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Donnerstag, 25. Juni 2026

Urlaub in Polen. (Nicht die Band.)


Neulich bin ich in eine Zeitmaschine gesprungen, die stand in Warschau rum und hatte sehr bunte Wände. Aber der Reihe nach.

Urlaub in Warschau, Ende Mai 2026: Städtetrips an sich mag ich gern. Leider immer weniger. Jedenfalls bei großen Städten. Ich fahre meist über meinen Geburtstag weg. Halte den Sozialstress, der sich dann aufbaut wie eine Gewitterwolke, nicht so gut aus und ähnlich wie das Hydrometer bei steigendem Luftdruck ansteigt, bin auch ich Sack, der zu 90% aus Wasser besteht, zu dieser Zeit recht nah am Wasser gebaut ob der nicht zu verleugnenden Vergänglichkeit und ich mag es nicht so sehr, wenn das jemand sieht. Jaja, Körperpanzer bei Männern, Theweleit könnte dazu einiges sagen. Wegfahren funktioniert also ganz gut. Fluchtmechanismus halt.

Diesmal also Warschau, vier Tage lang. In der Rückschau ist zu sagen: Vielleicht wären drei auch genug gewesen. Denn europäische Hauptstädte gleichen sich äußerlich schon sehr an. Überall die gleichen Geschäftsketten, gleiche Fast-Food-Buden, Pizzarestaurants, lokale Gastronomie touristisch angenehm verpackt, wichtige Gebäude, Museen und Straßen, alles gut und mehrsprachig ausgeschildert. Die IKEA-sierung des Großstadtflairs. Inklusive städtisch geduldeter Street-Art, als Zeichen urbanen Zeitgeists.
Nicht falsch verstehen: Ich schaue mir all dies immer noch gerne an, allerdings merke ich, dass es mir dort am besten gefällt, wo ich im Park oder am Wasser sitzen kann. Das kann ich für den Urlaub natürlich auch in einem kleinen verschlafenen Seebad haben. Es wird Zeit, urlaubstechnisch langsam umzudenken.


Warschau also: Beeindruckende Skyline, wenn du aus dem Bahnhof fällst, mit Kulturpalast als optischem Mittelpunkt. Hotel eher karg, aber angenehm anonym. Links vom Hotel ein Nachtclub, rechts vom Hotel ein Nachtclub. Die ganze Nacht also Musik, Musik, Musik. Musik ist in dieser Straße Trumpf, Techno zieht dir dabei einen Stich nach dem nächsten aus den Ohren. Fenster zu - zu warm. Fenster auf - zu laut. Nunja, sind ja nur vier Tage.
Techno von links und rechts wäre irgendwie zu schaffen, wenn die Straße an sich nicht als Beschleunigungsstrecke für allerlei fette Karren dienen würde. Also Techno plus urst lautes Beschleunigungsgebrüll von den PS-Monstern dieser Stadt. Penisvergleich im oberen Dezibelvergleioch, ha püh.

Dann also den ganzen Tag durch die Stadt rennen, bei der georgischen Bäckerei guten Kaffee und riesigen Mohnstrudel frühstücken, zum Mittagstisch in eine Bar Mleczny einkehren und abends auf der Fußgängerbrücke über der Weichsel den Sonnenuntergang anschauen. Das, meine lieben Renfieldfreund*innen, empfehle ich jedem, der die Stadt besucht.


Natürlich wollte ich auch Kultur bis Subkultur. Auch das hat sich für mich etwas geändert. Auf früheren Reisen war es einfach, sich mit einem Bier in eine Bar zu flacken und dank steigendem Pegel sicher irgendwen zum Quatschen oder Knutschen zu finden. Nun trinke ich keinen Alkohol mehr, deshalb ist in Bars rumhängen nicht mehr so spannend. Als Ausgleich gehe ich mittlerweile gerne ins Kino. Schaue mir Filme an in Sprachen, die ich nicht verstehe. In Lodz sah ich "Beau hat Angst" in der OV mit polnischen Untertiteln gesehen, in Sczeczin im ältesten Kino der Welt die indisch-französische Koproduktion "Girls will be girls", ebenfalls im Original mit polnischen UTs. Sprachlich kriegt man dabei einiges geboten.

Warschau verfügt über eine Menge Kinos, große wie kleine, da fiel die Auswahl schwer. Letzten Endes wollte ich mir zum Geburtstag eine Vorführung von Żuławskis Body-Horror-Klassiker POSSESSION gönnen, den sie just an diesem Abend im winzigen AMONDO-Kino zeigten. Am Kino angekommen, besser gesagt, an dem Ladengeschäft, wo der Film gegeben werden sollte, sah eine halbe Stunde vorher nicht viel nach Kino aus. Ich leider viel zu ungeduldig, um dort länger kaugummikauend rumzustehen, also ging ich weiter durch Warschaus frühlingswarme Straßen. Letzen Endes landete ich im Kulturpalast und schaute "Mandolorian & Grogu". Jaja, totales Mainstreamzeug, aber es ist wie Popcorn: Manchmal schmeckt das einfach sehr gut.

Nächster Abend: Mir ist nach Musik, nach Szene, nach Underground. Eine Facebook-Gruppe für Warschau-Punk preist gleich drei Gigs mit je drei Bands an. Punkkonzerte sind - auch das ist in jeder Großstadt gleich - der niedrigschwelligste Zugang zu Subkultur. Ich hätte auch nach abseitigen Noise/Electro/Industrialpartys forschen können. War aber zu faul. Infos über Punkkonzerte gab es sofort und schnell.

Option 1: Ein Streetpunk-Konzert mit einer Coverband, die alte Punkrockhits nachspielt. Das riecht schon bei der Beschreibung recht ranzig. Als in der Playlist noch steht, dass man auch was von Skrewdriver darbieten wird, fällt das schon mal raus.

Option 2: Ein Psychobilly/Countrypunk-Konzert in einem Motorradrocker-Club, irgendwo hinter dem Bahnhof. Das klingt... erstmal viel versprechend. Allerdings bin ich nicht so überzeugt, alleine den Weg in den Titty Twister der polnischen Hautstadt auf mich zu nehmen, außerdem sieht's auf der Karte schon recht weit aus. Und ja, ich werde im Alter etwas schissiger, wenn ich allein auf irgendwelche Gigs gehe, die weit entfernt von meiner Homebase zu sein scheinen.


Option 3: Anarchopunk im Skłot (Squat, hihi) Przychodnia, das fußläufig vom Hotel erreichbar ist. Es spielt eine Band aus Brasilien, die SCUMBAGS. Nie gehört den Namen. Klingt auf Bandcamp wie NOFX oder früherer Skatepunk. Komisches Englisch, seltsame Texte. Dazu drei polnische Bands, MASTURBACJA, DEFORMACIA DZWIEKU und CZARNOBYL ZDROJ . Sagt mir alles nix, bin auch zu faul, das alles im Netz anzuhören. Was soll schiefgehen?

Schiefgehen tut nichts. Das Przychodnia sieht draussen aus wie eine besetzte Schule, innendrin wie eine Mischung aus Köpi und meinem Lieblingskeller, vielleicht ein Tacken grusliger. Unter niedrigen Wänden zweigen von einem langen Gang immer wieder schlecht bis gar nicht beleuchtete Räume mit verschlissenen Sitzmöbeln ab, in denen Menschen (?) sitzen - oder auch nicht, es ist nicht so gut zu erkennen, was in den Katakoben passiert. Auf dem Klo glänzt frisches Blut, ich drück mal lieber alles zusammen. Zu trinken gibt es eh nur Bier und Mate. Draussen im Innenhof alles freundlicher. Die SCUMBAGS haben einen ordentlichen Merch-Tisch aufgebaut, daneben vertickt ein Typ selbstgedruckte Bandshirts und Tapes von Krachbands aus Armenien. Nehme ihm ein Tape ab, armenischen Punk kann man nicht genug haben.


Dann setzte ich mich aufs abgewetzte Sofa in der Ecke. Und dann läuft die Zeitmaschine. Ich bin wieder in den 90ern, allerdings im Körper eines Mitte 50-jährigen. Um mich herum unglaublich viele junge Kid-Punks, Gothics, Metaller und nicht einzuordnende Alternative-Kids. Das könnten alles meine Kinder sein. Sie sehen teilweise sehr gestylt aus, teilweise aber auch auf angenehme Art unperfekt, aber selbstgestylt. Alle schreien, trinken, rennen herum, fallen übereinander wie junge Hunde. Also wirklich alles wie früher in den westdeutschen AJZs, egal ob Wermelskirchen, Homburg, Göttingen oder Bielefeld.

Sollte Punk wirklich einen neuen frischen Schub kriegen? Ich hatte in den letzten Jahren eher immer die Vermutung, dass Punk sich immer mehr zum Alte-Menschen-Verein entwickelt mit eklatantem Nachwuchsproblem. Das hier wirkt komplett anders als alle Konzerte, die ich in letzter Zeit beobachtet habe - ich sage nur GUITAR WOLF und HARD-ONS, da waren sicher 1000 Jahre Lebenszeit in einem Raum. Im Skłot alles anders.

Irgendwann legt eine Band los, DEFORMACIA DZWIEKU sind das wohl. So typischer polnischer HardcorePunk, wie man ihn spätestens seit den 90ern aus den Autonomen Freiräumen dieses Kontinents kennt. oder kannte? Gibt's ja auch nicht mehr sooft. Eine Sängerin, die wütend Texte brüllt, dazu crusty, freshe Gitarren und Bassriffs über Punkbeats. Schön, die ausgewogene gender- und Altersmischung. Alle tanzen Pogo unter der niedrigen tropfenden Kellerdecke. Vor dem letzten Song brauche ich Frischluft, also zurück in den Hof. Gerate in ein politisches Gespräch mit einem Gewerkschaftler und einem Philospophen. Alles zu interessant, um es hier detailliert widerzugeben.

Dann noch mit den Brasilianern rumhängen. Ist ihre erste Europatour, sie feiern es total und ich gönne ihnen das so sehr. Wir quatschen lang und viel, ich verpasse die zweite Band, aber genau das gehört zu so einem Abend auch dazu: Sich Festquatschen und mindestens eine Band verpassen. Aus dem Keller brummt Gitarrenlärm und grob kann ich wieder einen simplen Punk-Beat erahnen, dazu manchmal Bassgeblubber. Ob das MASTURBACJA sind, ist recht egal, es klingt nach Allerwelts-DIY-AJZ-Punk. Man kennt's.


Kurz vorm Ende des CZARNOBYL ZDROJ-Gigs schleiche ich nochmal runter. Die Brasilianer tun mir mittlerweile etwas leid, weil sie so elendslang warten müssen, bis sie spielen. Ich wünsche mir, dass noch Publikum da ist und nicht nur die fünf alten Suffi-Punks, die jetzt so langsam aus den dunklen Ecken gekrochen kommen. CZARNOBYL ZDROJ doch recht interessant, recht monotoner Noise-Punk mit golem-artigen Bass-Riesen, der mit einem Ton auskommt. Fühle mich an EA80 oder ABWÄRTS als Stonerbands erinnert. Platte kaufe ich mir trotzdem nicht. Dann die SCUMBAGS, beim Soundcheck ist der Keller erschreckend leer.



Ein dicker Typ mit Glatze quatscht mich von rechts an und hält mir sein Telefon vor die Nase. Lullert mich damit zu, dass das da auf YT die Crustband ist, in der er singt. Ich schaffe es irgendwie interessiert die Wand anzugucken und er wankt in die Finsternis zurück. Dann ist es Zeit für Skate-Punk. Die ersten vier Songs der SCUMBAGS werden sauschnell durchgeprügelt, das klingt überzeugender als die Aufnahmen im Netz. Glücklicherweise kommen doch noch ein paar Zuschauer zusammen und sie spielen nicht für den leeren Raum. ich höre mir vom einzigen Barhocker aus noch ein paar Sachen an, merke dann aber doch, wie mich mein Bettchen im kargen Hotel ruft. Außerdem habe ich Durst und noch eine Mate will ich einfach nicht. Also raus aus dem Keller, weg vom Hof, raus aus der Zeitmaschine, eine Fanta besorgt und zurück zum Hotel zwischen den Nachtclubs, zurück zum Techno und den lauten Protzkarren tief unter mir.

Gary Flanell

Donnerstag, 9. April 2026


CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende

Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?

Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.

Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.

Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.



Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.

Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.



Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.

Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)



Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.

Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.

Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?

Gary Flanell

CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.

Donnerstag, 28. November 2024

Schön, wenn Fanzine noch von Fansein kommt Pt. I


TRUST ISSUES - TOO WHITE TO BE REAL

Hachja, manchmal passiert's doch. Dann weicht die Übersättigung und Unübersichtlichkeit noch einmal dem sonnigen Gefühl von Enthusiasmus.
Apropo sonniges Gefühl: Habe heute einen Streifen blauen Himmel über Friedrichshain getroffen - der bommelte wie ich am Boxi an ein paar Touristen mit französischen Bulldoggen und Pfandflaschensuchpunks vorbei. Wir grüßten uns kurz und dann verschwand wieder jeder in seinem gelebten Bewölktsein.
Hallo blauer Himmel, tschüss blauer Himmel, hallo Gary, tschüss Gary - bis nächstes Jahr.

Im Fanzine-Kontext hatte ich vor einigen Tagen meinen persönlichen Blauer-Himmel-Moment in diesem Jahr, als ich das Päckchen mit der neuen TRUST ISSUES-Platte bei meinen Nachbar*innen abholte.
TRUST ISSUES, für die, denen der Name nichts sagt, besteht zu einem guten Teil aus Leuten, die früher bei CROWD OF ISOLATED (C.O.I.), BUSHFIRE und STICKBOY gespielt haben - eine Saarbrücker Connecte. Und C.O.I. - für die, die es nicht wissen und die es auch gar nicht so sehr interessiert, aber da müsst ihr jetzt durch - das war mal eine meiner absoluten Lieblingsbands!


Es gibt wenige Bands, von denen ich alle Platten habe, hier ist das so. Ok, der Output ist angenehm überschaubar, aber es war einfach eine geile Band. Demzufolge auch mal mit einem Interview mit Sänger Gurke in einer Renfield-Printausgabe vertreten gewesen, allerdings lange nach der Auflösung.
Als sie so richtig aktiv waren, war ich zu jung und auch zu weit weg von der legendären süddeutschen HC-Brutzelle in Nagold, zu der C.O.I. und soviele andere gute Bands bezug hatten. Aber irgendwann gab's nix neues mehr von CROWD OF IOLATED - und ich hatte andere Dinge zu tun, als das zu betrauern.

Seit einiger Zeit ist also TRUST ISSUES am Start, zum einen mit den Isolated-Herren Gurke am Mikro und Guschtel an der Gitarre, dazu noch zwei Kollegen von STICK BOY und BUSHFIRE. Was ich aus der Ferne mitbekam und was mich sehr gefreut hat.
Jetzt also das zweite Album, das Debut "Timekeeping Starts Right Now" kam 2022 raus.
Kurz gesagt: "Too white to be real" ist für mich die beste Punkplatte des Jahres 2024. Mit so einer Anlage wird die Latte natürlich hochgelegt, aber wenn es doch stimmt?! Und, oh Boy, hier stimmt wirklich alles! Muss ich das jetzt argumentativ untermauern oder reicht einfach die Behauptung? Reicht eigentlich, denn das hier ist ja das 21. Jahrhundert, da kann man ja einfach alles behaupten. Also: Das ist die geilste Pukplatte 2024. Sag ich jetzt so. Denn hier ist alles so...


Mitreißend! Vielfältig! Kraftvoll! Diese Platte hat alles, also A.L.L.E.S., was eine Punk-Scheibe braucht, um den älter gewordenen bärtigen DIY-Punk-Rezensenten aus seiner Lethargie zu reißen. Der Gesang von Gurke wie in alten C.O.I.-Zeiten, vielleicht etwas nöliger, die Gitarre schnurrt soundmäßig wie eine Maschine, die Rhythmus-Gang rührt ein vertrauensvolles Fundament an, egal, ob schnell durchtreibend (Failospophy) oder eher in wippenden Mid-Tempo-Bereichen.

Dazu setzt die Band immer wieder kleine hübsche Ideen und Abwechslungen ein:
Ob es eine fast schon FUGAZI-funky Gitarre bei "Smash & Grab it" ist oder gut und passend eingesetzte Chöre sind, die irgendwie an STEAKKNIFE erinnern - oder die wirklich geile Orgel auf "Nutshell", die den Song sehr tanzbar macht. Und ja, natürlich vergleiche ich zwischendurch im Geiste immer mit den C.O.I.-Platten, wenn ich dieses Album höre. Und so gerne wie ich deren Platten noch auflege, fällt mir im Nachhinein auf, dass es dort doch manchmal Längen bei irgendwelchen Intros und Songteilen gab und die Platten an sich etwas melancholischer waren. Passte damals aber.


Die Songs von TRUST ISSUES wirken dagegen viel kompakter, lebensbejahender, auch wütender, sind viel mehr im Hier und Jetzt. Alle Beteiligten wissen, dass keine Zeit für Mätzchen und lange Einleitungen ist. Deshalb wurde überflüssiger Ballast gar nicht erst an Bord genommen, die Songs sind knackig und geradlinig, da ist keine Überlänge dran, es ist aber auch nicht stumpf und im Gesamtbild erinnert diese rockige Version von Hardcore-Punk an Bands wie SCREAM, eben STEAKKNIFE, die DOUGHBOYS oder manchmal, wie erwähnt auch an FUGAZI.

Wie gesagt, ich bin hin und weg, da gibt es wenig mehr zu schreiben, als das ich das Ding vor Enthusiasmus immer wieder auflege und damit den Plattenbau beschalle. Es wird aber noch besser, denn über die liebevolle Aufmachung wurde ja noch gar kein Wort verloren: Es gibt durchsichtiges Vinyl, ein schönes stilvolles Layout und eine wirklich, wirklich, wirklich tolle Hommage an Armin von X-Mist Records auf dem Beiblatt - Texte sind natürlich auch mit dabei.


Hach, ich brauche Luft. Denn die Luft, die Spucke, die Sprache bleiben mir weg, so anrührend ist das, mehr kann ich zu diesem Meisterwerk gar nicht sagen. Ich hoffe, es kommt rüber, was mir diese Platte bedeutet und wie gesagt, es passiert nicht oft heutzutage, dass mich ein Scheibchen so mitreißt.

Wenn ich mal Bock auf eine perfekte zeitgenössische Punkplatte habe - dann muss ich dieses Album hören. Und ihr kleinen süßen Drecksvögel da draußen, die ihr immer nach geilem Stoff lechzt: Ihr solltet das auch tun.

Gary Flanell

TRUST ISSUES - TOO WHITE TO BE REAL ist als LP auf BREAK THE SILENCE RECORDS erschienen.

Donnerstag, 3. Oktober 2024

Die Magie des Weges (eine Überschrift wie aus einem schäbigen Wartezimmerheftchen)

TRAIL MAGIC - Zine Nr. 3

Gedruckte Zines bekomme ich mittlerweile weniger oft als eigens beschriebene Postkarten aus dem Urlaub von Freunden. Letzteres hat nichts mit Vereinsamung zu tun, sondern der Tatsache, dass Urlaubsgrüße nunmehr fast zeitgleich über digitale Kommunikationskanäle verschickt werden. Oder als digitale Postkarte - was praktisch ist, aber nicht dasselbe wie was handgeschriebenes Unleserliches von Herzen.

So ähnlich ist es auch mit Fanzines - und da ist das Renfield voll im Zwiespalt, denn die gedruckte Ausgabe gibt es ja auch derzeit nicht mehr. Umso schöner also, wenn sich Menschen immer noch dransetzen und ein eigenes Heft rausbringen - und zwar so, wie es ursprünglich mal gedacht war: kleine Auflage, Collagenstil, s/w-kopiert und mit sehr persönlichen Texten.

Vor einer Zeit kam mir das neue Heft von Chriz in die Hände. Ich sollte ihm den Beinamen "den Unermüdlichen" verleihen, denn nach MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN und sackvielen weiteren Ego- bzw. Personal-Zines, hat er mir sein neuestes Heft zukommen lassen, was auch schon wieder eine Weile her ist (ist m September/Oktober 2023 rausgekommen, als ca. ein Jahr): TRAIL MAGIC heißt es und ist ein Zine geworden, dass sich genau einem Thema widmet, das Chriz sehr am Herzen liegt, somit ein echtes Fan-Zine ist: Dem Wandern. Oder Hiken. Oder Spazierengehen oder wie ihr es nennen wollt. Jedenfalls, sich zu Fuß durch die Landschaft, die Gegend, den Raum bewegen, vielleicht dabei ein Buch von Lefebvre in der Seitentasche vom Rucksack steckend.

