufnahmegerät in der Ecke stand. Und lustig soll es definitiv auch nicht sein, sondern soll ernst genommen werden. Auch textlich wurde da sicher einiges auf- und wieder umgebaut. Es ist nun aber nicht so, dass die drei LITBARSKI-Typen völlig desillusioniert und abgefuckt rumdudeln. Emotion ist schon da, aber eben auch Reflektion und Energie. Man weiß, was man tut. Quatsch ist es jedenfalls nicht.
Man könnte einwenden, dass ja die ganze Tante-Guerrilla-Mischpoke oder Bands wie DUESENJAEGER ja auch so was machen, aber bei LITBARSKI ist der Frankie-Stubbs-Einfluss doch um einiges stärker. Die Songs gehen doch eher in Richtung LEATHERFACE, sind alle sehr sorgfältig ausgearbeitet und mit viel Liebe zum Detail versehen. Es ist ja auch genug Zeit ins Land gegangen, bis aus der Proberaumband LITBARSKI mal die Live-und-auf-Platte-Band LITBARSKI wurde. Aber die Zeit, die dort in abgelegenen Proberäumen verbracht wurde, hat dem Endprodukt hörbar gut getan. Und das sage ich, der eigentlich in solchen Sachen eher auf schnelle Ergebnisse steht als ewiges Rumgebussel. An der Gitarre wird mehr getan als stumpf rumgeschrammelt und was Bass und Schlagzeug an Rhythmusarbeit leisten ist auch weit mehr als herkömmliches Deutschpunk-Gepolter.

Möglicherweise ist es die persönliche Verbindung, die mich hier konzentrierter hinhören lässt. Schließlich sind die LITBARSKIS dem RENFIELD recht eng verbunden. Vielleicht braucht es einen distanzierteren Kritiker, der sagen kann, was hier fehlt. Ich finde erstmal nicht viel. Ok, über den Bandnamen könnte man nochmal diskutieren, aber nur weil ich diese Fußballmetaphern bei Punkbands nicht mehr ab kann. Aber ansonsten - alles schick.
(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala

Gary Flanell

Litbarski - s/t
erschienen auf
Elfenart Records

Dienstag, 27. Dezember 2016

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn …

Dieser eine Platz, diese Zuflucht, dieses Zuhause ...
Seufze, wenn du es gefunden hast und sei dankbar. Und seufze, wenn du es nach wie vor suchst, denn dann hast nicht aufgehört zu glauben, dass da etwas zu finden ist. Wie aber finden?
Nun, folge vielleicht tatsächlich dem Gesang. Flieg mit Anne Kaffeekanne übers Dach und guck von oben, und geh im Raumanzug durchs Viertel, die Straße erzählt dir sicher einen. Trampe nach Norden, ja, da könnte was sein! Oder frag Pinguin, kleinen König oder Ilse Bilse.
Oder unterhalt dich mit Herrn Vahle, Liedermacher und Autor, insbesondere auch verbeheimatet in jedem ordentlichen Kinderzimmer, und Herrn Pascow, Ex- oder Niemals-wirklich-Gimbweilerer, Schreimann-Musikant und Tante Guerilla.

Philip: Seid ihr welche von den Guten?

Alex Pascow: Ich bin mir nicht ganz sicher, wie du das meinst. Ich verhalte mich nicht immer gut, zuweilen verhalte ich mich schlecht, egoistisch, und ich habe definitiv meine Leichen im Keller. Manchmal versuche ich dieses Verhalten dadurch zu rechtfertigen, dass ich mir einrede, gewisse Werte abzulehnen, weil sie schlicht und einfach falsch sind und es nicht schlimm ist, diese zu brechen. Hin und wieder liege ich damit vielleicht sogar richtig, aber mindestens genauso so oft verwende ich diese Sicht aber einfach nur als billige Ausrede für beschissenes Verhalten. Solltest du aber mit die „Guten“ auf den geschundenen Begriff „Gutmensch“ anspielen, dann sage ich, Ja, ich bin einer von diesen „Gutmenschen“, und es ist mir eine Freude, den „Schlechtmenschen“ damit so richtig auf den Geist zu gehen.

Fredrik Vahle: Jeder Mensch ist in dieser Hinsicht Mischling. Ich auch.

Philip: Gilt das überhaupt, ist man in musikalischer Gesellschaft sicher? Oder ist Seumes Reimchen allzu hoffnungsfroh und naiv und macht die Ausnahmen nicht übersehbar?
Fredrik Vahle: Wenn dadurch eine hinderliche Singhemmung gelöst wird – wohlan!



Alex Pascow: Es gibt sicherlich Leute, mit denen ich nicht über Musik sprechen will, allerdings ist es schon so, dass das Reden über Musik hilft, small talk zu überspringen. Und da ich small talk einfach nicht mag und zudem auch total schlecht darin bin, ist es für mich auch sehr anstrengend und fühlt sich zuweilen wie geraubte Zeit und Energie an. Im Umfeld von Musik ist das oft einfacher. Entweder ist die Musik so laut, dass man sich das Labern gleich sparen kann, oder du lässt den small talk einfach weg und beginnst gleich darüber zu reden, ob du nun über die Ramones oder Sex Pistols zum Punk gekommen bist. Gitarristen untereinander haben es hier besonders einfach. Sie können jedes Geplänkel auslassen und kommen gleich auf Riffing, Amptuning und Sounds zu sprechen und hören danach nie wieder damit auf.


