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Donnerstag, 19. März 2026

Stereotypen adé Pt.I


Sandra und Kersty Grether auf den Spuren rebellischer weiblicher Rockstars

Ein Sonntag im Oktober 2012: Mit weichen Knien sitzen Sandra und Kersty Grether in einem Berliner Taxi - auf dem Weg zum musikalischen Date mit einem Idol: Annette Humpe. Zu NDW-Zeiten Mastermind von „Ideal“, später mit „Ich + Ich“ erfolgreich. Sie produzierte das Who is Who der deutschprachigen Musikszene, von Udo Lindenberg über Palais Schaumburg, Rio Reiser, Die Prinzen bis zu Max Raabe.

Songtipps zum Kaffee

Die beiden Musikerinnen der Band “The Doctorella” sind zu der Zeit beim gleichen Musikverlag wie Humpe, hatten sie per Mail gefragt, ob sie mal ihre neue Platte anhören und etwas dazu sagen könne. Prompt flatterte ihnen eine Einladung zur Privat-Audienz mit Songwriting-Tipps zum Kaffee ins digitale Postfach. Quasi ein gratis Seminar zum Schreiben von Pophits. Die Skills dafür hätten die Schwestern, so Humpe in der Wohnung, wo sich die Knie der beiden Besucherinnen schnell wieder gefestigt haben. Denn Anette ist gleich per Du, nett, aufgeschlossen, nahbar und ehrlich. Sie lobt das Album, findet vieles daran gut. Textlich rät sie ihnen, sich an persönliche Peinlichkeiten und Unbewusstes ranzutrauen, persönliche Abgründe authentisch in Songs zu thematisieren. Der Titel “Drogen und Psychologen” scheint ihr unpassend – sie plädiert spontan für “Oberlieb”. Ihre Lieblingszeile findet sie im Song “2 Engel, 1 Verbot”: “Wenn ich mir die Haut aufschneide, reicht mein Blut aus für uns beide”.

Heute ist die legendäre Humpe-Schwester 75 Jahre alt – und eine der stilprägenden Rock- und Popmusikerinnen mit anhaltender Strahlkraft, die Kersty und Sandra als eine von 41 „Rebel Queens“ in ihrem Reclam-Buch auf knapp 400 Seiten verewigt haben. Mit großer Sachkenntnis, natürlich subjektiven Geschmacksurteilen und geschultem Blick auf den jeweiligen gesellschaftlichen Zeitgeist spüren sie der Bedeutung der porträtierten Frauen über ihre Musik hinaus nach. Auch im Sinne von Empowerment, erkämpften Freiräumen und neuartigen weiblichen Rollenbildern. Analytisch, empathisch, nahbar und sehr gut geschrieben.

Die Auswahl ist stimmig und viele bekannte, prägende Stimmen mit von der Partie. Die Bandbreite reicht von Sister Rosetta Tharpe über Maureen Tucker, Yoko Ono, Cat Power, Bikini Kill, Lady Gaga, The Slits, Boygenius und Pussy Riot bis Billie Eilish. Auch weniger bekannte, innovative Acts wie FaulenzA und Jolly Goods sind vertreten.

Einfach war die Auswahl nicht, schließlich gibt es auch nicht die eine richtige Sammlung. Ausschlaggebend war neben ihren Geschmäckern vor allem die gesellschaftliche Relevanz der Künstlerinnen. “Es gibt keine Objektivität bei den Bewertungen der Musikerinnen, auch nicht im Musikjournalismus”, sagt Kersty. Kritiker:innen sollten bloß nicht zwanghaft versuchen, objektiv zu schreiben.


Cat Power knows

„Uns ging es mit dem Buch auch darum, stereotype weibliche Schubladen für Musikerinnen zu entlarven, diese aufzubrechen und hinter übliche Popstar-Image-Fassaden zu gelangen“, erzählt Sandra im Gespräch mit dem Renfield-Fanzine.

Beispiel Cat Power, die beide Schwestern bereits interviewt haben. Cat werde in den Medien oft als übersensible, gebrochene Künstlerpersönlichkeit dargestellt oder darauf reduziert. Im Kapitel über die US-Künstlerin ist der Blick auf ihre Sensibilität differenzierter, diese fungiert als kreative Kraftquelle mit Verbindung zum Unterbewussten: “Wie kann man über Gefühle singen, die gerade eben nicht mehr verdrängt werden und doch kurz davor sind, ins Unaussprechliche abzurutschen? Cat Power knows.”

“Beim Schreiben über Musik ist es wichtig, durch die eigenen Projektionen hindurchzugehen”, so Sandra. “Spannende Wahrheiten über sich selbst findet nur, wer sich selbst dazu befragt.” Kersty und Sandra Grether kommen den Musikerinnen hinter deren Images aus vielen interessanten Perspektiven nahe. Die meisten Texte stammen entweder von Kersty oder von Sandra Grether und sind in der Summe in nur wenigen Wochen entstanden.


Rüstzeug aus Theorie & Praxis

Es ist ein erhellender Mix aus persönlichen Begegnungen, biografischem Background und gesellschaftskritischen, popfeministischen Reflexionen - inklusive der Auseinandersetzung mit Pressestimmen zu den Porträtierten. Dabei kommt den Autorinnen die Vielfalt ihrer Aktivitäten zugute: Musikjournalistisch haben sie das SPEX mitgeprägt, als Musikerinnen mit ihren Bands “Parole Trixi” und “The Doctorella” diverse Studioalben veröffentlicht und aktiv an der “Hamburger Schule” mitgewirkt. Sie betreiben heute in Berlin das Label Bohemian Strawberry, kuratieren Veranstaltungsreihen. Kersty hat zudem einige erfolgreiche Romane veröffentlicht.

Spannend ist außerdem der Ansatz, die Persönlichkeiten und Wirkungsweisen von je zwei Musikerinnen aus einer Epoche aufeinander zu beziehen – etwa bei Karen Carpenter und Yoko Ono in den 1960er Jahren. Vor der Folie gängiger weiblicher Stereotypen begibt sich der Text in dieses Spannungsfeld hinein: “Yoko war das böse Mädchen, das sich nimmt, was ihr gehört, und Karen das gute, das sich nicht traut zu nehmen, was man ihr aufgrund ihrer Jugend jetzt erlauben würde.” Davon ausgehend solche offen- und/oder scheinbaren Gegensätze zu überwinden und die beiden als “Popschwestern” zusammenzudenken, eröffnet neue Blickwinkel auf die Frauen und ihre Musik. Eben auch mögliche Gemeinsamkeiten, wo es heißt: “Yoko Ono und Karen Carpenter: zwei, die zu ehrlich waren? Nicht fake enough fürs Glamhardrock- und Superstar-Jahrzehnt? Ein bisschen zuviel Motown-Herzschmerz noch, in allem? Die Carpenters klangen wie ein langer Abschied, Yoko Ono wie ein Zukunftsversprechen.”

Wer sich auf eine spannende Zeitreise durch die letzten sieben Jahrzehnte prägender Pop- und Rockmusikerinnen begeben will, der/dem seien die “Rebel Queens” wärmstens ans Lektüreherz gelegt. Auf diesem Weg gibt es viel Neues und Ungewöhnliches zu entdecken. Versprochen!

Lutz Steinbrück

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik von Kersty und Sandra Grether ist 2025 im Reclam Verlag erschienen. Preis: 28 Euro (Hardcover), 4,99 Euro (E-Book). ISBN: 978-3-15-011506-0

Kommende Veranstaltungen mit Sandra und Kersty Grether:

8.4.2026 Literaturforum im Brecht-Haus: "Krawalle und Liebe #34" Musik von und mit Frau Lehmann (im Duo-Set) und Bernd Begemann sowie Lesungen von Sibel Schick (“Mein Körper, Wessen Entscheidung”, S. Fischer) und Ruth Herzberg (“Frequenzen”, mikrotext). Einlass: 19 Uhr. Chausseestraße 125, 10115 Berlin. https://lfbrecht.de/event/krawalle-und-liebe-34/

9.5.2026 ”Museum für Essen und Trinken”: Kersty Grether & Sandra Grether lesen aus "Rebel Queens", mit Musik von “The Doctorella” im Duo-Set. Hufelandstr 35, 10407 Berlin. Tickets über Bötzowbuch: https://www.boetzowbuch.de/

30.5.2025 Sommerhaus-KaffeeBar: Live-Musik von Frau Kraushaar mit ihrem neuen Album "Gurke, Kartoffel, Ahnung". Hufelandstraße 43, 10407 Berlin.

Donnerstag, 5. Februar 2026

*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. I: Skifliegen im Dunkeln


*D*F*R* vs. *D*G*G*

Dieses Kürzel steht - in Ermangelung geeigneter Vokale - für DAFÜR und DAGEGEN.

Pro&Con, Schwipp&Schwapp, Auf&Nieder, Hüh (oder Hü?) &Hott, Geil&Schrott.

Das ist die neue Streiten-aber-Lieb-Sein-Kolumne auf dem Renfieldblog und vom Prinzip her ist es bekannt:
Ein brandheißes (!) und extrem polarisierendes (!) Thema wird von zwei Fachmenschen jeweils Pro und Contra-mäßig bearbeitet. Die Liste der vorliegenden Themen wurde letzte Woche schon gepostet, alle, die dies hier lesen, sind eingeladen, sich zu beteiligen.

Schickt einfach eine Mail an renfield-fanzine@hotmail.de, alles andere klärt sich dann, ihr scheiß Punks.

Und nun Ring frei für die erste Runde! In Berlin und Graz hauen sie sich wegen eines Themas derzeit die tiefgefrorenen Köpfe ein, das schon viele Familien auseinander dividiert hat:

SKIFLIEGEN IM DUNKELN.

Nicht zu verwechseln mit Schiefliegen im Dunkeln. Das kommt später.
In der Berliner Ecke haben wir den bohemian Skiflug-Experten Dirk Bernemann, in der Contra-Ecke die grazile Grazer Alpinsportlegende HC Roth.

Viel Spaß!

*D*F*R*

Skispringen im völligen Dunkeln, stand noch nie zur Debatte, aber ich fordere hiermit die Erhebung dieser momentan noch nerdigen Randsportart als olympische Disziplin.
In Ermangelung an Flutlicht, ohne technische Hilfsmittel, allein mit der Schanze und der Nacht, natürlich sehe ich ein, das fordert unser heutiges Verständnis von Sport heraus. In einer Zeit, in der Wettkämpfe immer stärker kontrolliert, ausgeleuchtet und optimiert werden, stellt dieses Konzept eine bewusste Reduktion dar. Es fragt danach, was sportliche Leistung im Kern ausmacht. Ich verfolge ja seit jeher die These: Der Mensch ist ein Konkurrenztier bis in den Tod.

