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Freitag, 2. Dezember 2016

Kein Kalender, keine Türchen - SubCult 01.12.2016

Eine Referenz auf Weihnachten, auf Heiligabend, Plätzchenbacken, Glühwein-Schock oder ähnliches: Vom Datum her wäre es eine Steilvorlage.
Aber irgendwelche arg strapazierten und mühsam konstruierte worst Wortspielereien zum Thema und darüber hinausgehend zu Begriffen wie Kalender, erstes Türchen oder Einstimmen auf Weihnachten werdet ihr an dieser Stelle vergeblich finden.

Die SubCult-Radioshow vom 1.Dezember 2016 hat keinen thematischen noch sonst irgendeinen Bezug zu Weihnachten.
Keine Songs über den Nikolaus, kein schräges, aber erwartbares Zeug über Engel, Schnee, Rentiere oder Geschenke. Sorry, es gibt hier keine Verpflichtung zu irgendeinem Bezug zu einem Fest, das es schon seit ca. 2000 Jahren gibt. Über den schon jetzt zu viele Worte verloren wurden. Außer genau diesem Anti-Bezug. Sorry, kein Bock auf den Scheiß.

Eine wie auch immer geartete Weihnachtsstimmung werde ich sicher nicht übers Radio transportieren - allein bei dem Gedanken daran, dass hunderte von Radiosendern derzeit nichts anderes für die Rotation in ihren Millionen Songs schweren Musikdatenbanken finden, als den Song, der George Michael regelmäßig den Tantiemen-Geldspeicher neu auffüllt.

Da wird mir schlecht. Vor Langeweile und Entsetzen ob soviel Einfallslosigkeit.
Nicht nur, weil ich diese Musik gewordene Kunstschneelawine nicht mehr hören kann, sondern weil sich viele darüber beschweren, dass immer und immer die gleichen X-Mas-Songs gespielt werden - und nichts daran ändern.
Einmal Weihnachten ohne Weihnachtslieder - eine wunderbare Vision. Und nein, ich meine nicht Weihnachten ohne herkömmliche Weihnachtslieder und dafür mit "quasi-alternativen" Weihnachtssongs - also keine Surf- oder Rock- oder Techno- oder Ska- Versionen von dem ganzen Mist.

Nein, einmal Weihnachten komplett ohne Weihnachtslieder. Dafür 24 Tage sowas wie PILs Flowers of Romance, "Statement" von der POISON GIRLS oder Czeslaw Njemens KATHARSIS in der Dauerschleife in allen Konsumtempeln der Welt... Es wäre ein Fest.

Nun, vielleicht tun es derweil auch die Songs, die bei
"SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms" am 01.12.2016 mit Timbob Kegler auf Pi-Radio 88, 4 (UM 19 UHR! Neue Sendezeit!) liefen:

1. Dana Gillespie – Dizzy Heights


2. Christiane Rösinger – Eigentumswohnung


3. OY – Space Diaspora


4. The What For...?! - Rotkarierte Petersilie (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


5. Die Tanzenden Herzen – Bist du bereit? (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


6. Start! - Ein Schritt zuviel (Vom Sampler Falscher Ort, falsche Zeit, Vol.2)


7. Baits – Haircut


8. Duchess says – I'm an idea


9. PUFF! - Too tired to run


10. Rolando Bruno – Fiesta Trashera


11. Hans Gruber & The Die-Hards – Anti-Werewolfism must be eradicated from the USA


12. Kick Joneses – (You make me) wasting my time


13. Kick Joneses – Haven't got nothing to do


14. Peter Licht – Universal Tellerwäscher (vom Die Sterne-Tribute „Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne“.)

Und aus der Abteilung "Opa erzählt vom Krieg" eine Mini-Doku zum Making Of eben jenes Songs, der WHAM! seit Jahrzehnten den Kartoffelsalat zu Weihnachten sichert. Also doch eine Weihnachtsreferenz. Ich Umfaller...


Dienstag, 22. November 2016

SubCult 17.11.2016 mit Niki Matita...

und KALLE KALIMA
Playlist:
Kate Tempest - Pictures On A Screen


Linear John - A Night On Town

Jimi Tenor & Kabu Kabu - Grind!

Kalle Kalima - Lokari (Hiski Saloma) - live

The Monsters - Voodoo Rhythm

Nicole Garcia - Baby Ok
Kalle Kalima - Raja - live
Tenors Of Kalma - Ininää

Automat - Transit

Buchempfehlung:

Lea Streisand: Im Sommer wieder Fahrrad, Ullstein 2016

Freitag, 4. November 2016

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms: Nekrolog 2016

Nekrolog 2016? Schon im November ein Blick auf die toten kreativen des Jahres? Genau, so läuft das bei der SubCult-Radioshow.
Wenn der November anfängt und allerorten Allerheiligen und Volkstrauertag gefeiert wird, schauen wir schon seit ein paar Jahren zurück auf all die Toten der letzten 12 Monate, die für die SubCult-Sendung von belang sein könnten. Also ein Blick auf die, für die auf dem Friedhof der Popkultur ein Plätzchen freigemacht werden muss.
Deshalb hier die Playlist der Subcult-Nekro-Show vom 3.November 2016 (ACHTUNG! NEUER SENDEPLATZ! Subcult jetzt immer jeden 2ten Donnerstag von 19-20 Uhr)
mit Niki Matita und Timbob Kegler - und einem geheimnisvollen gast, Fotografen und Musikzulieferer im Studio...

1. Bud Spencer - My Name Is Zulu 


2. Ludek Hulan & Gustav Brom's Dixieland Band - Oh When The Saints 

3. Die Ärzte - Schwanz ab 


4. Die Toten Hosen - Love and a Molotov cocktail (The Flys)


5. Trio - Ready For You 


6. Sigi Maron - Ois gib koa Gott 


7. Jefferson Airplane - Chauffeur Blues


8. Viola Beach - Swings  & Waterslides 


9. Rumble On The Beach - Purple Rain (original by Prince)


10. Blowfly - F U In The A 


11. David Bowie - Life On Mars 


12. Poison Girls - Bremen Song


Erwähnenswert sind natürlich auch die, für die die Sendezeit nicht gereicht hat...
Lemmy, Dario Fo, Gene Wilder, Eric Hysteric, Black, Pete Burns, Erika Berger, Johan Cruyff, Hannes Löhr, Umberto Eco, Achim Mentzel, Toots Thielemans, Guru Josh, Scott Weiland


Sonntag, 9. Oktober 2016

Hot and shitty record stuff - last post

Wer die Printausgabe vom Renfield bisher in den Fingern hatte, konnte die Rezensionen dort finden, wo es quer zuging.
Plattenkritiken fanden und finden im Renfield auf den waagerecht gestalteten Seiten des Heftes statt. Die Überschrift war bisher immer "Hot and shitty record stuff".
Bisher.

Da es in Renfieldhausen in den nächsten Monaten einschneidende Änderungen bezüglich der gedruckten Ausgabe geben wird...
(An dieser Stelle Blick auf die virtuelle To-Do-liste: Über beifällig gestreuten Cliffhanger Spannung bezüglich der Zukunft des Heftes aufbauen - Check.),
...werden auch die Kritiken auf dem Blog fortan unter einer neuen Überschrift gepostet.
Statt "HOT AND SHITTY RECORD STUFF" heißt es fortan bei der kritischen Auseinandersetzung mit zugesandtem Musikmaterial:
"SCHÖN, WENN JUNGE MENSCHEN MUSIK MACHEN".

Diese neue Überschrift passt sehr gut zu der CD einer jungen Ska-Punk-Band, die hier angekommen ist. Die Band heißt SKAMARLEY, ihre vom Punkfilmfest Berlin "Too drunk too watch" und Famed Records, trägt den Titel "Terror & Trompete". Ich habe das Gefühl, SKARMARLEY trauen interessierten Hörern nicht allzu viel Offenheit und Grips zu, sonst hätten sie die maßgebende Stilrichtung und Instrumentierung nicht direkt in den Bandnamen eingebaut (damit's auch jeder Trottel wirklich versteht). Vielleicht halten sie Subtil wirklich für ein Waschmittel, aber ich frage mich, warum es gerade bei Ska-affinen Bands immer sein muss, dass die drei Buchstaben mit in den Namen eingebunden werden müssen. Davon ab, gibt es diverse Punkte, die dazu führen, dass ich diese CD wirklich schlecht finde.

1.) Ich mag keine uniformierten Bands: Es mag vom FOH aus total toll aussehen, wenn alle in schwarz mit weißen Krawatten auf der Bühne rumtanzen. Ich finde es total bescheuert, in einer Band zu spielen und dabei einem bestimmten Dresscode entsprechen zu müssen. Uniformierung ist für mich eine der schrecklichsten Dinge, wenn es ums Musik machen geht. Das hat dann entweder was von Karneval, Gruppenzwang oder vorgeschriebener Arbeitskleidung in einem Lebensbereich, in dem man sicher keine Arbeitskleidung tragen will. Es mag auch gehörig das Gemeinschaftsgefühl steigern, wenn alle vier Musiker in der Band im gleichen Outfit loslegen. Aber dann müsst ihr keine Musik machen, sondern könnt auch in den Fußballverein eures Bezirks gehen. Dann könnt ihr auch außer Atem kommen, ohne Blasinstrumente zu bedienen.



2.) Ich mag auch keine "lustigen" Bands, die denken, Ska wäre es, wenn man eine unverzerrte Gitarre hektisch über einen Punkbeat hoppeln lässt.
Menschen, die sowas denken, glauben sicher auch, NOFX wäre eine 2-Tone-Band. Sind sie nicht. Besonders aufregend ist auch der vorhersehbare Wechsel zwischen unverzerrtem "Ska"-Part und verzerrten Punk-Teilen auch nicht. Das ist so wie Licht an, Licht aus. Das macht ihr im Schafzimmer ja auch nicht die ganze Nacht, weil das so lustig ist. Es wird auch nicht besser, je öfter man es wiederholt. Wenn der Drummer dazu meint, er müsste wiederholt zeigen, dass er auch ganz toll Double-Bass spielen kann, um zu beweisen, dass die Band ja mehr als Ska oder Punk kann (Metal-Einflüsse, müsste man dann noch ins Info schreiben.Total vielfältig, das.), dann macht das die Sache nicht besser. Gleiches gilt für Bläsersätze aus dem Grundkurs "Ska-Trompete für Anfänger" von Roy Etzel.



3.) Ich mag auch keine Bands, die auf deutsch lustige Texte schreiben. Sogenanntes, party-taugliches Liedgut. Aufforderungen zum Tanz, über den Stuhlgang von Mädchen (MKB) oder platt formulierte Polit-Lyrics im A-B-A-B-Reimschema sind ganz ganz schrecklich. Das ging eventuell vor 20 Jahren bei den ÄRZTEN oder WIZO ganz gut, bei SONDASCHULE und den KASSIERERN war so ein Mist irgendwann auch nicht mehr lustig. Jetzt braucht es sicher keine drittklassige Berliner Rumpelcombo, die die Thematik nochmal durchkäut. Ein wenig DaDa, Absurdität und Improvisation in Text und Musik würde die Sache vielleicht wieder interessant machen. Offbeat-gestützte Kack-Texte gingen eventuell in den 90ern auf westdeutschen Dorfparties ok. Aber, ach nee, nicht wirklich. Haben wir damals aber nicht gemerkt. Konrad ist tot, Funpunk is over. Akzeptier's einfach.