Rein von der Zahl der Beiträge ist TRAIL MAGIC recht übersichtlich. Es gibt eine zum Thema Wandern in der alten Heimat (als links sozialisierter Punk in einer ostddeutschen Kleinstadt schon sehr beeindruckend), ein Interview mit Tobias "Puding" Burdukat, seines Zeichens Sozialarbeiter, Antifaschist und Hiker by heart, einen Konzert-Bericht vom 30. Geburtstag von Refuse Records, einen kurze Input zum Instagramaccunt von @extremspaziergaenger und einige sorgsame Zine-Reviews. Klingt zahlenmäßig nicht viel, ist aber inhaltlich sehr spannend geworden.

Das Interview mit Pudding nimmt den größten Teil des Hefts ein, es wird ihm viel Raum gegeben über sein Interesse, na besser, seiner Faszination am Wandern zu reden. Dazu, wo er schon überall rumgelaufen ist, (Orte, wo ich als etwas bohemer Strandläufer eigentlich nicht hinmöchte) und den politischen Aspekt seines Wanderns, auch in Hinblick auf die von ihm initiierte Crowdfunding-Kampange. Das hätte vielleicht an der ein oder anderen Stelle zart redigiert werden können, ist aber auch so spannend zu lesen und schließlich ist das hier ja Fanzine und nicht Spiegel oder sowas. Also darf so ein Interview sehr persönlich und teilweise auch sehr dialoghaft werden. Jedenfalls scheint Pudding eine sehr interessante Person zu sein, auf die wahrscheinlich auch "I've been everywhere" von Johnny Cash bestens passt.

Der erste Bericht übers Wandern in der (alten) Heimat, die man aus guten Gründen verlassen hat, ist vielleicht der spannendeste, weil er zu einen sehr biografisch ist, andererseits aber auch eine gute Ergänzung zu den Berichten über Zeiten aus dem Osten, die unter dem Stichwort Baseballschlägerjahre zusammengefasst werden. Eigentlich sollten viel mehr Leute aus dem Westen diese Texte lesen, um überhaupt mal eine Idee zu bekommen, was es heißen konnte, als Punk durch die Provinz zu laufen und von Nazis körperlich angegriffen zu werden. Aber fuck it, dem Westen, war es eh immer egal, was im Osten auf dem Land abging. Sich dann über hohe AfD-Wählerzahlen zu echauffieren, klingt dann nicht so geil.

Aber zurück zum Trail Magic-Zine: Ich habe mich sehr über dieses Heft gefreut, weil alle Texte sehr persönlich geschrieben sind, nicht das ewig gleiche Musik-Gedödel abfeiert wird und dazu ein Thema behandelt, dass es so in Zines nicht oft gibt. Von daher: Sehr sehr hübsch.

Kontakt zu Chriz gibts über Instagram: @xtrailmagicx

Gary Flanell

Donnerstag, 22. August 2024

Geriatrie und Subkultur (Opa erzählt vom Konzert)

Vielleicht war es das Interview mit Martin Seliger von den Shitlers auf der Seite des KAPUT-Magazins, das mich darüber nachdenken ließ, eventuell mal wieder eine Printausgabe des Renfield-Zines in Angriff zu nehmen. Oder gar ein Buch? Man wird sehen.

Allrdings weiß ich nicht genau, wohin das hier führt. Das Interview handelt von der neuen Shitlers-EP und einem Song, der "Wolfgang Wendland" heißt. Darin geht es, wenig überraschend, um den Sänger der Kassierer, der sich in den letzten Jahren immer mehr zum grumpy old Punk-Dude entwickelt hat. Die Kassierer werde ich hier nicht weiter vorstellen, Wikipedia hilft im Notfall. Ich fand diesen Artikel deshalb interessant, weil er mich auf ein Thema zurückführte, dass mich schon öfter in den letzten Jahren durch den Kopf gegangen ist: Das Älterwerden in subkulturellen Kontexten.


Ganz klar liegt aus meiner Perspektive das Altwerden als Punk/Punkrocker*in und angrenzenden Szenen im Fokus. Es stellt sich ja die Frage: Wie wird man da alt, ohne sich lächerlich zu machen? Wie kann man als Punk/Punkrocker*in (ob diese Unterscheidung notwendig ist, wäre auch noch zu diskutieren) altern, wenn man diese beiden Aspekte - unvermeidliche körperliche Verschleißerscheinungen und eigenes subkulturelles Selbstbild - miteinander vereinbaren will und mit sich selbst im Reinen sein möchte?

Ich selber würde mich nicht mehr als Punk bezeichnen. Dafür bin ich mittlerweile von Szeneaktivitäten zu weit weg und ich finde auch diese Beschränkung auf bestimmte Codes, Outfits, Musik und Menschen, mit denen man Zeit verbringt, eher einengend. Sympathisant aber sicher noch. Und naja, vielleicht ist es mittlerweile die Einstellung, als das Outfit.

Allerdings gibt es sicher einige Ü50er, die lange in der Szene aktiv und unterwegs sind und sich selber immer noch als Punk bezeichnen würden. Aber wie kann man die unvermeidbaren körperlichen Veränderungen mit einer doch eher auf einen jungen Metabolismus (Lange feiern, laute Konzerte, Festivals, Drogen, Fokus eher nicht so auf regelmäßigen Lohnjob, kein Gedanke an Altersvorsorge, offensive Rebellion gegen gesellschaftliche Strukturen) zugeschnittenen Lebensstil vereinbaren? Wie geht man damit um, wenn man erlebt, dass diese rebellische Bewegung, die zum eigenen Selbstverständnis gehört, eigentlich immer mehr an Relevanz verliert?


Gibt es ein Rezept, dass eine*n davor schützt, sich ab eine bestimmten Punkt nicht einzuigeln und zurückzuziehen, in Nostalgie zu verfallen und als Referenzen nur die eigene, vor 20 Jahren in ihren Grundfesten gebaute Plattensammlung zu sehen? UND sich eine Offenheit gegenüber neuen Strömungen in der Szene zu behalten? Neueinsteiger*innen nicht mit Platzhirschgehabe (das gender ich jetzt mal nicht) wegzutreten? Gibt es einen Weg auch mit Mitte 50 und Wampe im Youth-of-Today-Shirt nicht lächerlich auszusehen? Auch neue Aspekte der eigenen Persönlichkeit zuzulassen, dei eigentlich nicht zum Punkimage passen? Was machen eigentlich die 60-Jährigen Skinheadfrauen so? Die alten Metaller (wobei ich Metal eine der wenigen Szenen sehe, wo ältere Menschen recht gut integriert werden)? Und die Ü60-Gothics?

Nun ist es nicht so, dass Punk das Thema Alter beziehungsweise Älterwerden thematisch ausgespart hätte. Songs darüber gibt es einige und aus den meisten spricht die pure Angst:

"I don't wanna grow up" (RAMONES)

"Ich will nicht älter werden" (BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS, oder auch gleich die ganze Platte "Jung kaputt spart Altersheim)

"GRUPPENSEX IM ALTERSHEIM" (Alter Deutschpunksampler, bezeichnenderweise auf einem Label namens "Live slow, die old" erschienen, und eigentlich der Titel eines Songs von den 3 Besoffskis. Keine Punkband.)

"Alt sein" (PISSE)

"What will it be like, when I get old?" (DESCENDENTS)

"Live fast, die young" (CIRLE JERKS)

"Jetzt kommen die Jahre" (DIE SCHWARZEN SCHAFE)

Alles Tracks, die bekannt sind, wahrscheinlich gibt es noch mehr. Aber diese Songs sind alle entstanden, als die Bands noch voll im Saft und jung waren, und das Thema Alter eher negativ bis ironisch betrachtet wurde. Und sie sind alle schon mindestens schon 30 Jahre alt. Kam danach nie wieder was aus Punk-Hausen?

Was noch dazu kommt, irgendwann: Die Sache mit der Geriatrie. Wie willst du als Punk-Opa mal gepflegt werden, wenn's alleine nicht mehr geht? Oder als HipHop-Oma? Oder als Techno/Electro-Nerd, der sich an den sedierenden Schlagersoundtrack in der Altersresidenz nur schlecht gewöhnen kann? Was, wenn du dein Leben lang vegan gelebt hast und der Mobile Soziale Hilfsdienst bringt dir jetzt mindestens 1x die Woche Sauerbraten mit Klößen oder Tote Oma? Oder schütteln wir alle unsere über Jahrzehnte geformte Szene-Identität einfach am Eingang vom Pfegeheim ab und lassen uns widerstandslos in beigefarbene Übergangskamotten und Gesundheitsschuhe stecken?

Wahrscheinlich wird eh alles nicht so schlimm. Möglicherweise schleicht sich eine gewisse Gelassenheit und Altersmilde ein, eine gewisse Freude an anderen Dingen als Lederjackendesign, Iropflege und Abkotzen über Dinge, die man eh nicht ändern kann, Schweinesystem und so. Aber ihr merkt: Die durch Punk lange mittransportierte Angst vor dem Altern, dem damit einhergehenden körperlichen Verfall und Identitätsverlust schwingt immer noch in diesen Zeilen mit.


Können die subkulturelle Identität und damit verbundene Lebensweisen, die du dein Leben lang entwickelt hast, komplett über Bord geworfen werden, weil in den vorgesehehen Pflegestrukturen diese Gewohnheiten gar nicht eingeplant sind? Kann darauf in einer Pflegeeinrichtung Rücksicht genommen werden? Ist dort überhaupt ein Verständnis für alternative Lebensstile vorhanden? Oder, und das wäre ja vielleicht das schönste: Gibt es schon subkulturelle, selbstverwaltete Altersheime, Mehrgenerationenhäuser oder ähnliches? Früher wurden AJZs und das Leben in Hausprojekten am laufenden Band organisiert, warum sollte das nicht möglich sein, Wohnformen für Greis*innen zu entwickeln, die auf eine subkulturell geprägte Biografie Rücksicht nehmen? Ein subkulturelles Avalon oder Shangri-La, wo die Punks alt werden dürfen, wie sie möchten.

Dass die Peitsche des Alters erbarmungslos knallt, habe ich selber vor ein paar Jahren erfahren. Wie es häufig so ist, durch eine Krankheit. Gicht war die Diagnose. Gichtanfälle sind große Scheiße. Aber die Krankheit ist gut behandelbar und wenn man sich nicht zu blöd anstellt, kann man damit gut leben. Aber: Alkohol ist halt nicht mehr drin, Fleischkonsum wird ebenfalls sehr eingeschränkt.

Ehrlich gesagt, finde ich das gar nicht so schlecht. Saufen wurde mit zunehmendem Alter eh immer anstrengender und spaßloser. Mittlerweile ist es zumindest in Berlin, auch akzeptiert, dass man keinen Alkohol trinkt. Ich merke allerdings auch, dass viele Anlässe, zu denen man sich früher getroffen hat, oft über Alkohol funktioniert haben und so manche durchzechte Nacht ins Mythische erhoben wurde, obwohl eigentlich gar nichts passiert ist. Ewig lange Nächte in Punkrock-Kneipen und -Clubs von Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain sind für mich jetzt nicht mehr so spannend, deshalb hänge ich da auch eher selten herum. Ein gewisser Rückzug aus Szenetreffpunkten geht damit einher, aber ehrlich gesagt, gefällt mir das ganz gut. Und ich liebe es total, morgens wach zu werden und keinen Kater zu haben, der mich drei Tage begleitet. Vor 10-15 Jahren war das noch komplett anders.


Also: Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf. Das ist natürlich alles sehr auf Punk/Indie-wasweißich bezogen. Interessant wäre es sicher auch, das ganze nochmal in Bezug auf Männer und Frauen zu betrachten. Altern Frauen in Subkulturen anders als Männer? Werden sie anders wahrgenommen? Und was noch gar nicht so gesehen wurde: Wie geht man als Punk-Opa denn mit Altersarmut um? Denn die ist ja auch mit dem Thema Arbeit und der punkimmanenten Verweigerung derselben verbunden. Bestimmt kein uwichtiges Thema für die alten Punks, die sich im Rentenalter immer noch prekär mit dem Jobcenter rumschlagen müssen, weil die Rente eben nicht reicht.

Soviele Fragen. Ich denke, es wird Zeit für eine Publikation.

Eigene Ideen und Gedanken zu dem Thema? Bock, mitzuschreiben? Einfach eine Mail an renfield-fanzine@hotmail.de schicken.

Gary Flanell

Donnerstag, 18. Juli 2024

Schön, wenn es noch einfarbige Alben gibt Pt. MLX


EASTIE RO!S - Das Braune Album

Die geistern ja auch schon länger durch die Berliner Konzerträume. Habe sie aber zwischendurch immer mal wieder aus den Augen verloren. Wobei ich auch sagen muß, dass mich die EASTIE RO!S mich bisher nie so ganz gepackt haben.
Das war halt okayer Punkrock mit ziemlich deutlichem 77er-Einschlag. Die ganze Combo hatte äußerlich so eine sehr typische Punkrock-Optik. Glaube, das hat mich damals eher abgetörnt, weil's so was uniformes hatte. Mittlerweile bin ich schon froh, wenn es so ein Outfit noch gibt.

Dann gibt's noch den Kalauer-Namen, und das fand ich leider damals schon fad, weil es ja doch immer wieder Combos gab, die das gemacht haben: Beck's Street Boys, Vier Blonde Nonnen, Thrashing Pumpguns, sowas halt. Diese nahe am Original bleibenden Wortwitzbandnamen finde ich bis heute eher abtörnend, weil das auf dem Dorf echt jede zweite Trottelkapelle gemacht hat. Das sind natürlich alles sehr oberflächliche Einschätzungen, aber sowas kann einem schon das Bild von einer Band verhageln.

Aber die EASTIES, wie ich sie hier mal zärtlich nenne, stehen anscheinend auf tricky Referenzen. Das war schon bei ihren Peel Sessions so, ist beim Bandnamen so und nun eben Das Braune Album, allein vom Titel her. Ich sage nur Weißes Album, da ist das Braune natürlich ein wunderbarer Kommentar, ein schön gehässiger, die Kacke-Assoziation ist schon lustig. So sollte Punk öfter sein.


Dieses Braune Album hat mich dann doch etwas neugierig gemacht, vielleicht auch wegen der Tatsache, dass Jacke Schwarz (früher bei Corna Kruswa, hat auch eine spitzen Soloplatte gemacht) da jetzt mittut. Tut er das schon länger? Ich weiß es nicht. Passt aber gut.

Was zu sagen ist: Die EASTIE RO!S machen auf ihrer dritten Platte bei Tomaten Records (auch dazu findet sich ein lustiger Hinweis auf der Vinylversion. Auf die Beatles-Plattenfirma. Guckt nach.) immer noch Punkrock. Vom Beat her, von den Akkorden, den Strukturen der Songs, da geht nun gar nichts dran vorbei. Smells and sounds aber immer noch fresh. A bissl like RATTLESNAKE MEN, SHOCKS, BOTTROPS und auch so Früh-80er-Berlin-Punk wie z.B. ELEGANT. Diese geografische Verortung ist wahrscheinlich nur Assoziation, die mir hier die objektive Einordnung trübt. Ich komme nicht allerdings drumherum, es klingt schon sehr nach dieser Stadt.


Bei dem Punkrock-Rahmen, der hier gesetzt wird, ist zu sagen, dass das BRAUNE ALBUM schön abwechslungsreich geworden ist. Bei "Ignoriert und Isoliert" klingt die Gitarre erstmal glatt nach TURBOSTAAT oder einem alten Track der vielen Rachhut-Bands, bei "Abhäng im Weddding" gibt's einen unerwarteten Mundharmonika-Einsatz, der Lo-Fi-Take "George H." hat einen schönen Anti-Folk-Charakter und ganz am Ende das hübsche Piano-Snippet "Kleben geblieben" is auh super. Mit diesen kleinen hübschen Ideen und den Hits auf dem Braunen Album gefallen mir die EASTIE RO!S 2024 ziemlich gut.


Vielleicht auch, weil sie textlich sehr treffend zwischen eloquentem Rotz, einer gewissen melancholischen Grundstimmung und der Auseinandersetzung mit der Orientierungslosigkeit und Oberflächlickeit, die diese Stadt manchmal mit sich bringt, mäandrieren.
Das ist mir früher nicht so aufgefallen und reibt sich gut mit dem musikalisch nach vorne drängenden Gesamtsound. Wahrscheinlich ist es diese Mischung, die das BRAUNE ALBUM (kommt hübsch mit Prägung auf dem Frontcover) für mich derzeit sehr interessant macht. Ich wünsche mir jedenfalls, dass die EASTIE RO!S dafür mal eine Goldene Schallplatte kriegen. Irgendwann einmal.
Eilt ja nicht.

Bester Song: "Menschen aus Glas"

Beste Songzeile übrigens "Warum ist es so schwer, ein Arschloch zu sein?"

Gute Nacht.

Gary Flanell

Das Braune Album der EASTIE RO!S erscheint am 19.07.2024 auf Tomatenplatten. Releaseparty ist am 20.07. im Schokoladen. Wahrscheinlich schon ausverkauft, wenn ich das hier schreibe.

Donnerstag, 6. Juni 2024

Schön, wenn Punkbands noch Live-Platten rausbringen Pt. XIXIXIXI


G31
Live auf St. Pauli


Was ist das denn für ein Bandname?
Klingt irgendwie nach Sonderabteilung der Geheimpolizei, oder so? Steht aber im Endeffekt nur für Gärtnerstraße 31, der Proberaumadresse dieser Band aus Hamburg. Und die haben bereits zwei Studio-Alben veröffentlicht. Es ist also dringend an der Zeit für ein Live-Album…

Naja gut, in der Regel machen das hat Bands, denen nichts mehr einfällt gegen Ende ihrer Karriere. Aber das unterstellen wir den fünf HanseatInnen mal nicht. Aufgenommen wurden die zehn Songs des Albums im Indra beim „St. Pauli Punk Festival“ im vergangenen Jahr.

Somit handelt es sich um ein Heimspiel der Band, das diese auch als solches solide ins Ziel bringt. Auch wenn so manche Ansage ein wenig befremdlich klingt und hier und da das ganze doch etwas arg rüpelig, so versprühen G31 durchaus Charme. Und Sympathiepunkte sammeln sie auch mit ihrem Deutschpunk auch ein.
Vintage-Freunde mit Hang zur Retrospektive finden sicher sofort Gefallen an Songs wie „Punkern gehen“, „Revolution spielen“ oder Flaschenwerfer“. Das erinnert stark an die 80er Jahre und Bands wie Hans-A-Plast, Rotzkotz oder Bluttat. Sängerin Mitra sorgt da schon für Authentizität. Die raue Produktion tut ihr übriges. Nennen wir es Zeitdokument oder ein weiteres Puzzlestück der großen Hamburger Punk-Historie.

Abel Gebhardt

G31 - Live auf St. Pauli ist auf Bitzcore rausgekommen

Montag, 15. Januar 2024

Schön, wenn Bands noch Musik machen Pt. XIXIIIX


N.T.Ä.
Stories The Pave The Road To Hell


Jetzt ist es so, dass da draußen irgendwelche Bauern und ihre rechten Anhänger/Freunde/Kameraden/Genossen/Provokateure vor meiner Tür demonstrieren und ganz böse und sauer „auf die da oben sind“.
Und deshalb schreien sie Parolen, die teilweise so dermaßen unter der Gürtellinie sind, dass man sich auf einer Pegida-Demo wähnen könnte. So darf man Wut nicht kanalisieren.

Dann schon lieber auf die Art und Weise, wie es N.T.Ä. auf ihrem ersten Album „Stories The Pave The Road To Hell “ vormachen. Hier singt sich Frontfrau Nadine Nevermore die Seele aus dem Leib, als könnte sie alles Übel der Welt einfach wegschreien. Unterstützt wird sie dabei von ihren zwei Mitstreitern Tommy Crack und Axel Äxport. Das sind doch alleine schon mal echte Punk-Namen. Und so klingt auch die Musik dieses Trios. Direkt, raus, rotzig und nach vorne rausgeprügelt. Old School im wahrsten Sinne des Wortes. Eine sehr löbliche Form der Auflehnung und des Protestes. Auch in den Texten, die sich mit dem ganzen Scheiß da draußen von Armut über Drogen bis falschen Freunden auseinandersetzen. Verpackt in Hardcore-Punk-Sound der klassischen Art.



Das Album hätte auch gut in den frühen 90er Jahren das Licht der Welt erblicken können. Hat es aber nicht, sondern heute. Und auch im Hier und Jetzt passt das gut rein. Punk ist ja auch irgendwie zeitlos. Genauso wie die Proteste da draußen. Times are changing und bleiben doch irgendwie immer gleich. Da brauchen wir so einen Sound. Egal aus welchem Land er kommt, sogar aus Deutschland (Du alte Sau!).

Abel Gebhardt

N.T.Ä. - Stories The Pave The Road To Hell erscheint am 26.01.2024 als LP/CD auf Kidnap Music.

Dienstag, 1. November 2022

Schön, wenn Menschen Musik machen Part XXI

G31 - Die Insel der versunkenen Arschlöcher

Normalerweise trägt diese Review-Sekton ja noch das Adjektiv "junge" in bezug auf Menschen im Titel. Das lasse ich diesmal weg, aus Gründen. Denn das Bandfoto zeigt mir, dass G31 und ich ungefähr in der gleichen Alterskohorte sein dürften.
Also nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht im Stadium der senilen Bettflucht angekommen.
Das heißt ja nicht, dass man kein Musik mehr machen dürfe.

Punk mag vielleicht ein Nachwuchsproblem haben, aber es ist älteren Szenegraurücken ja nicht verboten, weiterhin Platten aufzunehmen und live zu spielen.
Sowas kann zuweilen ganz schön in die Hose gehen (denke ich manchmal, wenn ich z.B. aktuelle Exploited-Live-Mitschnitte sehe. Warum ich damit wertvolle Lebenszeit verschwende, sollte ich mich auch mal fragen) aber auch gut laufen.

Was mich zu G31 bringt.
Denn hier läuft's gut.



G31 haben im Mai 2022 ein zweites Album mit sehr lustigem Titel rausgebracht, und das sogar auf Vinyl.
Mir liegt nur die CD vor, aber die reicht, um einen guten Einblick zu bekommen.
Und gut ist der Eindruck von G31 auf alle Fälle: Denn souverän gespielten Deutschpunk mit gewitzten Lyrics, einfallsreichen Song- und Soundstrukturen kann ich mir zuweilen immer noch geben, gerne auch, wie in diesem Fall mit einer Sängerin.
Die Diskussion über die Sichtbarkeit und das zahlenmäßige Auftreten von Frauen in Sachen Punk ist immer noch aktuell und wichtig. Und jede Frau die sich in einer Band auf die Bühne stellt und Raum zwischen all den Typenbands einnimmt ist wichtig, egal ob sie in einer Crustcore-Combo den Bass schrubbt, in einer Gothic-Waveband Gitarre spielt oder wie hier, einer Deutschpunkband wichtige Impulse gibt - sie sind alle wichtig. Mehr davon ist immer noch nötig.



Das wäre als formales Kriterium für die Bewertung dieser Platte sicher zu wenig, aber die guten Texte (meine Faves: Sonne im Park, Revolution spielen) und die kraftvolle Stimme von Mitra ist nicht alles.
G31 wissen wie man aus bekannten Punkrockstrukturen noch einfallsreiche Songs stricken und die nach dem DY-Prinzip auch gut produzieren kann. Hinzu kommt, dass thematisch alles klar thematisiert wird, was man von einer (Hambrger) Punkband erwarten kann: Es geht gegen Nazis, gegen Bullen, gegen das ganze Scheiß-System. An all dem Abarbeiten geht anscheinden noch immer sehr gut.
Jetzt wären wahrscheinlich noch ein paar bekannte Namen als Name-Dropping wichtig, damit auch die einfachsten Gemüter diese Band genau einordnen können. Kommen jetzt.

Auf dem Waschzettel werden als selbstgewählte Referenzen SLIME, BUTTAT; RAZZIA, SCATTERGUN und ANTIKÖRPER (die wohl auch, weil AK-Gitarrist Peter jetzt bei G31 mitmischt) genannt. Das kann man so stehen lassen, so düser wie RAZZIA kommen G31 allerdings nicht rüber, sondern eher wie eine typische kämpferische HH-Punkband, die so auch gut in den 90ern auf St. Pauli einiges hätte abräumen können. Von Mitras Stimme her und der Art, wie sie singt, muss ich zuweilen auch an Hans-A-Plast denken, der Sound hier ist allerdings doch ein anderer.

(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala.

Gary Flanell

"Die Insel der versunkenen Arschlöcher" von G31 wurde von G31 in Kooperation mit STERBT ALLE Records im Mai 2022 veröffentlicht und ist als LP im Gatefoldcover erschienen CD liegt auch bei).

G31 im Netz:

Auf Facebook

https://g31punk.org/

Mittwoch, 5. Januar 2022

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt.XXIII



Schubladendenken #2 Labelsamler von Bakraufarfita Records, dem Label, bei dem ich mich immer noch frage, ob der Name irgendwas bedeutet. Ein Label, dessen Releases ich bisher nicht immer bedingungslos gut fand. Da ist ein Label-Samler über 2 CDs ganz gut, um das Urteil mal etwas schärfer zu formulieren. Ich nehm mal as vorweg: Es wird nicht leichter. Dieser Sampler im angenehmen Papptray, zeigt, dass das Label im Bereich "Deutschsprachiger Punkrock und Artverwandtes" ganz gut aufgestellt ist. Insgesamt gibt's 34 Tracks, einige davon unveröffentlicht, und weil es eh gerade draussen jahreszeitbedingt recht trüb ist, seine hier nur die Songs erwähnt, die mir in denn letzten Tagen ein kleines Leuchten in Gesicht gezaubert haben:

DETLEF - Deutsche Männer (mid-Tempo-Punkrock mit sehr guten Lyrics über - eben - deutsche Männer)*** TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM - Punkrock hat mein Leben zerstört (Von der letzten Platte. War da schon eins meiner Lieblingsstücke)*** INWIEFERN - Euer Stammbaum ist ein Kreis (Titel schon gut, Song mit abwechselndem Frau/Mann-Gmecker auch großartig)*** KUMPELBASIS - Generalausstieg (Waren lange Zeit meine Berliner Punkrocklieblinge. Und der Song sowieso)*** LACHE - Stein (Guter Text. Wieso muss ich so an Knochenfabrik denken?) *** SOKO LINX - Sehnsucht nach Retrotopia (Jaja, so Ärzte-Melodic-Punk zieht nicht immer die Wurst vom Teller. Mit dem Text aber schon.)*** DXBXSX - Das passiert (Stonerrock mit Berliner Schnauze und Bierfleck auf der Kutte. Seit Jahren Immer stabil am Glas und stabil gut.) *** PIEFKE - Satellitenstadt (Auch die Sparte KlingtwieFrüh80er-Punk wird also abgedeckt. Fällt schon allein durch den Sound etwas aus dem Rahmen.)*** HUELSE - Rede von (Echo-Gitarre vor durchrollendem Bass. Angenehm raue Stimme. Ist das nun Wave oder Post-Punk?)*** VULWAR - Iron Clit (Komisch-übergedrehter Metal-Punk mit durchaus unterhaltsamen Text. I like.)

Der Rest ist mir entweder zu melodisch, zu mitgröhlig, zu turbo-pascowig oder schlicht zu belanglos. Ist leider so.

Gary Flanell

Montag, 15. Juni 2020

Kaninchenpunk (Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. XXII)

Angora Club - Hasenangst

Was ziehen wir heute an, was ziehen wir heute an, wo gehen wir heute hin?

Dicken Parka raus und ab nach Norddeutschland. Erst ins Flache, dann ins Tief. Langsam vortasten.
Dorthin, wo die Jungs-Punkbands so klingen, als könnte man an einem verregneten Sonntagnachmittag in der Einfamilienhaus-Siedlung nichts anderes tun, als in der Tempo-30-Zone rumzustehen oder Unterschlupf in dem Holzhäuschen auf dem neu gestalteten Spielplatz (für den du natürlich seit mindestens 10 Jahren zu alt bist) zu suchen.
Während am Himmel bleistiftgraue Wolken den ersten geilen Gig beim mehrmonatigen Rock-against-Sun-Festival abliefern. Dazu Tropfen deine LEATHERFACE-Kapu, deine Vans, deine olle Jeans und deine vegane Baseballjacke durchnässen.
Du stehst aber weiter rum, siehst das Wasser auf deine Finger-Tattoos platschen und rauchst. Denn bald ist Probe.



Du und deine drei Buddies. Habt früher schon eine Punk-Band gehabt. Hieß wie eine Hass-Figur von den Simpsons, passt ja zu einer Punkband. Jetzt habt ihr eine neue. Wo der Unterschied ist, keine Ahnung, erzähl du es mir. Der Name klingt ganz süß. Und das Cover ist es auch, herrje. Kaninchen, keine Hasen. Die werden oft verwechselt, keiner weiß warum. Kaninchen sind süßer, auch die auf dem Cover eurer Platte. Kulleraugen und Kindchenschema - so süüüß! Aber drinnen, da ist es dann so deprimierend wie eben das nie endende Schlechtwetter in der flachen Trostlosigkeit, die ihr so gut kennt. Und das ist ein bißchen der hübsche Gegensatz zu eurer Musik. Was auch die Faszination ausmacht. Süß und manchmal bitter. So ist wohl alles und immer.



Wetten, ihr mal Turbostaat gehört, und auch mal Pascow? Nicht nur eine Platte, sondern einige, was? Deswegen um so schöner, dass ihr auf diesem Label gelandet seid. Mal ehrlich, wo sonst könntet ihr hinpassen? Ich weiß es nicht. Soundmäßig genau das, was man dort erwartet. Und nein, ihr seid nicht einfach so langweilige Klone, wirklich, ihr macht das schon gut. All die Melancholie und die Tristesse, ich kenne das und mag es. Diese kurzen treffenden Texte, manchmal alle so nah dran an der Depression. Das wirkt. Doch, schon gut das alles. Nicht die Revolution, aber ein guter musikalischer Taschenwärmer.

(F auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala)

P.S: Überlege, ob ich mir das süße große Kaninchen im Inlay nicht als Tattoo-Motiv klaue. Aber dann erkennt eventuell jemand, dass das von eurer Platte ist und hält mich für den Die-hard-AngoraClub-Fan. Das wäre schmeichelhaft, aber trotz Sympathie nicht ganz der Fall.


Gary Flanell

Angora Club - Hasenangst ist im Mai 2020 auf Kidnap Music erschienen.

Mittwoch, 18. Juli 2018

Eis! Eimer! Hühnerherzen!

Heute sah ich auf dem Weg nach Hause ein Eichhörnchen. Vor Jahren sah ich in der Straße, in der ich damals lebte, eine Eiswaffel, die mürbe von einem Stromkasten runterhing. Allerdings so schlapp, dass sie sich im komplett rechten Winkel über den Stromkastenrand bog, ohne zu brechen. Ich war beeindruckt von dieser Flexibilität, die sich nur durch die Ermüdung des Materials zeigte.
Wenn ich einmal alt bin, dachte ich dann, will ich auch so elegant schlapp in der Gegen rumhängen wie diese Eiswaffel.
Das Eichhörnchen hat mit der Eiswaffel übrigens nichts gemeinsam, außer dass ich sie beide lange anglotzte und dabei fast vom Fahrrad gefallen wäre.
Ok, da ist noch eine Gemeinsamkeit: Beide Worte fangen gleich an. Super, das. Was genauso super ist, oder noch viel formidabler, ist das neue Video von Berlin's derzeit greatest Chanson-Band mit Punk-Spirit drin. Ach, ihr wisst, von wem ich rede: ACHT EIMER HÜHNERHERZEN, of course.

"EISENHÜTTENSTADT" war schon ein Traum in beige, und auch "EIS AUF EX", der neueste Video-unterstützte Hit, könnte auch noch in wenigen Monaten den Preis für "Sommerhit 2018" in einer Jahresrückblick-Show bekommen. Wenn das eintritt, ist sicher der Gig im ZDF-Fernsehgarten nicht weit. Kompatibel wäre das sicher und das ist kein miesepetriger Kritikpunkt. Ich hoffe aber, dass es nie dazu kommt. Naja, wenn man es unter dem "Take the money and run"-Aspekt sieht, dann wäre es vielleicht doch überlegenswert.

Aber was mach ich mir da einen Kopf? Ich bin keine Acht Eimer Hühnerherzen (übrigens toll, dass man den Namen nicht wirklich in eine pseudocoole Abkürzung umsetzen kann. 8EHH sieht eher bescheuert aus.), sondern nur ein Mensch, der den Sommer mag und Eis und diesen Song und das Video auch. Damit kann man durchaus mal den Wahnsinn, der gerade auf dieser Welt passiert, für zwei Minuten und zweiunddreißig Sekunden vergessen.
Film ab!

Donnerstag, 15. Februar 2018

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. VIII

Die Klappe zu dieser Gruft wurde schon länger nicht mehr geöffnet. War eben keine Zeit, sorry. Anderer Dinge mussten getan werden, nochmal sorry. Anderes musste geschrieben werden, nochmal sorry. Sorry, sorry, sorry.
Und ja, ein wenig fehlte es auch an Motivation. Woran es nicht fehlte, war Material. Würde ich mich anstrengen und täglich fleißig recherchieren, dann könnte ich wohl jeden Tage hier eine Rezension reinhacken. Aber dieses routinenhafte Besprechen geht mir leider gerade sehr gegen den Strich und vieles, was besprechenswert wäre, ödet mich derzeit unglaublich an.



Vielleicht ist es etwas schwer zu verstehen, aber anstatt überall Promoexemplare von irgendwelchen Bands abzugreifen (und dann vom für die Promotion zuständigen Labelmenschen noch drei Bands aus dem Rooster der Plattenfirma dazugeschmuggelt bekommen, die noch weniger interessieren), mit dem nie ausgesprochenen Versprechen, die dann auch zu rezensieren, tue ich derzeit lieber das, was mal irgendwann hinter dem Schreiben über Musik stand: Musik hören. Konsumieren, ja wirklich. Ganz korrekt in den Plattenladen gehen und eine Vinylscheibe kaufen, statt über diverse Wege ein liebloses Ansichtsexemplar zu schnorren.
Ich konsumiere also derzeit wieder Musik. Ich höre sie wieder. Wähle dabei mehr aus, weil das für mich derzeit der einzige Weg ist, mit der Masse an Veröffentlichungen umzugehen. Masse macht es nicht mehr. Schlicht und einfach und mache mir keinen Kopf darüber, was ich dazu schreiben könnte oder wie ich sie wo popkulturell einordnen könnte. Das ist ein gutes Gefühl.

Ich möchte nicht mehr zu Architektur tanzen, sondern eben wieder zu: Musik.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Eine davon ist "Standby me", die neue Platte von den MALADROITS aus Schopfheim (Never been there). Jedenfalls aus der Gegend da unten in Süddeutschland. Fürs Ox habe ich mal vor Jahren eine Rezension über eine ihrer Platten geschrieben und war ganz entzückt von dem Garagesound, den sie da abgeliefert haben.

So viel hat sich seit Sommer 2013 nicht verändert. Ok, anderes Label (Flight 13), möglicherweise jetzt auch größerer Bekanntheitsgrad, aber das Fundament ist immer noch quirlig-hektischer Garage-Punk, wie ihn die BRIEFS und SHOCKS auch gut können oder konnten. Ab und an scheint es aber doch so zu sein, dass die Maladroits, ihren Sound etwas erweitert haben: "No heart/No soul" hat eher was von all diesen englischen Indie-Pop-Bands "of 2005". HOT HOT HEAT, ART BRUT, FRANZ FERDINAND etc, wenn ihr wisst, was ich meine. Ähnliches gilt für das daran anschließende "Afterhour". Da blitzt also ab und zu mal was auf, das den Garage-Kosmonauten in einen anderen Orbit schießt. Das Bild vom Garage-Kosmonauten habe ich mir nicht ganz allein ausgedacht, der ist eher ein blitzgescheiter Hinweis auf das hübsch gestaltete Cover. Das wäre dann doch wieder ein Anreiz, wie Otto-Normal-Musikhörer in den Plattenladen zu gehen und nach der neuen Vinyl-LP der MALADROITS zu fragen - ohne auf anbiedernde "Haste mal n Promo-Exemplar"-Masche machen zu müssen.

Gary Flanell

(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala

TEH MALADROITS - STANDBY ME
Flight 13 Records, 2017
LP/CD

Wo ich gerade davon sprach - 10 oder weniger Platten, die ich in letzter Zeit sorgfältig und immer wieder höre und für deren Vinylversionen ich durchaus im Plattenladen meines Vertrauens eine Bestellung aufgeben würde. Werde. Schon getan habe.

1. Algiers - The Underside of Power
2. Lebanon Hanover - Tomb for two
3. The World/Inferno Friendship Society - The Anarchy and the Ecstasy
4. Jack of none - Who shot Bukowski?
5. Balg - The heavy listening
6. Voodoo Jürgens - Ansa Woar
7. Jo Strauss - Berlin stirbt
8. Boy Division/Venus Vegas - Warsaw Split-7inch
9. Zea - The Beginner
10. The Ting Tings - We started nothing

Montag, 14. August 2017

Schön, wenn (junge) Menschen Musik machen Pt. VII

Neulich morgen. Habe mit meiner Freundin darüber diskutiert, was eigentlich Punk sei. Frage mich seitdem, wie wir darauf gekommen sind, auf dieses total durchgekaute Thema, wo es doch gerade weißGottBuddhaShivaAllahSpaghettimonster mal ganz andere, wichtigere Dinge auf der Welt gibt, die man diskutieren könnte. Wahrscheinlich hat es was mit dem Ausraster von Leonard Graves Phillips zu tun. Mit dem Mann, den die meisten in dem Folder "Sänger der Dickies" im Hirn abgelegt haben. Der hat nämlich bei der Warped Tour eine Zuschauerin übelst beschimpft, weil sie während des Gigs ein Pappschild dabei hatte, das ihm wohl nicht passte. Auf dem Schild stand "Teenagerinnen sollten sich keine herabwürdigenden Witze von einem widerlichen alten Mann anhören müssen." Da fühlte sich Leo wohl persönlich angegriffen und ließ eine ganze Salve von Beleidigungen ab, die allesamt total daneben waren.



Ist das Punk? Von der Bühne runter einzelne Personen beschimpfen? Ist es nicht. Es ist ziemlich armselig, sich vom sicheren Platz auf der Bühne herab eine Person aus dem Publikum rauszupicken und runterzumachen. Das ist fiese Ausnutzung einer Hierarchie, die sich durch die Situation ergibt: Hier der immer noch gefeierter Punkrock-Veteran, der sich der persönlichen Auseinandersetzung gar nicht stellen muss, weil er ja gerade eh räumlich von der Person getrennt ist, die er angemoppert hat. Und der sich vielleicht noch geil dabei vorkommt, wenn er eine Frau so vorführt. Wahrscheinlich hat es auch was damit zu tun, das es eine Frau war, die das Schild dabei hatte. Wie wäre es wohl gewesen, wenn das ein typischer Dickies-Konzertbesucher-Punk-Typ gewesen wäre?

Wir kamen dann, wie es oft der Fall ist, wenn es um das seltsame Bühnenverhalten von Punkrockern geht, auf G.G. Allin. Guter alter G.G. Allin. Der hat auch Leute beschimpft, egal ob das Frauen oder Typen waren. Aber: G.G. Allin hat das nie wie ein Prediger von der Kanzel herunter gemacht. Er war sich wahrlich nicht zu schade, in den Infight zu gehen und selber was auf die Mütze zu kriegen. Wahrscheinlich hätte er sich auch nicht einfach durch ein Pappschild derart provozieren lassen, sondern wäre komplett ohne Grund ausgerastet. Was ab einem bestimmten Punkt fester Teil der Kunstfigur Allin war, aber das ist ein anderes Thema. Er hat allerdings nie das Risiko gescheut, bei all dem selber ordentlich verprügelt zu werden. Leonard Graves Phillips (file under "der Sänger von den Dickies", you know) dagegen schon. Ist also nicht Punk, sondern eher feige und deshalb ziemlich armselig. Außerdem steht der Mann seit 40 Jahren auf der Bühne - und lässt sich dann von einer (einer!) einzigen Person derart mit einem Schild provozieren? Nicht Punk. Definitiv nicht.



Provokation. Die hat viel mit Punk zu tun. Gehörte schon, seit den Pistols und den Ramones dazu. Aber irgendwann, so scheint es, ist der Zug in die falsche Richtung abgebogen. Dann ging es nur noch darum die Leute zu provozieren, die bei den Konzerten vor der Bühne stehen. Und für die ist das dann meist aber nur ein großer Spaß. Provokation auf die eigenen Leute zu richten, ist ein bißchen sinnlos, finde ich. Denn die wissen eh, wie es gemeint ist. Oder haben eher Verständnis dafür. und mal ehrlich: Will man wirklich die Leute ärgern, die eigentlich deine Musik geil finden und eine Platten kaufen? Viel schicker wäre es doch, wenn man diejenigen ein wenig trietzen und verwirren könnte, die Punk/Punkrock nicht so wohlwollend gegenüberstehen. Dazu müsste man aber mal woanders auftreten als auf den bekannten Open-Airs oder Szenerevieren. Könnte schwierig sein, was? Aber schwierig war es für Punks am Anfang immer. Ich behaupte, dass der Punkrocker von heute aber keine große Lust mehr auf Schwierigkeiten mit der Außenwelt hat. warum auch? In seinem Umfeld fühlt er sich wohl, unter seines gleichen mit den bekannten Codes und allem drum und dran, kann ja nix passieren. Und mittlerweile weiß ja auch die letzte Oma auf dem Dorf, dass Punks ganz liebe Jungs sein können, wenn man ihnen nicht die Flausen mit Gewalt aus dem Kopf treiben will. Also ist Punk mittlerweile doch eine sehr konservative Einrichtung.



Möglicherweise muss aber eine kleine Unterscheidung vorgenommen werden zwischen Punk und Punkrock. Bela B. hat das mal in einem Interview ganz gut gesagt: Punk ist die Haltung und Punkrock ist eine Musikrichtung. Punk kann man wahrscheinlich sein, ohne es selber zu merken. Indem man immer wieder die provoziert, die es verdient haben, die halt nicht die eigene Meinung und den eigenen Geschmack teilen. Und ja, Punk hat sicher auch was mit Offenheit und Toleranz zu tun. Und auch damit, die Dinge in der Welt, die offensichtlich scheiße sind, anzuprangern. Und auch damit, andere Leute zu ermutigen, ihren Scheiß durchzuziehen, wie schwierig das auch sein mag. Offenheit, Toleranz, Empowerment - klingt wirklich sehr nach Sozialarbeitertum - vielleicht kein Zufall, dass viele Menschen mit Punkaffinität im sozialen Bereich arbeiten.
Womit Punk wenig zu tun hat, ist das reine Fachsimpeln über musikalische Feinheiten, die andauernde Erinnerung an die geilen Konzerte, die man gesehen hat und warum Band X nach dem Weggang von Gitarrist Y und dem Einsatz von Keyboards und Samples auf der neuen Platte ja überhaupt nicht mehr Punk seien. Das ist genau das, was die langhaarigen, nach Schweiß und Wein miefenden Blues-Opas in den 70ern schon gemacht haben und wogegen Punk mal angetreten ist. Scheint bei jeder Subkultur der gleiche Mist zu sein.




Puh, eigentlich wollte ich jetzt elegant zur neuen Platte von MDK überleiten. MEKANIK DESTRÜKTIW KOMANDÖH waren eine der ersten, möglicherweise die erste Punkband Berlins - den Platz könnten sie sich mit PVC teilen. So rockig wie bei Gerrit Meijer (R.I.P.) und Kollegen ging es bei der Band von Volker Hauptvogel aber nie zu. MDK waren eher dem Experimentellen zugeneigt, was verständlich ist, denn als Hauptvogel 1976 in Berlin anladet, macht er in Kreuzberg erstmal Straßentheater. Daraus entsteht dann die Band. Dass die nicht ausschließlich von stumpfen Rock beeinflusst war, lässt sich schon am Namen sehen, denn der war von einer Platte der französischen Progrock-Band Magma entliehen. Anfang der 80er sind MDK live in ganz Europa unterwegs und spielen mit der Birthday Party, den Dead Kennedys, den Einstürzenden Neubauten und allerlei ähnlichem, was später groß und berühmt werden sollte.



2017. Mit einem neuen MDK-Album (im Juni auf Destiny Records erschienen) hat wohl 1.) keiner wirklich gerechnet und 2.) möglicherweise haben auch nicht viele Leute darauf gewartet. Die Hochzeit der Band ist über 30 Jahre her, für alles, was in einer Subkultur passiert, ist sowas mit Äonen gleichzusetzen. Ist Manifestation also eine furchtbar altmodische Platte geworden? Nö. Interessant ist dieses neue MDK-Album aber schon. Weil sie so gar nichts mehr mit dem zu tun hat, was heutzutage unter Punk gemeinhin verstanden wird. Würde man es einem jungen tätowierten Menschen, der gerade bei Core-Tex oder VoPo Records die neusten Hardcore-Erscheinungen durchdiggt, vorspielen, würde er das wohl nicht wirklich als Punk bezeichnen. Durchgehend dröhnt ein Saxofon, als hätte es sich auf dem Weg zum nächsten Free-Jazzclub in der Location verirrt. Der Gesang hat nichts mit den Punkrock-üblichen Melodien zu tun, vielmehr wirkt das, was Volker Hauptvogel von sich gibt, wie Sprechgesang, der darauf scheißt, ob sich was reimt oder eben nicht. Insgesamt macht "Manifestation" eher den Eindruck einer Krautrock-Platte, die durch die Kreuzberger Punkschule gegangen ist und dabei den ein oder anderen NDW-Zeichenkurs mitgenommen hat. Monoton, treibend, aber eben nicht den Punkklischees entsprechend, die sich im Laufe der Jahre so ausgebildet haben. Ist das also Punk? Meiner Meinung nach mehr als das, was die Dickies auf den Bühnen dieser Welt so von sich geben.

(E) auf der 26teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell

Sonntag, 13. August 2017

Schön, wenn (junge) Menschen Musik machen Pt. VI

Akne Kid Joe -haste nich gesehn! (7inch)

Gibt so Tage, da passt einfach alles. Und es gibt immer noch Bandnamen, da passt einfach alles. Ich spiele ja mit dem Gedanken, in ferner Zukunft den Leitfaden für die ultimative richtige Namensfindung für Punkbands (möglicher Titel: "Gary Flanells ultimate guide for the right choice of your personal punk bands name". Kurz und knackig halt.) herauszugeben. Da wird dann akribisch und wissenschaftlich die Formel erklärt, wie ein ordentlicher Punkbandname auszusehen hat, damit man die nächsten fünf Jahre im Sommer garantiert auf allen einschlägigen Open-Air-Festivals gebucht wird.



Einen ganz ordentlichen Ansatz haben in dieser Hinsicht AKNE KID JOE aus Nürnberg. Eine schöne Referenz an eine zu recht lange vergessene One-Hit-Wonder-Alternative-Schmockband aus den 90ern sichert schon mal erste Aufmerksamkeit. Der stirnrunzelnde Rezensent fragt sich allerdings direkt im Anschluß, ob dieser originelle Esprit auch auf die Musik transferiert werden kann. In dieser Hinsicht lohnt sich ein Blick auf das Label, das hinter diesem Release steht. Tante Guerilla hat's nämlich gemacht. Die sind ja sowas wie die Marke für deutschsprachigen Punk, der Klischees aus dem Weg gehen will, zuweilen aber doch einen Tacken zu ernst auf sich selbst schaut. Junge Männer mit abstrakten Tattoos und langen Bärten, die ihr Unwohlsein meist kryptisch in die Welt hinausschreien. Wo war da nochmal das Quentchen Dilettantismus, wo der erfrischende Spritzer Selbstironie?



Den haben AKNE KID JOE auf ihren fünf Tracks ihrer zitronengelben Platte ganz charmant dazugemischt. Für Tante Guerilla ein recht ungewöhnliche Veröffentlichung, denn AKJ klingen mit ihrem Billo-Keyboard, das sich da über die Lo-Fi-Gitarren legt, eher wie eine Garage-Punkband mit NDW-Einschlag. Perfektionismus ist hier nicht angesagt, dafür herrscht eine Spontaneität in Wort und Klang, den man bei vielen deutschsprachigen Bands vermisst. Texte, die kurz und knackig sind und sich - wie in "ein morgen ohne Deutschland" - irgendwo zwischen direkt-politisch, Dada und einer gesunden Deutschland-Aversion wiederfinden. So bierbäuchig-asozial wie diversen Deutschpunk-Neanderthalerbands aus der Frühzeit des Genres wird es aber zum Glück nie. Vielmehr zeigt sich hier schon der Einfluß, den PISSE in den letzten Jahren gelegt haben. An diese Urinals aus Hoyerswerda, HEIMATGLÜCK, KFC oder (sehr sehr raue) IDEAL erinnern AKNE KID JOE in ihren besten Momenten. Vielleicht nicht zu 100% in Sound, aber von der Idee, die dahintersteckt.
(F) wie Find ich abgrundtief dufte auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell

Mittwoch, 1. Februar 2017

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. III

Blut Hirn Schranke - s/t

Erste Erkenntnis: Nicht alles, was an Bands aus Düsseldorf kommt und einen Punk/HC-Background hat, klingt wie die Toten Hosen oder die Broilers oder die Schwarzen Schafe.
Zweite Erkenntnis: Nicht alles, was auf Kidnap Music erscheint, klingt zwangsläufig wie Pascow.
Damit haben BLUT HIRN SCHRANKE schon mal zwei Pünktchen auf meiner ausgeleierten Aufmerksamkeitsfre-quenzband gut gemacht. Hardcore würde ich das nennen, was die Band auf ihrem ersten Album (nach zwei EPs der logische Schritt) so zustande bringt. Hardcore. Nicht gerade der Quadrant im Musikuniversum, in dem ich mich seit längerem so rumtreibe. Vielleicht hat's wirklich was mit dem Alter zu tun - oder der Tatsache, dass gerade bei Punk/HC die persönliche Bindung zur Band noch eine größere Rolle spielt als in anderen Szenen. Meine These, aber ich würde sagen, das liegt zum Teil daran, dass das Gefälle zwischen Band und Publikum hier immer gewollt klein gehalten wurde. Du kannst bei einem guten, gemütlichen HC-Konzert immer noch hinterher ohne Probleme mit dem Sänger quatschen oder mit dem Gitarristen ein Bierchen trinken. Und über die Texte quatschen. Deshalb haben auch obskure Bands, die nie einen wirklich großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, immer noch die Chance, über die persönliche Bindung beim einzelnen in Erinnerung gehalten zu werden.



Was aber auch bedeutet, dass eine Band nur zu einem bestimmten Augenblick für eine bestimmte Person oder Gruppe wichtig ist. Right time, right place, right party - da hatte Alfred Hitchcock schon recht.
Right gig, right record, right song, möchte ich fast hinzufügen. Kann ja sein, dass die eine Scheibe einer Band dir zu einem bestimmten Augenblick total aus der Seele spricht, das Nachfolgealbum aber in deinem Regal verstaubt. Ach scheiße, wahrscheinlich kann man das auch auf jedes Genre übertragen. Trotzdem glaube ich, dass da was ist. Dass Punkbands, gerade die, die nie richtig bekannt werden, es leichter haben, vom Publikum geschätzt und emotional länger in Erinnerung healten werden.

Was das mit BLUT HIRN SCHRANKE zu tun hat? Sagen wir es so: Ich mag das, was sie tun. Die Musik: mit großem Ernst vorgetragen, die mich an die Wucht von Bands wie DEFEATER erinnert, allerdings mit ein paar Indie-Rock-Melodien versehen. Die Texte sind manchmal zwar etwas plakativ, aber es geht ja alles noch. Ich steige hier nicht komplett aus. Vielleicht habe ich auch sehr viel Verständnis für sowas. Punk, der auf bunte Plattencover verzichtet, mit dem Quentchen Zerrissenheit und Zweifel, der dazu gehört. Wie nannte sich das früher? Emo-Core? Well, passt schon. Punk mit Pathos, aber eben noch alles ertragbar.

Aber soviel Wut bringe ich derzeit nicht auf, um bei Songs wie "Menschensammelstelle" oder "More than music" komplett abzugehen. Da höre ich lieber das neue Christiane-Rösinger-Album, das spricht mir mehr aus der Seele. Vielleicht auch, weil BHS sehr ernst rüberkommen. Soviel Ernst. Hat man selten bei einer Band aus dem Rheinland. Ein gewisse Ironie und Leichtigkeit würde ihnen ganz gut stehen. Ist aber immer noch besser als die nervige Bierseligkeit, die man bei Bands aus Düsseldorf öfter mal findet.

Aber das ist es dann wohl: BLUT HIRN SCHRANKE werden sicher genug zornige junge Männer finden, die ihre Texte bald auswendig können und dem Sänger kollektiv das Mikro entreißen. Und das wird dann genau der Teil der Menschheit sein, der sich auch in ein paar Jahren genau daran erinnert, wie er bei einem Konzert dieser Düsseldorfer abgegangen ist wie sonst davor und danach nicht mehr. Und BLUT HIRN SCHRANKE deshalb, wer weiß was da noch passiert, für länger in Erinnerung gehalten wird, als irgendeine gefällige Mainstreamkapelle.
(H) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.

BLUT HIRN SCHRANKE - s/t
erschienen bei Kidnap Music
LP gibt's limitiert mit CD und DL-Code

Donnerstag, 26. Januar 2017

SubCult - 26.01.2017

Wir erinnern uns: Das RASKOLNIKOFF-Trio hatte sich angekündigt, um ihre Split-7inch mit der philippinischen Band MONTHLY RED vorzustellen.
Un die drei waren auch im gemütlichen SubCult-Studio. Es war etwas anarchisch, aber so belebend wie ein guter starker Espresso.
Und hier mal die Playlist:

1. BLUT HIRN SCHRANKE - Menschensammelstelle


2. RASKOLNIKOFF - Zündholz

3. RASKOLNIKOFF - Keller

4. LITBARSKI - Hedwig (von ihrer selbstbetitelten Mini-LP auf Elfenart)

5. ON ON ON - Slave to Physiognomy (von der 7inch "17 spells", released on John Steam Records)

6. ON ON ON - Suicide Lullaby (von der 7inch "17 spells")

7. RASKOLNIKOFF - No city for old men

8. MONTHLY RED - away from home

9. LULU & DIE EINHORNFARM - ZITRONE


10. TREND - Wir haben einen Auftrag


11. RASKOLNIKOFF - Lila schwarz (unreleased)

Sonntag, 22. Januar 2017

Donnerstag! Raskolnikoff bei SubCult


Vielleicht nicht so aufregend wie all der Tumult um die Trump-Inauguration, aber auf alle Fälle die bessere Nachricht:
Am 29.01. geht die nächste SubCult-Show über die Bühne.
Studiogäste gibt's diesmal bie Timbob Kegler auch: Die Herren von der sympathischen Berliner Punkband RASKOLNIKOFF.
Die heißen nicht nur wie eine DER ganz großen Figuren der Weltliteratur (an dieser Stelle Props an den alten russischen Schreiber- Bro Dostojewski), sondern sind auch sehr produktiv. So lange gibt es die Band nämlich noch gar nicht und schon haben sie eine Split-7inch mit der philippinischen Band MONTHLY RED am Start. Natürlich ist sowas das Ergebnis guter Umstände und auch eines gut funktionierenden DIY-Netzeerkes, aber wie das alles kam und was Raskolnikoff noch so zu Punk im Jahre 2017 zu sagen haben, erfährt der geneigte Hörer am Empfangsgerät am kommenden Donnerstag von 19-20 Uhr auf Pi-Radio 88,4.



Was vergessen? Jau. In der Sendung verlosen wir nämlich auch ein Exemplar der RASKOLNOKOFF/MONTHLY RED-SPLIT-Single.

Also:
SubCult-Klänge jenseits des Hauptstroms - mit Timbob Kegler
Live im Studio - RASKOLNIKOFF
29.01.2017, 19-20 Uhr auf Pi-Radio, 88,4

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. II

Aus langjähriger Beobachtung weiß ich recht genau, wie ein Abend verläuft, bei dem man die Verantwortung an die Menschen in der Band LITBARSKI gibt. Zumindest musikalisch kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, wie das läuft. Irgendwann wird einiges an Alkohol geflossen sein. Bier Schnaps, Wein, alles was süffig ist und die Hemmungen vertreibt. Dann wird mit Sicherheit auf der Stereoanlage des Vertrauens die komplette Mush-LP von LEATHERFACE laufen. Alle werden die Gläser in die Höhe strecken und mitsingen. Alles. Auswendig.
Danach läuft möglicherweise die komplette "Is this real" von den WIPERS. Auch da werden alle komplett mitmachen. Dann, darauf verwette ich den Hintern des Pferdes meiner Nichte, wahrscheinlich noch die "New day rising" von HÜSKER DÜ. Und direkt darauffolgend sicher was von DACKELBKLUT und weil man irgendwann etwas alkoholbedingt doch etwas albern wird, auch noch "Was gut ist, setzt sich durch" von den PUHDYS. Tiefer auf feindliches Schlagergebiet wagt man sich an so einem Partyabend aber nicht.

Davon abgesehen wären damit aber die Koordinaten gesetzt, was die musikalische Einordnung auf der ersten LITBARSKI-Mini-LP angeht. Deutschsprachiger Punkrock, der mehr in Moll als Dur rüberkommt, textlich und gesanglich sicher an Herrn Rachuts Gitarrenbands angelehnt- einen Innovationspreis gibt es dafür im Jahr 2017 sicher nicht. Aber Punk und Innovation, auch schon ne Weile her, dass das mal zusammenging.
Wir haben hier eine Konstellation, wie man sie oft in irgendwelchen Punkbands findet: Drei weiße Kerls, die jahrelang knietief durch den Szenesumpf gewatet sind. Drei Typen, die in Punkbands wie ANNE TANKE und WELTRAUMSCHROTT gelernt haben, was in einer Punkband alles schiefgehen kann. Und daraus gelernt haben. Und während ich diese verweise niedertippe, fällt mir doch das Wort ein, nach dem ich gesucht habe, um die sechs Litbarski-Songs gut beschreiben: Reife.



Das hier sind keine überambitionierten Anfang-20er, die glauben mit ihrer Wut die Welt erobern zu müssen. Das hier ist nicht mal eben rausgerotzt, weil ein Bandaufnahmegerät in der Ecke stand. Und lustig soll es definitiv auch nicht sein, sondern soll ernst genommen werden. Auch textlich wurde da sicher einiges auf- und wieder umgebaut. Es ist nun aber nicht so, dass die drei LITBARSKI-Typen völlig desillusioniert und abgefuckt rumdudeln. Emotion ist schon da, aber eben auch Reflektion und Energie. Man weiß, was man tut. Quatsch ist es jedenfalls nicht.
Man könnte einwenden, dass ja die ganze Tante-Guerrilla-Mischpoke oder Bands wie DUESENJAEGER ja auch so was machen, aber bei LITBARSKI ist der Frankie-Stubbs-Einfluss doch um einiges stärker. Die Songs gehen doch eher in Richtung LEATHERFACE, sind alle sehr sorgfältig ausgearbeitet und mit viel Liebe zum Detail versehen. Es ist ja auch genug Zeit ins Land gegangen, bis aus der Proberaumband LITBARSKI mal die Live-und-auf-Platte-Band LITBARSKI wurde. Aber die Zeit, die dort in abgelegenen Proberäumen verbracht wurde, hat dem Endprodukt hörbar gut getan. Und das sage ich, der eigentlich in solchen Sachen eher auf schnelle Ergebnisse steht als ewiges Rumgebussel. An der Gitarre wird mehr getan als stumpf rumgeschrammelt und was Bass und Schlagzeug an Rhythmusarbeit leisten ist auch weit mehr als herkömmliches Deutschpunk-Gepolter.

Möglicherweise ist es die persönliche Verbindung, die mich hier konzentrierter hinhören lässt. Schließlich sind die LITBARSKIS dem RENFIELD recht eng verbunden. Vielleicht braucht es einen distanzierteren Kritiker, der sagen kann, was hier fehlt. Ich finde erstmal nicht viel. Ok, über den Bandnamen könnte man nochmal diskutieren, aber nur weil ich diese Fußballmetaphern bei Punkbands nicht mehr ab kann. Aber ansonsten - alles schick.
(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala

Gary Flanell

Litbarski - s/t
erschienen auf
Elfenart Records