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Dienstag, 14. Mai 2019

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. XX

Heute: Nord - Dahinter eine Festung (Kidnap, 2016, nordpunk.de)

Musste erstmal schauen, von wann die Platte ist, solange steht sie schon in der Renfield-Rezikiste. Die jetzt mal renoviert wurde. Vielleicht bringt mich das ja dazu, da öfter mal reinzuschauen. Auf alle Fälle wurde sortiert und das erste Exemplar, das mich in „Mensch-die-musst-du-dir-jetzt-mal-genauer-anschauen“-Schuldgefühle stürzt, ist die LP von Nord. Ob's die noch gibt? Könnte ich recherchieren, aber ich habe ehrlich gesagt keine Lust. Die Chancen, dass es die Band noch gibt, stehen nicht so schlecht, immerhin ist das Album vom Herbst 2016, auf Kidnap raus gekommen, da ist man doch motiviert, länger dran zu bleiben. Wäre ich zumindest, wenn ich eine Band hätte und solche Voraussetzungen bestehen würden. Aber wer weiß; es gab oft genug Bands, die eine Platte gemacht haben, hoffnungsvoll waren und dann ging aus gründen die niemand versteht, nichts mehr. Aber das kann mir ja auch egal sein. Ich nehme diese Platte, der Infozettel ist schon lang den Weg des Altpapiers gegangen. Soweit ich weiß kommen nord aus Münster und Dortmund. Dortmund Nord, oder auch vom Nordpol, welch ein Witz. Da möchte ich nicht wohnen, wenn das alles stimmt, was man sich so sagt. Abgeranzt und voller Nazis. Nord sind glücklicherweise keine von diesen bierbräsigen Streetpunkbands, die es im Ruhrgebiet viel zu oft gibt. Sie sind eher so die Melo-Ollis. So eine homöopathische Dosis Turbostaat lässt sich wohl nicht vermeiden. Das finde ich ja prinzipiell gut, aber irgendwie werde ich mit Nord nicht warm. Klingt zu gewollt, nach zuviel Probe, zu viel Ernst von jungen Männern, die mit Mitte 20 ihre trübsinnigen Gedanken schon so gut in Metaphern und Metaebenen formulieren können, dass es mir Angst wird. Vielleicht bin ich auch nur neidisch, dass ich das mit Mitte 20 nicht so konnte.
Hamburg (vielleicht kommt daher die Nord-Referenz im Namen?). 3000 Yen ohne Gruselfaktor. Oder Bärbel. Dieses Hake-Zeug. Mit leichtem Faible für pathosgeladenen Gesang. Und mit Texten. Ja wirklich, Gesang mit Texten, na sowas. Auch ein bißchen langweilig, Gesang mit Texten. Da habe ich in dieser beschreibenden Art schon sowas von den Kanal voll, dass ich eigentlich ausschalten möchte. Finster und ernst wollen die schon sein, das klappt so mäßig. Aber nunja, hör ich mir das halt mal komplett an. Ernst sein gefällt mir ja ganz gut. Es wird nicht wirklich besser. Ja ja, das Tempo stimmt und alles Formale ist total super, aber mich kriegt der Norden, egal ob Dortmund, Münster oder Hamburg-Nord-Süd leider nicht. Dieses Filmsample mit den Himmelsrichtungen ist super, woher kenne ich das eigentlich? Insgesamt fehlt mir da was, denn von allem wird geklaut, DackelBlumen am Arsch von Oma Pascow, das hört man alles raus. Eine Orgel wie bei den Doors wünsche ich mir ab dem zweiten Song. So läuft alles in ein haariges Ohr rein und aus dem anderen raus. Halt so eine Jungscombo, die in NRW Punk macht. Schulterzucken. "Jetzt geht's nicht mehr weiter." singt man. Wenn der Sänger wüüsste, wi Recht er hat. Das mag besser sein als irgendwas total Bierseliges, das über das Rodeofeld called Ruhrpott hoppelt, bringt mich aber nicht zum Zucken. Infozettel ist doch noch da, hatte sich im Inlay versteckt. Gucke aber jetzt nicht drauf, die 10 Minuten sind eh um. Merke jetzt erstmal, wie müde ich bin. Danke Nord. Geht bitte woanders spielen, ich habe leider keine Zeit mehr für euch.
(m, ein kleines müdes m für diese ernsten jungen selbstzweifelnden Männer aus NRW.)
Mary Flanell

Diese Rezension wurde im FreeWriting-Verfahren nach Ken Macrorie und Peter Elbow innerhalb von 10 Minuten verfasst. Bis auf Rechtschreibfehler wurde nichts verbessert oder redigiert.

Freitag, 19. April 2019

SubCult – Klänge jenseits des Hauptstroms - 17.04.2019

SubCult – Klänge jenseits des Hauptstroms vom 17.04.2019 – mit Timbob Kegler und Studiogast SJ Cora.

Die Playlist:

1. Brute Minou – Désiré


2. Dane Joe – Down and out in Jerusalem and Berlin


3. Botanica – Dead Prophet


4. SJ Cora – Your friend forever


5. Wrackspurts – Rosa


6. Wargirl – Last time


7. Deafkids – Vox Dei


8. Deaf Kids – Pacto des Mascaras
9. Alien Fight Club – Alien Fight Club #1


10. Able Bodies- Punk #2


11. 19 Wiosen - Błękitny Express


12. Gary Flanell feat Felix Navidad – Rockaway beach (Sorry, no link. Too cool for the internet.)

Samstag, 13. April 2019

Krachmittag 2019 - die dritte Lichtenberger Noise-Matinee

Den Sonntagnachmittag darf man nicht dem Jazz überlassen, es muss gekracht werden.
Deshalb wird in der Remise in einem Lichtenberger Hinterhof kräftig gelärmt.

Zwei Bands, vier Personen.
Zwei Schlagzeuger_innen, zwei Bassisten. Liest sich wie Drum'n'Bass, ist aber was anderes.

KRÄLFE (Minimal Noise Rock, Berlin, https://www.facebook.com/kraelfe/)
+

ATOMVULKAN BRITZ (NoiseDubWave, Berlin, so neu, da gibt es nicht mal irgendeine SoundcloudBandcampMyspcaewünschdirwas-Seite)

Inklusive Kinderbetreuung für krachliebende Familien und Alleinerziehende,

05.05.2019
Einlass ab 14 Uhr,
Loskrachen ab 15 Uhr.
Magdalenenstraße 19, Berlin-Lichtenberg (U5, Ubhf Magdalenenstraße)


Sonntag, 24. März 2019

Angst vor blauem Himmel - Termine 2019 so far

Hier die Termine, an denen man Gary Flanell bis Mitte des Jahres live bei Lesungen aus seinem neuen Kurzgeschichtenband "Angst vor blauem Himmel" erleben kann.

29.03.2019 Lesen zwei Männer in einer Bar Soulcat, Pannierstraße 53, 12047 Berlin, 20 Uhr, mit HC Roth (Graz)

06.04.2019 Mokkabär, Frankfurter Straße 266, 38122 Braunschweig, 20 Uhr, m. Abel Gebhardt

23.04.2019 Lies los! - Lesebühne des Studierendenwerks Berlin, Skyline Mensa der TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin

16.05.2019 Lesereise NRW: Wohnzimmer, Cow Club Vereinsheim, Düsseldorfer Straße 87, 42697 Solingen, 20 Uhr, m. Philip Nussbaum

17.05.2019 Lesereise NRW: Brause - Vereinsheim des Metzgerei Schnitzel Kunstverein e.V., Bilker Straße 233, 40215 Düsseldorf, m. Philip Nussbaum und Alex Gräbeldinger

05.06.2019 Schanzenzelt-Festival, Schanzenpark, Hamburg, m. Abel Gebhardt

18.06.2019
Lies los! - Lesebühne des Studierendenwerks Berlin, Skyline Mensa der TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin

Montag, 25. Februar 2019

Pure Erschöpfung darf niemals siegen

Schöner Titel für eine Kolumne, das da oben. Wenn es das Renfield mal wieder in gedruckter Form gibt, und es darin überhaupt irgendwas zu schreiben, dann wird das eine Rubrik. Dann wird eh alles rubriziert, alles in Strukturen gepackt. Als hätte man einen Handwerkskoffer mit lauter Fächern, mal größer, mal kleiner, die befüllt werden könnten - mit Werkzeug, mit Schrauben, Ventilen, Klammern, Ösen, all dem Zeug, das hilft, um ein bißchen an dem Getriebe der eigenen geistigen Balance des jeweils Schreibenden zu drehen. Bis die interne Wasserwaage wieder im Gleichgewicht ist.

Ernsthaft, ich denke, das Schreiben an sich hat schon eine ausgleichende Wirkung. Dabei muss es noch nicht einmal zielgerichtet sein. Schreiben, so wie ich es gerade tue, ist derzeit eine kleine Warm-Up-Übung, um mich einzugrooven auf größere Dinge, die bald anstehen und geschrieben werden müssen. Warum also nicht schon mal das Schreibzentrum ein wenig auf Touren bringen, damit die Prokastination nicht all zu wild wird?

Im letzten Post ließ ich mich zu der Überflüssigkeit von Plattenkritiken aus. Dazu stehe ich immer noch. Vor allem, wenn eine Rezension eigentlich nur die basic facts vom Promozettel wiedergibt. Interessanter wird es, wenn der/die Schreibende ein wenig darüber reflektiert, was eine bestimmte Musik bei ihm/ihr auslöst. Dazu finde ich, eignet sich eine Rezension dann schon. Vielleicht probiere ich das jetzt mal aus. Die Stoppuhr stelle ich auf zehn Minuten. Danach ist Schluß. Los geht's.