4.) Ich mag auch keine Ska-Bands, die aussehen, als wären sie beim Kirchenchor die falsche Tür genommen. Klar, langhaarige Jungs, die gerade das Abi in der Tasche haben und seit dem 10. Lebensjahr Blechblasinstrument spielen, empfinden Ska sicher als große Befreiung von dem Zeug, was sie unter der Knute des Herrn Kaplan jedes Jahr zum Weihnachtskonzert geben mussten. Dagegen ist Ska natürlich cool. Aber da fehlt was. Nämlich die Smartness, die Ska-Bands mitbringen, die ihre Wurzeln in der Skinheadszene haben. Dadurch bekommt die Sache möglicherweise etwas mehr Schwung. Leider sind Trompetenabiturienten mit Bart, Brille, nettem Mutti-Haarschnitt und schwarzer Buntfaltenhose keine smarte Ska-Combo, sondern nur deren biederer Abklatsch fürs JuZE am Stadtrand.



5.) Natürlich ist es für mich als alter Sack relativ leicht, über so eine junge Band wie SKAMARLEY her zu ziehen. Vor der Musikanlage sitzend, kann man immer meckern. Aber wenn ich das höre und davon ausgehen muss, dass Skabands hierzulande im Jahr 2016 nur solch einen belanglosen und vorhersehbaren Scheiß zusammenspielen können, dann sinkt mein Interesse an Ska noch weiter. Vielleicht haben die Typen auch mit mir einfach dem komplett falschen Rezipienten für ihrer Musik gefunden. Ich finde das nämlich unglaublich schlecht und langweilig.

SKARMARLEY spielen übrigens 2016 noch zwei Konzerte in Berlin. Eine Empfehlung da hin zu gehen, kann ich leider nicht wirklich aussprechen. Ich möchte nicht mal wissen, ob sie live besser sind als auf CD. Es interessiert mich so gar nicht, wie das bei denen auf der Bühne abläuft. Aber ich bin sicher, dass die Band auch ohne Renfield-Warnhinweis einen Sack voll Dosenbier saufender, BW-Rucksacktragender, möglicherweise TERRORGRUPPE-Shirt-tragende anziehen wird, die Mutti den Fünfer Extrataschengeld fürs Konzert aus den Rippen leiern wird. Werde mir stattdessen bei einer heißen Schokoladen die Madness-Doku anschauen.



Ein gutes hat die Sache aber doch: Selten hat es mehr Spaß gemacht, eine CD mit Schwung in den Mülleimer zu werfen. Ich kann das nicht mehr hören, tut mir leid.

(T auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Bewertungs-Skala. Weil man Trompete nicht mit Z schreibt.)
Gary Flanell

www.skarmarley.de

Mittwoch, 28. September 2016

Mehr als PVC

Ein Mann schreibt ein Buch über sein Leben. Ein anderer Mann schreibt dazu ein Vorwort. Schon im zweiten Satz fragt er „Will ich das lesen?“.
Eine durchaus berechtigte Frage, die sich jeder stellt, der dieses Buch in der Hand hält. Er beantwortet diese Frage am Ende seiner Einleitung. Mit einer Antwort, die wahrscheinlich ebenfalls jeder geben würde, der das Buch immer noch in der Hand hält: „SCHEIßE,UND OB ICH DAS LESEN WILL!“.

Bei dem erstgenannten Mann handelt es sich um Gerrit Meijer. Gitarrist bei PVC, einer der allerersten Punkbands West-Berlins. Sowas trägt schnell zur gar nicht selbst gewollten Legendenbildung bei. Die - Herr Meijer wird es sehr gut wissen – kann manchmal mehr Fluch als Segen sein.
Segen, weil sich PVC dadurch, dass sie nach einem VIBRATORS-Gig 1977 mit ihrer Version von Punkrock loslegten, auf ewig ins popkulturelle Geschichtsbüchlein Berlins geschrieben haben. Dazu kommt der Umstand, dass sie auch einige Hits auf der Pfanne hatten, die absolut zum Kanon der Berliner-Punkhistorie gehören. „Berlin by Night“ oder „Wall city Rock“ kennt jeder, der mindestens ein Mix-Tape mit Berliner Punkbands am Start hatte.
Wobei sie das letztere auch gern mal als Label für ihren Sound benutzt haben – um sich eben nicht einfach als average Punkband abstempeln zu lassen. Dafür waren PVC auch immer viel zu eigensinnig, zu individuell und gegen jede Szenekuschelei allergisch.



Der Fluch, der so eine Position mit sich bringt, ist eben, dass der Name Gerrit Meijer auf ewig mit den drei Buchstaben PVC verbunden sein wird. Daneben verblasst vieles, was er sonst musikalisch gemacht hat. Nachdem PVC im Laufe der Zeit zu einer On/Off-Band mutierten, kooperierte Meijer immer wieder mit unzähligen Musikern und Musikerinnen. Musikalische Offenheit, bloß weit weg von jedem engstirnigen Punk-Nietenkaiser-Klüngel, war dabei die Direktive.



Was zu allerlei Projekten führte, die vielleicht einem kleineren Zirkel in West-Berlin bekannt waren, über einen lokalen Status aber nie so recht hinaus kamen. White Russia? Commando Love at least? Rouge et Noir (mit Marianne Rosenberg)? Die amüsante Koop mit Bela B. und Wiglaf Droste? Alles eher dem interessierte Modelleisenbahner bekannt. Auch PVC gerieten irgendwann etwas in Vergessenheit, was wohl den vielen Besetzungswechseln und langen Auszeiten verschuldet war. Trotzdem war die Band immer ein nicht zu unterschätzender Einfluß für nachwachsende Berliner Combos – nicht zuletzt für die frühen Tage der besten Band der Welt.



Da Punk aber wie viele andere Genres mittlerweile einer gewissen Historisierung ausgesetzt ist, wird PVC und auch der Name Gerrit Meijer immer mit dem Siegel der „ersten“ Berliner Punkband behaftet sein. Dabei wird oft vergessen, dass Gerrit mit „der“ Szene und ihren zuweilen recht konservativen Sounderwartungen nie wirklich viel anfangen konnte, was er zuweilen auch mal ganz direkt kommunizierte.
Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass seine musikalische Sozialisation schon viel früher begann. Die allerersten Banderfahrungen machte Meijer schon in den 60ern. Natürlich mit einer Beatband, The Voodoos. Die könnte man wahrscheinlich heute jedem Plattendigger als echtes Berliner Garage-Rock-Nugget verkaufen.

Als das bunte Punkbonbon 1977 richtig knallte, war Gerrit schon satte 30 Jahre alt. Für den Teilnehmer einer frisch aufkommenden „Jugendbewegung“, ein geradezu methusaleskes Alter. Eins, in dem viele andere schon das innere Eigenheim mit festen musikalischem Maschendrahtzaun fertig gebaut haben. Für Meijer ging der Spaß dann erst richtig los. Sich auf was neues einzulassen, sich neu zu erfinden war für ihn aber nie das Problem.

Auf die Einzelheiten dieser wilden "salad days" des West-Berliner Punkrocks will ich hier gar nicht weiter eingehen. Dazu ist schließlich dieses Buch da.
Ich habe für „Berlin, Punk, PVC“ drei Tage gebraucht, um es komplett zu lesen. Das ich es quasi in einem Stück eingeatmet habe, lag an zwei Dingen. Zum einen gab es vor einigen Jahren ein Interview mit Gerrit im Renfield. Weil's so nett war, kam er dann auch noch für eine SubCult-Radioshow ins Studio. Schon damals teilte er mir mit, dass er an seiner Biografie schreibe und ließ mir netterweise sogar das Manuskript als Datei zukommen. Dass da also ein Buch in Vorbereitung war, das ein wichtiger Mosaikstein im großen und ganzen Bild der West-Berliner Musikszene sein könnte, ahnte ich schon. Von daher war ich eh daran interessiert, wie das Endprodukt aussehen würde.



Zum anderen liest sich diese Biografie auch sehr gut und flott durch. Langatmige Passagen finden sich kaum, da folgt eine Episode aus dem Meijer'schen Leben auf die andere. Man könnte eventuell einwenden, dass es an manchen Stellen noch etwas ausführlicher hätte sein können. Gerrits Post-PVC-Zeit wirkt teilweise etwas zerklüftet. Es geht von einem Projekt zum nächsten, zwischendurch eine Reunion seiner bekanntesten band, dazu gibt es die "Pogo Dancing"-EP mit Bela B. Und 2005 die Reunion mit völlig neuen Musikern an Gerrits Seite. Ich hatte allerdings teilweise das Gefühl, dass dazwischen recht große zeitliche Abstände liegen. Es wäre interessant gewesen, da noch mehr zu erfahren. Auch fällt es ab und an schwer, die Übersicht über all die Bands zu behalten, bei denen Gerrit involviert. Eine übersichtliche Diskografie mit zeitlicher Einordnung als Anhang hätte die ganze Sache sicher noch runder gemacht.



Hinzu kommt, dass Gerrit Meijer natürlich in erster Linie Musiker ist. Darauf liegt ein Schwerpunkt dieses Buchs. In einer Biografie geht es aber natürlich auch um das Leben, das Private, Beziehungen, Jobs und die Wahrnehmung der Welt, in der einer lebt. Da fällt es beispielsweise auf, dass die Frauen in Gerrits Leben nur recht kurz als Personen angerissen werden. Hier eine langjährige Beziehung, dann irgendwann die nächste. Die Frauen im Leben des Gerrit M. Bleiben dabei immer ein wenig blass. Ebenso werden dramatische Ereignisse, wie beispielsweise der Tod von Knut Schaller, dem Original-Bassisten von PVC, recht knapp und fast schon beiläufig abgehandelt.



Was dagegen sehr gut vermittelt wird, ist das Bild eines jungen, musikverrückten Typen im West-Berlin, der sich neben der Musik mit allerlei Jobs durchs Leben schlägt. Vieles was da erzählt wird, klingt heute recht amüsant, auch weil man sich gewisse Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen heute nicht mehr so recht vorstellen kann. War halt alles Rock'n'Roll irgendwie. Laut, wild chaotisch und in der Blase West-Berlin oft auch ziemlich nihilistisch. Und gut und kurzweilig geschrieben.
Um also noch mal auf die Frage des Vorwortschreibers, kein geringerer als Bela B. Übrigens, zu kommen: Will ich das denn lesen? Scheiße, natürlich will ich das auch lesen!

Gary Flanell



Die erste Vorstellung von "Berlin, Punk, PVC" mit Gerrit Meijer gibt's am 13.10., 19.00 Uhr in der Milchbar, Manteuffelstr. 41 , Berlin Kreuzberg.

Weitere Termine für Gerrit-Meijer-Lesungen:
30.10. 2016, 19 Uhr, Schokoladen, Ackerstraße 169, Berlin-Mitte
29. 11.2016, 19 Uhr, Pinguin Club, Wartburgstraße 54, Berlin-Schöneberg

Gerrit Meijer:
Berlin, Punk, PVC - Die unzensierte Geschichte,
Eulenspiegel-Verlag, Edition Neues Leben,
256 S., ISBN 978-3-355-01849-4

Montag, 5. September 2016

Will he play in Peoria? - Das Allerletzte zu GG Allin

So richtig ins Rollen kam die ganze Scheiße am 31. Juli 1985 in Peoria, Illinois.
GG Allin war zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre als zerrupfter Punkrock-Einzelkämpfer im Nordosten der USA unterwegs. Glaubt man der gut recherchierten Früh-Discographie auf der TERMINAL-BOREDOM-Homepage, war Allin zunächst eine wandelnde Soloshow, die live mit Hilfe von Playbacks seine Songs aufführte. Nach dem Ende der JABBERS, mit denen er Ende der 70er einige recht melodiöses Punkrockhits eingespielt hatte, verlegte er sich darauf, seine Ideen in verschiedenen Projekten zu realisieren. War GG auf Tour, konnte es gut sein, dass er das Ensemble für den nächsten Gig aus lokalen Musikern rekrutierte, die eben einfach zur Stelle waren. Sex und Gewalt in allen möglichen, auch absurden Variationen, waren damals schon sein Hauptthema. Seine Tapes kursierten in diversen Plattenläden dieser Gegend des Landes, sorgten aufgrund ihrer schlechten Aufnahmequalität bei den lokalen Punks aber eher für Stirnrunzeln. Man könnte GG Allin also neben der musikalischen Ordnung (Punkrock) auch gut der Outsider Music zurechnen.



Der Gig in Peoria markierte dabei eine neue Phase in GG's Auftreten. Zusammen mit den beiden lokalen Acts HATE (deren Sänger Bloody F. Mess zeitweise recht engen und freundschaftlichen Kontakt zu GG Allin hatte und mit ihm auch gemeinsam auf Tour war) und einer Straight Edge-Band namens CAUSTIC DEFIANCE spielte GG Allin in einem Saal der Veterans of Foreign Wars (VFW). Stunden zuvor hatte er eine ganze Packung Abführmittel zu sich genommen. Das Ergebnis ließ er nach wenigen Songs auf die Bühne knallen. Ungläubiges Entsetzen, Aufruhr und spontanes Fluchtverhalten waren die nachvollziehbare Reaktion bei den anwesenden Kriegsveteranen, Punks und tourenden Kollegen. Da sich GG zu all dem auch noch mit seiner eigenen Scheiße einrieb, hielt er die anwesenden Organisatoren und Türsteher davon ab, ihn einfach von der Bühne zu prügeln. Der Abend endete mit einer wilden Flucht im HATE-Bandbus bis zur abgeranzten Wohnung von Bloody, wo schon bald auch die Bullen eintrafen. Bloody wurde wegen Marihuanabesitzes festgenommen, GG Allin zog im folgenden weiter nach Texas, um dort mit den TEXAS NAZIS ein Live-Album einzuspielen. Mit dieser Fäkal-Performance, die von seiner Seite durchaus kein Zufall war, legte er den Grundstein für seine kommende Karriere. Denn die öffentliche Darmentleerung auf der Bühne wurde seitdem zum festen Teil seiner Bühnenshow.



Cut. Im Sommer 1993 sitze ich mit ein paar Freunden im Englischen Garten in München. Wir nehmen in der bayerischen Hauptstadt am Evangelischen Kirchentag teil. Der Kirchentag an sich interessiert uns nicht so wirklich, aber die Aussicht, günstig eine Woche lang in einer Großstadt die Nacht zum Tag zu machen, ist so verlockend, dass wir uns gerne über die Jugendgruppen unserer Gemeinden dort einzecken. Wir liegen auf einer Wiese und trinken mit ein paar Metal-Typen, die aus ähnlichem Anlass hier sind, palettenweise Dosenbier. Zur Abkühlung waten wir von Zeit zu Zeit in den nahegelegenen Bach. In meinem Armeerucksack habe ich zwei Platten, die ich wenige Stunden zuvor gekauft habe. Es sind meine ersten beiden GG-Allin-Alben, die „Eat my Fuc“ und die „Freaks, Faggots, Drunks and Junkies“-LPs. Ich bin ein wenig stolz und hoffe, die beiden LPs sicher nach einer Woche wilden Feierns nach hause bringen zu können, was im nachhinein in auch sehr gut geklappt hat. Stolz war ich auch, weil diese GG-Platten etwas waren, was in dem Haufen der Leute, mit denen ich rumhing, noch nicht wirklich bekannt war. Punk hörten alle irgendwie – aber GG Allin eher nicht.



Dabei ist es nicht so, dass ich die Platten auf gut Glück gekauft hätte. Meinen ersten Kontakt zu GG Allin hatte ich durch Becki. Wir spielten zusammen in einer Band, er Gitarre, ich Bass. Becki kannte ein paar Punks, deren Plattensammlung weit größer war als meine. Eines Tages brachte er ein GG-Allin-Tape mit zu unseren Bandproben in seinen Partykeller. Es war faszinierend: Die Songs klangen scheiße. Die Texte waren total bescheuert und selbst für uns Typen, die mit leidlichen Englischkenntnissen ausgestattet waren, so absurd und wild verständlich, dass wir nur die Augenbrauen hochziehen konnten: „I wanna fuck your brains out“. „Cuntsucking cannibal“. „Fuckin the dog“. „I wanna rape you“ mit seinem wilden Gekeife am Ende des Songs. Dazu diese wirklich beschissenen Aufnahmen. Es war irre. Für uns pickligen Mini-Punks das bescheuertste, was man von sich geben konnte. Da konnten Gang Green einpacken. Bad Religion sowieso. Frank Zappa mit seinen anzüglichen Texten und seinen ausgefeilten Kompositionen erst recht. GG Allin zerstörte alles. Es war roh, es war scheiße, es war unglaublich. Aber irgendwie auch... geil.



Aber was war es, was GG Allin für mich so interessant machte? Warum fand ich diesen Typen so faszinierend? Und warum gab und gibt es neben mir ebenso viele Leute, die sich als Fan dieser Pottsau beschreiben?

Zu Beginn der 90er hatte man von GG Allin in Deutschland noch recht wenig gehört. Natürlich gab es Gemunkel, dass es da diesen verrückten Typen gab, der bei Konzerten mit seiner eigenen Scheiße um sich schmiß und Leute verprügelte. Auch kursierten einige verschwommene Liveaufnahmen auf VHS-Kassetten. Damit bewegte sich GG Allin in einer Liga mit Horrorfilmen wie „Gesichter des Todes“ oder „der „Tanz der Teufel“-Reihe. Jeder kannte irgendjemanden, der sowas auf Video hatte und es war ein großes Ereignis, wenn man mal eine verrauschte, verschwommene Kopie der Kopie der Kopie davon zu Gesicht bekam. Ähnliches galt auch für die Musik. GG-Allin-Platten wurden hierzulande eher schlecht vertrieben, also musste man auf Kumpels bauen, die irgendwo ein paar Songs auf Tape hatten. Da waren dann meist nur die Hits vertreten, längst nicht komplette Alben oder Singles. Die Platten kamen zu dieser Zeit nur sehr langsam aus den USA rüber. Dabei war es wohl kein Zufall, dass ich gerade in München an ein paar Platten von ihm gekommen bin. Denn dort existierte das Label Starving Missile, das schon 1985 eine Split-LP von GG Allin & The Scumfucs und den amerikanischen ARTLESS um den MAXIMUM ROCK'N'ROLL-Schreiber Mykel Board herausgebracht hatte. Da ist es nicht so abwegig, dass auch weitere Alben zunächst den Weg in die Plattenläden der bayerischen Hauptstadt fanden.



Heute kann man sich einen guten Überblick über GG's Diskografie bei Wikipedia verschaffen. Es zeigt sich, dass der Mann eine geradezu unübersichtlich riesige Menge an Releases hat. Unzählige Singles mit immer wieder neuen Bands auf irgendwelchen obskuren nordamerikanischen Labels. Schaut man sich heute bei Discogs die GG-Allin-Seite an, werden derzeit 109 Veröffentlichungen gelistet. Dabei waren das bei weitem nicht alles neue Songs. Oft gab es Re-issues von älteren Songs, Neuaufnahmen oder Live-Tapes. Vieles davon sind Bootlegs und Live-Aufnahmen, manchmal sogar Mitschnitte vom Soundcheck irgendeines Konzertes. Was zeigt, dass die Vermarktung von GG Allin 23 Jahre nach seinem Tod immer noch seltsame Blüten treibt.


Die erste Veröffentlichung, die GG Allins Treiben richtig bekannt machte, war „Hated in the Nation“, eine Compilation auf dem New Yorker ROIR-Label aus dem Jahr 1987. Eigentlich sollte dies ein Livemitschnitt werden, da aber GG-Shows meist schon nach drei Songs abgebrochen wurden, entschied man sich für eine Sammlung älterer Songs und den Mitschnitt eines Gigs im New Yorker Cat Club. Für diesen Abend wurde eigens eine Backing Band für GG zusammengestellt, bei der J Mascis von Dinosaur Jr. Gitarre spielte. Eine Erfahrung die Mascis später in Interviews als „quite uncomfortable“ beschrieb.



Aber selbst „Hated...“ war hierzulande erstmal nicht gut zu kriegen. Eigentlich wussten wir also gar nichts von diesem Typen. Es gab nur Gerüchte. Aber all diese wilden Gerüchte, diese Unschärfe der Figur GG Allin machten ihn umso interessanter. Man konnte es kaum glauben. Schiß der wirklich auf die Bühne? Rieb sich sich dann mit seiner Scheiße ein? War der wirklich ununterbrochen auf Droge? Schmiß er dann wirklich mit seinen Exkrementen umher? Waren alle Songs voller Gewalt, Menschenhass und Fantasien über sexuelle Absurditäten? Und wer waren eigentlich die Typen, mit denen er Musik machte? Sah der Bassist, GGs älterer Bruder Merle, mit Hitler-Schnäuzer, Kaiser-Wilhelm-Koteletten, Glatze und John-Lennon-Sonnenbrille wirklich so bizarr aus wie das in den schlechten Videos zu erkennen war? Und spielte der Trommler wirklich immer nackt? Und hieß wirklich Dino Sex? War das alles ein – zugegeben – ziemlich weit getriebener Witz, war das besonders schräger Humor oder meinten die das wirklich Ernst? Es war für uns nordrhein-westfälische Vorortbewohner kaum vorstellbar, dass ein Mensch sich wirklich so aufführte. Ob GG Allin wirklich so drauf war wie in den im Umlauf befindlichen Ton- und Bilddokumenten und ob er IMMER so drauf war, - das war die Frage, die mich damals sehr beschäftigte. Dieser Typ war wild und er war unberechenbar. Das war das Bild, das wir von ihm hatten. Und das er selber kreierte. Und seine Musik war nicht an jeder Ecke zu kriegen. Diese Distinktion unterschied den Kenner vom Konsumenten. Glaubte ich damals zumindest.

Es macht Sinn, GG Allin mal in einem gesellschaftlichen Rahmen seiner Zeit zu betrachten. Als er anfing Ende der 70er Musik zu machen war die erste Punkwelle eigentlich schon wieder verebbt. Als GG's Bekanntheitsgrad in den 80ern langsam anstieg, waren die USA ein streng konservativ regiertes Land, deren Bevölkerung recht prüde Sexual- und Moralvorstellungen hatte. Ronald Reagan war republikanischer Präsident, die eigene Rolle als tonangebende Weltmacht, nicht nur politisch, sondern auch kulturell, war in den USA unumstritten. Dazu kam eine extrem glatt gebügelte Mainstreamkultur, die subversiven Spuren von Punk- und Hippiebewegung waren glattgewischt.
Pop in den 80ern, davon muss man gar nicht viel reden: Fönfrisuren und Schulterpolster, in den Hitparaden ultra glatt produzierte Popmusik. Da passt es gut ins Bild, das 1985 das viel kritisierte PMRC von Tipper Gore (die damalige Frau des späteren demokratischen Vizepräsidenten Al Gore) gegründet wurde. Jenes Komitee, die sich anmaßte, Eltern und Kindern vor gewalttätigen, scheinbar obszönen oder anstößigen Songtexten warnen zu müssen und durchsetzte, dass Platten, deren Lyrics gegen die PMRC-Leitlininien verstießen, mit einem „Parental Advisory“-Sticker auf dem Cover versehen werden mussten. Dass dieser Sticker später fast schon verkaufsfördernd auf gewisse Platten wirkte, ist eine andere Geschichte.
In so einer Stimmung konnte einer wie GG Allin zwar gut provozieren, blieb aber zunächst ein regional berüchtigter Freak. Trotzdem bastelte er weiter an seiner Figur des Rock'n'Roll-(Un-)Tiers. Ein Typ, der in einem der bevölkerungsärmsten Countys von New Hampshire aufwuchs, seine Jugend in einem sehr schwierigen White-Trash-Umfeld mit einem psychisch instabilen und religiös fanatischen Vater verlebte und im Laufe der Jahre eine sehr nihilistische Einstellung zur Gesellschaft entwickelte.

Anfang der 90er war das Phänomen GG Allin dann soweit gediehen, dass er auch über die Punkszene hinaus ein Begriff war. Das skandalträchtige Auftreten machte ihn auch für die Medien interessant und so war er mehrmals zu Gast in Talkshows, die sich gut auf Confro-Talk (z.B. die href="">Jerry Springer Show) verstanden. Trotz der immer wieder geäußerten Verachtung aller gesellschaftlichen Normen war er sich für solche Auftritte nie zu schade und hat sie auch nicht wirklich abgelehnt. Die Aufmerksamkeit, die ihm ein Platz auf einer Talkshowbühne brachten, waren als Ego-Futter für GG Allin wohl zu reizvoll, um darauf zu verzichten. So gesehen war es eben auch nur alles Showbiz.



Klar gibt es heutzutage viele, die sagen, dass die 80er gerade für Punk und Hardcore eine sehr fruchtbare Zeit waren, weil sich dort viel unabhängige Netzwerke und Strukturen bildeten. Aber auch innerhalb der Punkszene war GG Allin ein Außenseiter. Sein Nihilismus und das absurd großmäulige Auftreten passten dort nicht mehr so recht hin. Das war vielleicht eine Einstellung, die zu den frühen Punkbands passte, aber mit der er in den 80ern keinen Anschluß an die Szene fand. Denn Punk und Hardcore formten sich damals in verschiedenen Formen und Codes aus: Hardcore, Straight Edge, Rrrriot Grrrls, all das machte Punk vielseitiger, kreativer, selbstbewusster und auch kritischer. Ein Großmaul wie GG Allin, der sich textlich auf Gewalt-, Sex- und Vergewaltigungsfantasien beschränkte, dazu schlecht produzierte Platten raushaute, fand dort schwerlich Anschluß. Zumal er eigentlich alles ablehnte, was irgendwie nach Business oder Szene roch.

Was GG Allin stattdessen wollte? Er wollte Rock'n'Roll wieder gefährlich machen – wie er in seinem, sehr selbstbewusst formulierten Manifest aus dem Jahr 1991 erklärte. Ganz selbstverständlich erklärt er darin, dass er Elvis erfunden habe und sowieso Jesus, Gott und Teufel in einem wäre. Wie schon öfter zuvor kündigt er seinen Suizid auf der Bühne an und ruft zum Umsturz des Rock'n'Rollbusiness auf. Interessant ist dabei, dass er den Musikkonsumenten einerseits auffordert, Platten zu klauen, um der Musikindustrie in die Knie zu zwingen „If you have to have a record, steal it. That way they wont get your money.“. Anderseits folgt wenige Zeilen später der Aufruf „Go to your record store and buy all the GG ALLIN recordings you can find.“ Also für GG's Platten soll man bitteschön dann doch noch Geld ausgeben.

Von solch lautem Gebrüll abgesehen blieb die Person Allin lange Zeit, nunja, zwiespältig rätselhaft. Heute sind viele der Gerüchte um ihn gut beleuchtet. Im Netz ist alles gut und hinreichend dokumentiert.
Erstes Licht ins Dunkel brachte 1993 die Dokumentation „Hated“ von Todd Phillips. Es war Philipps erster Film, eine studentische Arbeit und wurde von der Kritik hochgelobt. Für Philips war „Hated“ ein gutes Karrieresprungbrett, denn spätestens seit er in den folgenden Jahren die drei „Hangover“-Sauf-Buddie-Movies realisierte, ist er gut im Filmgeschäft. „Hated“ war lange Zeit nur in der englischen OV erhältlich, seit einigen Monaten gibt es jedoch auch eine deutschsprschige Version mit dem sinnig übersetzten Titel Gehasst Extrem: GG Allin – Der meistgehasste Mann des Punk.



„Hated“ zeigt anhand von Interviews mit Fans, Freunden von früher, Bandkollegen und auch mit GG selbst, wie sich die Figur Allin entwickelt hat. Philips begleitet GG mit der Kamera auf Konzerten, backstage und bei spoken-word-performances. Das Ganze wird zusätzlich mit reichlich TV-Footage unterlegt. Wenn es eine Konstante im Auftreten von GG Allin gibt, dann die permanente Selbstinszenierung als DER wildeste und exzessivste Außenseiter im Rock'n'Roll schlechthin. Als der einzige, der die wirklich letzten Grenzen überschreitet. Immer. Das ist das Bild von GG Allin, das der Öffentlichkeit vermittelt wurde. Aber ist das der komplette GG?



Einen GG, der zuhause im Wohnzimmer sitzt und fernsieht, einen, der sehr rational auftritt, der vielleicht seinen Lieben was zu essen kocht, der ganz häuslich den Garten pflegt oder einfach mit einem Gläschen Rotwein auf der Veranda seines Hauses sitzt, den Hund streichelt und ganz lieb und rücksichtsvoll von seinen Freunden und Lieben redet, der eventuell eine ganz und gar stabile Beziehung führt – den gab es nicht. Soweit es bekannt ist. Zeit seines Lebens lebte Allin wohl immer in prekären Verhältnissen. Einen regelmäßigen Job annehmen wollte er nicht, wo und wie er gewohnt hat, ist auch nicht wirklich bekannt. Es gibt fast nur dieses Bild vom wilden Mann auf der Bühne.



In der „Hated“-Doku gibt es auch ein paar Interviews mit Allin himself. Da wirkt er ziemlich aufgeräumt und gar nicht so blöd, wie man das denken könnte. Aber gerade solche Szenen feuern die Zwiespältigkeit der Figur GG Allin ja nur noch an. Zu sehen, dass er ganz ruhig auf einem Hotelbett sitzt und Fragen beantwortet, OHNE Todd Philipps aufs Objektiv zu kacken, bringt die GG-Afficionados ja nur dahin, weiter zu rätseln, was diesen, offenbar doch zuweilen ganz umgänglichen Typen dazu gebracht hat, sich die meiste Zeit wie ein psychopathisches Arschloch zu benehmen. Gerade diese Ambivalenz lässt die Faszination für GG Allin bei vielen nicht abkühlen.



Erfunden hat das der Irre aus New Hampshire dieses Spielchen allerdings nicht. Er steht damit eigentlich in einer Reihe von weiteren Figuren der Rock- und Pop-Geschichte. Sei es Jerry Lee Lewis, Ozzy Osbourne, Jim Morrison, Marylin Manson oder Iggy Pop. Sie alle – und noch einige mehr – spielten mit dem Changieren zwischen irrem öffentlichen Auftreten und winzigen Einblicken auf den Menschen dahinter. GG Allin hat diese Inszenierung in einer Art auf die Spitze getrieben, dass es bei ihm eigentlich keinen Menschen dahinter gab. Es gab nur den irren Punk, der die Selbstverletzung zum Marketinginstrument machte. Der unaufhörlich den Exzess lebte, keinen Knastaufenthalt scheute und aus seiner Verehrung für Serienmörder keinen Hehl machte. Von Alice Cooper weiß man, dass er sich nach dem Gig die Schminke abwischt und auf dem Golfplatz ein paar Bälle schlägt. Hätte man sich das bei GG Allin vorstellen können? Eher nicht.



Das konsequente und andauernde Basteln am eigenen Bild des nihilistischen Rock'n'Roll-Animals kann man wahrscheinlich nicht ewig machen. Sowas kostet Kraft (allein die Drogen und der Schnaps!) und selbst der härteste Rocker braucht irgendwann eine Auszeit. Gut möglich, dass GG Allin die über 50 Gefängnisaufenthalte immer wieder zum Luftholen genutzt hat. Auch möglich, dass er geahnt hat, dass er sowas nicht ewig machen werde können. Denn wer so oft seinen Selbstmord ankündigt, der wird wissen, dass er den Weg, den er eingeschlagen hat und nicht mehr verlassen will, recht schnell zu Ende sein kann. Das Ende kam dann recht unspektakulär, allerdings nicht so wie GG es angekündigt hatte. Statt dem oft angekündigten Suizid auf der Bühne, brachte eine Überdosis Heroin nach einem Gig in New York den erfahrenen Drogenkonsumenten GG Allin zur Strecke. Das ist zwar sehr Rockstar-like, aber eben auch nicht so unerwartet, wie es bei einem Typen wie GG Allin, der seinen Tod ja zuvor schon oft laut und wild angekündigt hat, hätte kommen können.




Interessant könnte in Hinblick auf den Menschen GG Allin ein Film des Regisseurs Sami Saif sein. Der produziert nämlich zurzeit eine Doku über GG's älteren Bruder Merle und seine Mutter. Was am Ende unter dem Titel „The Allins“ rauskommt, dürfte für Fans egal sein – sie werden es sich am Ende eh anschauen. Der Titel erinnert zumindest schon mal an eine Serie über die Sippe eines anderen Madman of Rock'n'Roll: Ozzy Osbourne.


Nachtrag:
Oft habe ich darüber nachgedacht, ob ich es bedaure, GG Allin nie live gesehen zu haben. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich das hätte sehen wollen. Es ist ein wenig wie bei einem Horrorfilm. Gerne schaut man sich an, wie Psychokiller über den Bildschirm wirbeln und mag auch den dabei entstehenden Grusel. Aber möchte ich ganz real miterleben, wie der Irre von nebenan mit der Axt die Tür einschlägt, um mich dann in Todesangst zu versetzen, bevor es daran geht, mir den den Schädel zu spalten? Ich denke nicht. Ähnlich verhält es sich bei GG Allin.

Gary Flanell



Wer immer noch nicht genug hat... weiterführende Links zu GG Allin:

GG Allin online Store

Ein Interview mit GG's Mutter

Die GG Allin Super Mega-Seite – sackweise Links zu GG Allin

Montag, 29. August 2016

Happy birthday, asshole - GG Allin zum 60.

Heute wäre GG Allin - das gute alte, Scheiße werfende, Leute verprügelnde, auf die Bühne kackende, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Texte schreibende, drogenfressende Rock'n'Roll-Ungeheuer 60 Jahre alt geworden.

WÄRE - wenn er sich nicht schon 1993 nach einem Gig in New York durch eine unbeabsichtigte Überdosis Heroin ins Jenseits geschossen hätte.
Als großer GG-Allin-Fan komme ich natürlich nicht umhin, zu diesem besonderen Datum aus dem umfangreichen Lebenswerk dieses vielseitigen Künstlers eine kleine Auswahl aus verschiedenen Phasen seines Schaffens zu empfehlen.
Denn wichtig ist: Auch wenn der Herr Allin oft wegen seines, sagen wir mal sehr exzentrischen, On- und Off stage-Gebahrens einem größeren Teil der Menschheit bekannt geworden ist, geht es bei ihm ja oft um Musik. GG Allin war kein Bildhauer, kein Filmschauspieler, kein Maler (in begrenztem Maße schon), sondern in der Hauptsache Musiker. Deshalb nun ein paar seiner Hits per Video-Link. MAZ ab!

GG Allin & The Jabbers - Don't talk to me: Da war er noch recht brav, der GG. Und seine Band, die Jabbers auch. Er singt so klar wie eine Lerche, der Song ist ein schmissiger Punkrock-Hit und wilder oder böser als andere Punkbands, die Ende der 70er den RAMONES, STOOGES, NEW YORK DOLLS und DEAD BOYS nacheiferten, war das alles auch nicht. Wohl einer der zugänglichsten GG-Songs und mittlerweile ein Klassiker in jeder Punkrock-Disco.


GG Allin & The Scumfucs - Assfuckin buttsuckin cuntlickin masturbation: Was viele nicht wissen: GG Allin verfügte über eine solide Schulbildung. Zumindest war er so in der Lage, beim nachfolgenden Track die verschiedenen Sexualpraktiken in die alphabetisch richtige Reihenfolge zu bringen. Damit hätte er, wäre das mit der Rock'n'Roll-Animal-Karriere nichts geworden, auch in einer der lokalen Bibliotheken seiner Heimat New Hampshire anfangen können. Erschienen ist ABC Masturbation auf GGs zweitem Album "Eat my Fuc", auf welchem seine Stimme schon etwas fertiger und keifender klingt, als das noch zu Jabbers-Zeiten der Fall war. Soundmäßig wurde hier schon die Vision des beschissenst klingenden Albums ever verfolgt. Tja, und textlich ging es auch schon um einiges wilder und exzessiver zu als früher, wie man auch ohne Anglistikstudium raushören kann.



GG Allin & Bulge - Suck my ass it smells:
Kommen wir zu einem Stück von einer der Platten, die GG Allin für eine seiner besten hielt. "Freaks, Fagoots, Drunks and Junks" war der Titel des fünften Allin-Albums, eingespielt in New Hampshire zusammen mit den Kumpels der lokalem Metal-Punk-Band PSYCHO, hier als BULGE gelistet. "Suck my ass it smells" ist deshalb unterhaltsam, weil es sich nicht normalen Punkrocksongstrukturen unterwirft. Strophe, Refrain, Bridge - wird hier alles ignoriert. Längenmäßig ist die Band fast schon in Grindcore-Gefilden unterwegs, durch die repetitive Darbietung bekommt der Song zudem auch einen eher No-Wave-mäßigen Touch. GG grunzt mittlerweile mehr als, dass er singt und vertieft sich auf "Freaks, Faggots..." immer weiter in sein eigenes Universum aus Krach und Schock- und Scheißetexten. Interessant ist, dass "Freaks, Fagoots, Drunks and Junks"-Songs wie "Outlaw Scumfuc", "Die When You Die" und "Cunt Sucking Cannibal" bis zum Ende seiner Karriere zu Allins festen Live-Repertoire gehörten.


Und weil's so schön ist: "Die when you die"


GG Allin & The Murder Junkies - Bite it you scum: Ich hatte mal eine Band, in der ich Bass gespielt habe. Wir spielten nur Coverversionen und waren soundmäßig ziemlich nah an dem dran, was ME FIRST & THE GIMME GIMMIES so machen. Das meiste in unsere Repertoire war nett und wir waren auch nett, meistens zumindest. Unsere Konzerte waren nicht gefährlich, nicht mal unserer Name war das. Die Band hieß schlicht und ergreifend KELLERBAND (und nein, selbst wenn jetzt jemand dazu im Netz suchen sollte, es gibt nur ein Livetape und das wurde nie digitalisiert) und von alten POLICE-Songs bis zu blöden Schlagern drehten wir alles durch einen netten NOFX-mäßigen Melodycorewolf. Das waren die 90er und es war meist so harmlos, wie es sich hier liest. Nur einmal im Liveset legte ich den Bass zur Seite und ging ans Mikro. Immer dann, wenn wir "Bite it you scum" von GG Allin spielten. Natürlich war ich dabei nie so wie GG Allin. Ich habe weder auf die Bühne gekackt, noch mit Scheiße geschmissen oder Zuschauern weh getan. Was ich getan habe war: Mir das Mikro in Allin-Manier vor die Stirn zu hämmern (was weh tat, in dem Augenblick aber auch seltsam klärend und konzentrationsfördernd war), bis ich dort oben eine Macke hatte. Während des Songs wälzte ich mich wild auf der Bühne rum, egal wie dreckig oder sauber die war. Vielelcht habe ich mich dabei auch mal komplett nackig gemacht, da weiß ich nicht mehr so genau. Es waren diese 3-4 Minuten, in denen mir alles scheißegal war. Das war auf eine gewisse Weise recht befreiend. Für immer - und das ist der Unterschied zu GG Allin - würde ich das allerdings nicht machen wollen. Vielleicht wollte ich damals ein bisschen sein wie GG Allin. Genau so gefährlich. Bedrohlich. Aber nur ein bisschen.


GG Allin & The Criminal Quartet - Son of evil: Man kann gegen GG Allin einiges sagen, zu seinen Stärken gehört eindeutig ein Händchen für gute Bandnamen. Wer seine Projekte MURDER JUNKIES, AIDS BRIGADE, CAROLINE SHITKICKERS oder TEXAS NAZIS nennt, der hat zwar einen recht rustikalen, aber doch vorhandenen Sinn für Humor. Mit dem CRIMINAL QUARTET spielte Allin eine recht ungewöhnliche Platte ein, zumindest für seine Verhältnisse. Carnival of Excess ist nämlich eine astreine White Trash-Country-Platte. Die Gitarre bleibt unverstärkt und siehe da, GG lässt seine Schwäche für Countymusik aufblitzen und kann wieder richtig singen. Kein übelgelauntes Gegrunze weit und breit, stattdessen geradezu fröhliche, wenn auch simple Songs zum Mitsingen und -Schunkeln, wie sie Hank Williams III nicht besser hinkriegen könnte. Dürfte auf einem alten ranzigen Radio in einem Wohnwagen im Trailerpark am besten klingen.


That's it. Was noch zu sagen wäre: Diese Auswahl von GG Allin-Songs ist bei weitem nicht repräsentativ. Andere Leute würden andere Hits wählen, aber diese hier sind vielleicht ganz gut geeignet, um dem interessierten Laien ein kurzen Einblick in das Universum des GG Allin zu geben.

Gary Flanell

Sonntag, 14. August 2016

Blutige Knie

Wie ein Fuchs streife ich derzeit des nächtens um die Kontoauszugsdruckerautomaten dieser Stadt. Ich warte auf eine nokturne Eingebung zwecks einer Kaufentscheidung. Ich überlege, ob ich mir die 5-LP-Box mit allen offiziellen Alben von TON STEINE SCHERBEN zulegen soll. Im Augenblick führt die Stimme der Vernunft in der Diskussion das Wort und das wird wohl auch lange Zeit so bleiben.
Die Vernunft sagt mir nämlich: Alle acht Scherbenplatten brauchst du eh nicht, alle acht Scherbenplatten kannst du dir sicher auch auf Youtube anhören und schauen und für alle acht Scherbenplatten in dieser Box hast du eh gerade kein Geld. Stimmt alles.

Die dunkle Stimme der Unvernunft sagt, zugegeben etwas schwachbrüstig: Kauf dir das Ding. Es macht sich gut im Regal und außerdem hat man dann mal alles von denen. Letzteres ist eigentlich kein bzw. ein absolutes Blödsinnsargument, zieht aber bei der Kaufentscheidung oft genug. Es ist dieses Wer-weiß-wofür-man's-mal-brauchen-kann-Argument. Als würde ich die schöne Box irgendwann mal in einen zugerauchten Club zum Auflegen mitnehmen. Never. Und die Musik, sagt die Stimme, der Unvernunft, die ist ja auch dufte.

Da hat sie ja recht, aber so ein richtiger Grund ist das auch nicht. Das stimmt nun wirklich. Rockmusik aus Deutschland, ach, da waren die Scherben noch was. Das war noch echte Mucke. Macht heute ja keiner mehr. Und Mucke sagt auch keiner mehr. Nicht mal der Ansager auf einem ostdeutschen Bluesfestival. Keine Mucke mehr, keine Kunden mehr, kein Slang mehr aus Zeiten, als Bluesrock samt Parka und Haarnetz noch so richtig subversiv war. Seit den 70ern also. Seit TSS-Zeiten also. Als wir alle noch dufte Kunden waren.



Heute machen ja alle nur noch so emotionalen Indierock. Und das schon seit Tocotronic damit angefangen haben. Auch schon seit fast 30 Jahren. Oder Tingeltangel-Punk-Gedöns. Und Punk, der hat ja heute eigentlich den Stellenwert den Bluesrock inden 70ern hatte. Sagte mal ein kluger Freund von mir udn er hat recht. Ist heute zumeist nur noch auf sich selbst und die eigene Jugend bezogene Musik von alten weißen Männern für alte weiße Männer. Bliebe noch HipHop. Davon habe ich schon mal gehört. Ist für mich aber noch Neuland, auf dass ich mich erst langsam vortaste. Werde mir bald mal was von den FANTASTISCHEN VIER anhören. Ein Kollege auf der Arbeit sagte, die machen sowas. Hip Hop. Ganz modern.

Das ist natürlich fast alles Quatsch, verzeiht mir. Aber so eine richtig coole, erdige, handgemachte Rockermucke mit schicken Texten, da muss man schon lange suchen, seit eben jene Scherben oder die CHARLY-SCHRECKSCHUß-BAND (deren "Geheimratseckenblues" ist auch so ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Artefakt der deutschsprachigen Rockmusik) aktuell waren.



Aber jetzt kommmt da was. Aus Berlin. Ne richtig dufte Mucke. Sind so zwei Typen, einer von DRIVE-BY-SHOOTING (der Timo an der Gitarre) und einer von SENSOR (der Till, am Schlagzeug), und die machen ROCKmusik. Als Duo. Das ist jetzt nicht mehr so eine Riesennovität, seit den WHITE STRIPES mindestens. Wäre aber ein schicker Werbeaufhänger für BLUTIGE KNIE. Die WHITE STRIPES von Berlin. Von Friedrichshain, besser gesagt.

Der Timo und der Till, die haben beide mal zusammen in ihrer Stammkneipe gesessen. Tagung heißt die, netter Laden, da wurde auch schon mal das ein oder andere RENFIELD-Interview geführt. Gab es möglicherweise schon zu DDR-Zeiten und wird es wohl auch noch geben, wenn alle Mauern der Welt zu Schutt zerfallen sind. Saßen Timo und Till also so rum. Bei DxBxSx war gerade Pause, aber Timo hatte Bock, weiter Mucke zu machen. Kennt man ja, so richtig aufhören kann man ja nie. Gut, dass der Till auch Bock hatte und so gab es ein paar Biere und dann gab es den Namen, der ist BLUTIGE KNIE. Dann gab es ein Tape und viele Livekonzerte und jetzt gibt es diese Platte.

Der Name ist gar nicht so schlecht, finde ich. Blutige Knie kennt jede/r, schon seit Kindertagen und der Gedanke an die letzte Schotterakne lässt einen auch gern mal innerlich zusammenzucken. Aber man weiß auch, dass es sich ab und an lohnt, sich sowas zu holen. Um dann wieder aufzustehen.



Jetzt also die Platte. Zugegeben, stilistisch ist das kein großer Quantensprung im Vergleich zu den letzten DxBxSx-Platten. Nur halt noch reduzierter, noch knorztrockener wird da Stonerrock, Blues und 70er-Jahre-Kifferrock (also eigentlich alles dasselbe) angerührt. Noch purer könnte man sagen, mit noch mehr Retroschmiß an der Backe. Texte gibt's auch, und ähnlich wie bei DxBxSx - die hatten ja mit "It's so Berghain" den Überhit zum Thema - mokiert man sich gern über allgegenwärtige Auswüchse des Berlin-Hypes und die Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten des täglichen Lebens. Und den Frust darüber, der sich am besten in handgemachter ROCKmusik kanalisieren lässt, damit man nicht doch eines tages mal komplett Amok läuft.
"It's so Berghain" ist nebenbei immer noch so ein schönes Lied, das es auch nach drei Jahren noch wert ist, hier mal eingebettet zu werden. Liebe Internet-Regie, bitte MAZ ab!



Blutige Knie sind bei weitem nicht nur ein DxBxSx-Abziehbildchen, aber die musikalsiche Linie lässt sich gut zurückverfolgen. Brüche zwischen den Bands gibt es nicht. Musikalisch ist das solide und handgemacht, inhaltlich wird sympathisch rumgenölt. Irgendwann auf der ersten Seite ist er dann da, der absolute Hit der Platte. "Sind nicht Weltmeister" ist das beste, wirklich das beste, deutlichste und massentauglichste Statement gegen doofen Fußballpatriotismus seit langem.



Ich sage nur: Hit, Hit, Hit! Gibt es mittlerweile auch auf die EM 2016 zugeschnitten in der Europameister-Version. Sollte wirklich in jedem Fußballstadion des Landes vor Anpfiff gespielt werden. Und zur offiziellen DFB-Hymne erhoben werden. Ich mach gleich schon mal die Petition klar.



Es gibt also fast nix zu meckern, auch nicht am Sound oder der Produktion. Da dies eine Rezension über eine echte Rockplatte ist, MUSS über sowas gesprochen werden. Macht man ja so im Rockuniversum, über den Sound reden. Aber ich mache es kurz. Nur eine Referenz an den Produzenten: Fein abgeliefert, Alex Ott.

Was allerdings beim ersten Album der Blutigen Knie etwas nervt, ist dieses gewollte Überschlagen der Stimme in manchen Songs. Obertöne sollte man können oder es eben ganz lassen. Das nervt nach einiger Zeit doch etwas, und gibt MUCKER, BOOKER, WICHTIGTUER einen etwas blödeligen Touch, den die Platte gar nicht nötig hat.

Was diese Rezension dagegen nötig hat, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass der Titel der Platte, um die es geht, zum ersten Mal drei Zeilen vor Schluß auftaucht. Fein abgeliefert, Herr Flanell.

Was noch zu sagen ist: Bakraufarfita Records ist wirklich keins von den Labels, deren Releases ich vorbehaltlos abfeiere (ich erinnere mich an diese seltsame Band aus Köln, Angelika-irgendwas, die so unglaublich unauffällig-blassen Pop-Punk mit schlechten ÄRZTE-Texten machte, dass ich nach dem Anhören schon den Namen vergessen hatte. Bis heute.). Um so schöner, dass sie mit BLUTIGE KNIE einen echten Treffer an Land gezogen haben. Einen Treffer, der dem retro-affinen Rocker mit Joint im Mundwinkel, Black-Sabbath-Shirt und Berlin-Bezug mal einen Griff ins Portmonee wert sein könnte.

Was jetzt noch fehlt und BLUTIGE KNIE endgültig einen festen Platz im Lexikon der deutschsprachigen Rockmusik sichern würde, wäre ein gemeinsames Album mit HAFTBEFEHL und ROMANO. Es würde mich komplett narrisch machen.

"Mucker Booker Wichtigtuer" von BLUTIGE KNIE erscheint am 02.09.2016 auf Bakraufarfita Rec.

(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell

Dienstag, 9. August 2016

Jack of None (english version)

This time in englisch - thanks alot to Alissa Wyrdguth for translation.

THE SHAGGS were that kind of band. So was YOUTH BRIGADE. So were those black proto-punks DEATH, and the Mmmmbop teenies HANSON . The kind of band you might file under “three siblings”. If you can really think of no other way to arrange your record collection.

If so, this is where you might file JACK OF NONE“who’s listening to van gogh’s ear?” arrived here at headquarters some weeks ago. The siblings in question are A.G., Maxine and Julian Syjuco, children of avant garde artists Cesare and Jean-Marie Syjuco who have been really well known in the Philippine art scene for many years.

Well my daily life seldom brings me across either Philippine avant garde artists or their children. But JACK OF NONE’s record got me right away. Not the sibling thing, not the exotic thing – hey, it’s 2016 and one of those effects of globalization, Eurocentric as it may be, is that pop has got absolutely everywhere, into what we used to think of as the last corners of the earth. And they are playing it right back at us. Anyone been wondering lately what is happening in punk in the Philippines? You might a) get on the net and find a lot of links for Pinoy Punk or b) ask expert Mika of Alleiner Thread zine who knows all about it or c) re-listen the SUBCULT RADIO SHOW on the topic – but I am digressing.



JACK OF NONE have little to do with straight punk rock. I’d rather put them close to early wave and post punk, with their cool vibes and ambivalence. Which makes them the more interesting to me. Whatever I expected, it wasn’t the sound track to a David Lynch movie that’s never been made.



They go easy on us at first. “Hotel Carcass” opens with a loose, loungy bass line and adds a cryptic spoken word thing. When this started dripping from my amps one sweaty summer night, I thought of some southeastern version of NOUVELLE VAGUE. Without covers. Which might be charming, I thought, wiping my brows.



It gets less catchy then, but that makes it more exciting. Those slightly brittle Filipinos do experimental things with electro, alternative rock and industrial. Across all that they sometimes put a metal guitar which wouldn’t be out of place with Rammstein or Marilyn Manson. Adding to confusion or rather to variety, although fitting the whole, is singer Maxine’s voice. She is putting it through enough effects to make it sound like Apple’s Siri on acid. Possibly the sound engineer has had a little too much fun on the voice tracks, but nevermind.



(E) for Exotic bonus up my ass (this is a good thing) on the 26-step scale of renfield appreciation.

Gary Flanell


jackofnone.net

Samstag, 6. August 2016

Immer noch heiß.

Wer zum Teufel hat eigentlich das Konzept der Sommerplatte erfunden? Wer auch immer es war, er oder sie hat da ein Bild von einem Album kreiert, dass man drei Monate lang am Stück zu jeder Tages-, Nacht- und sonstigen Aktivität hören kann, ohne irgendwann davon genug zu bekommen. Ein Album also, dass zum Rumliegen am Strand passt, genauso wie zum grillen mit Freunden, zum Fahrradausflug, zur Boulepartie, zu Sex in überhitzten Hotelzimmern im Urlaub. Es ist gleichermaßen der Soundtrack um Eisessen, zum Planschen im Pool, zum Gutes-Buch-lesen, zum Gin-Tonic trinke. Zum Rausgehen ohne Jacke. Zum Erdbeerenpflücken. Zum Wassermelonen-Essen und zum Besuch bei der Oma, die selbstgemachten, gut gekühlten Kartoffelsalat kredenzt. Insgesamt also ein Album, dass eher zur Saison mit den hohen Temperaturen passt.



Das muss nicht zwangsweise eine sehr melodiöse oder poppige Platte sein.Es gibt sicher genug Menschen, die bester Laune sind, wenn sie eine eher melancholische und zweifel verbreitende Musik hören. Ich glaube nicht, dass es sowas wie eine Sommerplatte gibt. Klar, vielleicht gibt es zwischen Juni und September mehr Tage, an denen man lieber was von den BEACH BOYS als von NACHTFROST hört, aber das hat sicher nichts mit der Jahreszeit zu tun. Geht im Winter sicher auch. Was mich zu den COATHANGERS bringt. Drei Frauen aus Atlanta, die vor einigen Wochen (Ok, es war schon im April. Aber April 2016.) ihr fünftes Album rausgebracht haben.



Vor fünf Wochen war der Sommer noch am Anfang und noch nicht mittendrin und auch wenn ich diesem Sommerplattenkonzept nicht viel abgewinnen kann (außer der Tatsache, dass man damit immer einen guten Aufhänger für eine Rezension am Start hat), könnte ich mir vorstellen mit "Nosebleed Weekend" eine Menge Zeit in dieser Saison zu verbringen. Da passt nämlich einiges. Zum einen ist es eine Platte, die hübsch abwechslungsreich ist, da gibt es Sounds, die die ganz locker die Energie von diversen Rrriot grrl und frühen Punkbands haben. Dann sind da welche mit einem ordentlichen 60ies-Girl-Group-Touch und insgesamt schwebt da über allem, noch so eine gewisse Grunge-Coolness. Also nicht diese pathetische Rockstar-Scheiße, wie sie SOUNDGARDEN oder PEARL JAM schon immer fabriziert haben. Mehr so diese wütende Art, die HOLE vor über 25 Jahren an den Tag gelegt haben. Davon ab ist das Artwork schon eher eins, das man mit dem Sommer verbinden könnte. Die drei Musikerinnen in luftiger Bekleidung auf einer Wiese im Gegenlicht fotografiert, auf dem Cover. Der Verweis zum nasenblutigen Albumcover wird da auch ganz locker miteingebunden. Und Back-Cover-Fotos, bei denen all drei mitten in der Nacht vor der Haustür sitzen, erinnern auch nicht an eiskalte Nächte in dunkler Jahreszeit. Also vielleicht doch eine Sommerplatte? Muss jeder für sich selber rausfinden.
Nimm Lana Del Rey das Valium weg und steck sie mit Courtney Love und den Go Go's eine Woche in einen Proberaum, dann weißt du ungefähr wie's klingt.

(F auf der 26-teiligen Renfield-Platten-Bewertungsskala)

Nosebleed Weekend von The Coathanger ist auf Suicide Squeeze Records erschienen.
Gary Flanell


Freitag, 5. August 2016

Das Gute Leben: Weitersuchen Pt. IV

Der vorerst letzte Beitrag zu unserer kleinen Reihe Das Gute Leben. Abgeschlossen ist sie damit nicht, sondern wird in loser Reihe fortgeführt. Gastschreiber sind gern willkommen und können sich mit einer Textidee bzw. einem kleinen Exposé bei renfield-fanzine@hotmail.de vorstellen.

Der beste Klub der Welt
Meine früheste Erinnerung an den besten Klub der Welt ist quasi ein Bewerbungsgespräch. Ich wurde gefragt, warum ich in den Verein eintreten wolle. Dieser war gerade ein paar Wochen alt und ich saß mit zwei weiteren Aspiranten in der Abenddämmerung an einem alten Holztisch. Uns gegenüber saßen die (aus heutiger Sicht) ehrwürdigen Urahnen des Vereins. Ich sagte, ich wolle Feierkultur betreiben, die frei ist von den Zwängen von Markt und Profit.

Das hört sich etwas theoretisch an, war es damals wohl auch, weil ich gerade Marx entdeckte, aber das Ganze machte auch praktisch Sinn. Wir machten, worauf wir Lust hatten. Wir machten Veranstaltungen, weil wir sie gut fanden, und nicht weil wir glaubten, damit Geld verdienen zu können. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Bei meiner ersten Party saß jemand als kroatischer Bergschäfer verkleidet am Eingang und veranstaltete Peperoni-Esswettbewerbe. Innen stampfte der Humpta balkanesischer Musik, die Menge tobte und kreischte und wir warfen selig lachend Peperoni in das Gewühl und verspritzten Wodka wie Weihwasser, um die Geister zu befreien.

Unsere erste eigene Partyreihe hieß „Hanumans Töne“. Es lief Drum&Bass (allzu „gerader“ Techno ist bis heute verboten), und wir verteilten Masken von indischen Göttern, Totenkopfmasken und Affenmasken. Wir bliesen dabei Muschelhörner und schwenkten Weihrauch. Immer wieder kamen Leute zu mir und schwärmten, dass das die beste Party ihres Lebens sei.



Manchmal kamen wieder nur so wenige, dass die Party ein Flop wurde. Werbung verbieten wir uns. Auch unsere Regel, dass alles was eingenommen wird, nur an die Künstler oder wieder an den Verein geht, ist großartig und ätzend zugleich. Es muss nämlich Spaß machen. Tätigkeiten, die keinen Spaß machen, beispielsweise bis sechs Uhr morgens alleine an der Tür stehen, um keine Arschlöcher hineinzulassen, werden als Opfer empfunden. Man tut es, aber nur begrenzt. Üblicherweise würde dieses Opfer durch Verdienst ausgeglichen. So ist dann keiner keinem mehr etwas schuldig. Diesen Ausgleich gibt es bei uns nicht. Das ist schwierig. Dafür feiern wir aber die besten Parties der Welt.

Andere Klubs müssen sich nach irgendeinem Massengeschmack richten. Andere Klubs können es sich auch nicht leisten, „Gäste anschnauzen“ zu spielen. Ein Volkssport für uns: Wer sein Bier bestellt, indem er oder sie einen zerknüllten Geldschein auf die Theke wirft und „Bier“ blafft, dem wird der Geldschein ins Gesicht zurückgeschmissen mit den Worten: „Nur wenn Du Bitte sagst“. Alleine der erstaunt-indignierte Ausdruck auf dem Gesicht des unverschämten „Kunden“, der nicht versteht, dass er keiner ist, ist einige Opfer wert.

Ich habe immer wieder Phasen, in denen ich mich entferne und in die tiefe Klubwelt Berlins eintauche. Dort ist es auch schön. Aber auch wenn die Anlage bei uns ein wenig schlechter ist als die im Berghain oder im Kater, stelle ich doch fest, dass die bessere Musik, die schrägeren Veranstaltungen, die interessanteren Leute eher hier zu finden sind. Im besten Klub der Welt.

Houssam Hamade

Mittwoch, 3. August 2016

Das Gute Leben: Weitersuchen Pt. III

Erstmal den Notstand ausrufen!
Das mit der Anerkennung durch Erfüllen von Erwartungen habe ich erst so richtig gemerkt, als ich meine Kinder bekommen habe. Erstaunlich, wie man auf einmal in der Familie so einen ganz anderen Stand hat. Nicht dass der vorher problematisch war, halt typischer Studentenstatus. Auf einmal war ich statt dessen eine Mutter. Sofort wurde mir ungewohnte Autorität zugeschrieben und eine andere Art von Respekt erwiesen. Sehr angenehm, sowas.
Dann beschlossen der Vater meiner Kinder und ich, nicht etwa zu heiraten und die Steuerklasse zu wechseln, sondern doch lieber in getrennte Wohnungen zu ziehen, was uns in Folge ermöglichte, uns nicht gegenseitig zu erwürgen und die Schädel einzuschlagen, sondern Freunde zu werden und die Herausforderungen des Lebens wieder als Verbündete anzutreten.

Für unsere Kinder heißt das, dass sie ihre Eltern nicht täglich streiten sehen. Und dass es in beiden Wohnungen noch andere Leute gibt, die sie liebhaben, die mit ihnen Musik machen, Pfannkuchen backen, Brettspiele spielen (hatte ich noch nie Lust zu), ihnen Bilder malen (dito) und darauf bestehen, dass man gemeinsam am Tisch sitzt. Auf selbigem gibt’s dann auch mal den selbstgemachten Kartoffelbrei, der bei mir immer aus der Tüte kommt. Und einen dritten Bruder gibt es noch obendrauf.

Für uns heißt das auch, dass nicht jede soziale Fähigkeit von mir als der perfekten Mutter vermittelt werden muss. Ich brauche nicht den Engel im Haus zu geben, und der Kollege auch nicht den Patriarchen. Meine Kinder bedanken sich an der Kasse beim Verkäufer für die gerade gekauften Obstriegel und fragen ihn, wie er heißt. Von mir haben sie das nicht. So nett bin ich nie. Sie begegnen Menschen mit Zutrauen, weil sie nie etwas anderes erfahren haben als liebevolle Zuwendung, und zwar von verschiedenen Leuten, die verschiedene Arten des Umgangs haben.

Als ihnen Aschenputtel vorgelesen wurde, da sagten sie, das Mädchen hätte keinen Papa und keine Mama mehr. Dass sie im Märchen wohl einen Vater hat, der sich aber nicht um sie kümmert, das können sie sich nicht vorstellen: das ist dann ja kein Papa, per definitionem, sozusagen.
Als meine Familienangehörigen von unserer Kleinfamiliendemontage hörten, wurde der Notstand ausgerufen. Panik und Ressentiment machten sich breit. „Ihr Berliner!“ äußerte mein Schwager sich kopfschüttelnd. Meine Mutter brach zwischenzeitlich die diplomatischen Beziehungen ab, da ich ihre Enkel der Willkür und blanken Not preisgäbe und darüber hinaus den mir gerade so eben nicht Angetrauten böswillig seinem traurigen Schicksal überließe. (Der sah das anders, wurde aber nicht gefragt.) Selbst mein Vater, der sich selbst allen sozialen Bindungen entzieht, forderte über Dritte Informationen an, ob denn alles in Ordnung sei aus Anlaß dieses offenbar erschreckenden Bruches.

Die Reaktion meiner Verwandten ist, wie ich von anderen erfuhr, nicht etwa ungewöhnlich, sondern typisch. Alleinerziehend zu sein ist ein riesiges Stigma, ein Grund zur Besorgnis, etwas zu Vermeidendes, eine Katastrophe, die eine Familie befällt. Niemals aber etwas, das man wählt, das man sich aussucht, das man extra so haben will. Was nicht klar bestimmt ist als „Kleinfamilie“, ist auch wieder nur Negation: Verlust von etwas, nicht Gewinn von etwas anderem, Konkreten. Das zeigt sich auch an der gut gemeinten, aber unschuldig verächtlichen Bezeichnung „Patchwork“. Flickwerk ist etwas, das aus einem schiefen, nicht passenden, irgendwie übrig gebliebenen Zeug zusammengebastelt wurde, um damit zu versöhnen, dass es halt nicht so geklappt hat, wie es eigentlich hätte sein sollen: wie es normal wäre. Wir haben das nicht so erlebt. Wir sind eine Familie geworden und fragen uns nicht so genau, wo die anfängt und aufhört, eine Familie aus Freunden, auf die ich mich verlassen kann. Einer davon ist der Vater meiner Kinder.

Alissa Wyrdguth

Montag, 1. August 2016

Das gute Leben. Weitersuchen Pt.II

So viele tolle Projekte

„Aber du hast doch so viele tolle Projekte“, raunen mir meine Freunde immer wieder zu. Stimmt. Oft kann ich die aber nicht so wertschätzen, wie ich es gern möchte. Und warum? Weil mir der Scheißgedanke im Nacken sitzt, wie ich über den nächsten Monat kommen soll. Das vergällt mir oft die Freude an den schönen Projekten. Weil das, was ich gern tue, monetär nicht zum Leben reicht. Also beziehe ich Hartz4.


Alle sechs bis zwölf Monate das EKS-Fomular auszufüllen, in Vorausschau, was man denn verdienen werde, ist schon desparat genug. Noch desparater wird es, wenn man vom Jobcenter ein Schreiben bekommt, dessen Mißtrauen gegenüber meinen Angaben nur so aus der Druckertinte quillt. Wer mit „dem Amt“ zu tun hat, kommt relativ schnell in die Situation, sich irgendwie schuldig zu fühlen. Schuldig, sich nicht genug um einen bezahlten Job zu bemühen. Schuldig, die Unterlagen nicht rechtzeitig eingereicht zu haben. Schuldig, sein gesamtes Arbeitsleben vermasselt zu haben. Denn wenn's nicht klappt mit deiner hübschen Kreativ-Freiberuflerexistenz, dann bist du alleine schuld, weil du lebst, wie du lebst. Mit diversen Tätigkeiten jonglieren, ständig Leistung bringen und nicht mal die Miete davon zahlen können. Ach, die Miete. Auch so ein Thema, das den prekär lebenden Menschen zur scheinbar alternativlosen Depression bringt. Aber eben nur scheinbar.

Gängig wird ja so gewohnt: Du zahlst einem Vermieter relativ viel Geld dafür, dass er dir einen oder mehrere Wohnräume zur Verfügung stellt. Dieser Vermieter ist im Gegenzug meist nicht greifbar und wenn überhaupt, manifestiert er sich in Form einer eher mißtrauisch zu betrachtenden Hausverwaltung. Andere Wohnmodelle werden von den meisten nicht in Betracht gezogen. Von mir selber lange auch nicht. Bis ich umgezogen bin. Raus aus meiner WG im kuscheligen Kreuzberg, rein in ein Hausprojekt in Lichtenberg. Lichtenberg?



Vor zwei Jahren wäre das ein Berliner Äquivalent zur Verbannung in den Ural gewesen. Doch die Wohnungssuche in Kreuzberg oder Neukölln ändert das rasch, wenn du mit 30 anderen Interessierten eine Wohnung anschaust und merkst: Ich habe hier keine Chance. Keine Chance gegen die Kinder reicher Eltern, die ihre Ellbogen im Wohnungskampf mit gut bestückten Bürgschaften ausgepolstert haben, keine Chance mit meinen beschissenen Kontoauszügen gegen die Regelmäßigverdiener. Um nochmal in einer WG neu anzufangen, fehlte mir nach 16 Jahren einfach die Energie. Ich brauchte vier eigene Wände und ein eigenes Klo. Aber wie? Und wo? Lichtenberg?

Dort tat sich eine Möglichkeit auf, die ich so nicht auf dem Schirm hatte. Denn zum ersten Mal überhaupt wohne ich jetzt in einem Hausprojekt.
Meine Wohnung befindet sich in einem sechsstöckigen Plattenbau, in dem früher die Stasi hauste. Jetzt leben dort 60 Menschen fast aller Altersstufen. Man kennt sich vom Sehen, grüßt sich, quatscht miteinander, ist sich eher bekannt als fremd. Das hier ist quasi „Mein Block“, um mal Sido zu zitieren. Es ist ein wenig wie das Prinzip WG, nur auf eine andere Ebene gehoben. Statt sich eine Wohnung zu teilen, teilen wir uns ein Haus.

Jede/r hat seine/ihre Rückzugsräume, kennt aber die Menschen, die nebenan, unten drunter oder oben drüber wohnen. Natürlich zahle ich hier auch Miete, aber eine günstige. Und die dient dem Haus, nicht der Rendite der Eigentümerfirmen.

Hausprojekte kennt man eher von besetzten Häusern, die nach harten Kämpfen einen legalen Status bekommen. In der Stasiplatte war das anders. Das Projekt hat sich ganz legal gegründet und das Geld für den Kauf über Kredite zusammenbekommen. Das geht mit Hilfe des Mietshäuser-Syndikats. Gekauft wurde gemeinsam: als GmbH. Die Mitglieder dieses Projekts haben dann dieses Stasi-Bürohaus von Hand so saniert, dass es WG- und einzelwohntauglich geworden ist. Und den ständigen Mieterhöhungen von Immobilienfirmen entzogen.

Darum ist dieses Haus auch mehr geworden als ein Ort zum Schöner Wohnen. So wird den Geflüchteten, die im Stasikomplex nebenan untergebracht wurden, 1-2 mal in der Woche ein Internetcafé bereit gestellt. Ein antifaschistischer Verein hat bei uns günstige Büroräume. Und natürlich werden Lesungen und Konzerte organisiert.

Diese Idee, im Kollektiv was zu schaffen, wird oft mit Anti-Individualismus und Mitmach-Zwang assoziiert, mit denen, die diese Platte erst dort hingestellt haben. Dieses Kollektiv aber besteht aus Individualisten, die gemerkt haben, dass das gesellschaftlich immer wieder geforderte Einzelkämpfertum nichts bringt außer permanenter Erschöpfung. Klar, ein Haus für 60 Leute ist ein großes Unterfangen, will man alle 60 Menschen erreichen und motivieren, sich einzubringen. Sowas geht nicht schnell, sondern braucht viel Zeit und viele Gespräche. Aber das ist ein Projekt, das wir wertschätzen können: diese Idee – gemeinsam, aber ohne Zwang - wieder stärker in die Köpfe zu bringen. Swimmie lässt grüßen.


Gary Flanell

Mittwoch, 27. Juli 2016

Freedom Rockets for Milo

DESCENDENTS-Fans sind scheiße.
Ja, ich weiß, das ist eine steile These. Aber es gibt Ereignisse in den letzten Tagen, die für diese Behauptung Gründe liefern.

Los ging's damit, dass die DESCENDENTS, eine der dienstältesten und wohl auch einflussreichsten Pop-Punkbands, am 29. Juli eine neue Platte raus bringen. Die heißt "Hypercaffium Spazzinate". Dazu schickt man gleich eine 5-Song-EP hinterher. Die heißt schlicht "Spazz Hazard".

Was bei beiden Titeln auffällt, ist die Verwendung des Wortes Spazz. Und der geht gar nicht. Denn "Spazz" bezeichnet im Englischen recht abfällig Menschen mit einer Bewegungsstörung, die durch eine frühe Hirnschädigung verursacht wird. Im Deutschen wurden Menschen mit einer solchen Behinderung früher - analog wie im Englischen - einfach als Spastis oder Spast(en) bezeichnet. Hat sich im Laufe der Jahre auch als ganz normales Schimpfwort durchgesetzt. Etwas weiter verbreitet, aber von gleicher Wortherkunft ist der vielbenutzte Spacko oder Spacken.

Im Deutschen wie im Englischen ist das Wort Spast bzw. Spazz sehr beleidigend, egal ob man nun Spastiker ist oder nicht. Ich denke, die DESCENDENTS haben den Begriff bei der Namensfindung ihrer Platte eher unbedarft eingesetzt. Aber das ist im Jahr 2016, vor dem Hintergrund von Begriffen wie Inklusion und der zunehmenden Integration von Behinderten, einfach nur total dämlich und dumm (beides!).

Für die englische Punkband HEAVY LOAD, die zu 2/3 aus Menschen mit Behinderungen besteht, war dieser Titel der DESCENDENTS-Platte ein Grund zum Protest. Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu erwähnen, dass die DESCENDENTS eine US-amerikanische Band sind, HEAVY LOAD aus Großbritannien kommen. Trotz gleicher Sprache hat der Begriff "Spazz" in beiden Ländern eine unterschiedliche Wertigkeit. Ich glaube, dass in England dem Begriff Spazz sensibler begegnet wird als im sonnigen Kalifornien, wo die DESCENDENTS herkommen. Trotzdem sollte man sowas auf dem Schirm haben, wenn man seine Platte so benennt. Dazu kommt die Einschätzung von HEAVY LOAD auf ihrer Homepage: "There also seems to be a real trend at the moment for people to proudly declare they are ‘politically incorrect and proud of it’.
Ganz allein stehen HEAVY LOAD mit ihrem Protest nicht, Unterstützung gab es auch von seiten des Blogs realgonerock.



Aber wie kann eine relativ unbekannte Punkband, ihren Unmut gegenüber solchen Szenestars wie den DESCENDENTS über deren Albumtitel äußern?

Was sie taten, war folgendes:
1.) Auf ihrem Blog einen Post setzten, der eindeutig gegen die Nutzung von "divisive language" Stellung bezieht.
2.) einen offenen Brief an die DESCENDENTS schreiben
3.)Aufruf zum Boykott der neuen DESCENDENTS-Platte.
4.) Ihrerseits ein an das bekannte Milo-goes-to-irgendwas-Motiv angelehntes T-Shirt anbieten. (Bestes DESCENDENTS-Fake-Shirt seit langer Zeit, übrigens).
5.) Eine Petition starten, die die DESCENDENTS dazu auffordert, den Titel ihres Albums zu ändern.

Nun kann man ganz pragmatisch sagen: Das bringt ja eh nichts. Die große DESCENDENTS-Werbewalze ist schon Monate vor dem Release im Gang, da sind Plattencover gedruckt, Anzeigen geschaltet, Touren gebucht, Shirts gedruckt, all das. Stimmt. Aber es geht bei dieser Aktion von HEAVY LOAD vielmehr darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aufmerksamkeit für den wirklich dummen Umgang mit einem Begriff, der in den 70er und 80ern oft benutzt wurde, aber auch da schon ein sehr abwertendes Schimpfwort war.
Zumindest wäre ein Statement der DESCENDENTS zu der ganzen Sache drin gewesen. Aber da kam nix. Und von einer Band, bei der immer wieder gern erwähnt wird, dass ihr Sänger ja ein gebildeter Mensch mit einem Doktortitel in Biochemie ist, wäre etwas mehr Reflexion bei der Wahl des Albumtitels sicher zu erwarten gewesen.

Was stattdessen als Reaktion für die HEAVY LOAD-Crew kam, war die geballte Wut der DESCENDENTS-Gemeinde.
Nur fünf Tage nachdem die Petition gestartet wurde, musste sie eingestellt werden. Warum? Weil aufgebrachte, von der Kritik an ihrer ach-so-tollen Lieblingsband in ihrem Innersten verletzte DESCENDENTSfans die Website und den Facebook-Account von HEAVY LOAD sabotiert haben. Na, spitze.

Was man sich in dem Zusammenhang mal fragen kann: Wie sieht der typische DESCENDENTS-Fan eigentlich aus? Wahrscheinlich ähnlich wie die Band. Weiße Männer mittleren Alters, möglicherweise eher der Mittelklasse zugehörig, also gar nicht so arm, und wahrscheinlich mit einer ganz ordentlichen Ausbildung - und wohl auch ganz ohne körperliche und geistige Behinderung. Ja, ich weiß, da kann ich mir an die eigene Nase fassen. Aber es kotzt mich an, dass man aus dieser Position heraus dermaßen nachtreten muss, wenn es mal zu einer Kritik an deiner Lieblings-Punkband kommt.

Und dass, nachdem gerade mal 201 (in Worten ZWEIHUNDERTUNDEINE!) Personen, diese Petition unterschrieben haben.
Dafür gibt's dann gleich massenhaft Drohmails und Webseitesabotage? Von Leuten, deren liebste Band wahrscheinlich tausendmal soviele Fans hat? Die sich mit ihrer neuen Platte, all den dazugehörigen Shirts und dem anderem Merch-Klimbim wahrscheinlich doof und dämlich verdient?
Eine Band übrigens, die ihrerseits total gerne auf ihr Außenseitertum und ihr Nerd-Dasein in ihren Songs thematisiert. Und in deren Namen wird jetzt auf die nächsten Outsider getreten, nur weil die mal Protest anmelden in einer Sache, die sie persönlich was angeht?
Es kotzt mich an. Deshalb sind DESCENDENTS-Fans scheiße.

P.S.: Dear Bill, Milo, Karl and Stephen,
I suppose, you won't understand a word of what I wrote above. But maybe you heard about the protest of HEAVY LOAD from England about the title of your new album. Would be overcharged from you to issue at least a statement regarding to this topic? I'd really appreciate that.

Cheers from a Plattenbau in East-Berlin,
Gary Flanell