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Mittwoch, 18. Januar 2017

Steinbach bleibt Steinbach (Danke Sookee!)

Die Brustmuskeltänzer pfeifen es mit dem Pectoralis von den Dächern: Sookee, Quing of Berlin, hat eine neue Platte am Start.
Kommt am 17.3. raus und heißt "Mortem & Makeup". Ich würde das hier nicht so prominent ankündigen, wenn Sookee nicht schon länger zu den interessantesten Hip-Hop-Acts hierzulande zählt. Thematisch eigentlich immer auf den Punkt, nicht komplett dämlich oder gequält lustig, sondern mit dem richtigen Flow, mit Texten, die sich gekonnt mit dem ganzen aktuellen Scheiß um uns herum auseinandersetzen. Aber eben auch nicht so verkopft, dass man dazu ein Philosophie-Glossar benötigen müsste. Ignorieren kann man Sookee jedenfalls nach sieben Releases in den letzten Jahren nicht mehr. Und das sage ich, der HipHop zwar irgendwie interessant findet, aber nicht dermaßen, dass ich davon irgendwelche Platten im Schrank habe (kurze Recherche am Expedit-Regal: keine einzige HipHop-Platte im Flanell'schen LP-Bestand. Eigentlich unglaublich.)
Wenn sich "Mortem & Makeup" in seiner Gesamtheit so gestaltet wie die erste Single Q1, dann könnte es ein richtig gutes Ding werden. Auch wenn die hier formulierte Auswanderungssehnsucht Sookees, angesichts der sich verändernden politischen Zustände, zwar nachvollziehbar ist, aber hoffentlich nie realisiert wird. Wäre schade.



Noch was zu den Brustmuskeldancern. Da habe ich Sookee zum ersten Mal richtig mitbekommen. War eine Koop mit den nicht weniger guten Sprachkünstlern TAPETE und der BOSE WÖLF. Immer noch ein Hit.



Sookee - "Mortem & Makeup"
ab 17.03.2017 auf Buback

Dienstag, 17. Januar 2017

First Subcult-Show 2017...

Lief letzten Donnerstag von 19-20 Uhr auf Pi-Radio und der Herr Timbob Kegler stellte einige interessante Platten vor. Vorzugsweise solche, die von den Vampisoul/Munster Records-Diggern aus Madrid herausgebracht wurden. Beispiele gefällig? Da wäre die ProgRock-Monster-LP "Two heads are better than one" von Bond and Brown, oder die hübsch gemachte Retrospektive von Macondo Records, einen Label aus Uruguay, das in den 70ern sackweise Platten von lokalen Cumbia-, Plena-, Merengue-Combos rausgebracht hat. Ich fühlte mich ein bißchen wie Frank Laufenberg, als ich dies spielte.
Uruguayische 70er-Jahre-Labels fallen mittlerweile bestimmt unter das "Ziemlich-Obskur"-Label, aber es lohnt sich, doch mal hinzuhören. Ebenso bei der zuckersüßen Easy-Listening-Lounge-Music-Torte "Latin A-Go-Go", die Produzenten-Wizard Mark Wirtz in die Welt setzte, als das Geld bei den Plattenfirmen noch im Keller gedruckt wurde. Und da interpretiert er doch tatsächlich einen alte Hank-Williams-Hit neu. Musste natürlich mit rein. Genauso wie die Johnny Reggae Rub Foundation, die einen alten Misfits-Klassiker hübsch ins Ska-Korsett gedrückt haben.

Diese Sendung war also recht schmusig, aber eben nicht nur. Schaut selbst...

Johnny reggae rub foundation – Attitude (Misfits-Cover)


Mark Wirtz Orchestra – Coming home baby


Mark Wirtz Orchestra – I'm so lonesome I could cry (Hank Williams Cover)

Bond and Brown – Oobati


Bond and Brown - SCUNTHORPE CRABMEAT TRAIN SIDEWAYS BOOGIE SHUFFLE STOMP

Cairobi – Saint

SONORA BORINQUEN - RECORDANDO A MI BARRIO


CONJUNTO CASINO - PLENA COSTERA


CONJUNTO CASINO - ¡QUÉ GOLAZO!

GRUPO MARACAIBO - JUAN


Gnarly Sacs – Love is rad


Tim Maia - RIDE TWIST AND ROLL


Miss Chain and broken heels – Uh Uh

Dienstag, 10. Januar 2017

Atomteller bedrohen unser Leben

Meine Hassliebe zum Ruhrgebiet habe ich in den letzten Tagen schon öfter in diversen Sozialmedien angesprochen. Da ist einerseits dieser Tocotronic'sche "Aber hier leben - nein danke"-Aspekt und andererseits doch große Sympathie für die Menschen, die da leben und tun.
Wie mir nun aber von gut informierter Seite zugetragen wurde, wurden für die Stadt, aus der ich komme und die ich immer liebevoll das Springfield von NRW nenne, ganz große Merchandise-Geschütze aufgefahren.
Ja ja, Mützen, Shirts und Schals kann jedes städtische Amt für Öffentlichkeitsarbeit in Auftrag geben. Aber wenn du ein Atomkraftwerk vor der Nase hattest, dann ist das sicher einen PORZELLANTELLER wert.




Den dargestellten THTR-Reaktor gibt es übrigens nicht mehr. Wurde noch zu meinen Schulzeiten stillgelegt und der Kühlturm gesprengt siehe oben. Die Kommentare der Filmer sind aber noch amüsanter.)
Vor einigen Jahren verbrachte ich Silvester in Wien und redete auf einer Party mit einem Engländer, der bei einer Atomkraftbehörde arbeitete. Der kannte den THTR natürlich und war von der Technik ziemlich angetan. So angetan wie er es überhaupt von den Kenntnissen "of the germans" auf dem Gebiet der Atomenergiegewinnung war - bis "leider" leider leider diese für ihn sehr blöde Anti-Atomenergie-Stimmung Oberhand gewann und nun keiner mehr Bock auf sowas hatte. Nunja, der Herr könnte sich bestimmt auch die restlichen Exemplare der großartigen Atomteller-Kollektion von Biblis über Krümmel und Greifswald bis nach Würgassen an die Wand nageln.


Donnerstag, 5. Januar 2017

They got the beat

Mit dem Ruhrgebiet verbindet mich eine seltsame Art von Hassliebe. Vielleicht wäre das etwas anders gewesen, wenn ich in den 60er-Jahren gelebt hätte und die flotten Rhythmen der geschätzten 1000 Beatbands mitbekommen hätte.
Tja, die späte Geburt hat also ihr Für und Wider. Aufzuwachsen im wirtschaftlich florierenden Ruhrgebiet, damals noch ohne Strukturwandel und mit prall gefüllten Kohleflözen, wäre mit diesem Soundtrack sehr interessant gewesen.
Weil das damals so war, kann man sich mit Hilfe einer sehr guten Doku vorstellen, die derzeit in der Mediathek des WDR zu sehen ist.

Beat im Pott - warum eigentlich nicht? Es klingt nicht so abwegig, dass es da ein paar Bands gegeben haben könnte. Aber ein paar ist eine sanfte Untertreibung. Der große Hammer kommt bereits nach wenigen Minuten: Die Behauptung, dass es um 1965 ca. 1500 Beatbands gegeben haben soll. 1500 Combos, die sich zusammen gefunden haben und der Jugend zwischen Duisburg und Hamm das liefern wollten, was die BEATLES oder ROLLING STONES nur an ausgewählten Orten auf die Bühne gebracht haben. Allein bei dieser zahl bin ihc doch etwasd beeindruckt. und auch etwsd geplättet, weil sich davo im Pott fast ncihts mehr findet.



Vielleicht war das die zweite Welle echter Subkultur an der Ruhr. Rockabilly gab es schon früher, Metal und Punk sind im Pott immer noch ziemlich angesagt. Zum ersteren gibt es einen Film, letzere wurden auch schon ausgiebig in diversen Formaten und Medien beleuchtet.



Aber über Beat im Pott, da war bisher wenig zu finden. Schon seltsam, dass Bands wie die Rangers, die Dakotas, die German Blue Flames oder die Rag Dolls, so komplett ind er Obskurität verschwunden sind. Könnte eventuell damit zusammenhängen, dass sie zwar alle soliden bis sehr guten Beat und Rhythm'n'Blues nach den einschlägigen Vorbuldern gespielt haben, aber es somit eben "nur" zu regionalen Ehren geschafft haben. Was ja überhaupt nicht schlimm ist. Aber egal in welchem Genre, es gibt bei Bands so unglaublich viel Unwägbarkeiten und Möglichkeiten, die dazu beitragen, ob es eine Band schafft oder eben nicht. Wobei man auch mal definieren müsste, was das heißt, "es" zu schaffen.
Deshalb ist diese Dokumentation ein ganz heißer Tip. Anschauen, so lange es die WDR-Mediathek hergibt. Besonders weil nicht nur rüpelnde Jungs gezeigt werden, sondern auch die Rag Dolls, eine (oder vielleicht die) nur aus Frauen bestehende Beatband des Ruhrgebiets vorgestellt werden.



Film gucken ist natürlich das eine, für die Plattendigger dieser Welt stellt sich aber die Frage, warum sich noch kein Label gefunden hat, das eine Retrospektive zum Thema mit all den damals bekannten Combos zusammenzustellen. Sampler mit Beatbands aus ganz Deutschland gibt es schon öfter, aber gerade wegen der fast unglaublichen Zahl an Bands im Ruhrgebiet wäre eine Retrospektive mit diesem regionalen Bezug doch sicher machbar und interessant. Zeit wäre es.

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. II

Aus langjähriger Beobachtung weiß ich recht genau, wie ein Abend verläuft, bei dem man die Verantwortung an die Menschen in der Band LITBARSKI gibt. Zumindest musikalisch kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, wie das läuft. Irgendwann wird einiges an Alkohol geflossen sein. Bier Schnaps, Wein, alles was süffig ist und die Hemmungen vertreibt. Dann wird mit Sicherheit auf der Stereoanlage des Vertrauens die komplette Mush-LP von LEATHERFACE laufen. Alle werden die Gläser in die Höhe strecken und mitsingen. Alles. Auswendig.
Danach läuft möglicherweise die komplette "Is this real" von den WIPERS. Auch da werden alle komplett mitmachen. Dann, darauf verwette ich den Hintern des Pferdes meiner Nichte, wahrscheinlich noch die "New day rising" von HÜSKER DÜ. Und direkt darauffolgend sicher was von DACKELBKLUT und weil man irgendwann etwas alkoholbedingt doch etwas albern wird, auch noch "Was gut ist, setzt sich durch" von den PUHDYS. Tiefer auf feindliches Schlagergebiet wagt man sich an so einem Partyabend aber nicht.

Davon abgesehen wären damit aber die Koordinaten gesetzt, was die musikalische Einordnung auf der ersten LITBARSKI-Mini-LP angeht. Deutschsprachiger Punkrock, der mehr in Moll als Dur rüberkommt, textlich und gesanglich sicher an Herrn Rachuts Gitarrenbands angelehnt- einen Innovationspreis gibt es dafür im Jahr 2017 sicher nicht. Aber Punk und Innovation, auch schon ne Weile her, dass das mal zusammenging.
Wir haben hier eine Konstellation, wie man sie oft in irgendwelchen Punkbands findet: Drei weiße Kerls, die jahrelang knietief durch den Szenesumpf gewatet sind. Drei Typen, die in Punkbands wie ANNE TANKE und WELTRAUMSCHROTT gelernt haben, was in einer Punkband alles schiefgehen kann. Und daraus gelernt haben. Und während ich diese verweise niedertippe, fällt mir doch das Wort ein, nach dem ich gesucht habe, um die sechs Litbarski-Songs gut beschreiben: Reife.



