Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Graz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Graz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 9. April 2026


CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende

Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?

Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.

Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.

Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.



Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.

Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.



Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.

Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)



Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.

Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.

Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?

Gary Flanell

CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.

Donnerstag, 5. Februar 2026

*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. I: Skifliegen im Dunkeln


*D*F*R* vs. *D*G*G*

Dieses Kürzel steht - in Ermangelung geeigneter Vokale - für DAFÜR und DAGEGEN.

Pro&Con, Schwipp&Schwapp, Auf&Nieder, Hüh (oder Hü?) &Hott, Geil&Schrott.

Das ist die neue Streiten-aber-Lieb-Sein-Kolumne auf dem Renfieldblog und vom Prinzip her ist es bekannt:
Ein brandheißes (!) und extrem polarisierendes (!) Thema wird von zwei Fachmenschen jeweils Pro und Contra-mäßig bearbeitet. Die Liste der vorliegenden Themen wurde letzte Woche schon gepostet, alle, die dies hier lesen, sind eingeladen, sich zu beteiligen.

Schickt einfach eine Mail an renfield-fanzine@hotmail.de, alles andere klärt sich dann, ihr scheiß Punks.

Und nun Ring frei für die erste Runde! In Berlin und Graz hauen sie sich wegen eines Themas derzeit die tiefgefrorenen Köpfe ein, das schon viele Familien auseinander dividiert hat:

SKIFLIEGEN IM DUNKELN.

Nicht zu verwechseln mit Schiefliegen im Dunkeln. Das kommt später.
In der Berliner Ecke haben wir den bohemian Skiflug-Experten Dirk Bernemann, in der Contra-Ecke die grazile Grazer Alpinsportlegende HC Roth.

Viel Spaß!

*D*F*R*

Skispringen im völligen Dunkeln, stand noch nie zur Debatte, aber ich fordere hiermit die Erhebung dieser momentan noch nerdigen Randsportart als olympische Disziplin.
In Ermangelung an Flutlicht, ohne technische Hilfsmittel, allein mit der Schanze und der Nacht, natürlich sehe ich ein, das fordert unser heutiges Verständnis von Sport heraus. In einer Zeit, in der Wettkämpfe immer stärker kontrolliert, ausgeleuchtet und optimiert werden, stellt dieses Konzept eine bewusste Reduktion dar. Es fragt danach, was sportliche Leistung im Kern ausmacht. Ich verfolge ja seit jeher die These: Der Mensch ist ein Konkurrenztier bis in den Tod.

Skispringen war von jeher ein Sport, der den Menschen in ein direktes Verhältnis zur Natur setzt. Wetterverhältnisse, Wind und Höhe gehören untrennbar dazu. Die Dunkelheit ist dabei kein künstliches Hindernis, sondern ein natürlicher Zustand. Wer im Dunkeln springt, begegnet dem Sport in seiner ursprünglichsten Form. Keine visuelle Sicherheit, dafür lediglich das Vertrauen in die eigene Technik, die eigene Kompetenz und in jahrelanges Training, sowie dem geschulten Körpergefühl.

Gerade der Verzicht auf die Sicht verschiebt den Fokus. Bewegung, Balance und Timing entstehen nicht mehr aus Kontrolle durch das Auge, sondern aus innerer Wahrnehmung und Erfahrung. Dies zwingt den Sportler zur höchsten Konzentration und zur außergewöhnlichen Körperbeherrschung. Gleichzeitig schafft die Dunkelheit eine radikale Gleichheit. Alle Athleten springen unter exakt denselben Bedingungen, ohne Wahrnehmungsvorteile oder technische Unterstützung.

Was natürlich nicht vergessen werden darf, ist der inklusive Aspekt dieser Sportart. Menschen mit Erblindungen und Sehschwächen sind auch hier automatisch konkurrenzfähig. Denken wir bitte kurz an Michael Edwards, bekannt unter seinem Springernamen Eddie, the Eagle, ein britischer Skispringer, der stets wegen seines Brillenkassengestells Diskriminierung erfahren hat. Derlei Dinge würden fürderhin nie wieder vorkommen.

Zudem rückt die mentale Stärke der Springer stärker in den Mittelpunkt. Sportliche Leistung bedeutet nicht nur physische Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit, ja auch Todesangst, umzugehen. Der Sprung ins Dunkel erfordert Mut, Selbstvertrauen und innere Ruhe. Damit wird Skispringen zu einer Grenzerfahrung, in der mentale und körperliche Leistung untrennbar miteinander verbunden sind.

Skispringen im Dunkeln setzt ein bewusstes Zeichen gegen die fortschreitende Technisierung des Sports. Es erinnert daran, dass Leistung nicht zwangsläufig von Messbarkeit und Kontrolle abhängt. Der Sprung wird zum Ausdruck von Können und Vertrauen, reduziert auf das Wesentliche. Wer das überlebt, ist automatisch ein Gewinner.

Dirk Bernemann



*D*G*G*

Jetzt also auch noch im Dunkeln Schifliegen. Warum das denn plötzlich? TikTok-Trend? YouTube-Hype? Irgend so ein neumodischer schneller, härter, lauter-Wahnsinn auf jeden Fall. Als würde es nicht reichen mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zuzurasen, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln. Nein, es muss jetzt auch noch im Dunkeln passieren. Aber dazu gibt es von mir ein klares NEIN.

Dabei geht es mir jetzt aber nicht primär um den Sicherheitsaspekt. Denn seien wir uns ehrlich, wenn du mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zurast, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln, begibst du dich doch sowieso in Lebensgefahr. Da sitzt Gevatter Tod mit seiner Sense ohnehin immer in der Drohne, die hinter dir herfliegt, um möglichst fette Bildaufnahmen zu liefern. Deswegen kannst du das meinetwegen auch gleich im Dunkeln machen.

Aber ich als Fan, als Zuschauer, sei es live im Stadion, sei es zuhause auf der Couch vor dem Fernseher, ich will etwas geliefert bekommen. Ich will Action, ich will Bilder und ich will Farbe. Das Live-Erlebnis in der Schiflug-Arena Hintergrunzenstein kannst du knicken, weil du ja nichts siehst und jaja, für das Fernseherlebnis gibt es natürlich Nachtsichtkameras, dies das. Bei Big Brother und Love Island funktioniert das ja auch, denken sich jetzt manche. Für das Schäferstündchen von Marc-Robin und Michelle-Joelle mag das vielleicht ausreichen, wenn man die nur unscharf und grüngepixelt sieht. Meine Kobayaschis, Krafts und Prevces aber will ich scharf und in Farbe.

Und dann ist da natürlich das Erlebnis für die schifliegende Person selbst. Was ist denn der Anreiz für diejenigen, die sich hier Tag für Tag bei unwirtlichen Wetterverhältnissen für ein Taschengeld hohe Schanzen hinabstürzen? Der Nervenkitzel alleine ist es nicht. Nein, es geht auch um Fame und Anerkennung und Jubel.
Wie geil muss es sein, mit 130 km/h durch den Himmel von Planica zu fliegen, während dir unten in der Arena 30.000 begeisterte Fans zujubeln. Und ja, die willst du sehen. Vielleicht nicht ihre Gesichter, aber ihre Köpfe, die ganze euphorische Menschenmasse. Es reicht dir nicht sie nur zu hören. Ein Hörspiel ist kein MX4D-Kinoerlebnis. Du gehst ja auch nicht zum Dinner in the Dark und lässt im Schlafzimmer gerne das Licht an, oder?

Wenn Schifliegen, dann richtig. Mit Sicht, mit Licht, mit Farbe.

H.C. Roth