Philip: Kunst, die rein gar nichts will und einfach ist, also auch Liedgut, mag es geben, aber mindestens so häufig wird da sehr wohl gewollt, mehr noch, es wird hingewiesen, erzogen, belehrt, aufgestachelt, beschimpft und verunglimpft. Verleidet einem das das eigene Machen, oder spornt es umgekehrt sogar an?

Alex Pascow:
Kunst, die gar nichts will außer sein? Ich bezweifele stark, dass es die wirklich gibt. Viel eher glaube ich, dass diese Deutung erfunden wurde, um sich von Erwartungen und der Frage nach einem Sinn oder einer Message von vornherein zu befreien. Aber selbst wenn es keinerlei Bedeutung in der Kunst zu geben braucht, so gibt es doch immer einen Auslöser, warum sie geschaffen wird und entsteht. Sie soll doch zumindest neu sein oder in irgendeiner Form einen neuen Blick schaffen. Aus dem puren Nichts entsteht keine Kunst, ganz egal welche. Das wäre dann wohl eher Natur, und selbst diese entsteht nicht aus dem Nichts. Um auf deine Frage zurück zu kommen. Natürlich nerven schlechte Musik und schlechte Texte, vor allem dann, wenn sie allzu gewollt sind und nichts Eigenes besitzen. Nicht falsch verstehen, es ist für meine Begriffe vollkommen in Ordnung, sich von anderen inspirieren zu lassen und Sachen zu klauen, so lange man dabei in irgendeiner Form was von sich selbst preis gibt oder etwas Neues schafft. Aber nur zu reproduzieren, was andere bereits gemacht haben und sich dabei noch so zu verstecken, dass man selbst nicht zu erkennen ist, ist langweilig und belanglos. Das will ich nicht nicht hören, sehen oder lesen. Es sollte entweder authentisch und damit auch ein Stück weit verletzbar oder eben neu sein. Wenn es beides nicht ist, wirst du als Musiker, Texter selbst niemals deinen wahren Kick haben.

Fredrik Vahle:
Wenn ich selber kreativ bin, denke ich nicht so sehr an anderes!



Philip: Sind Musik und Musikant eine Einheit? Kommt nur raus, was zuvor bereits drin war und alles ist authentisch?

Alex Pascow: Das kann so sein, muss es aber nicht. Wie bereits zuvor gesagt, Authentizität ist eine Möglichkeit oder ein Weg, aber bei weitem nicht der einzige. Es gibt so viele Bands, Autoren, Filmemacher, Zeichner etc., deren Kunst rein gar nichts mit deren Alltag zu tun hat. Man muss nicht mit Drachen gekämpft haben, um eine guter Märchenerzähler zu sein, und man muss sich auch nicht drei Mal im Jahr das Herz brechen lassen, um darüber zu singen. Es mag sein, dass das alles in einem „drinstecken“ muss, um daraus einen Song oder eine Geschichte zu machen, aber man muss es definitiv nicht selbst erlebt haben. Und mal ehrlich, wo wären die ganz großen Werke, wenn es nur um Authentizität ginge?

Fredrik Vahle: Wenn nur rauskommt, was vorhin drin war, dann ist das eher langweilig. Mir macht es Spaß, auch bei Liedern, die ich schon oft gesungen habe, immer wieder was Neues zu entdecken!



Philip: Und noch zu zu dem dem, was drin war und ist – wer hat das wie in dich reingefüllt? Lässt sich sagen, was der erste Kontakt zu Musik und Liedern war und was der letztlich angerichtet hat?
Fredrik Vahle: Das war weniger in der Familie, aber dann gab es so mit 14/15 Jahren Singen im Freundeskreis, auf Tramp-Fahrten quer durch Europa. Und dann mit Ulli Freise (Elster Silberflug) und Christiane Knauf.

Alex Pascow: Ich glaube, einen Teil davon habe ich mir einfüllen lassen, sprich, ich habe erfahren, gelernt und wurde von dem geprägt, was um mich herum geschah und geschieht. Dies passiert zu einem ganz großen Teil unbewusst. Manches davon kann ich mir im Laufe der Zeit bewusst machen, manches bleibt für immer versteckt und beeinflusst mich sicher unbewusst. Einen anderen Teile habe ich mir selbst eingefüllt. Jeder beginnt schon sehr früh, eine Auswahl zu treffen und selbst zu entscheiden, was einen interessiert, was man gut findet, womit man sich auseinandersetzen will usw. Das ist eine bewusste Entscheidung für und gegen etwas. Im Endeffekt bin ich also weder ein Opfer meiner Umwelt noch lebe ich wirklich autonom.



Philip: An der Uhr gedreht und unterstellt, die musikalisch-künstlerische Sozialisation legte einen fest – was wäre, wenn das Damals mit dem heutigen Gesamtsoundtrack unterlegt wäre? Klängest auch du anders? Klängest du überhaupt?

Alex Pascow: Ich kann nicht sagen, ob mich Musik, Bands und der ganze Rockzirkus heute nochmal so erreichen würde, wie es damals passiert ist. Und das meine ich jetzt völlig wertfrei. Es war nicht generell besser oder schlechter damals, aber es war definitiv anders. Vielleicht haben heute YouTuber oder Blogger die Anziehungskraft, wie sie früher Rock- und Punkbands hatten. Aber ich bin mir sicher, würde ich heute als Schüler wieder damit beginnen, Musik zu machen, sie wäre definitiv anders. Alles andere wäre auch wirklich strange … Stell dir vor, es hätte sich in den letzten 15 Jahren nichts getan und die Kids würden immer noch den gleichen Kram abfeiern. Das wäre selbst für CSU-Verhältnisse sterbenslangweilig.

Fredrik Vahle: Schwierige Frage – aber meine Stimme würde man vielleicht heraushören ...



Philip: Eure Lieder gehören jetzt wiederum zum Aufwachsen vieler, untermalen klanglich alle möglichen Situationen und bringen textlich die unterschiedlichsten Gefühlslagen auf den Punkt. Sind am Ende gar auf bedeutungsvollen Mixtapes. Ist das schön? Oder auch ein bisschen unheimlich?

Alex Pascow: Meist ist es schön und für mich zählt es zu den besten Momenten der Bandgeschichte, wenn ich mitkriege, welche Bedeutung der eine oder oder andere unserer Songs für manche Menschen hat. Manchmal stelle ich dann fest, dass ein paar Leute praktisch das gleiche in einem Text sehen wie ich, als ich ihn schrieb oder wenn ich ihn singe. Ein anderes Mal sehen Leute etwas ganz anderes darin, was sie aber genauso bewegt. Und manchmal, ja, manchmal wirst du auch einfach nur vollgelabert und es gibt keine Gemeinsamkeit außer Bier. Und weiß Gott, es gibt Schlimmeres.

Fredrik Vahle: So ist es, beides trifft zu.


Philip: „Hätte ich damals nicht xxx von Fredrik Vahle oder von Pascow gehört, bei Gott, ich wäre heute wer anders!“ Wer könnte so etwas sagen und damit schmeicheln? Wer ließe dich damit ein Loch im Boden suchen zum Verstecken?


Fredrik Vahle: Komische Frage. Trotzdem: Ich bin mit der Resonanz auf meine Arbeit zufrieden!

Alex Pascow: HaHaHa … No Masters! Nein, keine Ahnung, ob es da jemanden gibt? Wenn es der Wahrheit entspricht, würde mich eine solche Aussage sehr freuen, fast egal von wem sie kommt. Okay, stell dir vor, eine Person, die du wissentlich und aus voller Überzeugung verachtest, würde so etwas zu dir sagen. Nein, dann würde ich mich nicht freuen. Also vergiss, was ich sagte :-)

Philip: Was läuft derzeit daheim in den eigenen vier Wänden? Und wie?

Fredrik Vahle: Nicht viel. Vielleicht Linard Bardill und Gurdjeffs Hymnen. Ich mache viel selber Musik. Auch zu Hause.



Alex Pascow: Ganz ehrlich? Das Album von Eliot Sumner finde ich super. Die neue DISCO//OSLO und die neue LYGO höre ich oft und dass nicht nur ,weil sie auf unserem Label erschienen sind. Dann stehe ich momentan auch ziemlich auf rhythmische Sachen, also Songs, die hier interessant sind, ohne dabei penetrant zu werden, CLASH hatten hier ein paar richtig gute Sachen, auch Bands wie PROPAGANDHI oder AGAINST ME oder auch Leute wie bspw. Micah P. Hinson oder sogar Charles Aznavour. Außerdem schaffen es immer wieder Klassiker auf meine Playlist, zur Zeit mal wieder die DESCENDENTS.



Philip: Wann bist du endgültig fertig mit Musik? Wann kommt kein Ton und kein Wort mehr?

Fredrik Vahle: Weiß ich nicht...

Alex Pascow: Es gibt immer mal wieder Phasen in denen ich keine Lust habe, mich mit Musik aktiv zu beschäftigen. Dann bin ich schnell gelangweilt oder genervt von Musik, die mir begegnet. Oft kommen aber gerade im Anschluss an solch einen Zeitraum ein paar Tage oder Wochen, in denen mir selbst viel einfällt oder ich Musik von anderen richtig verschlingen kann. Aber selbst in solch einer Phase, denke ich immer nur bis zum nächsten Song oder vielleicht noch bis zum nächsten Album, weiter nicht. Und sollte mir irgendwann nichts mehr einfallen, was mich selbst fesselt, höre ich auf oder mache was anderes. Ich weiß aber auch, dass ich ein Arbeiter sein kann, das heißt, ich höre nicht auf, nur weil ein Song oder Text zu Anfang mal beschissen ist. Die wenigsten Stück oder Texte funktionieren von Anfang an, an den allermeisten muss man arbeiten und sie zu guten Songs zu machen. Das ist nicht immer leicht, oft sogar zum Kotzen und nicht selten fühlt es sich dann auch an, wie jede andere Arbeit auch. Wie so oft schon gesagt ...10% Inspiration, 90% Transpiration.