Das hier sind keine überambitionierten Anfang-20er, die glauben mit ihrer Wut die Welt erobern zu müssen. Das hier ist nicht mal eben rausgerotzt, weil ein Bandaufnahmegerät in der Ecke stand. Und lustig soll es definitiv auch nicht sein, sondern soll ernst genommen werden. Auch textlich wurde da sicher einiges auf- und wieder umgebaut. Es ist nun aber nicht so, dass die drei LITBARSKI-Typen völlig desillusioniert und abgefuckt rumdudeln. Emotion ist schon da, aber eben auch Reflektion und Energie. Man weiß, was man tut. Quatsch ist es jedenfalls nicht.
Man könnte einwenden, dass ja die ganze Tante-Guerrilla-Mischpoke oder Bands wie DUESENJAEGER ja auch so was machen, aber bei LITBARSKI ist der Frankie-Stubbs-Einfluss doch um einiges stärker. Die Songs gehen doch eher in Richtung LEATHERFACE, sind alle sehr sorgfältig ausgearbeitet und mit viel Liebe zum Detail versehen. Es ist ja auch genug Zeit ins Land gegangen, bis aus der Proberaumband LITBARSKI mal die Live-und-auf-Platte-Band LITBARSKI wurde. Aber die Zeit, die dort in abgelegenen Proberäumen verbracht wurde, hat dem Endprodukt hörbar gut getan. Und das sage ich, der eigentlich in solchen Sachen eher auf schnelle Ergebnisse steht als ewiges Rumgebussel. An der Gitarre wird mehr getan als stumpf rumgeschrammelt und was Bass und Schlagzeug an Rhythmusarbeit leisten ist auch weit mehr als herkömmliches Deutschpunk-Gepolter.

Möglicherweise ist es die persönliche Verbindung, die mich hier konzentrierter hinhören lässt. Schließlich sind die LITBARSKIS dem RENFIELD recht eng verbunden. Vielleicht braucht es einen distanzierteren Kritiker, der sagen kann, was hier fehlt. Ich finde erstmal nicht viel. Ok, über den Bandnamen könnte man nochmal diskutieren, aber nur weil ich diese Fußballmetaphern bei Punkbands nicht mehr ab kann. Aber ansonsten - alles schick.
(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala

Gary Flanell

Litbarski - s/t
erschienen auf
Elfenart Records

Dienstag, 27. Dezember 2016

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn …

Dieser eine Platz, diese Zuflucht, dieses Zuhause ...
Seufze, wenn du es gefunden hast und sei dankbar. Und seufze, wenn du es nach wie vor suchst, denn dann hast nicht aufgehört zu glauben, dass da etwas zu finden ist. Wie aber finden?
Nun, folge vielleicht tatsächlich dem Gesang. Flieg mit Anne Kaffeekanne übers Dach und guck von oben, und geh im Raumanzug durchs Viertel, die Straße erzählt dir sicher einen. Trampe nach Norden, ja, da könnte was sein! Oder frag Pinguin, kleinen König oder Ilse Bilse.
Oder unterhalt dich mit Herrn Vahle, Liedermacher und Autor, insbesondere auch verbeheimatet in jedem ordentlichen Kinderzimmer, und Herrn Pascow, Ex- oder Niemals-wirklich-Gimbweilerer, Schreimann-Musikant und Tante Guerilla.

Philip: Seid ihr welche von den Guten?

Alex Pascow: Ich bin mir nicht ganz sicher, wie du das meinst. Ich verhalte mich nicht immer gut, zuweilen verhalte ich mich schlecht, egoistisch, und ich habe definitiv meine Leichen im Keller. Manchmal versuche ich dieses Verhalten dadurch zu rechtfertigen, dass ich mir einrede, gewisse Werte abzulehnen, weil sie schlicht und einfach falsch sind und es nicht schlimm ist, diese zu brechen. Hin und wieder liege ich damit vielleicht sogar richtig, aber mindestens genauso so oft verwende ich diese Sicht aber einfach nur als billige Ausrede für beschissenes Verhalten. Solltest du aber mit die „Guten“ auf den geschundenen Begriff „Gutmensch“ anspielen, dann sage ich, Ja, ich bin einer von diesen „Gutmenschen“, und es ist mir eine Freude, den „Schlechtmenschen“ damit so richtig auf den Geist zu gehen.

Fredrik Vahle: Jeder Mensch ist in dieser Hinsicht Mischling. Ich auch.

Philip: Gilt das überhaupt, ist man in musikalischer Gesellschaft sicher? Oder ist Seumes Reimchen allzu hoffnungsfroh und naiv und macht die Ausnahmen nicht übersehbar?
Fredrik Vahle: Wenn dadurch eine hinderliche Singhemmung gelöst wird – wohlan!



Alex Pascow: Es gibt sicherlich Leute, mit denen ich nicht über Musik sprechen will, allerdings ist es schon so, dass das Reden über Musik hilft, small talk zu überspringen. Und da ich small talk einfach nicht mag und zudem auch total schlecht darin bin, ist es für mich auch sehr anstrengend und fühlt sich zuweilen wie geraubte Zeit und Energie an. Im Umfeld von Musik ist das oft einfacher. Entweder ist die Musik so laut, dass man sich das Labern gleich sparen kann, oder du lässt den small talk einfach weg und beginnst gleich darüber zu reden, ob du nun über die Ramones oder Sex Pistols zum Punk gekommen bist. Gitarristen untereinander haben es hier besonders einfach. Sie können jedes Geplänkel auslassen und kommen gleich auf Riffing, Amptuning und Sounds zu sprechen und hören danach nie wieder damit auf.


Philip: Kunst, die rein gar nichts will und einfach ist, also auch Liedgut, mag es geben, aber mindestens so häufig wird da sehr wohl gewollt, mehr noch, es wird hingewiesen, erzogen, belehrt, aufgestachelt, beschimpft und verunglimpft. Verleidet einem das das eigene Machen, oder spornt es umgekehrt sogar an?

Alex Pascow:
Kunst, die gar nichts will außer sein? Ich bezweifele stark, dass es die wirklich gibt. Viel eher glaube ich, dass diese Deutung erfunden wurde, um sich von Erwartungen und der Frage nach einem Sinn oder einer Message von vornherein zu befreien. Aber selbst wenn es keinerlei Bedeutung in der Kunst zu geben braucht, so gibt es doch immer einen Auslöser, warum sie geschaffen wird und entsteht. Sie soll doch zumindest neu sein oder in irgendeiner Form einen neuen Blick schaffen. Aus dem puren Nichts entsteht keine Kunst, ganz egal welche. Das wäre dann wohl eher Natur, und selbst diese entsteht nicht aus dem Nichts. Um auf deine Frage zurück zu kommen. Natürlich nerven schlechte Musik und schlechte Texte, vor allem dann, wenn sie allzu gewollt sind und nichts Eigenes besitzen. Nicht falsch verstehen, es ist für meine Begriffe vollkommen in Ordnung, sich von anderen inspirieren zu lassen und Sachen zu klauen, so lange man dabei in irgendeiner Form was von sich selbst preis gibt oder etwas Neues schafft. Aber nur zu reproduzieren, was andere bereits gemacht haben und sich dabei noch so zu verstecken, dass man selbst nicht zu erkennen ist, ist langweilig und belanglos. Das will ich nicht nicht hören, sehen oder lesen. Es sollte entweder authentisch und damit auch ein Stück weit verletzbar oder eben neu sein. Wenn es beides nicht ist, wirst du als Musiker, Texter selbst niemals deinen wahren Kick haben.

Fredrik Vahle:
Wenn ich selber kreativ bin, denke ich nicht so sehr an anderes!



Philip: Sind Musik und Musikant eine Einheit? Kommt nur raus, was zuvor bereits drin war und alles ist authentisch?

Alex Pascow: Das kann so sein, muss es aber nicht. Wie bereits zuvor gesagt, Authentizität ist eine Möglichkeit oder ein Weg, aber bei weitem nicht der einzige. Es gibt so viele Bands, Autoren, Filmemacher, Zeichner etc., deren Kunst rein gar nichts mit deren Alltag zu tun hat. Man muss nicht mit Drachen gekämpft haben, um eine guter Märchenerzähler zu sein, und man muss sich auch nicht drei Mal im Jahr das Herz brechen lassen, um darüber zu singen. Es mag sein, dass das alles in einem „drinstecken“ muss, um daraus einen Song oder eine Geschichte zu machen, aber man muss es definitiv nicht selbst erlebt haben. Und mal ehrlich, wo wären die ganz großen Werke, wenn es nur um Authentizität ginge?

Fredrik Vahle: Wenn nur rauskommt, was vorhin drin war, dann ist das eher langweilig. Mir macht es Spaß, auch bei Liedern, die ich schon oft gesungen habe, immer wieder was Neues zu entdecken!



Philip: Und noch zu zu dem dem, was drin war und ist – wer hat das wie in dich reingefüllt? Lässt sich sagen, was der erste Kontakt zu Musik und Liedern war und was der letztlich angerichtet hat?
Fredrik Vahle: Das war weniger in der Familie, aber dann gab es so mit 14/15 Jahren Singen im Freundeskreis, auf Tramp-Fahrten quer durch Europa. Und dann mit Ulli Freise (Elster Silberflug) und Christiane Knauf.

Alex Pascow: Ich glaube, einen Teil davon habe ich mir einfüllen lassen, sprich, ich habe erfahren, gelernt und wurde von dem geprägt, was um mich herum geschah und geschieht. Dies passiert zu einem ganz großen Teil unbewusst. Manches davon kann ich mir im Laufe der Zeit bewusst machen, manches bleibt für immer versteckt und beeinflusst mich sicher unbewusst. Einen anderen Teile habe ich mir selbst eingefüllt. Jeder beginnt schon sehr früh, eine Auswahl zu treffen und selbst zu entscheiden, was einen interessiert, was man gut findet, womit man sich auseinandersetzen will usw. Das ist eine bewusste Entscheidung für und gegen etwas. Im Endeffekt bin ich also weder ein Opfer meiner Umwelt noch lebe ich wirklich autonom.



Philip: An der Uhr gedreht und unterstellt, die musikalisch-künstlerische Sozialisation legte einen fest – was wäre, wenn das Damals mit dem heutigen Gesamtsoundtrack unterlegt wäre? Klängest auch du anders? Klängest du überhaupt?

Alex Pascow: Ich kann nicht sagen, ob mich Musik, Bands und der ganze Rockzirkus heute nochmal so erreichen würde, wie es damals passiert ist. Und das meine ich jetzt völlig wertfrei. Es war nicht generell besser oder schlechter damals, aber es war definitiv anders. Vielleicht haben heute YouTuber oder Blogger die Anziehungskraft, wie sie früher Rock- und Punkbands hatten. Aber ich bin mir sicher, würde ich heute als Schüler wieder damit beginnen, Musik zu machen, sie wäre definitiv anders. Alles andere wäre auch wirklich strange … Stell dir vor, es hätte sich in den letzten 15 Jahren nichts getan und die Kids würden immer noch den gleichen Kram abfeiern. Das wäre selbst für CSU-Verhältnisse sterbenslangweilig.