DIE SCHWARZEN SCHAFE/NAKED AGGRESSION BREAK FREE SPLIT 7" - Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel. Das Wochenende hört scheiße auf, die Woche fängt schlecht an. Guter Grund um wieder ins Bett zu gehen. Komplett. Platten bestellt bei Elfenart, da kam die 7inch von DSS und NA mit. Hatte ich gar nicht bestellt. Wollte mich empören, tat ich aber nicht, denn die war als Reviewexemplar gedacht. Herrje, Deutschpunk und Anarchogeballer. Beides nicht meins, derzeit nicht und sowieso schon lange nicht mehr. Wenn ich jetzt auf dem Teppich liege, dann ist um mich herum folgendes: Angst (Dead Brothers), Reverend Beat-Man, Trixie Trainwreck, Czeslaw Niemen, Wargirl - großartig! Aber kein Schrubbel-Punk. Schwarze Schafe zuerst. Artwork sieht aus wie immer, schwarz-rot, Bröckel-Layout, Quasi-Schreibmaschinenschrift der Texte. Klingt auch so wie immer. Ich tue mich schwer. Verstehen kann ich das. Dass man als langlebige Punkband so seinen Stiefel fährt. Aber wie wär's mal mit was Neuem? Bißchen Experiment? Mal ein paar Dub-Remixe von DSS-Hits? Hörte, dass bei den Schafen jetzt einer von PARANOYA den Bass zupft. Macht es auch nicht frischer. Was sie tun in allen Ehren, aber wenn man eine DSS-Platte von vor, sagen wir 10-15 Jahren nimmt und die hier abspielt, man könnte nicht sagen, was neu wäre und was nicht. Gibt Leute, die nennen, das traditionell. Die wollen dann auch nichts Neues. Das ist dann Punk, oder was? Immer den gleichen Brei nochmal aufkochen? Jaja, auch diese Meckerei ist nicht neu, wir drehen uns im Kreis. Kann ich auch nix für. Spitzen-Lösungsansatz, Herr Flanell, Chapeau dafür. Das hier. Zieht mich aber nicht an und finde ich für mich total uninteressant. DSS sind wie Sterni trinken. Es geht irgendwie runter, aber ich stehe mehr auf Gin Tonic. Keine Ahnung, was das im Vergleich wäre. Sorry Armin. Noch zwei Minuten. Die sind für Naked Aggression. So Split-Buddies aus den USA von DSS. Finde ich tempomäßig etwas cooler, weil es da mehr anzieht, aber insgesamt für meinen Energielevel dann doch zu hektisch. Textlich auch so konkret, als wäre seit 1995 nix mehr passiert. Da... Der Wecker klingelt. (M für Naked Agression und O für Die Schwarzen Schafe auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala)

DIE SCHWARZEN SCHAFE/NAKED AGGRESSION - Break Free SPLIT 7", erschienen in einer Kooperation von Campary Records, Malok Records, Urinal Vinyl Records, Elfenart Rec., Black Wednesday Records und Malditos Vinilos.

Samstag, 29. Dezember 2018

Death of a genre - Pt.II

Ausgehend vom letzten Eintrag hier sind mir in den vergangenen Tagen einige Gedanken zu dem Thema durch den Kopf gegangen. Nach wie vor finde ich, dass Plattenrezensionen, abgesehen von den hard facts (Band, Titel, Label, Erscheinungsjahr, LP/CD/digital, Verfügbarkeit), eigentlich nur mehr wenig Relevanz haben. Wenn das, wie ich vermute, mit der fehlenden Zeit zu tun hat, die zum Schreiben infolge der Geschwindigkeit, mit der sich Informationen mittlerweile verbreiten, fehlt, dann müsste man vielleicht andere Wege des Rezensionsschreibens finden. Ein weiterer Aspekt ist auch die schiere Menge an Musik, die veröffentlicht wird und die Menge an Texten die zu Platten im Netz verfasst werden. Geht man von der Menge an verfügbarer Musik aus und der wenigen Zeit, die zum Schreiben bleibt, hilft vielleicht am besten: Entschleunigung. Die wird hier beim Renfield ja seit einiger Zeit erfolgreich praktiziert. Was Plattenkritiken angeht, ist dieser Blog in den letzten Monaten nicht besonders aktiv gewesen. Was ok ist.

Ein weiterer Punkt hat nur in zweiter Linie etwas mit Menge und Zeit zu tun: Es geht um Relevanz. Wenn ich auf eine sehr große Menge von Veröffentlichter Musik zugreifen kann, mir an jeder Ecke was von Labelmachern angeboten wird und ich mir die zeit nehme, vieles davon zu hören und zu rezensieren, dann wird es um so schwieriger, sich nicht zu wiederholen, nicht wiederzukäuen, was im Infoschrieb steht. Leider sind noch nicht viele Wege gefunden, um aus dem notorisch öden Rezensions-Sprech mit Namedropping, Rock'n'Roll-Floskeln, Nacherzählung der Bandhistorie und pseudo-objektiver Notenvergabe rauszukommen. Vieles bleibt Mittelmaß, denn der Großteil der veröffentlichten Musik ist ja nicht mal richtig schlecht, sondern eben irgendwie gut gemacht, aber nichts besonderes. Für das wirklich grottige Zeug will man seine Zeit und Energie auch nicht verschwenden und die richtig guten Platten - sie sind selten und das ist irgendwie auch gut so.

Wenn ich weiter darüber nachdenke, merke ich, was mir bei vielen Kritiken fehlt. Eine gewisse Subjektivität des/der Autor*in. Wie schon oben gesagt. Die normalen Infos plus Verweis auf Klingt-wie-so-und-so-in-ihrer-Post-80s-90s-Depro-NYC-Phase, das ist schnell gemacht. Für eine formale Beschreibung einer Platte kann man auch auf diverse Algorithmen im Netz zurückgreifen, um herauszufinden, ob es einem/einer taugt. Interessanter wäre es zu lesen, was in dem/der Schreiber*in so vorgeht, wenn sie die Platte hört. Kann von cool inszenierter Langeweile bis zu totaler Euphorie ja alles sein. Vielleicht sollte man in Rezension mehr Bilder, mehr Vergleiche nutzen, um die Stimmung nachzuvollziehen, die eine Platte auslöst. Und vielleicht geht es dann auch weniger darum, die Platte mit einer Bewertung in Form von Noten, Sternchen oder Klötzchen zu versehen. Damit, so finde ich, bietet man dem Leser eine schön rationale Einschätzung, nimmt ihm aber auch die Möglichkeit, mal etwas auszuprobieren. Ich glaube, wenn all diese Bewertungssysteme weg fielen, wären viele Hörer ziemlich irritiert. Denn der erste Blick geht ja mal auf die Zahl der Punkte. Was einem/einer ja schon mal eine erste Einschätzung vorwegnimmt.

Wie könnte man aber an dieses Subjektive, Nicht-Formale herankommen, um eine Kritik interessanter zu machen? Vielleicht macht es Sinn, sich dabei des "Free Writing" zu bedienen, eine Methode, um in einen Schreibfluß zu kommen. Es ist eigentlich ganz einfach. Und macht Spaß.
Es ist sogar so einfach, dass ich sage, wenn es in Zukunft Rezensionen auf dem Renfield-Blog gibt, dann werden die nur noch nach Art des Free Writings verfasst.

Spielen wir das doch mal durch:
Du willst eine Rezension über das neue Album von Band XYZ schreiben.

1. Platte anhören. Dabei schon mal Artwork anschauen. Infozettel lesen. Letzteres nur eventuell. Kann man auch weglassen (großes Sorry an den/diejenige, die den Pressetext dann für Nüsse geschrieben hat. Wir schätzen deine Arbeit trotzdem.).

2. Wecker oder Timer auf 10 Minuten stellen.

3. 10 Minuten schreiben. Ununterbrochen schreiben. Egal ob langsam oder schnell, Hauptsache schreiben. Thema ist diese Platte, aber was du schreibst, ist erstmal vollkommen egal. Du kannst auch 10 Minuten lang schreiben "Mirfälltnichtsein, mirfälltnichtsein, mirfälltnichttseiin" usw. Egal. Hauptsache du schreibst. Es müssen keine Sätze sein. Hauptsache schreiben.

4. Nach 10 Minuten aufhören. Auf eventuelle Rechtschreibfehler checken. Vielleicht schauen, was man rausnehmen will.

5. Wenn es ein Verlangen nach Veröffentlichung auf diesem Blog gibt, den Text an renfield-fanzine@hotmail.de schicken. Es wird von dieser Seite nur zart redigiert. Das hier ist keine Journalistenschule, wir vergeben keine Preise und zahlen auch nix. Dafür wurden wir bisher auch noch nie von Claas Relotius verarscht.

Fertig. Das war es schon.

Ich wünsche allen Lesern dieser Zeilen einen kuschlig weichen Jahresendtransfer.

Gary Flanell

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Death of a genre - die Plattenrezension

Kein Mensch braucht mehr Plattenrezensionen. Gut und schlecht geschriebene Kritiken sind mittlerweile total unbrauchbar für die Beschreibung von Musik geworden. Warum?

Die schlecht geschriebenen sind unnötig geworden, weil sie eigentlich nur Umformulierungen dessen sind, was die Labels mit dem Stream oder der Promo-CD schicken und den Redakteuren diverser Musikmedien auf den Zettel schreiben. Formale Informationen sind das. Infos, wer mit wem und wann mal ins Studio gegangen ist, wen man sich als Backgroundsänger für Track Null, acht und 15 dazugeholt hat, welche Techniken und Instrumente diesmal - total verrückt - zum Einsatz gekommen sind und ja außerdem, was noch total wichtig ist, wäre.... PFFFFT! Langweilig! Uninteressant!

Wenn man eh nur das, was auf dem Waschzettel zu Platte X steht, wiederholt, dann kann man es gleich sein lassen. Das passiert leider häufig genug bei schlechten Plattenrezensionen. Die oben genannten Infos kann sich jeder, der im 21. Jahrhundert einigermaßen medienkompetent ist, schnell selber aus dem Netz ziehen, mit freundlicher Unterstützung der Informationshausmeister Google und Discogs.
Ein netter Trick, der allerdings die eigene komplette Hilflosigkeit und Desinteresse gegenüber einer Veröffentlichung darzustellen, ist das Zitat einer älteren Rezension zum gleichen Künstler. Wenn mir nichts mehr einfällt, der Text aber doch noch viel zu kurz ist, dann schreib ich doch mal beim Banknachbarn ab: "Wie ich schon beim Debut schrieb..." oder "Wie XYX schon in seiner Rezension in Heft No. WRXL so treffend bemerkte..."
Auch das: PFFFFT! Langweilig! Uninteressant!

Diese schlechten Rezensionen sind ein Ärgernis, das Problem liegt allerdings woanders: Im Zeitdruck. Dank digitaler Verschiffung passiert alles im popkulturellen Kontext mittlerweile rasend schnell. Platte kommt raus, Info wird verschickt, in zwei Minuten hast du sie auf dem Rechner, kannst alles anhören und anschauen und dann.... muss was passieren. Dann musst du am besten sofort schon was Prägnantes schreiben. Denn die anderen sind genauso schnell und vielleicht sogar schneller. Wie auch immer die das hinbekommen. Aber unter Zeitdruck kommt selten etwas gut geschriebenes raus. War ja schon bei Klassenarbeiten so. Wenn du nach 30 Minuten noch vor dem leeren Blatt sitzt, dann hilft es eben nur beim Banknachbarn abzuschreiben (s.o.), oder den kompletten vorgegebenen Text aus dem Geschichtsbuch zu kopieren. Beides ist am Ende... PFFFFT! Langweilig! Uninteressant!
Genau so ist es mit den schlechten Plattenrezensionen. Und weil das Wiederkäuen der eh schon verfügbaren Information nichts bringt - nicht mal Geld, sind wir mal so ehrlich - können wir es auch einfach lassen und uns den schönen, entspannteren Textformen zuwenden.