Philip: Jetzt aber noch nicht fertig. Es wäre fein, dass Gespräch mit einigen eigenen relevanten Liedzeilen zu beenden. Wenn sie gar themaexklusiv wären, wäre dies sicherlich verzeihlich.

Alex Pascow: Eigene relevante Textzeilen? Mit Textzeilen von anderen könnte ich dich zuschütten, aber nun gut gut, versuchen wir es mal mit eigenen:

„Cherchez la femme“ aus „Die dumme Kuh mit den schönen Augen“ - Dabei handelt es sich genau genommen nicht um ein Zitat von uns, vielmehr ist es eine bestehende und weit verbreitete Redewendung, die wir lediglich aufgegriffen und eingebaut haben. Nichtsdestotrotz ist und bleibt die Aussage dieses Zitats die ultimative Triebfeder für alle Arten von Texten, Songs und jeder Menge Abstürze in allen Facetten.

„Die Zeit, die mir fehlt, ist das Geld, das ich krieg.“ aus „Castle Rock“ - Es ist eine Abwandlung oder Anspielung eines Blumfeld Zitates. Aber unseres geht in eine andere Richtung und für mich fasst diese Stelle das Album „Diene der Party“ im Ganzen gut zusammen.



„Wenn meine Generation auf mich zählt, dann Honey, ist sie verloren“
aus KO Computer. - Ach verdammt, auch ich bin im Laufe der Jahre mehr eingemacht worden als ich es zuvor geglaubt hätte, trotzdem ist an diesem Zitat noch immer was Wahres dran. So gesehen ist es manchmal auch gut keinen Frieden zu kriegen. Oder zu machen.



Fredrik Vahle: Von der CD „Lilo Lausch läuft leise“: „Unterschiede kann man seh'n/ Zuhör'n bringt dich ins Versteh'n./ … Denn da ist ein großer Klang/ der die ganze weite Welt/ wenn man aufeinander hört/ wie von selbst zusammen hält.“




fredrikvahle.de
pascow.org

Interview: Philip Nussbaum

Freitag, 2. Dezember 2016

Kein Kalender, keine Türchen - SubCult 01.12.2016

Eine Referenz auf Weihnachten, auf Heiligabend, Plätzchenbacken, Glühwein-Schock oder ähnliches: Vom Datum her wäre es eine Steilvorlage.
Aber irgendwelche arg strapazierten und mühsam konstruierte worst Wortspielereien zum Thema und darüber hinausgehend zu Begriffen wie Kalender, erstes Türchen oder Einstimmen auf Weihnachten werdet ihr an dieser Stelle vergeblich finden.

Die SubCult-Radioshow vom 1.Dezember 2016 hat keinen thematischen noch sonst irgendeinen Bezug zu Weihnachten.
Keine Songs über den Nikolaus, kein schräges, aber erwartbares Zeug über Engel, Schnee, Rentiere oder Geschenke. Sorry, es gibt hier keine Verpflichtung zu irgendeinem Bezug zu einem Fest, das es schon seit ca. 2000 Jahren gibt. Über den schon jetzt zu viele Worte verloren wurden. Außer genau diesem Anti-Bezug. Sorry, kein Bock auf den Scheiß.

Eine wie auch immer geartete Weihnachtsstimmung werde ich sicher nicht übers Radio transportieren - allein bei dem Gedanken daran, dass hunderte von Radiosendern derzeit nichts anderes für die Rotation in ihren Millionen Songs schweren Musikdatenbanken finden, als den Song, der George Michael regelmäßig den Tantiemen-Geldspeicher neu auffüllt.

Da wird mir schlecht. Vor Langeweile und Entsetzen ob soviel Einfallslosigkeit.
Nicht nur, weil ich diese Musik gewordene Kunstschneelawine nicht mehr hören kann, sondern weil sich viele darüber beschweren, dass immer und immer die gleichen X-Mas-Songs gespielt werden - und nichts daran ändern.
Einmal Weihnachten ohne Weihnachtslieder - eine wunderbare Vision. Und nein, ich meine nicht Weihnachten ohne herkömmliche Weihnachtslieder und dafür mit "quasi-alternativen" Weihnachtssongs - also keine Surf- oder Rock- oder Techno- oder Ska- Versionen von dem ganzen Mist.

Nein, einmal Weihnachten komplett ohne Weihnachtslieder. Dafür 24 Tage sowas wie PILs Flowers of Romance, "Statement" von der POISON GIRLS oder Czeslaw Njemens KATHARSIS in der Dauerschleife in allen Konsumtempeln der Welt... Es wäre ein Fest.

Nun, vielleicht tun es derweil auch die Songs, die bei
"SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms" am 01.12.2016 mit Timbob Kegler auf Pi-Radio 88, 4 (UM 19 UHR! Neue Sendezeit!) liefen:

1. Dana Gillespie – Dizzy Heights


2. Christiane Rösinger – Eigentumswohnung


3. OY – Space Diaspora


4. The What For...?! - Rotkarierte Petersilie (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


5. Die Tanzenden Herzen – Bist du bereit? (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


6. Start! - Ein Schritt zuviel (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


7. Baits – Haircut


8. Duchess says – I'm an idea


9. PUFF! - Too tired to run


10. Rolando Bruno – Fiesta Trashera


11. Hans Gruber & The Die-Hards – Anti-Werewolfism must be eradicated from the USA


12. Kick Joneses – (You make me) wasting my time


13. Kick Joneses – Haven't got nothing to do


14. Peter Licht – Universal Tellerwäscher (vom Die Sterne-Tribute „Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne“.)

Und aus der Abteilung "Opa erzählt vom Krieg" eine Mini-Doku zum Making Of eben jenes Songs, der WHAM! seit Jahrzehnten den Kartoffelsalat zu Weihnachten sichert. Also doch eine Weihnachtsreferenz. Ich Umfaller...


Dienstag, 22. November 2016

SubCult 17.11.2016 mit Niki Matita...

und KALLE KALIMA
Playlist:
Kate Tempest - Pictures On A Screen


Linear John - A Night On Town

Jimi Tenor & Kabu Kabu - Grind!

Kalle Kalima - Lokari (Hiski Saloma) - live

The Monsters - Voodoo Rhythm

Nicole Garcia - Baby Ok
Kalle Kalima - Raja - live
Tenors Of Kalma - Ininää

Automat - Transit

Buchempfehlung:

Lea Streisand: Im Sommer wieder Fahrrad, Ullstein 2016

Freitag, 4. November 2016

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms: Nekrolog 2016

Nekrolog 2016? Schon im November ein Blick auf die toten kreativen des Jahres? Genau, so läuft das bei der SubCult-Radioshow.
Wenn der November anfängt und allerorten Allerheiligen und Volkstrauertag gefeiert wird, schauen wir schon seit ein paar Jahren zurück auf all die Toten der letzten 12 Monate, die für die SubCult-Sendung von belang sein könnten. Also ein Blick auf die, für die auf dem Friedhof der Popkultur ein Plätzchen freigemacht werden muss.
Deshalb hier die Playlist der Subcult-Nekro-Show vom 3.November 2016 (ACHTUNG! NEUER SENDEPLATZ! Subcult jetzt immer jeden 2ten Donnerstag von 19-20 Uhr)
mit Niki Matita und Timbob Kegler - und einem geheimnisvollen gast, Fotografen und Musikzulieferer im Studio...

1. Bud Spencer - My Name Is Zulu 


2. Ludek Hulan & Gustav Brom's Dixieland Band - Oh When The Saints 

3. Die Ärzte - Schwanz ab 


4. Die Toten Hosen - Love and a Molotov cocktail (The Flys)


5. Trio - Ready For You 


6. Sigi Maron - Ois gib koa Gott 


7. Jefferson Airplane - Chauffeur Blues


8. Viola Beach - Swings  & Waterslides 


9. Rumble On The Beach - Purple Rain (original by Prince)


10. Blowfly - F U In The A 


11. David Bowie - Life On Mars 


12. Poison Girls - Bremen Song


Erwähnenswert sind natürlich auch die, für die die Sendezeit nicht gereicht hat...
Lemmy, Dario Fo, Gene Wilder, Eric Hysteric, Black, Pete Burns, Erika Berger, Johan Cruyff, Hannes Löhr, Umberto Eco, Achim Mentzel, Toots Thielemans, Guru Josh, Scott Weiland


Sonntag, 9. Oktober 2016

Hot and shitty record stuff - last post

Wer die Printausgabe vom Renfield bisher in den Fingern hatte, konnte die Rezensionen dort finden, wo es quer zuging.
Plattenkritiken fanden und finden im Renfield auf den waagerecht gestalteten Seiten des Heftes statt. Die Überschrift war bisher immer "Hot and shitty record stuff".
Bisher.

Da es in Renfieldhausen in den nächsten Monaten einschneidende Änderungen bezüglich der gedruckten Ausgabe geben wird...
(An dieser Stelle Blick auf die virtuelle To-Do-liste: Über beifällig gestreuten Cliffhanger Spannung bezüglich der Zukunft des Heftes aufbauen - Check.),
...werden auch die Kritiken auf dem Blog fortan unter einer neuen Überschrift gepostet.
Statt "HOT AND SHITTY RECORD STUFF" heißt es fortan bei der kritischen Auseinandersetzung mit zugesandtem Musikmaterial:
"SCHÖN, WENN JUNGE MENSCHEN MUSIK MACHEN".

Diese neue Überschrift passt sehr gut zu der CD einer jungen Ska-Punk-Band, die hier angekommen ist. Die Band heißt SKAMARLEY, ihre vom Punkfilmfest Berlin "Too drunk too watch" und Famed Records, trägt den Titel "Terror & Trompete". Ich habe das Gefühl, SKARMARLEY trauen interessierten Hörern nicht allzu viel Offenheit und Grips zu, sonst hätten sie die maßgebende Stilrichtung und Instrumentierung nicht direkt in den Bandnamen eingebaut (damit's auch jeder Trottel wirklich versteht). Vielleicht halten sie Subtil wirklich für ein Waschmittel, aber ich frage mich, warum es gerade bei Ska-affinen Bands immer sein muss, dass die drei Buchstaben mit in den Namen eingebunden werden müssen. Davon ab, gibt es diverse Punkte, die dazu führen, dass ich diese CD wirklich schlecht finde.

1.) Ich mag keine uniformierten Bands: Es mag vom FOH aus total toll aussehen, wenn alle in schwarz mit weißen Krawatten auf der Bühne rumtanzen. Ich finde es total bescheuert, in einer Band zu spielen und dabei einem bestimmten Dresscode entsprechen zu müssen. Uniformierung ist für mich eine der schrecklichsten Dinge, wenn es ums Musik machen geht. Das hat dann entweder was von Karneval, Gruppenzwang oder vorgeschriebener Arbeitskleidung in einem Lebensbereich, in dem man sicher keine Arbeitskleidung tragen will. Es mag auch gehörig das Gemeinschaftsgefühl steigern, wenn alle vier Musiker in der Band im gleichen Outfit loslegen. Aber dann müsst ihr keine Musik machen, sondern könnt auch in den Fußballverein eures Bezirks gehen. Dann könnt ihr auch außer Atem kommen, ohne Blasinstrumente zu bedienen.



2.) Ich mag auch keine "lustigen" Bands, die denken, Ska wäre es, wenn man eine unverzerrte Gitarre hektisch über einen Punkbeat hoppeln lässt.
Menschen, die sowas denken, glauben sicher auch, NOFX wäre eine 2-Tone-Band. Sind sie nicht. Besonders aufregend ist auch der vorhersehbare Wechsel zwischen unverzerrtem "Ska"-Part und verzerrten Punk-Teilen auch nicht. Das ist so wie Licht an, Licht aus. Das macht ihr im Schafzimmer ja auch nicht die ganze Nacht, weil das so lustig ist. Es wird auch nicht besser, je öfter man es wiederholt. Wenn der Drummer dazu meint, er müsste wiederholt zeigen, dass er auch ganz toll Double-Bass spielen kann, um zu beweisen, dass die Band ja mehr als Ska oder Punk kann (Metal-Einflüsse, müsste man dann noch ins Info schreiben.Total vielfältig, das.), dann macht das die Sache nicht besser. Gleiches gilt für Bläsersätze aus dem Grundkurs "Ska-Trompete für Anfänger" von Roy Etzel.



3.) Ich mag auch keine Bands, die auf deutsch lustige Texte schreiben. Sogenanntes, party-taugliches Liedgut. Aufforderungen zum Tanz, über den Stuhlgang von Mädchen (MKB) oder platt formulierte Polit-Lyrics im A-B-A-B-Reimschema sind ganz ganz schrecklich. Das ging eventuell vor 20 Jahren bei den ÄRZTEN oder WIZO ganz gut, bei SONDASCHULE und den KASSIERERN war so ein Mist irgendwann auch nicht mehr lustig. Jetzt braucht es sicher keine drittklassige Berliner Rumpelcombo, die die Thematik nochmal durchkäut. Ein wenig DaDa, Absurdität und Improvisation in Text und Musik würde die Sache vielleicht wieder interessant machen. Offbeat-gestützte Kack-Texte gingen eventuell in den 90ern auf westdeutschen Dorfparties ok. Aber, ach nee, nicht wirklich. Haben wir damals aber nicht gemerkt. Konrad ist tot, Funpunk is over. Akzeptier's einfach.



4.) Ich mag auch keine Ska-Bands, die aussehen, als wären sie beim Kirchenchor die falsche Tür genommen. Klar, langhaarige Jungs, die gerade das Abi in der Tasche haben und seit dem 10. Lebensjahr Blechblasinstrument spielen, empfinden Ska sicher als große Befreiung von dem Zeug, was sie unter der Knute des Herrn Kaplan jedes Jahr zum Weihnachtskonzert geben mussten. Dagegen ist Ska natürlich cool. Aber da fehlt was. Nämlich die Smartness, die Ska-Bands mitbringen, die ihre Wurzeln in der Skinheadszene haben. Dadurch bekommt die Sache möglicherweise etwas mehr Schwung. Leider sind Trompetenabiturienten mit Bart, Brille, nettem Mutti-Haarschnitt und schwarzer Buntfaltenhose keine smarte Ska-Combo, sondern nur deren biederer Abklatsch fürs JuZE am Stadtrand.



5.) Natürlich ist es für mich als alter Sack relativ leicht, über so eine junge Band wie SKAMARLEY her zu ziehen. Vor der Musikanlage sitzend, kann man immer meckern. Aber wenn ich das höre und davon ausgehen muss, dass Skabands hierzulande im Jahr 2016 nur solch einen belanglosen und vorhersehbaren Scheiß zusammenspielen können, dann sinkt mein Interesse an Ska noch weiter. Vielleicht haben die Typen auch mit mir einfach dem komplett falschen Rezipienten für ihrer Musik gefunden. Ich finde das nämlich unglaublich schlecht und langweilig.

SKARMARLEY spielen übrigens 2016 noch zwei Konzerte in Berlin. Eine Empfehlung da hin zu gehen, kann ich leider nicht wirklich aussprechen. Ich möchte nicht mal wissen, ob sie live besser sind als auf CD. Es interessiert mich so gar nicht, wie das bei denen auf der Bühne abläuft. Aber ich bin sicher, dass die Band auch ohne Renfield-Warnhinweis einen Sack voll Dosenbier saufender, BW-Rucksacktragender, möglicherweise TERRORGRUPPE-Shirt-tragende anziehen wird, die Mutti den Fünfer Extrataschengeld fürs Konzert aus den Rippen leiern wird. Werde mir stattdessen bei einer heißen Schokoladen die Madness-Doku anschauen.



Ein gutes hat die Sache aber doch: Selten hat es mehr Spaß gemacht, eine CD mit Schwung in den Mülleimer zu werfen. Ich kann das nicht mehr hören, tut mir leid.

(T auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Bewertungs-Skala. Weil man Trompete nicht mit Z schreibt.)
Gary Flanell

www.skarmarley.de

Mittwoch, 28. September 2016

Mehr als PVC

Ein Mann schreibt ein Buch über sein Leben. Ein anderer Mann schreibt dazu ein Vorwort. Schon im zweiten Satz fragt er „Will ich das lesen?“.
Eine durchaus berechtigte Frage, die sich jeder stellt, der dieses Buch in der Hand hält. Er beantwortet diese Frage am Ende seiner Einleitung. Mit einer Antwort, die wahrscheinlich ebenfalls jeder geben würde, der das Buch immer noch in der Hand hält: „SCHEIßE,UND OB ICH DAS LESEN WILL!“.

Bei dem erstgenannten Mann handelt es sich um Gerrit Meijer. Gitarrist bei PVC, einer der allerersten Punkbands West-Berlins. Sowas trägt schnell zur gar nicht selbst gewollten Legendenbildung bei. Die - Herr Meijer wird es sehr gut wissen – kann manchmal mehr Fluch als Segen sein.
Segen, weil sich PVC dadurch, dass sie nach einem VIBRATORS-Gig 1977 mit ihrer Version von Punkrock loslegten, auf ewig ins popkulturelle Geschichtsbüchlein Berlins geschrieben haben. Dazu kommt der Umstand, dass sie auch einige Hits auf der Pfanne hatten, die absolut zum Kanon der Berliner-Punkhistorie gehören. „Berlin by Night“ oder „Wall city Rock“ kennt jeder, der mindestens ein Mix-Tape mit Berliner Punkbands am Start hatte.
Wobei sie das letztere auch gern mal als Label für ihren Sound benutzt haben – um sich eben nicht einfach als average Punkband abstempeln zu lassen. Dafür waren PVC auch immer viel zu eigensinnig, zu individuell und gegen jede Szenekuschelei allergisch.



Der Fluch, der so eine Position mit sich bringt, ist eben, dass der Name Gerrit Meijer auf ewig mit den drei Buchstaben PVC verbunden sein wird. Daneben verblasst vieles, was er sonst musikalisch gemacht hat. Nachdem PVC im Laufe der Zeit zu einer On/Off-Band mutierten, kooperierte Meijer immer wieder mit unzähligen Musikern und Musikerinnen. Musikalische Offenheit, bloß weit weg von jedem engstirnigen Punk-Nietenkaiser-Klüngel, war dabei die Direktive.



Was zu allerlei Projekten führte, die vielleicht einem kleineren Zirkel in West-Berlin bekannt waren, über einen lokalen Status aber nie so recht hinaus kamen. White Russia? Commando Love at least? Rouge et Noir (mit Marianne Rosenberg)? Die amüsante Koop mit Bela B. und Wiglaf Droste? Alles eher dem interessierte Modelleisenbahner bekannt. Auch PVC gerieten irgendwann etwas in Vergessenheit, was wohl den vielen Besetzungswechseln und langen Auszeiten verschuldet war. Trotzdem war die Band immer ein nicht zu unterschätzender Einfluß für nachwachsende Berliner Combos – nicht zuletzt für die frühen Tage der besten Band der Welt.



Da Punk aber wie viele andere Genres mittlerweile einer gewissen Historisierung ausgesetzt ist, wird PVC und auch der Name Gerrit Meijer immer mit dem Siegel der „ersten“ Berliner Punkband behaftet sein. Dabei wird oft vergessen, dass Gerrit mit „der“ Szene und ihren zuweilen recht konservativen Sounderwartungen nie wirklich viel anfangen konnte, was er zuweilen auch mal ganz direkt kommunizierte.
Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass seine musikalische Sozialisation schon viel früher begann. Die allerersten Banderfahrungen machte Meijer schon in den 60ern. Natürlich mit einer Beatband, The Voodoos. Die könnte man wahrscheinlich heute jedem Plattendigger als echtes Berliner Garage-Rock-Nugget verkaufen.

Als das bunte Punkbonbon 1977 richtig knallte, war Gerrit schon satte 30 Jahre alt. Für den Teilnehmer einer frisch aufkommenden „Jugendbewegung“, ein geradezu methusaleskes Alter. Eins, in dem viele andere schon das innere Eigenheim mit festen musikalischem Maschendrahtzaun fertig gebaut haben. Für Meijer ging der Spaß dann erst richtig los. Sich auf was neues einzulassen, sich neu zu erfinden war für ihn aber nie das Problem.

Auf die Einzelheiten dieser wilden "salad days" des West-Berliner Punkrocks will ich hier gar nicht weiter eingehen. Dazu ist schließlich dieses Buch da.
Ich habe für „Berlin, Punk, PVC“ drei Tage gebraucht, um es komplett zu lesen. Das ich es quasi in einem Stück eingeatmet habe, lag an zwei Dingen. Zum einen gab es vor einigen Jahren ein Interview mit Gerrit im Renfield. Weil's so nett war, kam er dann auch noch für eine SubCult-Radioshow ins Studio. Schon damals teilte er mir mit, dass er an seiner Biografie schreibe und ließ mir netterweise sogar das Manuskript als Datei zukommen. Dass da also ein Buch in Vorbereitung war, das ein wichtiger Mosaikstein im großen und ganzen Bild der West-Berliner Musikszene sein könnte, ahnte ich schon. Von daher war ich eh daran interessiert, wie das Endprodukt aussehen würde.



Zum anderen liest sich diese Biografie auch sehr gut und flott durch. Langatmige Passagen finden sich kaum, da folgt eine Episode aus dem Meijer'schen Leben auf die andere. Man könnte eventuell einwenden, dass es an manchen Stellen noch etwas ausführlicher hätte sein können. Gerrits Post-PVC-Zeit wirkt teilweise etwas zerklüftet. Es geht von einem Projekt zum nächsten, zwischendurch eine Reunion seiner bekanntesten band, dazu gibt es die "Pogo Dancing"-EP mit Bela B. Und 2005 die Reunion mit völlig neuen Musikern an Gerrits Seite. Ich hatte allerdings teilweise das Gefühl, dass dazwischen recht große zeitliche Abstände liegen. Es wäre interessant gewesen, da noch mehr zu erfahren. Auch fällt es ab und an schwer, die Übersicht über all die Bands zu behalten, bei denen Gerrit involviert. Eine übersichtliche Diskografie mit zeitlicher Einordnung als Anhang hätte die ganze Sache sicher noch runder gemacht.



Hinzu kommt, dass Gerrit Meijer natürlich in erster Linie Musiker ist. Darauf liegt ein Schwerpunkt dieses Buchs. In einer Biografie geht es aber natürlich auch um das Leben, das Private, Beziehungen, Jobs und die Wahrnehmung der Welt, in der einer lebt. Da fällt es beispielsweise auf, dass die Frauen in Gerrits Leben nur recht kurz als Personen angerissen werden. Hier eine langjährige Beziehung, dann irgendwann die nächste. Die Frauen im Leben des Gerrit M. Bleiben dabei immer ein wenig blass. Ebenso werden dramatische Ereignisse, wie beispielsweise der Tod von Knut Schaller, dem Original-Bassisten von PVC, recht knapp und fast schon beiläufig abgehandelt.



Was dagegen sehr gut vermittelt wird, ist das Bild eines jungen, musikverrückten Typen im West-Berlin, der sich neben der Musik mit allerlei Jobs durchs Leben schlägt. Vieles was da erzählt wird, klingt heute recht amüsant, auch weil man sich gewisse Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen heute nicht mehr so recht vorstellen kann. War halt alles Rock'n'Roll irgendwie. Laut, wild chaotisch und in der Blase West-Berlin oft auch ziemlich nihilistisch. Und gut und kurzweilig geschrieben.
Um also noch mal auf die Frage des Vorwortschreibers, kein geringerer als Bela B. Übrigens, zu kommen: Will ich das denn lesen? Scheiße, natürlich will ich das auch lesen!

Gary Flanell



Die erste Vorstellung von "Berlin, Punk, PVC" mit Gerrit Meijer gibt's am 13.10., 19.00 Uhr in der Milchbar, Manteuffelstr. 41 , Berlin Kreuzberg.

Weitere Termine für Gerrit-Meijer-Lesungen:
30.10. 2016, 19 Uhr, Schokoladen, Ackerstraße 169, Berlin-Mitte
29. 11.2016, 19 Uhr, Pinguin Club, Wartburgstraße 54, Berlin-Schöneberg

Gerrit Meijer:
Berlin, Punk, PVC - Die unzensierte Geschichte,
Eulenspiegel-Verlag, Edition Neues Leben,
256 S., ISBN 978-3-355-01849-4