Fredrik Vahle: Schwierige Frage – aber meine Stimme würde man vielleicht heraushören ...



Philip: Eure Lieder gehören jetzt wiederum zum Aufwachsen vieler, untermalen klanglich alle möglichen Situationen und bringen textlich die unterschiedlichsten Gefühlslagen auf den Punkt. Sind am Ende gar auf bedeutungsvollen Mixtapes. Ist das schön? Oder auch ein bisschen unheimlich?

Alex Pascow: Meist ist es schön und für mich zählt es zu den besten Momenten der Bandgeschichte, wenn ich mitkriege, welche Bedeutung der eine oder oder andere unserer Songs für manche Menschen hat. Manchmal stelle ich dann fest, dass ein paar Leute praktisch das gleiche in einem Text sehen wie ich, als ich ihn schrieb oder wenn ich ihn singe. Ein anderes Mal sehen Leute etwas ganz anderes darin, was sie aber genauso bewegt. Und manchmal, ja, manchmal wirst du auch einfach nur vollgelabert und es gibt keine Gemeinsamkeit außer Bier. Und weiß Gott, es gibt Schlimmeres.

Fredrik Vahle: So ist es, beides trifft zu.


Philip: „Hätte ich damals nicht xxx von Fredrik Vahle oder von Pascow gehört, bei Gott, ich wäre heute wer anders!“ Wer könnte so etwas sagen und damit schmeicheln? Wer ließe dich damit ein Loch im Boden suchen zum Verstecken?


Fredrik Vahle: Komische Frage. Trotzdem: Ich bin mit der Resonanz auf meine Arbeit zufrieden!

Alex Pascow: HaHaHa … No Masters! Nein, keine Ahnung, ob es da jemanden gibt? Wenn es der Wahrheit entspricht, würde mich eine solche Aussage sehr freuen, fast egal von wem sie kommt. Okay, stell dir vor, eine Person, die du wissentlich und aus voller Überzeugung verachtest, würde so etwas zu dir sagen. Nein, dann würde ich mich nicht freuen. Also vergiss, was ich sagte :-)

Philip: Was läuft derzeit daheim in den eigenen vier Wänden? Und wie?

Fredrik Vahle: Nicht viel. Vielleicht Linard Bardill und Gurdjeffs Hymnen. Ich mache viel selber Musik. Auch zu Hause.



Alex Pascow: Ganz ehrlich? Das Album von Eliot Sumner finde ich super. Die neue DISCO//OSLO und die neue LYGO höre ich oft und dass nicht nur ,weil sie auf unserem Label erschienen sind. Dann stehe ich momentan auch ziemlich auf rhythmische Sachen, also Songs, die hier interessant sind, ohne dabei penetrant zu werden, CLASH hatten hier ein paar richtig gute Sachen, auch Bands wie PROPAGANDHI oder AGAINST ME oder auch Leute wie bspw. Micah P. Hinson oder sogar Charles Aznavour. Außerdem schaffen es immer wieder Klassiker auf meine Playlist, zur Zeit mal wieder die DESCENDENTS.



Philip: Wann bist du endgültig fertig mit Musik? Wann kommt kein Ton und kein Wort mehr?

Fredrik Vahle: Weiß ich nicht...

Alex Pascow: Es gibt immer mal wieder Phasen in denen ich keine Lust habe, mich mit Musik aktiv zu beschäftigen. Dann bin ich schnell gelangweilt oder genervt von Musik, die mir begegnet. Oft kommen aber gerade im Anschluss an solch einen Zeitraum ein paar Tage oder Wochen, in denen mir selbst viel einfällt oder ich Musik von anderen richtig verschlingen kann. Aber selbst in solch einer Phase, denke ich immer nur bis zum nächsten Song oder vielleicht noch bis zum nächsten Album, weiter nicht. Und sollte mir irgendwann nichts mehr einfallen, was mich selbst fesselt, höre ich auf oder mache was anderes. Ich weiß aber auch, dass ich ein Arbeiter sein kann, das heißt, ich höre nicht auf, nur weil ein Song oder Text zu Anfang mal beschissen ist. Die wenigsten Stück oder Texte funktionieren von Anfang an, an den allermeisten muss man arbeiten und sie zu guten Songs zu machen. Das ist nicht immer leicht, oft sogar zum Kotzen und nicht selten fühlt es sich dann auch an, wie jede andere Arbeit auch. Wie so oft schon gesagt ...10% Inspiration, 90% Transpiration.

Philip: Jetzt aber noch nicht fertig. Es wäre fein, dass Gespräch mit einigen eigenen relevanten Liedzeilen zu beenden. Wenn sie gar themaexklusiv wären, wäre dies sicherlich verzeihlich.

Alex Pascow: Eigene relevante Textzeilen? Mit Textzeilen von anderen könnte ich dich zuschütten, aber nun gut gut, versuchen wir es mal mit eigenen:

„Cherchez la femme“ aus „Die dumme Kuh mit den schönen Augen“ - Dabei handelt es sich genau genommen nicht um ein Zitat von uns, vielmehr ist es eine bestehende und weit verbreitete Redewendung, die wir lediglich aufgegriffen und eingebaut haben. Nichtsdestotrotz ist und bleibt die Aussage dieses Zitats die ultimative Triebfeder für alle Arten von Texten, Songs und jeder Menge Abstürze in allen Facetten.

„Die Zeit, die mir fehlt, ist das Geld, das ich krieg.“ aus „Castle Rock“ - Es ist eine Abwandlung oder Anspielung eines Blumfeld Zitates. Aber unseres geht in eine andere Richtung und für mich fasst diese Stelle das Album „Diene der Party“ im Ganzen gut zusammen.



„Wenn meine Generation auf mich zählt, dann Honey, ist sie verloren“
aus KO Computer. - Ach verdammt, auch ich bin im Laufe der Jahre mehr eingemacht worden als ich es zuvor geglaubt hätte, trotzdem ist an diesem Zitat noch immer was Wahres dran. So gesehen ist es manchmal auch gut keinen Frieden zu kriegen. Oder zu machen.



Fredrik Vahle: Von der CD „Lilo Lausch läuft leise“: „Unterschiede kann man seh'n/ Zuhör'n bringt dich ins Versteh'n./ … Denn da ist ein großer Klang/ der die ganze weite Welt/ wenn man aufeinander hört/ wie von selbst zusammen hält.“




fredrikvahle.de
pascow.org

Interview: Philip Nussbaum

Freitag, 2. Dezember 2016

Kein Kalender, keine Türchen - SubCult 01.12.2016

Eine Referenz auf Weihnachten, auf Heiligabend, Plätzchenbacken, Glühwein-Schock oder ähnliches: Vom Datum her wäre es eine Steilvorlage.
Aber irgendwelche arg strapazierten und mühsam konstruierte worst Wortspielereien zum Thema und darüber hinausgehend zu Begriffen wie Kalender, erstes Türchen oder Einstimmen auf Weihnachten werdet ihr an dieser Stelle vergeblich finden.

Die SubCult-Radioshow vom 1.Dezember 2016 hat keinen thematischen noch sonst irgendeinen Bezug zu Weihnachten.
Keine Songs über den Nikolaus, kein schräges, aber erwartbares Zeug über Engel, Schnee, Rentiere oder Geschenke. Sorry, es gibt hier keine Verpflichtung zu irgendeinem Bezug zu einem Fest, das es schon seit ca. 2000 Jahren gibt. Über den schon jetzt zu viele Worte verloren wurden. Außer genau diesem Anti-Bezug. Sorry, kein Bock auf den Scheiß.

Eine wie auch immer geartete Weihnachtsstimmung werde ich sicher nicht übers Radio transportieren - allein bei dem Gedanken daran, dass hunderte von Radiosendern derzeit nichts anderes für die Rotation in ihren Millionen Songs schweren Musikdatenbanken finden, als den Song, der George Michael regelmäßig den Tantiemen-Geldspeicher neu auffüllt.

Da wird mir schlecht. Vor Langeweile und Entsetzen ob soviel Einfallslosigkeit.
Nicht nur, weil ich diese Musik gewordene Kunstschneelawine nicht mehr hören kann, sondern weil sich viele darüber beschweren, dass immer und immer die gleichen X-Mas-Songs gespielt werden - und nichts daran ändern.
Einmal Weihnachten ohne Weihnachtslieder - eine wunderbare Vision. Und nein, ich meine nicht Weihnachten ohne herkömmliche Weihnachtslieder und dafür mit "quasi-alternativen" Weihnachtssongs - also keine Surf- oder Rock- oder Techno- oder Ska- Versionen von dem ganzen Mist.

Nein, einmal Weihnachten komplett ohne Weihnachtslieder. Dafür 24 Tage sowas wie PILs Flowers of Romance, "Statement" von der POISON GIRLS oder Czeslaw Njemens KATHARSIS in der Dauerschleife in allen Konsumtempeln der Welt... Es wäre ein Fest.

Nun, vielleicht tun es derweil auch die Songs, die bei
"SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms" am 01.12.2016 mit Timbob Kegler auf Pi-Radio 88, 4 (UM 19 UHR! Neue Sendezeit!) liefen:

1. Dana Gillespie – Dizzy Heights


2. Christiane Rösinger – Eigentumswohnung


3. OY – Space Diaspora


4. The What For...?! - Rotkarierte Petersilie (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


5. Die Tanzenden Herzen – Bist du bereit? (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


6. Start! - Ein Schritt zuviel (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


7. Baits – Haircut


8. Duchess says – I'm an idea


9. PUFF! - Too tired to run


10. Rolando Bruno – Fiesta Trashera


11. Hans Gruber & The Die-Hards – Anti-Werewolfism must be eradicated from the USA


12. Kick Joneses – (You make me) wasting my time


13. Kick Joneses – Haven't got nothing to do


14. Peter Licht – Universal Tellerwäscher (vom Die Sterne-Tribute „Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne“.)

Und aus der Abteilung "Opa erzählt vom Krieg" eine Mini-Doku zum Making Of eben jenes Songs, der WHAM! seit Jahrzehnten den Kartoffelsalat zu Weihnachten sichert. Also doch eine Weihnachtsreferenz. Ich Umfaller...


Dienstag, 22. November 2016

SubCult 17.11.2016 mit Niki Matita...

und KALLE KALIMA
Playlist:
Kate Tempest - Pictures On A Screen


Linear John - A Night On Town

Jimi Tenor & Kabu Kabu - Grind!

Kalle Kalima - Lokari (Hiski Saloma) - live

The Monsters - Voodoo Rhythm

Nicole Garcia - Baby Ok
Kalle Kalima - Raja - live
Tenors Of Kalma - Ininää

Automat - Transit

Buchempfehlung:

Lea Streisand: Im Sommer wieder Fahrrad, Ullstein 2016

Freitag, 4. November 2016

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms: Nekrolog 2016

Nekrolog 2016? Schon im November ein Blick auf die toten kreativen des Jahres? Genau, so läuft das bei der SubCult-Radioshow.
Wenn der November anfängt und allerorten Allerheiligen und Volkstrauertag gefeiert wird, schauen wir schon seit ein paar Jahren zurück auf all die Toten der letzten 12 Monate, die für die SubCult-Sendung von belang sein könnten. Also ein Blick auf die, für die auf dem Friedhof der Popkultur ein Plätzchen freigemacht werden muss.
Deshalb hier die Playlist der Subcult-Nekro-Show vom 3.November 2016 (ACHTUNG! NEUER SENDEPLATZ! Subcult jetzt immer jeden 2ten Donnerstag von 19-20 Uhr)
mit Niki Matita und Timbob Kegler - und einem geheimnisvollen gast, Fotografen und Musikzulieferer im Studio...