Die gut geschriebenen Plattenrezensionen sind aber auch überflüssig. Und so selten geworden wie Einhörner im Hambacher Forst. Um eine gute Plattenkritik zu schreiben braucht es ausreichend Zeit. Und ausreichend Raum. Raum, in dem die Zeichen, Buchstaben und Gedanken so munter galoppieren können wie Wildpferde über eine baumlose Prärie (Nicht Einhörner. Die leben im Wald). Raum auf einem Blog, auf einer Homepage, in einem Magazin. An diesen Aspekten scheitert es. Zeit und Raum und Aufmerksamkeit - gibt's alles nicht mehr.

Vor wenigen Monaten konnte man mit Grausen erleben, wie die Spex untergangen ist (Die Spex! The unsinkable majesty of Diskurs-Bingo! Bitte fügen Sie hier wahlweise eine TITANIC- oder DINOSAURIER-Metapher ein), eben weil sich das Printgeschäft für Musikmagazine
einfach nicht mehr lohnt. Das Interesse an gut gemachten Artikeln und Rezensionen über Alben und Songs ist sicher da, aber es fehlt die Zeit, um sie anständig zu schreiben.
Auch die Aufmerksamkeitsspanne, um etwas konzentriert zu Ende zu lesen ist oft nicht mehr gegeben. Selbst dieser Text wird wahrscheinlich von 3/4 der Anklickenden nicht bis zum Ende gelesen. Das Problem ist das gleiche wie bei schlecht geschriebenen Kritiken: Alles muss sehr schnell gehen. Gerade gehört und während du bei Track 3 bist, am besten schon 4500 Zeichen in Typo3 reingehackt. Schön ist sowas nicht. Aber schnell und gut geschrieben, das schließt sich eigentlich aus.

Wie sähe aber eine gut geschriebene Plattenrezension aus? Wie stelle ich mir das vor?
Vielleicht so: Erstmal in Ruhe einmal die Platte hören. Eine Platte, an der ich wirklich Interesse habe. Nicht irgendwas, das mir der gestresste Redakteur hinknallt, weil es ins Heft muss (weil Plattenfirma Anzeige bezahlt) und für das ich dann eine Rechnung über 30 Euro ausstellen kann. Also anhören. Von vorn bis hinten. Nicht skippen müssen. Am besten zuhause, dann nochmal im Büro. Beim ersten Mal nicht über Kopfhörer, sondern im freien Raum. Später dann nochmal in verschiedenen Situationen: Unterwegs, zuhause, abends, morgens, allein, mit der/dem Freund*in, mit Kolleg*innen. Vielleicht bringst du die Leute in deiner Lieblingsbar dazu, sie mal aufzulegen. Eine Woche Zeit dafür haben. Nur zum Hören. Vielleicht schon mal ein bißchen Recherche betreiben.
Cover anschauen, Texte studieren, Info vom Waschzettel in Ruhe lesen. Dann noch eine Woche Zeit nehmen. Das ganze sacken lassen. Auf kleiner Bewusstseinsflamme köcheln. Dann noch eine Woche, wenn möglich zwei, zum Schreiben. Dann die Deadline reißen. Mit Absicht und Gelassenheit. Noch eine Woche später einen wirklich guten Text abgeben. Über Zeichenzahl können wir reden. Meinetwegen den etwas fahrig wirkenden Redakteur alles zerrupfen lassen. Aber das gute Gefühl haben, eine Platte mit Zeit und Muße einer Begutachtung unterzogen zu haben, die sie und auch der Schreibende verdient. Was der Redakteur mit den Augenringen damit nach der Abgabe macht, ist egal. Mein Baby bleibt bei mir, so wie ich es schuf.

Und jetzt die traurige Wahrheit: Für all das ist keine Zeit mehr. Deshalb sind Plattenkritiken, so wie es sie gibt und wie wir wie seit Jahrzehnten kennen, extrem unnötig geworden. Die eine Variante ist belanglos und die andere heutzutage nicht mehr realisierbar. Vielleicht müsste man sich neue Wege und Techniken zum Schreiben von Rezensionen überlegen. Die die Aspekte zeit und inhaltliche Tiefe gleichermaßen berücksichtigen. Denn die Information über neue Musik zu verbreiten, Künstler und Alben bekannter zu machen, das ist immer noch wichtig. Dazu reichen aber drei Zeilen und ein Link.

Donnerstag, 29. November 2018

Gary Flanell liest und musiziert - die kommenden Termine



Hier also mal die Dates, zu denen man Gary Flanell mit dem Kurzgeschichtenband "Angst vor blauem Himmel" und in guter Begleitung live sehen und hören kann:

07.02. Berlin-Kreuzberg, TR*CKXSDRAS*YL, m. Kent Parson (Ox-Magazin)
21.12. Berlin-Prenzlauer Berg, Lange Nacht der Subkulturen, Periplaneta, Bornholmer Straße 81 a
05.02. Berlin-Mitte, Studentenwerk Berlin
11.02. Berlin-Lichtenberg, Ping Pong Tresen, Magdalenenstraße 19, "Sich prügeln"-Lesung von Houssam Hamade
29.03. Berlin tba.
15.03. Bad Bevensen, tba. m. Abel Gebhardt (Ox-Mag, Stay Wild-Zine)
06.04. Braunschweig. tba. m. Abel Gebhardt



LESEN? VOR PUBLIKUM?
Mache ich immer gern. Nicht nur in Berlin, sondern überall. Wenn ihr Texte aus dem "Stuntman unter Wasser" oder der "Angst vor blauem Himmel" in eurer Stadt hören wollt, dann nehmt Kontakt auf unter renfield-fanzine@hotmail.de. Alles weitere klären wir dann.




(Foto: Gabriele Summen)

Dienstag, 20. November 2018

Autogramme, Autogramme, Autogramme!

Wow - nur noch ein Tag bis morgen! Die Zeit rennt, man glaubt es kaum. Und nur noch vier Tage bis zur BUCH BERLIN 2018, der Berliner Buchmesse.
Auch der Periplaneta-Verlag ist am kommenden Wochenende dort mit einem Stand (No. 97 by the way) vertreten und - welcher Zufall - auch Gary Flanell himself wird da sein.
Am 24.11. wird er an Stand 97 von 16 bis 17 Uhr alles signieren, was er in die Finger bekommt. Am liebsten natürlich eure Exemplare seines neuen Erzählbands „Angst vor blauem Himmel“ - oder auch das Debutwerk „Stuntman unter Wasser“.

Also: Rememember the Spirit of (Stand) 97 und kommt vorbei. Wir freuen uns auf euch!

Noch mal zum Rememberieren:

Die Buch Berlin findet am 24. und 25. November im Mercure Hotel MOA statt.

Alles weitere gibt's hier:

Buch Berlin

Sonntag, 18. November 2018

Voll-, teil- und komplettrasiert: Neue Musik für Arbeit

Dass ich das noch erleben darf! Die Diskussion, wie das alles mit Hartz IV a.k.a. ALG II weitergehen soll, kommt so langsam in die Gänge. Was gut ist. Aber sind wir doch ehrlich, ein sanktionsfreies Grundeinkommen wäre am Ende nicht so schlecht. Da gibt es Hoffnung.
Denn auch in den hintersten Winkeln der betulichen Hart-IV-Erfinderin SPD dräut so langsam die Erkenntnis, dass ALG II nicht so richtig toll ist. Aber diese Erkenntnis beruht wahrscheinlich auf der Angst, dass der seit Jahren anhaltende Liebesentzug der Wähler bei der SPD damit zumindest irgendwie aufzuhalten wäre. Hat zwar ein bißchen gedauert, aber: Well done, Genossen. Besser spät als nie. Ob das der Fallschirm gegen den Absturz in die Bedeutungslosigkeit ist, na ja, mal sehen...

Nun ist es ja nicht so, dass sich nicht schon diverse Bands mit der Thematik Arbeit bzw. Nicht-Arbeit und dem dazugehörigen Ärger beschäftigt haben. Aber mal ehrlich: Das Thema ist ja quasi unerschöpflich. Eine total illegal zusammengestellte Kompilation solcherlei Material wäre mal ein nettes Feature für die immer länger werdende To-Do-Liste.

Ganz sicher mit dabei wären THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM. Die haben nämlich jetzt gerade ein neues Video raus gebracht, "Jobcenterfotzen" heißt es ganz subtil. Ist ein erster Teaser für das nächste TTCHIK-Album "bitchlifecrisis". Was dann im Februar kommt. Stilistische Beschreibungen erspare ich mir und euch hier, denn hören ist diesmal mehr als lesen.

Die Jobcenterfotzen sehen gefilmt übrigens so aus...


Hübsch.

Wer nicht beim Jobcenter ist, und sich dafür jeden Montag mit einer weiteren lebenszeitfressenden Woche im Büro konfrontiert sieht (inklusive einer sinnfreien Tätigkeit, die statt in acht auch in fünf bis sechs Stunden effektiver erledigt werden könnte), der findet mit Doom-Metal ein musikalisches Äquivalent zu einem langsam das Hirn durch den Wolf drehenden und wie immer ergebnisoffenen Arbeitstag.

Nun gibt es vermutlich eher weniger Sekretär_innen und Sachbearbeiter_Innen, die sich zum Seelentrost mit Saint Vitus oder Pentagram hochpushen. Möglicherweise hat aber der ein oder andere Büromensch schon mal was von den Känguruh-Chroniken gehört und findet den Marc-Uwe Kling total dufte. Daraus ergibt sich eine astreine Win-Win-Situation, denn ebenjener Herr Kling hat jetzt auch eine Band.
ARBEITSGRUPPE ZUKUNFT heißt die und auch die haben einen Song zum Thema Arbeit rausgehauen. Womit wir wieder beim Metal sind. Schauen Sie sich das an, meine Damen und Herren.
Schade nur, dass, anders als im echten Leben, im Video nur Kerls im Büro sitzen und die Sau rauslassen. Aber vielleicht ist das ja Absicht und sowieso total ironisch, wie man das so tut, wenn man Akteur der Popkultur ist. Könnte man mal Linus Volkmann fragen.



P.S.: Dieser Hype um die Känguruh-Chroniken ist zum Glück komplett an mir vorbeigegangen. Sollen doch andere lachen und sich als Kling-Kenner bei WG-Parties in der Küche enttarnen. Ich gönne es euch und pflege weiterhin meine Ignoranz.