Skispringen war von jeher ein Sport, der den Menschen in ein direktes Verhältnis zur Natur setzt. Wetterverhältnisse, Wind und Höhe gehören untrennbar dazu. Die Dunkelheit ist dabei kein künstliches Hindernis, sondern ein natürlicher Zustand. Wer im Dunkeln springt, begegnet dem Sport in seiner ursprünglichsten Form. Keine visuelle Sicherheit, dafür lediglich das Vertrauen in die eigene Technik, die eigene Kompetenz und in jahrelanges Training, sowie dem geschulten Körpergefühl.

Gerade der Verzicht auf die Sicht verschiebt den Fokus. Bewegung, Balance und Timing entstehen nicht mehr aus Kontrolle durch das Auge, sondern aus innerer Wahrnehmung und Erfahrung. Dies zwingt den Sportler zur höchsten Konzentration und zur außergewöhnlichen Körperbeherrschung. Gleichzeitig schafft die Dunkelheit eine radikale Gleichheit. Alle Athleten springen unter exakt denselben Bedingungen, ohne Wahrnehmungsvorteile oder technische Unterstützung.

Was natürlich nicht vergessen werden darf, ist der inklusive Aspekt dieser Sportart. Menschen mit Erblindungen und Sehschwächen sind auch hier automatisch konkurrenzfähig. Denken wir bitte kurz an Michael Edwards, bekannt unter seinem Springernamen Eddie, the Eagle, ein britischer Skispringer, der stets wegen seines Brillenkassengestells Diskriminierung erfahren hat. Derlei Dinge würden fürderhin nie wieder vorkommen.

Zudem rückt die mentale Stärke der Springer stärker in den Mittelpunkt. Sportliche Leistung bedeutet nicht nur physische Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit, ja auch Todesangst, umzugehen. Der Sprung ins Dunkel erfordert Mut, Selbstvertrauen und innere Ruhe. Damit wird Skispringen zu einer Grenzerfahrung, in der mentale und körperliche Leistung untrennbar miteinander verbunden sind.

Skispringen im Dunkeln setzt ein bewusstes Zeichen gegen die fortschreitende Technisierung des Sports. Es erinnert daran, dass Leistung nicht zwangsläufig von Messbarkeit und Kontrolle abhängt. Der Sprung wird zum Ausdruck von Können und Vertrauen, reduziert auf das Wesentliche. Wer das überlebt, ist automatisch ein Gewinner.

Dirk Bernemann



*D*G*G*

Jetzt also auch noch im Dunkeln Schifliegen. Warum das denn plötzlich? TikTok-Trend? YouTube-Hype? Irgend so ein neumodischer schneller, härter, lauter-Wahnsinn auf jeden Fall. Als würde es nicht reichen mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zuzurasen, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln. Nein, es muss jetzt auch noch im Dunkeln passieren. Aber dazu gibt es von mir ein klares NEIN.

Dabei geht es mir jetzt aber nicht primär um den Sicherheitsaspekt. Denn seien wir uns ehrlich, wenn du mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zurast, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln, begibst du dich doch sowieso in Lebensgefahr. Da sitzt Gevatter Tod mit seiner Sense ohnehin immer in der Drohne, die hinter dir herfliegt, um möglichst fette Bildaufnahmen zu liefern. Deswegen kannst du das meinetwegen auch gleich im Dunkeln machen.

Aber ich als Fan, als Zuschauer, sei es live im Stadion, sei es zuhause auf der Couch vor dem Fernseher, ich will etwas geliefert bekommen. Ich will Action, ich will Bilder und ich will Farbe. Das Live-Erlebnis in der Schiflug-Arena Hintergrunzenstein kannst du knicken, weil du ja nichts siehst und jaja, für das Fernseherlebnis gibt es natürlich Nachtsichtkameras, dies das. Bei Big Brother und Love Island funktioniert das ja auch, denken sich jetzt manche. Für das Schäferstündchen von Marc-Robin und Michelle-Joelle mag das vielleicht ausreichen, wenn man die nur unscharf und grüngepixelt sieht. Meine Kobayaschis, Krafts und Prevces aber will ich scharf und in Farbe.

Und dann ist da natürlich das Erlebnis für die schifliegende Person selbst. Was ist denn der Anreiz für diejenigen, die sich hier Tag für Tag bei unwirtlichen Wetterverhältnissen für ein Taschengeld hohe Schanzen hinabstürzen? Der Nervenkitzel alleine ist es nicht. Nein, es geht auch um Fame und Anerkennung und Jubel.
Wie geil muss es sein, mit 130 km/h durch den Himmel von Planica zu fliegen, während dir unten in der Arena 30.000 begeisterte Fans zujubeln. Und ja, die willst du sehen. Vielleicht nicht ihre Gesichter, aber ihre Köpfe, die ganze euphorische Menschenmasse. Es reicht dir nicht sie nur zu hören. Ein Hörspiel ist kein MX4D-Kinoerlebnis. Du gehst ja auch nicht zum Dinner in the Dark und lässt im Schlafzimmer gerne das Licht an, oder?

Wenn Schifliegen, dann richtig. Mit Sicht, mit Licht, mit Farbe.

H.C. Roth

Donnerstag, 20. März 2025

Schön, wenn Garagepunk komisch spricht Pt. BEESVVAXXXX


NUNOFYOURBEESWAX - HABLO RARO

Fast!

Hätte ich NUNOFYOURBEESWAX letztes Jahr live gesehen! Und das nicht mal in Berlin.

Verrücktes Leben: Da gibt es wirklich Bands, die Leute manchmal fast live miterlebt hätten. Das Dasein auf dieser Welt hät doch immer neue Überraschungen bereit.

Letztes Jahr habe ich zu Regenerationszwecken einige Tage in San Sebastian verbracht. Wunderbare Stadt, vor allem wegen der malerischen Buchten, Strände, Berge. Alles toll, also. Ich ging spazieren, lag im Sand und las ein Buch. In einem gut sortierten Plattenladen kaufte ich ein T-Shirt, in einem anderen, weniger gut sortierten Laden eine Live-Platte von SO MUCH HATE. Da wurde mir nochmal klar, wie Punk die Globalisierung schon früh drauf hatte: Das Live-Album ist nämlich in der Your Choice-Live Series erschienen. Your Choice war ein Label aus NRW, glaube ich. Die Livemitschnitte allesamt Sahne. Also, ein Label aus Deutschland veröffentlicht eine live aufgenommene Platte einer norwegischen Band und die wird mir 36 Jahre später in einem Plattenladen im Baskenland in die Finger gespült. Es wäre nachzuforschen, wie sie dort hingekommen ist. Eigentlich eine subkulturelle Flaschenpost.

Mein subkulturelles Erleben beschränkte sich ansonsten auf den Besuch eines Mini-Festivals mit MUDHONEY und drei baskischen/spanischen Bands, deren Namen ich leider vergessen habe - bis auf eine. MELENAS, eine reine Frauenband, die mir vor allem deshalb sofort sympathisch war, weil sie ihren Gig zunächst ohne Gitarren eröffnet haben. Nur Synthie, Bass, Schlagzeug und Gesang, es war wunderbar, denn die beiden Bands davor, deren Namen ich nun wirklich nicht mehr im Kopf habe, waren halt so typische Alternative-Rock-Indie-Emobands.

Die eine noch ganz jung und offensichtlich noch gar nicht so ausgereift (beendeten ihren Gig aber mit einem recht guten PINK-Cover), aber genau deshalb auch grundsympathisch. Die zweite, puh, das war anstrengend, denn das war so eine reine Männertruppe mittleren Alters, die so ganz wütenden brachalen Noiserock drauf hatten, dazu zwei Schlagzeuger, die orginal komplett dasselbe gespielt haben. Warum? Keiner weiß es. Dann noch ebenjene MELENAS, so viel Wave-artiger und spannender, auch wegen der fetzigen Coverversion von GRAUZONEs Eisbär. Auf spanisch: OSA POLAR.
Über MUDHONEY weiß ich nicht viel besonderes zu berichten, denn sie waren routiniert und souverän. So routiniert, dass ich mich gefragt habe, ob sie überhaupt wissen, in welcher Stadt sie gerade sind, oder ob das komplett egal ist. Was auch wiederum egal ist. Das war also mein einiges Konzerterlebnis im Urlaub in San Sebastian 2024. File this segment under holiday memories.

Es hätte noch ein Konzert dazukommen können, denn in den Zeitraum meines Urlaubs begab es sich, dass auch NUNFYOURBEESWAX in Spanien unterwegs waren und in San Sebastian Halt gemacht haben - gemeinsam mit THE GORIES.
Ja, ich weiß. Sowas sollte sich niemand niemals nicht entgehen lassen. Allerdings: Es war der Abend vor meiner Abreise Richtung Barcelona, die am nächsten Morgen sehr früh vonstatten ging. Und da ich mittlerweile zu ausgedehnten Ruhephasen im Vorfeld von An- und Abreisen neige... bin ich mit der Taschenbuchausgabe der gesammelten Briefkorrespondenz von Hunter P. Thompson auf dem Gesicht in meinem Herbergszimmer eingepennt. In der Youtube-Playlist das "Memphis Underground"-Album von Herbie Mann in Dauerschleife.

Aber von nun an war der Kontakt zu NUNOFYOURBEESAX da, und jetzt liegt ihr drittes Album hier auf dem Plattenspieler und dem Schreibtisch (wechselweise mit einer Platte von DEAD MOON und "Frenching the Bullies" von THE GITS). So ganz unbekannt war mir die Band vorher nicht, schließlich kann man sie immer wieder mal live in irgendwelchen Berliner Kellern sehen. Nun also neue Platte und alles, was irgendwie den Ruch von Garagerock/Punk hat, finde ich immer noch spannend und deshalb dieser Text.


Also gleich mal die Katze aus dem Sack: "Hablo raro" ist ein sehr erfrischendes Stück Garagepunk geworden. Das, was mal in den 60ern in dieser Art gespielt wurde, auf Nuggets- und Pebbles- und Backfromthegrave-Samplern zusammenkompiliert wurde, findet sich hier in modernisierter Art wieder. Dazu sicher das prägnante Erbe einiger südamerikanischer Garagebands wie LOS SAICOS. Diese mit den BUZZCOCKS, COATHANGERS, CRAMPS, LOLITAS und WHITE STRIPES in einen Mixer geworfen - fertig ist die stürmische-fiebrige, dich unmittelbar treffende Garagerock/Pop-Punk-Chose. Flott, tanzbar und sehr gute Laune verbreitend.

Was mir an den Songs auf "Hablo raro" so richtig gefällt, ist der Fakt, dass es eine Punkplatte ist, der dieser typische, RAMONES-artige Punksound fehlt. Die Gitarre ist kaum verzerrt, auch dieser harte Downstroke-Anschlag ist nicht da und das macht alle neun Songs zu einer angenehm luftigen und rhythmisch sehr tanzbaren Angelegenheit. Manche werden das Lo-Fi nennen, und vielleicht ist es das auch, aber die Tatsache, das die Band sich für diese Art von Sound entschieden hat, hat wenig mit mangelndem Technik- oder Equipment-Ressourcen oder Know-How zu tun, sondern war sicher eine bewusste Entscheidung und das finde ich wiederum äußerst charmant.


Schon das Intro, in dem das Stimmen der Gitarrensaiten die Zuhörer*innen darauf vorbereitet, dass NUNOFYOURBEESWAX sich gerade darauf vorbereiten, den Soundtrack für eine Party, für deine Party also, abzuspielen: Ich bin der Meinung:"...das ist Spitze!" (Hans Rosenthal, 1982)

Und dann noch Don Fury! Ich hab's kaum geglaubt, gerade den in den "Hablo Raro"-Credits zu finden! Erstens wusste ich gar nicht, dass Fury noch als Produzent o.ä. aktiv ist, und zweitens hätte ich ihn sicher nicht als Mastering-Mensch für eine Garage-Punkband erwartet. Aber nun, der Name steht da auf dem Backcover und es wär schon schräg, wenn es ein komplett anderer Don Fury wäre, als die Hardcore-Produzentenlegende aus New York.

Wo gerade von Back- und Frontcover die Rede ist... Auch das Coverartwork von Johan Schreier ist wunderbar: Bunt wie ein 80er-Jahre-Teenage-Bubblegum-Comic, bissl an frühe Punkscheiben wie von THE MODERNETTES erinnernd und somit in sich auch sehr passend zur Musik.


Festzustellen bleibt: NUNFYOURBEESWAX haben hier eigentlich nur Hits ins Vinyl gepresst und wer nur ein bißchen was mit der Art von Rockmusik anfangen kann, die die Silbe Garage in sich trägt, sollte sich HABLO RARO geben - egal ob auf Spotify, Bandcamp oder im Plattenladen eures Vertrauens.

Gary Garage Flanell

HABLO RARO ist über die Bandcampseite von NUNOFYOURBEESWAX erhältlich.

P.S.: Beste Songs? "All I Know" - so ein richtiger Hüftschwinger mit geilem Gitarrenthema, das mich an einen südamerikanischen Garagerock-Kracher erinert, dessen Name mir aber partout nicht einfällt. Und zweitens: "Never will" - ein unglaublich süßes Stück Pop-Punk, es gibt nichts schöneres, um die B-Seite dieses Album zu beenden.

Donnerstag, 30. Januar 2025

Schön, wenn alte Männer noch Musik machen Pt. MMMMXXXXIIIIXMMMXXII


OLD MEN GROUP - OMG! It’s… THE OLD MEN GROUP

Was für ein Titel. Das schlägt direkt in die Magengrube. So bringt man sprachlich jung und alt zusammen. Generationsübergreifende Musik also? Vielleicht. Doch schauen wir uns die Old Man Group doch erstmal etwas genauer an. Der Name ist da schon Programm.

Denn young und fresh sind die drei Herren jetzt nicht mehr so ganz. Hatte doch Frontmann und Mastermind Klaus Cornfield schon vor runde zweihundert Jahren mit Throw That Beat In The Garbagecan internationalen Erfolg, bevor es mit Katze weiterging. Der Rest ist Geschichte. So far.

Doch nun gibt es seit ein paar Jahren eben besagte Old Men Group, die bereits zahlreiche Berliner Bühnen unsicher machte und auch mich bei einem auftritt im Neuköllner Posh Teckel hellauf begeistern konnte. Es hat dann etwas gedauert, aber endlich ist auch ihr erster Longplayer erschienen, der mir hier jetzt als CD vorliegt.


Zwölf Indie-Pop-Kleinode, die ordentlich nach Garage, Rock’n’Roll und Beat riechen. Lo-Fi mit Charme. Das kennt man von Klaus Cornfield. Und so ist auch drin, was drauf steht. Hier wird quer durch die Rock-Geschichte zitiert und geklaut, dass es eine wahre Freude ist. Hier die Troggs, da die Who und so geht es weiter. Die Platte macht unheimlich viel Spaß, fast so viel wie die Konzerte der Band.

Abel Gebhardt

Das Album mit dem Oh my God-Titel der Old Men Group gibt's hier auf ihrer Bandcamp-Seite.

Donnerstag, 18. Juli 2024

Schön, wenn es noch einfarbige Alben gibt Pt. MLX


EASTIE RO!S - Das Braune Album

Die geistern ja auch schon länger durch die Berliner Konzerträume. Habe sie aber zwischendurch immer mal wieder aus den Augen verloren. Wobei ich auch sagen muß, dass mich die EASTIE RO!S mich bisher nie so ganz gepackt haben.
Das war halt okayer Punkrock mit ziemlich deutlichem 77er-Einschlag. Die ganze Combo hatte äußerlich so eine sehr typische Punkrock-Optik. Glaube, das hat mich damals eher abgetörnt, weil's so was uniformes hatte. Mittlerweile bin ich schon froh, wenn es so ein Outfit noch gibt.

Dann gibt's noch den Kalauer-Namen, und das fand ich leider damals schon fad, weil es ja doch immer wieder Combos gab, die das gemacht haben: Beck's Street Boys, Vier Blonde Nonnen, Thrashing Pumpguns, sowas halt. Diese nahe am Original bleibenden Wortwitzbandnamen finde ich bis heute eher abtörnend, weil das auf dem Dorf echt jede zweite Trottelkapelle gemacht hat. Das sind natürlich alles sehr oberflächliche Einschätzungen, aber sowas kann einem schon das Bild von einer Band verhageln.

Aber die EASTIES, wie ich sie hier mal zärtlich nenne, stehen anscheinend auf tricky Referenzen. Das war schon bei ihren Peel Sessions so, ist beim Bandnamen so und nun eben Das Braune Album, allein vom Titel her. Ich sage nur Weißes Album, da ist das Braune natürlich ein wunderbarer Kommentar, ein schön gehässiger, die Kacke-Assoziation ist schon lustig. So sollte Punk öfter sein.


Dieses Braune Album hat mich dann doch etwas neugierig gemacht, vielleicht auch wegen der Tatsache, dass Jacke Schwarz (früher bei Corna Kruswa, hat auch eine spitzen Soloplatte gemacht) da jetzt mittut. Tut er das schon länger? Ich weiß es nicht. Passt aber gut.

Was zu sagen ist: Die EASTIE RO!S machen auf ihrer dritten Platte bei Tomaten Records (auch dazu findet sich ein lustiger Hinweis auf der Vinylversion. Auf die Beatles-Plattenfirma. Guckt nach.) immer noch Punkrock. Vom Beat her, von den Akkorden, den Strukturen der Songs, da geht nun gar nichts dran vorbei. Smells and sounds aber immer noch fresh. A bissl like RATTLESNAKE MEN, SHOCKS, BOTTROPS und auch so Früh-80er-Berlin-Punk wie z.B. ELEGANT. Diese geografische Verortung ist wahrscheinlich nur Assoziation, die mir hier die objektive Einordnung trübt. Ich komme nicht allerdings drumherum, es klingt schon sehr nach dieser Stadt.


Bei dem Punkrock-Rahmen, der hier gesetzt wird, ist zu sagen, dass das BRAUNE ALBUM schön abwechslungsreich geworden ist. Bei "Ignoriert und Isoliert" klingt die Gitarre erstmal glatt nach TURBOSTAAT oder einem alten Track der vielen Rachhut-Bands, bei "Abhäng im Weddding" gibt's einen unerwarteten Mundharmonika-Einsatz, der Lo-Fi-Take "George H." hat einen schönen Anti-Folk-Charakter und ganz am Ende das hübsche Piano-Snippet "Kleben geblieben" is auh super. Mit diesen kleinen hübschen Ideen und den Hits auf dem Braunen Album gefallen mir die EASTIE RO!S 2024 ziemlich gut.


Vielleicht auch, weil sie textlich sehr treffend zwischen eloquentem Rotz, einer gewissen melancholischen Grundstimmung und der Auseinandersetzung mit der Orientierungslosigkeit und Oberflächlickeit, die diese Stadt manchmal mit sich bringt, mäandrieren.
Das ist mir früher nicht so aufgefallen und reibt sich gut mit dem musikalisch nach vorne drängenden Gesamtsound. Wahrscheinlich ist es diese Mischung, die das BRAUNE ALBUM (kommt hübsch mit Prägung auf dem Frontcover) für mich derzeit sehr interessant macht. Ich wünsche mir jedenfalls, dass die EASTIE RO!S dafür mal eine Goldene Schallplatte kriegen. Irgendwann einmal.
Eilt ja nicht.

Bester Song: "Menschen aus Glas"

Beste Songzeile übrigens "Warum ist es so schwer, ein Arschloch zu sein?"

Gute Nacht.

Gary Flanell

Das Braune Album der EASTIE RO!S erscheint am 19.07.2024 auf Tomatenplatten. Releaseparty ist am 20.07. im Schokoladen. Wahrscheinlich schon ausverkauft, wenn ich das hier schreibe.

Freitag, 27. Oktober 2023

Konzert+++ Konzert+++Konzert+++


Jawollo Apollo!!
Endlich mal wieder schöne Musik!
Irgendwo im Osten, aber nicht allzu tief im Osten. Kurz hinter der Ringbahn, wo die hoffnungsvollen Wohnungssuchenden jetzt auch mal hinschauen, von Friedrichshain aus. Auf einer der gemütlichsten Bühnen, die diese gentrifizierte Zombie-Stadt noch zu bieten hat.

Genauer gesagt, in einem Hinterhof, in dem nun Gras wächst und früher mal alles mit Betonplatte ausgelegt war. Einem Hinterhof, in dessen dazugehörigen Hauptgebäude einst Spione spionierten, und jetzt Menschen gemeinschaftlich zusammenleben. In einem Schuppen, einem kleinen Mehrzweckgebäude im Hinterhof auf dem ehemaligen Gelände des DDR-Geheimdienstes, der sogenannten REMISE.

Also: Kommt rum und seht es euch an. Kommt vorbei und hört zu. Kommt vorbei, nehmt einen Drink und jubelt zu nettem Anti-Folk und Singer/Songwriter Zeug. Wird gemütlich.

KONZERT IN DER REMISE

Wann? 04.11., ab 20 Uhr.

Wo? Remise im Hinterhof, Magdalenenstraße 19, Haus 4, 10365 Berlin.

Wer?

DRUNK AT YOUR WEDDING (Electric folk, Berlin)

LUTZ NEUSTADT (Singer/Songwriter, Berlin)

GARY FLANELL (Silver Slacker Sounds, Berlin)


***ENGLISH VERSION***

Hell ya!

DRUNK AT YOUR WEDDING, Lutz Neustadt of LUTZILLA and Gary Flanell are playing live- somewhere on one of the coziest stages this gentrified zombie city has to offer.

Where spies once did, ehm, spy, there is a shed, a remise, a small multi-purpose building in the backyard on the former area of east german secret police HQ, there will be now music.

If you do not believe, come around and see. Come around and listen. Come around and cheer to some nice anti-folk and singer/songwriter stuff.

CONCERT @ THE REMISE

Date: 04.11., ab 20 Uhr

Location: Remise im Hinterhof, Magdalenenstraße 19, Haus 4, 10365 Berlin


Artists:

DRUNK AT YOUR WEDDING (Electric folk, Berlin)

LUTZ NEUSTADT (Singer/Songwriter, Berlin)

GARY FLANELL (Silver Slacker Sounds, Berlin)


Dienstag, 4. April 2023

Die Hölle


Ich weiß jetzt wie die Hölle aussieht:

Es ist ein Einkaufszentrum, so ein riesiges wie der Alexa in Berlin am Alexanderplatz.

Oder heißt es ‚das Alexa’? Oder – naheliegenderweise –‚die Alexa’? Also, die Alexa an einem Samstag, das müsste der Hölle ziemlich ähnlich sehen. Da überkommen die dafür empfänglichen Besucher grundsätzliche Fragen der Menschheit – und bleiben doch vollkommen unbeantwortbar:

Woher kommen wir eigentlich?

Wohin gehen wir?

Wer hat das alles so eingerichtet?

Wie sind wir hier hineingeraten?

Wieso kommen wir nicht mehr heraus?

Wieso ist hier plötzlich die Voltairestraße?

Hat das alles einen Sinn?

Wieso gibt es überhaupt einen Starbucks und nicht vielmehr nichts?

Sartre hat in "Die geschlossene Gesellschaft" geschrieben: »Die Hölle, das sind die anderen.« Jetzt weiß ich, was er gemeint hat. Es sind vor allem diejenigen anderen, die ihre Kleidung hektoliterweise kaufen und in mehreren Papiertüten hinter sich herschleifen. Das ist kein Einkaufszentrum. Korrekterweise muss es ‚Shopping Mall’ genannt werden. Denn kaufen tut man Notwendiges.

Shoppen dagegen ist eine religiöse, eine ganzheitliche Erfahrung, die Gaffen, Unnötiges erstehen (das eine Woche später auf Ebay landet) und teuer Aufgetautes aus der System-Gastronomie Herunterwürgen umfasst. Die vollständige Abwesenheit von Sinn empfinden die Buddhisten als Befreiung und nennen sie Nirwana.
Als unumkehrbar Okzidentaler bedeutet sie für mich nur die Hölle. Wissen alle hier Anwesenden, all die Katholiken, Protestanten und Muslime, dass sie gerade religiös querpudern? Werden sie nicht dereinst gerade deshalb in die Hölle kommen – also in ihre Hölle?
Und warum müssen Atheisten wie ich durch die Hölle auf Erden, wenn sie nicht an die Hölle im Untergeschoß des Himmels glauben? Die anderen können sich hier wenigsten vorbereiten; die haben wenigstens was davon; die kommen dann unten an und sagen: »Ach sooo! Wie in der Alexa ist das hier. Vielleicht kann ich jetzt endlich meine Sammelkarte vervollständigen und kriege den zehnten Peitschenhieb gratis.«
Aber wir?

»Der Herr schaut noch?«

Nein, der Herr hört leider auch noch. Nämlich diesen Electro-R ’n’ B-Angriffskrieg gegen jeglichen musikalischen Geschmack, der dennoch zur Konsens-Musik erklärt worden ist. Das soll die Musik sein, die allen gefällt? Und in der U-Bahn-Station nebenan wird Klassik über die Lautsprecher gespielt, um die Säufer zu vertreiben.

Bach soll die Menschen abstoßen – und dieses Disco-Geblubber sie anziehen. Warum, zur Hölle, ist mir das unbegreiflich?
Aber es sind ja zehn Schuhgeschäfte in dieses Einkaufszentrum gepresst und ich brauche Schuhe, dringend, gegen die Knieschmerzen, die langsam unerträglich werden. Nach dem zehnten Paar, das ich im dritten Schuhgeschäft probiert habe, will ich der sechsten Verkäuferin eine Verdienst-Medaille verleihen, weil sie diese Umgebung erträgt mitsamt der Muzak, all den Jugendlichen ohne vernünftige Freizeitbeschäftigung, den Erwachsenen im Schnäppchenrausch – und mitsamt mir, der sich noch immer nicht für das knieschonendste Paar entscheiden kann.
Aber wie soll man auch die weichen Sohlen überhaupt wahrnehmen können, wenn die Musik im Fahrstuhl Richtung Untergeschoß am ganzen Körper Krämpfe verursacht stärker als die eines Epileptikers? Easy listening is a heavy duty.

Nach zwei Stunden versuche ich fluchtartig, irgendwie einen Ausgang zu finden, weil mittlerweile der Knieschmerz vom Ohrenschmerz und vom Weltschmerz überdeckt wird.
Aber die Sache hat einen Pferdefuß: In weiser Voraussicht haben die Architekten keine Balkone oder Terrassen an der Shopping Mall angebracht, weil es naheliegend wäre, sich von dort direkt hinunterzustürzen – entweder um der Qual durch einen Suizid ein sofortiges Ende zu bereiten oder weil man schlicht den Ausgang nicht findet.

Raus hier, völlig egal, ob aus dem Leben oder nur aus der Mall! Nachdem mir der Selbstmord verwehrt geblieben, jedoch endlich der Ausgang gefunden ist, bleibt mir nur eine Lösung: Ich kaufe mir fünf Pilsator, setze mich auf die Bank zu den Säufern und höre mit ihnen Bach. Dabei ist mir dann vollkommen egal, ob von Johann Sebastian, Carl Philipp Emanuel oder David Josef. Und Alkohol lindert bekanntlich selbst höllische Knieschmerzen.

Herr Nals

Die Hölle als Einkaufszentrum? Einkaufszentren als gescheiterte Höllen?

Gibt es unter retailhellunderground

Freitag, 22. Oktober 2021

Geile Meckertypen


Die Momente, in denen mir alles am Arsch vorbeigeht, mehren sich fatal. Menschen nerven mich an oder sind mir scheißegal. Ich seh sie kaum noch, nur graue Masse, durch die ich hindurchschlupfe, von einem Termin zum anderen. Das hat nichts mit Herbst zu tun, obwohl der auch scheiße ist. Herbst ist scheißer als Winter, Winter ist scheißer als Frühling Frühlng ist ok. Sommer auch ok. Ich will immer Sommer. Aber keine Klimakatastrophe.

Hier auf dem Blog war ich einige Jahreszeiten lang nicht mehr. Tja, so ist das im Leben der arbeitenden Menschen - Zeit für Muße und gesellschaftlich verachtetes Nichts-Tun ist nicht mehr. Nicht mal Zeit für einen kleinen Blogtext. Warum? Weil dich die Erschöpfung und die Geschwindigkeit, die die Strukturen von dir erwarten, jeden Abend ermattet ins Sofa pressen.

Andererseits... hätte ich jetzt keinen Job, der Tagesstruktur gibt, wäre ich bestimmt nicht hier dabei, einen Text zu schreiben. Ich hoffe, ihr versteht. Wenn nicht, auch egal. Ich war jedenfalls lange nicht mehr hier in meinem kleinen Schreibraum. Kurze Info: Das Renfield-Zine in Printform schläft immer noch. Bringt ja kein Geld. Würde mir das meine Miete zahlen und nicht nur die, dann würde ich eventuell über eine zeitnahe Auferweckung nachdenken. So bleibt der Blog. Und auch der bewegt sich sooft wie ein Grizzly im Winterschlaf beim Pupsen. Eine schöne Musik.
Ich pack hier jetzt mal ein Video von ATOMVULKAN BRITZ rein, sonst sieht das her alles so nach Textwüste aus. Das will ja niemand. Ich jedenfalls nicht. Außerdem ist es ein schönes Video zu einem Song von unserem nächsten Tape.



Ich höre derzeit eigentlich nur digital Musik. Nicht überraschendes am Ende des 21. Jahres am Anfang des 21. Jahrhunderts. Der Verstärker von der Anlage ist kaputt, jetzt für immer. Ich hab keine Zeit, einen neuen zu besorgen oder den alten reparieren zu lassen. Ok, ihr habt es verstanden: Ich habe keine Zeit für nix und irgendwas. Werd's nicht mehr erwähnen. Jedenfalls hör ich deshalb vermehrt digital Musik. Platte ist aber immer noch geiler. Ab und zu schwemmt die Promo-Post Neuigkeiten über neue Platten ins Postfach. Viel deutschsprachiges und ehrlich gesagt: Das meiste ist schrecklich langweilig. Unglaublich öde und doof. Hab ich ein Glück, dass ich drüber nichts schreiben MUSS. Ich könnte schöne beschissene Verrisse schreiben, aber dafür will ich keine Energie aufwenden. Denke eh schon immer negativ, das kostet genug Kraft.

Und gute Musik, ja die gibt es, aber die Faszination über SPELLLING, ALGIERS, ZEAL & ARDOUR und ähnliches, will ich gar nicht teilen. Ich behalte mein Vergnügen für mich, nicht mal Links zu Videos der oben genannten wird es hier geben. Das ist der Tribut ans Informationszeitalter. Keine Information preisgeben, über das, was mich wirklich umtreibt. Ha, da erzähl ich mir ja selber ein Märchen. Meine Spuren im Netz düfte eh überall zu finden sein. Aber in Sachen Musik steh ich auf den Rückzug ins Analoge. Aufs gute alte HörenSagen. Keine Info über das, warum ich was gut finde. Keine tiefe Analyse der guten Platten. Mach dir selber ein Bild.




Was mich zum LUNSEN TRIO bringt. Wollte neulich eine 7inch bei Tapete Records bestellen, weil der Bandname so interessant war. "Nix" hieß die Single. War aber ausverkauft. Hab mir dann das Video angeschaut und war begeistert. Keine Ahnung, was Lunsen sind. Ich hoffe, etwas total unnützes und absurdes. Das Wort erinnert mich an Rumlungern und auch an irgendwas Essbares, das früher mal Kuh war. Ach nee, das waren Kutteln. Schreckliches Zeug. Gabs mal kalt auf einer Party in Polen, direkt aus dem Glas. Schmeckte schrecklich.

Schrecklich ist das LUNSEN TRIO keineswegs. Eher dem wenigen guten Deutschsprachigen zuzurechnen, das ich in letzter Zeit gehört habe. Ich glaub die sind aus Wien, es klingt ein bissl so. Hat so einen leichten VOODOO JÜRGENS-trifft-auf-CHRISTIANE_RÖSINGER-Touch, also Wiener und Berliner Atmo, sowas geht ja immer gut zusammen. Auch ein bißchen wie die letzte Platte von MEKANIK DESTÜKTIV KOMMANDO. Erklären kann ich das nicht. Die Lunsen haben jedenfalls viel Folk und Indie-Rock drin in ihren 69 ways of pubrock, hier und da mal durchaus auch etwas Ska. Also sowas, was Eddie & The Hot Rods Ende der 70er in London auf die Bühnen gebracht haeb. Interesanterweise fällt mr spontan keine andere deutschssprachige Pub Rock-Band ein. Auch deshlab ist das Lunsentrio sehr interessant. Ganz klar ist hier ein großstädtischer Habitus zu erkennen. hier gehts nicht um die Schönheit der entlegenen Natur. Urbane Orte werden gewürdigt, alle Nase lang, ganz klar in dem Gertrudenplatz-Song, die Provinz dagegen gern mal mit Lust zertrümmert, z.B. in der Offenbacher Küchenzerstörung. Gesungen wird schon auf hochdeutsch, dazu hat der Sänger eine schöne meckerige Nöhligkeit. Ich mag das.

Geile Mecker-Typen in zu engen Pullis und altmodischen Brillen sind das. Stelle mir vor, wie dieses Trio an einem pitoresken Springbrunnen (Kreuzberg!) rumhängt, den ganzen Tag. Und da nur meckert, lästert, Menschen beobachtet, Touristen bespuckt, Bier trinkt. Wenn's nötig ist, mal zwei Stunden in den Proberaum geht, um einen neuen Song aufzunehmen. Bezahlt wird das dann natürlich super. Damn, so ein Leben, das wär geil.



Gute Texte sind das auch. Das Nix-Lied ist auch im Album-Kontext ein Knaller. "Die Offenbacher Küchenzerstörung" auch, besonders charmant wegen der kleinen STUNDE X-Referenz. "Gertrudisplatz (OI! The Tresen)" und "Reggae für Paul-Peter Zahl" auch geil. Ganzes gutes Album. Ok, den Titel kann ich auch mal erwähnen. "69 Arten, den Pubrock zu spielen". Und genau das bekommt man. Und ich liebe es, obwohl ich gar nicht mehr ins Pub gehe. Die Gicht und so, ihr wisst schon. Es spielt übrigens auch einer von FRANZ FERDINAND da mit. Macht mit dieser Information, was ihr wollt.

Gary Flanell

C auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.

"69 Arten den Pubrock zu spielen" vom LUNSEN TRIO erscheint heute, dem 22.Oktober 2021 auf Tapete Records.

Sonntag, 5. Januar 2020

Atomvulkan Britz - next Gig


Machen wir's kurz:

Atomvulkan Britz (NoiseDubWave-Instro-Effekt-Duo aus Berlin) spielt
am 25. 01.2020 gemeinsam mit den Kollegen von
BUM (angenehm hektisches Indie-Elektro-Gezappel) und Lutzilla (Gesang, Gitarre, Drums, Ex-Neustadt und Nördliche Gärten)) in ihrem favourite Schnapsloch.

Alle weiteren Infos stehen auf dem Flyer oben.

Und jetzt noch was zum gucken um zu hören...

Lutz Steinbrück (von Lutzilla)



und

Atomvulkan Britz mit ihrer Hitsingle BRITZKRIEG BOP




Donnerstag, 13. September 2018

One flew over the cat flap...

...aber drei andere cool cats lesen alles.
Alles, was sie an unterhaltsamen, witzigen und nachdenklichen Texten geschrieben haben.

VIER LESEN heißt der Spaß, aber wie das Leben so spielt, sind wir diesmal nur zu dritt. Kann passieren. Mr. Roth kann man auch einen Abend vorher, am 21.09., bei der LANGEN NACHT DER SUBKULTUREN erleben. Viola Nordsieck und Gary Flanell auch.

Hier mal die Fakten für die beiden Leseveranstatlungen am 21. und 22.09. in Berlin.

21.09.2018 LANGE NACHT DER SUBKULTUREN bei PERIPLANETA ab 20 Uhr

mit: Viola Nordsieck, HC Roth und Sascha Plach. Musikalischer Support: Gary Flanell

Wo? PERIPLANETA LITERATUR CAFÉ, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin

(Ringbahn/U2 Schönhauser Allee u. 10 Min. Fußweg o. Tram M13, Station Schönfließer Straße)


20.09.2018 VIER LESEN. ab 20 Uhr

mit: Viola Nordsieck, Mascha Tobe und Gary Flanell (diesmal lesend)

Wo? GARAGE PANKOW, Hadlichstr.3, 13187 Berlin

(U2 Pankow)

Donnerstag, 31. Mai 2018

Samstag! Platten kaufen in Berlin!

Hmmmm, Yaam, Yaam, lecker! Am Samstag, de. 02.06.2018, steigt im Yaam der wunderbare Freakouternational Vinyl Market. Dort werden sack- und tischweise Platte verkauft, DJs legen auf und engagierte Labels stellen sich vor. Es wird also richtig gemütlich. Auch ich habe mit JOHN STEAM RECORDS einen Stand am Start, sogar inklusive Plattenwaschmaschine. Also kommt vorbei, komplettiert eure JSR-Sammlung und macht für einen kleinen Obulus eure Lieblingsscheiben so hübsch und rein wie am ersten Tag.

Samstag, 6. Januar 2018

SubCult 05.01.2018

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms mit Timbob Kegler auf Pi-Radio 88,4
Playlist vom 05.01.2018, 20-21 Uhr.

Felix Navidad feat. Gary Flanell – Queen Bee (live im Studio, original by Freakwater)

Reptilians from Andromeda – Doomsday


Reptilians from Andromeda – Wicky Wacky Witches
Reptilians from Andromeda – Jungle

Baronen & Satan – Satan is a lady


Mean Motor Scooter – Wavespotting


Escobar – Changeover


Arcane Frost – Shapeless Essence


Purple X – Meathead Blues


Jaya The Cat – Sweet Eurotrash


Cracker – Eurotrash girl



Yaramiso – Tomic Energy


Dirty Fences – Teen Angel

Montag, 14. August 2017

Schön, wenn (junge) Menschen Musik machen Pt. VII

Neulich morgen. Habe mit meiner Freundin darüber diskutiert, was eigentlich Punk sei. Frage mich seitdem, wie wir darauf gekommen sind, auf dieses total durchgekaute Thema, wo es doch gerade weißGottBuddhaShivaAllahSpaghettimonster mal ganz andere, wichtigere Dinge auf der Welt gibt, die man diskutieren könnte. Wahrscheinlich hat es was mit dem Ausraster von Leonard Graves Phillips zu tun. Mit dem Mann, den die meisten in dem Folder "Sänger der Dickies" im Hirn abgelegt haben. Der hat nämlich bei der Warped Tour eine Zuschauerin übelst beschimpft, weil sie während des Gigs ein Pappschild dabei hatte, das ihm wohl nicht passte. Auf dem Schild stand "Teenagerinnen sollten sich keine herabwürdigenden Witze von einem widerlichen alten Mann anhören müssen." Da fühlte sich Leo wohl persönlich angegriffen und ließ eine ganze Salve von Beleidigungen ab, die allesamt total daneben waren.



Ist das Punk? Von der Bühne runter einzelne Personen beschimpfen? Ist es nicht. Es ist ziemlich armselig, sich vom sicheren Platz auf der Bühne herab eine Person aus dem Publikum rauszupicken und runterzumachen. Das ist fiese Ausnutzung einer Hierarchie, die sich durch die Situation ergibt: Hier der immer noch gefeierter Punkrock-Veteran, der sich der persönlichen Auseinandersetzung gar nicht stellen muss, weil er ja gerade eh räumlich von der Person getrennt ist, die er angemoppert hat. Und der sich vielleicht noch geil dabei vorkommt, wenn er eine Frau so vorführt. Wahrscheinlich hat es auch was damit zu tun, das es eine Frau war, die das Schild dabei hatte. Wie wäre es wohl gewesen, wenn das ein typischer Dickies-Konzertbesucher-Punk-Typ gewesen wäre?

Wir kamen dann, wie es oft der Fall ist, wenn es um das seltsame Bühnenverhalten von Punkrockern geht, auf G.G. Allin. Guter alter G.G. Allin. Der hat auch Leute beschimpft, egal ob das Frauen oder Typen waren. Aber: G.G. Allin hat das nie wie ein Prediger von der Kanzel herunter gemacht. Er war sich wahrlich nicht zu schade, in den Infight zu gehen und selber was auf die Mütze zu kriegen. Wahrscheinlich hätte er sich auch nicht einfach durch ein Pappschild derart provozieren lassen, sondern wäre komplett ohne Grund ausgerastet. Was ab einem bestimmten Punkt fester Teil der Kunstfigur Allin war, aber das ist ein anderes Thema. Er hat allerdings nie das Risiko gescheut, bei all dem selber ordentlich verprügelt zu werden. Leonard Graves Phillips (file under "der Sänger von den Dickies", you know) dagegen schon. Ist also nicht Punk, sondern eher feige und deshalb ziemlich armselig. Außerdem steht der Mann seit 40 Jahren auf der Bühne - und lässt sich dann von einer (einer!) einzigen Person derart mit einem Schild provozieren? Nicht Punk. Definitiv nicht.



Provokation. Die hat viel mit Punk zu tun. Gehörte schon, seit den Pistols und den Ramones dazu. Aber irgendwann, so scheint es, ist der Zug in die falsche Richtung abgebogen. Dann ging es nur noch darum die Leute zu provozieren, die bei den Konzerten vor der Bühne stehen. Und für die ist das dann meist aber nur ein großer Spaß. Provokation auf die eigenen Leute zu richten, ist ein bißchen sinnlos, finde ich. Denn die wissen eh, wie es gemeint ist. Oder haben eher Verständnis dafür. und mal ehrlich: Will man wirklich die Leute ärgern, die eigentlich deine Musik geil finden und eine Platten kaufen? Viel schicker wäre es doch, wenn man diejenigen ein wenig trietzen und verwirren könnte, die Punk/Punkrock nicht so wohlwollend gegenüberstehen. Dazu müsste man aber mal woanders auftreten als auf den bekannten Open-Airs oder Szenerevieren. Könnte schwierig sein, was? Aber schwierig war es für Punks am Anfang immer. Ich behaupte, dass der Punkrocker von heute aber keine große Lust mehr auf Schwierigkeiten mit der Außenwelt hat. warum auch? In seinem Umfeld fühlt er sich wohl, unter seines gleichen mit den bekannten Codes und allem drum und dran, kann ja nix passieren. Und mittlerweile weiß ja auch die letzte Oma auf dem Dorf, dass Punks ganz liebe Jungs sein können, wenn man ihnen nicht die Flausen mit Gewalt aus dem Kopf treiben will. Also ist Punk mittlerweile doch eine sehr konservative Einrichtung.



Möglicherweise muss aber eine kleine Unterscheidung vorgenommen werden zwischen Punk und Punkrock. Bela B. hat das mal in einem Interview ganz gut gesagt: Punk ist die Haltung und Punkrock ist eine Musikrichtung. Punk kann man wahrscheinlich sein, ohne es selber zu merken. Indem man immer wieder die provoziert, die es verdient haben, die halt nicht die eigene Meinung und den eigenen Geschmack teilen. Und ja, Punk hat sicher auch was mit Offenheit und Toleranz zu tun. Und auch damit, die Dinge in der Welt, die offensichtlich scheiße sind, anzuprangern. Und auch damit, andere Leute zu ermutigen, ihren Scheiß durchzuziehen, wie schwierig das auch sein mag. Offenheit, Toleranz, Empowerment - klingt wirklich sehr nach Sozialarbeitertum - vielleicht kein Zufall, dass viele Menschen mit Punkaffinität im sozialen Bereich arbeiten.
Womit Punk wenig zu tun hat, ist das reine Fachsimpeln über musikalische Feinheiten, die andauernde Erinnerung an die geilen Konzerte, die man gesehen hat und warum Band X nach dem Weggang von Gitarrist Y und dem Einsatz von Keyboards und Samples auf der neuen Platte ja überhaupt nicht mehr Punk seien. Das ist genau das, was die langhaarigen, nach Schweiß und Wein miefenden Blues-Opas in den 70ern schon gemacht haben und wogegen Punk mal angetreten ist. Scheint bei jeder Subkultur der gleiche Mist zu sein.




Puh, eigentlich wollte ich jetzt elegant zur neuen Platte von MDK überleiten. MEKANIK DESTRÜKTIW KOMANDÖH waren eine der ersten, möglicherweise die erste Punkband Berlins - den Platz könnten sie sich mit PVC teilen. So rockig wie bei Gerrit Meijer (R.I.P.) und Kollegen ging es bei der Band von Volker Hauptvogel aber nie zu. MDK waren eher dem Experimentellen zugeneigt, was verständlich ist, denn als Hauptvogel 1976 in Berlin anladet, macht er in Kreuzberg erstmal Straßentheater. Daraus entsteht dann die Band. Dass die nicht ausschließlich von stumpfen Rock beeinflusst war, lässt sich schon am Namen sehen, denn der war von einer Platte der französischen Progrock-Band Magma entliehen. Anfang der 80er sind MDK live in ganz Europa unterwegs und spielen mit der Birthday Party, den Dead Kennedys, den Einstürzenden Neubauten und allerlei ähnlichem, was später groß und berühmt werden sollte.



2017. Mit einem neuen MDK-Album (im Juni auf Destiny Records erschienen) hat wohl 1.) keiner wirklich gerechnet und 2.) möglicherweise haben auch nicht viele Leute darauf gewartet. Die Hochzeit der Band ist über 30 Jahre her, für alles, was in einer Subkultur passiert, ist sowas mit Äonen gleichzusetzen. Ist Manifestation also eine furchtbar altmodische Platte geworden? Nö. Interessant ist dieses neue MDK-Album aber schon. Weil sie so gar nichts mehr mit dem zu tun hat, was heutzutage unter Punk gemeinhin verstanden wird. Würde man es einem jungen tätowierten Menschen, der gerade bei Core-Tex oder VoPo Records die neusten Hardcore-Erscheinungen durchdiggt, vorspielen, würde er das wohl nicht wirklich als Punk bezeichnen. Durchgehend dröhnt ein Saxofon, als hätte es sich auf dem Weg zum nächsten Free-Jazzclub in der Location verirrt. Der Gesang hat nichts mit den Punkrock-üblichen Melodien zu tun, vielmehr wirkt das, was Volker Hauptvogel von sich gibt, wie Sprechgesang, der darauf scheißt, ob sich was reimt oder eben nicht. Insgesamt macht "Manifestation" eher den Eindruck einer Krautrock-Platte, die durch die Kreuzberger Punkschule gegangen ist und dabei den ein oder anderen NDW-Zeichenkurs mitgenommen hat. Monoton, treibend, aber eben nicht den Punkklischees entsprechend, die sich im Laufe der Jahre so ausgebildet haben. Ist das also Punk? Meiner Meinung nach mehr als das, was die Dickies auf den Bühnen dieser Welt so von sich geben.

(E) auf der 26teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell

Sonntag, 22. Januar 2017

Donnerstag! Raskolnikoff bei SubCult


Vielleicht nicht so aufregend wie all der Tumult um die Trump-Inauguration, aber auf alle Fälle die bessere Nachricht:
Am 29.01. geht die nächste SubCult-Show über die Bühne.
Studiogäste gibt's diesmal bie Timbob Kegler auch: Die Herren von der sympathischen Berliner Punkband RASKOLNIKOFF.
Die heißen nicht nur wie eine DER ganz großen Figuren der Weltliteratur (an dieser Stelle Props an den alten russischen Schreiber- Bro Dostojewski), sondern sind auch sehr produktiv. So lange gibt es die Band nämlich noch gar nicht und schon haben sie eine Split-7inch mit der philippinischen Band MONTHLY RED am Start. Natürlich ist sowas das Ergebnis guter Umstände und auch eines gut funktionierenden DIY-Netzeerkes, aber wie das alles kam und was Raskolnikoff noch so zu Punk im Jahre 2017 zu sagen haben, erfährt der geneigte Hörer am Empfangsgerät am kommenden Donnerstag von 19-20 Uhr auf Pi-Radio 88,4.



Was vergessen? Jau. In der Sendung verlosen wir nämlich auch ein Exemplar der RASKOLNOKOFF/MONTHLY RED-SPLIT-Single.

Also:
SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms - mit Timbob Kegler
Live im Studio - RASKOLNIKOFF
29.01.2017, 19-20 Uhr auf Pi-Radio, 88,4

Mittwoch, 28. September 2016

Mehr als PVC

Ein Mann schreibt ein Buch über sein Leben. Ein anderer Mann schreibt dazu ein Vorwort. Schon im zweiten Satz fragt er „Will ich das lesen?“.
Eine durchaus berechtigte Frage, die sich jeder stellt, der dieses Buch in der Hand hält. Er beantwortet diese Frage am Ende seiner Einleitung. Mit einer Antwort, die wahrscheinlich ebenfalls jeder geben würde, der das Buch immer noch in der Hand hält: „SCHEIßE,UND OB ICH DAS LESEN WILL!“.

Bei dem erstgenannten Mann handelt es sich um Gerrit Meijer. Gitarrist bei PVC, einer der allerersten Punkbands West-Berlins. Sowas trägt schnell zur gar nicht selbst gewollten Legendenbildung bei. Die - Herr Meijer wird es sehr gut wissen – kann manchmal mehr Fluch als Segen sein.
Segen, weil sich PVC dadurch, dass sie nach einem VIBRATORS-Gig 1977 mit ihrer Version von Punkrock loslegten, auf ewig ins popkulturelle Geschichtsbüchlein Berlins geschrieben haben. Dazu kommt der Umstand, dass sie auch einige Hits auf der Pfanne hatten, die absolut zum Kanon der Berliner-Punkhistorie gehören. „Berlin by Night“ oder „Wall city Rock“ kennt jeder, der mindestens ein Mix-Tape mit Berliner Punkbands am Start hatte.
Wobei sie das letztere auch gern mal als Label für ihren Sound benutzt haben – um sich eben nicht einfach als average Punkband abstempeln zu lassen. Dafür waren PVC auch immer viel zu eigensinnig, zu individuell und gegen jede Szenekuschelei allergisch.



Der Fluch, der so eine Position mit sich bringt, ist eben, dass der Name Gerrit Meijer auf ewig mit den drei Buchstaben PVC verbunden sein wird. Daneben verblasst vieles, was er sonst musikalisch gemacht hat. Nachdem PVC im Laufe der Zeit zu einer On/Off-Band mutierten, kooperierte Meijer immer wieder mit unzähligen Musikern und Musikerinnen. Musikalische Offenheit, bloß weit weg von jedem engstirnigen Punk-Nietenkaiser-Klüngel, war dabei die Direktive.



Was zu allerlei Projekten führte, die vielleicht einem kleineren Zirkel in West-Berlin bekannt waren, über einen lokalen Status aber nie so recht hinaus kamen. White Russia? Commando Love at least? Rouge et Noir (mit Marianne Rosenberg)? Die amüsante Koop mit Bela B. und Wiglaf Droste? Alles eher dem interessierte Modelleisenbahner bekannt. Auch PVC gerieten irgendwann etwas in Vergessenheit, was wohl den vielen Besetzungswechseln und langen Auszeiten verschuldet war. Trotzdem war die Band immer ein nicht zu unterschätzender Einfluß für nachwachsende Berliner Combos – nicht zuletzt für die frühen Tage der besten Band der Welt.



Da Punk aber wie viele andere Genres mittlerweile einer gewissen Historisierung ausgesetzt ist, wird PVC und auch der Name Gerrit Meijer immer mit dem Siegel der „ersten“ Berliner Punkband behaftet sein. Dabei wird oft vergessen, dass Gerrit mit „der“ Szene und ihren zuweilen recht konservativen Sounderwartungen nie wirklich viel anfangen konnte, was er zuweilen auch mal ganz direkt kommunizierte.
Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass seine musikalische Sozialisation schon viel früher begann. Die allerersten Banderfahrungen machte Meijer schon in den 60ern. Natürlich mit einer Beatband, The Voodoos. Die könnte man wahrscheinlich heute jedem Plattendigger als echtes Berliner Garage-Rock-Nugget verkaufen.

Als das bunte Punkbonbon 1977 richtig knallte, war Gerrit schon satte 30 Jahre alt. Für den Teilnehmer einer frisch aufkommenden „Jugendbewegung“, ein geradezu methusaleskes Alter. Eins, in dem viele andere schon das innere Eigenheim mit festen musikalischem Maschendrahtzaun fertig gebaut haben. Für Meijer ging der Spaß dann erst richtig los. Sich auf was neues einzulassen, sich neu zu erfinden war für ihn aber nie das Problem.

Auf die Einzelheiten dieser wilden "salad days" des West-Berliner Punkrocks will ich hier gar nicht weiter eingehen. Dazu ist schließlich dieses Buch da.
Ich habe für „Berlin, Punk, PVC“ drei Tage gebraucht, um es komplett zu lesen. Das ich es quasi in einem Stück eingeatmet habe, lag an zwei Dingen. Zum einen gab es vor einigen Jahren ein Interview mit Gerrit im Renfield. Weil's so nett war, kam er dann auch noch für eine SubCult-Radioshow ins Studio. Schon damals teilte er mir mit, dass er an seiner Biografie schreibe und ließ mir netterweise sogar das Manuskript als Datei zukommen. Dass da also ein Buch in Vorbereitung war, das ein wichtiger Mosaikstein im großen und ganzen Bild der West-Berliner Musikszene sein könnte, ahnte ich schon. Von daher war ich eh daran interessiert, wie das Endprodukt aussehen würde.



Zum anderen liest sich diese Biografie auch sehr gut und flott durch. Langatmige Passagen finden sich kaum, da folgt eine Episode aus dem Meijer'schen Leben auf die andere. Man könnte eventuell einwenden, dass es an manchen Stellen noch etwas ausführlicher hätte sein können. Gerrits Post-PVC-Zeit wirkt teilweise etwas zerklüftet. Es geht von einem Projekt zum nächsten, zwischendurch eine Reunion seiner bekanntesten band, dazu gibt es die "Pogo Dancing"-EP mit Bela B. Und 2005 die Reunion mit völlig neuen Musikern an Gerrits Seite. Ich hatte allerdings teilweise das Gefühl, dass dazwischen recht große zeitliche Abstände liegen. Es wäre interessant gewesen, da noch mehr zu erfahren. Auch fällt es ab und an schwer, die Übersicht über all die Bands zu behalten, bei denen Gerrit involviert. Eine übersichtliche Diskografie mit zeitlicher Einordnung als Anhang hätte die ganze Sache sicher noch runder gemacht.



Hinzu kommt, dass Gerrit Meijer natürlich in erster Linie Musiker ist. Darauf liegt ein Schwerpunkt dieses Buchs. In einer Biografie geht es aber natürlich auch um das Leben, das Private, Beziehungen, Jobs und die Wahrnehmung der Welt, in der einer lebt. Da fällt es beispielsweise auf, dass die Frauen in Gerrits Leben nur recht kurz als Personen angerissen werden. Hier eine langjährige Beziehung, dann irgendwann die nächste. Die Frauen im Leben des Gerrit M. Bleiben dabei immer ein wenig blass. Ebenso werden dramatische Ereignisse, wie beispielsweise der Tod von Knut Schaller, dem Original-Bassisten von PVC, recht knapp und fast schon beiläufig abgehandelt.



Was dagegen sehr gut vermittelt wird, ist das Bild eines jungen, musikverrückten Typen im West-Berlin, der sich neben der Musik mit allerlei Jobs durchs Leben schlägt. Vieles was da erzählt wird, klingt heute recht amüsant, auch weil man sich gewisse Arbeitsbedingungen und Verhaltensweisen heute nicht mehr so recht vorstellen kann. War halt alles Rock'n'Roll irgendwie. Laut, wild chaotisch und in der Blase West-Berlin oft auch ziemlich nihilistisch. Und gut und kurzweilig geschrieben.
Um also noch mal auf die Frage des Vorwortschreibers, kein geringerer als Bela B. Übrigens, zu kommen: Will ich das denn lesen? Scheiße, natürlich will ich das auch lesen!

Gary Flanell



Die erste Vorstellung von "Berlin, Punk, PVC" mit Gerrit Meijer gibt's am 13.10., 19.00 Uhr in der Milchbar, Manteuffelstr. 41 , Berlin Kreuzberg.

Weitere Termine für Gerrit-Meijer-Lesungen:
30.10. 2016, 19 Uhr, Schokoladen, Ackerstraße 169, Berlin-Mitte
29. 11.2016, 19 Uhr, Pinguin Club, Wartburgstraße 54, Berlin-Schöneberg

Gerrit Meijer:
Berlin, Punk, PVC - Die unzensierte Geschichte,
Eulenspiegel-Verlag, Edition Neues Leben,
256 S., ISBN 978-3-355-01849-4

Montag, 18. Juli 2016

Once there was...

" a band in my life and finally now there's this EP. Have a listen, if you may" schreibt Lorena Pernalonga jüngst auf Facebook.
Die Band um die es geht, sind THE BRUNETTEZ und Lorena war deren Sängerin und Bassistin. THE BRUNETTEZ waren eine sehr unterhaltsame Kreuzberger Punkband, bestehend aus vier Frauen, die zwar anfangs an ihren Instrumenten ganz unbedarft waren, aber unglaublich viel Lust hatten, Musik zu machen. Eigentlich genau das, was eine Punkband ausmachen sollte. Viel Energie und viel Spaß, miteinander rumzuhängen und Lärm zu machen. Dass bei den Brunettez ausschließlich Frauen spielten, war kein Marketinggag, sondern hat sich eben so ergeben. Und wurde auch nie als verkaufsfördernder Fact in den Vordergrund gestellt. Weshalb sich die Band auch eher schlecht als Beispiel für gut gemeinten "Tokenism" eignete.
Davon ab waren Brunettezkonzerte in den Kellern Kreuzbergs immer sehr unterhaltsame Abende, auch weil ein gewisser Dilettantismus nie vertuscht wurde. So wusste man nie was genau passieren würde und das war eben spannend. Musikalisch bewegte man sich irgendwo zwischen frühem Slits-Punk. Rrriot grrrl-Einstellung und Stereo-Total-Trash.



Was dann noch fehlte, war eine Platte. Die aber irgendwie nie kam. Letztendlich ging es den Brunettez dabei dann wie unglaublich vielen anderen Bands. Potential war sicher da, aber dann kamen die üblichen kleinen Probleme: Besetzungswechsel, zwischenzeitliche Motivationshänger, der Unwillen, den sicheren Heimathafen Berlin zu verlassen und regelmäßig außerhalb zu spielen. Sowas halt. Alles nachvollziehbar und somit kein Vorwurf, dass die Brunettez irgendwann einfach implodiert sind.
Als Tondokumente sind der Nachwelt nur wenige Aufnahmen erhalten. Da gibt es das wunderbare Tape, erschienen auf Trim Tab Tapes, mit den alten Hits wie "Cola Pur", "O2 Song" oder dem "Ice cream man", ein Beitrag auf dem vierten SCREAMING FOR A BETTER FUTURE-Sampler (John Steam Records & Campary Records) und eine nicht veröffentlichte EP namens Street Cat. Vier neue Songs findet der geneigte Hörer da. Vier Songs, die dem Tape um nichts nachstehen und hätten die Brunettez weitergemacht, dann wäre da wohl sicher früher oder später eine eine gar nicht so üble LP rausgekommen.
Aber trauern hilft nix. Lieber nochmal den digitalen Player auf Repeat stellen und sich an der Energie freuen, die bei den Aufnahmen d er Brunettez, egal ob früh oder spät immer rüberkommt.
Die Street Cat-EP gibt es neuerdings auf der Bandcamp-Seite der Brunettez zum Anhören und Runterladen. Gegen Spende oder für die, die nix haben, auch als Geschenk.



Gary Flanell

Dienstag, 23. Februar 2016

2016 - was bisher geschah

Nachdem der Herr Flanell den Januar damit verbracht hatte, fußkrank, selbstmitleidig und dahinsiechend aus dem Fenster auf den Verwaltungstrakt eines Frauengefängnisses zu starren, brachte der Februar einiges neues. Zum Beispiel eine geschlossene graue Wolkendecke. Tagelang kein Sonnenstrahl, nicht beim Aufstehen und nicht beim ZuBettgehen. Eine Regelmäßigkeit, die ihresgleichen suchte und den Herrn Flanell tief beeindruckte. Ähnlich bedeckt hielten sich auch Flanells Aktivitäten in der ersten Hälfte des zweiten Monats.

Erst die letzte Februarwoche brachte Schwung, wenn auch nicht am Himmel. Da war zunächst das Konzert von J. ROBBINS und DARIA in jenem Schnapsloch, das der Herr Flanell am liebsten frequentiert, ohne selber Schnaps zu trinken. Wenn der Herr Flanell eines Tages mal an dieses Konzert zurückdenken wird, dann wird ihm sicher eine Sache in Erinnerung beiben: Wie lieb und nett und sympathisch die anwesenden Menschen waren. Zunächst einmal die Musiker, egal ob es die Franzosen aus Angers oder der weithin bekannte Plattenproduzent und Gitarrist aus Baltimore war – alle fielen durch eine extreme Höflichkeit und Freundlichkeit auf.

Das gibt’s nicht oft, dachte der Herr Flanell. Oder – vielleicht gibt es das oft, aber nicht auf den Konzerten, auf denen der Herr Flanell so rumhängt. Da herrscht oft ein rauer Ton, weil alle glauben, wenn man in einer Rock-oder Punkband spielt, muss man auch gleich mal fordernd und unfreundlich sein.
Jedenfalls nicht so freundlich, wie die Bands an diesem Abend waren. Das scheint auch irgendwie auf das anwesende Publikum abgefärbt zu haben. Richtig viele Menschen waren es nicht, aber die, die da waren und teilweise extra 250 Kilometer aus Thüringen angereist kamen, waren ebenso respektvoll und nett wie die Musiker. Und dürfen sicher sein, einen Konzertabend erlebt zu haben, den es so nicht häufig gibt.

Einige waren sicher beeindruckt von den Las-Vegas-würdigen Lichtspielen, die aufgebaut wurden. Mit Lichterketten ausgestattete Verstärker und Boxen, die im Rhythmus der Musik flackern und blinken, haben bisher wohl kaum Musikgruppen ins Schnapsloch geschleppt. Vielleicht KISS, aber als die da waren, war der Herr Flanell leider nicht da. Das bedauert er aber nicht, denn bei DARIA und Mr. ROBBINS war es mindestens genauso gut.

Drei Tage später kam es zum nächsten Konzert, dem der Herr Flanell beiwohnen durfte. Da kam er schon ein bißchen aus der Puste. Aber nur ein bißchen, denn dieses Konzert fand zum Glück nicht tief in der Nacht statt, sondern am hellichten Samstagnachmittag. Das war gut, denn es hat sich herausgestellt, dass der Herr Flanell nachts lieber schläft. Es war auch zuvörderst gar kein Konzert, sondern eine Veröffentlichungnsparty für ein Expertenmagazin aus dem Bereich Fußball. Amateurfußball und die unteren Lifen des Landes, um genau zu sein.

AUF JAHRE UNSCHLAGBAR heißt das Heft – einem dieser unvergessenen Franz-Beckenbauer-Zitate folgend, die quasi in Stein gemeißelt auch jedem Bestechungsskandal standhalten werden. Ein Magazin, das den Interessierten über die Niederungen des Amateurfußballs informiert, immer mit dem Fokus auf dem Lieblingsverein der Herausgeber, Tennis Borussia Berlin.

Davon ab war es auch eine Premiere, denn zum ersten Mal, seit der Herr Flanell das neue Renfield-Hautquartier bezogen hat, gab es ein Konzert von, nunja, Bands mit Gitarrenverstärkung in dem hübschen Haus im Hinterhof. Das war spannend, fand der Herr Flanell. Denn wie sowas klingt, wusste keinerr so recht. Klar gabe s da schon Parties mit Verstärkung, aber große Verstärker und verzerrte Gitarren bisher noch nicht. Und eigentlich war ja alles ganz anders geplant, als es dann hinterher stattgefunden hat. Geplant war nämlich ein Auftritt einer Musikgruppe namens LITBARSKI und der einer Gruppe namens RASKOLNIKOFF. Beide Gruppen sind so heiß und neu, dass es nicht mal irgendwelche Links zu Webseiten gibt, auf denen man sich was von ihnen anhören kann. Gespielt haben dann allerdings nicht LITBARSKI,sondern eine Gruppe namens WEIGHTS aus dem benachbarten Proberaumkomplex. Weil LITBARSKI krank waren. Einer von dreien zumindest. Da kann man ja nicht spielen. Umso schöner, dass WEIGHTS dann spontan eingesprungen sind und so zu der Ehre gekommen sind, an einem Tag zwei Konzerte spielen zu dürfen – eins in der Lichtenberger Remise und abends eins im Prenzlauer Berger Kastanienkeller.

Ist das Rock'n'Roll? Könnte man diskutieren. Nicht zu diskutieren ist die Tatsache, dass man durchaus mal am Nachmittag ein Punkkonzert in Berlin veranstalten und dazu Kaffee und ein Solikuchenbuffet für die Flüchtlingshilfe anbieten kann. Funktioniert prima und nicht nur für ehrenhaft ergraute Menschen, denen für das übliche Konzerteinerlei in den Nächten des Wochenendes zu anstrengend ist.

Das alles ging dem Herrn Flanell durch den Kopf, als er nach dem WEIGHTS/
RASKOLNIKOFF-Konzert abends wieder in sein liebstes Schnapsloch einfiel und dort vom Tresen noch ein Konzert, und zwar von den Kindern aus der Krachmacher-
straße BALG und ANTIHAIRBALL, erleben durfte. Da war ihm noch nicht ganz klar, dass es das mittlerweile dritte Konzert innerhalb von vier Tagen war. Ob das zuviel oder zuwenig oder sonst irgendwie von Belang sein könnte, hat sich dem Herrn Flanell auch nicht am nächsten Sonntag erschlossen, als er, ein Käsebrot kauend, versuchte, sein derzeitiges Lieblingslied „Shining light“ von ASH, mitzupfeifen.

Was ihm aber sehr belangvoll erschien, war der Plan, die Rezension der neuen Platte von DRESSY BESSY mit dem Titel „KINGSIZED“ auf diesen Blog zu stellen...

Aus der Abteilung „Wir wollten schon anrufen und nachfragen, ob das noch was wird“: Sieben Jahre ist es her, seit DRESSY BESSY eine Platte rausgebracht haben. Davor ging es eigentlich immer recht flott bei Tammy Ealom und ihren Bandkollegen. Seit 1997 wurde alle zwei-drei Jahre eine EP oder eine LP rausgehauen. Bis 2008 „Holler and Stomp“ erschien. Und dann acht Jahre lang wenig passierte.

Im Hause Yep Roc Records scheint die Geduld gegenüber der Band aber groß zu sein, denn wer wartet schon sieben Jahre, bis eine Band mal mit neuen Aufnahmen rüberkommt? Und auf wen würde man warten? Gut, bei Guns'n'Roses haben einige noch länger gewartet. Aber DRESSY BESSY sind ja keine schmierige Sleaze-Rentnerkapelle und zur regelmäßigen Befüllung der Gossip-Seiten des Internets taugen sie auch nicht. Zum Glück. Dafür kommen DRESSY BESSY aus Denver. Dafür können sie nichts. Ich weiß auch gar nicht, ob das schlimm ist, aus Denver zu kommen. Vielleicht ist es ja besser als Los Angeles, wo man den ganzen Tag surfen, braun werden und tätowiert sein muss, um im Schnellrestaurant mal eine Fettbemme zu bekommen. Wo liegt das eigentlich, dieses Denver? Ich werde es rausfinden und wenn ich Joan Collins anrufen muss. Wenn ich das getan habe, kann ich vielleicht der Frage, warum es acht Jahre gedauert hat, bis ein neues DB-Album erschienen ist, noch eher auf den Grund gehen. An der Musik liegt es nicht so recht.

Auf der Platte findet sich nämlich nicht allzuviel revolutionäres, das eine 2920-tägige Wartezeit rechtfertigt. Wäre der Begriff Pop-Punk nicht bis in alle Ewigkeit von irgendwelchen Green-Day-Klonen besetzt, dann würde das KINGSIZED am besten beschreiben. Zeitliche Einordnung: Ende der 80er/Anfang der 90er. THE BANGLES klingen da durch, die RUNANWAYS ebenso wie die EYELINERS. Bei „These modern guns“ sogar ein wenig was von GARBAGE und bei „Cup O' Bang bang“ sind es latent die PIXIES. Alles keine schlechten Referenzen, aber eben auch keine, die mich mehr als eine Augenbraue hochziehen lassen. Da hilft auch die ganze Armee von semi-prominenten Gästen nicht, die fast auf jedem Song von KINGSIZED mitgespielt haben.

Peter Buck von R.E.M hat für zwei Songs vorbei geschaut, Andy Shernoff von den DICTATORS auch, sowie der ein oder andere Kollege diverser anderer Indiebands. So richtig spannend ist das alles also leider nicht geworden. Dafür sehr solide, wie man es einer Band, die seit den 90ern unterwegs ist und nunmher sieben Alben in ihrem Werk zählne kann, durchaus zutrauen kann.

Aber vielleicht sollte man insgesamt keine melodischen Indie-Schrammel-Pop-Platten hören, wenn man innovative Musik sucht. Dafür könnten DRESSY BESSY ganz souverän den Soundtrack zu einem Remake von Filmen wie Reality Bites oder Singles liefern. Komödien, in denen die junge Winona Ryder rehäugig in die Kamera schaute und mit denen vor zwanzig Jahren all die Grungemädels und ihre holzfällerhemdtragenden Kinnbartfreunde ins Kino gelockt werden sollten. Ist ja schon mal was.

(K) Gary Flanell

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Peel-Day is Pi-Day



Zufall, was ist schon Zufall? Dass der diesjährige Peel-Day auf den achten Oktober fällt? Kein Zufall, denn seit 10 Jahren ist der zweite Donnerstag im Oktober immer als John-Peel-Day bekannt. Der war wohl einer der einflussreichsten DJs und Popmusikexperten und wäre er nicht 2004 beim Urlaub in Peru an einem Herzinfarkt gestorben, würde er all seinen Jüngern wahrscheinlich immer noch zeigen, wo es langgeht auf dem Feld der interessanten Pop-Musik.

Unter Radiomachern auf der ganzen Welt ist John Peel natürlich der absolute Nestor. Deshalb ist es eben KEIN Zufall, dass der 20. Geburtstag des Freien Berliner Radios Pi-Radio am diesjährigen Peel-Day gefeiert wird.
Pi und Peel - das passt nicht nur lautmalerisch zusammen.
Was Peel in seinen Sendungen gespielt hat, war nicht immer massentauglich, aber hochinteressant. Ähnliches gilt auch für den Freien Sender aus Berlin. Als Freies Radio ist Pi ein Sammelplatz für die ungewöhnlichen Sounds und Sendeformate. Dabei sind die Sendungen im Programm von Pi, das auf der UKW-Frequenz 88,4 Mittwochs und Donnerstags von 19 Uhr Abends bis morgens um 5 zu hören.

"SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms" ist die Sendung, die ich seit einigen Jahren gemeinsam mit der Kollegin Niki Matita jeden zweiten Donnerstag abend von 20.30-21.30 über den Pi-Sender jage. Wir passen da ganz gut hin, finde ich. Zwar wissen wir nie genau, wer und wieviele Leute sich unsere Sternstunden der Rundfunkunterhaltung anhören, die wir da aus dem kleinen Souterrain-Studio in der Lottumsstraße in die Welt schicken, aber ab und an gibt es doch wohlwollende Reaktionen.
Und schaut man sich die gesamten Hörerzahlen von 88,4 an, die die für die Frequenz verantwortliche Medienanstalt Berlin-Brandenburg rausgibt, ist festzustellen, dass da draußen gar nicht wenige Menschen regelmäßig die Sendungen auf der unkommerziellen Frequenz dieser Stadt einschalten.

Klingt also, als wäre alles Sahne im kleinen Dorf der sich gegen die Übermacht des Formatradios stemmenden Radiopiraten. Ist aber nicht so. Denn die Situation könnte noch besser sein. Während in anderen Städten wie Freiburg (Radio Dreyeckland), Marburg (Radio Unerhört) oder Halle (Radio Corax) freie Radios mit Rund-Um-Die-Uhr-Vollfrequenzen gefördert werden, teilen sich auf der 88,4er-Frequenz derzeit 13 Gruppen die Sendezeit der Woche. Man muss kein großer Rechenkünstler sein, um zu sehen, dass da für jede Gruppe nur ein kleiner Teil an Sendezeit zur Verfügung steht.

Die Förderung eines nichtkommerziellen Lokalfunks gehört seit der Gründung vor 20 Jahren zum Programm von Pi-Radio. Das beinhaltet ganz konkret eine Grundfinanzierung sowie ein angemessener Zugang zu den Rundfunkfrequenzen. Im Mediengesetz Berlin-Brandenburgs ist bisher keine Regelung zur Förderung freier Radios vorgesehen.

Nun ist Freies Radio nicht einfach eine Plattform von Freaks, die endlich mal ihre Platten in den Äther dudeln dürfen, sondern durch die Vielfalt der Sendungen und Formate ein wichtiges Organ, um die Mitsprache und Meinungsäußerung von Bürgern zu fördern. Dazu veranstaltet Pi-Radio schon seit Jahren Workshops, Veranstaltungen und Kampagnen, um die Situation des Freien Radios in Berlin zu verbessern.

Man müsste schon einen ziemlich langen Atem haben, um als normaler Mensch ohne große Medienausbildung und -Netzwerk bzw. ohne redaktionelle, kommerzielle oder formale Vorgaben eine Sendung auf Sendern wie 104,6 RTL, Radio Eins oder Jam.FM realisieren zu können. Im Freien Radio ist dies durchaus recht einfach möglich. Soll heißen: Dort kann eigentlich jede/r Radio machen.

Die konkreten Forderungen der Freien Radios in Berlin werden auf der eigens dafür eingerichteten Homepage medienstaatsvertrag.org ausführlich dargelegt.
Wenn am 8. Oktober der 10. Peel-day und der 20. Geburtstag von Pi-Radio gefeiert wird, gibt es ab 20 Uhr live aus dem Funkhaus in der Lottumstraße jede Menge Sonder-Sendungen von den Radiomachern auf Pi-Radio. Die Berliner Runde ist am Start mit einem Rückblick auf 20 Jahre Pi-Radio dabei, Niki Matita gibt ab 21.15 gemeinsam mit Joe Le Taxi eine SubCult-Sondersendung zum Besten.

Weil Radio immer noch ganz gut mit Musik funktioniert , werden am Pi-Geburtstag auch jede Menge Live-Musiker aus dem Pi-Radio-Kosmos zu Gast sein. In der Subcult-Show sind das beispielsweise Lukas Lonski und Laura Leiner, bei Ahnes Liedermachershow um 20 Uhr wird es Singer/Songwriterin Jana Berwig sein und ab 23 Uhr gibt's noch die Liveübertragung eiens Gigs der HC-Industrial-Soundmaler Herr Blum. Allein über diese Zusammenstellung wäre John Peel hocherfreut gewesen.

Das wäre es also im wesentlichen. Tage, an denen man im Oktober das Haus nicht verlassen will, gibt es im Oktober viele. Gründe dafür eher wenige. Morgen abend das Radio oder den Rechner einzuschalten und dem bunten Geburtstagsabend von Pi-Radio zu folgen, ist definitiv einer der besten.

Gary Flanell

P.S.: Die nächste reguläre SubCult-Show gibt es am 15.10. von 20.30 - 21.30 Uhr mit Timbob Kegler. Gast im Studio wird der unvergleichliche Sedlmeir sein, der den ein oder anderen Song seines neuen Albums "Melodien sind sein Leben" vorstellen wird.