1. Bud Spencer - My Name Is Zulu 


2. Ludek Hulan & Gustav Brom's Dixieland Band - Oh When The Saints 

3. Die Ärzte - Schwanz ab 


4. Die Toten Hosen - Love and a Molotov cocktail (The Flys)


5. Trio - Ready For You 


6. Sigi Maron - Ois gib koa Gott 


7. Jefferson Airplane - Chauffeur Blues


8. Viola Beach - Swings  & Waterslides 


9. Rumble On The Beach - Purple Rain (original by Prince)


10. Blowfly - F U In The A 


11. David Bowie - Life On Mars 


12. Poison Girls - Bremen Song


Erwähnenswert sind natürlich auch die, für die die Sendezeit nicht gereicht hat...
Lemmy, Dario Fo, Gene Wilder, Eric Hysteric, Black, Pete Burns, Erika Berger, Johan Cruyff, Hannes Löhr, Umberto Eco, Achim Mentzel, Toots Thielemans, Guru Josh, Scott Weiland


Sonntag, 9. Oktober 2016

Hot and shitty record stuff - last post

Wer die Printausgabe vom Renfield bisher in den Fingern hatte, konnte die Rezensionen dort finden, wo es quer zuging.
Plattenkritiken fanden und finden im Renfield auf den waagerecht gestalteten Seiten des Heftes statt. Die Überschrift war bisher immer "Hot and shitty record stuff".
Bisher.

Da es in Renfieldhausen in den nächsten Monaten einschneidende Änderungen bezüglich der gedruckten Ausgabe geben wird...
(An dieser Stelle Blick auf die virtuelle To-Do-liste: Über beifällig gestreuten Cliffhanger Spannung bezüglich der Zukunft des Heftes aufbauen - Check.),
...werden auch die Kritiken auf dem Blog fortan unter einer neuen Überschrift gepostet.
Statt "HOT AND SHITTY RECORD STUFF" heißt es fortan bei der kritischen Auseinandersetzung mit zugesandtem Musikmaterial:
"SCHÖN, WENN JUNGE MENSCHEN MUSIK MACHEN".

Diese neue Überschrift passt sehr gut zu der CD einer jungen Ska-Punk-Band, die hier angekommen ist. Die Band heißt SKAMARLEY, ihre vom Punkfilmfest Berlin "Too drunk too watch" und Famed Records, trägt den Titel "Terror & Trompete". Ich habe das Gefühl, SKARMARLEY trauen interessierten Hörern nicht allzu viel Offenheit und Grips zu, sonst hätten sie die maßgebende Stilrichtung und Instrumentierung nicht direkt in den Bandnamen eingebaut (damit's auch jeder Trottel wirklich versteht). Vielleicht halten sie Subtil wirklich für ein Waschmittel, aber ich frage mich, warum es gerade bei Ska-affinen Bands immer sein muss, dass die drei Buchstaben mit in den Namen eingebunden werden müssen. Davon ab, gibt es diverse Punkte, die dazu führen, dass ich diese CD wirklich schlecht finde.

1.) Ich mag keine uniformierten Bands: Es mag vom FOH aus total toll aussehen, wenn alle in schwarz mit weißen Krawatten auf der Bühne rumtanzen. Ich finde es total bescheuert, in einer Band zu spielen und dabei einem bestimmten Dresscode entsprechen zu müssen. Uniformierung ist für mich eine der schrecklichsten Dinge, wenn es ums Musik machen geht. Das hat dann entweder was von Karneval, Gruppenzwang oder vorgeschriebener Arbeitskleidung in einem Lebensbereich, in dem man sicher keine Arbeitskleidung tragen will. Es mag auch gehörig das Gemeinschaftsgefühl steigern, wenn alle vier Musiker in der Band im gleichen Outfit loslegen. Aber dann müsst ihr keine Musik machen, sondern könnt auch in den Fußballverein eures Bezirks gehen. Dann könnt ihr auch außer Atem kommen, ohne Blasinstrumente zu bedienen.



2.) Ich mag auch keine "lustigen" Bands, die denken, Ska wäre es, wenn man eine unverzerrte Gitarre hektisch über einen Punkbeat hoppeln lässt.
Menschen, die sowas denken, glauben sicher auch, NOFX wäre eine 2-Tone-Band. Sind sie nicht. Besonders aufregend ist auch der vorhersehbare Wechsel zwischen unverzerrtem "Ska"-Part und verzerrten Punk-Teilen auch nicht. Das ist so wie Licht an, Licht aus. Das macht ihr im Schafzimmer ja auch nicht die ganze Nacht, weil das so lustig ist. Es wird auch nicht besser, je öfter man es wiederholt. Wenn der Drummer dazu meint, er müsste wiederholt zeigen, dass er auch ganz toll Double-Bass spielen kann, um zu beweisen, dass die Band ja mehr als Ska oder Punk kann (Metal-Einflüsse, müsste man dann noch ins Info schreiben.Total vielfältig, das.), dann macht das die Sache nicht besser. Gleiches gilt für Bläsersätze aus dem Grundkurs "Ska-Trompete für Anfänger" von Roy Etzel.



3.) Ich mag auch keine Bands, die auf deutsch lustige Texte schreiben. Sogenanntes, party-taugliches Liedgut. Aufforderungen zum Tanz, über den Stuhlgang von Mädchen (MKB) oder platt formulierte Polit-Lyrics im A-B-A-B-Reimschema sind ganz ganz schrecklich. Das ging eventuell vor 20 Jahren bei den ÄRZTEN oder WIZO ganz gut, bei SONDASCHULE und den KASSIERERN war so ein Mist irgendwann auch nicht mehr lustig. Jetzt braucht es sicher keine drittklassige Berliner Rumpelcombo, die die Thematik nochmal durchkäut. Ein wenig DaDa, Absurdität und Improvisation in Text und Musik würde die Sache vielleicht wieder interessant machen. Offbeat-gestützte Kack-Texte gingen eventuell in den 90ern auf westdeutschen Dorfparties ok. Aber, ach nee, nicht wirklich. Haben wir damals aber nicht gemerkt. Konrad ist tot, Funpunk is over. Akzeptier's einfach.



4.) Ich mag auch keine Ska-Bands, die aussehen, als wären sie beim Kirchenchor die falsche Tür genommen. Klar, langhaarige Jungs, die gerade das Abi in der Tasche haben und seit dem 10. Lebensjahr Blechblasinstrument spielen, empfinden Ska sicher als große Befreiung von dem Zeug, was sie unter der Knute des Herrn Kaplan jedes Jahr zum Weihnachtskonzert geben mussten. Dagegen ist Ska natürlich cool. Aber da fehlt was. Nämlich die Smartness, die Ska-Bands mitbringen, die ihre Wurzeln in der Skinheadszene haben. Dadurch bekommt die Sache möglicherweise etwas mehr Schwung. Leider sind Trompetenabiturienten mit Bart, Brille, nettem Mutti-Haarschnitt und schwarzer Buntfaltenhose keine smarte Ska-Combo, sondern nur deren biederer Abklatsch fürs JuZE am Stadtrand.



5.) Natürlich ist es für mich als alter Sack relativ leicht, über so eine junge Band wie SKAMARLEY her zu ziehen. Vor der Musikanlage sitzend, kann man immer meckern. Aber wenn ich das höre und davon ausgehen muss, dass Skabands hierzulande im Jahr 2016 nur solch einen belanglosen und vorhersehbaren Scheiß zusammenspielen können, dann sinkt mein Interesse an Ska noch weiter. Vielleicht haben die Typen auch mit mir einfach dem komplett falschen Rezipienten für ihrer Musik gefunden. Ich finde das nämlich unglaublich schlecht und langweilig.

SKARMARLEY spielen übrigens 2016 noch zwei Konzerte in Berlin. Eine Empfehlung da hin zu gehen, kann ich leider nicht wirklich aussprechen. Ich möchte nicht mal wissen, ob sie live besser sind als auf CD. Es interessiert mich so gar nicht, wie das bei denen auf der Bühne abläuft. Aber ich bin sicher, dass die Band auch ohne Renfield-Warnhinweis einen Sack voll Dosenbier saufender, BW-Rucksacktragender, möglicherweise TERRORGRUPPE-Shirt-tragende anziehen wird, die Mutti den Fünfer Extrataschengeld fürs Konzert aus den Rippen leiern wird. Werde mir stattdessen bei einer heißen Schokoladen die Madness-Doku anschauen.



Ein gutes hat die Sache aber doch: Selten hat es mehr Spaß gemacht, eine CD mit Schwung in den Mülleimer zu werfen. Ich kann das nicht mehr hören, tut mir leid.

(T auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Bewertungs-Skala. Weil man Trompete nicht mit Z schreibt.)
Gary Flanell

www.skarmarley.de

Mittwoch, 28. September 2016

Mehr als PVC

Ein Mann schreibt ein Buch über sein Leben. Ein anderer Mann schreibt dazu ein Vorwort. Schon im zweiten Satz fragt er „Will ich das lesen?“.
Eine durchaus berechtigte Frage, die sich jeder stellt, der dieses Buch in der Hand hält. Er beantwortet diese Frage am Ende seiner Einleitung. Mit einer Antwort, die wahrscheinlich ebenfalls jeder geben würde, der das Buch immer noch in der Hand hält: „SCHEIßE,UND OB ICH DAS LESEN WILL!“.

Bei dem erstgenannten Mann handelt es sich um Gerrit Meijer. Gitarrist bei PVC, einer der allerersten Punkbands West-Berlins. Sowas trägt schnell zur gar nicht selbst gewollten Legendenbildung bei. Die - Herr Meijer wird es sehr gut wissen – kann manchmal mehr Fluch als Segen sein.
Segen, weil sich PVC dadurch, dass sie nach einem VIBRATORS-Gig 1977 mit ihrer Version von Punkrock loslegten, auf ewig ins popkulturelle Geschichtsbüchlein Berlins geschrieben haben. Dazu kommt der Umstand, dass sie auch einige Hits auf der Pfanne hatten, die absolut zum Kanon der Berliner-Punkhistorie gehören. „Berlin by Night“ oder „Wall city Rock“ kennt jeder, der mindestens ein Mix-Tape mit Berliner Punkbands am Start hatte.
Wobei sie das letztere auch gern mal als Label für ihren Sound benutzt haben – um sich eben nicht einfach als average Punkband abstempeln zu lassen. Dafür waren PVC auch immer viel zu eigensinnig, zu individuell und gegen jede Szenekuschelei allergisch.



Der Fluch, der so eine Position mit sich bringt, ist eben, dass der Name Gerrit Meijer auf ewig mit den drei Buchstaben PVC verbunden sein wird. Daneben verblasst vieles, was er sonst musikalisch gemacht hat. Nachdem PVC im Laufe der Zeit zu einer On/Off-Band mutierten, kooperierte Meijer immer wieder mit unzähligen Musikern und Musikerinnen. Musikalische Offenheit, bloß weit weg von jedem engstirnigen Punk-Nietenkaiser-Klüngel, war dabei die Direktive.