Samstag, 10. November 2018

Angst vor blauem Himmel - das zweite Buch des Herrn Flanell

Seit Mitte Oktober ist er raus: Der zweite Band mit Erzählungen von Gary Flanell. "Angst vor blauem Himmel" heißt das Prachtstück, wieder erschienen in der Edition Subkultur des Periplaneta-Verlags. Zu entdecken gibt es einiges in den 35 Texten (zum Beispiel auch die Tatsache, dass bald Weihnachten ist. Nur so als Tipp, falls ihr noch ein Geschenk sucht.): Von pubertierenden Punks über freischaffende Journalisten auf Abwegen, desillusionierte Autoren auf Lesereise, Menschen, die an Batterien lecken, bis hin zu explodierenden Seelen, Darstellungen des Verbeverhaltens von Tieren und den obligatorischen Abenteuern der kleinen Spinne Pup. Vorgestellt wird das Werk in den nächsten Monaten auf Lesungen in Berlin und anderswo. Die Termine werden bald hier bekanntegegeben,

Gary Flanell - Angst vor blauem Himmel
208 S., 12,50 Euro
Edition Subkultur
print ISBN: 978-3-943412-38-3
epub ISBN: 978-3-943412-39-0

Interessierte können das Buch auch direkt beim Autor erwerben. Kurze Mail an renfield-fanzine@hotmail.de und wir regeln alles weitere.

Anfrage für Lesungen und Veranstaltugnen bitte an das Flanell'sche Management unter tim.kegler@yahoo.de

SubCult -19.10.2018

SubCult 19.10.2018 – mit Timbob Kegler

1. Squarecom広場SOFTWARE - エコージャムDATING SIMULATOR – invitation


2. Timbob Kegler: Auszug aus Aldous Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung (in Edward Reavis: „Rauschgiftesser erzählen“)

3. Shakey Graves – Unlucky skin


4. Timbob Kegler: Auszug aus Siegfried Schmidt-Joos: My Backpages

5. The Sloks – Jazz is dead


6. Raw Dog – Drink drank drunk


7. Timbob Kegler: Auszug aus Leitfaden der Bade- und Luftkurort Rumäniens

8. Moki Mcfly - Periodic Halftones


9. Timbob Kegler: Auszug aus Leo Tolstoy – The devil

10. Telemama & Pikolomini – Filmovi


11. Chafouin – Le blues de là bas


12. Timbob Kegler: Auszug aus Kasimir Edschmid – Das beschämende Zimmer

13. Chris Imler – Küchenmesser


14. Pikolomini – Viktorija


15. Timbob Kegler: Auszug aus Jean-Claude Izzo: Aldebaran

16. Wang Wen – Lost in Train Station


17. Timbob Kegler: Auszug aus Paul Krassner: Ein unhöfliches Interview mit Timothy Leary (in Edward Reavis: „Rauschgiftesser erzählen“)

18. Cataya - Destiny



Nachzuhören ist das allea auf der Mixcloud-Seite von Subcult.

Samstag, 22. September 2018

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms 21 09 - 18

Die Playlist

1. Theodor Shitstorm – Rock'n'Roll


2. Britta – Büro, Büro


3. Kalla Brisella – I'm sorry


Kalla Brisella live: 06.=oktober + Trucks @ Internet Explorer, Berlin

4. Praery – Maybe better


5. Notgemeinschaft Peter Pan – Helikoptereltern - Staffel 1


6. The Callas_w_Lee Ranaldo_Γλυκιά Μου Όμορφη


7. Los Daytonas – Mata y Los vuelve


8. Satan's pilgrims – Que Honda


9. Reverend Beat-Man & Sister Izobel Garcia – Pero te amo
10. Reverend Beat-Man & Sister Izobel Garcia – Macorina


11. We are the city – When I dream, I dream of you


12. Shadow party – Reverse the curse


Donnerstag, 13. September 2018

One flew over the cat flap...

...aber drei andere cool cats lesen alles.
Alles, was sie an unterhaltsamen, witzigen und nachdenklichen Texten geschrieben haben.

VIER LESEN heißt der Spaß, aber wie das Leben so spielt, sind wir diesmal nur zu dritt. Kann passieren. Mr. Roth kann man auch einen Abend vorher, am 21.09., bei der LANGEN NACHT DER SUBKULTUREN erleben. Viola Nordsieck und Gary Flanell auch.

Hier mal die Fakten für die beiden Leseveranstatlungen am 21. und 22.09. in Berlin.

21.09.2018 LANGE NACHT DER SUBKULTUREN bei PERIPLANETA ab 20 Uhr

mit: Viola Nordsieck, HC Roth und Sascha Plach. Musikalischer Support: Gary Flanell

Wo? PERIPLANETA LITERATUR CAFÉ, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin

(Ringbahn/U2 Schönhauser Allee u. 10 Min. Fußweg o. Tram M13, Station Schönfließer Straße)


20.09.2018 VIER LESEN. ab 20 Uhr

mit: Viola Nordsieck, Mascha Tobe und Gary Flanell (diesmal lesend)

Wo? GARAGE PANKOW, Hadlichstr.3, 13187 Berlin

(U2 Pankow)

Dienstag, 28. August 2018

Der Alte Mann, III

Ich esse morgens gern Ei. Gekocht. D.A.M. nicht. Zugegeben es ist eine ambitionierte Aufgabe sich jeden Tag hinzusetzen, und über das Leben des Alten zu schreiben. Denn es passiert nicht mehr viel bei ihm. Nachts wird geschlafen, morgens dann ein neuer Platz zum Schlafen gesucht, Sofa oder Stuhl, geht alles. Wenn ich aufgestanden bin, zieht er nochmal um, in mein Bett. Komme ich nachmittags oder abends wieder, weil ich Dinge getan habe, die zu tun waren, liegt er immer noch im Bett. Man könnte denken, er hat eine Depression.
Aber das herauszufinden ist schwer, den D.A.M. spricht ja kaum. Außer wenn es ums Essen geht und selbst dann gibt es nur kurze Anweisungen. Frage mich, ob bei ihm früher mal mehr los war. Ist er in jungen Jahren mal um die Häuser gezogen? Hatte er aufregende Affären mit Männern und Frauen? War immer klar, welchen Weg er einschlagen wird? Gabe es Zeiten des Zweifels, der Krise, Zeiten, in denen er sich wie der jeder mal klein, traurig und allein gefühlt hat? Hatte er Stress mit seiner Familie? Ich merke, dass ich kaum etwas über seine Familie weiß. habe keine Ahnung von Eltern, von Geschwistern, Partner_Innen.
War er ein scharfer Zahn, der jede Nacht in einem anderen Bett aufwachte? Der die Hühner nicht zufrieden ließ, bis er satt war? Oder war er schon immer so, wie er jetzt ist: Schläfrig, müde, nur aktiv, wenn es um die Nahrunsgaufnahme geht? Nobody knows the trouble he's seen. nobody but him. Er legt kein Zeugnis ab, von nichts. Was er wahrnimmt, ist gleich wieder vergessen. Ein Goldfisch dürfte ein ähnliches Gedächtnis haben wie D.A.M.. Deswegen ist das Umziehen für ihn auch so anstrengend. Er mag das nicht. Ist zuviel Stress, habe ich selber gesehen. Obwohl es diesmal beim Einzug in meine Hütte schon besser ging als beim ersten mal. Da ging er geduckt von Raum zu Raum, sehr ängstlich, weil ihm das alles fremd war. Hatte Angst, dass ihn was anspringen könnte: Ein Handtuch, das zu Boden fällt, eine Gitarre, die unbekannten Lärm macht, ein dröhnender Bass, der gezupft wird. Und all diese Gerüche, die so ganz anders sind.

Auf dem Tisch eine alte Kiwi. Ist faul und leck und hat Schaum vorm Mund. Sie gärt und das ist nicht gut. Die Wespen kommen schon und freuen sich. Da muss ich was machen. Weg damit. D.A.M. ist nicht zu sehen. Wird schon irgendwo ein. Was passiert, wenn er die Wespe fängt? Wird sie ihn stechen? In den Mund? Und wird er es vertragen? Es bleibt unklar, denn bisher hat er noch keine einzige Wespe gefangen. Vielleicht ist es das Alter.

Montag, 27. August 2018

Der Alte Mann, II

Er springt. Vom Boden auf den Schreibtisch. Von dort auf den Stuhl. Habe ein Handtuch auf den Sitz gelegt. Nicht weil D.A.M. inkontinent ist, sondern weil er haart. Immer wenn er am Schreibtisch sitzt und ein Nickerchen hält, verliert er Haare wie blöd. Und dass sind nur die, die ich sehe. Davon ab, passiert nicht viel. John McCain ist tot, aber das interessiert den alten Mann wenig. Auch wenn Donald Trump tot wäre, würde ihn das nicht interessieren.

Habe heute Gitarre gespielt. Im Schlafzimmer. Wollte es nicht direkt neben dem Alten im Wohnzimmer tun. Denke, das ist zu laut oder zu schrill für ihn. Ich habe ein neues Lied komponiert und es einige Male nacheinander durchzuspielen. Um mich zu erinnern und die Ecken und Kanten für mich ein wenig abzuschleifen. Habe dabei wenig an den Alten gedacht. Irgendwann machte ich eine Pause und überlegte, wo er wohl steckt. Befürchtete, er hätte sich vor Schreck über den Lärm unters Bett verzogen. Saß aber im Wohnzimmer und schaute mich durch die offene Tür interessiert an. Seit langem vermute ich. Es schien ihn irgendwie doch zu interessieren.

D.A.M. mag sein Futter trocken. Das Gelee, welches ich ihm immer mitserviere lässt er so lange verdorren, bis es hart ist. dann schmeckt es ihm. Lecker. Es geht aber nichts über seine Cräcker. Oder Cracker. Wie auch immer. Ich will mich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Andererseits... warum nicht mal aufhalten lassen?

Wenn ich den Alten sehe, denke ich,dass der sich auch von nichts mehr aufhalten lässt. Er lässt sch von nichts aufhalten, was ihn von einem ausgedehnten Schläfchen abhalten könnte. Dazu legt er sich ins Bett. Mein Bett. Finde ich gut, das ist ein Zeichen von vertrauen, denke ich. Wenn er so lang ausgestreckt, ohne Decke auf der Matratze pennt. Wie hingeflossen liegt er da, die Zierde des gesamten Plattenbaus. Habe vorhin Wäsche aufgehangen und ihm dabei eine Sockenkugel zugeworfen. Dachte, das würde ihm links am Arsch vorbeigehen, aber nein: D.A.M. hat doch noch Spieltrieb in sich und hat die Socken in süßester Manier mit seinen kleinen Beinchen und Nägeln bearbeitet. Es entwickelte sich tatsächlich so etwas wie ein Spiel zwischen uns und das hat mich sehr überrascht, denn so wie ich ihn kenne, weiß ich eins: D.A.M. spielt nie.

Sonntag, 26. August 2018

Der Alte Mann

Freewriting excercise Pt. I

Tag 1
Das hier ist kein Tagebuch. Ich schreibe einfach auf, was mir durch den Kopf geht, wenn es um den alten Mann geht. Es geht nicht um Sinn oder logische Abfolgen. Es geht um das, was mir dazu gerade in den Sinn kommt. Free Writing.

Der Alte Mann. Meine Nachbarin, ist in den Urlaub gefahren, D.A.M. (Der Alte Mann) wollte nicht mit. Also kümmere ich mich um ihn. Wir haben ihn gestern in meine Wohnung gelockt. Mit Milch. Fand er gut. Ich glaube, vieles, was D.A.M. tut, passiert nicht einfach so. Ich glaube, vieles was er tut, ist eine Reaktion auf das, was ich tue. Wenn ich ihm Milch hinstelle, findet er das gut und kommt zu mir rüber. Auch so eine Re-Aktion.

Ich mache morgens etwas Sport. Das scheint ihm völlig unsinnig zu sein. Jedenfalls sitzt er, während ich diverse Workout-Übungen mache, unter dem Bett auf der LKW-Plane, die ich dort verstaut habe und schaut mir ungläubig zu. Ich habe das Gefühl, der alte Mann kann sich nicht vorstellen, warum jemand so etwas machen sollte. Deswegen geht er in Deckung. Vielleicht interpretiert er das, was passiert, auch als feindlichen Akt. Denkt, ich wollte ihn angreifen oder so. Ich weiß es nicht. Weiß eh, wenig, was in dem Alten vorgeht.

Er frisst nicht viel, das war schon mal anders. Er frisst jedenfalls nicht viel, von dem was ich ihm jeden Morgen aufmache. Gestern gab es Fleischstückchen in gelber Glibbersauce. Das hätte ich auch nicht gegessen. Sah aus wie Fleisch in Milch oder Senfsauce. Aber Senf?

D.A.M. isst nicht das, was ich im Kühlschrank habe. Eine Möhre wäre nichts für ihn, ein Kohlblatt auch nicht. Ob er Humus mag? Müsste ich mal probieren. Ich hab gerade eh wenig im Kühlschrank, warum passiert das immer Sonntags? Das Essen von D.A.M. ist in dem Korb, den meine Nachbarin mir für ihn mitgegeben hat. Daran schärft er normalerweise seine Nägel. Deswegen musste der Korb mit rüber. Im Gegenzug habe ich meinen Kontrabass zu meiner Nachbarin gestellt, weil ich nicht wollte, dass D.A.M. daran seine Nägel schärft. Jetzt liegt er auf der Couch und schläft. Das tut er meistens. Couch. Schlafen. Couch. Schlafen. Couch. Schlafen. Dazu Sonne auf dem Rücken. Ab und zu mal strecken. Frage mich manchmal, ob er jetzt gerade vielleicht gestorben ist, während er auf der Couch liegt und ich daneben sitze. Aber dann bewegt er sich wieder. D.A.M. stirbt auch nicht so leicht. Dann würde es sicher auch bald stinken. Sehe außerdem immer wie sich sein Bauch ganz leicht auf und ab bewegt. Süß! Dachte, er könnte mal die Wespe fangen, die mich vorhin geärgert hat. Aber mit Wespen hat er es nicht so. Fliegen könnte er auch mal fangen, aber mit denen hat er es auch nicht so. Ich glaube, D.A.M. hat es mit gar nichts mehr so. Außer trockenen Crackern, die ich ihm jeden Tag hinstelle. Die Cracker sind in einer Blechbox, und die... (Fortsetzung folgt.)

Freitag, 10. August 2018

Hoffest is the neue heiße Dings!

Genau so ist`s! Während sich der der Mob auf immer größeren Festivals zudröhnt, dabei diverse Hangover-, Geschlechts- und Magen-Darm-Krankheiten billigend in Kauf nimmt, entscheidet sich der/die Connaisseur_In heutzutage für die elegante Stadtvariante. Ohne Kommerzbier- und Fress-Monstrositäten und Höher-schneller-lauter-als-Manowar-es-je-waren-Schallanlagen. Braucht man alles nicht!
Feiern kann man auch ohne großen Aufwand im eigenen Karrée, auf der eigenen Betonscholle, im eigenen Kiez. Was nicht heißt, dass Interessierte ausgeschlossen werden, weil sie dort nicht leben. Nur nett zueinander sollte man sein.
Aus gegebenem Anlass möchte ich deshalb für alle, die in den nächsten Wochen in Berlin abhängen, zwei Hoffeste empfehlen:

1. Schon morgen, am 11. August, findet das Hoffest im der Magdalenenstraße 19, einem Hausprojekt in Lichtenberg statt. Was früher mal eine Platte war, in der die Stasi allerlei Bürotätigkeiten verrichtete, ist mittlerweile ein selbstverwaltetes Hausprojekt gewachsen. Gleich sackweise gibt es da dann allerhand coole Unterhaltung. Von der Körperverschönerung (Soli-Tattoo, Kinderschminken, bitte nicht verwechseln) über Kleiderverschönerung (Siebruckwerkstatt) und interessanten Workshops bis zur Fahrradrallye, Kinderbuchlesung, entspannten Infospaziergängen durch den Kiez und einer Wrestlingshow wird alles aufgefahren, was den und die Hoffestbesucher_in interessiert. Dazu kann man immer wieder nett einen Drink nehmen, Sekt, Aperol oder schlicht ein Bierchen - geht alles.

Musik darf bei so einer Veranstaltung natürlich nicht fehlen. Tut sie auch nicht.
Live spielen ab 18 Uhr INFANT SANCHOS (Elektro-Punk, Berlin) und CHERRY BANDORA (Psychedelic-Oriental Party Music).
Anschließend gibt's die große Technosause mit DJs wie Die Babsi, Kaputse, Inc u.a.

Eine Übersicht übers komplette Programm gibt's hier.


Wer eine ordentliche Party-Kondition hat, kann dann eigentlich nahtlos zum nächsten Hoffest übergehen und muss dazu nur in den übernächsten Kiez zeihen. Denn nur eine Woche später, am 18- August, wird in Kreuzberg, am Schlesischen Tor, im Hof der Spiralfabrik gefeiert. Los geht's ab 16 Uhr im Hof u.a. mit entspanntem Singer/Songwriter-Stuff, z.B. vom ehrenwerten Herrn SAM DALE (wohl nicht verwandt mit Dick D. und auch keine Surfmusik spielend, dafür aber der Frontmann von Berlins Partyrockband No. 1 - THE FEMINISTS), RHYE MAN und ANDY KNITTEL; knackigem Soulpunk von MILKY PRAY, Krautrock von STROUM und einem Cumbia-Dub-Set von DJ FREAK ASS E.

Abends, wenn die Sonne langsam hinter den Bergen aus Bierflaschen untergeht und die Pissestrahlen auf der Oberbaumbrücke in ein verwirrend surreales Licht taucht, wird das schönste Schnapsloch im Kiez bespielt. Das genaue Line-Up lässt sich hier einsehen.

In ganz eigener Sache sei dazu gesagt, dass an diesem Abend auch die Kreuzberger Noise-Drum-Bass-Legende ATOMVULKAN BRITZ nach langer krankheits- und verletzungsbedingter Pause mal wieder live zu sehen sein wird - mit dem Herrn Flanell am Bass.
Links zu irgendwelchen Hörproben gibt es vom ATOMVULKAN nicht - die werden nur, auf Traubenzucker gepresst, einem exklusiven Kreis von Interessierten zugereicht und zersetzen sich danach von selbst.



Montag, 23. Juli 2018

Topfschlagen against Gentrifizierungsdingsbums. Also Moppelkotze.

Yeah well...

Es war ein wunderbarer Freitagnachmittag. Sommer, Sonne, im Park rumhängen. Kinder dabei, Rad dabei, Radler dabei. Angenehme Gespräche, Schatten und leichte Bekleidung.

Wie kann man einen solchen Tag angemessen zu Ende bringen?
Im kühlen Altbau sitzen und den dahinziehenden Abend mit etwas Kartoffeldruck-Screamo begreinen?
Oder lieber eine kleine Radtour machen, bei der sich große und kleine Fahrradfahrer aufgereiht wie die Perlen auf einer Schnur durch steril renoviertes Gentrifizierungs-Feindesland bewegen, um die Bewohner einer kleinen Friedrichshainer Gemeinschaft dabei zu unterstützen, nicht aus ihren lieb gewonnenen Wohnungen zu fliegen? Wirklich mit Mann und Maus und der kompletten sozialen Familie mal ganz praktisch Solidarität zu zeigen?

Yeah, well. Die Antwort liegt auf der Hand. War auch gar nicht so schwer.

Wir mussten eigentlich nur ein bißchen Lärm machen. Auf Töpfen und Pfannen und Tabletts rumschlagen. Bis die hohen Töne einem selber in den Ohren schmerzten. Und später gab's noch leckere Gurkensuppe, tolles Hummus und entspannt-kollektives Rumhängen.

Initiiert wurde die ganze Aktion vor der Weserstraße 30. In Friedrichshain. Nicht in Neukölln, das ist wichtig. Obwohl die dortige Weserstraße sowas auch mal gebrauchen könnte.
Jeden Freitag soll dort jetzt gegen die ganz konkrete Gefahr der Verdrängung getrommelt werden.
Wer das gut findet, aber denkt: "Oh, Freitagabend, sieben Uhr? Klingt toll, aber da hab ich ja gar keine Zeit. Ich will ja um 20,21,22 Uhr noch zum Konzert/Grillen/Party/Sofa/Swingerclubwhatever", dem/der sei noch gesagt, dass es sich hierbei um eine zeitlich gut begrenzte Aktion handelt.

Jeden Freitag wird nadelstichartig von 19 bis 19.07 Uhr um den Block spaziert und gelärmt. Danach herrscht Stille und du kannst wieder gehen, wenn du willst. Oder vielleicht doch noch Musik hören, quatschen und mit ein paar wirklich netten Menschen den Freitagabend genießen, bis es dunkel genug für den Clubbesuch ist.

Sieben Minuten, um den Kiez zu retten. War letzten Freitag gut machbar. Und am nächsten sicher wieder.


Mittwoch, 18. Juli 2018

Eis! Eimer! Hühnerherzen!

Heute sah ich auf dem Weg nach Hause ein Eichhörnchen. Vor Jahren sah ich in der Straße, in der ich damals lebte, eine Eiswaffel, die mürbe von einem Stromkasten runterhing. Allerdings so schlapp, dass sie sich im komplett rechten Winkel über den Stromkastenrand bog, ohne zu brechen. Ich war beeindruckt von dieser Flexibilität, die sich nur durch die Ermüdung des Materials zeigte.
Wenn ich einmal alt bin, dachte ich dann, will ich auch so elegant schlapp in der Gegen rumhängen wie diese Eiswaffel.
Das Eichhörnchen hat mit der Eiswaffel übrigens nichts gemeinsam, außer dass ich sie beide lange anglotzte und dabei fast vom Fahrrad gefallen wäre.
Ok, da ist noch eine Gemeinsamkeit: Beide Worte fangen gleich an. Super, das. Was genauso super ist, oder noch viel formidabler, ist das neue Video von Berlin's derzeit greatest Chanson-Band mit Punk-Spirit drin. Ach, ihr wisst, von wem ich rede: ACHT EIMER HÜHNERHERZEN, of course.

"EISENHÜTTENSTADT" war schon ein Traum in beige, und auch "EIS AUF EX", der neueste Video-unterstützte Hit, könnte auch noch in wenigen Monaten den Preis für "Sommerhit 2018" in einer Jahresrückblick-Show bekommen. Wenn das eintritt, ist sicher der Gig im ZDF-Fernsehgarten nicht weit. Kompatibel wäre das sicher und das ist kein miesepetriger Kritikpunkt. Ich hoffe aber, dass es nie dazu kommt. Naja, wenn man es unter dem "Take the money and run"-Aspekt sieht, dann wäre es vielleicht doch überlegenswert.

Aber was mach ich mir da einen Kopf? Ich bin keine Acht Eimer Hühnerherzen (übrigens toll, dass man den Namen nicht wirklich in eine pseudocoole Abkürzung umsetzen kann. 8EHH sieht eher bescheuert aus.), sondern nur ein Mensch, der den Sommer mag und Eis und diesen Song und das Video auch. Damit kann man durchaus mal den Wahnsinn, der gerade auf dieser Welt passiert, für zwei Minuten und zweiunddreißig Sekunden vergessen.
Film ab!

Donnerstag, 31. Mai 2018

Samstag! Platten kaufen in Berlin!

Hmmmm, Yaam, Yaam, lecker! Am Samstag, de. 02.06.2018, steigt im Yaam der wunderbare Freakouternational Vinyl Market. Dort werden sack- und tischweise Platte verkauft, DJs legen auf und engagierte Labels stellen sich vor. Es wird also richtig gemütlich. Auch ich habe mit JOHN STEAM RECORDS einen Stand am Start, sogar inklusive Plattenwaschmaschine. Also kommt vorbei, komplettiert eure JSR-Sammlung und macht für einen kleinen Obulus eure Lieblingsscheiben so hübsch und rein wie am ersten Tag.

Samstag, 12. Mai 2018

Scheiß Nostalgie

Ich habe eigentlich keine Lust, lang vergangene Zeiten aufleben zu lassen. Als mir allerdings neulich eingefallen ist, dass es da ja mal einen Renfield-Account bei Issuu gab. Wo man seine Hefte digital zum anschauen hochladen konnte. Jahre, her, dass ich mich da angemeldet habe. Und Jahre her, dass ich irgendwas gemacht habe. Ok, ich habe damit gar nichts gemacht. Bis jetzt.
Nun gibt es nämlich eine Reihe von bisherigen Renfield-Ausgaben, die dort eingesehen und auch runtergeladen werden können.
Somit gibt es auch die Möglichkeit, recht alte Renfield-Ausgaben, die noch nicht digital publiziert wurden, anzuschauen. Nummer eins ist leider verschollen, aber von No. 2 existiert glücklicherweise noch die Kopiervorlage, die ich vor einiger Zeit mal Seite für Seite eingescannt habe.
Und diese Ausgabe könnt ihr nun HIER bestaunen.

Interviews gabe s damals schon und zwar mit folgenden Bands:

PETROGRAD (Luxemburgs finest Punkband. Und immer noch gut):



UPRIGHT CITIZENS (alte Punklegende aus dem Pott):



VERBRANNTE ERDE (Melancholie-Punk aus... Weimar? Gera? Was auch immer... War gut damals)

Sonntag, 8. April 2018

Fuck you, Turm!

Neulich. Sitze am Eingang meines privaten Partykellers. Kommt da so ein Typ vorbei und fragt, wieviel Leute denn hier rein passen und was es denn kosten würde, wenn er mit seiner Band hier spielen wollen würde. Er präzisiert die Frage und will wissen, was Bands zahlen müssten (!), um in meinem privaten Partykeller spielen zu dürfen. Ich bin einigermaßen verwirrt bis entsetzt ob solcher Fragen.

Im Gegenzug will ich dann was von ihm wissen. Nämlich warum er das alles wissen will. Es ist zwar mein privater Partykeller, aber ab und an bin ich doch etwas paranoid und denke, dass die Leute meinen Keller als einen kommerziellen Musik-Club sehen. Was nicht so ist. Ich sitze halt da rum, höre Musik und trinke Bier. Ohne Geld zu verdienen. Manchmal steht die Tür offen. Also frag ich den Typen, ob er von der Polizei ist. Er so: Nee, ich trink doch Beck's.

Die Konversation war dann schnell am Ende. Ich war maulfaul und der Typ doof und dann ist er abgezischt. Nicht ohne noch zu erzählen, dass er selber in einer Band spielt. Und dass er mal gern in meinem Partykeller spielen wollte, weil er dachte, das wäre ein Club. Wie denn der Name der Band sei, frug ich.

Zuerst habe ich den Namen nicht richtig verstanden. Dann hat er es mir aufgeschrieben. Um dieser Band nicht unnötig Aufmerksamkeit zu verschaffen, (denn wie wir alle wissen, ist heutzutage auch negative Aufmerksamkeit gewollte Aufmerksamkeit) lasse ich den Namen hier weg.
Am nächsten Tag habe ich mir allerdings ein paar Songs angehört und auf Youtube ein paar Videos angeschaut.

Schon beim ersten Clip kommt mir die Kotze hoch.

Denn wenn eine Truppe von Milchbärten zu bräsigen Hard-Rock-Nu-Metal-Schmonz-Riffs über Vergewaltigungsfantasien in Berlin fantasieren, dann würde ich ihnen am liebsten die Instrumente auf die wahrscheinlich nicht besonders gut gefüllten Schädel schlagen. Ich bin selber so ein Weißbrot und habe noch nie eine Vergewaltigung erlebt (zum Glück). Würde es mir aber in Zeiten von #Metoo und einer größer werdenden Sensibilisierung von sexueller Belästigung, einfallen voller Inbrunst Zeilen wie "Mädchen, ich leg mich auf dich heute Nacht, dein Schrei'n ist es, was mir Freude macht" zu gröhlen?

EUER ERNST?

Ich wette, keiner von diesen Typen wurde je vergewaltigt. Ich wünsche es auch keinem von euch glattfrisierten Laffen. Und wenn es so wäre, dann würde er seine Erfahrungen bestimmt in andere Zeilen packen, als in so einen beschissen glatt gereimten, unreflektierten Refrain. Denn das hier sind Zeilen, die jeder Besoffene bei den Konzerten jener Band einfach mitgröhlt, ohne darüber nachzudenken, worum es da geht. Und womöglich die ganze Idee auch noch total geil findet.

Warum schreibt eine Band einen Song über die fiktive Vergewaltigung einer Frau? Schockeffekt? Sex & Violence? Aber nicht consensual? Stellt ihr euch sowas wirklich vor? Dann schaut euch doch ein paar Rape-Fantasy-Videos auf Pornhub an und holt euch in eurem Jugendzimmer einen runter. Aber geht damit nicht auf eine Bühne, blökt so eine Scheiße irgendwelchen gutgläubigen Leuten in die Köpfe und kreiert zusätzlich mit abschließenden Zeilen wie "Mädchen, gib gut acht, es ist Berlin und es ist Nacht." noch so eine beschissene Oh-oh-oh-Berlin-ist-so-böse-Atmo.
Sollte dieser Song ein irgendwie kritischer Beitrag zum Thema Vergewaltigung sein, wäre es konstruktiver gewesen, ihr hättet die Fresse gehalten. Jede Äußerung in künstlerischer oder anderer Form zu dem Thema sollte man denen überlassen, die es betrifft: den Opfern. Und nicht irgendeine Scheiße zusammenfantasieren, weil das ein tolles Thema für einen Rocksong sein könnte.

Wie gesagt: An diesem Punkt hätte ich kotzen können. Dachte aber, ich schau mir noch ein paar andere Videos an. Es wird nicht besser. Blöder Deutschrock, zwar nicht offen rechts oder grauzonig, aber einfach bescheuert, schlecht, von sich selber viel zu überzeugt und langweilig. Jedes weitere beschreibende Wort wäre zuviel. Aber klar ist: Diese Typen werden nie Platz in meinem privaten Partykeller finden. Und hoffentlich keine Bühne in irgendeinem Laden dieser Stadt.

Freitag, 6. April 2018

SubCult 06.04.2018

von 19 bis 20 Uhr mit Timbob Kegler auf Pi-Radio 88,4.

1. Gary Flanell feat. Felix Navidad – Operator (Jim Croce Cover)

2. Reverend Beat.Man & New Wave Blues Trash – But I love you

3. Reverend Beat.Man & New Wave Blues Trash – Today is a beautiful day


4. Trixie & The Trainwrecks – Yodelin' Bayonne Blues


5. Power Solo – Fifteen Minutes


6. Pleasure Venom – Seize


7. LiebeFrauGesangsverein – Es tut mir leid


8. Pisse – Nacht im Ghetto (Razzia-Cover)


9. Pisse – Beerdigung

10. Bloodplums – Dirty Cop
11. The Txlips – Lost ones

12. Galvin Stxne – Revolution
13. Delta 5 – Mind you own business

Freitag, 2. März 2018

SubCult 02.03.2018

Playlist SubCult 02.03.2018 mit Tim Bob Kegler

1. Gary Flanell feat. Felix Navidad – Bro Hymn (Pennywise Cover)

2. Atomic Suplex – Who do you love (from the Compilation OUR VOLTAGE)


3. Germ House – 7 into 7 (from the Compilation OUR VOLTAGE)


4. Freak Genes – He's unhappy (from the Compilation OUR VOLTAGE)


5. Virvon Varvon – What did you say (from the Compilation OUR VOLTAGE)


6. Individual Distortion – waste

7. Individual Distortion – Eyehatetypicalsludgebands


8. Cerumentric – Dreamlandia


9. Doc Schoko – Hirnfriedhof


10. Reverend Dabeler und Helge Dube – Nimm mich auf dein Boot


11. Dead Brothers – Everything is dead


12. Punčke – Valovi


13. Algiers – The Underside of Power

Donnerstag, 15. Februar 2018

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. VIII

Die Klappe zu dieser Gruft wurde schon länger nicht mehr geöffnet. War eben keine Zeit, sorry. Anderer Dinge mussten getan werden, nochmal sorry. Anderes musste geschrieben werden, nochmal sorry. Sorry, sorry, sorry.
Und ja, ein wenig fehlte es auch an Motivation. Woran es nicht fehlte, war Material. Würde ich mich anstrengen und täglich fleißig recherchieren, dann könnte ich wohl jeden Tage hier eine Rezension reinhacken. Aber dieses routinenhafte Besprechen geht mir leider gerade sehr gegen den Strich und vieles, was besprechenswert wäre, ödet mich derzeit unglaublich an.



Vielleicht ist es etwas schwer zu verstehen, aber anstatt überall Promoexemplare von irgendwelchen Bands abzugreifen (und dann vom für die Promotion zuständigen Labelmenschen noch drei Bands aus dem Rooster der Plattenfirma dazugeschmuggelt bekommen, die noch weniger interessieren), mit dem nie ausgesprochenen Versprechen, die dann auch zu rezensieren, tue ich derzeit lieber das, was mal irgendwann hinter dem Schreiben über Musik stand: Musik hören. Konsumieren, ja wirklich. Ganz korrekt in den Plattenladen gehen und eine Vinylscheibe kaufen, statt über diverse Wege ein liebloses Ansichtsexemplar zu schnorren.
Ich konsumiere also derzeit wieder Musik. Ich höre sie wieder. Wähle dabei mehr aus, weil das für mich derzeit der einzige Weg ist, mit der Masse an Veröffentlichungen umzugehen. Masse macht es nicht mehr. Schlicht und einfach und mache mir keinen Kopf darüber, was ich dazu schreiben könnte oder wie ich sie wo popkulturell einordnen könnte. Das ist ein gutes Gefühl.

Ich möchte nicht mehr zu Architektur tanzen, sondern eben wieder zu: Musik.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Eine davon ist "Standby me", die neue Platte von den MALADROITS aus Schopfheim (Never been there). Jedenfalls aus der Gegend da unten in Süddeutschland. Fürs Ox habe ich mal vor Jahren eine Rezension über eine ihrer Platten geschrieben und war ganz entzückt von dem Garagesound, den sie da abgeliefert haben.

So viel hat sich seit Sommer 2013 nicht verändert. Ok, anderes Label (Flight 13), möglicherweise jetzt auch größerer Bekanntheitsgrad, aber das Fundament ist immer noch quirlig-hektischer Garage-Punk, wie ihn die BRIEFS und SHOCKS auch gut können oder konnten. Ab und an scheint es aber doch so zu sein, dass die Maladroits, ihren Sound etwas erweitert haben: "No heart/No soul" hat eher was von all diesen englischen Indie-Pop-Bands "of 2005". HOT HOT HEAT, ART BRUT, FRANZ FERDINAND etc, wenn ihr wisst, was ich meine. Ähnliches gilt für das daran anschließende "Afterhour". Da blitzt also ab und zu mal was auf, das den Garage-Kosmonauten in einen anderen Orbit schießt. Das Bild vom Garage-Kosmonauten habe ich mir nicht ganz allein ausgedacht, der ist eher ein blitzgescheiter Hinweis auf das hübsch gestaltete Cover. Das wäre dann doch wieder ein Anreiz, wie Otto-Normal-Musikhörer in den Plattenladen zu gehen und nach der neuen Vinyl-LP der MALADROITS zu fragen - ohne auf anbiedernde "Haste mal n Promo-Exemplar"-Masche machen zu müssen.

Gary Flanell

(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala

TEH MALADROITS - STANDBY ME
Flight 13 Records, 2017
LP/CD

Wo ich gerade davon sprach - 10 oder weniger Platten, die ich in letzter Zeit sorgfältig und immer wieder höre und für deren Vinylversionen ich durchaus im Plattenladen meines Vertrauens eine Bestellung aufgeben würde. Werde. Schon getan habe.

1. Algiers - The Underside of Power
2. Lebanon Hanover - Tomb for two
3. The World/Inferno Friendship Society - The Anarchy and the Ecstasy
4. Jack of none - Who shot Bukowski?
5. Balg - The heavy listening
6. Voodoo Jürgens - Ansa Woar
7. Jo Strauss - Berlin stirbt
8. Boy Division/Venus Vegas - Warsaw Split-7inch
9. Zea - The Beginner
10. The Ting Tings - We started nothing

Samstag, 6. Januar 2018

SubCult 05.01.2018

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms mit Timbob Kegler auf Pi-Radio 88,4
Playlist vom 05.01.2018, 20-21 Uhr.

Felix Navidad feat. Gary Flanell – Queen Bee (live im Studio, original by Freakwater)

Reptilians from Andromeda – Doomsday


Reptilians from Andromeda – Wicky Wacky Witches
Reptilians from Andromeda – Jungle

Baronen & Satan – Satan is a lady


Mean Motor Scooter – Wavespotting


Escobar – Changeover


Arcane Frost – Shapeless Essence


Purple X – Meathead Blues


Jaya The Cat – Sweet Eurotrash


Cracker – Eurotrash girl



Yaramiso – Tomic Energy


Dirty Fences – Teen Angel

Montag, 11. Dezember 2017

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms

...mit Timbob Kegler - Playlist vom 01.12.2017
1. Gary Flanell - I've been everywhere (live im kleinen gemütlichen SubCult-Studio)

2. Cannibal One - Prevalent Thrattle

3. Coffin Spell - Heroin Sheikh


4. Harvey Rushmore & The Octopus - Alchemy


5. Urgent Matter - Don't wanna


6. Urgent Matter - I hate you

7. Insulin - Anti Selebris


8. Reptilians from Andromeda - Burning inside


9. Žen - Sonicna taktica


10. Seine - Spavam
11. Seine - Janko


12. I MARC4 - Distorsion Mind


13. I MARC4 - Deep bass

14. The 99ers - Merry Xmas really sucks

15. The Silos - Let's take drugs and drive around.

Freitag, 8. Dezember 2017

Gruseliges Handwerk?

Wer kann sich eigentlich noch an den Soundtrack von Blair Witch Project erinnern? Gab es sowas überhaupt? Es gab natürlich einen Soundtrack, der wurde in diesem fast zwanzig Jahre alten Meisterwerk des Pseudo-Doku-Horrors zwar fast gar nicht verwendet, aber irgendwie doch in die Geschichte um die drei wild campenden Studenten mit eingeflochten. Überhaupt Blair Witch Projekt: Drei Studenten jagen eine Hexe in den Wäldern Marylands, halten alles mit der Kamera fest und sind am Ende ziemlich im Eck. Hui, war das gruselig damals. Und das alles ohne unheimliche Begleitmusik. Respekt.

Warum dieses kurze Nachdenken über einen Gruselfilm, der vor fast 20 Jahren einiges Aufsehen erregt hat? Weil ich vor einigen Tagen recht zufällig auf ein winziges Label gestoßen bin, von dem ich sagen würde, dass die dort erscheinenden Releases den wahrscheinlich besten OST für Blair Witch Project hergeben würden, der nie erschienen ist.

Eigentlich klingt alles, was man an Infos zu HANDWERK Records aus Pennsylvania kriegen kann, klingt einigermaßen obskur. Es stellt sich bei näherer Betrachtung allerdings die Frage, ob alles, was mit Handwerk Records zusammenhängt, nicht eher ein Fall für die Rubrik "Geschichten aus der Gruft" von den Kollegen vom Plastic Bomb ist. Ansässig ist das Label mit dem zupackenden Namen in dem 6000-Seelen-Dorf (ich hoffe, die Zahl der Einwohner deckt sich mit denen der Seelen) Selinsgrove in Pennsylvania. Möglicherweise ist die Abgelegenheit eher ein Standortvorteil für ein solches Label, um in aller Ruhe der Veröffentlichung allerlei obskurer und experimenteller Bands und Projekte nachgehen zu können.
Noise, Experimentelles, NeoFolk und manchmal schwer zu hörendes Synthie-Geklimper findet sich dort zuhauf, WARSHRIMP (bester Name seit langem!), CANNIBAL ONE, MIDNIGHT OFFICE oder THE HAWK AND THE GROUNDHOG heißen die Bands.

Aber möglicherweise sollte man nicht von Bands sprechen. Vielleicht sollte man auch nicht von einem Label sprechen, sondern einem Band-Projekt-Vertriebs-Konstrukt, hinter dem genau ein Mann namens Sean David Stoltenberg steckt. Der ist nicht nur Musiker und Labelbetreiber, sondern auch Buchautor mit einem Faible für alte italienische Horrorstreifen, wie Argento oder Fulci sie produziert haben. Stoltenbergs Faszination für dieses Genre geht soweit, dass er nicht nur den Soundtrack zu einem fiktiven 70er-Jahre-Italo-Splatter-Film namens NYMPHO ZOMBIE CULT aufgenommen hat, sondern auch gleich noch ein Buch mit der Story dazu veröffentlicht hat. Das klingt erstmal verwirrend: Ein Zombie-Film, den es nicht gibt, dessen Existenz aber suggeriert wird und dazu komponiert ein Typ den Soundtrack und veröffentlicht die Story plus "behind the scenes"-Stories in Buchform. Ach, ich wusste es, dieses Internet ist voll mit Verrückten, die alle irgendwas machen.


Ähnlich verwirrend ist eigentlich alles, was Stoltenberg musikalisch und literarisch rausbringt und auch das Artwork, mit dem er seine Publikationen umgibt. Da wimmelt es von Tiergebeinen im Herbstlaub, sackweise okkult anmutende Plattencover und esoterisch bis spirituell-schamanisch angehauchte Essays bei Facebook. Wo sich Stoltenberg und seine lustige Handwerker-Plattenfirma politisch verorten, lässt sich schwer sagen, aber wie oben schon erwähnt, im Bereich gerade Neo-Folk und Industrial gibt es gerade in diesem Punkt ja einige neurechte Irrlichter. Dass der gute Sean in dieser Hinsicht nicht komplett verwirrt ist, könnte man eventuell an der Tatsache festmachen, dass er, bevor er in seine experimentelle Phase gegangen ist, in einigen recht konventionellen, wenn auch gar nicht so schlechten Punk/Rockbands gespielt hat (wobei Punk nicht zwangsläufig bedeutet, dass man eine linke Einstellung pflegt, wie das Beispiel Johnny Ramone bewiesen hat).
Erwähnenswert wären dabei COFFIN SPELL, eine grundsolide Horrorpunkband, die sicher das gesamte Schaffen der MISFITS sorgfältig studiert hat. Die komplette CS-Discografie lässt sich bei Bandcamp runterladen, nicht weniges sogar kostenlos. Darunter - welch Überraschung - auch eine MISFITS-Tribute-EP.
Kostenlos - und damit endlich der Grund für diesen Post - gibt es seit September auch einen Labelsampler von Handwerk Records mit eben all dem, was Sean David Stoltenberg unter diesem Label raus gebracht hat. Und allein diese Compilation würde eine passable Filmmusik zu einem weiteren Blair-Witch-Streifen abgeben. Bleibt die Frage, ob der Mann nur unheimlich kreativ oder vielleicht doch ein wenig wahnsinnig ist. Eine Frage, die zu klären ich der Stammesältestenversammlung von Selinsgrove und ihrem Tierknochen-Orakel überlasse.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Kurze Veranstaltungstipps

Bus- und Zugtickets sind gecheckt, es kann losgehen. Nächste Woche fährt Gary in den Norden, um mit Abel Gebhardt zweimal zu lesen.
Die Woche drauf kommt Abel nach Berlin, um was?
Genau. Um mit Gary in Kreuzberg zu lesen. Viel Literatur also in der nächsten Zeit. Aber das ist ja im Herbst genau das richtige...


Und weil das mit der Auflösung von dem Flyer hier gerade nicht so funzt, nochmal alle drei Termine hier:

20.10. Lüneburg, Gasthausbrauerei Nolte, 20 Uhr
21.10. Hamburg, Shebeen-Bar, 19 Uhr
27.10. Berlin, Wiener Blut, 20 Uhr

Mittwoch, 4. Oktober 2017

The Tarjas

Gibt ja nichts, was es nicht gibt. Und auch in Sachen Punkrock sind die Innovationen nach... wieviel? - du meine Güte, doch schon über 40 Jahren?! - eher rar gesät. *entsetzt guck und Lockenwickler schüttel* Manchmal ist's alles doch gar langweilig.
Was ich bisher noch nicht kannte, und auch gar nicht an deren Existenz gedacht habe, das waren finnische Versionen von alten G.G. Allin-Klassikern.
Gibts aber - zum Beispiel von The Tarjas aus - quelle surprise - Finnland. Bite it you scum heißt jetzt Pure mua, sonst ändert sich nix.

Mittwoch, 16. August 2017

Die Sendung


Gestern war Timbob Kegler im Radio zu hören, und zwar auf einem wirklich großen Sender, nämlich bei Radio Eins. Maurice Summen, Staatsakt-Chefboss, Sänger der Türen und mit Timbob über alte Kölner Zeiten verbunden (u.a. durch die gemeinsame Band ESEL) hat ihn ins Studio eingeladen, um einiges an Musik zum Thema "Underground" vorzustellen. Wer das gestern nicht hören konnte, weil er/sie beispielsweise beim Patti-Smith-Konzert in der Zitadelle Spandau war, hat nun noch sieben Tage Zeit sich die Sendung auf der RADIO EINS-Homepage anzuhören. Und wo? Hier!

Montag, 14. August 2017

Schön, wenn (junge) Menschen Musik machen Pt. VII

Neulich morgen. Habe mit meiner Freundin darüber diskutiert, was eigentlich Punk sei. Frage mich seitdem, wie wir darauf gekommen sind, auf dieses total durchgekaute Thema, wo es doch gerade weißGottBuddhaShivaAllahSpaghettimonster mal ganz andere, wichtigere Dinge auf der Welt gibt, die man diskutieren könnte. Wahrscheinlich hat es was mit dem Ausraster von Leonard Graves Phillips zu tun. Mit dem Mann, den die meisten in dem Folder "Sänger der Dickies" im Hirn abgelegt haben. Der hat nämlich bei der Warped Tour eine Zuschauerin übelst beschimpft, weil sie während des Gigs ein Pappschild dabei hatte, das ihm wohl nicht passte. Auf dem Schild stand "Teenagerinnen sollten sich keine herabwürdigenden Witze von einem widerlichen alten Mann anhören müssen." Da fühlte sich Leo wohl persönlich angegriffen und ließ eine ganze Salve von Beleidigungen ab, die allesamt total daneben waren.



Ist das Punk? Von der Bühne runter einzelne Personen beschimpfen? Ist es nicht. Es ist ziemlich armselig, sich vom sicheren Platz auf der Bühne herab eine Person aus dem Publikum rauszupicken und runterzumachen. Das ist fiese Ausnutzung einer Hierarchie, die sich durch die Situation ergibt: Hier der immer noch gefeierter Punkrock-Veteran, der sich der persönlichen Auseinandersetzung gar nicht stellen muss, weil er ja gerade eh räumlich von der Person getrennt ist, die er angemoppert hat. Und der sich vielleicht noch geil dabei vorkommt, wenn er eine Frau so vorführt. Wahrscheinlich hat es auch was damit zu tun, das es eine Frau war, die das Schild dabei hatte. Wie wäre es wohl gewesen, wenn das ein typischer Dickies-Konzertbesucher-Punk-Typ gewesen wäre?

Wir kamen dann, wie es oft der Fall ist, wenn es um das seltsame Bühnenverhalten von Punkrockern geht, auf G.G. Allin. Guter alter G.G. Allin. Der hat auch Leute beschimpft, egal ob das Frauen oder Typen waren. Aber: G.G. Allin hat das nie wie ein Prediger von der Kanzel herunter gemacht. Er war sich wahrlich nicht zu schade, in den Infight zu gehen und selber was auf die Mütze zu kriegen. Wahrscheinlich hätte er sich auch nicht einfach durch ein Pappschild derart provozieren lassen, sondern wäre komplett ohne Grund ausgerastet. Was ab einem bestimmten Punkt fester Teil der Kunstfigur Allin war, aber das ist ein anderes Thema. Er hat allerdings nie das Risiko gescheut, bei all dem selber ordentlich verprügelt zu werden. Leonard Graves Phillips (file under "der Sänger von den Dickies", you know) dagegen schon. Ist also nicht Punk, sondern eher feige und deshalb ziemlich armselig. Außerdem steht der Mann seit 40 Jahren auf der Bühne - und lässt sich dann von einer (einer!) einzigen Person derart mit einem Schild provozieren? Nicht Punk. Definitiv nicht.



Provokation. Die hat viel mit Punk zu tun. Gehörte schon, seit den Pistols und den Ramones dazu. Aber irgendwann, so scheint es, ist der Zug in die falsche Richtung abgebogen. Dann ging es nur noch darum die Leute zu provozieren, die bei den Konzerten vor der Bühne stehen. Und für die ist das dann meist aber nur ein großer Spaß. Provokation auf die eigenen Leute zu richten, ist ein bißchen sinnlos, finde ich. Denn die wissen eh, wie es gemeint ist. Oder haben eher Verständnis dafür. und mal ehrlich: Will man wirklich die Leute ärgern, die eigentlich deine Musik geil finden und eine Platten kaufen? Viel schicker wäre es doch, wenn man diejenigen ein wenig trietzen und verwirren könnte, die Punk/Punkrock nicht so wohlwollend gegenüberstehen. Dazu müsste man aber mal woanders auftreten als auf den bekannten Open-Airs oder Szenerevieren. Könnte schwierig sein, was? Aber schwierig war es für Punks am Anfang immer. Ich behaupte, dass der Punkrocker von heute aber keine große Lust mehr auf Schwierigkeiten mit der Außenwelt hat. warum auch? In seinem Umfeld fühlt er sich wohl, unter seines gleichen mit den bekannten Codes und allem drum und dran, kann ja nix passieren. Und mittlerweile weiß ja auch die letzte Oma auf dem Dorf, dass Punks ganz liebe Jungs sein können, wenn man ihnen nicht die Flausen mit Gewalt aus dem Kopf treiben will. Also ist Punk mittlerweile doch eine sehr konservative Einrichtung.



Möglicherweise muss aber eine kleine Unterscheidung vorgenommen werden zwischen Punk und Punkrock. Bela B. hat das mal in einem Interview ganz gut gesagt: Punk ist die Haltung und Punkrock ist eine Musikrichtung. Punk kann man wahrscheinlich sein, ohne es selber zu merken. Indem man immer wieder die provoziert, die es verdient haben, die halt nicht die eigene Meinung und den eigenen Geschmack teilen. Und ja, Punk hat sicher auch was mit Offenheit und Toleranz zu tun. Und auch damit, die Dinge in der Welt, die offensichtlich scheiße sind, anzuprangern. Und auch damit, andere Leute zu ermutigen, ihren Scheiß durchzuziehen, wie schwierig das auch sein mag. Offenheit, Toleranz, Empowerment - klingt wirklich sehr nach Sozialarbeitertum - vielleicht kein Zufall, dass viele Menschen mit Punkaffinität im sozialen Bereich arbeiten.
Womit Punk wenig zu tun hat, ist das reine Fachsimpeln über musikalische Feinheiten, die andauernde Erinnerung an die geilen Konzerte, die man gesehen hat und warum Band X nach dem Weggang von Gitarrist Y und dem Einsatz von Keyboards und Samples auf der neuen Platte ja überhaupt nicht mehr Punk seien. Das ist genau das, was die langhaarigen, nach Schweiß und Wein miefenden Blues-Opas in den 70ern schon gemacht haben und wogegen Punk mal angetreten ist. Scheint bei jeder Subkultur der gleiche Mist zu sein.




Puh, eigentlich wollte ich jetzt elegant zur neuen Platte von MDK überleiten. MEKANIK DESTRÜKTIW KOMANDÖH waren eine der ersten, möglicherweise die erste Punkband Berlins - den Platz könnten sie sich mit PVC teilen. So rockig wie bei Gerrit Meijer (R.I.P.) und Kollegen ging es bei der Band von Volker Hauptvogel aber nie zu. MDK waren eher dem Experimentellen zugeneigt, was verständlich ist, denn als Hauptvogel 1976 in Berlin anladet, macht er in Kreuzberg erstmal Straßentheater. Daraus entsteht dann die Band. Dass die nicht ausschließlich von stumpfen Rock beeinflusst war, lässt sich schon am Namen sehen, denn der war von einer Platte der französischen Progrock-Band Magma entliehen. Anfang der 80er sind MDK live in ganz Europa unterwegs und spielen mit der Birthday Party, den Dead Kennedys, den Einstürzenden Neubauten und allerlei ähnlichem, was später groß und berühmt werden sollte.



2017. Mit einem neuen MDK-Album (im Juni auf Destiny Records erschienen) hat wohl 1.) keiner wirklich gerechnet und 2.) möglicherweise haben auch nicht viele Leute darauf gewartet. Die Hochzeit der Band ist über 30 Jahre her, für alles, was in einer Subkultur passiert, ist sowas mit Äonen gleichzusetzen. Ist Manifestation also eine furchtbar altmodische Platte geworden? Nö. Interessant ist dieses neue MDK-Album aber schon. Weil sie so gar nichts mehr mit dem zu tun hat, was heutzutage unter Punk gemeinhin verstanden wird. Würde man es einem jungen tätowierten Menschen, der gerade bei Core-Tex oder VoPo Records die neusten Hardcore-Erscheinungen durchdiggt, vorspielen, würde er das wohl nicht wirklich als Punk bezeichnen. Durchgehend dröhnt ein Saxofon, als hätte es sich auf dem Weg zum nächsten Free-Jazzclub in der Location verirrt. Der Gesang hat nichts mit den Punkrock-üblichen Melodien zu tun, vielmehr wirkt das, was Volker Hauptvogel von sich gibt, wie Sprechgesang, der darauf scheißt, ob sich was reimt oder eben nicht. Insgesamt macht "Manifestation" eher den Eindruck einer Krautrock-Platte, die durch die Kreuzberger Punkschule gegangen ist und dabei den ein oder anderen NDW-Zeichenkurs mitgenommen hat. Monoton, treibend, aber eben nicht den Punkklischees entsprechend, die sich im Laufe der Jahre so ausgebildet haben. Ist das also Punk? Meiner Meinung nach mehr als das, was die Dickies auf den Bühnen dieser Welt so von sich geben.

(E) auf der 26teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell