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Donnerstag, 13. August 2026

Schön, wenn das Kassettendeck noch klickt Pt. I


TRAMHAUS - BLISTER

„Zehn Minuten", sagt Gary. „Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt…" Bei den Temperaturen bimmelt hier gar nichts. Vielmehr bommelt alles, hängt in der Gegend rum und ist schlapp, schlapp, schlapp. Vierundzwanzigstundensiesta. Uhrenbimmeln? Nee, Gedöse und Halbschlaf. Mit komischen Bildern, Gerüchen und Tönen von Annodazumal.

Ist schon wieder 1992? Oder vielleicht 1993? Lange-Her könnte das Jahr auch heißen, jedenfalls ist es von Juni bis September in dieser olivgrünmetallicfarbenen Karre unerträglich und phantastisch zugleich. Megadreck, innen wie außen, hier sind seit Ewigkeiten Sauger und Waschanlage nicht mehr dran gewesen. Vielleicht auch besser so, der Schmutz hält bestimmt alles so gerade eben zusammen. Ein wenig Seife, und mehr als Einzelteile blieben dann nicht. Kotflügel, schräges Heck, die drei Frösche, ein paar Handvoll Postkarten der Namensgeberin, Zigarettenkippen, zerknüllte Taschentücher und andere Zeichen von Leben und jede Menge Kassetten. Kassetten. CD-Spieler, Digitaldings – alles da noch Utopie, Science Fiction, Müsste-sich-mal-einer-ausdenken.

Gut, dem Grunde nach gibt's das schon, irgendwelche Sebastians oder Karstens haben's, dafür jedoch keinen Platz mehr im Kofferraum, alles voll blinkender Technik, die man dann dem geneigten Publikum auf dem ratzigen Parkplatz der Dorfdisko präsentiert, aber hier in diesem Subsubsubuniversum spielt die Musik weiter anders. Schön aus der Zeit gefallen oder diese konservierend, festhaltend, umarmend. Magisch mechanisch. Echt.

Rack! Stets der gleiche Anfangssound, wenn durchgeladen wird wie bei der antiquierten Knarre eines James Bond-Endbosses, und dann ab mit Leiervollgas und ohne auch nur den Hauch einer Chance auf Tuning. Feinstes Mono, laut oder leise, nichts dazwischen. Irgendwann habe ich mal versucht, eine Stereoanlagenbox zusätzlich anzuschließen, so einen mit Omas Strumpfhose bespannten Holzkasten, schwer wie ein Kasten Wasser. Die hätte prima hinter den Fahrersitz gepasst, der ja ohnehin lebenszeitlich arretiert war, ob durch Rost, etwas Abgebrochenes oder etwas Dazwischengefallenes, niemand wird's mehr herausbekommen. Aber das misslang kläglich wegen der Kabellage. Farben, Phasen, alles nur Phrasen. Der Radio-Backstein ist seitdem auch nicht mehr ganz so zu versenken wie bautechnisch gedacht, dank eines alten Kulis bleibt er aber klemmen. Egal, Optik ist für Optiker.

Fenster runter gekurbelt, Gang mit Gewalt irgendwo rein, und hinein in die überhitzte Unendlichkeit, in deren Verqualmtheit und in das Geröhre des Auspuffs sich nach kurzer Zeit auch schwarzer Nebel und Teergeruch mischen. Irgendwo spritzt immer was Öliges auf was Glühendes, das ist am Ende halt Sommer.



Wäre es nicht 1992, 1993 oder irgendetwas in zeitlicher Nähe, zöge der Polo vielleicht keine scheppernde Soundfahne aus Sonic Youth, Nirvana, Pixies und all solchem Kram aus dem Probenraumwunderland hinter sich her, sondern recht passend etwas von TRAMHAUS aus den Niederlanden.

„Etwas“ ist wohl tatsächlich Blödsinn, da bisher deren „Alles“ auf einer Kassette Platz fände. Muss gerne nicht so bleiben. Bleibt es auch nicht, denn bald kommt mit "Blister" das zweiten Album der Niederländer raus. Großartig wuchtig, seltsam melodisch, kompatibel mit einer großen Bühne ebenso wie mit einem Tapedeck in einer kleinen Ratzkarre.

Die Bande aus dem Nachbarort, kleine Schreihälse und Instrumentenverprügler, ebenfalls eher magisch mechanisch, auch wenn am einen oder anderen mehr herumgedreht und nach oben oder unten gezogen wird, als das am Gerät in meinem ersten Auto jemals möglich gewesen wäre. Hat noch jemand einen Schrägheckpolo in Grün und mit Kassettenspieler, um das Setting mal auszuprobieren?

Vornehmlich dann wohl Richtung Herbst, im heißen Sommer verheddern sich Bänder schon mal sehr, sehr gerne, da hilft dann auch kein Kuli mehr.

Philipp Nussbaum

"Blister", das zweite Album von Traumhaus erscheint am 09.10., derweil die Band weltweit auf Tour ist.

Mehr Infos zu Tramhaus, dem neuen Album und Tourdates finden sich hier.

Donnerstag, 30. Juli 2026

Das große Unbehagen


JAKOB DOBERS - Signale

Senden, Empfangen, Verbindungen herstellen – dieser Prozess schimmert wie ein Leitfaden durch Jakob Dobers' neues Album „Signale“, das im April auf Staatsakt erschienen ist. Gar nicht so einfach, sich in einer durchdigitalisierten, von falschen und halbgaren Behauptungen zugestellten Welt auf den eigenen Kern zu besinnen, sich zugehörig zu fühlen zwischen all den Sendenden und ihren Botschaften.

Die Lyrics des Berliner Songwriters sind am Puls der Gegenwart, dabei reflexiv und eindringlich in ihrer situativen Bildhaftigkeit. Durchzogen von einer prä-apokalyptischen Melancholie, eher abgeklärt als verzweifelt, mit einem Rest von Hoffnung, die ein Blick in den Himmel verspricht.

Trotz gehaltvoller Textkost gehen Dobers' präzise arrangierten, atmosphärisch gekonnt verdichteten Indie-Folk-Popsongs leicht ins Ohr und laden zum Mitwippen ein. Die Musik wird zur tröstlichen Umarmung – zum Beispiel im Song „Die Nachricht“, wo er mit angerauhter Stimme singt: „Und dann kam die Nachricht, aber nicht mit der Post, an alle Bewohner: Ich glaub wir sind lost und wir sahen uns an und dann in die Gegend, verzogen die Münder, ein bisschen verlegen, denn es gab ja noch Film, es gab gutes Eis, die Winter waren seltsam und die Sommer schön heiß, wir dachten, es geht noch eine Weile so weiter, hier auf den oberen Sprossen der Leiter“.


Die Gewissheit um die Privilegien der eigenen Bubble bietet keinen Schutz gegen übermächtige existenzielle Bedrohungen, die für alle spürbar sind in klimatischen Extremen. Wie in einer Rückschau auf die verlorene Gegenwart, ohne Handlungsoptionen, ohne positive Zukunftsvisionen in einer aus den Fugen geratenenen Welt, heißt es weiter: „Und Dinge geschahen und wir konnten nur zusehen und eigentlich hatte sie niemand gewollt … überall Zeichen und überall Seher und Überblickhaber und Allesversteher, Beschreibung stand gleichwertig neben dem Wahn und viele verstummten, fingen gar nicht erst an...". Verdrängung, Eis und Filme helfen da nur temporär: "es fiel immer schwerer, die Angst zu verbergen, auch wenn man dachte, dass man gar keine hat“.

Es ist bemerkenswert, wie Jakob Dobers das große Unbehagen, was viele kennen und teilen, sich angesichts multipler Krisen im Welttheater zum Zuschauen oder Aushalten verurteilt zu fühlen, erzählerisch verdichtet. Es lässt sich intensiv nachempfinden in seinen Songs. Die unerwartete Schönheit des Lebens geht dabei dennoch nie ganz verloren: „aber manchmal reißt etwas dein Herz auf wie ein italienisches Lied“. Auch das ist irgendwie tröstlich.

Das Album Singale von Jakob Dobers ist auf Staatsakt erschienen.


Nächste Live-Shows von Jakob Dobers:

7.8. Dorfkirche Schönwalde, Schönwald im Spreewald, 20 Uhr

9.8. Fit Tankstelle Berlin, Reformbühne Heim & Welt, Berlin, 20 Uhr https://jakobdobersmusic.com/shows https://staatsakt.de/portfolio/jakob-dobers/

Lutz Steinbrück

Donnerstag, 18. Juni 2026

Schön, wenn der Flamenco-Filibuster zweimal in den Ohren klingelt!


NESTTER DONUTS - Flamenco Trash

Als Vorarbeiter Flanell mir den Link zu Obengenanntem schickte, wusste ich zunächst nicht, ob ich das durchstehen würde. Denn ich habe ganz schüchterne Ohren. Und „Maracas mit seinen Genitalien spielen“ (laut Pressetext) war für mich auch nicht vorbehaltslos ein Pluspunkt.

Aber schon startet das Phänomen mit welschem Klatschmohn (Amapola francesa), dann kommt das Wunderpulver (Cocaina), und später begegnet man der Babyschlange (mamba jovencita) plus billigem Gift (veneno barato) hinter der Düne der Perversion (Duna de la perversión). Also die Titel geben schon einen Ausblick, auf welche Reise im Sinne von Freakshow voller Snake Oil man sich begeben wird. Es rumpelt eigen-energetisch los, doch dann überrascht einen der Herr mit einer Crooning-Entsprechung zum „King“ – wobei hier speziell der Pelvis angesprochen wird, denn „Elvis wants to fuck my mom“.


Zur weitreichenden Verständlichkeit sogar in Inglés. Nestter Donut, soll das eigentlich ein Wortspiel auf Jester, den Narren oder Joker sein? Er tritt übrigens auch in nördlichen Gefilden (bspw. Rotterdam) im Schlüpper auf, denn er traktiert als Solovulkan nicht nur seine Gitarre + Stimmbänder, sondern zudem sein Drumset. In Brügge war er evtl. im Knast dafür, jedenfalls hat er einen Song „Bruges Jail Rumba“, und das Video zu „Elvis Presley“ ist punky camp as camp can be.

Neben der melodisch krachigen Gitarre umschlingen mich fürderhin Ennio-Moricone-Vibes von dieser eher Borat-artigen Stage-Persona (dicker ins Gesicht genagelter Schnauz wie bei 70er Jahre Pornos). Sein Gesangsstil kann aber auch die Kadenzierung eines canta‘ors annehmen. Der Sound klingt indes wie in einer halligen, nicht allzu großen Höhle abgegriffen. Also ein Ort, den man im Albaycín durchaus antrifft und gerade auch für „gypsy heritage“ (wieder laut Pressetext) Sinn macht (obwohl der Herr aus Alicante stammt). Das legendäre „Cemento“ in Buenos Aires hätte ebenfalls gut als Austragungsort für jene Klangakustik gepasst. Denn wie fasste dies dort ein Musiker seinerzeit sagenhaft in Worte: „Du hast Dir vor Hitze eingekackt, der Sound klang wie im Treppenhaus, und die Klos liefen permanent über!“


Ähnlich verschwitzt und olfaktorisch durchdringend gibt sich dieser Relaunch – jawollo, denn ursprünglich ist das Œuvre von 2022. Zudem mit allerlei Anspielungen, denn der Asesinato yugular (Mord durch Erdrosseln) verweist z.B. gleich auf mehrere spanische Musikpfeiler: Die Punkband Yugular aus Madrid, wie auch Globalphänomen ROSALÍA*, mit ihrem gleichnamigen Song (ohne Asesinato), der auf spanisch und arabisch die Halsschlagader umkreist. Im mystischen Sufi-Islam ein Gegensymbol zur Gottesferne, denn wenn Du Gott in der Ferne suchst, so ist er Dir doch näher als Deine Halsschlagader…

Argh. Und da sind wir dann beim inneren Lebenssaft: Denn dieser „Donut“, wobei die Betonung wohl auf nut liegt, im Sinne von nutjob, erwischt mich speziell mit seinem letzten Song: „Su sangre, mi amor“! Sein Blut, meine Liebe, wozu man sehr gut sein eigenes Jodorowsky-Mini Memorial-Epos inszenieren könnte – geht ja dank KI jetzt alles. Also lasst ihn in Eure Herzen und an Eure Gurgel „and let yourself go into the Wild Wild World of Flamenco Trash with Nestter Donuts“!

*(Die Gute veröffentlichte aus ihrem aktuellen Album LUX zuerst den Song „Berghain“ - aber ganz anders als einst bei unseren heißgeliebten Kellermiezen „The Brunettez“ und ihrem Song „Go to Berghain!“ ist dies ein orchestraler Emotionsoverkill mit deutschem Chor + Björk + Yves Tumor (der angeblich Mike Tyson zitiert), also ein grandisymphonisches Schwergewicht.)

Bit Father Out Nestter Donuts flamenco trash iost als rer-issuer auf Voodoo Rhythm Records erschienen - wo auch sonst?!

Donnerstag, 21. Mai 2026

Schön, wenn das Krokodil patrouilliert Pt. K.-IV.X


SEVEN SIOUX - ALLIGATOR PATROL

DIE ÄRZTE - waren meine erste Lieblingsband und doch habe ich es nie hingekriegt, sie mal live zu sehen. Schon schräg sowas. Ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit SEVEN SIOUX, vielleicht Österreichs Emo-Core-Veteranen No.1.

Auch von den Linzer/Wienern stehen hier etliche Platten rum. Alle, die ganz alten und die neueren, finde ich auf ihre Art toll und doch musste es erst 2025 werden, damit ich sie mal live erleben konnte.

Dabei war der Kontakt zu Sänger Rainer Krispel schon vorher da. Ich glaube, es gab da sogar mal ein Renfield-Interview. Was es sicher gab, war eine vermasselte Lesung von Rainer vor zig Jahren an einem Sonntag in meinem Lieblingskeller mit genau 1 Gast. Später haben wir dann in meiner WG noch recht betrunken den Blues auf der Akustikgitarre gespielt. Wurde wohl auch aufgenommen. Außerdem: Immer wenn ich in Wien bin und sich's ausgeht - und dass es sich ausgeht, daran wird nach Kräften gearbeitet - muss ein Kaffee mit Rainer in einem Beisl sein.



Aber SEVEN SIOUX, die waren sehr lange in den 80ern/90ern gut sichtbarer Teil einer europäsichen Hardcore-Szene, die weniger Tough guy/Youth Crew-artig als vom DIY.Spirit à la Fugazi/Dischord geprägt war. Die Linzer Vorgängerband TARGET OF DEMAND gehörte auch schon dazu und beide Namen fielen schnell, wenn es um Punkbands aus Österreich ging. Die Platten wurden gerne mal rezensiert und waren mindestens vom Namen her bekannt. Es war immer gut gemachter, intelligenter Hardcore-Punk, mit hörbarem DC-Einfluss. Das gefiel mir an SEVEN SIOUX immer sehr gut, diese etwas nachdenklichere Art von Hardcore.

Wie's bei vielen Bands dieser Zeit so lief, haben auch die Sioux eine längere Pause eingelegt, die ging bis 2006, 2007. Seitdem gibt es immer wieder neue Alben, mein Favorit dieser Phase ist immer noch die "We are not the scared people"-Platte mit dem gleichnamigen Überhit. Ein großartiges Fanal der Solidarität, was öfter gesungen werden sollte, auf Demos, auf Kundgebungen, in jedem ostdeutschen Flächenbundesland, auf jedem Schützenfest vorm Bierzelt, angesichts eines immer spürbarer werdenden Rechtsrucks in Europa.



Nun also eine neue Platte. Der Titel: Seltsam, was könnte eine Alligatorenpatrouille sein? Irgendein seltsamer Code? Ich habe auch ewig gebraucht, bis ich gerafft habe, was GORILLA BISCUITS sind, vielleicht ist auch dies hier ein Insider-Witz alternder HC-Helden. Aufklärung gibt es durch die Lyrics auf dem Innensleeve der LP. Für eine Punkband ist das eine schön im Song erzählte, und reichlich abgedrehte Story. I like.

Die Musik: Hier ist eine Kontinuität zu erkennen, und zwar in der Reihe der Alben, die SEVEN SIOUX seit 2006 veröffentlicht haben. Die Besetzung steht seitdem stabil, der Sound hat sich nicht groß verändert und das hört man auch den neuen Tracks an.
Was jetzt nicht mit boring stuff interpretiert werden soll, aber die Band weiß halt, was sie tut, wie sie klingen will und welche Songstrukturen sie nutzen und ausbauen kann. Man muss allerdings auf recht rockigen, mittelschnellen HC-Punk in der Art von SCREAM, VERBAL ABUSE oder DAG NASTY stehen, um diese Platte richtig schätzen zu können.

Wunderbar sind dabei die kleinen Details, wie die Esperanto-Radioansage auf Seite 1. Alle Songs haben diese hübschen melodischen Refrains, Rainer trägt viele der Stücke mit seiner Stimme, die immer noch guten Mischung aus Verzweiflung und Trost spendend changiert. Trostsuchend und gleichzeitig tröstend, kämpferisch und verzweifelt, das muss man auch erstmal hinkriegen. Teilweise sind die Tracks wirklich rockradiotauglich, aber wer wäre ich, der dieser Band das übel nehmen würde?

Einen Song wie "C'mon baby" beispielsweise, sollten viel mehr Menschen der Generationen X bis Z hören, bestenfalls auf dem Weg zur Arbeit. Und wenn 7 SIOUX einen punky Reggaetrack wie "Left" einstreuen, textlich mit allerlei Bandreferenzen von Freund*innen aus lang vergangenen Zeiten gespickt, dann kommt da eine angenehme Art von Pathos auf, in die ich mich mittlerweile gerne hineinfallen lasse.
Einen Hit wie "We are not the scared people" haben sie zwar diesmal nicht hinbekommen, aber das ist ja auch ein Jahrhundertzuckerl und ich bin mit dem, was sie mit Alligator Patrouille abgeliefert haben, mehr als glücklich.



Das erste Konzert von SEVEN SIOUX, das ich nun also gesehen habe, fand übrigens im gleichen Keller statt, in dem sich die desaströs besuchte Krispel-Lesung vor über einem Jahrzehnt abgespielt hat. Diesmal war der Keller allerdings voll, es war eins der schönsten Konzerte seit langem und ganz am Ende, da haben sie dann wirklich noch "We are not the scared people" gespielt. Danach war ich sehr glücklich und konnte gut ins Bett gehen.

Gary Flanell

Alligator Patrol von SEVEN SIOUX ist im Herbst 2025 erschienen, wurde von der Band selber veröffentlicht.

Donnerstag, 9. April 2026


CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende

Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?

Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.

Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.

Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.



Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.

Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.



Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.

Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)



Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.

Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.

Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?

Gary Flanell

CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.

Donnerstag, 26. März 2026

Schön wenn die Fuzzbox funzt, Pt. VII


LOS SAICOS - Demolición!
The complete recordings


Ich war wohl erst in der 3. Klasse, als mich mein Mitschüler Markus (der später Kommissar für Wirtschaftskriminalität werden sollte) aus heiterem Himmel fragte, was denn mein Lieblingssong sei. Darüber hatte ich bis dato noch nie nachgedacht. Ich wusste weder Titel noch Band, und Markus meinte, ich solle mal vorsingen. Das sei unmöglich, sagte ich, denn er bestehe aus „elektrischen Klängen“. Es war Santana, wie sich später herausstellte. Und somit eher E-Gitarren, auch wenn ich vor denen anfangs eine Heidenangst hatte. Da hatte ich wohl einen ganz frühen Musikclip nach der Abendschau gesehen, der mich bis in den Traum verfolgte, als insektenartiges Sägen, das von den Ästen eines unheimlichen Waldes herab erscholl. Dort saßen langhaarig spinnengliedrige Gestalten, die verspiegelt gekrümmte Insektensonnenbrillen trugen. Und was war das für eine Band?
Abba.

Irgendwie hat sich daraus auch später mein Fetisch für Frauen in Overalls entwickelt – und damit kommen wir dem Thema endlich näher: den Sixties. Wo ich zwar rechnerisch schon existierte, aber noch mitnichten in der Lage war, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem elektrisierte mich während meiner Teenjahre kaum etwas mehr, als diese eklektisch-elektrischen Klänge. Auskenner sagen „Garage Rock“, „Proto-Punk“ oder Fuzzrock dazu – wegen der programmatischen Verzerrerbox, zuerst 1962 bei den Ventures auf ihrem Song „The 2000 Pound Bee“ zu hören.

Und Lima ist nun wirklich eine eklektische Stadt, wo Erzbischofresidenzen in direkter Nachbarschaft von fliegenden Händlern stehen, die ein einzelnes Chamäleon an den Mann oder die interessierte Frau bringen wollen. Oder den ganzen Tag im Abgasnebel Damenkleider am ausgestreckten Arm halten, während die Prensa Chicha (Käseblätter mit leichten Mädels und schweren Geschossen) verkündet: „Sie schlitzten ihre Kehle auf und raubten ihre Niere!“.


Mitte der 60er trieb hier Jean Paul „el Troglodita“ (der Höhlenmensch) sein Unwesen, und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa (ich sage nur: „Tod in den Anden“) frequentierte derlei Etablissements wie das Boite oder die Grotta Azzurra. Insofern war das schon naheliegend, dass in diesem Ambiente ein Rudel Jungs der gehobenen Mittelschicht aus dem Viertel Lince auf geparkten Autos trommeln würde und – als Erwin Flores mit einer E-Gitarre aus Brasilien zurückkam - eine Band bildete. Anfangs noch eher zahm epigonisch auf englisch, aber sehr bald bereits energetisch-eruptiv auf spanisch. Wie bei ihrer Hymne „Demolición“ (Zerstörung). ¡Echemos abajo la estación del tren!

In Lima war man nämlich auch Avantgarde in Sachen Bahnhofsabriss, der heutige Zentralplatz San Martín befindet sich auf dem Areal einer bereits 1918 visionär abgerissenen Eisenbahnstation. Die Produzentin der Saicos überredete sie dazu, diesen Song als Single rauszubringen und flugs hatten sie bereits Fernsehshows und wurden im Radio rauf und runter gespielt – u.a als Weckruf bei „Radio Reloj“, dem Sender mit der Zeitansage (gut für den, der keine Seiko hatte). Apropos: Anfangs wollten sie sich wohl Los Sádicos (Die Sadisten) nennen, aber sie eliminierten lieber das „d“ und wurden zu „Saicos“, was zugleich den Anklang an „Psycho“ und „Seiko“ hatte, die damals enorm populäre batteriebetriebene Uhr. Wie melodisch oder proto- punky der Song jeweils ist, hängt fundamental davon ab, wer das Mikro hält: César ist der mit Schmelz, Erwin der Reibeisen-Ernie.

Der mit der „onda bestia“ - er legte auch den weitesten Weg zurück, studierte später Physik in Washington, arbeitete dann für die NASA und trat in seiner Freizeit in Bars mit Salsa und Cumbia-Bands auf. Das war auch die Musik, die er früher zumeist hörte, während er Punk viel später im Interview als „música de mierda“ bezeichnet, von Leuten ohne Ahnung, die andere Leute ohne Ahnung in Rage versetzt. Aber er sagt auch, die Saicos stünden ähnlich wie Lucy zum homo sapiens, entfernte Vorfahren, die erst durch die Rückschau zu Vorbildern werden.


Es dauerte daher auch 40 Jahre, bis der Rest der Welt von den Saicos Kenntnis nahm. Da war ihr Bassist „El Chino“ schon tot, der das Riff von „El entierro de los gatos“ (die Beerdigung der Katzen) erfand, was Erwin retrospektiv als einen Song ohne jegliches Vorbild sieht. Der sei weiland so sonderbar gewesen, dass er gar nicht in die Musikgeschichte passe. Aber „Fugitivo de Alcatraz“ (Geflohen aus Alcatraz) ist auch nicht gerade Johann Sebastian Bach und eher was für Giallo- oder Mondo-Horror Filme.

No hay nada más punk que tocar punk sin saber rayos que sea punk (Es gibt nichts Punkigeres, als Punk zu spielen und keinen Blassen von Punk zu haben). Daher zum Geleit diese Zeilen aus „Fugitivo de Alcattraz“:

Los perros siento ya muy cerca de mí /
sirenas suenan locas, suenan sin cesar /

yo pienso en tu amor y siento valor /
y sigo el sendero por el matorral /

(Ich spüre die Hunde schon ganz nah / Sirenen schrillen verrückt, schrillen ohne Unterlass / ich denk an deine Liebe und spüre Mut / und folge dem Weg ins Unterholz...)

Bit Father Out

LOS SAICOS - Demolición! The complete recordings erscheint am 27.03.2026 auf Munster Records.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Schön, wenn das Trotzdem Weiter macht, Pt. XXVI


MARIA BC - Marathon

"Zehn Minuten", sagt Gary. "Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt..." Darf man das Schicksal herausfordern, also, es wieder und wieder und wieder tun?
Irgendwann geht's schief, alles ist vorbei, und am Ende heult einer.

Andererseits: Heißt es nicht, aller guten Dinge seien drei? Unbesorgt voran also! Moment. Ist's überhaupt die mystische Drei? Hm, Gedächtnis und Nachweis weg, oh nein. Ohne Sorge ist wohl unmöglich.
Einfach weiter machen. Weiter. Machen.

Wie bei einem Marathon zum Beispiel. Gleichzeitig so sinnlos und albern als sogenannter „Sport“, an und für sich selbstverständlich allein in dieser Hinsicht wenigstens zweifelhaft, wenn nicht bereits disqualifiziert, wie auch transzendierend und in andere Sphären führend als blubbernde Mischung aus Zerstörung, Schmerz und dem schließlichen Hinfallen und Verschwundensein. Nicht gegen eine antike Strecke, sondern am Ende gegen alle Umstände, die ganze Welt, sich selbst.
Das Weiter- und das Dagegen- und das Trotzdem-Machen.

Nicht so das Einfachste, der Tage die Musik eines Amerikaners zu erkennen, denn parallel ballert per Sperrfeuer die menschenverachtende Kirmeskulisse aus Bildern und Wörtern eines immer schneller in den Wahnsinn strudelnden alten, ekligen, bösen Mannes und seiner geilen, geifernd und verschwitzt dazu tanzenden Entourage von Opportunisten, Hetzern und Faschisten, laut, billig, fies, mörderisch.

Kaum mehr etwas anderes zu hören und überhaupt nichts zu verstehen. Es aber also ganz bleiben lassen, sich die Ohren zuhalten und sich von allem abwenden, was über den erfreulich großen Teich kommt? Größtmögliche Vermeidung nicht nur von Pepsi, Google, amazon und Tesla, sondern auch von aller Kultur? Hoffen, dass dann alles irgendwie zu einer Art Schwarzes Loch wird und mit einem Knall schließlich in sich selbst zusammenstürzt? Hm.


Weiter- und Dagegen- und Trotzdem-Machen besser. Und aufpassen, natürlich.
Maria BC geht nicht mit Krawall gegen den Alptraum an. Mit schneidender Zärtlichkeit, schmerzhaft dringlich, klar, reduziert und mächtig singt und musiziert sie mit Gitarre und ein bisschen Elektrokrams inmitten des Irrsinns und stört ihn vielleicht.

Sorgen nimmt das nicht und tröstet kaum, doch es ist unüberhörbar und gibt so eine gewisse Hoffnung, u. a. nämlich die, dass im Hier und Jetzt und an viel zu vielen Orten und zu viel zu vielen Gelegenheiten zwar eine Unmenge verblödeter fetter Rednecks mit Knarre, geschniegelter Nazis oder degenerierter Päderasten sind, trotz derer es aber auch noch die Guten gibt.

Zehn Minuten, gefüllt mit Musik, wirren Gedanken, Wut, dem Gefühl von Ohnmacht, gelenkknackendem Schulterzucken, Seufzen.

Ich höre mir Marathon jetzt nochmal ohne Herrn Trump an.

Philip Nussbaum

Das Album „Marathon“ von MARIA BC erscheint am 27. Februar 2026 auf Sacred Bones Records.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Schön, wenn Ing Ferno Pt. Hä?


Gringo Verano

Der Kanon der absurden Forderungen

Volle Hallen, schweißnasses Publikum, schweißnasse Musiker. Schräge Outfits, Bier, hämmernde Beats. Wir sind ja alle Menschen, die sich auskennen in der Szene, die wissen, was gut ist im Punk. Und deshalb muss ich hier wohl niemanden Ing Ferno vorstellen, oder?
Das einzig wahre große Ding in Sachen Elektro-Punk. Diesen sympathischen wie charismatischen Typen, dem die Herzen von Frau und Mann nur so zufliegen, kaum hat er die Bühne betreten. Und um diesen charismatischen Kerl, seine großartige Musik, seine zeitlosen Lieder handelt dieses Buch.

Aber beginnen wir am Anfang, am Anfang meiner eigenen, zugegeben sehr kurzen Geschichte mit Ing Ferno. Im Juli 2025 hätte ich eigentlich bei Florian Franzus und Iris Müller in deren Garten Texte vorlesen sollen, die ich geschrieben habe. Eine liebgewordene Tradition, seit 2021 mache ich das eigentlich jährlich, einmal war auch Gary Flanell mit dabei und es war super. 2025 gibt es allerdings eine Termin-Überschneidung. Im Schlampazius im Stuttgarter Osten findet am anvisierten Tag eine Veranstaltung namens „Punk Rock Sommer“ statt, die dasselbe Publikum anzieht wie meine Lesung. ERNTE 77 aus Köln und BRUTAL BESOFFEN aus Berlin spielen vor vollem Haus großartige Gigs und meine eigene Lesung findet statt in einem Garten in Leonberg nun eben dort statt. Das ist auch super, aber darum geht’s jetzt nicht.

Vielmehr geht es um das, was nach meinem Auftritt passiert. Da betritt nämlich besagter Ing Ferno die kleine aber feine und wunderbar sommerlich dekorierte Bühne. Mit dabei hat er seinen Sidekick Friedrich Thriller. Schrille Kleidung, adrette Schnauzbärte, keine Instrumente. Die Musik kommt aus der Dose, die Show selbst sucht ihresgleichen. Es wird mitgegrölt, kollektiv geschunkelt und gesoffen, was das Zeug hält. Wer das nicht gesehen hat, sollte das mir hier vorliegende Buch lesen, um ein Bild davon zu bekommen, was eine Ing Ferno-Show ausmacht.

Gringo Verano, dem ich jetzt einfach unterstelle, dass er niemand anderes als Ing Ferno selbst ist, erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang des größten Punkrock-Künstlers unserer Zeit. Oder besser gesagt er lässt Ing Ferno selbst und viele ins Geschehen involvierte Charaktere erzählen.

Ein verliebtes Fan-Girl etwa, das alles daransetzt, das Herz des Musikers endlich zu gewinnen. Der Bürgermeister der Stadt der alles daransetzt, das Konzert, in dem es im Speziellen im Buch geht, zu verhindern und sei es mit Wasserwerfer und Polizeigewalt.

(Danke an die Plattenschau für die Bereitstellung dieses Livevideos)

Die Frau des Bürgermeisters, die im Gegensatz zu ihrem Mann, großer Fan ist, alle Ing-Ferno-Shirts bis auf eines besitzt und am allerliebsten gleich nach der Show mit dem Star durchbrennen möchte. Was sie damit zu tun hat, dass so viele der anwesenden Frauen von Ing Ferno schwanger sind ohne je mit ihm den Geschlechtsakt vollzogen zu haben, wird an dieser Stelle nicht verraten.

Ein Medien-Vertreter kommt zu Wort, ein Polizist, der privat da ist und natürlich Friedrich Thriller, der vom Pech geplagte, ewig die zweite Geige spielende Sidekick, ohne den zwar auf der Bühne nichts laufen würde, dem es aber dennoch an Wertschätzung seines Arbeitgebers fehlt. Dafür hat er eine Waffe dabei, die bei der Show auch zum Einsatz kommt. Ob sie geladen ist oder nicht, wird nicht gespoilert.

In diesem Buch wird hauptsächlich ein Abend geschildert, ein Konzert, mit exakter Schilderung, was bei welchem Song wie passiert. Wie die Fans reagieren und die Mitarbeiter*innen des Veranstaltungsortes sowie die Vorband agieren und wie sich potentielle neue Lebenspartnerinnen in die Haare bekommen. Wie eine Gruppe von fünf Punks Ausverkauf brüllt und sich, um es dem überheblichen Star zu zeigen, dem Bürgermeister und der Polizei anschließen.

H.C. Roth

Donnerstag, 22. Januar 2026

Schön, wenn die Seele noch für Rock'n'Roll verkauft wird, Pt. VI VI VI


Marquis de Coco Nut - I Sold my Soul for Rock'N'Roll

Der Jahreswechsel - jaja, gefühlt schon wieder Monate, aber faktisch noch gar nicht so lange - hat zwei interessante Seiten, die beide mit den Begriffen Neu und Alt zu tun haben: Erstens beginnt ein neues Jahr, andererseits ist ein Jahresende und -neubeginn gar nichts neues, also Jahreswechsel an sich ein ziemlich ALTer Hut. Das kennt man hierzulande, schon seit... nunja, knapp 2026 Jahren??!

Ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich vom neuen Album von Marquis de Coco Nut hörte. Auch hier gibt es Altes, was irgendwie auch neu ist.
Marquis de Coco Nut a.k.a. Coco Neubauer an sich fällt schon in diese Kategorie, denn er war in den 80ern und frühen 90ern Gründungsmitglied der LOLITAS, dieser tollen Kreuzberger Garage-Pop/Punk-Band, deren Platten ich immer ins Herzerl geschlossen habe und aus deren Asche dann später STEREO TOTAL entstanden. Lässiger alter Kreuzberger Punk-Adel erhebt also wieder das umwölkte und vielleicht auch grau gewordene Haupt.

Neubauer war lange Zeit von der Bildfläche verschwunden, lebte in New Orleans, New York, Baltimore, und landete irgendwann auf Guadeloupe. Dabei, schaut man sich die überaus fette Discographie aus Bandcamp an, hat er eigentlich immer Musik und Kunst gemacht. Musikalisch oft mit Banjo und Gitarre bewaffnet, wurden immer einzelne Songs veröffentlicht, die charmant zwischen Rock'n'Roll, Cajun und ein bißchen Calypso launig hin und herwackeln. Dort finden sich dabei einige hübsche Perlen. Wer sich schon immer frug, wie der 70er-Jahre-Hardrock-Stomper "Black Betty" in der Swamp-Rock-Banjo-Interpretation klingt, sollte hier einmal nachschauen.


Nach vielen einzelnen Tracks, allesamt mit wundervollem Artwork vom Marquie selber versehen, nun gibt es nun ein komplettes Album von Coco N. - digital, wie man es derzeit so macht und auch auf CD. Auch bei "I sold my Soul for Rock'n'Roll" passt die Alt/Neu-Dichotomie:
Denn Coco N. hat hier eine Menge ALTer und teilweise sehr bekannter Rock'nRoll-Hits NEU eingespielt: "Summertime blues", "See you later Alligator", "Hey good looking" - das sind nur ein paar der hier vertretenen Hits. Und ja, das ist so old school, das wird sicher keine jungen Menschen ansprechen, für die die R'n'R-Frühphase zeitlich ähnlich nachvollziehbar ist wie der Bau der Pyramiden. Ich hörte übrigens dereinst, dass Nofretete zeitlich näher an den ersten Elvis-Presley-Platten lebte als am Bau der Gizeh-Pyramiden - es ist also mittlerweile alles Historie.


Zurück zur neuen Platte vom Marquis de Coco Nut: 15 Songs hat er eingespielt, und recht logisch hat er einige Gäste dafür angeheuert. Das Tolle daran: Dazu wurde teilweise das alte Kreuzberger Punknetzwerk reaktiviert. Da sitzt dann Jacques Palminger beizwei Songs am Schlagzeug und Yvonne Ducksworth (Yeah, JINGO DE LUNCH und TREEDEON!), ist Gastsängerin von "Jump Jack Jive" zu hören - das ist spannend, weil dieser Old school Rock'n'Roll nicht gerade das ist, was man von ihr erwarten würde - fetzt aber wider der Erwartungshaltung.

Soundmäßig und vom Arrangement bleibt der Marquis bei allen Songs den Vorlagen treu. Das Album klingt zwar nicht wie original aus den 50ern hergebeamt, das wäre doch etwas zuviel des guten Retrogeschmacks, aber wie eine schöne simple 80er-Jahre-Rockabilly-Version davon. Ganz sanft bekomme ich dann doch beim Hören LOLITAS-Assoziationen. Insgesamt also: Schönes Ding, das angenehm kribbelnd den Nostalgie-Nerv kitzelt.

Gary Flanell

Das Album "I Sold my Soul for Rock'N'Roll" von Marquis de Coco Nut gibt's digital hier auf seiner Bandcamp-Seite.

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Schön, wenn die Front dubbt Pt.MIX


FRONT - ALBUM

Front...? Da war doch was... Zumindest Verwechslungsgefahr war da, denn es gab/gibt im Kontext von (Post-)Punk gleich zwei Bands, die so heißen. Zumindest in Deutschland, Discogs liefert darüber hinaus noch ganz andere Infos.
Aber schauen wir mal auf die beiden FRONT-Bands hierzulande: Die erste und ältere Band mit dem Namen FRONT kam aus Hamburg, Die zweite, die jüngere, aus Wiesbaden. Drt spielt der in Zinekreisen bekannte Falk Fatal etwas eckigen Punk, den ich immer in der Ecke von TREND verortet habe.

Die Hamburger FRONT waren Anfang der 1980er aktiv, haben aber gar nicht wirklich viele Veröffentlichungen gehabt. Gerade mal zwei 7inches gab es, beide auf Alfred Hilsbergs ZickZack Label herausgekommen.

Interessant ist der Kontext der Band. Denn hervorgegangen ist die Band aus den CORONERS (die sich bestimmt auch nie ausmalen konnten, dass sie mal ausgesprochen wie eine weltweite Seuche klingen würden), einer legendären Hamburger Ur-Punkband, deren legendärer Ur-Punk-Band-Status für die jüngeren Punksozialisierten sicher auf ihre beiden Beiträgen zum "Paranoia in der Straßenbahn"-Sampler basiert. Scheiß Penne und "You've got blind" wurden Anfang der 80er durch diesed Sampler nochmal zu Hits einer neuen Punk-Generation. Interessanterweise gab es von den CORONERS auch keine LP-Veröffentlichung. Da waren andere Bands aus dem Umfeld dieser Bands um einiges zielstrebiger, was Veröffentlichungen anging. Anja Huwe erzählte beispielsweise im Renfield-Interview, dass sie in den Anfangszeiten vom X-MAL DEUTSCHLAND in Hamburg mit den FRONT/CORONERS-Leuten rumhing.

FRONT war im Vergleich zu den CORONERS sperriger, aber auch grooviger, Post-Punk im wörtlichen Sinne, infiziert von neuartigeren Klängen, von denen viele damals begeistert waren. Rock wie in Punkrock war hier kaum vertreten, Punk war explodiert, für die Beteiligten wahrscheinlich ziemlich abgeraucht und nun floß Dub, Funk und Kraut mit in die Musik ein.


Es hätte bei den beiden FRONT-Singles "Alternativ City West" und "Georg" sowie ein paar Samplerbeiträgen bleiben können, die Welt hätte sich weitergedreht und FRONT wären im deutschsprachigen Post-Punk-Narrativ überhaupt nie mehr aufgetaucht. Dass es nicht so gekommen ist, ist sicher das Verdienst von Andreas Dorau. Der war und ist nicht nur großer Fan der Band, sondern auch gut bekannt mit den Mitgliedern, die in goldenen NDW-Zeiten in seiner Band spielten.
Da alle FRONT-Beteiligten bei Dorau und auch PALAIS SCHAUMBURG gut zu tun hatten, passierte das, was häufig mit guten Projekten passiert: Sie bleiben irgendwo auf der Strecke. Wahrscheinlich wurden Prioritäten gesetzt und FRONT hatte nicht so eine große. Prio. Das ist besonders schade, weil ein komplettes Album geplant war. Es gab sogar Aufnahmen, aber dann hat sich wohl alles irgendwie zerstreut...bis ins Jetzt.


Wieder ist es Andreas Dorau, der, aus Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass die Band in der deutschen Post-Punk/Indie-Erzählung so gar nicht auftaucht, mit den Bandmitgliedern die alten Bänder der Studioaufnahmen fürs Album aufbereitet. Mit Staatsakt ist dann auch schnell ein Label am Start, in dessen Rooster eine Band, die sich zwischen Punk, Dub, Funk und Kraut bewegt, nur auf große Gegenliebe stoßen konnte. Und so gibt es nun, nach 45 Jahren doch das erste Album der Hamburger Band FRONT und das klingt glücklicherweise sehr spannend und gar nicht altbacken. Aber eben auch nicht stumpf rockig, sondern sehr cool, eben wie eine gelungene Kombination der schon erwähnten Stilmittel. Gerade die Dub-Elemente (Hall hier, Echo da, also das Studio, das wie ein weiteres Instrument genutzt wird), die hier auf kantige, deutschsprachige Textstrukturen und Post-Punk-Coolness stoßen, machen das Album sehr spannend. Am besten gefallen mir FRONT immer dann, wenn sie tiefer in den Dub vorstoßen, das herrliche versponnene "Wasser (Dub)" ist ein kleines Meisterstück.

Deshalb Danke an Andreas Dorau für seinen Einsatz, diese Band wieder ans Tageslicht geholt zu haben. Und danke an Staatsakt für diese Veröffentlichung, mit der sicher einige Indie-Connaisseur*innen wirklich glücklich gemacht werden konnten. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn diese FRONT-Aufnahmen für alle Ewigkeiten in der Versenkung verschwunden wären.

Um die Sache zu komplettieren, wurden neben der LP nun auch die "Alternativ City West"-EP, die "Georg"-Single sowie die Beiträge von FRIONT zum Sampler "Lieber zuviel als zuwenig" als 10inch auf Staatsakt wiederveröffentlicht - was sicher diejenigen freut, die keine Mondpreise für ein paar alte, zerknitterte 7inches zahlen möchten.

Gary Flanell

(Bandfoto: Ilse Ruppert)

Donnerstag, 27. November 2025

Schön, wenn bunt und grau zusammen Pt.I


MAHLER / FONDERMANN - Neu, gebraucht, geliehen & verraucht

Mahler. Fondermann. Slime. Torpedo Moskau. Antikörper. Um die Dimension klarzumachen, wer hier eigentlich gemeinsam Musik macht, würde die Aufzählung der Bands, in denen die beiden involviert waren, eigentlich reichen.

Stellt sich die Frage nach der Erwartung: Klingt das gemeinsame Werk dieser beiden Hamburger Musiker komplett nach den anfangs genannten Bands? Natürlich nicht, dann wär's ja langweilig. Es kann auch gar nicht genau danach klingen (also nach klassischem HH-Deutschpunk samt inkludierter St.Pauli-Hafenstraße-Folklore), denn Stephan Mahler und Ritchy Fondermann sind ja während ihres musikalischen Schaffens noch in einigen anderen Projekten aktiv gewesen. Die teilweise nicht immer so bekannt geworden sind, aber darum geht's ja nicht. Dass diese Platte also recht vielfältig ausgefallen ist, wundert vor diesem Hintergrund nicht.

Ich muss zugeben, dass "Neu, gebraucht, geliehen & verraucht" mich beim ersten Hören nicht sofort gekriegt hat. Das kann daran liegen, dass ich nicht besonders konzentriert zugehört habe. Es ist aber auch nicht so, dass sie sofort ins Regal gewandert ist. Die Platte blieb erstmal auf dem Abspielgerät liegen und dann habe ich sie ein zweites Mal gehört. Und ein drittes Mal. Und ein viertes und ein fünftes Mal. Ihr seht, wohin das geht. Diese Platte ist ein sogenannter Grower. Eine Platte, die umso mächtiger und toller wird, je öfter man sie hört. Denn es sind viele Dinge zu entdecken, manchmal waren es auch spannende, weil unerwartete Assoziationen, die mich packten. Beim Opener "Schattenvogel" dachte ich nach den ersten 4 Takten: "Sex Pistols?", und nein, es wird dann kein typischer Rotzpunk, sondern ein wunderschönes dunkel-herbstliches Post-Punk-Stück. Video übrigens auch total toll, wurde wohl teilweise in Lappland gedreht. Sagt zumindest Ritchie.


Es gibt hier recht viele Dinge, die bei dieser Platte zusammenkommen. Manches klingt nach den WIPERS ("Trauertränen"), anderes nach TOCOTRONIC oder KETTCAR, sogar ELEMENT OF CRIME und natürlich die alte Hamburger Punkschule schimmern hier durch die nachdenkliche Atmosphäre des gesamten Albums durch. Reflexion und Melancholie zieht sich fast durch alle Songs. Gerade bei den ruhigeren, in denen Akustikgitarre und Klavier zum Tragen kommen, ist sie schon sehr wohltuend ("Neubeginn" beispielsweise).

Was bei dieser Platte noch wichtig ist: Die Jahreszeit. Ich finde, dass der Herbst als Zeitpunkt der Veröffentlichung total nachvollziehbar ist. Wenn das Ding im Sommer erschienen wäre, hätte es nicht die gleiche Wirkung gehabt.

Neulich waren Abel und ich in Hamburg im Studio von Ritchie Fondermann, um Dinge aufzunehmen. Da war auch schon Herbst. Als ich mich beim Hören dieser Platte später daran erinnerte, wie wir durch Ottensen gelaufen sind, fiel mir auf, dass hier alles passt: das MAHLER/FONDERMANN-Album, die Jahreszeit, die Stadt. Warum das so ist? Weil Mahler/Fondermann immer wieder Szenerien, die an Herbst und eher dunkle Tage erinnern (zB. in "Sturm" oder eben jenem Video zu "Schattenvogel"). Ich kann nciht genau sagen, warum, aber die B-Seite gefällt mir insgesamt ein bißchen besser. Vielleicht kommt hier die Tatsache, dass es diese Platte eben ein Grower ist, auf Mikroebene nochmal mehr zum tragen. Ich werde darüber nachdenken. Genug dunkle Tage, heißen Tee und gute Musik gibt es ja jetzt.


Beste Tracks (auch das rein subjektiv) einer insgesamt sehr tollen Platte:

EINE WOCHE (weil erst schön seltsames Noise-Gelöt, dass sich dann in einen wunderbaren Noise-Pop-Song verwandelt. Und weil Liebe.). SCHATTENVOGEL (weil spröder, aber sehr stimmungsvoller Opener). DIE KRONE (weil schöne Twang-Gitarre auf hübsch verträumte Lyrics trifft. Bekomme irgendwann seltsame U2-Gedanken. Trotzdem super). LICHT (weil top Text). ALLES HAT SINN (weil's ja stimmt. Und der Song top ist.).

Ganz vergessen: Das Cover, dieses wunderschöne bunte Cover, das dafür sorgen wird, dass du diese Platte in deinem Regal immer wiederfinden wirst und das angenehm alle befürchteten Punk-Cover-Artwork-Klischees souverän umschifft, ist übrigens von Daniel Richter. Genau, dem Künstler Daniel Richter. Kennst du nicht? Dann schau mal bei Wikipedia nach, du Baunase.

Gary Flanell

Neu, gebraucht, geliehen & verraucht von MAHLER / FONDERMANN ist erschienen auf Sterbt Alle Records.

Donnerstag, 20. November 2025

Schön wenn kurz Pt. IIIXXI

Hier mal einige Shorties von kleinen Platten, die in letzter Zeit (dehnbarer Begriff, ich weiß) oder in naher Zukunft erschienen sind oder erscheinen werden. Aber scheiß auf Tagesaktualität, das hier ist Zine und da ist sowas egal. Also los.

TAG OHNE SCHATTEN / TRUST ISSUES - Split 7inch


Manche Dinge gehen einfach gut zusammen - Rewe neben Aldi zum Beispiel. Wölfe und Bären bei der Jagd ebenso. Gleiches gilt auch für die beiden Bands auf dieser Split-7inch mit dem sehr schönen Comic-ein-bissl-wie-früher-bei-Frank-Koziks-Man's-Ruin-Cover, und dann noch rotes Vinyl, ein Traum. T/O/S bringen zweimal richtig guten deutschsprachigen Punk, schön abwechslungsreich, gut gespielt und eine angenehme Dosis an Melancholie mit Wut vermischt. Ein bissl muss ich an RAZZIA und ein bissl an PETROGRAD denken. Top!

TRUST ISSUES sind old rabbits im Punkbusiness, wie ich es Abends im Schaukelstuhl auf der Veranda meines brandenburgischen Anwesens zu nennen pflege, während ich mir nach hartem Tagwerk einen Zug aus der Meerschaumpfeife gönne und auf die gut bestellten Ländereien schaue. Ok, ich schweife ab...
JEDENFALLS: Ihre letzte LP habe ich schon sehr gefeiert und auch die beiden Songs auf ihrer Seite der 7inch sind kleine Wunderwerke. Wieder ist es SCREAM-artiger old school HC/Punk mit leicht neurotischen Noise-Rock-Tendenzen. Alles, was in den späten 80ern bis in die frühen 90er an HC-Punk geil war, dürft ihr jetzt als Referenz nehmen... naja, bis auf dieses ewig nach der gleichen Papp-Schablone klingende Melodic-Hardcore-Zeug. Wie gesagt, manche Dinge gehen gut zusammen, hier sowieso beide Bands, das Gesamtpaket ist sehr gelungen und auf dem Label mit dem tollen Namen STERBT ALLE Records erschienen.

Gary Flanell

DIE BENJAMINS „In 10 Jahren / Pas De Deux“ (Tomatenplatten)

Die Benjamins sind wieder da. Die All-Star-Band um die ehemalige Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin legt nach ihrem Debütalbum nun eine Single mit zwei nagelneuen Songs nach. Aufgenommen und produziert von Moses Schneider, live eingespielt und roh und unverputzt eingefangen. So kommt derCharme der Band gleich richtig zur Geltung. Ihr Post-Punk knarzt und kracht, direkt und unverbraucht. Und über allem natürlich Annettes unverwechselbare Stimme. In „Wer liebt dich in 10 Jahren“ besiegt sie die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft vor allem auch in der Szene und führt dem Hörer damit unverhohlen die eigene Endlichkeit vor Augen. Noch drastischer wird es bei „Pas de deux“, wo Gewalt und Dominanz in der Beziehung thematisiert werden. Da Die Benjamins ja eher als Projekt denn als Band zu sehen sind, machen sie sich leider auf Konzertbühnen eher rar, so dass dieses schöne Kleinod von einer Vinyl-Single ein prima Methadon-Präparat darstellt. Dazu schön verpackt, Platten-Junkie, was willst Du mehr?

Abel Gebhardt



CHOIR DIVISION „Open Hearts, Empty Spaces“ (Last Exit Music)

Das Format ist das gleiche, die Marschrichtung aber eine gänzlich andere. Bei der Debüt-EP „Open Hearts, Empty Spaces“ von Choir Division handelt es sich um vier Stücke klassischer Chormusik. Nur dass es sich dabe eben nicht um klassische Lieder handelt, sondern um Neuinterpretationen großer Hits von Joy Division und ihrer Nachfolgeband New Order handelt. Die düsteren, melancholischen Songs der Kultband aus Manchester eignen sich hierfür so hervorragend, dass man fast geneigt ist sich zu fragen, warum bislang noch nie jemand auf diese Idee kam. Mit „Transmission“, „Day Of The Lord“, „Isolation“ und „Bizarre Love Triangle“ gibt es auf dieser 7“ gleich vier Klassiker der New-Wave-Epoche in neuem Gewand zu hören. Das ist einerseits sehr spannend, zu hören, wie man sich diesen Kompositionen als reine Acapella-Versionen nähern kann, anderseits machen die Stücke einfach Spaß.

Abel Gebhardt

Donnerstag, 4. September 2025

Schön, wenn Schuhfabrik bleibt Pt. VIVI


JULIA BASSENGER - Schuhfabrik bleibt!

Die Schuhfabrik ist ein fiktiver Club, Treffpunk und Kulturzentrum in Wien, in dem sich allerlei bunte Gestalten aufeinandertreffen. Im Zentrum stehen dabei Marianne und ihr Freund Emil, die gleich zu Beginn in den Tod von Mariannes toxischem Bruder beim selbstinszenierten russischen Roulette verwickelt werden.

Ein rasanter Einstieg in den Debüt-Roman von Julia Bassenger, der den Leser gleich mitten ins Geschehen zieht. Man könnte hier auch von einem Episoden-Roman sprechen, denn die unterschiedlichen Protagonisten haben alle ihre eigenen Geschichten, deren Erzähl-Stränge in der Schuhfabrik zusammenlaufen. Doch diese einzelnen Erzählungen haben auch sehr unterschiedliche Tempi und Spannungsbögen, die das Lesen zu einer etwas unorthodoxen Ritt machen, der mich manchmal etwas ratlos zurücklässt.

Da explodiert gerade noch das Gehirn des Bruders und kurz darauf geht es auf den Kommunen-Spielplatz der anderen Protagonisten. Das sorgt für ein etwas arg unkonventionelles Hin-un-Her im Lesefluss. Ebenfalls die immer wieder eingestreute, aber nicht konsequent durchgezogene Wiener Mundart. Aber das mag ja auch nur für mich Piefke etwas anstrengend sein. Landsleute lesen sich da wahrscheinlich lockerer durch.

Insgesamt ist „Schuhfabrik bleibt!“ ein kurzweiliger Roman über alternative Lebensentwürfe und den Zusammenhalt einer homogenen Szene mit allen Aufs und Abs, dem manchmal ein wenig den sprachliche und literarische Feinschliff vermissen lässt, dafür aber mit Authentizität und lebensnahen Figuren überzeugen kann.

Abel Gebhard

Schuhfabrik bleibt! von Julia Bassenger (Roman, Hardcover, 300 Seiten, 22 Euro) ist bei Glitzer & Grind erschienen.

Donnerstag, 28. August 2025

Schön, wenn Egg bene dict Pt. OxO


DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN - EGG BENEDICT

Das 2025-Album der unterhaltsamsten Swinging-60ies-Indie-Soul-Pop-Retro-Vintage-Ska-all-das-und-mehr-Band des Landes. Schon der Titel klingt spitze. Ich habe keine Idee, was das sein soll, das könnte ich natürlich googlen, aber das wäre ja... schnöde.
Meine Überlegungen gehen in Richtung eines seltsamen Mixgetränks.
Ich hatte mal ein Buch mit Punschrezepten, darin gab es eine Anleitung für Kaiserpunsch, der mit rohem Ei zubreitet wurde. Puh. Ähnlich seltsam stelle ich mir Egg Benedict vor. Habe nun doch gegoogelt. Eigentlich Ei auf Brötchen mit was dazu. Sieht entgegen meiner Erwartungen recht appetitlich aus. Also, ich nehm's. Gibt's Maggi dazu?

Was ich auch gerne zu mir nehme, seit Monaten schon und über die Gehörgänge, ist das gleichnamige Album der LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN. Läuft hier schon seit geraumer Zeit sehr oft und sehr oft komplett durch, oft als Soundtrack zu ischiasbedingter Morgengymnastik. Ich kenne sie mittlerweile sehr gut, die Songs auf der Platte.

Perfekt für ein paar Dehnungsübungen im Stehen geht es flott los: Zunächst der knackige Opener und Sofort-Mitschwing-Befehl aus dem Liga-Hauptquartier "Es ist immer Sommer irgendwo", gefolgt vom großartigen Disco-Smasher "Song für die ALU" - einer der wenigen aktuellen Pro-Gewerkschafts-Songs. Denke gerade daran, dass es ja in den 70er- und 80ern sehr viele Songs über die Relevanz der Gewerkschaften gibt. Mit Solidarität und so. Sowas macht eigentlich keiner mehr, oder? Wo ist denn das alles hin? Wird in Gewerkschaften nicht mehr gesungen? Ich befürchte, falls ja, dann nur der alte Traditions-Schmonzes. Aber weiter...



"Picknick auf Schloß Mühlenhof" ist nicht ganz mein Favorit, beschreibt halt eine lustige Landparty mit Frühschoppencharakter. Das ist mir ein bißchen zu sehr Alt-Herren-Art, aber textlich durchaus gewitzt. Dem folgt "Es ist Frühling" - ein leicht sehnsüchtig-nachdenklicher Indie-Pop-Schieber. Schön, und mit gewisser Melancholie. Kann ich gut mitgehen. Mache dazu eine seltsame Dehnübung mit abgeknicktem Unterschenkel.

Zur anschließenden Streckung der Muskeln im Schneidersitz dann "Sonniges Süd Schwabing" - luftiges Instrumental mit ordentlich Pfiff und Filmsamples von Werner Enke, vermute ich mal. Für dieses "Zur Sache Schätzchen"-60ies-München hatte die Liga eh immer schon ein Faible.

Dann der Hit des Albums, nein eigentlich der Opener zu einer ganzen Strecke von Hits des Albums - "Wenn du ein Problem hast". Geht erstmal los mit einer guten Geschichte und bietet dann: die finale Lösung all deiner Probleme! Verrate sie hier natürlich nicht, hör's dir einfach an. So muss man's einfach machen. Schön, wenn Songs zu Alltagshelfern werden.



Weiter im Eier-Album. Nächster Song, nächster Hit ist "Ich geh lieber allein" - diese ganze "You'll never walk alone"-Fußball-wir-stehen-alle-Zusammen-Atmo wird hier amüsant auseinandergenommen. Perspektivwechsel im deutschen Indie-Pop kann so gut sein und wird hier zum Hohelied des individuellen Voranschreitens. Macht zuweilen Sinn. Davon ausgehend ist die Wahlmöglichkeit zu haben, alleine ODER mit der Gruppe zu gehen, dann vielleicht das höchste Privileg. Sage ich als angehender Spaziergangswissenschaftler.



Befinde mich auf der Zielgerade der morgendliche Übungen - zum Abschuß eine Plank, eine Minute schaffe ich sicher. Dazu brauche ich einen entspannten Soundtrack, also passt "Ist Gunther da?" als schunkeliger Slow-Ska-Grower genau richtig. Inhaltlich ein wunderbare Mini-Alltagsszene (Ich schließ das Fahrrad an und hab einen Song im Kopf), jamaikanisch beinflusst vertont. Soche Daily-life-Miniaturen konnte die LIGA schon immer gut. So auch hier. I like.

Jetzt abschließend ins Ruhebad: "Paare vorm Kino" ist einer von diese charmanten LIGA-Pop-Songs, die auf Alltagsbeobachtungen beruhen und daraus eine hübsche romantische Geschichte entspinnen. Das ist chanson-, fast schon schlager-artig schön. Ganz ohne leichte Grauwolke geht es aber auch hier nicht ab, denn nach dem Kino muss man fix nach Haus, weil es morgen um 5 wieder wieder zur Schicht geht. Somit auch hier wieder die Referenz zur Working class, die sich auch immer wieder in den Lyrics von DLGDGG findet, war ja auch schon bei SUPERPUNK so. Diese Anspielungen auf das unprivilegierte Leben der arbeitenden Schicht ist gut, weil sie dir eben nicht zu sehr ins Gesicht gespuckt werden. Leider etwas unrealistisch, denn wer morgens um fuckin' 5 Uhr auf Arbeit sein muss, wird am Abend vorher sicher nicht ins Kino gehen. Aber ansonsten sehr schön.

Vorletzter Song und damit fast der krönende Abschluß (auch weil hier Andreas Dorau als Gastsänger am Start ist) wäre dann "Hedy Lamarrs siebter Mann". Auch das ein Hit, der live ebenso gut ankommen wird, wie die drei vorherigen Songs der Platte. Hedy wer? Leider etwas vergessen, die Frau Lamarr, aber sicher bin ich nicht der einzige, der nach diesem Tribute mal ihren Wikipedia-Eintrag gelesen hat. Interessante Lebensgeschichte. Wäre davon ab auch ein guter Name für ein Beiserl: Café Lamarr, oh I like!

Von dort könnte man gleich für einen Absacker rüber ins "Chez Delmonico" gehen, zufällig auch der Titel des Instrumentals, mit dem "Egg Benedict" schließt. Auch wieder subtile Ska-Rhythmik, dazu angenehme CARDIGANS-artige Easy-Listening-Sounds. Genau richtig, um die Gymnastik zu beenden.

Gary Flanell

P.S.: Memo für mich selbst: Mit der LIGA ein Interview machen. Nur übers Wetter reden. Kommt in den Lyrics ja oft vor. Also warum?

"EGG BENEDICT" von DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN ist 2025 auf Tapete Records erschienen.

Donnerstag, 12. Juni 2025

Schön, wenn die Sonne nie aufgeht Pt. OOOoOOO


LAIBACH - ALAMUT

Der erste Sänger von Laibach erhängte sich kurz nach einem Auftritt in Zagreb an einem typisch slowenischen Heuschober.

Ein Schulfreund von mir glaubte, das seien so Jugo-Hillbilly-Nazis. Auch ich rätselte 1989, als ich in Jugoslawien vor dessen Zerfall weilte:
„Darob erschien Ljubljana: An den Rändern dräuten Plattenbauten und dahinter direkt die Karawanken. Womit kein hartes Reitervolk (mit geschwärzten Gesichtern) gemeint war (wie ich weiland vielleicht gedacht hätte), sondern ein 120 km langer Zug der Kalkalpen, der wohl vom keltischen Wort für „Hirsch“ (karv) abstammt. Mitten in der Stadt buckelt der Burghügel, um den die plätschernde Laibach (Ljubljanica) leiwand ihre Schleife legt. Es gibt italienisch anmutende Kirchen, französisch inspirierte Museen, eine opulente Oper plus kakanische Cafés (damals zumeist im somnambulen Zustand) - und das alles mit weniger als 300.000 Einwohnern (wie Neukölln ohne Gropiusstadt)!

Ich erinnere Ljubljana indes hauptsächlich als leicht zerkratzte Glasvitrine hinter der ganz besonders grobschlächtige Würste liegen, während draußen ein O-Bus an Drähten vorbei bullert. Gegenüber und ringsum ragten typische Tito-Kastenwürfel stumpfgrau bis dumpfbraun. Vielleicht waren es ja auch K&K-Kastenwürfel hinter einer titoesken Sparverschalung, sämtliche Ornamente abgeschlagen, abgeschliffen oder eben durch diese sozialistische Soßenglasur überdeckt. Dank des Smogs experimenteller Diesel-Gemische - aus was für jakutischen Bohrlöchern bzw. raffinierter Partisanen-Petrolschlämpe waren die bitte gebraut?

Ich weiß noch, wie ich damals überlegte, in welcher konkreten Verbindung eigentlich die Band Laibach und die Stadt Ljubljana zueinander standen. Nun, wahrscheinlich in einer ähnlichen wie besagte Gemische zum Motor...“


Sprich ein streng riechendes Treibmittel für eine reichlich individualistische Bewegung. Gerade weil besagte Band Uniformen trug und monumentale Minenarbeiterromantik mit Nazi-Todeskult sowie italienischem Futurismus Marke Mussolini kreuzte, schien sie jedweden Pathos von innen zu zerfressen. Somit ganz im Sinne Freuds die Traumata „durcharbeitend“. Sie gehörten zum größeren, losen Verbund der „Neuen Slowenischen Kunst“ (auch im Original auf deutsch) und waren in Jugoslawien von 1983 bis `87 verboten, nachdem sie bei einem Konzert zeitgleich einen Revolutionsfilm plus einen Porno im Hintergrund projizierten. Als Tito also mit einem Penis clashte, stürmte die Miliz die Bühne…

Aber das sollte dann alles ganz anders werden. „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“, wiederholt der slowenische Autor Vladimir Bartol in seinem 1938 in Triest unter dem Eindruck des Faschismus verfassten Roman „Alamut“, den er sarkastisch Benito Mussolini widmete. Alamut war die Hauptfestung der Nizariten mit dem „Alten vom Berge“ (so nannte ihn zuerst Marco Polo), dem wir die Assassinen und das Wort Haschisch verdanken – sowie viel später das Videospiel Assassin‘s Creed. Dabei war Hassan-i-Sabah auch ein großer Gelehrter (Spezialgebiet Geometrie), aber unerbittlich im Kampf gegen die Seldschuken.


Ebenso unerbittlich arbeitet Laibach, wobei sie von provozierend über propagandistisch, psychoanalytisch, bis exorzistisch vorgehen. Mittels affirmativer Überidentifizierung, so sagt jedenfalls Slavoj Žižek, der slowenische Großdenker und Laibach-Apologet. Deutsche kommen da häufig seltsam drauf (siehe oben) oder verweisen auf Rammstein, aber die Band selbst verlautbarte schon so perplex-aphoristische Sachen wie, sie seien auf die selbe Art Nazis, wie Hitler Maler gewesen sei – und Rammstein wäre Laibach für Teens. Mit dieser doppelbödigen Mixtur bespielten sie bereits Nordkorea. Nun aber steht der Iran im Fokus in ihrem Werk Alamut. Manchmal klingt das wie der Soundtrack von 2001 ohne Walzer. Epische Klangreisen von bis zu 20 Minuten Länge, die von elegischen Schichtungen (Secret Gardens) bis zu dystopischem Getöse (War) alles umfassen – ergänzt durch Farsi-Verse Omar Khayyams und Mahsati Ganjawis und natürlich Milan Fras‘ Knarzbass, der auf slowenisch verkündet: „Ich kenne weder Grausamkeit noch Gnade, ich verfolge nur meinen Plan“ (Meditation II), Fürwahr, und das passt auch wie die Faust aufs Auge zu Laibach.


Für meinen Geschmack war das früher zu bombasto-martialisch, dafür bin ich offensichtlich nicht genügend traumatisiert. Bis mich vor ein paar Jahren Mina Špiler eiskalt & glutheiß erwischte. Sie bringt mich jedes mal nahezu um mit ihrer ätherischen Halbtonsenkung am Ende von „vor Sonnen- Aufgang“, sobald sie wiederholt „die Sonne hell“, weine ich wie ein Schlosshund. Untermalt von einem Video, welches den Atomkeller in Haigerloch unter der Schlosskirche zeigt, wo ein letztes Aufgebot im NS-Staat an der Kernspaltung forschte. Der Sonnenaufgang als Atompilz – das ist eben auch Laibach für Dich!

Und wer ist heute der Führer der Nizariten? Der Aga Khan und seine jeweilige Begum (meist ein schnittiges Fotomodell)! Der reichste Erbmonarch ohne Land, denn sein Reich ist der Glaube und die direkte Abstammung von Fatima, der Tochter Mohammeds. Erst vor wenigen Wochen wechselten wir zu Aga Khan V, dem fünfzigsten Nizariten-Iman, weil sein Vater in Lissabon das Leben aushauchte. Dort steht nämlich der Diwan, der Hauptsitz der Nizariten. So now you know.

A Bit Father out

ALAMUT von LAIBACH ist auf Mute Records erschienen und kann man sich hier im Bandcamp anhören.

Donnerstag, 5. Juni 2025

Schön, wenn's Dubai pisst. Pt. 1


PISSE - DUBAI

PISSE find ich schon länger gut. Haben ja mal auf einer Releaseparty zu einer Renfield-Ausgabe gespielt. Ich fand sie damals so gut, dass ich mit ihnen ein Interview machen wollte. Das hat nicht geklappt, denn die Menschen in dieser Band waren so nett, mir den dezenten Hinweis zu geben, dass sie in Interviews nicht so gut wären. Dann hab ich das gelassen. Ich habe eigentlich auch keine Fragen gehabt, die ein Interview wert gewesen wären.

Wie ein PISSE-Interview mit totaler Verweigerungshaltung komplett in die Hose gehen kann, hat Linus Volkmann mal berichtet. Als er für ein Musikmagazin ein konventionelles Interview mit der Band machen wollte, ist die Sache total kollabiert und ein wunderbares Nicht-Gespräch entstand. Weil PISSE keinen Bock auf den Medienquatsch hatten und besser als die SEX PISTOLS das Spielchen sabotiert haben. Könnt ihr irgendwo nachlesen. Hier zum Beispiel.

Nun also neue PISSE-Album. Titel schon sehr gut, soviele Assoziationen schießen mir durch den Kopf. Die bescheuert-überteuerte Hype-Schokolade? Das Scheichtum, das Menschenrechte mit Füßen tritt und Menschen komplett ausbeutet. Bräsige Influencer, die denken, wenn man da hinzieht, schmelzen alle Probleme, die man so hat, einfach in der Wüste dahin. Sowas. Fest steht, dass der Begriff Dubai mittlerweile ziemlich negativ belegt ist. Also springt sofort die punk-kritische Assoziationsmaschine an. Gut, um allein damit schon Aufmerksamkeit zu generieren.


Das zeigt immerhin, dass PISSE immer noch einen guten Riecher dafür haben, was Aufsehen erregen kann. Das funktionierte schon mit den frühen Releases. Die halbe Welt hat den Fahrradsattel-Song zwar nicht so echt verstanden, aber trotzdem geliebt, geteilt und geliket, und bei "Work-Life-Balance" haben alle gleichzeitig höhnisch gelacht und gekotzt (ih auch!), weil soviel Wahres in dem treffend kurzen Text stand. Sowas konnten PISSE immer gut. Assoziationen wecken, indem man groteske Bilder über schnelle rumpelige Punksongs schreit. Konnte sich jeder sein Stück Hass auf das Leben im 21. Jahhundert abholen. Ich auch.

So richtig hatte ich noch nicht mitbekommen, wie die neue Platte klingen würde. Also aufgelegt. Komisch, denke ich erstmal. PISSE klingen jetzt wie eine sehr ruhige, lahme Post-Rock-Indie-Kapelle? Ist das diese Weiterentwicklung einer Band, vor der alle gewarnt haben? Falscher Alarm, das Album läuft auf 45 statt 33. Also nochmal. Jetzt klingt es schon eher nach... Punk. Ein wenig nach PISSE, eh klar, aber anders als bisher. Ist alles nicht so wirr, kurz und wütend, wie auf "Hornhaut ist der beste Handschuh", beispielsweise. So rumpelig ist das auch gar nicht mehr, simpel auch nicht. Das war ja mal ein Vorwurf: Dass die Band so tut, als könnten sie nix außer rudimentärem Deutschpunk, obwohl sie ziemlich passable Musiker sind. Mir war das egal. Die Songs waren knackig und kurz und haben dem ganzen Punk-Stuss mal etwas neues Leben eingehaucht.

Die Songs auf DUBAI erscheinen, das fällt erstmal auf, etwas langsamer. Nicht Mid-Tempo (auf 33 Umdrehungen allerdings schon), aber doch schon etwas gemächlicher, dazu auch länger. Man ballert also nicht mehr durch, lässt sich Zeit, lässt Sounds mal stehen und wagt gern mal ausgefalleneres, wenn man jetzt simplen durchgepeitschten Deutschpunk als Referenz nimmt. Aber das Schlagzeug, das achtelt immer noch so fiebrig-fickerig, wie früher. Schon schön so. Sorry, Freunde des hektischen good old PISSE-Sounds, da müsst ihr jetzt durch: Eure Lieblingsband entwickelt sich.

Eine Orgel schleicht sich durch einige Songs, und passt da auch gut hin. Aber auch kein ganz neues Phänomen, die hätte so auch auf einem FEELING B-Album drauf sein können. Mittendrin gbt's sogar ein barock anmutendes Orgelstück, damit können sie in der Kirche in Görlitz sicher die Messe füllen. Es werden also Dinge ausprobiert. Frage mich, ob da alle Fans mitgehen. Glaube aber schon.

Ich bin mir nicht sicher: Wenn mir jemand die Platte mit verbundenen Augen vorgespielt hätte, also ich mit verbundenen Augen, nicht der Vorspieler, ob ich sie als das neue PISSE-Album identifiziert hätte. Hätte mir trotzdem gefallen, ich wäre sicher neugierig gewesen. Es changiert alles zwischen frühem Punk der 80er, egal ob Ost oder West, an der Schwelle zu NDW. Meist dazu mit einem etwas melancholischen, desparaten Touch. Seltsamerweise fühle ich mich das eine oder andere Mal beim Gesang an die erste Platte von ZSD erinnert, dann auch mal an den Minimalismus von CHAOS Z oder an die Meckerigkeit von ELEGANT. Ich würde beim Blind Date auch nicht mal sagen können, ob das eine Band wäre, die aus dem Osten, Westen, Norden oder Süden kommt. Die Verortung läuft so nicht mehr und das finde ich wirklich mal schön, dass diese Einteilung in "typische" Ost-Punkband hier eben nicht funktioniert.

Alles andere auf diesem Album - wenn eine Platte und eine Band sich überhaupt daran messen lassen sollte, ob sie funktioniert - dagegen schon.

Gary Flanell

DUBAI von PISSE ist wie immer auf Phantom Records erschienen, kann man sich auch hier anhören.

Donnerstag, 22. Mai 2025

Schön, wenn du es mir gibst, baby


LA RATA - GIVE IT TO ME

Eine Graphic Novel, ein Schnelldurchlauf durch die Musikgeschichte der Frauen. Jede Doppelseite eine Kurzbiografie einer Legende. Was sie alle verbindet: der Struggle.

Begonnen im frühen 20. Jahrhundert in New Orleans, im Rotlichtviertel von Storyville, mit den ersten Schwarzen Musikerinnen, die sich gegen die generelle Unterdrückung ihrer Ethnie und zusätzlich dem alles überwachenden Patriarchat durchsetzen mussten.

Blues-Legenden wie Ma Rainey und Big Mama Thornton zeigen, wie sie ihr ganzes Wesen und Leben in die Musik gesteckt haben, sie setzten Meilensteine für die Befreiung der Frauen – und ernteten von der Öffentlichkeit und den Medien nur Häme und Niedermachung. Das Geld der zahlreich verkauften Platten ging an irgendwelche Produzenten und ihre Labels.

Gladys Bentley, die schon in den 30ern als Butch-Lesbe auftrat – mit Zylinder, Frack und Gehstock – musste sich später doch wieder der Unterdrückung beugen und sogar Östrogen einnehmen, um ein „normales“ Leben als Hausfrau am Herd für einen Ehemann zu führen.

Billie Holiday wurde durch ihren Erfolg zum Opfer ihrer eigenen Exzesse – und wegen Drogenbesitzes zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen. Aus der fortlaufenden Unterdrückung konnte sie sich nie erholen.


Neben ihr teilen auch Nina Simone, Whitney Houston, Amy Winehouse und Britney Spears diese Geschichte. Heute sind diese Frauen Bilder der Unterdrückung durchs Patriarchat – ihre Leben waren kurz und schmerzhaft. Und auch das ist eines der Merkmale, dass alle Biografien bis mindestens zu den Nullerjahren gemeinsam haben: Sie lebten schnelle und schmerzhafte Leben, geprägt von Ausbeutung und Verleugnung. Auch sexueller Missbrauch kommt in so vielen dieser Biografien vor.

Aber trotzdem kommt immer wieder eine neue Frau auf die Bühne, die der Welt einen noch größeren Mittelfinger zeigt – und noch mehr ihre vermeintlich schwache Weiblichkeit durch sexuelle Handlungen auf der Bühne preisgibt. Und sie schämt sich nicht! Sie präsentiert sich lustvoll den schockierten Augen und beherrscht in ihrer ganzen sexuellen Kraft die Bühne. Kein Mann kann ihr während der Show das Standbein absägen!

Als Ende der 70er der Punk dazukommt, vermischt sich die sexuelle Energie mit einer guten Portion roher Gewalt und Anarchismus. Eine Kombination, die am Patriarchat rüttelt – und mich als Leserin begeistert.

Durch La Ratas Give it to me habe ich einen ganz neuen Respekt gewonnen – nicht nur für die Werke der unbezwingbaren Rebellinnen, sondern auch dafür, dass ihr ganzes Leben Teil des Werkes ist. Es motiviert geradezu, all die Bürokratie und den Alltag, durch den wir uns herumöden, hinzuschmeißen – und eben doch einfach nur Kunst zu machen und die Welt, so wie sie uns gefällt …
Nichts mit: Krieg deinen Scheiß auf die Reihe … Nee!

Lass mich meinen Scheiß rausschreien – auch wenn ich nie einen einzigen Ton treffe und die Stimme am Schluss versagt.
Welchen Regeln sollen wir denn noch befolgen oder vertrauen, wenn sie immer nur der Unterdrückung gedient haben?


Die Frage nach dem Werk oder dem Künstler stellt sich hier irgendwie neu … Das Werk an sich ist großartig – aber die Künstlerin dahinter hat gekämpft! Und darum ist das Werk so stark geworden.

Das Buch trägt uns durch die Geschichte bis heute und schafft einen wundervollen Überblick über die Fortschritte, die der Feminismus bzw. die Vorkämpferinnen bereits erzielen konnten. Auf den letzten Seiten sehen wir einen Zeitstrahl über die wichtigsten Internet-Ereignisse von 2014 bis 2019 zum Hashtag #FreeBritney. Es ist ein riesiger Unterschied im Vergleich zu den anfänglichen Seiten – aber dennoch besteht der Struggle eben noch weiter.

Give it to me ist eine Graphic Novel, die es catchy auf den Punkt bringt und uns dazu ermutigt, jeder Art von Diskriminierung immer und immer wieder zu widersprechen – für die Freiheit aller Einzelnen und Andersartigen, sowie jeder Kultur, Religion, Geschlecht oder Hautfarbe.

Vicci Aurora

Give it to me von La Rata ist im Laurence King Verlag erschienen.

Donnerstag, 15. Mai 2025

Schön, wenn der Tamburinmann klingelt Pt. TBX


JOEL GION - IN THE JINGLE JANGLE JUNGLE - KEEPING TIME WITH THE BRIAN JONESTOWN MASSACRE

Es ist erst mal nicht schlimm, wenn ihr nicht wisst, wer Joel Gion ist. Vielleicht erinnert ihr euch an die lehrreiche Musik-Doku „Dig!“ von 2004, ein sich über sieben Jahre erstreckendes Doppelporträt zweier Bands von der amerikanischen Westküste: der relativ erfolgreichen Dandy Warhols und des im Vergleich dazu völlig dysfunktionalen Brian Jonestown Massacre.

Während der Film die beiden Sänger und Bandleader Courtney Taylor-Taylor und Anton Newcombe in den Vordergrund stellte und die restlichen Musiker*innen sich darauf beschränkten, indifferent, indigniert aber auf jeden Fall verkatert durch die Bilder zu schlurfen, fiel eine Figur auf, schon weil sie offenbar den besten Job von allen hatte: Joel Gion war der Tamburin-Spieler des Brian Jonestown Massacre, eine Funktion, die damals ihresgleichen nur im Tänzer Bez von den Happy Mondays hatte. Außerdem war er der treueste Begleiter des instabilen Genies Anton, dessen Aggressionen an ihm abperlten wie an Teflon. Vor allem aber schien er sich als einziger bewusst zu sein, dass er Teil eines Dokumentarfilms ist, und von Beruf Entertainer: Als gelehriger Schüler der Beatles blieb er der einzige, der immer wieder für die Kamera spielte und damit auch das Publikum um den Finger wickelte.


Von ihm kamen die Einzeiler, die die oftmals verfahrene Situation treffsicher in ein größeres Bild einordneten, darunter auch der Titel des Films: „Dig!“. Schüler der Semiotik und der African American Studies würden ihn wohl als den Signifying Monkey der Story identifizieren. Insofern löste die Nachricht, der Mann mit dem Tamburin und dem entwaffnenden Lächeln habe seine Memoiren veröffentlicht, bei mir eine klare Bauchreaktion aus: Das muss ich lesen.

Dank des Films, Youtube und Vinyl-Re-Issues bin ich mittlerweile selbst zum Fan des Brian Jonestown Massacre geworden, schätze das erste halbe Dutzend Platten hoch und verfolge das sich bis in die Gegenwart ziehende Spätwerk mit Wohlwollen. Die Dandy Warhols sind mir so egal geblieben wie am ersten Tag. Anton Newcombe ist mittlerweile in Berlin gelandet, betreibt mit einer Hand die 8mm-Bar und nimmt wie gewohnt mit der anderen Platten auf. Joel ist bis heute Tamburinmann for hire geblieben, hatte dazwischen aber auch genug Zeit, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, und ohne zu viel verraten wollen, muss ich sie empfehlen. Wer den Film kennt, wird mit einem guten Maß Wissen von hinter den Kulissen versorgt, da Joel einordnet, wie es zu bestimmten Einstellungen der Doku kam.


Und er füllt die Leerstellen dazwischen aus … soweit er kann, denn sein damaliger Lebenswandel brachte auch ein paar komplette Filmrisse mit sich. Wenn er sich aber erinnert, dann erstaunlich präzise. Dazu kommen wissenswerte Exkurse über die Underground-Kultur in San Francisco und L.A., Schnurrbärte und was sie aus Menschen machen, sowie eine Geschichte des Tamburins in der Pop-Musik. Gion schweift dabei ab, wie’s ihm passt und hält dabei einen angenehm alliterationsreichen Hipster-Stil durch, der in der Gegenkultur der amerikanischen 60er-wurzelt (die er im Kino und über Platten studiert hat), angereichert durch angelernte Britizsmen – er trifft im Buch u.a. auf The Jesus and Mary Chain und Oasis, die er bei ihren Westküsten-Gigs mit Speed versorgte.

Speed ist die Droge seiner Wahl („my spirit drug“), und wir können von Glück sagen, dass es nicht Koks, Crack, Acid, Heroin oder Schnaps war, denn so ist uns ein amüsanter, selbstironischer Erzähler mit bewundernswertem Wortschatz erhalten geblieben. Hier nur eine dieser Stellen, in der eine halbnüchterne Alltagsbeobachtung mit nonchalantem Namedropping in eine für die Band ganz normale Kernschmelze auf offener Bühne mündet:

„Later outside of Johnny Depp’s Viper Room, the sun from the Los Angeles heats sticks on like a napalm-esque physical trait, causing multiple strains of sweat: the alcohol infused, the new impending-doom-kind, and the regular sort sucked up to the skin surface by the sun with its countless invisible tentacles. I’m in a dark room. My head is spinning but in the way a hubcap rolls away from a car crash, then falls over into a wobbling spin that increases in speed until the entire band flatlines onstage in a brawl while the packed house watches in shocked amusement.”

Klar, dass solche psychedelischen Wurmsätze schwer zu übersetzen sind, so dass wir die Memoiren bis auf weiteres in der Originalfassung lesen müssen. Sollte sich aber ein entsprechender Verlag dafür interessieren, wäre ich bereit, die Sache ins Deutsche zu übertragen.


Abgesehen von seiner bis zum Ende durchgezogenen Westküsten-Prosa, bleibt Joel ein so sympathischer Erzähler, weil ihm jeder Narzissmus abgeht. Es gibt nicht viele, die sich mit ihrer Rolle als Accessoire zufriedengeben, und kaum einen, der derart darin aufging. Dahinter steckt eine bedingungslosen Hingabe zum Lumpenbohème-Lifestyle, den er und Anton im Buch „the old way“ oder auch „The Llife“ nennen und damit wohl ungefähr das meinen, was Sailor aus „Wild At Heart“ mit seiner Schlangenlederjacke ausdrücken wollte: den Glauben an ihre Individualität und persönliche Freiheit, der sich mit den Vorstellungen von Schallplattenfirmen (oder Polizei) nicht gut verträgt.

So ist Gions Buch auch ein Wegweiser für aufstrebende Musiker*innen, die keinen Bock haben, sich mit dem ersten Deal einem kapitalistischen System zu unterwerfen. Gion macht keinen Hehl daraus, dass dieser Weg nicht ohne Gefahren ist – was dazu führte, das er sich mitunter in ein paar selten dämlichen Situationen wiederfand (die im letzten Drittel für ein paar Längen sorgen, für die die Schlussstrecke jedoch entschädigt). Aber außer wenn er andere geschädigt hat zeigt er im Rückblick kein Bedauern. Und wenn ihr auch mal wieder einen dieser Abende habt, an denen ihr nicht schlafen könnt, und es keinen Platz zum Hingehen gibt, dann folgt für ein paar Seiten diesem Tamburinmann.

Eric Mandel

Joel Gion - In the Jingle Jangle Jungle - Keeping Time with the Brian Jonestown Massacre White Rabbit, 356 S., 28,50 €