Was zu allerlei Projekten führte, die vielleicht einem kleineren Zirkel in West-Berlin bekannt waren, über einen lokalen Status aber nie so recht hinaus kamen. White Russia? Commando Love at least? Rouge et Noir (mit Marianne Rosenberg)? Die amüsante Koop mit Bela B. und Wiglaf Droste? Alles eher dem interessierte Modelleisenbahner bekannt. Auch PVC gerieten irgendwann etwas in Vergessenheit, was wohl den vielen Besetzungswechseln und langen Auszeiten verschuldet war. Trotzdem war die Band immer ein nicht zu unterschätzender Einfluß für nachwachsende Berliner Combos – nicht zuletzt für die frühen Tage der besten Band der Welt.



Da Punk aber wie viele andere Genres mittlerweile einer gewissen Historisierung ausgesetzt ist, wird PVC und auch der Name Gerrit Meijer immer mit dem Siegel der „ersten“ Berliner Punkband behaftet sein. Dabei wird oft vergessen, dass Gerrit mit „der“ Szene und ihren zuweilen recht konservativen Sounderwartungen nie wirklich viel anfangen konnte, was er zuweilen auch mal ganz direkt kommunizierte.
Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass seine musikalische Sozialisation schon viel früher begann. Die allerersten Banderfahrungen machte Meijer schon in den 60ern. Natürlich mit einer Beatband, The Voodoos. Die könnte man wahrscheinlich heute jedem Plattendigger als echtes Berliner Garage-Rock-Nugget verkaufen.

Als das bunte Punkbonbon 1977 richtig knallte, war Gerrit schon satte 30 Jahre alt. Für den Teilnehmer einer frisch aufkommenden „Jugendbewegung“, ein geradezu methusaleskes Alter. Eins, in dem viele andere schon das innere Eigenheim mit festen musikalischem Maschendrahtzaun fertig gebaut haben. Für Meijer ging der Spaß dann erst richtig los. Sich auf was neues einzulassen, sich neu zu erfinden war für ihn aber nie das Problem.

Auf die Einzelheiten dieser wilden "salad days" des West-Berliner Punkrocks will ich hier gar nicht weiter eingehen. Dazu ist schließlich dieses Buch da.
Ich habe für „Berlin, Punk, PVC“ drei Tage gebraucht, um es komplett zu lesen. Das ich es quasi in einem Stück eingeatmet habe, lag an zwei Dingen. Zum einen gab es vor einigen Jahren ein Interview mit Gerrit im Renfield. Weil's so nett war, kam er dann auch noch für eine SubCult-Radioshow ins Studio. Schon damals teilte er mir mit, dass er an seiner Biografie schreibe und ließ mir netterweise sogar das Manuskript als Datei zukommen. Dass da also ein Buch in Vorbereitung war, das ein wichtiger Mosaikstein im großen und ganzen Bild der West-Berliner Musikszene sein könnte, ahnte ich schon. Von daher war ich eh daran interessiert, wie das Endprodukt aussehen würde.



Zum anderen liest sich diese Biografie auch sehr gut und flott durch. Langatmige Passagen finden sich kaum, da folgt eine Episode aus dem Meijer'schen Leben auf die andere. Man könnte eventuell einwenden, dass es an manchen Stellen noch etwas ausführlicher hätte sein können. Gerrits Post-PVC-Zeit wirkt teilweise etwas zerklüftet. Es geht von einem Projekt zum nächsten, zwischendurch eine Reunion seiner bekanntesten band, dazu gibt es die "Pogo Dancing"-EP mit Bela B. Und 2005 die Reunion mit völlig neuen Musikern an Gerrits Seite. Ich hatte allerdings teilweise das Gefühl, dass dazwischen recht große zeitliche Abstände liegen. Es wäre interessant gewesen, da noch mehr zu erfahren. Auch fällt es ab und an schwer, die Übersicht über all die Bands zu behalten, bei denen Gerrit involviert. Eine übersichtliche Diskografie mit zeitlicher Einordnung als Anhang hätte die ganze Sache sicher noch runder gemacht.



Hinzu kommt, dass Gerrit Meijer natürlich in erster Linie Musiker ist. Darauf liegt ein Schwerpunkt dieses Buchs. In einer Biografie geht es aber natürlich auch um das Leben, das Private, Beziehungen, Jobs und die Wahrnehmung der Welt, in der einer lebt. Da fällt es beispielsweise auf, dass die Frauen in Gerrits Leben nur recht kurz als Personen angerissen werden. Hier eine langjährige Beziehung, dann irgendwann die nächste. Die Frauen im Leben des Gerrit M. Bleiben dabei immer ein wenig blass. Ebenso werden dramatische Ereignisse, wie beispielsweise der Tod von Knut Schaller, dem Original-Bassisten von PVC, recht knapp und fast schon beiläufig abgehandelt.



Was dagegen sehr gut vermittelt wird, ist das Bild eines jungen, musikverrückten Typen im West-Berlin, der sich neben der Musik mit allerlei Jobs durchs Leben schlägt. Vieles was da erzählt wird, klingt heute recht amüsant, auch weil man sich gewisse Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen heute nicht mehr so recht vorstellen kann. War halt alles Rock'n'Roll irgendwie. Laut, wild chaotisch und in der Blase West-Berlin oft auch ziemlich nihilistisch. Und gut und kurzweilig geschrieben.
Um also noch mal auf die Frage des Vorwortschreibers, kein geringerer als Bela B. Übrigens, zu kommen: Will ich das denn lesen? Scheiße, natürlich will ich das auch lesen!

Gary Flanell



Die erste Vorstellung von "Berlin, Punk, PVC" mit Gerrit Meijer gibt's am 13.10., 19.00 Uhr in der Milchbar, Manteuffelstr. 41 , Berlin Kreuzberg.

Weitere Termine für Gerrit-Meijer-Lesungen:
30.10. 2016, 19 Uhr, Schokoladen, Ackerstraße 169, Berlin-Mitte
29. 11.2016, 19 Uhr, Pinguin Club, Wartburgstraße 54, Berlin-Schöneberg

Gerrit Meijer:
Berlin, Punk, PVC - Die unzensierte Geschichte,
Eulenspiegel-Verlag, Edition Neues Leben,
256 S., ISBN 978-3-355-01849-4

Montag, 5. September 2016

Will he play in Peoria? - Das Allerletzte zu GG Allin

So richtig ins Rollen kam die ganze Scheiße am 31. Juli 1985 in Peoria, Illinois.
GG Allin war zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre als zerrupfter Punkrock-Einzelkämpfer im Nordosten der USA unterwegs. Glaubt man der gut recherchierten Früh-Discographie auf der TERMINAL-BOREDOM-Homepage, war Allin zunächst eine wandelnde Soloshow, die live mit Hilfe von Playbacks seine Songs aufführte. Nach dem Ende der JABBERS, mit denen er Ende der 70er einige recht melodiöses Punkrockhits eingespielt hatte, verlegte er sich darauf, seine Ideen in verschiedenen Projekten zu realisieren. War GG auf Tour, konnte es gut sein, dass er das Ensemble für den nächsten Gig aus lokalen Musikern rekrutierte, die eben einfach zur Stelle waren. Sex und Gewalt in allen möglichen, auch absurden Variationen, waren damals schon sein Hauptthema. Seine Tapes kursierten in diversen Plattenläden dieser Gegend des Landes, sorgten aufgrund ihrer schlechten Aufnahmequalität bei den lokalen Punks aber eher für Stirnrunzeln. Man könnte GG Allin also neben der musikalischen Ordnung (Punkrock) auch gut der Outsider Music zurechnen.



Der Gig in Peoria markierte dabei eine neue Phase in GG's Auftreten. Zusammen mit den beiden lokalen Acts HATE (deren Sänger Bloody F. Mess zeitweise recht engen und freundschaftlichen Kontakt zu GG Allin hatte und mit ihm auch gemeinsam auf Tour war) und einer Straight Edge-Band namens CAUSTIC DEFIANCE spielte GG Allin in einem Saal der Veterans of Foreign Wars (VFW). Stunden zuvor hatte er eine ganze Packung Abführmittel zu sich genommen. Das Ergebnis ließ er nach wenigen Songs auf die Bühne knallen. Ungläubiges Entsetzen, Aufruhr und spontanes Fluchtverhalten waren die nachvollziehbare Reaktion bei den anwesenden Kriegsveteranen, Punks und tourenden Kollegen. Da sich GG zu all dem auch noch mit seiner eigenen Scheiße einrieb, hielt er die anwesenden Organisatoren und Türsteher davon ab, ihn einfach von der Bühne zu prügeln. Der Abend endete mit einer wilden Flucht im HATE-Bandbus bis zur abgeranzten Wohnung von Bloody, wo schon bald auch die Bullen eintrafen. Bloody wurde wegen Marihuanabesitzes festgenommen, GG Allin zog im folgenden weiter nach Texas, um dort mit den TEXAS NAZIS ein Live-Album einzuspielen. Mit dieser Fäkal-Performance, die von seiner Seite durchaus kein Zufall war, legte er den Grundstein für seine kommende Karriere. Denn die öffentliche Darmentleerung auf der Bühne wurde seitdem zum festen Teil seiner Bühnenshow.



Cut. Im Sommer 1993 sitze ich mit ein paar Freunden im Englischen Garten in München. Wir nehmen in der bayerischen Hauptstadt am Evangelischen Kirchentag teil. Der Kirchentag an sich interessiert uns nicht so wirklich, aber die Aussicht, günstig eine Woche lang in einer Großstadt die Nacht zum Tag zu machen, ist so verlockend, dass wir uns gerne über die Jugendgruppen unserer Gemeinden dort einzecken. Wir liegen auf einer Wiese und trinken mit ein paar Metal-Typen, die aus ähnlichem Anlass hier sind, palettenweise Dosenbier. Zur Abkühlung waten wir von Zeit zu Zeit in den nahegelegenen Bach. In meinem Armeerucksack habe ich zwei Platten, die ich wenige Stunden zuvor gekauft habe. Es sind meine ersten beiden GG-Allin-Alben, die „Eat my Fuc“ und die „Freaks, Faggots, Drunks and Junkies“-LPs. Ich bin ein wenig stolz und hoffe, die beiden LPs sicher nach einer Woche wilden Feierns nach hause bringen zu können, was im nachhinein in auch sehr gut geklappt hat. Stolz war ich auch, weil diese GG-Platten etwas waren, was in dem Haufen der Leute, mit denen ich rumhing, noch nicht wirklich bekannt war. Punk hörten alle irgendwie – aber GG Allin eher nicht.



Dabei ist es nicht so, dass ich die Platten auf gut Glück gekauft hätte. Meinen ersten Kontakt zu GG Allin hatte ich durch Becki. Wir spielten zusammen in einer Band, er Gitarre, ich Bass. Becki kannte ein paar Punks, deren Plattensammlung weit größer war als meine. Eines Tages brachte er ein GG-Allin-Tape mit zu unseren Bandproben in seinen Partykeller. Es war faszinierend: Die Songs klangen scheiße. Die Texte waren total bescheuert und selbst für uns Typen, die mit leidlichen Englischkenntnissen ausgestattet waren, so absurd und wild verständlich, dass wir nur die Augenbrauen hochziehen konnten: „I wanna fuck your brains out“. „Cuntsucking cannibal“. „Fuckin the dog“. „I wanna rape you“ mit seinem wilden Gekeife am Ende des Songs. Dazu diese wirklich beschissenen Aufnahmen. Es war irre. Für uns pickligen Mini-Punks das bescheuertste, was man von sich geben konnte. Da konnten Gang Green einpacken. Bad Religion sowieso. Frank Zappa mit seinen anzüglichen Texten und seinen ausgefeilten Kompositionen erst recht. GG Allin zerstörte alles. Es war roh, es war scheiße, es war unglaublich. Aber irgendwie auch... geil.



Aber was war es, was GG Allin für mich so interessant machte? Warum fand ich diesen Typen so faszinierend? Und warum gab und gibt es neben mir ebenso viele Leute, die sich als Fan dieser Pottsau beschreiben?

Zu Beginn der 90er hatte man von GG Allin in Deutschland noch recht wenig gehört. Natürlich gab es Gemunkel, dass es da diesen verrückten Typen gab, der bei Konzerten mit seiner eigenen Scheiße um sich schmiß und Leute verprügelte. Auch kursierten einige verschwommene Liveaufnahmen auf VHS-Kassetten. Damit bewegte sich GG Allin in einer Liga mit Horrorfilmen wie „Gesichter des Todes“ oder „der „Tanz der Teufel“-Reihe. Jeder kannte irgendjemanden, der sowas auf Video hatte und es war ein großes Ereignis, wenn man mal eine verrauschte, verschwommene Kopie der Kopie der Kopie davon zu Gesicht bekam. Ähnliches galt auch für die Musik. GG-Allin-Platten wurden hierzulande eher schlecht vertrieben, also musste man auf Kumpels bauen, die irgendwo ein paar Songs auf Tape hatten. Da waren dann meist nur die Hits vertreten, längst nicht komplette Alben oder Singles. Die Platten kamen zu dieser Zeit nur sehr langsam aus den USA rüber. Dabei war es wohl kein Zufall, dass ich gerade in München an ein paar Platten von ihm gekommen bin. Denn dort existierte das Label Starving Missile, das schon 1985 eine Split-LP von GG Allin & The Scumfucs und den amerikanischen ARTLESS um den MAXIMUM ROCK'N'ROLL-Schreiber Mykel Board herausgebracht hatte. Da ist es nicht so abwegig, dass auch weitere Alben zunächst den Weg in die Plattenläden der bayerischen Hauptstadt fanden.



Heute kann man sich einen guten Überblick über GG's Diskografie bei Wikipedia verschaffen. Es zeigt sich, dass der Mann eine geradezu unübersichtlich riesige Menge an Releases hat. Unzählige Singles mit immer wieder neuen Bands auf irgendwelchen obskuren nordamerikanischen Labels. Schaut man sich heute bei Discogs die GG-Allin-Seite an, werden derzeit 109 Veröffentlichungen gelistet. Dabei waren das bei weitem nicht alles neue Songs. Oft gab es Re-issues von älteren Songs, Neuaufnahmen oder Live-Tapes. Vieles davon sind Bootlegs und Live-Aufnahmen, manchmal sogar Mitschnitte vom Soundcheck irgendeines Konzertes. Was zeigt, dass die Vermarktung von GG Allin 23 Jahre nach seinem Tod immer noch seltsame Blüten treibt.


Die erste Veröffentlichung, die GG Allins Treiben richtig bekannt machte, war „Hated in the Nation“, eine Compilation auf dem New Yorker ROIR-Label aus dem Jahr 1987. Eigentlich sollte dies ein Livemitschnitt werden, da aber GG-Shows meist schon nach drei Songs abgebrochen wurden, entschied man sich für eine Sammlung älterer Songs und den Mitschnitt eines Gigs im New Yorker Cat Club. Für diesen Abend wurde eigens eine Backing Band für GG zusammengestellt, bei der J Mascis von Dinosaur Jr. Gitarre spielte. Eine Erfahrung die Mascis später in Interviews als „quite uncomfortable“ beschrieb.



Aber selbst „Hated...“ war hierzulande erstmal nicht gut zu kriegen. Eigentlich wussten wir also gar nichts von diesem Typen. Es gab nur Gerüchte. Aber all diese wilden Gerüchte, diese Unschärfe der Figur GG Allin machten ihn umso interessanter. Man konnte es kaum glauben. Schiß der wirklich auf die Bühne? Rieb sich sich dann mit seiner Scheiße ein? War der wirklich ununterbrochen auf Droge? Schmiß er dann wirklich mit seinen Exkrementen umher? Waren alle Songs voller Gewalt, Menschenhass und Fantasien über sexuelle Absurditäten? Und wer waren eigentlich die Typen, mit denen er Musik machte? Sah der Bassist, GGs älterer Bruder Merle, mit Hitler-Schnäuzer, Kaiser-Wilhelm-Koteletten, Glatze und John-Lennon-Sonnenbrille wirklich so bizarr aus wie das in den schlechten Videos zu erkennen war? Und spielte der Trommler wirklich immer nackt? Und hieß wirklich Dino Sex? War das alles ein – zugegeben – ziemlich weit getriebener Witz, war das besonders schräger Humor oder meinten die das wirklich Ernst? Es war für uns nordrhein-westfälische Vorortbewohner kaum vorstellbar, dass ein Mensch sich wirklich so aufführte. Ob GG Allin wirklich so drauf war wie in den im Umlauf befindlichen Ton- und Bilddokumenten und ob er IMMER so drauf war, - das war die Frage, die mich damals sehr beschäftigte. Dieser Typ war wild und er war unberechenbar. Das war das Bild, das wir von ihm hatten. Und das er selber kreierte. Und seine Musik war nicht an jeder Ecke zu kriegen. Diese Distinktion unterschied den Kenner vom Konsumenten. Glaubte ich damals zumindest.

Es macht Sinn, GG Allin mal in einem gesellschaftlichen Rahmen seiner Zeit zu betrachten. Als er anfing Ende der 70er Musik zu machen war die erste Punkwelle eigentlich schon wieder verebbt. Als GG's Bekanntheitsgrad in den 80ern langsam anstieg, waren die USA ein streng konservativ regiertes Land, deren Bevölkerung recht prüde Sexual- und Moralvorstellungen hatte. Ronald Reagan war republikanischer Präsident, die eigene Rolle als tonangebende Weltmacht, nicht nur politisch, sondern auch kulturell, war in den USA unumstritten. Dazu kam eine extrem glatt gebügelte Mainstreamkultur, die subversiven Spuren von Punk- und Hippiebewegung waren glattgewischt.
Pop in den 80ern, davon muss man gar nicht viel reden: Fönfrisuren und Schulterpolster, in den Hitparaden ultra glatt produzierte Popmusik. Da passt es gut ins Bild, das 1985 das viel kritisierte PMRC von Tipper Gore (die damalige Frau des späteren demokratischen Vizepräsidenten Al Gore) gegründet wurde. Jenes Komitee, die sich anmaßte, Eltern und Kindern vor gewalttätigen, scheinbar obszönen oder anstößigen Songtexten warnen zu müssen und durchsetzte, dass Platten, deren Lyrics gegen die PMRC-Leitlininien verstießen, mit einem „Parental Advisory“-Sticker auf dem Cover versehen werden mussten. Dass dieser Sticker später fast schon verkaufsfördernd auf gewisse Platten wirkte, ist eine andere Geschichte.
In so einer Stimmung konnte einer wie GG Allin zwar gut provozieren, blieb aber zunächst ein regional berüchtigter Freak. Trotzdem bastelte er weiter an seiner Figur des Rock'n'Roll-(Un-)Tiers. Ein Typ, der in einem der bevölkerungsärmsten Countys von New Hampshire aufwuchs, seine Jugend in einem sehr schwierigen White-Trash-Umfeld mit einem psychisch instabilen und religiös fanatischen Vater verlebte und im Laufe der Jahre eine sehr nihilistische Einstellung zur Gesellschaft entwickelte.

Anfang der 90er war das Phänomen GG Allin dann soweit gediehen, dass er auch über die Punkszene hinaus ein Begriff war. Das skandalträchtige Auftreten machte ihn auch für die Medien interessant und so war er mehrmals zu Gast in Talkshows, die sich gut auf Confro-Talk (z.B. die href="">Jerry Springer Show) verstanden. Trotz der immer wieder geäußerten Verachtung aller gesellschaftlichen Normen war er sich für solche Auftritte nie zu schade und hat sie auch nicht wirklich abgelehnt. Die Aufmerksamkeit, die ihm ein Platz auf einer Talkshowbühne brachten, waren als Ego-Futter für GG Allin wohl zu reizvoll, um darauf zu verzichten. So gesehen war es eben auch nur alles Showbiz.



Klar gibt es heutzutage viele, die sagen, dass die 80er gerade für Punk und Hardcore eine sehr fruchtbare Zeit waren, weil sich dort viel unabhängige Netzwerke und Strukturen bildeten. Aber auch innerhalb der Punkszene war GG Allin ein Außenseiter. Sein Nihilismus und das absurd großmäulige Auftreten passten dort nicht mehr so recht hin. Das war vielleicht eine Einstellung, die zu den frühen Punkbands passte, aber mit der er in den 80ern keinen Anschluß an die Szene fand. Denn Punk und Hardcore formten sich damals in verschiedenen Formen und Codes aus: Hardcore, Straight Edge, Rrrriot Grrrls, all das machte Punk vielseitiger, kreativer, selbstbewusster und auch kritischer. Ein Großmaul wie GG Allin, der sich textlich auf Gewalt-, Sex- und Vergewaltigungsfantasien beschränkte, dazu schlecht produzierte Platten raushaute, fand dort schwerlich Anschluß. Zumal er eigentlich alles ablehnte, was irgendwie nach Business oder Szene roch.

Was GG Allin stattdessen wollte? Er wollte Rock'n'Roll wieder gefährlich machen – wie er in seinem, sehr selbstbewusst formulierten Manifest aus dem Jahr 1991 erklärte. Ganz selbstverständlich erklärt er darin, dass er Elvis erfunden habe und sowieso Jesus, Gott und Teufel in einem wäre. Wie schon öfter zuvor kündigt er seinen Suizid auf der Bühne an und ruft zum Umsturz des Rock'n'Rollbusiness auf. Interessant ist dabei, dass er den Musikkonsumenten einerseits auffordert, Platten zu klauen, um der Musikindustrie in die Knie zu zwingen „If you have to have a record, steal it. That way they wont get your money.“. Anderseits folgt wenige Zeilen später der Aufruf „Go to your record store and buy all the GG ALLIN recordings you can find.“ Also für GG's Platten soll man bitteschön dann doch noch Geld ausgeben.

Von solch lautem Gebrüll abgesehen blieb die Person Allin lange Zeit, nunja, zwiespältig rätselhaft. Heute sind viele der Gerüchte um ihn gut beleuchtet. Im Netz ist alles gut und hinreichend dokumentiert.
Erstes Licht ins Dunkel brachte 1993 die Dokumentation „Hated“ von Todd Phillips. Es war Philipps erster Film, eine studentische Arbeit und wurde von der Kritik hochgelobt. Für Philips war „Hated“ ein gutes Karrieresprungbrett, denn spätestens seit er in den folgenden Jahren die drei „Hangover“-Sauf-Buddie-Movies realisierte, ist er gut im Filmgeschäft. „Hated“ war lange Zeit nur in der englischen OV erhältlich, seit einigen Monaten gibt es jedoch auch eine deutschsprschige Version mit dem sinnig übersetzten Titel Gehasst Extrem: GG Allin – Der meistgehasste Mann des Punk.



„Hated“ zeigt anhand von Interviews mit Fans, Freunden von früher, Bandkollegen und auch mit GG selbst, wie sich die Figur Allin entwickelt hat. Philips begleitet GG mit der Kamera auf Konzerten, backstage und bei spoken-word-performances. Das Ganze wird zusätzlich mit reichlich TV-Footage unterlegt. Wenn es eine Konstante im Auftreten von GG Allin gibt, dann die permanente Selbstinszenierung als DER wildeste und exzessivste Außenseiter im Rock'n'Roll schlechthin. Als der einzige, der die wirklich letzten Grenzen überschreitet. Immer. Das ist das Bild von GG Allin, das der Öffentlichkeit vermittelt wurde. Aber ist das der komplette GG?



Einen GG, der zuhause im Wohnzimmer sitzt und fernsieht, einen, der sehr rational auftritt, der vielleicht seinen Lieben was zu essen kocht, der ganz häuslich den Garten pflegt oder einfach mit einem Gläschen Rotwein auf der Veranda seines Hauses sitzt, den Hund streichelt und ganz lieb und rücksichtsvoll von seinen Freunden und Lieben redet, der eventuell eine ganz und gar stabile Beziehung führt – den gab es nicht. Soweit es bekannt ist. Zeit seines Lebens lebte Allin wohl immer in prekären Verhältnissen. Einen regelmäßigen Job annehmen wollte er nicht, wo und wie er gewohnt hat, ist auch nicht wirklich bekannt. Es gibt fast nur dieses Bild vom wilden Mann auf der Bühne.



In der „Hated“-Doku gibt es auch ein paar Interviews mit Allin himself. Da wirkt er ziemlich aufgeräumt und gar nicht so blöd, wie man das denken könnte. Aber gerade solche Szenen feuern die Zwiespältigkeit der Figur GG Allin ja nur noch an. Zu sehen, dass er ganz ruhig auf einem Hotelbett sitzt und Fragen beantwortet, OHNE Todd Philipps aufs Objektiv zu kacken, bringt die GG-Afficionados ja nur dahin, weiter zu rätseln, was diesen, offenbar doch zuweilen ganz umgänglichen Typen dazu gebracht hat, sich die meiste Zeit wie ein psychopathisches Arschloch zu benehmen. Gerade diese Ambivalenz lässt die Faszination für GG Allin bei vielen nicht abkühlen.



Erfunden hat das der Irre aus New Hampshire dieses Spielchen allerdings nicht. Er steht damit eigentlich in einer Reihe von weiteren Figuren der Rock- und Pop-Geschichte. Sei es Jerry Lee Lewis, Ozzy Osbourne, Jim Morrison, Marylin Manson oder Iggy Pop. Sie alle – und noch einige mehr – spielten mit dem Changieren zwischen irrem öffentlichen Auftreten und winzigen Einblicken auf den Menschen dahinter. GG Allin hat diese Inszenierung in einer Art auf die Spitze getrieben, dass es bei ihm eigentlich keinen Menschen dahinter gab. Es gab nur den irren Punk, der die Selbstverletzung zum Marketinginstrument machte. Der unaufhörlich den Exzess lebte, keinen Knastaufenthalt scheute und aus seiner Verehrung für Serienmörder keinen Hehl machte. Von Alice Cooper weiß man, dass er sich nach dem Gig die Schminke abwischt und auf dem Golfplatz ein paar Bälle schlägt. Hätte man sich das bei GG Allin vorstellen können? Eher nicht.



Das konsequente und andauernde Basteln am eigenen Bild des nihilistischen Rock'n'Roll-Animals kann man wahrscheinlich nicht ewig machen. Sowas kostet Kraft (allein die Drogen und der Schnaps!) und selbst der härteste Rocker braucht irgendwann eine Auszeit. Gut möglich, dass GG Allin die über 50 Gefängnisaufenthalte immer wieder zum Luftholen genutzt hat. Auch möglich, dass er geahnt hat, dass er sowas nicht ewig machen werde können. Denn wer so oft seinen Selbstmord ankündigt, der wird wissen, dass er den Weg, den er eingeschlagen hat und nicht mehr verlassen will, recht schnell zu Ende sein kann. Das Ende kam dann recht unspektakulär, allerdings nicht so wie GG es angekündigt hatte. Statt dem oft angekündigten Suizid auf der Bühne, brachte eine Überdosis Heroin nach einem Gig in New York den erfahrenen Drogenkonsumenten GG Allin zur Strecke. Das ist zwar sehr Rockstar-like, aber eben auch nicht so unerwartet, wie es bei einem Typen wie GG Allin, der seinen Tod ja zuvor schon oft laut und wild angekündigt hat, hätte kommen können.




Interessant könnte in Hinblick auf den Menschen GG Allin ein Film des Regisseurs Sami Saif sein. Der produziert nämlich zurzeit eine Doku über GG's älteren Bruder Merle und seine Mutter. Was am Ende unter dem Titel „The Allins“ rauskommt, dürfte für Fans egal sein – sie werden es sich am Ende eh anschauen. Der Titel erinnert zumindest schon mal an eine Serie über die Sippe eines anderen Madman of Rock'n'Roll: Ozzy Osbourne.


Nachtrag:
Oft habe ich darüber nachgedacht, ob ich es bedaure, GG Allin nie live gesehen zu haben. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich das hätte sehen wollen. Es ist ein wenig wie bei einem Horrorfilm. Gerne schaut man sich an, wie Psychokiller über den Bildschirm wirbeln und mag auch den dabei entstehenden Grusel. Aber möchte ich ganz real miterleben, wie der Irre von nebenan mit der Axt die Tür einschlägt, um mich dann in Todesangst zu versetzen, bevor es daran geht, mir den den Schädel zu spalten? Ich denke nicht. Ähnlich verhält es sich bei GG Allin.

Gary Flanell



Wer immer noch nicht genug hat... weiterführende Links zu GG Allin:

GG Allin online Store

Ein Interview mit GG's Mutter

Die GG Allin Super Mega-Seite – sackweise Links zu GG Allin

Montag, 29. August 2016

Happy birthday, asshole - GG Allin zum 60.

Heute wäre GG Allin - das gute alte, Scheiße werfende, Leute verprügelnde, auf die Bühne kackende, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Texte schreibende, drogenfressende Rock'n'Roll-Ungeheuer 60 Jahre alt geworden.

WÄRE - wenn er sich nicht schon 1993 nach einem Gig in New York durch eine unbeabsichtigte Überdosis Heroin ins Jenseits geschossen hätte.
Als großer GG-Allin-Fan komme ich natürlich nicht umhin, zu diesem besonderen Datum aus dem umfangreichen Lebenswerk dieses vielseitigen Künstlers eine kleine Auswahl aus verschiedenen Phasen seines Schaffens zu empfehlen.
Denn wichtig ist: Auch wenn der Herr Allin oft wegen seines, sagen wir mal sehr exzentrischen, On- und Off stage-Gebahrens einem größeren Teil der Menschheit bekannt geworden ist, geht es bei ihm ja oft um Musik. GG Allin war kein Bildhauer, kein Filmschauspieler, kein Maler (in begrenztem Maße schon), sondern in der Hauptsache Musiker. Deshalb nun ein paar seiner Hits per Video-Link. MAZ ab!

GG Allin & The Jabbers - Don't talk to me: Da war er noch recht brav, der GG. Und seine Band, die Jabbers auch. Er singt so klar wie eine Lerche, der Song ist ein schmissiger Punkrock-Hit und wilder oder böser als andere Punkbands, die Ende der 70er den RAMONES, STOOGES, NEW YORK DOLLS und DEAD BOYS nacheiferten, war das alles auch nicht. Wohl einer der zugänglichsten GG-Songs und mittlerweile ein Klassiker in jeder Punkrock-Disco.


GG Allin & The Scumfucs - Assfuckin buttsuckin cuntlickin masturbation: Was viele nicht wissen: GG Allin verfügte über eine solide Schulbildung. Zumindest war er so in der Lage, beim nachfolgenden Track die verschiedenen Sexualpraktiken in die alphabetisch richtige Reihenfolge zu bringen. Damit hätte er, wäre das mit der Rock'n'Roll-Animal-Karriere nichts geworden, auch in einer der lokalen Bibliotheken seiner Heimat New Hampshire anfangen können. Erschienen ist ABC Masturbation auf GGs zweitem Album "Eat my Fuc", auf welchem seine Stimme schon etwas fertiger und keifender klingt, als das noch zu Jabbers-Zeiten der Fall war. Soundmäßig wurde hier schon die Vision des beschissenst klingenden Albums ever verfolgt. Tja, und textlich ging es auch schon um einiges wilder und exzessiver zu als früher, wie man auch ohne Anglistikstudium raushören kann.



GG Allin & Bulge - Suck my ass it smells:
Kommen wir zu einem Stück von einer der Platten, die GG Allin für eine seiner besten hielt. "Freaks, Fagoots, Drunks and Junks" war der Titel des fünften Allin-Albums, eingespielt in New Hampshire zusammen mit den Kumpels der lokalem Metal-Punk-Band PSYCHO, hier als BULGE gelistet. "Suck my ass it smells" ist deshalb unterhaltsam, weil es sich nicht normalen Punkrocksongstrukturen unterwirft. Strophe, Refrain, Bridge - wird hier alles ignoriert. Längenmäßig ist die Band fast schon in Grindcore-Gefilden unterwegs, durch die repetitive Darbietung bekommt der Song zudem auch einen eher No-Wave-mäßigen Touch. GG grunzt mittlerweile mehr als, dass er singt und vertieft sich auf "Freaks, Faggots..." immer weiter in sein eigenes Universum aus Krach und Schock- und Scheißetexten. Interessant ist, dass "Freaks, Fagoots, Drunks and Junks"-Songs wie "Outlaw Scumfuc", "Die When You Die" und "Cunt Sucking Cannibal" bis zum Ende seiner Karriere zu Allins festen Live-Repertoire gehörten.


Und weil's so schön ist: "Die when you die"


GG Allin & The Murder Junkies - Bite it you scum: Ich hatte mal eine Band, in der ich Bass gespielt habe. Wir spielten nur Coverversionen und waren soundmäßig ziemlich nah an dem dran, was ME FIRST & THE GIMME GIMMIES so machen. Das meiste in unsere Repertoire war nett und wir waren auch nett, meistens zumindest. Unsere Konzerte waren nicht gefährlich, nicht mal unserer Name war das. Die Band hieß schlicht und ergreifend KELLERBAND (und nein, selbst wenn jetzt jemand dazu im Netz suchen sollte, es gibt nur ein Livetape und das wurde nie digitalisiert) und von alten POLICE-Songs bis zu blöden Schlagern drehten wir alles durch einen netten NOFX-mäßigen Melodycorewolf. Das waren die 90er und es war meist so harmlos, wie es sich hier liest. Nur einmal im Liveset legte ich den Bass zur Seite und ging ans Mikro. Immer dann, wenn wir "Bite it you scum" von GG Allin spielten. Natürlich war ich dabei nie so wie GG Allin. Ich habe weder auf die Bühne gekackt, noch mit Scheiße geschmissen oder Zuschauern weh getan. Was ich getan habe war: Mir das Mikro in Allin-Manier vor die Stirn zu hämmern (was weh tat, in dem Augenblick aber auch seltsam klärend und konzentrationsfördernd war), bis ich dort oben eine Macke hatte. Während des Songs wälzte ich mich wild auf der Bühne rum, egal wie dreckig oder sauber die war. Vielelcht habe ich mich dabei auch mal komplett nackig gemacht, da weiß ich nicht mehr so genau. Es waren diese 3-4 Minuten, in denen mir alles scheißegal war. Das war auf eine gewisse Weise recht befreiend. Für immer - und das ist der Unterschied zu GG Allin - würde ich das allerdings nicht machen wollen. Vielleicht wollte ich damals ein bisschen sein wie GG Allin. Genau so gefährlich. Bedrohlich. Aber nur ein bisschen.


GG Allin & The Criminal Quartet - Son of evil: Man kann gegen GG Allin einiges sagen, zu seinen Stärken gehört eindeutig ein Händchen für gute Bandnamen. Wer seine Projekte MURDER JUNKIES, AIDS BRIGADE, CAROLINE SHITKICKERS oder TEXAS NAZIS nennt, der hat zwar einen recht rustikalen, aber doch vorhandenen Sinn für Humor. Mit dem CRIMINAL QUARTET spielte Allin eine recht ungewöhnliche Platte ein, zumindest für seine Verhältnisse. Carnival of Excess ist nämlich eine astreine White Trash-Country-Platte. Die Gitarre bleibt unverstärkt und siehe da, GG lässt seine Schwäche für Countymusik aufblitzen und kann wieder richtig singen. Kein übelgelauntes Gegrunze weit und breit, stattdessen geradezu fröhliche, wenn auch simple Songs zum Mitsingen und -Schunkeln, wie sie Hank Williams III nicht besser hinkriegen könnte. Dürfte auf einem alten ranzigen Radio in einem Wohnwagen im Trailerpark am besten klingen.


That's it. Was noch zu sagen wäre: Diese Auswahl von GG Allin-Songs ist bei weitem nicht repräsentativ. Andere Leute würden andere Hits wählen, aber diese hier sind vielleicht ganz gut geeignet, um dem interessierten Laien ein kurzen Einblick in das Universum des GG Allin zu geben.

Gary Flanell

Sonntag, 14. August 2016

Blutige Knie

Wie ein Fuchs streife ich derzeit des nächtens um die Kontoauszugsdruckerautomaten dieser Stadt. Ich warte auf eine nokturne Eingebung zwecks einer Kaufentscheidung. Ich überlege, ob ich mir die 5-LP-Box mit allen offiziellen Alben von TON STEINE SCHERBEN zulegen soll. Im Augenblick führt die Stimme der Vernunft in der Diskussion das Wort und das wird wohl auch lange Zeit so bleiben.
Die Vernunft sagt mir nämlich: Alle acht Scherbenplatten brauchst du eh nicht, alle acht Scherbenplatten kannst du dir sicher auch auf Youtube anhören und schauen und für alle acht Scherbenplatten in dieser Box hast du eh gerade kein Geld. Stimmt alles.

Die dunkle Stimme der Unvernunft sagt, zugegeben etwas schwachbrüstig: Kauf dir das Ding. Es macht sich gut im Regal und außerdem hat man dann mal alles von denen. Letzteres ist eigentlich kein bzw. ein absolutes Blödsinnsargument, zieht aber bei der Kaufentscheidung oft genug. Es ist dieses Wer-weiß-wofür-man's-mal-brauchen-kann-Argument. Als würde ich die schöne Box irgendwann mal in einen zugerauchten Club zum Auflegen mitnehmen. Never. Und die Musik, sagt die Stimme, der Unvernunft, die ist ja auch dufte.

Da hat sie ja recht, aber so ein richtiger Grund ist das auch nicht. Das stimmt nun wirklich. Rockmusik aus Deutschland, ach, da waren die Scherben noch was. Das war noch echte Mucke. Macht heute ja keiner mehr. Und Mucke sagt auch keiner mehr. Nicht mal der Ansager auf einem ostdeutschen Bluesfestival. Keine Mucke mehr, keine Kunden mehr, kein Slang mehr aus Zeiten, als Bluesrock samt Parka und Haarnetz noch so richtig subversiv war. Seit den 70ern also. Seit TSS-Zeiten also. Als wir alle noch dufte Kunden waren.



Heute machen ja alle nur noch so emotionalen Indierock. Und das schon seit Tocotronic damit angefangen haben. Auch schon seit fast 30 Jahren. Oder Tingeltangel-Punk-Gedöns. Und Punk, der hat ja heute eigentlich den Stellenwert den Bluesrock inden 70ern hatte. Sagte mal ein kluger Freund von mir udn er hat recht. Ist heute zumeist nur noch auf sich selbst und die eigene Jugend bezogene Musik von alten weißen Männern für alte weiße Männer. Bliebe noch HipHop. Davon habe ich schon mal gehört. Ist für mich aber noch Neuland, auf dass ich mich erst langsam vortaste. Werde mir bald mal was von den FANTASTISCHEN VIER anhören. Ein Kollege auf der Arbeit sagte, die machen sowas. Hip Hop. Ganz modern.

Das ist natürlich fast alles Quatsch, verzeiht mir. Aber so eine richtig coole, erdige, handgemachte Rockermucke mit schicken Texten, da muss man schon lange suchen, seit eben jene Scherben oder die CHARLY-SCHRECKSCHUß-BAND (deren "Geheimratseckenblues" ist auch so ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Artefakt der deutschsprachigen Rockmusik) aktuell waren.



Aber jetzt kommmt da was. Aus Berlin. Ne richtig dufte Mucke. Sind so zwei Typen, einer von DRIVE-BY-SHOOTING (der Timo an der Gitarre) und einer von SENSOR (der Till, am Schlagzeug), und die machen ROCKmusik. Als Duo. Das ist jetzt nicht mehr so eine Riesennovität, seit den WHITE STRIPES mindestens. Wäre aber ein schicker Werbeaufhänger für BLUTIGE KNIE. Die WHITE STRIPES von Berlin. Von Friedrichshain, besser gesagt.

Der Timo und der Till, die haben beide mal zusammen in ihrer Stammkneipe gesessen. Tagung heißt die, netter Laden, da wurde auch schon mal das ein oder andere RENFIELD-Interview geführt. Gab es möglicherweise schon zu DDR-Zeiten und wird es wohl auch noch geben, wenn alle Mauern der Welt zu Schutt zerfallen sind. Saßen Timo und Till also so rum. Bei DxBxSx war gerade Pause, aber Timo hatte Bock, weiter Mucke zu machen. Kennt man ja, so richtig aufhören kann man ja nie. Gut, dass der Till auch Bock hatte und so gab es ein paar Biere und dann gab es den Namen, der ist BLUTIGE KNIE. Dann gab es ein Tape und viele Livekonzerte und jetzt gibt es diese Platte.

Der Name ist gar nicht so schlecht, finde ich. Blutige Knie kennt jede/r, schon seit Kindertagen und der Gedanke an die letzte Schotterakne lässt einen auch gern mal innerlich zusammenzucken. Aber man weiß auch, dass es sich ab und an lohnt, sich sowas zu holen. Um dann wieder aufzustehen.



Jetzt also die Platte. Zugegeben, stilistisch ist das kein großer Quantensprung im Vergleich zu den letzten DxBxSx-Platten. Nur halt noch reduzierter, noch knorztrockener wird da Stonerrock, Blues und 70er-Jahre-Kifferrock (also eigentlich alles dasselbe) angerührt. Noch purer könnte man sagen, mit noch mehr Retroschmiß an der Backe. Texte gibt's auch, und ähnlich wie bei DxBxSx - die hatten ja mit "It's so Berghain" den Überhit zum Thema - mokiert man sich gern über allgegenwärtige Auswüchse des Berlin-Hypes und die Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten des täglichen Lebens. Und den Frust darüber, der sich am besten in handgemachter ROCKmusik kanalisieren lässt, damit man nicht doch eines tages mal komplett Amok läuft.
"It's so Berghain" ist nebenbei immer noch so ein schönes Lied, das es auch nach drei Jahren noch wert ist, hier mal eingebettet zu werden. Liebe Internet-Regie, bitte MAZ ab!



Blutige Knie sind bei weitem nicht nur ein DxBxSx-Abziehbildchen, aber die musikalsiche Linie lässt sich gut zurückverfolgen. Brüche zwischen den Bands gibt es nicht. Musikalisch ist das solide und handgemacht, inhaltlich wird sympathisch rumgenölt. Irgendwann auf der ersten Seite ist er dann da, der absolute Hit der Platte. "Sind nicht Weltmeister" ist das beste, wirklich das beste, deutlichste und massentauglichste Statement gegen doofen Fußballpatriotismus seit langem.



Ich sage nur: Hit, Hit, Hit! Gibt es mittlerweile auch auf die EM 2016 zugeschnitten in der Europameister-Version. Sollte wirklich in jedem Fußballstadion des Landes vor Anpfiff gespielt werden. Und zur offiziellen DFB-Hymne erhoben werden. Ich mach gleich schon mal die Petition klar.



Es gibt also fast nix zu meckern, auch nicht am Sound oder der Produktion. Da dies eine Rezension über eine echte Rockplatte ist, MUSS über sowas gesprochen werden. Macht man ja so im Rockuniversum, über den Sound reden. Aber ich mache es kurz. Nur eine Referenz an den Produzenten: Fein abgeliefert, Alex Ott.

Was allerdings beim ersten Album der Blutigen Knie etwas nervt, ist dieses gewollte Überschlagen der Stimme in manchen Songs. Obertöne sollte man können oder es eben ganz lassen. Das nervt nach einiger Zeit doch etwas, und gibt MUCKER, BOOKER, WICHTIGTUER einen etwas blödeligen Touch, den die Platte gar nicht nötig hat.

Was diese Rezension dagegen nötig hat, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass der Titel der Platte, um die es geht, zum ersten Mal drei Zeilen vor Schluß auftaucht. Fein abgeliefert, Herr Flanell.

Was noch zu sagen ist: Bakraufarfita Records ist wirklich keins von den Labels, deren Releases ich vorbehaltlos abfeiere (ich erinnere mich an diese seltsame Band aus Köln, Angelika-irgendwas, die so unglaublich unauffällig-blassen Pop-Punk mit schlechten ÄRZTE-Texten machte, dass ich nach dem Anhören schon den Namen vergessen hatte. Bis heute.). Um so schöner, dass sie mit BLUTIGE KNIE einen echten Treffer an Land gezogen haben. Einen Treffer, der dem retro-affinen Rocker mit Joint im Mundwinkel, Black-Sabbath-Shirt und Berlin-Bezug mal einen Griff ins Portmonee wert sein könnte.

Was jetzt noch fehlt und BLUTIGE KNIE endgültig einen festen Platz im Lexikon der deutschsprachigen Rockmusik sichern würde, wäre ein gemeinsames Album mit HAFTBEFEHL und ROMANO. Es würde mich komplett narrisch machen.

"Mucker Booker Wichtigtuer" von BLUTIGE KNIE erscheint am 02.09.2016 auf Bakraufarfita Rec.

(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell