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Donnerstag, 25. Juni 2026
Urlaub in Polen. (Nicht die Band.)
Neulich bin ich in eine Zeitmaschine gesprungen, die stand in Warschau rum und hatte sehr bunte Wände. Aber der Reihe nach.
Urlaub in Warschau, Ende Mai 2026: Städtetrips an sich mag ich gern. Leider immer weniger. Jedenfalls bei großen Städten. Ich fahre meist über meinen Geburtstag weg. Halte den Sozialstress, der sich dann aufbaut wie eine Gewitterwolke, nicht so gut aus und ähnlich wie das Hydrometer bei steigendem Luftdruck ansteigt, bin auch ich Sack, der zu 90% aus Wasser besteht, zu dieser Zeit recht nah am Wasser gebaut ob der nicht zu verleugnenden Vergänglichkeit und ich mag es nicht so sehr, wenn das jemand sieht. Jaja, Körperpanzer bei Männern, Theweleit könnte dazu einiges sagen. Wegfahren funktioniert also ganz gut. Fluchtmechanismus halt.
Diesmal also Warschau, vier Tage lang. In der Rückschau ist zu sagen: Vielleicht wären drei auch genug gewesen. Denn europäische Hauptstädte gleichen sich äußerlich schon sehr an. Überall die gleichen Geschäftsketten, gleiche Fast-Food-Buden, Pizzarestaurants, lokale Gastronomie touristisch angenehm verpackt, wichtige Gebäude, Museen und Straßen, alles gut und mehrsprachig ausgeschildert. Die IKEA-sierung des Großstadtflairs. Inklusive städtisch geduldeter Street-Art, als Zeichen urbanen Zeitgeists.
Nicht falsch verstehen: Ich schaue mir all dies immer noch gerne an, allerdings merke ich, dass es mir dort am besten gefällt, wo ich im Park oder am Wasser sitzen kann. Das kann ich für den Urlaub natürlich auch in einem kleinen verschlafenen Seebad haben. Es wird Zeit, urlaubstechnisch langsam umzudenken.
Warschau also: Beeindruckende Skyline, wenn du aus dem Bahnhof fällst, mit Kulturpalast als optischem Mittelpunkt. Hotel eher karg, aber angenehm anonym. Links vom Hotel ein Nachtclub, rechts vom Hotel ein Nachtclub. Die ganze Nacht also Musik, Musik, Musik. Musik ist in dieser Straße Trumpf, Techno zieht dir dabei einen Stich nach dem nächsten aus den Ohren. Fenster zu - zu warm. Fenster auf - zu laut. Nunja, sind ja nur vier Tage.
Techno von links und rechts wäre irgendwie zu schaffen, wenn die Straße an sich nicht als Beschleunigungsstrecke für allerlei fette Karren dienen würde. Also Techno plus urst lautes Beschleunigungsgebrüll von den PS-Monstern dieser Stadt. Penisvergleich im oberen Dezibelvergleioch, ha püh.
Dann also den ganzen Tag durch die Stadt rennen, bei der georgischen Bäckerei guten Kaffee und riesigen Mohnstrudel frühstücken, zum Mittagstisch in eine Bar Mleczny einkehren und abends auf der Fußgängerbrücke über der Weichsel den Sonnenuntergang anschauen. Das, meine lieben Renfieldfreund*innen, empfehle ich jedem, der die Stadt besucht.
Natürlich wollte ich auch Kultur bis Subkultur. Auch das hat sich für mich etwas geändert. Auf früheren Reisen war es einfach, sich mit einem Bier in eine Bar zu flacken und dank steigendem Pegel sicher irgendwen zum Quatschen oder Knutschen zu finden. Nun trinke ich keinen Alkohol mehr, deshalb ist in Bars rumhängen nicht mehr so spannend. Als Ausgleich gehe ich mittlerweile gerne ins Kino. Schaue mir Filme an in Sprachen, die ich nicht verstehe. In Lodz sah ich "Beau hat Angst" in der OV mit polnischen Untertiteln gesehen, in Sczeczin im ältesten Kino der Welt die indisch-französische Koproduktion "Girls will be girls", ebenfalls im Original mit polnischen UTs. Sprachlich kriegt man dabei einiges geboten.
Warschau verfügt über eine Menge Kinos, große wie kleine, da fiel die Auswahl schwer. Letzten Endes wollte ich mir zum Geburtstag eine Vorführung von Żuławskis Body-Horror-Klassiker POSSESSION gönnen, den sie just an diesem Abend im winzigen AMONDO-Kino zeigten. Am Kino angekommen, besser gesagt, an dem Ladengeschäft, wo der Film gegeben werden sollte, sah eine halbe Stunde vorher nicht viel nach Kino aus. Ich leider viel zu ungeduldig, um dort länger kaugummikauend rumzustehen, also ging ich weiter durch Warschaus frühlingswarme Straßen. Letzen Endes landete ich im Kulturpalast und schaute "Mandolorian & Grogu". Jaja, totales Mainstreamzeug, aber es ist wie Popcorn: Manchmal schmeckt das einfach sehr gut.
Nächster Abend: Mir ist nach Musik, nach Szene, nach Underground. Eine Facebook-Gruppe für Warschau-Punk preist gleich drei Gigs mit je drei Bands an. Punkkonzerte sind - auch das ist in jeder Großstadt gleich - der niedrigschwelligste Zugang zu Subkultur. Ich hätte auch nach abseitigen Noise/Electro/Industrialpartys forschen können. War aber zu faul. Infos über Punkkonzerte gab es sofort und schnell.
Option 1: Ein Streetpunk-Konzert mit einer Coverband, die alte Punkrockhits nachspielt. Das riecht schon bei der Beschreibung recht ranzig. Als in der Playlist noch steht, dass man auch was von Skrewdriver darbieten wird, fällt das schon mal raus.
Option 2: Ein Psychobilly/Countrypunk-Konzert in einem Motorradrocker-Club, irgendwo hinter dem Bahnhof. Das klingt... erstmal viel versprechend. Allerdings bin ich nicht so überzeugt, alleine den Weg in den Titty Twister der polnischen Hautstadt auf mich zu nehmen, außerdem sieht's auf der Karte schon recht weit aus. Und ja, ich werde im Alter etwas schissiger, wenn ich allein auf irgendwelche Gigs gehe, die weit entfernt von meiner Homebase zu sein scheinen.
Option 3: Anarchopunk im Skłot (Squat, hihi) Przychodnia, das fußläufig vom Hotel erreichbar ist. Es spielt eine Band aus Brasilien, die SCUMBAGS. Nie gehört den Namen. Klingt auf Bandcamp wie NOFX oder früherer Skatepunk. Komisches Englisch, seltsame Texte. Dazu drei polnische Bands, MASTURBACJA, DEFORMACIA DZWIEKU und CZARNOBYL ZDROJ . Sagt mir alles nix, bin auch zu faul, das alles im Netz anzuhören. Was soll schiefgehen?
Schiefgehen tut nichts. Das Przychodnia sieht draussen aus wie eine besetzte Schule, innendrin wie eine Mischung aus Köpi und meinem Lieblingskeller, vielleicht ein Tacken grusliger. Unter niedrigen Wänden zweigen von einem langen Gang immer wieder schlecht bis gar nicht beleuchtete Räume mit verschlissenen Sitzmöbeln ab, in denen Menschen (?) sitzen - oder auch nicht, es ist nicht so gut zu erkennen, was in den Katakoben passiert. Auf dem Klo glänzt frisches Blut, ich drück mal lieber alles zusammen. Zu trinken gibt es eh nur Bier und Mate. Draussen im Innenhof alles freundlicher. Die SCUMBAGS haben einen ordentlichen Merch-Tisch aufgebaut, daneben vertickt ein Typ selbstgedruckte Bandshirts und Tapes von Krachbands aus Armenien. Nehme ihm ein Tape ab, armenischen Punk kann man nicht genug haben.
Dann setzte ich mich aufs abgewetzte Sofa in der Ecke. Und dann läuft die Zeitmaschine. Ich bin wieder in den 90ern, allerdings im Körper eines Mitte 50-jährigen. Um mich herum unglaublich viele junge Kid-Punks, Gothics, Metaller und nicht einzuordnende Alternative-Kids. Das könnten alles meine Kinder sein. Sie sehen teilweise sehr gestylt aus, teilweise aber auch auf angenehme Art unperfekt, aber selbstgestylt. Alle schreien, trinken, rennen herum, fallen übereinander wie junge Hunde. Also wirklich alles wie früher in den westdeutschen AJZs, egal ob Wermelskirchen, Homburg, Göttingen oder Bielefeld.
Sollte Punk wirklich einen neuen frischen Schub kriegen? Ich hatte in den letzten Jahren eher immer die Vermutung, dass Punk sich immer mehr zum Alte-Menschen-Verein entwickelt mit eklatantem Nachwuchsproblem. Das hier wirkt komplett anders als alle Konzerte, die ich in letzter Zeit beobachtet habe - ich sage nur GUITAR WOLF und HARD-ONS, da waren sicher 1000 Jahre Lebenszeit in einem Raum. Im Skłot alles anders.
Irgendwann legt eine Band los, DEFORMACIA DZWIEKU sind das wohl. So typischer polnischer HardcorePunk, wie man ihn spätestens seit den 90ern aus den Autonomen Freiräumen dieses Kontinents kennt. oder kannte? Gibt's ja auch nicht mehr sooft. Eine Sängerin, die wütend Texte brüllt, dazu crusty, freshe Gitarren und Bassriffs über Punkbeats. Schön, die ausgewogene gender- und Altersmischung. Alle tanzen Pogo unter der niedrigen tropfenden Kellerdecke. Vor dem letzten Song brauche ich Frischluft, also zurück in den Hof. Gerate in ein politisches Gespräch mit einem Gewerkschaftler und einem Philospophen. Alles zu interessant, um es hier detailliert widerzugeben.
Dann noch mit den Brasilianern rumhängen. Ist ihre erste Europatour, sie feiern es total und ich gönne ihnen das so sehr. Wir quatschen lang und viel, ich verpasse die zweite Band, aber genau das gehört zu so einem Abend auch dazu: Sich Festquatschen und mindestens eine Band verpassen. Aus dem Keller brummt Gitarrenlärm und grob kann ich wieder einen simplen Punk-Beat erahnen, dazu manchmal Bassgeblubber. Ob das MASTURBACJA sind, ist recht egal, es klingt nach Allerwelts-DIY-AJZ-Punk. Man kennt's.
Kurz vorm Ende des CZARNOBYL ZDROJ-Gigs schleiche ich nochmal runter. Die Brasilianer tun mir mittlerweile etwas leid, weil sie so elendslang warten müssen, bis sie spielen. Ich wünsche mir, dass noch Publikum da ist und nicht nur die fünf alten Suffi-Punks, die jetzt so langsam aus den dunklen Ecken gekrochen kommen. CZARNOBYL ZDROJ doch recht interessant, recht monotoner Noise-Punk mit golem-artigen Bass-Riesen, der mit einem Ton auskommt. Fühle mich an EA80 oder ABWÄRTS als Stonerbands erinnert. Platte kaufe ich mir trotzdem nicht. Dann die SCUMBAGS, beim Soundcheck ist der Keller erschreckend leer.
Ein dicker Typ mit Glatze quatscht mich von rechts an und hält mir sein Telefon vor die Nase. Lullert mich damit zu, dass das da auf YT die Crustband ist, in der er singt. Ich schaffe es irgendwie interessiert die Wand anzugucken und er wankt in die Finsternis zurück. Dann ist es Zeit für Skate-Punk. Die ersten vier Songs der SCUMBAGS werden sauschnell durchgeprügelt, das klingt überzeugender als die Aufnahmen im Netz. Glücklicherweise kommen doch noch ein paar Zuschauer zusammen und sie spielen nicht für den leeren Raum. ich höre mir vom einzigen Barhocker aus noch ein paar Sachen an, merke dann aber doch, wie mich mein Bettchen im kargen Hotel ruft. Außerdem habe ich Durst und noch eine Mate will ich einfach nicht. Also raus aus dem Keller, weg vom Hof, raus aus der Zeitmaschine, eine Fanta besorgt und zurück zum Hotel zwischen den Nachtclubs, zurück zum Techno und den lauten Protzkarren tief unter mir.
Gary Flanell
Donnerstag, 3. Oktober 2024
Die Magie des Weges (eine Überschrift wie aus einem schäbigen Wartezimmerheftchen)
TRAIL MAGIC - Zine Nr. 3
Gedruckte Zines bekomme ich mittlerweile weniger oft als eigens beschriebene Postkarten aus dem Urlaub von Freunden. Letzteres hat nichts mit Vereinsamung zu tun, sondern der Tatsache, dass Urlaubsgrüße nunmehr fast zeitgleich über digitale Kommunikationskanäle verschickt werden. Oder als digitale Postkarte - was praktisch ist, aber nicht dasselbe wie was handgeschriebenes Unleserliches von Herzen.
So ähnlich ist es auch mit Fanzines - und da ist das Renfield voll im Zwiespalt, denn die gedruckte Ausgabe gibt es ja auch derzeit nicht mehr. Umso schöner also, wenn sich Menschen immer noch dransetzen und ein eigenes Heft rausbringen - und zwar so, wie es ursprünglich mal gedacht war: kleine Auflage, Collagenstil, s/w-kopiert und mit sehr persönlichen Texten.
Vor einer Zeit kam mir das neue Heft von Chriz in die Hände. Ich sollte ihm den Beinamen "den Unermüdlichen" verleihen, denn nach MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN und sackvielen weiteren Ego- bzw. Personal-Zines, hat er mir sein neuestes Heft zukommen lassen, was auch schon wieder eine Weile her ist (ist m September/Oktober 2023 rausgekommen, als ca. ein Jahr): TRAIL MAGIC heißt es und ist ein Zine geworden, dass sich genau einem Thema widmet, das Chriz sehr am Herzen liegt, somit ein echtes Fan-Zine ist: Dem Wandern. Oder Hiken. Oder Spazierengehen oder wie ihr es nennen wollt. Jedenfalls, sich zu Fuß durch die Landschaft, die Gegend, den Raum bewegen, vielleicht dabei ein Buch von Lefebvre in der Seitentasche vom Rucksack steckend.
Rein von der Zahl der Beiträge ist TRAIL MAGIC recht übersichtlich. Es gibt eine zum Thema Wandern in der alten Heimat (als links sozialisierter Punk in einer ostddeutschen Kleinstadt schon sehr beeindruckend), ein Interview mit Tobias "Puding" Burdukat, seines Zeichens Sozialarbeiter, Antifaschist und Hiker by heart, einen Konzert-Bericht vom 30. Geburtstag von Refuse Records, einen kurze Input zum Instagramaccunt von @extremspaziergaenger und einige sorgsame Zine-Reviews. Klingt zahlenmäßig nicht viel, ist aber inhaltlich sehr spannend geworden.
Das Interview mit Pudding nimmt den größten Teil des Hefts ein, es wird ihm viel Raum gegeben über sein Interesse, na besser, seiner Faszination am Wandern zu reden. Dazu, wo er schon überall rumgelaufen ist, (Orte, wo ich als etwas bohemer Strandläufer eigentlich nicht hinmöchte) und den politischen Aspekt seines Wanderns, auch in Hinblick auf die von ihm initiierte Crowdfunding-Kampange. Das hätte vielleicht an der ein oder anderen Stelle zart redigiert werden können, ist aber auch so spannend zu lesen und schließlich ist das hier ja Fanzine und nicht Spiegel oder sowas. Also darf so ein Interview sehr persönlich und teilweise auch sehr dialoghaft werden. Jedenfalls scheint Pudding eine sehr interessante Person zu sein, auf die wahrscheinlich auch "I've been everywhere" von Johnny Cash bestens passt.
Der erste Bericht übers Wandern in der (alten) Heimat, die man aus guten Gründen verlassen hat, ist vielleicht der spannendeste, weil er zu einen sehr biografisch ist, andererseits aber auch eine gute Ergänzung zu den Berichten über Zeiten aus dem Osten, die unter dem Stichwort Baseballschlägerjahre zusammengefasst werden. Eigentlich sollten viel mehr Leute aus dem Westen diese Texte lesen, um überhaupt mal eine Idee zu bekommen, was es heißen konnte, als Punk durch die Provinz zu laufen und von Nazis körperlich angegriffen zu werden. Aber fuck it, dem Westen, war es eh immer egal, was im Osten auf dem Land abging. Sich dann über hohe AfD-Wählerzahlen zu echauffieren, klingt dann nicht so geil.
Aber zurück zum Trail Magic-Zine: Ich habe mich sehr über dieses Heft gefreut, weil alle Texte sehr persönlich geschrieben sind, nicht das ewig gleiche Musik-Gedödel abfeiert wird und dazu ein Thema behandelt, dass es so in Zines nicht oft gibt. Von daher: Sehr sehr hübsch.
Kontakt zu Chriz gibts über Instagram: @xtrailmagicx
Gary Flanell
Gedruckte Zines bekomme ich mittlerweile weniger oft als eigens beschriebene Postkarten aus dem Urlaub von Freunden. Letzteres hat nichts mit Vereinsamung zu tun, sondern der Tatsache, dass Urlaubsgrüße nunmehr fast zeitgleich über digitale Kommunikationskanäle verschickt werden. Oder als digitale Postkarte - was praktisch ist, aber nicht dasselbe wie was handgeschriebenes Unleserliches von Herzen.
So ähnlich ist es auch mit Fanzines - und da ist das Renfield voll im Zwiespalt, denn die gedruckte Ausgabe gibt es ja auch derzeit nicht mehr. Umso schöner also, wenn sich Menschen immer noch dransetzen und ein eigenes Heft rausbringen - und zwar so, wie es ursprünglich mal gedacht war: kleine Auflage, Collagenstil, s/w-kopiert und mit sehr persönlichen Texten.
Vor einer Zeit kam mir das neue Heft von Chriz in die Hände. Ich sollte ihm den Beinamen "den Unermüdlichen" verleihen, denn nach MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN und sackvielen weiteren Ego- bzw. Personal-Zines, hat er mir sein neuestes Heft zukommen lassen, was auch schon wieder eine Weile her ist (ist m September/Oktober 2023 rausgekommen, als ca. ein Jahr): TRAIL MAGIC heißt es und ist ein Zine geworden, dass sich genau einem Thema widmet, das Chriz sehr am Herzen liegt, somit ein echtes Fan-Zine ist: Dem Wandern. Oder Hiken. Oder Spazierengehen oder wie ihr es nennen wollt. Jedenfalls, sich zu Fuß durch die Landschaft, die Gegend, den Raum bewegen, vielleicht dabei ein Buch von Lefebvre in der Seitentasche vom Rucksack steckend.
Rein von der Zahl der Beiträge ist TRAIL MAGIC recht übersichtlich. Es gibt eine zum Thema Wandern in der alten Heimat (als links sozialisierter Punk in einer ostddeutschen Kleinstadt schon sehr beeindruckend), ein Interview mit Tobias "Puding" Burdukat, seines Zeichens Sozialarbeiter, Antifaschist und Hiker by heart, einen Konzert-Bericht vom 30. Geburtstag von Refuse Records, einen kurze Input zum Instagramaccunt von @extremspaziergaenger und einige sorgsame Zine-Reviews. Klingt zahlenmäßig nicht viel, ist aber inhaltlich sehr spannend geworden.
Das Interview mit Pudding nimmt den größten Teil des Hefts ein, es wird ihm viel Raum gegeben über sein Interesse, na besser, seiner Faszination am Wandern zu reden. Dazu, wo er schon überall rumgelaufen ist, (Orte, wo ich als etwas bohemer Strandläufer eigentlich nicht hinmöchte) und den politischen Aspekt seines Wanderns, auch in Hinblick auf die von ihm initiierte Crowdfunding-Kampange. Das hätte vielleicht an der ein oder anderen Stelle zart redigiert werden können, ist aber auch so spannend zu lesen und schließlich ist das hier ja Fanzine und nicht Spiegel oder sowas. Also darf so ein Interview sehr persönlich und teilweise auch sehr dialoghaft werden. Jedenfalls scheint Pudding eine sehr interessante Person zu sein, auf die wahrscheinlich auch "I've been everywhere" von Johnny Cash bestens passt.
Der erste Bericht übers Wandern in der (alten) Heimat, die man aus guten Gründen verlassen hat, ist vielleicht der spannendeste, weil er zu einen sehr biografisch ist, andererseits aber auch eine gute Ergänzung zu den Berichten über Zeiten aus dem Osten, die unter dem Stichwort Baseballschlägerjahre zusammengefasst werden. Eigentlich sollten viel mehr Leute aus dem Westen diese Texte lesen, um überhaupt mal eine Idee zu bekommen, was es heißen konnte, als Punk durch die Provinz zu laufen und von Nazis körperlich angegriffen zu werden. Aber fuck it, dem Westen, war es eh immer egal, was im Osten auf dem Land abging. Sich dann über hohe AfD-Wählerzahlen zu echauffieren, klingt dann nicht so geil.
Aber zurück zum Trail Magic-Zine: Ich habe mich sehr über dieses Heft gefreut, weil alle Texte sehr persönlich geschrieben sind, nicht das ewig gleiche Musik-Gedödel abfeiert wird und dazu ein Thema behandelt, dass es so in Zines nicht oft gibt. Von daher: Sehr sehr hübsch.
Kontakt zu Chriz gibts über Instagram: @xtrailmagicx
Gary Flanell
Sonntag, 26. Dezember 2021
Anker (Zine Review)
Oh boy, lange kein echtes Zine mehr in der Hand gehabt. Wüsste auch gar nicht mehr, wo ich eins kriegen sollte. Zine-Treffen, -Frühstücke oder -Messen sind ja ähnlich wie Konzerte jetzt gerade nicht so möglich. Muss auch sagen, dass ich lange kein echtes Interesse an Zines hatte. Liegt eventuell an der eigenen Selbstausbeuterei fürs Renfield - konnte das alles irgendwann nicht mehr sehen.
Jetzt hat mir allerdings völlig überraschend Chriz, den ich schon seit einigen Jahren kenne und unsere gemeinsamen, wenn auch seltenen Spaziergänge auf Berliner Kiez-Friedhöfen sehr schätze, sein neuestes Heft zukommen lassen. Früher dachte ich immer: Zines brauchen so eine Regelmäßigkeit. Wenn du ein Heft machst, dann musst du immer stringent dabei bleiben, was Name, Struktur und Layout angeht. Merke aber mittlerweile: So eine dämliche Corporate-Identity-Strategie braucht es gar nicht. Und das ist ja das Schöne am Zine-machen. Chriz hat das ganz gut verinnerlicht. Das hier ist nämlich keine neue Ausgabe seiner früheren Zines (Z.B. Massenmörder züchten Blumen), sondern eins mit neuem Namen - ANKER.
Der ANKER ist Zine im besten Sinne: Cut & Paste (a.k.a. Schnipsellayout. Mag den Begriff gar nicht mehr so.), aber weniger so punkrock-schockmäßig, sondern recht aufgeräumt. Inhaltlich gibt es sehr persönliche und gute Texte, vieles davon kann ich sehr gut nachvollziehen, gerade die Texte, in denen es um Erschöpfung aufgrund von Arbeit und Coronabedingungen geht und wie man da raus kommen kann. Ich merke, dass Zine machen für Chriz eine sehr wichtige kreative Tätigkeit ist, um einen Ausgleich zu finden zu den täglichen Anforderungen der Lohnarbeitsstrukturen und allem, was dadurch an den Rand gedrängt wird.
Sehr cool finde ich im Anker den ausführlichen Urlaubsbericht aus Portugal inklusive des Interviews mit Nürni vom CASA DO BURRO, einem wohl selbstverwalteten Bauernhof/Raum/Platz am Monchique-Gebirge in Portugal. Scheint ein sehr schöner und guter Ort zu sein - sofort mal auf die Liste der zu besuchenden Orte setzen. Leider wurde die Casa 2020 von einem Brand heimgesucht, der Nürni und seiner Familie und Crew die komplette Lebensgrundlage entzogen hat. Nun ist es Ende 2021, ich habe keine Ahnung, wie es um das "Eselshaus" heute steht, aber wer helfen will und kann, kann sich gern unter casadoburro@web.de mit Nürni in Verbindung setzen.
Insgesamt hat mir das "ANKER"-Zine gezeigt, dass man sich das ganze Brimborium ums Zine-Machen, wie es bei vielen anderen Fan/Musik-Zies, auch beim Renfield lange Zeit üblich war - regelmäßige Erscheinungsweise, hohe Auflage, Print not Copy, Layout am Rechner, Fest zum Erscheinen, Werbeanzeigen diesdas - sparen kann, wenn das eigene Auskommen davon icht abhängt. Finde, dass diese reduzierte Produktionsweise wieder dazu führt, dass Zinemachen Spaß macht und nicht in belastende Arbeit, von der mensch eh schon genug an den Hacken hat, ausartet. Merke, dass ich so langsam doch mal wieder Bock hätte, ein Heft zu machen. Wer weiß, was kommt.
Anker-Zine: A5, s/w, 34 S., Kontakt: chriz@42zines.de
Gary Flanell
P.S.: Die Musikreferenz: Irgendwo im Anker erwähnt Chriz den Song "Arbeit ist Scheiße (keine aber auch)" von MÖNSTER. Kannte ich nicht, musste ich mir dann doch mal anhören. Gutes Ding, I like.
Dienstag, 25. August 2015
Nitro + Milk = Nitro&Milk!
„Dies ist ein freies Land. Erschieß, wen du willst, aber tu es ohne Hass im Herzen.“
Richard Widmark
Im Sommer 1995 drehte ich mit Freunden in der westfälischen Hitze einen Western. Der Titel war „Schlucky Luke – Der Mann der schneller trinkt als sein Schatten“. Es ging dabei – große Überraschung – viel um Alkohol.
Die Rollen waren schnell verteilt. Basti war der Indianer, aber auch nur, weil er zu der Zeit einen grünen Iro hatte. Andreas hatte einen alten Cowboyhut im Partykeller rumliegen, was ihn für die Hauptrolle des schweigsamen Trinkers empfahl. Dann war doch Wiebke. Wiebke hatte ein Pferd, auf dem der Cowboy Schlucky Luke durch die Gegend reiten durfte.
Durch-die-Gegend-Reiten und mit dem Indianer quatschen, der am Wegesrand saß, war so ziemlich der ganze Handlungssstrang unseres Drehbuchs. Die dramaturgisch größte Herausforderung bestand darin, Schluckys Pferd am richtigen Platz vor dem Indianer zum Stehen zu bringen.
Nach zwei Drehtagen, versandete das Projekt allerdings unter der heißen westfälischen Sonne. Um einen Western zu drehen, braucht man also viel Durchhaltevermögen. Wir hatten damals nicht so viel davon. Die drei Menschen hinter dem Western-Serien-Projekt Nitro&Milk dafür umso mehr. Denn seit mittlerweile acht Jahren und fünf Folgen arbeiten Elias und Veit aus dem Umfeld der Berliner KvU gemeinsam mit Kamerafrau Johanna an ihrem ganz eigenen Wild-West-Opus.
Los ging alles vor 8 Jahren. Ostern 207 fand der erste Spatenstich für die zu N&M gehörigen Kulissensiedlung statt. Die Idee, einen Western zu drehen, liegt noch etwas weiter zurück. Elias wohnt damals in Potsdam, Veit in Königs Wusterhausen. Elias hat eine Band in Greifswald und will Veit überreden, da einzusteigen. Also fahren beide hoch an die Küste. Als sie mit dem Zug durch weites Mecklenburger Land zuckeln, reift die Inspiration wie eine fette Traube am Weinstock der Kreativität.
Die Idee, einen Western zu drehen, beginnt mit einer Band. Elias wohnt damals in Potsdam, Veit in Königs Wusterhausen. Elias hat eine Band in Greifswald und will Veit überreden, da einzusteigen. Also fahren beide hoch an die Küste. Als sie mit dem Zug durch weites Mecklenburger Land zuckeln, reift die Inspiration wie eine fette Traube am Weinstock der Kreativität.
Elias: Meck-Pomm eben. Das fanden wir gut und sind dann auf den Trichter gekommen, dass wir beide eine Westernvergangenheit gehabt haben. Lucky Luke, Legowestern, Cowboys und Indianer, fanden wir alles geil. Dann haben wir gedacht, wir machen einen Cowboyfilm über unsere Band, die wir in den Film einbauen.
Die erwähnte Band hat sich irgendwann aufgelöst, der Western ist geblieben. In den Hauptrollen: Die Charakter Elias und Veit. Dazu werden diverse aktuelle Freundinnen als Darstellerinnen eingespannt. Ideen haben Veit und Elias von Anfang an so viele, dass es gleich ein Spielfilm sein muss. Recht schnell merkt das zweiköpfige Autorenkollektiv allerdings, dass es schlauer sein könnte, mehrere kurze Filme anstelle eines monsi-langen Streifens zu machen. Veit: Wir dachten, dass ein 20-Minuten-Film realistischer umzusetzen ist. Aber das ist noch schlimmer, weil wir ja in der kurzen Zeit noch mehr Input, noch mehr Leute und Geschehnisse packen müssen als in 90 Minuten.
Im Mittelpunkt der Nitro&Milk-Serie steht ‚Tines Lamblike Gang‘, zu der neben der namensgebenden Tine noch Elias und Veit gehören. In mittlerweile fünf abgedrehten Folgen, von denen drei schon auf der N&M-Homepage zum Download bereitstehen, kämpfen sich die drei durch allerlei Abenteuer. Da sollen Geisterstädte zu neuem Leben erweckt werden, bringt man nasenblutende Räuber zur Strecke und schändet versehentlich Indianerfriedhöfe.
Allen Stories gemein ist, dass die Protagonisten mehr oder weniger unverschuldet in einen Schlamassel hineinschlittern. Während aber allen anderen Figuren großes Unheil wiederfährt, kommen Veit, Elias und Tine mit ein bis zwei blauen Augen oder mit dem Leben davon. Auch wenn die DIY-Machart dem Zuschauer oft zum Schmunzeln bringt, geht es bei Nitro&Milk doch recht finster zu. Tod und Krankheit sind in allen Folgen präsent. Die Sympathien liegen natürlich immer bei den drei Hauptfiguren. Überraschend ist jedoch, dass das so gar nicht intendiert ist.
Elias: Ich erwarte vom Zuschauer, dass er zu dem Entschluss kommt, dass Tina, Veit und Elias blöde Arschlöcher sind. Bisschen doof und überhaupt nicht sensibel. Mensche, die kein Feingefühl für Leute haben, die eh schon gesellschaftlich auf die Fresse bekommen, wie die Indianer zum Beispiel. Wenn die drei ankommen und sagen: „Wir beleben diese Geisterstadt zu einer normalen Stadt. Oh, das ist ja Indianerterritorium und wir müssen uns gegen die Indianer verteidigen“, dann liegen ja die falsch, die so eine Nummer abziehen. Ich erwarte dann vom Zuschauer, dass er selber drauf kommt. Ist ja nett, das alle mit uns sympathisieren, aber dann liegt der Fehler beim Zuschauer, nicht bei uns.
Das fällt allerdings etwas schwer, denn da die Rollen von Veit und Elias am sorgfältigsten gezeichnet sind, identifiziert man sich natürlich schneller mit ihnen, als mit eindimensional wirkenden Indianerkomparsen, die zu Recht ihr Land zurückerobern wollen.
Schon kurz nach den ersten Screenings mussten sich Veit und Elias den Vorwurf gefallen lassen, in der Darstellung der Indianer alte Klischees auszuwalzen. Dass nordamerikanischen Ureinwohner in echt nun mal nicht wie in den alten Karl-May-Filmen aussehen, ist den beiden auch klar. Das Spiel mit den Westernklischees wird allerdings bewusst in Kauf genommen.
Elias: Das einzige blöde Klischee ist, dass wir es im ersten Teil gewagt haben, den Leuten Langhaarperücken aufzusetzen. Was man auch noch sieht. Western lebt ja von diesen Klischees, du willst auf der einen Seite mit diesen Klischees arbeiten, auf der anderen Seite nicht rassistisch sein.
Weniger Probleme gibt es bei der Rekrutierung von freiwilligen Darstellern: Wahrscheinlich ließe sich ein Who-is-Who der Friedrichshainer/Kreuzberger Punkszene erstellen, würde man eine Liste aller Freunde anlegen, die bisher für einen Einsatz vor die Kamera gesprungen sind. Wer genau hinschautBands wie MINUS APES, PUFF oder die FROGRAMMERS als beinharte Cowboygangs erkennen.
Der Einsatz von Freunden und Verwandten führt zu teilweise skurrilen Szenen. Elias Eltern wurden beispielsweise derart besetzt, dass sie in der dritten Folge von ihrem eigenen Sohn um die Ecke gebracht werden. Wenn befreundete Bands und Musiker als Kleindarsteller Schlange stehen, liegt es auch nahe, dieselben Musiker für den passenden Soundtrack einspannen.
Wenn allerdings viele der Darsteller aus der Punkszene kommen und mit szenetypischen Outfits ausgestattet sind, die aber zu Wildwest-Zeiten undenkbar waren, ergeben sich in Hinblick auf die Detailtreue neue Probleme.
Elias: Wir haben einen leichten Authentizitätswahn entwickelt und arbeiten mit Klamotten aus der Zeit der Jahrhundertwende. Dann ist es natürlich nicht so schön, wenn die Leute grüne Haare oder Iros haben oder arg tätowiert im Gesicht sind. Das macht die Sache manchmal etwas schwierig. Auch bei Frauen, die kurze Haare haben. Die müssen dann halt Perücken tragen. Es gab ja zu jeder Zeit Menschen, die nicht konventionell gelebt haben. Aber wenn du dich in unserer Punkerclique umschaust, dann würden es nur noch solche Charaktere sein.
Nitro&Milk ist eine Low-bis No-Budget-Produktion im besten Sinne. Kostüme? Schneidert Elias selber. Technik-Ausstattung? Besorgt Veit über ebay. Drehbuch? Wird selber geschrieben, ist aber oft nur eine grobe Richtlinie für die am Dreh beteiligten Laiendarsteller. Kulissen? Werden seit 2007 in der Weite von Meck-Pomm selber auf der familieneigenen Pferdekoppel in einem Dorf mit dem wunderschöne Namen Trittelwitz gebaut. Kameratechnik? Hat sich Johanna im Laufe der Zeit bei den Drehs selber draufgeschafft. Filmförderung? Das höchste der Gefühle war eine geschenkte VHS-Kamera. Weil die Digitalisierung des Filmmaterials aber zu aufwändig war, verkaufte Veit das Schätzchen und investierte den Erlös in modernere Ausstattung, auch um vom dauernden Ausleihen irgendwelcher Stative und Requisiten unabhängig zu sein.
Weil spätestens seit Klaus Kinski und Werner Herzog zu jeder guten Filmproduktion der gepflegte Argumentation um die kreative Umsetzung gehört, gibt es auch bei Nitro&Milk gern mal Diskussionen am Drehort. Auch, weil das Drehbuch eher Richtlinie als strikt auswendig zu lernende Vorgabe ist.
Johanna: Wir haben zwar ein Drehbuch, aber da ist kein Storyboard drin, das passiert direkt in der Szene in dem Moment. Man probiert viel aus und hat kein klares Konzept. Das ist dann bei brütender Hitze ganz schön anstrengend.
Dreharbeiten bei Nitro&Milk sind, bei allem Eindruck von Laissez-Faire und gewolltem Dilettantismus, nicht immer einfach. Weil meist im Sommer gedreht wird, können die Temperaturen für alle Beteiligten zu einem sehr zermürbenden Faktor werden. Unvergessen ist jener Drehtag im Sommer 2014, als sich die Crew, nach einem längeren Umtrunk am Vorband, recht verkatert und in schweren Cowboy-Monturen aus Leder unter praller Sonne in Trittelwitz durch verschiedene Einstellungen schleppte. Da waren nicht nur die Darsteller vor der Kamera ziemlich am Ende.
Johanna: Wenn du in dem Moment auf rohem Holz mit nackten Füssen mit der Kamera an so einem komischen Vehikel, entlangrutschen musst, ist das sehr anstrengend. Es ist total heiß, du reißt dir die Füße auf, weil du ohne Schuhe laufen musst, weil im Sand keine Turnschuhabdrücke sein dürfen, aber danach findest du das natürlich toll, dass es das gibt.
Nitro&Milk nur als Hobby abzutun, wäre zu wenig. Denn es ist schon mehr als das Feierabend-Video von zwei Kumpels, die ein paar lahme Cowboy-Witze verfilmen. Sonst hätten Johanna, Veit und Elias das Projekt nicht so lange am Laufen gehalten. Man nimmt sich ernst, als Filmemacher, Requisiteur, Drehbuch-Schreiber, Dramaturg, Kamerafrau und Schauspieler. Aber eben nicht so ernst, dass es peinlich wirken würde.
Der Ernst schlägt sich eher darin nieder, nie in einen Klamauk à la „Schuh des Manitou“ zu verfallen. Die bisherigen Nitro&Milk-Folgen wirken wie eine Mischung aus alten Spaghettiwestern und Winnetou/Old-Shatterhand-Versatzstücken und zu einem guten Teil findet sich auch die Stimmung, die man in Helge Schneiders Western findet.
Wobei Veit und Elias einhellig den 70er-Jahre-Western „Bad Company“ mit Jeff Bridges einen Western für den besten aller Zeiten halten.
Fünf Folgen der DIY-Western-im-Osten-Serie sind schon abgedreht oder werden derzeit geschnitten. Die sechste ist in Planung. Alle fertigen Folgen sind auf der Nitro&Milk-Homepage um Download verfügbar. Wenn es so weitergeht, ist noch mit einigen N&M-Episoden zu rechnen. Denn wie der berühmteste aller Cowboys schon früh sagte: The Drehbuch of future is unwritten.
Alle fertigen Episoden von Nitro&Milk kann man auf der N&M-Homepage kostenlos herunterladen.
Gary Flanell
Richard Widmark
Im Sommer 1995 drehte ich mit Freunden in der westfälischen Hitze einen Western. Der Titel war „Schlucky Luke – Der Mann der schneller trinkt als sein Schatten“. Es ging dabei – große Überraschung – viel um Alkohol.
Die Rollen waren schnell verteilt. Basti war der Indianer, aber auch nur, weil er zu der Zeit einen grünen Iro hatte. Andreas hatte einen alten Cowboyhut im Partykeller rumliegen, was ihn für die Hauptrolle des schweigsamen Trinkers empfahl. Dann war doch Wiebke. Wiebke hatte ein Pferd, auf dem der Cowboy Schlucky Luke durch die Gegend reiten durfte.
Durch-die-Gegend-Reiten und mit dem Indianer quatschen, der am Wegesrand saß, war so ziemlich der ganze Handlungssstrang unseres Drehbuchs. Die dramaturgisch größte Herausforderung bestand darin, Schluckys Pferd am richtigen Platz vor dem Indianer zum Stehen zu bringen.
Nach zwei Drehtagen, versandete das Projekt allerdings unter der heißen westfälischen Sonne. Um einen Western zu drehen, braucht man also viel Durchhaltevermögen. Wir hatten damals nicht so viel davon. Die drei Menschen hinter dem Western-Serien-Projekt Nitro&Milk dafür umso mehr. Denn seit mittlerweile acht Jahren und fünf Folgen arbeiten Elias und Veit aus dem Umfeld der Berliner KvU gemeinsam mit Kamerafrau Johanna an ihrem ganz eigenen Wild-West-Opus.
Los ging alles vor 8 Jahren. Ostern 207 fand der erste Spatenstich für die zu N&M gehörigen Kulissensiedlung statt. Die Idee, einen Western zu drehen, liegt noch etwas weiter zurück. Elias wohnt damals in Potsdam, Veit in Königs Wusterhausen. Elias hat eine Band in Greifswald und will Veit überreden, da einzusteigen. Also fahren beide hoch an die Küste. Als sie mit dem Zug durch weites Mecklenburger Land zuckeln, reift die Inspiration wie eine fette Traube am Weinstock der Kreativität.
Die Idee, einen Western zu drehen, beginnt mit einer Band. Elias wohnt damals in Potsdam, Veit in Königs Wusterhausen. Elias hat eine Band in Greifswald und will Veit überreden, da einzusteigen. Also fahren beide hoch an die Küste. Als sie mit dem Zug durch weites Mecklenburger Land zuckeln, reift die Inspiration wie eine fette Traube am Weinstock der Kreativität.
Elias: Meck-Pomm eben. Das fanden wir gut und sind dann auf den Trichter gekommen, dass wir beide eine Westernvergangenheit gehabt haben. Lucky Luke, Legowestern, Cowboys und Indianer, fanden wir alles geil. Dann haben wir gedacht, wir machen einen Cowboyfilm über unsere Band, die wir in den Film einbauen.
Die erwähnte Band hat sich irgendwann aufgelöst, der Western ist geblieben. In den Hauptrollen: Die Charakter Elias und Veit. Dazu werden diverse aktuelle Freundinnen als Darstellerinnen eingespannt. Ideen haben Veit und Elias von Anfang an so viele, dass es gleich ein Spielfilm sein muss. Recht schnell merkt das zweiköpfige Autorenkollektiv allerdings, dass es schlauer sein könnte, mehrere kurze Filme anstelle eines monsi-langen Streifens zu machen. Veit: Wir dachten, dass ein 20-Minuten-Film realistischer umzusetzen ist. Aber das ist noch schlimmer, weil wir ja in der kurzen Zeit noch mehr Input, noch mehr Leute und Geschehnisse packen müssen als in 90 Minuten.
Im Mittelpunkt der Nitro&Milk-Serie steht ‚Tines Lamblike Gang‘, zu der neben der namensgebenden Tine noch Elias und Veit gehören. In mittlerweile fünf abgedrehten Folgen, von denen drei schon auf der N&M-Homepage zum Download bereitstehen, kämpfen sich die drei durch allerlei Abenteuer. Da sollen Geisterstädte zu neuem Leben erweckt werden, bringt man nasenblutende Räuber zur Strecke und schändet versehentlich Indianerfriedhöfe.
Allen Stories gemein ist, dass die Protagonisten mehr oder weniger unverschuldet in einen Schlamassel hineinschlittern. Während aber allen anderen Figuren großes Unheil wiederfährt, kommen Veit, Elias und Tine mit ein bis zwei blauen Augen oder mit dem Leben davon. Auch wenn die DIY-Machart dem Zuschauer oft zum Schmunzeln bringt, geht es bei Nitro&Milk doch recht finster zu. Tod und Krankheit sind in allen Folgen präsent. Die Sympathien liegen natürlich immer bei den drei Hauptfiguren. Überraschend ist jedoch, dass das so gar nicht intendiert ist.
Elias: Ich erwarte vom Zuschauer, dass er zu dem Entschluss kommt, dass Tina, Veit und Elias blöde Arschlöcher sind. Bisschen doof und überhaupt nicht sensibel. Mensche, die kein Feingefühl für Leute haben, die eh schon gesellschaftlich auf die Fresse bekommen, wie die Indianer zum Beispiel. Wenn die drei ankommen und sagen: „Wir beleben diese Geisterstadt zu einer normalen Stadt. Oh, das ist ja Indianerterritorium und wir müssen uns gegen die Indianer verteidigen“, dann liegen ja die falsch, die so eine Nummer abziehen. Ich erwarte dann vom Zuschauer, dass er selber drauf kommt. Ist ja nett, das alle mit uns sympathisieren, aber dann liegt der Fehler beim Zuschauer, nicht bei uns.
Das fällt allerdings etwas schwer, denn da die Rollen von Veit und Elias am sorgfältigsten gezeichnet sind, identifiziert man sich natürlich schneller mit ihnen, als mit eindimensional wirkenden Indianerkomparsen, die zu Recht ihr Land zurückerobern wollen.
Schon kurz nach den ersten Screenings mussten sich Veit und Elias den Vorwurf gefallen lassen, in der Darstellung der Indianer alte Klischees auszuwalzen. Dass nordamerikanischen Ureinwohner in echt nun mal nicht wie in den alten Karl-May-Filmen aussehen, ist den beiden auch klar. Das Spiel mit den Westernklischees wird allerdings bewusst in Kauf genommen.
Elias: Das einzige blöde Klischee ist, dass wir es im ersten Teil gewagt haben, den Leuten Langhaarperücken aufzusetzen. Was man auch noch sieht. Western lebt ja von diesen Klischees, du willst auf der einen Seite mit diesen Klischees arbeiten, auf der anderen Seite nicht rassistisch sein.
Weniger Probleme gibt es bei der Rekrutierung von freiwilligen Darstellern: Wahrscheinlich ließe sich ein Who-is-Who der Friedrichshainer/Kreuzberger Punkszene erstellen, würde man eine Liste aller Freunde anlegen, die bisher für einen Einsatz vor die Kamera gesprungen sind. Wer genau hinschautBands wie MINUS APES, PUFF oder die FROGRAMMERS als beinharte Cowboygangs erkennen.
Der Einsatz von Freunden und Verwandten führt zu teilweise skurrilen Szenen. Elias Eltern wurden beispielsweise derart besetzt, dass sie in der dritten Folge von ihrem eigenen Sohn um die Ecke gebracht werden. Wenn befreundete Bands und Musiker als Kleindarsteller Schlange stehen, liegt es auch nahe, dieselben Musiker für den passenden Soundtrack einspannen.
Wenn allerdings viele der Darsteller aus der Punkszene kommen und mit szenetypischen Outfits ausgestattet sind, die aber zu Wildwest-Zeiten undenkbar waren, ergeben sich in Hinblick auf die Detailtreue neue Probleme.
Elias: Wir haben einen leichten Authentizitätswahn entwickelt und arbeiten mit Klamotten aus der Zeit der Jahrhundertwende. Dann ist es natürlich nicht so schön, wenn die Leute grüne Haare oder Iros haben oder arg tätowiert im Gesicht sind. Das macht die Sache manchmal etwas schwierig. Auch bei Frauen, die kurze Haare haben. Die müssen dann halt Perücken tragen. Es gab ja zu jeder Zeit Menschen, die nicht konventionell gelebt haben. Aber wenn du dich in unserer Punkerclique umschaust, dann würden es nur noch solche Charaktere sein.
Nitro&Milk ist eine Low-bis No-Budget-Produktion im besten Sinne. Kostüme? Schneidert Elias selber. Technik-Ausstattung? Besorgt Veit über ebay. Drehbuch? Wird selber geschrieben, ist aber oft nur eine grobe Richtlinie für die am Dreh beteiligten Laiendarsteller. Kulissen? Werden seit 2007 in der Weite von Meck-Pomm selber auf der familieneigenen Pferdekoppel in einem Dorf mit dem wunderschöne Namen Trittelwitz gebaut. Kameratechnik? Hat sich Johanna im Laufe der Zeit bei den Drehs selber draufgeschafft. Filmförderung? Das höchste der Gefühle war eine geschenkte VHS-Kamera. Weil die Digitalisierung des Filmmaterials aber zu aufwändig war, verkaufte Veit das Schätzchen und investierte den Erlös in modernere Ausstattung, auch um vom dauernden Ausleihen irgendwelcher Stative und Requisiten unabhängig zu sein.
Weil spätestens seit Klaus Kinski und Werner Herzog zu jeder guten Filmproduktion der gepflegte Argumentation um die kreative Umsetzung gehört, gibt es auch bei Nitro&Milk gern mal Diskussionen am Drehort. Auch, weil das Drehbuch eher Richtlinie als strikt auswendig zu lernende Vorgabe ist.
Johanna: Wir haben zwar ein Drehbuch, aber da ist kein Storyboard drin, das passiert direkt in der Szene in dem Moment. Man probiert viel aus und hat kein klares Konzept. Das ist dann bei brütender Hitze ganz schön anstrengend.
Dreharbeiten bei Nitro&Milk sind, bei allem Eindruck von Laissez-Faire und gewolltem Dilettantismus, nicht immer einfach. Weil meist im Sommer gedreht wird, können die Temperaturen für alle Beteiligten zu einem sehr zermürbenden Faktor werden. Unvergessen ist jener Drehtag im Sommer 2014, als sich die Crew, nach einem längeren Umtrunk am Vorband, recht verkatert und in schweren Cowboy-Monturen aus Leder unter praller Sonne in Trittelwitz durch verschiedene Einstellungen schleppte. Da waren nicht nur die Darsteller vor der Kamera ziemlich am Ende.
Johanna: Wenn du in dem Moment auf rohem Holz mit nackten Füssen mit der Kamera an so einem komischen Vehikel, entlangrutschen musst, ist das sehr anstrengend. Es ist total heiß, du reißt dir die Füße auf, weil du ohne Schuhe laufen musst, weil im Sand keine Turnschuhabdrücke sein dürfen, aber danach findest du das natürlich toll, dass es das gibt.
Nitro&Milk nur als Hobby abzutun, wäre zu wenig. Denn es ist schon mehr als das Feierabend-Video von zwei Kumpels, die ein paar lahme Cowboy-Witze verfilmen. Sonst hätten Johanna, Veit und Elias das Projekt nicht so lange am Laufen gehalten. Man nimmt sich ernst, als Filmemacher, Requisiteur, Drehbuch-Schreiber, Dramaturg, Kamerafrau und Schauspieler. Aber eben nicht so ernst, dass es peinlich wirken würde.
Der Ernst schlägt sich eher darin nieder, nie in einen Klamauk à la „Schuh des Manitou“ zu verfallen. Die bisherigen Nitro&Milk-Folgen wirken wie eine Mischung aus alten Spaghettiwestern und Winnetou/Old-Shatterhand-Versatzstücken und zu einem guten Teil findet sich auch die Stimmung, die man in Helge Schneiders Western findet.
Wobei Veit und Elias einhellig den 70er-Jahre-Western „Bad Company“ mit Jeff Bridges einen Western für den besten aller Zeiten halten.
Fünf Folgen der DIY-Western-im-Osten-Serie sind schon abgedreht oder werden derzeit geschnitten. Die sechste ist in Planung. Alle fertigen Folgen sind auf der Nitro&Milk-Homepage um Download verfügbar. Wenn es so weitergeht, ist noch mit einigen N&M-Episoden zu rechnen. Denn wie der berühmteste aller Cowboys schon früh sagte: The Drehbuch of future is unwritten.
Alle fertigen Episoden von Nitro&Milk kann man auf der N&M-Homepage kostenlos herunterladen.
Gary Flanell
Dienstag, 21. Juli 2015
Draw. Ride. Live. (Up the Punk-Bikes!)
Es gibt viele Arten, sich mit seiner eigenen Biografie auseinanderzusetzen. Die einen erzählen dem Kollegen am Tresen, was sie Verrücktes im Laufe der Jahre getrieben haben. Irgendwelche Umlaut-Promis engagieren im zarten Alter von 25 Jahren einen Ghostwriter, um einen Blick auf ihre lange Karriere als Irgendwas zu werfen. Andere wiederum hangeln sich anhand eines ganz eigenen und fiktiven Mixtapes durch das Dasein. Irgendetwas gibt es also immer, was man zur Hand nimmt, um sich an das, was man erlebt hat, zu erinnern. Die wenigsten würden allerdings auf die Idee kommen, die Fahrräder, mit denen sie von der Kindheit bis in die Gegenwart, für eine Retrospektive zu Hilfe zu ziehen. Dass man den beschreibenden Blick auf das bisherige Leben also doch sehr einfallsreich gestalten kann, wenn man als Künstler mit Fokus auf den Punk/HC-Bereich seinen ganz eigenen Stil gefunden hat, zeigt der Spanier Rafa El DOC – auf dessen BICIOGRAFIA ich zum ersten Mal beim Zinefest 2013 in Berlin gestoßen bin.
Gary: Fahrräder, Zeichnen, Musik: Welche dieser drei Hauptinteressen in deinem Leben ist dir am wichtigsten?
DOC: Na ja, genau diese drei Dinge sind für mich die Basis für alles andere. Sie hängen eng zusammen und haben dieselbe elektrische Energie, dasselbe Gefühl. Findest du nicht, dass es genau dasselbe ist, ob man mit dem Fahrrad tausend Stundenkilometer schnell den Hügel runterrast und den Wind ins Gesicht kriegt, oder ob man superlaute Musik mit dem Verstärker hört, oder ob man seine ganze Wut in eine Zeichnung spuckt, in der man Leute köpft, die man hasst? Dazu kommt: wenn dich eins davon im Stich lässt, gibt es immer noch die anderen. Ich zeichne fast immer, für irgendwelche Bands oder Konzerte, und ich gehe von meinem Fahrrad eigentlich nur runter, wenn ich schlafen muss oder... zeichnen! Mein neuestes Projekt ist eine fahrbare Fanzinothek. Mit meinem neuen Fahrradanhänger.
G.: Mir scheint, wenn jemand eine Biographie schreibt, hat sie oder er oft gerade eine bestimmte Phase abgeschlossen und blickt darauf zurück. Findest du, das stimmt, und passt es zu deiner Biciografica?
DOC: Vielleicht. Als ich die Biciografica gemacht habe, hatte ich gerade einen wirklich wichtigen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen. Das ist wahr. Als ich diese Zeit zu Ende brachte, fühlte ich mich leer und zerstört. Ich wollte mich an die guten Dinge erinnern, um mit der Situation klar zu kommen. Und dann dachte ich an Fahrräder. Ich meine, durch Fahrräder habe ich mich an die letzten 30 Jahre in Spanien erinnert und an die neuen Sachen, die aufgetaucht sind, weil es einige politische Veränderungen gab. Heavy Metal, Punk, Skateboards...
G.: Wie bist du auf die Idee gekommen, die Phasen deines Lebens mit den Fahrrädern zu verbinden, die du hattest?
DOC: Ich dachte, es könnte funktionieren. Es ist eine Art Ethnographie des Selbst, eine persönliche Untersuchung der Erfahrungen eines fast 40jährigen Mannes. Ich kannte einige selbstethnographische Arbeiten, die über Tattoos oder Narben handeln, aber davon habe ich nicht viele. Und dann dachte ich, Fahrräder könnten ein großartiges Thema sein, weil es so viele gibt, die für soziale, politische und ökonomische Phasen stehen.
G.: Wenn man sich die Biciografica anguckt, hast du wohl ziemlich viele Orte auf der Welt gesehen: London, Schweden, Dänemark, Berlin, Lima und Barcelona sind genannt. Wie kamst du an diese verschiedenen Orte? Würdest du sagen, dass du zu den Typen gehörst, die immer auf der Straße sein wollen? Gibt es denn einen festen Platz, den du Zuhause nennst? Und was ist wichtig für dich an einem Platz, den du Zuhause nennen würdest?
DOC: Es gibt in der Biciografica so viele verschiedene Orte, weil ich die wichtigen Momente in meinem Leben zeigen wollte, und Reisen ist etwas Unvergessliches. Ich habe meine Heimatstadt vor Ewigkeiten verlassen. Ich habe tausend Orte mit mehr Neugier als Geld zu sehen bekommen. Ich bin nicht immer auf der Straße, ich war auch manchmal im Dschungel, buchstäblich, hehe. Ich meine, ich hatte verschiedene Phasen der Unbeständigkeit, zum Beispiel in meiner Wahlheimat Barcelona, wo ich hundert verschiedene Sachen gemacht habe und es jahrelang als meine Stadt gesehen habe. Jetzt hat dieses Gefühl sich verändert. Mein Zuhause ist jetzt da, wo meine lebendigen Freunde wohnen, ich meine die, die mit mir etwas machen wollen. Barcelona ist durch, es wird immer langweiliger. Es ist eigentlich eine riesige Open-Air-Shoppingmall voller Touristen. Mit Barcelona ist es vorbei.
G.: Was ist eigentlich der Fahrrad-Krieg in Dänemark, von dem du in der Biciografica erzählst? Das erinnert mich ein bisschen an mittelalterliche Ritterspiele...
DOC: Ja. Es ist tatsächlich so etwas in der Art. Es ist eine apokalyptische Trance. Leute bauen tagelang etwas auf, das sie dann in ein paar Minuten wieder einreißen. Es war eine erstaunliche Erfahrung. Es ist ein Trip, der dich direkt ins Krankenhaus führen kann, aber es ist auch total faszinierend, wie aus einem Müllhaufen ein Monster der Kreativität wird, geritten von Leuten, die sich in edle Krieger verwandeln und einfach am Spiel teilnehmen wollen, ohne jemanden zu verletzen. Es gibt dort Leute von überall her, die genau so sind wie du. Es bildet sich eine kleine „Familie“, voller Möglichkeiten. Du guckst dir das an und merkst, die Leute um dich rum treffen sich, um zu kämpfen, zu schreien, zu spielen, sie sind sich selbst genug, von allen Regierungen unabhängig. Es ist ein elektrisches Gefühl, es vermischt Fett und Schweiß.
G.: Was sind für dich die größten Vorteile des Fahrrads, gegenüber Autofahren, Motorrädern und den Öffentlichen?
DOC: In Barcelona hat das Auto den Kampf schon längst verloren. Es gibt keine Parkplätze, die Straßen sind zu eng und die Polizei zieht dauernd Strafgelder ein. Es wird richtig teuer. Öffentlicher Verkehr ist auch ganz schön teuer. Er ist überfüllt, und du wirst wie Scheiße behandelt. Aber Fahrradfahren ist eine Erfahrung voller Möglichkeiten. Du kannst anhalten, wie und wo du willst, das kannst du mit den Öffentlichen nicht. Fahrradfahren ist für mich eine rebellische Geste, in diesem langweiligen und sesshaften Leben, in dem wir für alles zahlen müssen. Du kriegst ein bisschen Sport in dein Leben und gleichzeitig den Transport.
G.: Ich habe die Biciografica beim Zinefest in Berlin entdeckt. Ich war überrascht, dass es nur noch ein paar Musik-Zines gab, wie ich sie aus der Punkumgebung kenne, aber richtig viele Comics, persönliche Zines und Sketchbooks. Was waren deine Eindrücke von diesem Treffen der Fanzine-Künstler?
DOC: Ich glaube, das passiert gerade überall. Es gibt ein paar Gründe dafür: erstens, die Zugänge zu den neuen Medien. Jeder hat einen Computer und eine Kamera, was allen ermöglicht, bestimmte Sachen zu machen. Zweitens sind Bilder zurzeit ganz besonders wichtig. Wenn du deine Familie durch Skype siehst, das bedeutet auch irgendwie, dass die Entfernung verschwindet. „Sehen heißt haben“.
Vor Jahren haben die Leute in gute Bücher und gute Musik investiert, jetzt investieren sie in eine gute Internet-Verbindung, um an diese Inhalte ranzukommen.
Es hat auch was mit Nostalgie zu tun. Tinte, Papier, Oberflächen muss man anfassen und riechen. In Spanien gibt’s noch einen eindeutigen Grund: die Arbeitslosigkeit. Die normalen Arbeitszeiten, die jeder kennt, sind praktisch verschwunden. Freie Zeit und der Wunsch, mal rauszukommen, bringt die Leute dazu, sich mit Sachen zu beschäftigen, die vielleicht auch den Weg einer neuen Arbeitsweise zeigen, flexibler, von zu Hause aus, wo du das Spiel mit deiner Kreativität bestimmst.
Außerdem verändern sich die Konsumenten und werden älter. Dadurch werden die Fanzines auch besser. Und sie können sich vielleicht keine Häuser und Autos leisten, aber sie können sich ein paar gute Fanzines leisten.
G.: Ich habe die dritte Auflage der Biciografica, also war sie wohl ziemlich erfolgreich. Hast du das erwartet, als du angefangen hast? Gibt es große Unterschiede zwischen den Ausgaben?
DOC: Kommt drauf an, was du mit Erfolg meinst. Drei Ausgaben, die jeweils aus 80 Exemplaren bestehen, das sind 240 Hefte in zwei Jahren. Wenn du auf ein Konzert gehst und Bier verkaufst, kannst du 240 Biere oder sogar mehr in einer Stunde verkaufen... Erfolg? Ganz ehrlich, Fanzine machen hat mir Freude und viele gute Sachen gebracht. Manche Leute würden meinen Job echt lieben.
Die dritte Ausgabe der Biciografica ist größer, diese letzte hatte ich gar nicht geplant. Ich habe die Covers für die zweite Ausgabe bestellt, und als ich sie bekam, waren sie im A3-Format gedruckt und kosteten dreimal so viel wie normal. Ich sagte, ich wollte sie nicht haben. Also machten sie die, die ich eigentlich bestellt hatte, und als ich gerade 200 Euro bezahlen wollte, haben die Mädchen sich entschieden, mir die falschen zu schenken, die nachher dann die richtigen wurden!
Sie lagen so ein Jahr lang bei mir rum, während ich die zweite Ausgabe verkaufte. Dann fand ich eines Tages einen anarchistischen Copyshop, ich fragte nach den Preisen, und sie waren richtig billig. Also beschloss ich, die dritte Ausgabe im A3-Format zu drucken. Es war erstaunlich. Vielleicht hätte ich an den Zeichnungen noch arbeiten sollen, aber ich beschloss, alles so zu lassen, wie es von Anfang an war.
G.: Du benutzt verschiedene Methoden für deine Kunst: Siebdruck, Zeichnen, Masken – was ist deine bevorzugte Methode, und warum gefällt sie dir am besten? Was sind die wichtigsten Unterschiede, ob man ein Shirt entwirft oder das Cover für eine Platte? Wie entscheidend ist der Aspekt der Reproduzierbarkeit?
DOC: Am liebsten setze ich mich erstmal hin und zeichne eine Weile mit dem Bleistift, dann mit Tinte. Das mache ich meistens so, weil man dafür wenig braucht. Siebdruck ist cooler. Ich habe dafür ein paar Arbeitsgeräte zu Hause. Zwischen Klamotten und Plattencovern mache ich eigentlich keinen Unterschied, ich benutze manchmal dasselbe Motiv für beides. Das Wichtigste ist, dass das Motiv Kraft hat, FUERZA. Zum Beispiel mache ich nicht gerne schwierige Sachen für Kassetten-Cover, einfach weil sie so klein sind.
Ich mag ikonische Bilder, die dir ins Gesicht springen. Die letzte Frage ist eine, die mich in letzter Zeit beschäftigt. Ich konzentriere mich auf synthetischen Formen, damit das Drucken gut klappt. Ich habe gerade einige Illustrationen für ein Buch gemacht, und dabei habe ich große, klare Linien benutzt. Ich vertraue der Technik, aber ich traue nicht den unsicheren Geräten.
G.: Wenn man sich deine Arbeit so anschaut, findet man viele satanische Symbole, finsteres grausiges Zeug: Wahnsinn, Teufel, Totenschädel. Viel davon würde erstklassig zu einer Slayer-Platte passen. Kommt das einfach aus so typischen Rock/Metal/Punk-Motiven, oder gibt es bei dir ein tieferes Interesse an okkulten Themen und Theorien?
DOC: Ganz ehrlich? Das ist mir total egal. Satanismus ist eine Vereinfachung, im Guten wie im Schlechten. Manchmal ist das etwas Lustiges, weil du damit konservative Leute erschrecken und beunruhigen kannst.
Ich denke tatsächlich, wenn du gegen Religionen bist, gegen katholische Heuchelei, hegemoniale Denkweisen, szientistische Medizin oder wenn du dem wissenschaftlichen Fortschritt auch nur mit ein bisschen Skepsis gegenüber stehst, dann bist du gleich der Feind, ein Zauberer oder Satanist. Wie bei den historischen Hexenjagden. Das war eindeutig der Versuch, uraltes Wissen von Heilkräften und Pflanzen zu vernichten.
Wenn ich ein umgedrehtes Kreuz male, ist das also eine Warnung. Aber... was könnte satanischer sein als Monsanto, Shell, der Vatikan und Merkel? Wir leben doch längst in der Hölle auf Erden!
G.: In der Punkszene kommt es ja oft vor, dass jemand ein Bild oder eine künstlerische Arbeit benutzt, ohne dafür zu zahlen oder auch nur zu fragen. Ist dir das schon passiert? Und wie bist du damit umgegangen?
DOC: Mir ist das nie passiert. Ich poste immer, was ich fertig gemacht habe, und ich schicke es an eine Person oder eine Band, und wenn es dann jemand benutzt, ist das OK, denn diese Arbeit hat ihren Zweck erfüllt.
Wenn jemand meine Arbeiten für anarchistische Zwecke benutzen will, bitte, kein Problem. Wenn es für eine Marke oder so wäre, dafür habe ich Creative Commons, das funktioniert aber nicht so richtig...
Ich mag es, bei den Sachen, die ich mache, frei zu sein. Ich besitze nichts, und wenn jemand von meinem Zeug inspiriert wird, wenn es jemand hilft, zu malen oder sich auszudrücken, dürfen sie es ganz frei benutzen. F*ck die, die meinen, sie wären originell!
G.: Welche Art von Bands lassen bei dir die Cover für ihre Platten machen? Wie würdest du den Vorgang beschreiben, mit dem du die Covers entwirfst? Sind die Vorschläge der Band wichtig? Und wie bist du in Kontakt mit den Leuten vom MAXIMUM ROCKnROLL-Zine gekommen?
DOC: Bei Punkbands, also DIY-Bands, ist der Vorgang ganz einfach. Sie bestellen das Format, 12”, 7”, Tape oder CD. Sie schicken mir Text und Musik. Ich hör mir das ein paarmal an, und dann lasse ich es ein bisschen in meinem Kopf herumschwimmen...
Ein paar Tage später setz ich mich hin und füge ein paar Ideen zusammen. Manchmal geht’s schnell. Das hängt von der Band ab und wie sie mir gefällt. Ich versuche erst mal von Hand zu zeichnen und benutze den Computer erst, wenn ich merke, dass das nicht mehr genau das wird, was ich will. Schließlich schick ich es der Band und warte, ob es ihnen gefällt. Sonst ändere ich etwas.
Mit den Leuten von MRR lässt es sich super arbeiten. Sie sind total offen und sie brauchen immer Illustrationen. Es war wohl so, dass ein gemeinsamer Freund ihnen meinen Blog gezeigt hat. Dann haben sie mich gefragt, ob ich irgendwas für sie machen wolle, Aufkleber oder Cover, und ich sagte ALLES! Und das habe ich gemacht. Das Cover der Juni-Ausgabe 2013, die Aboseite, die Plattenbeilage, Aufkleber... Ich glaube, was noch fehlt, ist MMR-Radio...
G.: So viele Fragen, und soviele Antworten. Hier noch Raum für ein paar letzte Worte.
DOC: Ich hoffe, ihr findet das Interview nicht zu lang. Es ging um Themen, die es verdienen, dass man sie ein bisschen eingehender bespricht. Vielen Dank für euer Interesse und danke an alle, die dabei mitgemacht haben!
docindustries.blogspot.de
Gary Flanell
Gary: Fahrräder, Zeichnen, Musik: Welche dieser drei Hauptinteressen in deinem Leben ist dir am wichtigsten?
DOC: Na ja, genau diese drei Dinge sind für mich die Basis für alles andere. Sie hängen eng zusammen und haben dieselbe elektrische Energie, dasselbe Gefühl. Findest du nicht, dass es genau dasselbe ist, ob man mit dem Fahrrad tausend Stundenkilometer schnell den Hügel runterrast und den Wind ins Gesicht kriegt, oder ob man superlaute Musik mit dem Verstärker hört, oder ob man seine ganze Wut in eine Zeichnung spuckt, in der man Leute köpft, die man hasst? Dazu kommt: wenn dich eins davon im Stich lässt, gibt es immer noch die anderen. Ich zeichne fast immer, für irgendwelche Bands oder Konzerte, und ich gehe von meinem Fahrrad eigentlich nur runter, wenn ich schlafen muss oder... zeichnen! Mein neuestes Projekt ist eine fahrbare Fanzinothek. Mit meinem neuen Fahrradanhänger.
G.: Mir scheint, wenn jemand eine Biographie schreibt, hat sie oder er oft gerade eine bestimmte Phase abgeschlossen und blickt darauf zurück. Findest du, das stimmt, und passt es zu deiner Biciografica?
DOC: Vielleicht. Als ich die Biciografica gemacht habe, hatte ich gerade einen wirklich wichtigen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen. Das ist wahr. Als ich diese Zeit zu Ende brachte, fühlte ich mich leer und zerstört. Ich wollte mich an die guten Dinge erinnern, um mit der Situation klar zu kommen. Und dann dachte ich an Fahrräder. Ich meine, durch Fahrräder habe ich mich an die letzten 30 Jahre in Spanien erinnert und an die neuen Sachen, die aufgetaucht sind, weil es einige politische Veränderungen gab. Heavy Metal, Punk, Skateboards...
G.: Wie bist du auf die Idee gekommen, die Phasen deines Lebens mit den Fahrrädern zu verbinden, die du hattest?
DOC: Ich dachte, es könnte funktionieren. Es ist eine Art Ethnographie des Selbst, eine persönliche Untersuchung der Erfahrungen eines fast 40jährigen Mannes. Ich kannte einige selbstethnographische Arbeiten, die über Tattoos oder Narben handeln, aber davon habe ich nicht viele. Und dann dachte ich, Fahrräder könnten ein großartiges Thema sein, weil es so viele gibt, die für soziale, politische und ökonomische Phasen stehen.
G.: Wenn man sich die Biciografica anguckt, hast du wohl ziemlich viele Orte auf der Welt gesehen: London, Schweden, Dänemark, Berlin, Lima und Barcelona sind genannt. Wie kamst du an diese verschiedenen Orte? Würdest du sagen, dass du zu den Typen gehörst, die immer auf der Straße sein wollen? Gibt es denn einen festen Platz, den du Zuhause nennst? Und was ist wichtig für dich an einem Platz, den du Zuhause nennen würdest?
DOC: Es gibt in der Biciografica so viele verschiedene Orte, weil ich die wichtigen Momente in meinem Leben zeigen wollte, und Reisen ist etwas Unvergessliches. Ich habe meine Heimatstadt vor Ewigkeiten verlassen. Ich habe tausend Orte mit mehr Neugier als Geld zu sehen bekommen. Ich bin nicht immer auf der Straße, ich war auch manchmal im Dschungel, buchstäblich, hehe. Ich meine, ich hatte verschiedene Phasen der Unbeständigkeit, zum Beispiel in meiner Wahlheimat Barcelona, wo ich hundert verschiedene Sachen gemacht habe und es jahrelang als meine Stadt gesehen habe. Jetzt hat dieses Gefühl sich verändert. Mein Zuhause ist jetzt da, wo meine lebendigen Freunde wohnen, ich meine die, die mit mir etwas machen wollen. Barcelona ist durch, es wird immer langweiliger. Es ist eigentlich eine riesige Open-Air-Shoppingmall voller Touristen. Mit Barcelona ist es vorbei.
G.: Was ist eigentlich der Fahrrad-Krieg in Dänemark, von dem du in der Biciografica erzählst? Das erinnert mich ein bisschen an mittelalterliche Ritterspiele...
DOC: Ja. Es ist tatsächlich so etwas in der Art. Es ist eine apokalyptische Trance. Leute bauen tagelang etwas auf, das sie dann in ein paar Minuten wieder einreißen. Es war eine erstaunliche Erfahrung. Es ist ein Trip, der dich direkt ins Krankenhaus führen kann, aber es ist auch total faszinierend, wie aus einem Müllhaufen ein Monster der Kreativität wird, geritten von Leuten, die sich in edle Krieger verwandeln und einfach am Spiel teilnehmen wollen, ohne jemanden zu verletzen. Es gibt dort Leute von überall her, die genau so sind wie du. Es bildet sich eine kleine „Familie“, voller Möglichkeiten. Du guckst dir das an und merkst, die Leute um dich rum treffen sich, um zu kämpfen, zu schreien, zu spielen, sie sind sich selbst genug, von allen Regierungen unabhängig. Es ist ein elektrisches Gefühl, es vermischt Fett und Schweiß.
G.: Was sind für dich die größten Vorteile des Fahrrads, gegenüber Autofahren, Motorrädern und den Öffentlichen?
DOC: In Barcelona hat das Auto den Kampf schon längst verloren. Es gibt keine Parkplätze, die Straßen sind zu eng und die Polizei zieht dauernd Strafgelder ein. Es wird richtig teuer. Öffentlicher Verkehr ist auch ganz schön teuer. Er ist überfüllt, und du wirst wie Scheiße behandelt. Aber Fahrradfahren ist eine Erfahrung voller Möglichkeiten. Du kannst anhalten, wie und wo du willst, das kannst du mit den Öffentlichen nicht. Fahrradfahren ist für mich eine rebellische Geste, in diesem langweiligen und sesshaften Leben, in dem wir für alles zahlen müssen. Du kriegst ein bisschen Sport in dein Leben und gleichzeitig den Transport.
G.: Ich habe die Biciografica beim Zinefest in Berlin entdeckt. Ich war überrascht, dass es nur noch ein paar Musik-Zines gab, wie ich sie aus der Punkumgebung kenne, aber richtig viele Comics, persönliche Zines und Sketchbooks. Was waren deine Eindrücke von diesem Treffen der Fanzine-Künstler?
DOC: Ich glaube, das passiert gerade überall. Es gibt ein paar Gründe dafür: erstens, die Zugänge zu den neuen Medien. Jeder hat einen Computer und eine Kamera, was allen ermöglicht, bestimmte Sachen zu machen. Zweitens sind Bilder zurzeit ganz besonders wichtig. Wenn du deine Familie durch Skype siehst, das bedeutet auch irgendwie, dass die Entfernung verschwindet. „Sehen heißt haben“.
Vor Jahren haben die Leute in gute Bücher und gute Musik investiert, jetzt investieren sie in eine gute Internet-Verbindung, um an diese Inhalte ranzukommen.
Es hat auch was mit Nostalgie zu tun. Tinte, Papier, Oberflächen muss man anfassen und riechen. In Spanien gibt’s noch einen eindeutigen Grund: die Arbeitslosigkeit. Die normalen Arbeitszeiten, die jeder kennt, sind praktisch verschwunden. Freie Zeit und der Wunsch, mal rauszukommen, bringt die Leute dazu, sich mit Sachen zu beschäftigen, die vielleicht auch den Weg einer neuen Arbeitsweise zeigen, flexibler, von zu Hause aus, wo du das Spiel mit deiner Kreativität bestimmst.
Außerdem verändern sich die Konsumenten und werden älter. Dadurch werden die Fanzines auch besser. Und sie können sich vielleicht keine Häuser und Autos leisten, aber sie können sich ein paar gute Fanzines leisten.
G.: Ich habe die dritte Auflage der Biciografica, also war sie wohl ziemlich erfolgreich. Hast du das erwartet, als du angefangen hast? Gibt es große Unterschiede zwischen den Ausgaben?
DOC: Kommt drauf an, was du mit Erfolg meinst. Drei Ausgaben, die jeweils aus 80 Exemplaren bestehen, das sind 240 Hefte in zwei Jahren. Wenn du auf ein Konzert gehst und Bier verkaufst, kannst du 240 Biere oder sogar mehr in einer Stunde verkaufen... Erfolg? Ganz ehrlich, Fanzine machen hat mir Freude und viele gute Sachen gebracht. Manche Leute würden meinen Job echt lieben.
Die dritte Ausgabe der Biciografica ist größer, diese letzte hatte ich gar nicht geplant. Ich habe die Covers für die zweite Ausgabe bestellt, und als ich sie bekam, waren sie im A3-Format gedruckt und kosteten dreimal so viel wie normal. Ich sagte, ich wollte sie nicht haben. Also machten sie die, die ich eigentlich bestellt hatte, und als ich gerade 200 Euro bezahlen wollte, haben die Mädchen sich entschieden, mir die falschen zu schenken, die nachher dann die richtigen wurden!
Sie lagen so ein Jahr lang bei mir rum, während ich die zweite Ausgabe verkaufte. Dann fand ich eines Tages einen anarchistischen Copyshop, ich fragte nach den Preisen, und sie waren richtig billig. Also beschloss ich, die dritte Ausgabe im A3-Format zu drucken. Es war erstaunlich. Vielleicht hätte ich an den Zeichnungen noch arbeiten sollen, aber ich beschloss, alles so zu lassen, wie es von Anfang an war.
G.: Du benutzt verschiedene Methoden für deine Kunst: Siebdruck, Zeichnen, Masken – was ist deine bevorzugte Methode, und warum gefällt sie dir am besten? Was sind die wichtigsten Unterschiede, ob man ein Shirt entwirft oder das Cover für eine Platte? Wie entscheidend ist der Aspekt der Reproduzierbarkeit?
DOC: Am liebsten setze ich mich erstmal hin und zeichne eine Weile mit dem Bleistift, dann mit Tinte. Das mache ich meistens so, weil man dafür wenig braucht. Siebdruck ist cooler. Ich habe dafür ein paar Arbeitsgeräte zu Hause. Zwischen Klamotten und Plattencovern mache ich eigentlich keinen Unterschied, ich benutze manchmal dasselbe Motiv für beides. Das Wichtigste ist, dass das Motiv Kraft hat, FUERZA. Zum Beispiel mache ich nicht gerne schwierige Sachen für Kassetten-Cover, einfach weil sie so klein sind.
Ich mag ikonische Bilder, die dir ins Gesicht springen. Die letzte Frage ist eine, die mich in letzter Zeit beschäftigt. Ich konzentriere mich auf synthetischen Formen, damit das Drucken gut klappt. Ich habe gerade einige Illustrationen für ein Buch gemacht, und dabei habe ich große, klare Linien benutzt. Ich vertraue der Technik, aber ich traue nicht den unsicheren Geräten.
G.: Wenn man sich deine Arbeit so anschaut, findet man viele satanische Symbole, finsteres grausiges Zeug: Wahnsinn, Teufel, Totenschädel. Viel davon würde erstklassig zu einer Slayer-Platte passen. Kommt das einfach aus so typischen Rock/Metal/Punk-Motiven, oder gibt es bei dir ein tieferes Interesse an okkulten Themen und Theorien?
DOC: Ganz ehrlich? Das ist mir total egal. Satanismus ist eine Vereinfachung, im Guten wie im Schlechten. Manchmal ist das etwas Lustiges, weil du damit konservative Leute erschrecken und beunruhigen kannst.
Ich denke tatsächlich, wenn du gegen Religionen bist, gegen katholische Heuchelei, hegemoniale Denkweisen, szientistische Medizin oder wenn du dem wissenschaftlichen Fortschritt auch nur mit ein bisschen Skepsis gegenüber stehst, dann bist du gleich der Feind, ein Zauberer oder Satanist. Wie bei den historischen Hexenjagden. Das war eindeutig der Versuch, uraltes Wissen von Heilkräften und Pflanzen zu vernichten.
Wenn ich ein umgedrehtes Kreuz male, ist das also eine Warnung. Aber... was könnte satanischer sein als Monsanto, Shell, der Vatikan und Merkel? Wir leben doch längst in der Hölle auf Erden!
G.: In der Punkszene kommt es ja oft vor, dass jemand ein Bild oder eine künstlerische Arbeit benutzt, ohne dafür zu zahlen oder auch nur zu fragen. Ist dir das schon passiert? Und wie bist du damit umgegangen?
DOC: Mir ist das nie passiert. Ich poste immer, was ich fertig gemacht habe, und ich schicke es an eine Person oder eine Band, und wenn es dann jemand benutzt, ist das OK, denn diese Arbeit hat ihren Zweck erfüllt.
Wenn jemand meine Arbeiten für anarchistische Zwecke benutzen will, bitte, kein Problem. Wenn es für eine Marke oder so wäre, dafür habe ich Creative Commons, das funktioniert aber nicht so richtig...
Ich mag es, bei den Sachen, die ich mache, frei zu sein. Ich besitze nichts, und wenn jemand von meinem Zeug inspiriert wird, wenn es jemand hilft, zu malen oder sich auszudrücken, dürfen sie es ganz frei benutzen. F*ck die, die meinen, sie wären originell!
G.: Welche Art von Bands lassen bei dir die Cover für ihre Platten machen? Wie würdest du den Vorgang beschreiben, mit dem du die Covers entwirfst? Sind die Vorschläge der Band wichtig? Und wie bist du in Kontakt mit den Leuten vom MAXIMUM ROCKnROLL-Zine gekommen?
DOC: Bei Punkbands, also DIY-Bands, ist der Vorgang ganz einfach. Sie bestellen das Format, 12”, 7”, Tape oder CD. Sie schicken mir Text und Musik. Ich hör mir das ein paarmal an, und dann lasse ich es ein bisschen in meinem Kopf herumschwimmen...
Ein paar Tage später setz ich mich hin und füge ein paar Ideen zusammen. Manchmal geht’s schnell. Das hängt von der Band ab und wie sie mir gefällt. Ich versuche erst mal von Hand zu zeichnen und benutze den Computer erst, wenn ich merke, dass das nicht mehr genau das wird, was ich will. Schließlich schick ich es der Band und warte, ob es ihnen gefällt. Sonst ändere ich etwas.
Mit den Leuten von MRR lässt es sich super arbeiten. Sie sind total offen und sie brauchen immer Illustrationen. Es war wohl so, dass ein gemeinsamer Freund ihnen meinen Blog gezeigt hat. Dann haben sie mich gefragt, ob ich irgendwas für sie machen wolle, Aufkleber oder Cover, und ich sagte ALLES! Und das habe ich gemacht. Das Cover der Juni-Ausgabe 2013, die Aboseite, die Plattenbeilage, Aufkleber... Ich glaube, was noch fehlt, ist MMR-Radio...
G.: So viele Fragen, und soviele Antworten. Hier noch Raum für ein paar letzte Worte.
DOC: Ich hoffe, ihr findet das Interview nicht zu lang. Es ging um Themen, die es verdienen, dass man sie ein bisschen eingehender bespricht. Vielen Dank für euer Interesse und danke an alle, die dabei mitgemacht haben!
docindustries.blogspot.de
Gary Flanell
Dienstag, 28. Oktober 2014
THE KIDS ARE ALL SQUARE! - Medway Punk 1977-85
Es gibt Menschen, die sagen, in den 80ern wäre nur Scheißmusik entstanden. Und es gibt Menschen, die sagen, dass die 80er voll mit ganz wunderbarer Musik waren.
Während die erste Gruppe sich mit Grausen an die Plastik-Pop-Produktionen aus dem Hause Stock, Aitken und Waterman erinnert, kommt der zweite Gruppe eher das in den Sinn, was damals an Indiemusik, Punk/Hardcore und anderen aufregenden Sounds jenseits vom Hauptstrom der tumben Hitparaden zu hören war. Vielleicht legen sie bei ihrem ganz privaten Rückblick auch eine Scheibe von den MILKSHAKES auf – jener Band, mit der ein gewisser Billy Childish europaweit für Aufsehen sorgte. Dass die MILKSHAKES eine von vielen Bands war, die ein gewisser Landstrich um das ostenglische Flüßchen Medway hervorgebracht hat, haben wahrscheinlich nicht allzuviele auf dem Schirm.
Dabei steht der Begriff der „Medway Bands“ (benannt nach dem 112 Kilometer langen Fluß, in der Grafschaft Kent) eben genau für Gruppen wie THE DENTISTS, THE POP RIVETS (Childishs erster Band) oder THE PRISONERS, die bei Punk/Garagebeat-Liebhabern auf großen Anklang stießen. Grund genug, die musikalische Geschichte von Orten wie Chatham oder Rochester mal in von Ian Snowball, Fachmann für britische Popkultur aufarbeiten zu lassen, der in "THE KIDS ARE ALL SQUARE - Medway Punk 1977-85" eine Menge Beteiligter über ihre Ansichten zur damaligen Punk/Garage/Rockabilly-Szene im Südosten Englands zu Wort kommen lässt.
Klar, auch Billy Childish hat dabei was zu erzählen, aber der hat das Buch ja nun mal nicht zusammengestellt, also haben wir für RENFIELD No. 27 uns mal direkt an Ian Snowball zum Thema Medway Punk gewandt.
Gary: Hallo Ian, Du hast schon einige Bücher zum Thema Popkultur geschrieben, beispielsweise über Oasis, The Jam oder Ocean Colour Scene. Woher kam die Idee, mal einen Blick auf die Urspünge der Medway Szene zu werfen?
Ian Snowball: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des MedwaySounds und der dazugehörigen Bands. Ich mache nur Buchprojekte, von denen ich weiß, dass sie mich motivieren und inspirieren. Sich das Medway-Projekt auszusuchen, lag also wirklich nahe.
Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über die PRISONERS schreiben, aber irgendwie kam das nicht in die Gänge. Aber das Buchprojekt, das den Medway Sound gebührend würdigt, wollte ich immer noch unbedingt machen. Also habe ich Bob Collins von den Dentists gefragt, ob er daran interessiert sei, das Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Er stimmte zu und so saßen wir in einem Boot.
G.: Der Titel bezieht sich auf die Jahre zwischen 1977 und 1985. Warum hast du exakt diesen Zeitraum gewählt? 1977 als Jahr, in dem Punk quasi in die Welt trat, ist klar, aber was ist mit 1985? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Ende der Medway Szene markierte?
I.: 1977 war der Startpunkt, als Legenden wie Billy Childish und Bruce Brand anfingen Bands zu gründen. Dann trafen sich Graham Day und Allan Crockford und gründeten auch eine Band und der Rest ist Geschichte. Mitte der 80er gab’s dann diese Zeit, wo die Sachen langsam runterfuhren. Für diese Bands ging das auf ganz natürliche Weise zu Ende, für sie begann etwas Neues. Da ging es nicht wirklich um eine Reaktion auf die Veränderungen der Musik zu dieser Zeit. Es gibt in dem Buch aber ein paar Beiträge von Mitgliedern der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS, die auch von den Medway Bands inspiriert wurden und das in ihre eigene Musik einfließen ließen, die wiederum um 1989 größeren Einfluss auf die Musikindustrie ausübte.
Und nur ein paar Jahre davor hatte die Struktur der Musikszene sich dramatisch verändert. Das betraf auch die Medwaybands. Graham Day versuchte sich beispielsweise an einer neuen Band namens PLANET, die fast schon Acid Jazz machten. Und dann war da noch James Taylor, der den Acid Jazz Sound stark geprägt hat. Es war ganz anders als das, was THE PRISONERS gemacht haben. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Medway-Szene sich einfach aufgelöst hat. Sie hat sich in etwas anderes verwandelt.
G.: Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt? Hast du damals was von den Bands aus der Medway Area mitbekommen?
I.: Die Medway Bands waren in den 80ern sehr Underground. Einerseits waren sie schon ziemlich bekannt, aber in mancher Hinsicht doch immer noch sehr alternativ. Eigentlich war es sogar so, dass viele Bands in anderen europäischen Ländern bekannter waren als gerade in England. Ich selber fand THE PRISONERS spannend, weil ich mit Musik aufgewachsen war, die so eine Mod/60s Richtung hatte. Die Milkshakes waren punkiger, und ich bin nicht mit den Punks rumgehangen. Da gab es schon zwei Lager. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich anfing, Billy Childish’s Musik wirklich zu schätzen.
G.: Wenn du The Milkshakes, The Dentists und The Prisoners nimmst – die ja den Kern der sogenannten Medway Bands stellen, was hatten diese drei Bands deiner Meinung nach gemeinsam?
I.: Ursprünglich wollte ich das Buch „No Compromise“ nennen (was dann am Ende nur der Titel eines Kapitels wurde). Damit wollte ich hervorheben, dass Bands wie The Prisoners und The Milkshakes diese Tendenz wichtig war, sich nicht zu kompromittieren. So erschien es auf jeden Fall der Musikpresse. Ich schätzte ihre Einstellung, dass ihnen diese Haltung wirklich wichtig war, dass sie ihre Musik für sich machen wollten, und das war‘s eben… Und wenn das noch jemand anders gut fand, umso besser, aber darauf kam‘s nicht an. Auch die Klamotten und die Wahl der Instrumente war eine gemeinsame Vorliebe, das war alles in den 60ern verwurzelt.
G.: Wieso glaubst du, haben sich gerade dort mitten in der englischen Provinz eine aufregende innovative Musikszene entwickelt? Glaubst du dass es im Nachhinein ein Vorteil war, dass diese Bands weit weg von den ständigen Ablenkungen einer Metropole entstanden sind?
I.: Ich glaube, in erster Linie waren die Bandmitglieder erst mal einfach sie selbst. Ihre Musik war eine Erweiterung ihrer selbst und der Orte, an denen sie lebten. Ich bin auch am Medway aufgewachsen, von daher sind mir die Landschaft, der Baustil, die Menschen und die Szenerie sehr vertraut. Ich denke, das beeinflusst schon, was die Leute so machen. London ist nur 30 Minuten entfernt, so dass wir schon Zugang zu dem hatten, was dort abging, ohne gleich Teil davon sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass Langeweile was damit zu tun hat. Eher geht es bei den meisten Bands einfach darum, ein Instrument zu spielen und mit den Kumpels Songs zu schreiben. Von da aus kann sich alles Mögliche entwickeln, aber das Grundprinzip ist recht einfach. Aber ja, es hat schon etwas Mystisches und man kann viel darüber spekulieren, warum ein gewisser Sound ausgerechnet in einer kleinen Region in Kent entstanden ist. Die Frage kann wohl nie richtig beantwortet werden. Glücklicherweise.
G.: Es wird öfter berichtet, dass recht viele bekannte Bands aus Seattle von Billy Childish und anderen Medway-Bands beeinflusst sind. Wo würdest du Gemein-samkeiten zwischen der frühen Grunge-Szene und den Medway Bands sehen?
I.: Zu der Zeit selbst ist es mir nicht aufgefallen, aber als der Grunge-Hype nachließ, war schon deutlich zu sehen, dass ein paar dieser Bands ihre Inspirationen von Billy und Co. hatten. Jack White ist ein gutes Beispiel. Er wollte, dass Billy mit ihm bei Top of the Pops auftritt, aber die Show sagte nein. Also hat er sich Billy Childish stattdessen mit Tinte auf den Arm geschrieben. Ich denke, jede Art von Musik entwickelt ihre eigene Atmosphäre, und das ist es, worauf Leute reagieren. Also ja, Seattle hat auf Medway reagiert, und sie haben ihr eigenes Ding daraus geformt. Es gibt viele Bands, die Medway als Einfluß nennen. Manche dieser Einflüsse kann man in ihren Songs hören, aber es fehlt immer etwas, etwas Besonderes und Entscheidendes, das nur Bands aus den Medway-Städten haben. Es ist dasselbe, wenn eine Band wie die SPECIALS klingen will, aber nicht aus Coventry kommt. Oder man will wie die TEMPTATIONS klingen, hat aber nicht in Hitsville aufgenommen.
G.: Das, was im Buch geschildert wird, erinnert mich allerdings eher an die Szene um Dischord Records aus Washington – auch wenn die Musik eine ganz andere war: Da drehte sich auch alles um Fugazi, Ian McKaye und eben Dischord Records: Bands und Menschen, bei denen irgendwie ein gewisser DIY-Ethos in Bezug auf Aufnahmetechniken und Vertrieb wichtig war. Siehst du da Ähnlichkeiten?
I.: Das ist ein guter Punkt, genau das meinte ich eben mit dem Beispiel Hitsville. Ja, Studios und Produzenten haben einen ungeheuren Einfluss. Meine Band AUNT NELLY nimmt in den Ranscombe Studios in Rochester auf, die von einem super Typen namens Jim Riley geleitet werden. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Sachen von Billy Childish, Graham Day, Glenn Pragnell und all denen aufgenommen. Deswegen hat er diesen Sound einfach drauf und versteht ihn richtig gut. Jim hat auch selber in einer Medway Band gespielt, WIPEOUT. Er weiß also wirklich, was er da macht. Mir scheint, das Label, auf dem die Platten erscheinen, ist gar nicht so entscheidend. Die Medway Bands haben viele verschiedene Labels gehabt. Aber das Studio, das die Songs aufnimmt, das macht echt einen Unterschied.
G.: MILKSHAKES, DENTISTS, PRISONERS – das sind alles reine Jungs-Bands. Gab es in der Medway-Area in den 80ern keine Frauen, die in der Szene um diese Bands aktiv Musik waren? Warum war das ein reines Jungs-Ding?
I.: Ist das nicht in den meisten ‚Szenen‘ so? Man muss sich nur in den 60ern anschauen: THE BEATLES, WHO, SMALL FACES, in den 80ern bei Madchester die STONE ROSES und die INSPIRALS, die meisten Two Tone Bands bestehen aus Jungs... aber es gab auch die BODYSNATCHERS und in Medway gab es die HEADCOATEES, und später die A LINES. Aber im Großen und Ganzen denke ich, Jungs haben einfach mehr Interesse daran, in Bands zu spielen. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.
G.: Wenn ich an England und Punk denke, assoziiere ich damit Oi, Crustpunk, Anarchobands wie Crass und, klar, auch klassischen Punkrock wie Sex Pistols, Damned, The Clash usw. Aber das sind alles sehr eng definierte und eingegrenzte Szenen. Die Medwaybands schienen mir da eine leichtere, ironischere Definition von Punk zu haben. Eine, die offener ist, sich aber auch von anderen Subkulturen wie Mods, Psychobilllys, Gothics abgrenzt. Siehst du das ähnlich?
I.: Hier geht‘s wieder darum, dass die Medway Bands nie versucht haben, wie irgendjemand zu klingen oder zu sein, sondern einfach ihr eigenes Ding gemacht haben. Sie hatten nie vor, sich einer Szene anzugleichen. Sie wurden umgekehrt von den Mods, Punks und Psychobillys aufgegriffen. Es ist so ähnlich wie THE JAM. Die hatten auch nie vor, eine Mod- oder Punkband zu sein, und das waren sie auch nicht, aber die Mods und die Punks haben sie für sich entdeckt.
G.: War es schwierig, all die Interviewpartner für das Buch ausfindig zu machen?
I.: Nein, gar nicht! Wir hätten noch viele andere mit reinbringen können, aber wir mussten uns ja irgendwie begrenzen. Letzte Woche habe ich mit AUNT NELLY in Italien gespielt, als Vorband für eine alte Mod-Band, THE CLIQUE. Bruce Brand hat bei denen Gitarre gespielt, und wir sprachen über das Buch. Und er meinte bloß: „Das war ein Buch, das dringend geschrieben werden musste.“ Ich denke, dass Leute wie Billy und Graham das auch so sehen, und Bob und ich haben‘s eben einfach gemacht. Die ganze Geschichte ist in dem Buch, und es kann bei dem Buch nur um diese Geschichte gehen. Bob und ich sind sehr glücklich damit, wie es geworden ist und wer mit dabei ist.
G.: Warum hast du für das Buch die Interviewform gewählt? Warum ist es einfacher, das alles in einer oral history darzustellen?
I.: Ich benutze oft die Interview-Form. Es ist mir wichtig, Geschichte zu schreiben aus der Erfahrung der Leute heraus, die diese Geschichte gemacht haben. Ein Buch wird so vielfältig und schillernd. Billy erinnert sich vielleicht anders als Bruce oder Graham, aber jede Sicht zählt. Diese Methode fängt ein Gefühl für die Geschichte und ihren Sinn ein, und das setze ich gern beim Schreiben ein. Aus Erfahrung lernt man am besten, denke ich, also muss man mit den Leuten reden, die dabei waren.
G.: Ich finde Billy Childish ist mit Abstand die bekannteste Figur des Buches – wie war sein Reaktion als er von den Plänen, ein Buch über die Medway Bands zu machen, erfahren hat?
I.: Billy fand das in Ordnung. Wir kennen uns, und ich denke, er hat mir da vertraut. Das ist natürlich hilfreich. Bei den Büchern über THE JAM und OASIS war das auch so. Wenn man sowas machen will, müssen die Leute, um die es geht, dir vertrauen, dass du ihre Geschichte verstehst, weil sie ihnen wichtig ist. Und das Medway Buch war für Billy sehr wichtig. Und jetzt, da er es gesehen hat, ist er zufrieden. Ich hab so vor drei Wochen bei ihm vorbeigeschaut und wir haben ausführlich gequatscht über das Buch, und auch über das Buch, an dem er gerade schreibt. Billy ist ein faszinierender Typ, und es macht Spaß, mit ihm rumzuhängen.
G.: Ist denn heute eigentlich noch was vom Einfluss der frühen Medway Bands in Chatham und den anderen Städten der Medway-Region übrig geblieben?
I.: Klar sind da Bands, die werden da immer sein, und einige haben ihre Inspirationen von THE PRISONERS, MILKSHAKES und all den anderen. Aber vor allem sind die ja auch immer noch da, und die meisten von ihnen machen immer noch was. Glenn Pragnell von den OFFBEATS nimmt mit seiner Band GROOVY UNCLE auf, Graham spielt wieder mit Allan in GRAHAM DAY AND THE FOREFATHERS, und die DISCORDS gibt‘s immer noch. Und Billy natürlich, der wird bis zu seinen letzten Tagen spielen und aufnehmen. Der kann gar nicht anders!
G.: Du hast das Buch zusammen mit Bob Collins von den Dentists geschrieben. Die meisten Bücher von dir sind in Kooperation mit einem anderen Autor erschienen. Wieso schreibst du die meisten Bücher im „Doppelpack“?
I.: Mit verschiedenen Leuten habe ich verschiedene Arten der Zusammenarbeit entwickelt. Mit Bob war das unkompliziert. Wir haben uns die Interviews aufgeteilt. Das mit Billy haben wir zusammen gemacht, an einem Tag haben wir über vier Stunden mit ihm verbracht. Das ging dann so aus, dass Billy uns zu sich nach Hause geschleift hat, um uns neue Songs vorzuspielen. Eigentlich haben Bob und ich vor allem einfach mit all unseren Freunden gequatscht, die sowieso zu all diesen Medwaybands gehören. Aber wir kennen auch verschiedene Leute, das war natürlich praktisch. Mir macht es Spaß, ein Buch mit jemand zusammen zu machen. Aber ich schreibe auch gerne literarischen Kram.
Literarisches Schreiben und Sachbücher sind schon ganz schön unterschiedlich. Für meinen ersten Roman LONG HOT SUMMER habe ich 2009 drei Wochen gebraucht. Ich denke, ein Buch zusammen zu schreiben funktioniert, wenn die Chemie stimmt. Gerade hab ich die Autobiographie für Rick Buckler von THE JAM geschrieben, als Ghostwriter. Rick und ich haben neun Monate dafür gebraucht, und sie wird zum Ende des Jahres erscheinen. Da gab’s eine Menge Interviews zu machen und zu transkribieren. Aber Rick ist ein total netter Kerl und ich bin ein riesiger Fan von THE JAM. Also war das ein großer Spaß.
Gary: Ian, vielen Dank für das Interview “The kids are all square – Medway Punk 1977-85” (ISBN-10: 0992830419) ist bei Countdown Books erschienen. countdownbooks.com
Während die erste Gruppe sich mit Grausen an die Plastik-Pop-Produktionen aus dem Hause Stock, Aitken und Waterman erinnert, kommt der zweite Gruppe eher das in den Sinn, was damals an Indiemusik, Punk/Hardcore und anderen aufregenden Sounds jenseits vom Hauptstrom der tumben Hitparaden zu hören war. Vielleicht legen sie bei ihrem ganz privaten Rückblick auch eine Scheibe von den MILKSHAKES auf – jener Band, mit der ein gewisser Billy Childish europaweit für Aufsehen sorgte. Dass die MILKSHAKES eine von vielen Bands war, die ein gewisser Landstrich um das ostenglische Flüßchen Medway hervorgebracht hat, haben wahrscheinlich nicht allzuviele auf dem Schirm.
Dabei steht der Begriff der „Medway Bands“ (benannt nach dem 112 Kilometer langen Fluß, in der Grafschaft Kent) eben genau für Gruppen wie THE DENTISTS, THE POP RIVETS (Childishs erster Band) oder THE PRISONERS, die bei Punk/Garagebeat-Liebhabern auf großen Anklang stießen. Grund genug, die musikalische Geschichte von Orten wie Chatham oder Rochester mal in von Ian Snowball, Fachmann für britische Popkultur aufarbeiten zu lassen, der in "THE KIDS ARE ALL SQUARE - Medway Punk 1977-85" eine Menge Beteiligter über ihre Ansichten zur damaligen Punk/Garage/Rockabilly-Szene im Südosten Englands zu Wort kommen lässt.
Klar, auch Billy Childish hat dabei was zu erzählen, aber der hat das Buch ja nun mal nicht zusammengestellt, also haben wir für RENFIELD No. 27 uns mal direkt an Ian Snowball zum Thema Medway Punk gewandt.
Gary: Hallo Ian, Du hast schon einige Bücher zum Thema Popkultur geschrieben, beispielsweise über Oasis, The Jam oder Ocean Colour Scene. Woher kam die Idee, mal einen Blick auf die Urspünge der Medway Szene zu werfen?
Ian Snowball: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des MedwaySounds und der dazugehörigen Bands. Ich mache nur Buchprojekte, von denen ich weiß, dass sie mich motivieren und inspirieren. Sich das Medway-Projekt auszusuchen, lag also wirklich nahe.
Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über die PRISONERS schreiben, aber irgendwie kam das nicht in die Gänge. Aber das Buchprojekt, das den Medway Sound gebührend würdigt, wollte ich immer noch unbedingt machen. Also habe ich Bob Collins von den Dentists gefragt, ob er daran interessiert sei, das Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Er stimmte zu und so saßen wir in einem Boot.
G.: Der Titel bezieht sich auf die Jahre zwischen 1977 und 1985. Warum hast du exakt diesen Zeitraum gewählt? 1977 als Jahr, in dem Punk quasi in die Welt trat, ist klar, aber was ist mit 1985? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Ende der Medway Szene markierte?
I.: 1977 war der Startpunkt, als Legenden wie Billy Childish und Bruce Brand anfingen Bands zu gründen. Dann trafen sich Graham Day und Allan Crockford und gründeten auch eine Band und der Rest ist Geschichte. Mitte der 80er gab’s dann diese Zeit, wo die Sachen langsam runterfuhren. Für diese Bands ging das auf ganz natürliche Weise zu Ende, für sie begann etwas Neues. Da ging es nicht wirklich um eine Reaktion auf die Veränderungen der Musik zu dieser Zeit. Es gibt in dem Buch aber ein paar Beiträge von Mitgliedern der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS, die auch von den Medway Bands inspiriert wurden und das in ihre eigene Musik einfließen ließen, die wiederum um 1989 größeren Einfluss auf die Musikindustrie ausübte.
Und nur ein paar Jahre davor hatte die Struktur der Musikszene sich dramatisch verändert. Das betraf auch die Medwaybands. Graham Day versuchte sich beispielsweise an einer neuen Band namens PLANET, die fast schon Acid Jazz machten. Und dann war da noch James Taylor, der den Acid Jazz Sound stark geprägt hat. Es war ganz anders als das, was THE PRISONERS gemacht haben. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Medway-Szene sich einfach aufgelöst hat. Sie hat sich in etwas anderes verwandelt.
G.: Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt? Hast du damals was von den Bands aus der Medway Area mitbekommen?
I.: Die Medway Bands waren in den 80ern sehr Underground. Einerseits waren sie schon ziemlich bekannt, aber in mancher Hinsicht doch immer noch sehr alternativ. Eigentlich war es sogar so, dass viele Bands in anderen europäischen Ländern bekannter waren als gerade in England. Ich selber fand THE PRISONERS spannend, weil ich mit Musik aufgewachsen war, die so eine Mod/60s Richtung hatte. Die Milkshakes waren punkiger, und ich bin nicht mit den Punks rumgehangen. Da gab es schon zwei Lager. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich anfing, Billy Childish’s Musik wirklich zu schätzen.
G.: Wenn du The Milkshakes, The Dentists und The Prisoners nimmst – die ja den Kern der sogenannten Medway Bands stellen, was hatten diese drei Bands deiner Meinung nach gemeinsam?
I.: Ursprünglich wollte ich das Buch „No Compromise“ nennen (was dann am Ende nur der Titel eines Kapitels wurde). Damit wollte ich hervorheben, dass Bands wie The Prisoners und The Milkshakes diese Tendenz wichtig war, sich nicht zu kompromittieren. So erschien es auf jeden Fall der Musikpresse. Ich schätzte ihre Einstellung, dass ihnen diese Haltung wirklich wichtig war, dass sie ihre Musik für sich machen wollten, und das war‘s eben… Und wenn das noch jemand anders gut fand, umso besser, aber darauf kam‘s nicht an. Auch die Klamotten und die Wahl der Instrumente war eine gemeinsame Vorliebe, das war alles in den 60ern verwurzelt.
G.: Wieso glaubst du, haben sich gerade dort mitten in der englischen Provinz eine aufregende innovative Musikszene entwickelt? Glaubst du dass es im Nachhinein ein Vorteil war, dass diese Bands weit weg von den ständigen Ablenkungen einer Metropole entstanden sind?
I.: Ich glaube, in erster Linie waren die Bandmitglieder erst mal einfach sie selbst. Ihre Musik war eine Erweiterung ihrer selbst und der Orte, an denen sie lebten. Ich bin auch am Medway aufgewachsen, von daher sind mir die Landschaft, der Baustil, die Menschen und die Szenerie sehr vertraut. Ich denke, das beeinflusst schon, was die Leute so machen. London ist nur 30 Minuten entfernt, so dass wir schon Zugang zu dem hatten, was dort abging, ohne gleich Teil davon sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass Langeweile was damit zu tun hat. Eher geht es bei den meisten Bands einfach darum, ein Instrument zu spielen und mit den Kumpels Songs zu schreiben. Von da aus kann sich alles Mögliche entwickeln, aber das Grundprinzip ist recht einfach. Aber ja, es hat schon etwas Mystisches und man kann viel darüber spekulieren, warum ein gewisser Sound ausgerechnet in einer kleinen Region in Kent entstanden ist. Die Frage kann wohl nie richtig beantwortet werden. Glücklicherweise.
G.: Es wird öfter berichtet, dass recht viele bekannte Bands aus Seattle von Billy Childish und anderen Medway-Bands beeinflusst sind. Wo würdest du Gemein-samkeiten zwischen der frühen Grunge-Szene und den Medway Bands sehen?
I.: Zu der Zeit selbst ist es mir nicht aufgefallen, aber als der Grunge-Hype nachließ, war schon deutlich zu sehen, dass ein paar dieser Bands ihre Inspirationen von Billy und Co. hatten. Jack White ist ein gutes Beispiel. Er wollte, dass Billy mit ihm bei Top of the Pops auftritt, aber die Show sagte nein. Also hat er sich Billy Childish stattdessen mit Tinte auf den Arm geschrieben. Ich denke, jede Art von Musik entwickelt ihre eigene Atmosphäre, und das ist es, worauf Leute reagieren. Also ja, Seattle hat auf Medway reagiert, und sie haben ihr eigenes Ding daraus geformt. Es gibt viele Bands, die Medway als Einfluß nennen. Manche dieser Einflüsse kann man in ihren Songs hören, aber es fehlt immer etwas, etwas Besonderes und Entscheidendes, das nur Bands aus den Medway-Städten haben. Es ist dasselbe, wenn eine Band wie die SPECIALS klingen will, aber nicht aus Coventry kommt. Oder man will wie die TEMPTATIONS klingen, hat aber nicht in Hitsville aufgenommen.
G.: Das, was im Buch geschildert wird, erinnert mich allerdings eher an die Szene um Dischord Records aus Washington – auch wenn die Musik eine ganz andere war: Da drehte sich auch alles um Fugazi, Ian McKaye und eben Dischord Records: Bands und Menschen, bei denen irgendwie ein gewisser DIY-Ethos in Bezug auf Aufnahmetechniken und Vertrieb wichtig war. Siehst du da Ähnlichkeiten?
I.: Das ist ein guter Punkt, genau das meinte ich eben mit dem Beispiel Hitsville. Ja, Studios und Produzenten haben einen ungeheuren Einfluss. Meine Band AUNT NELLY nimmt in den Ranscombe Studios in Rochester auf, die von einem super Typen namens Jim Riley geleitet werden. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Sachen von Billy Childish, Graham Day, Glenn Pragnell und all denen aufgenommen. Deswegen hat er diesen Sound einfach drauf und versteht ihn richtig gut. Jim hat auch selber in einer Medway Band gespielt, WIPEOUT. Er weiß also wirklich, was er da macht. Mir scheint, das Label, auf dem die Platten erscheinen, ist gar nicht so entscheidend. Die Medway Bands haben viele verschiedene Labels gehabt. Aber das Studio, das die Songs aufnimmt, das macht echt einen Unterschied.
G.: MILKSHAKES, DENTISTS, PRISONERS – das sind alles reine Jungs-Bands. Gab es in der Medway-Area in den 80ern keine Frauen, die in der Szene um diese Bands aktiv Musik waren? Warum war das ein reines Jungs-Ding?
I.: Ist das nicht in den meisten ‚Szenen‘ so? Man muss sich nur in den 60ern anschauen: THE BEATLES, WHO, SMALL FACES, in den 80ern bei Madchester die STONE ROSES und die INSPIRALS, die meisten Two Tone Bands bestehen aus Jungs... aber es gab auch die BODYSNATCHERS und in Medway gab es die HEADCOATEES, und später die A LINES. Aber im Großen und Ganzen denke ich, Jungs haben einfach mehr Interesse daran, in Bands zu spielen. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.
G.: Wenn ich an England und Punk denke, assoziiere ich damit Oi, Crustpunk, Anarchobands wie Crass und, klar, auch klassischen Punkrock wie Sex Pistols, Damned, The Clash usw. Aber das sind alles sehr eng definierte und eingegrenzte Szenen. Die Medwaybands schienen mir da eine leichtere, ironischere Definition von Punk zu haben. Eine, die offener ist, sich aber auch von anderen Subkulturen wie Mods, Psychobilllys, Gothics abgrenzt. Siehst du das ähnlich?
I.: Hier geht‘s wieder darum, dass die Medway Bands nie versucht haben, wie irgendjemand zu klingen oder zu sein, sondern einfach ihr eigenes Ding gemacht haben. Sie hatten nie vor, sich einer Szene anzugleichen. Sie wurden umgekehrt von den Mods, Punks und Psychobillys aufgegriffen. Es ist so ähnlich wie THE JAM. Die hatten auch nie vor, eine Mod- oder Punkband zu sein, und das waren sie auch nicht, aber die Mods und die Punks haben sie für sich entdeckt.
G.: War es schwierig, all die Interviewpartner für das Buch ausfindig zu machen?
I.: Nein, gar nicht! Wir hätten noch viele andere mit reinbringen können, aber wir mussten uns ja irgendwie begrenzen. Letzte Woche habe ich mit AUNT NELLY in Italien gespielt, als Vorband für eine alte Mod-Band, THE CLIQUE. Bruce Brand hat bei denen Gitarre gespielt, und wir sprachen über das Buch. Und er meinte bloß: „Das war ein Buch, das dringend geschrieben werden musste.“ Ich denke, dass Leute wie Billy und Graham das auch so sehen, und Bob und ich haben‘s eben einfach gemacht. Die ganze Geschichte ist in dem Buch, und es kann bei dem Buch nur um diese Geschichte gehen. Bob und ich sind sehr glücklich damit, wie es geworden ist und wer mit dabei ist.
G.: Warum hast du für das Buch die Interviewform gewählt? Warum ist es einfacher, das alles in einer oral history darzustellen?
I.: Ich benutze oft die Interview-Form. Es ist mir wichtig, Geschichte zu schreiben aus der Erfahrung der Leute heraus, die diese Geschichte gemacht haben. Ein Buch wird so vielfältig und schillernd. Billy erinnert sich vielleicht anders als Bruce oder Graham, aber jede Sicht zählt. Diese Methode fängt ein Gefühl für die Geschichte und ihren Sinn ein, und das setze ich gern beim Schreiben ein. Aus Erfahrung lernt man am besten, denke ich, also muss man mit den Leuten reden, die dabei waren.
G.: Ich finde Billy Childish ist mit Abstand die bekannteste Figur des Buches – wie war sein Reaktion als er von den Plänen, ein Buch über die Medway Bands zu machen, erfahren hat?
I.: Billy fand das in Ordnung. Wir kennen uns, und ich denke, er hat mir da vertraut. Das ist natürlich hilfreich. Bei den Büchern über THE JAM und OASIS war das auch so. Wenn man sowas machen will, müssen die Leute, um die es geht, dir vertrauen, dass du ihre Geschichte verstehst, weil sie ihnen wichtig ist. Und das Medway Buch war für Billy sehr wichtig. Und jetzt, da er es gesehen hat, ist er zufrieden. Ich hab so vor drei Wochen bei ihm vorbeigeschaut und wir haben ausführlich gequatscht über das Buch, und auch über das Buch, an dem er gerade schreibt. Billy ist ein faszinierender Typ, und es macht Spaß, mit ihm rumzuhängen.
G.: Ist denn heute eigentlich noch was vom Einfluss der frühen Medway Bands in Chatham und den anderen Städten der Medway-Region übrig geblieben?
I.: Klar sind da Bands, die werden da immer sein, und einige haben ihre Inspirationen von THE PRISONERS, MILKSHAKES und all den anderen. Aber vor allem sind die ja auch immer noch da, und die meisten von ihnen machen immer noch was. Glenn Pragnell von den OFFBEATS nimmt mit seiner Band GROOVY UNCLE auf, Graham spielt wieder mit Allan in GRAHAM DAY AND THE FOREFATHERS, und die DISCORDS gibt‘s immer noch. Und Billy natürlich, der wird bis zu seinen letzten Tagen spielen und aufnehmen. Der kann gar nicht anders!
G.: Du hast das Buch zusammen mit Bob Collins von den Dentists geschrieben. Die meisten Bücher von dir sind in Kooperation mit einem anderen Autor erschienen. Wieso schreibst du die meisten Bücher im „Doppelpack“?
I.: Mit verschiedenen Leuten habe ich verschiedene Arten der Zusammenarbeit entwickelt. Mit Bob war das unkompliziert. Wir haben uns die Interviews aufgeteilt. Das mit Billy haben wir zusammen gemacht, an einem Tag haben wir über vier Stunden mit ihm verbracht. Das ging dann so aus, dass Billy uns zu sich nach Hause geschleift hat, um uns neue Songs vorzuspielen. Eigentlich haben Bob und ich vor allem einfach mit all unseren Freunden gequatscht, die sowieso zu all diesen Medwaybands gehören. Aber wir kennen auch verschiedene Leute, das war natürlich praktisch. Mir macht es Spaß, ein Buch mit jemand zusammen zu machen. Aber ich schreibe auch gerne literarischen Kram.
Literarisches Schreiben und Sachbücher sind schon ganz schön unterschiedlich. Für meinen ersten Roman LONG HOT SUMMER habe ich 2009 drei Wochen gebraucht. Ich denke, ein Buch zusammen zu schreiben funktioniert, wenn die Chemie stimmt. Gerade hab ich die Autobiographie für Rick Buckler von THE JAM geschrieben, als Ghostwriter. Rick und ich haben neun Monate dafür gebraucht, und sie wird zum Ende des Jahres erscheinen. Da gab’s eine Menge Interviews zu machen und zu transkribieren. Aber Rick ist ein total netter Kerl und ich bin ein riesiger Fan von THE JAM. Also war das ein großer Spaß.
Gary: Ian, vielen Dank für das Interview “The kids are all square – Medway Punk 1977-85” (ISBN-10: 0992830419) ist bei Countdown Books erschienen. countdownbooks.com
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