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Donnerstag, 26. März 2026
Schön wenn die Fuzzbox funzt, Pt. VII
LOS SAICOS - Demolición!
The complete recordings
Ich war wohl erst in der 3. Klasse, als mich mein Mitschüler Markus (der später Kommissar für Wirtschaftskriminalität werden sollte) aus heiterem Himmel fragte, was denn mein Lieblingssong sei. Darüber hatte ich bis dato noch nie nachgedacht. Ich wusste weder Titel noch Band, und Markus meinte, ich solle mal vorsingen. Das sei unmöglich, sagte ich, denn er bestehe aus „elektrischen Klängen“. Es war Santana, wie sich später herausstellte. Und somit eher E-Gitarren, auch wenn ich vor denen anfangs eine Heidenangst hatte. Da hatte ich wohl einen ganz frühen Musikclip nach der Abendschau gesehen, der mich bis in den Traum verfolgte, als insektenartiges Sägen, das von den Ästen eines unheimlichen Waldes herab erscholl. Dort saßen langhaarig spinnengliedrige Gestalten, die verspiegelt gekrümmte Insektensonnenbrillen trugen. Und was war das für eine Band?
Abba.
Irgendwie hat sich daraus auch später mein Fetisch für Frauen in Overalls entwickelt – und damit kommen wir dem Thema endlich näher: den Sixties. Wo ich zwar rechnerisch schon existierte, aber noch mitnichten in der Lage war, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem elektrisierte mich während meiner Teenjahre kaum etwas mehr, als diese eklektisch-elektrischen Klänge. Auskenner sagen „Garage Rock“, „Proto-Punk“ oder Fuzzrock dazu – wegen der programmatischen Verzerrerbox, zuerst 1962 bei den Ventures auf ihrem Song „The 2000 Pound Bee“ zu hören.
Und Lima ist nun wirklich eine eklektische Stadt, wo Erzbischofresidenzen in direkter Nachbarschaft von fliegenden Händlern stehen, die ein einzelnes Chamäleon an den Mann oder die interessierte Frau bringen wollen. Oder den ganzen Tag im Abgasnebel Damenkleider am ausgestreckten Arm halten, während die Prensa Chicha (Käseblätter mit leichten Mädels und schweren Geschossen) verkündet: „Sie schlitzten ihre Kehle auf und raubten ihre Niere!“.
Mitte der 60er trieb hier Jean Paul „el Troglodita“ (der Höhlenmensch) sein Unwesen, und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa (ich sage nur: „Tod in den Anden“) frequentierte derlei Etablissements wie das Boite oder die Grotta Azzurra. Insofern war das schon naheliegend, dass in diesem Ambiente ein Rudel Jungs der gehobenen Mittelschicht aus dem Viertel Lince auf geparkten Autos trommeln würde und – als Erwin Flores mit einer E-Gitarre aus Brasilien zurückkam - eine Band bildete. Anfangs noch eher zahm epigonisch auf englisch, aber sehr bald bereits energetisch-eruptiv auf spanisch. Wie bei ihrer Hymne „Demolición“ (Zerstörung). ¡Echemos abajo la estación del tren!
In Lima war man nämlich auch Avantgarde in Sachen Bahnhofsabriss, der heutige Zentralplatz San Martín befindet sich auf dem Areal einer bereits 1918 visionär abgerissenen Eisenbahnstation. Die Produzentin der Saicos überredete sie dazu, diesen Song als Single rauszubringen und flugs hatten sie bereits Fernsehshows und wurden im Radio rauf und runter gespielt – u.a als Weckruf bei „Radio Reloj“, dem Sender mit der Zeitansage (gut für den, der keine Seiko hatte). Apropos: Anfangs wollten sie sich wohl Los Sádicos (Die Sadisten) nennen, aber sie eliminierten lieber das „d“ und wurden zu „Saicos“, was zugleich den Anklang an „Psycho“ und „Seiko“ hatte, die damals enorm populäre batteriebetriebene Uhr. Wie melodisch oder proto- punky der Song jeweils ist, hängt fundamental davon ab, wer das Mikro hält: César ist der mit Schmelz, Erwin der Reibeisen-Ernie.
Der mit der „onda bestia“ - er legte auch den weitesten Weg zurück, studierte später Physik in Washington, arbeitete dann für die NASA und trat in seiner Freizeit in Bars mit Salsa und Cumbia-Bands auf. Das war auch die Musik, die er früher zumeist hörte, während er Punk viel später im Interview als „música de mierda“ bezeichnet, von Leuten ohne Ahnung, die andere Leute ohne Ahnung in Rage versetzt. Aber er sagt auch, die Saicos stünden ähnlich wie Lucy zum homo sapiens, entfernte Vorfahren, die erst durch die Rückschau zu Vorbildern werden.
Es dauerte daher auch 40 Jahre, bis der Rest der Welt von den Saicos Kenntnis nahm. Da war ihr Bassist „El Chino“ schon tot, der das Riff von „El entierro de los gatos“ (die Beerdigung der Katzen) erfand, was Erwin retrospektiv als einen Song ohne jegliches Vorbild sieht. Der sei weiland so sonderbar gewesen, dass er gar nicht in die Musikgeschichte passe. Aber „Fugitivo de Alcatraz“ (Geflohen aus Alcatraz) ist auch nicht gerade Johann Sebastian Bach und eher was für Giallo- oder Mondo-Horror Filme.
No hay nada más punk que tocar punk sin saber rayos que sea punk (Es gibt nichts Punkigeres, als Punk zu spielen und keinen Blassen von Punk zu haben). Daher zum Geleit diese Zeilen aus „Fugitivo de Alcattraz“:
Los perros siento ya muy cerca de mí /
sirenas suenan locas, suenan sin cesar /
yo pienso en tu amor y siento valor /
y sigo el sendero por el matorral /
(Ich spüre die Hunde schon ganz nah / Sirenen schrillen verrückt, schrillen ohne Unterlass / ich denk an deine Liebe und spüre Mut / und folge dem Weg ins Unterholz...)
Bit Father Out
LOS SAICOS - Demolición! The complete recordings erscheint am 27.03.2026 auf Munster Records.
Donnerstag, 20. März 2025
Schön, wenn Garagepunk komisch spricht Pt. BEESVVAXXXX
NUNOFYOURBEESWAX - HABLO RARO
Fast!
Hätte ich NUNOFYOURBEESWAX letztes Jahr live gesehen! Und das nicht mal in Berlin.
Verrücktes Leben: Da gibt es wirklich Bands, die Leute manchmal fast live miterlebt hätten. Das Dasein auf dieser Welt hät doch immer neue Überraschungen bereit.
Letztes Jahr habe ich zu Regenerationszwecken einige Tage in San Sebastian verbracht. Wunderbare Stadt, vor allem wegen der malerischen Buchten, Strände, Berge. Alles toll, also. Ich ging spazieren, lag im Sand und las ein Buch. In einem gut sortierten Plattenladen kaufte ich ein T-Shirt, in einem anderen, weniger gut sortierten Laden eine Live-Platte von SO MUCH HATE. Da wurde mir nochmal klar, wie Punk die Globalisierung schon früh drauf hatte: Das Live-Album ist nämlich in der Your Choice-Live Series erschienen. Your Choice war ein Label aus NRW, glaube ich. Die Livemitschnitte allesamt Sahne. Also, ein Label aus Deutschland veröffentlicht eine live aufgenommene Platte einer norwegischen Band und die wird mir 36 Jahre später in einem Plattenladen im Baskenland in die Finger gespült. Es wäre nachzuforschen, wie sie dort hingekommen ist. Eigentlich eine subkulturelle Flaschenpost.
Mein subkulturelles Erleben beschränkte sich ansonsten auf den Besuch eines Mini-Festivals mit MUDHONEY und drei baskischen/spanischen Bands, deren Namen ich leider vergessen habe - bis auf eine. MELENAS, eine reine Frauenband, die mir vor allem deshalb sofort sympathisch war, weil sie ihren Gig zunächst ohne Gitarren eröffnet haben. Nur Synthie, Bass, Schlagzeug und Gesang, es war wunderbar, denn die beiden Bands davor, deren Namen ich nun wirklich nicht mehr im Kopf habe, waren halt so typische Alternative-Rock-Indie-Emobands.
Die eine noch ganz jung und offensichtlich noch gar nicht so ausgereift (beendeten ihren Gig aber mit einem recht guten PINK-Cover), aber genau deshalb auch grundsympathisch. Die zweite, puh, das war anstrengend, denn das war so eine reine Männertruppe mittleren Alters, die so ganz wütenden brachalen Noiserock drauf hatten, dazu zwei Schlagzeuger, die orginal komplett dasselbe gespielt haben. Warum? Keiner weiß es. Dann noch ebenjene MELENAS, so viel Wave-artiger und spannender, auch wegen der fetzigen Coverversion von GRAUZONEs Eisbär. Auf spanisch: OSA POLAR.
Über MUDHONEY weiß ich nicht viel besonderes zu berichten, denn sie waren routiniert und souverän. So routiniert, dass ich mich gefragt habe, ob sie überhaupt wissen, in welcher Stadt sie gerade sind, oder ob das komplett egal ist. Was auch wiederum egal ist. Das war also mein einiges Konzerterlebnis im Urlaub in San Sebastian 2024. File this segment under holiday memories.
Es hätte noch ein Konzert dazukommen können, denn in den Zeitraum meines Urlaubs begab es sich, dass auch NUNFYOURBEESWAX in Spanien unterwegs waren und in San Sebastian Halt gemacht haben - gemeinsam mit THE GORIES.
Ja, ich weiß. Sowas sollte sich niemand niemals nicht entgehen lassen. Allerdings: Es war der Abend vor meiner Abreise Richtung Barcelona, die am nächsten Morgen sehr früh vonstatten ging. Und da ich mittlerweile zu ausgedehnten Ruhephasen im Vorfeld von An- und Abreisen neige... bin ich mit der Taschenbuchausgabe der gesammelten Briefkorrespondenz von Hunter P. Thompson auf dem Gesicht in meinem Herbergszimmer eingepennt. In der Youtube-Playlist das "Memphis Underground"-Album von Herbie Mann in Dauerschleife.
Aber von nun an war der Kontakt zu NUNOFYOURBEESAX da, und jetzt liegt ihr drittes Album hier auf dem Plattenspieler und dem Schreibtisch (wechselweise mit einer Platte von DEAD MOON und "Frenching the Bullies" von THE GITS). So ganz unbekannt war mir die Band vorher nicht, schließlich kann man sie immer wieder mal live in irgendwelchen Berliner Kellern sehen. Nun also neue Platte und alles, was irgendwie den Ruch von Garagerock/Punk hat, finde ich immer noch spannend und deshalb dieser Text.
Also gleich mal die Katze aus dem Sack: "Hablo raro" ist ein sehr erfrischendes Stück Garagepunk geworden. Das, was mal in den 60ern in dieser Art gespielt wurde, auf Nuggets- und Pebbles- und Backfromthegrave-Samplern zusammenkompiliert wurde, findet sich hier in modernisierter Art wieder. Dazu sicher das prägnante Erbe einiger südamerikanischer Garagebands wie LOS SAICOS. Diese mit den BUZZCOCKS, COATHANGERS, CRAMPS, LOLITAS und WHITE STRIPES in einen Mixer geworfen - fertig ist die stürmische-fiebrige, dich unmittelbar treffende Garagerock/Pop-Punk-Chose. Flott, tanzbar und sehr gute Laune verbreitend.
Was mir an den Songs auf "Hablo raro" so richtig gefällt, ist der Fakt, dass es eine Punkplatte ist, der dieser typische, RAMONES-artige Punksound fehlt. Die Gitarre ist kaum verzerrt, auch dieser harte Downstroke-Anschlag ist nicht da und das macht alle neun Songs zu einer angenehm luftigen und rhythmisch sehr tanzbaren Angelegenheit. Manche werden das Lo-Fi nennen, und vielleicht ist es das auch, aber die Tatsache, das die Band sich für diese Art von Sound entschieden hat, hat wenig mit mangelndem Technik- oder Equipment-Ressourcen oder Know-How zu tun, sondern war sicher eine bewusste Entscheidung und das finde ich wiederum äußerst charmant.
Schon das Intro, in dem das Stimmen der Gitarrensaiten die Zuhörer*innen darauf vorbereitet, dass NUNOFYOURBEESWAX sich gerade darauf vorbereiten, den Soundtrack für eine Party, für deine Party also, abzuspielen: Ich bin der Meinung:"...das ist Spitze!" (Hans Rosenthal, 1982)
Und dann noch Don Fury! Ich hab's kaum geglaubt, gerade den in den "Hablo Raro"-Credits zu finden! Erstens wusste ich gar nicht, dass Fury noch als Produzent o.ä. aktiv ist, und zweitens hätte ich ihn sicher nicht als Mastering-Mensch für eine Garage-Punkband erwartet. Aber nun, der Name steht da auf dem Backcover und es wär schon schräg, wenn es ein komplett anderer Don Fury wäre, als die Hardcore-Produzentenlegende aus New York.
Wo gerade von Back- und Frontcover die Rede ist... Auch das Coverartwork von Johan Schreier ist wunderbar: Bunt wie ein 80er-Jahre-Teenage-Bubblegum-Comic, bissl an frühe Punkscheiben wie von THE MODERNETTES erinnernd und somit in sich auch sehr passend zur Musik.
Festzustellen bleibt: NUNFYOURBEESWAX haben hier eigentlich nur Hits ins Vinyl gepresst und wer nur ein bißchen was mit der Art von Rockmusik anfangen kann, die die Silbe Garage in sich trägt, sollte sich HABLO RARO geben - egal ob auf Spotify, Bandcamp oder im Plattenladen eures Vertrauens.
Gary Garage Flanell
HABLO RARO ist über die Bandcampseite von NUNOFYOURBEESWAX erhältlich.
P.S.: Beste Songs? "All I Know" - so ein richtiger Hüftschwinger mit geilem Gitarrenthema, das mich an einen südamerikanischen Garagerock-Kracher erinert, dessen Name mir aber partout nicht einfällt. Und zweitens: "Never will" - ein unglaublich süßes Stück Pop-Punk, es gibt nichts schöneres, um die B-Seite dieses Album zu beenden.
Labels:
Berlin,
Garage Punk,
Garage Rock,
Gary Flanell,
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Nunofyourbeeswax,
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Review,
San Sebastiaon
Samstag, 6. Januar 2024
Schön wenn Garagepunks noch Garagepunk machen Pt. XIIX
Japanischer Garage-Punk hatte schon immer eine ganz eigene Faszination. Das lag sicher zum einen an der für europäische Hörer recht überdrehten Performance
und nunja, grellen, fast comicartigen Interpretation von Rock'n'Roll und Punk. Das hatte und hat immer großen Unterhaltungswert, dafür muss man sich nur mal auf einen Gig von GUITAR WOLF begeben. Und sicher liegt's manchmal auch an den Lyrics, die oft gar nicht zu verstehen waren, selbst wenn klar war, dass da irgendwie auf Englisch gesungen wurde. Was aber auch wieder egal war, denn: Einen Scheiß drauf geben, ob dich jemand versteht oder eben auch nicht nicht, das war Punkrock.
Neben GUITAR WOLF gab es noch die in den 90ern recht präsenten TEEN GENERATE aus Tokyo, die unzählige Singles und LP's auf Labels wie Crypt oder Estrus rausgebracht haben. Wer "Wild Zero", das Rock'n'Roll-Wunderwerk im Filmformat, gesehen hatte, der kannte auch diese Garage-Punks.
Was aus denen geworden ist? Gebe zu, dass ich mich das in den letzten Jahre kaum gefragt habe. Die werden schon irgendwo sein, aber eben nicht in meiner Lebenrealität, dachte ich.
Eine hübsche Überraschung, dass nun die ANGEL FACES (nicht zu verwechseln mit der ähnlich klingenden französischen Band aus den 80ern) um die Ecke kommen, denn damit schließt sich der Kreis zu TEENGENERATE. Deren Gitarrist Fink hat nämlich, so scheint es, eine neue Crew um sich geschart und jetzt haut man gleich mal ein knackiges Album und eine 7inch raus.
Musikalisch ist klar, wohin es geht, die machen jetzt keinen Glee-Doom oder experimentellen Wurst-Wave. Sehr frischen Garage-Rock präsentiert man. Als wäre es immer noch Mitte der 90er, die Lederjacke und das Ramones-Shirt in Größe M würden immer noch passen und Chucks wären immer noch das, was als Gesundheitsschuhe durchgehen würde.
Die Gitarre klirrt wunderbar schrammelig-dünn und früh-punkrockig, eigentlich alle Songs haben ein ordentliches Tempo und der Gesang von Hercules (SO muss ein*e Sänger*in heißen! Eigentlich sollte es in jeder fuckin' Garageband eine Person namens Hercules geben. Grüße an dieser Stelle an die Cockbirds. Habt alles richtig gemacht.) ist angenehm struppig.
Bei manchen Chören muss ich glatt an müllige TOY DOLLS nennen, ohne dass der Gesang zu Olga-esk wird. Ansonsten regieren Ramones-Riffs und - TEEN GENERATE-Beats, alles schön billo, aber nie so lederartig finster wie GUITAR WOLF, sondern sehr gut gelaunt, also wie gemacht für eine richtig geile Punkrock Party. Bei "I can't stop" gönnt man sich sogar eine Reminiszenz an Chubby Checkers Twist - twistig wird's dann aber doch nicht.
Das schöne ist nun einfach, dass das zwar alles wieder erkennbar ist, aber soviele Bands, die diesen Stiefel fahren, gibt's auch nicht mehr. Von daher große Freude, dass Fink und seine Bande am Start sind. Fast schon beruhigend sowas. Hoffentlich gibt's ANGEL FACE bald mal live zu sehen. Ich komm dann rum.
C auf der 26,5-teiligen bewertungs-Skala aus dem Renfield-Universum.
Gary Flanell
Das selbstbenannte Debut-Album vom ANGEL FACE ist auf Slovenly Records erschienen.
Donnerstag, 15. Februar 2018
Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. VIII
Die Klappe zu dieser Gruft wurde schon länger nicht mehr geöffnet. War eben keine Zeit, sorry. Anderer Dinge mussten getan werden, nochmal sorry. Anderes musste geschrieben werden, nochmal sorry. Sorry, sorry, sorry.
Und ja, ein wenig fehlte es auch an Motivation. Woran es nicht fehlte, war Material. Würde ich mich anstrengen und täglich fleißig recherchieren, dann könnte ich wohl jeden Tage hier eine Rezension reinhacken. Aber dieses routinenhafte Besprechen geht mir leider gerade sehr gegen den Strich und vieles, was besprechenswert wäre, ödet mich derzeit unglaublich an.
Vielleicht ist es etwas schwer zu verstehen, aber anstatt überall Promoexemplare von irgendwelchen Bands abzugreifen (und dann vom für die Promotion zuständigen Labelmenschen noch drei Bands aus dem Rooster der Plattenfirma dazugeschmuggelt bekommen, die noch weniger interessieren), mit dem nie ausgesprochenen Versprechen, die dann auch zu rezensieren, tue ich derzeit lieber das, was mal irgendwann hinter dem Schreiben über Musik stand: Musik hören. Konsumieren, ja wirklich. Ganz korrekt in den Plattenladen gehen und eine Vinylscheibe kaufen, statt über diverse Wege ein liebloses Ansichtsexemplar zu schnorren.
Ich konsumiere also derzeit wieder Musik. Ich höre sie wieder. Wähle dabei mehr aus, weil das für mich derzeit der einzige Weg ist, mit der Masse an Veröffentlichungen umzugehen. Masse macht es nicht mehr. Schlicht und einfach und mache mir keinen Kopf darüber, was ich dazu schreiben könnte oder wie ich sie wo popkulturell einordnen könnte. Das ist ein gutes Gefühl.
Ich möchte nicht mehr zu Architektur tanzen, sondern eben wieder zu: Musik.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Eine davon ist "Standby me", die neue Platte von den MALADROITS aus Schopfheim (Never been there). Jedenfalls aus der Gegend da unten in Süddeutschland. Fürs Ox habe ich mal vor Jahren eine Rezension über eine ihrer Platten geschrieben und war ganz entzückt von dem Garagesound, den sie da abgeliefert haben.
So viel hat sich seit Sommer 2013 nicht verändert. Ok, anderes Label (Flight 13), möglicherweise jetzt auch größerer Bekanntheitsgrad, aber das Fundament ist immer noch quirlig-hektischer Garage-Punk, wie ihn die BRIEFS und SHOCKS auch gut können oder konnten. Ab und an scheint es aber doch so zu sein, dass die Maladroits, ihren Sound etwas erweitert haben: "No heart/No soul" hat eher was von all diesen englischen Indie-Pop-Bands "of 2005". HOT HOT HEAT, ART BRUT, FRANZ FERDINAND etc, wenn ihr wisst, was ich meine. Ähnliches gilt für das daran anschließende "Afterhour". Da blitzt also ab und zu mal was auf, das den Garage-Kosmonauten in einen anderen Orbit schießt. Das Bild vom Garage-Kosmonauten habe ich mir nicht ganz allein ausgedacht, der ist eher ein blitzgescheiter Hinweis auf das hübsch gestaltete Cover. Das wäre dann doch wieder ein Anreiz, wie Otto-Normal-Musikhörer in den Plattenladen zu gehen und nach der neuen Vinyl-LP der MALADROITS zu fragen - ohne auf anbiedernde "Haste mal n Promo-Exemplar"-Masche machen zu müssen.
Gary Flanell
(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala
TEH MALADROITS - STANDBY ME
Flight 13 Records, 2017
LP/CD
Wo ich gerade davon sprach - 10 oder weniger Platten, die ich in letzter Zeit sorgfältig und immer wieder höre und für deren Vinylversionen ich durchaus im Plattenladen meines Vertrauens eine Bestellung aufgeben würde. Werde. Schon getan habe.
1. Algiers - The Underside of Power
2. Lebanon Hanover - Tomb for two
3. The World/Inferno Friendship Society - The Anarchy and the Ecstasy
4. Jack of none - Who shot Bukowski?
5. Balg - The heavy listening
6. Voodoo Jürgens - Ansa Woar
7. Jo Strauss - Berlin stirbt
8. Boy Division/Venus Vegas - Warsaw Split-7inch
9. Zea - The Beginner
10. The Ting Tings - We started nothing
Und ja, ein wenig fehlte es auch an Motivation. Woran es nicht fehlte, war Material. Würde ich mich anstrengen und täglich fleißig recherchieren, dann könnte ich wohl jeden Tage hier eine Rezension reinhacken. Aber dieses routinenhafte Besprechen geht mir leider gerade sehr gegen den Strich und vieles, was besprechenswert wäre, ödet mich derzeit unglaublich an.
Vielleicht ist es etwas schwer zu verstehen, aber anstatt überall Promoexemplare von irgendwelchen Bands abzugreifen (und dann vom für die Promotion zuständigen Labelmenschen noch drei Bands aus dem Rooster der Plattenfirma dazugeschmuggelt bekommen, die noch weniger interessieren), mit dem nie ausgesprochenen Versprechen, die dann auch zu rezensieren, tue ich derzeit lieber das, was mal irgendwann hinter dem Schreiben über Musik stand: Musik hören. Konsumieren, ja wirklich. Ganz korrekt in den Plattenladen gehen und eine Vinylscheibe kaufen, statt über diverse Wege ein liebloses Ansichtsexemplar zu schnorren.
Ich konsumiere also derzeit wieder Musik. Ich höre sie wieder. Wähle dabei mehr aus, weil das für mich derzeit der einzige Weg ist, mit der Masse an Veröffentlichungen umzugehen. Masse macht es nicht mehr. Schlicht und einfach und mache mir keinen Kopf darüber, was ich dazu schreiben könnte oder wie ich sie wo popkulturell einordnen könnte. Das ist ein gutes Gefühl.
Ich möchte nicht mehr zu Architektur tanzen, sondern eben wieder zu: Musik.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Eine davon ist "Standby me", die neue Platte von den MALADROITS aus Schopfheim (Never been there). Jedenfalls aus der Gegend da unten in Süddeutschland. Fürs Ox habe ich mal vor Jahren eine Rezension über eine ihrer Platten geschrieben und war ganz entzückt von dem Garagesound, den sie da abgeliefert haben.
So viel hat sich seit Sommer 2013 nicht verändert. Ok, anderes Label (Flight 13), möglicherweise jetzt auch größerer Bekanntheitsgrad, aber das Fundament ist immer noch quirlig-hektischer Garage-Punk, wie ihn die BRIEFS und SHOCKS auch gut können oder konnten. Ab und an scheint es aber doch so zu sein, dass die Maladroits, ihren Sound etwas erweitert haben: "No heart/No soul" hat eher was von all diesen englischen Indie-Pop-Bands "of 2005". HOT HOT HEAT, ART BRUT, FRANZ FERDINAND etc, wenn ihr wisst, was ich meine. Ähnliches gilt für das daran anschließende "Afterhour". Da blitzt also ab und zu mal was auf, das den Garage-Kosmonauten in einen anderen Orbit schießt. Das Bild vom Garage-Kosmonauten habe ich mir nicht ganz allein ausgedacht, der ist eher ein blitzgescheiter Hinweis auf das hübsch gestaltete Cover. Das wäre dann doch wieder ein Anreiz, wie Otto-Normal-Musikhörer in den Plattenladen zu gehen und nach der neuen Vinyl-LP der MALADROITS zu fragen - ohne auf anbiedernde "Haste mal n Promo-Exemplar"-Masche machen zu müssen.
Gary Flanell
(F) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala
TEH MALADROITS - STANDBY ME
Flight 13 Records, 2017
LP/CD
Wo ich gerade davon sprach - 10 oder weniger Platten, die ich in letzter Zeit sorgfältig und immer wieder höre und für deren Vinylversionen ich durchaus im Plattenladen meines Vertrauens eine Bestellung aufgeben würde. Werde. Schon getan habe.
1. Algiers - The Underside of Power
2. Lebanon Hanover - Tomb for two
3. The World/Inferno Friendship Society - The Anarchy and the Ecstasy
4. Jack of none - Who shot Bukowski?
5. Balg - The heavy listening
6. Voodoo Jürgens - Ansa Woar
7. Jo Strauss - Berlin stirbt
8. Boy Division/Venus Vegas - Warsaw Split-7inch
9. Zea - The Beginner
10. The Ting Tings - We started nothing
Donnerstag, 26. November 2015
Renfield - The reviews Pt. 2758
26. November 2015. Renfield-Magazin Nummer 31 ist gerade knapp eine Woche raus. Das Fest zur Veröffentlichung war rauschend, auch dank der netten Bands KÜKEN und RAZOR CUNTS Und , nicht zu vergessen, dank des famosen DJs Angelika und seinem spontan eingerittenen Sidekick.
Weil das Heft so picke-packevoll mit geilen Stories geworden ist, wurden ein paar Rezensionen auseelagert. Aber nicht auf dem Müllhaufen der in Ehren vergessenen Tonträger, sondern hier und jetzt - auf den Blog.
ACID BABY JESUS – Selected Recordings (Slovenly)
Yeah, du. Voll verdrogte Hippiekacke mit übersteuerten Höhen, die dir mal echt einen fetten Horrortrip verpassen, man. Morgens vor der Arbeit eine echte Herausforderung für den Biorhythmus. Aber: Nach Feierabend und in entgrenzter Runde, in der man sich unbekleidet nachrennt und versucht, die anderen mit den primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen abzuklatschen, ist das tatsächlich recht kurzweilig zum einen, nicht unerheblich hypnotisch defokussierend für die dann erforderlichen Verschnauf- und Inhalierpausen zum anderen. Ein wenig aus der Zeit gefallen, ein ganz kleines bisschen zu plakativ, aber yeah, du, wenn wir erst alle verschmolzen sind wie die Klumpen in der Lavalampe doch immer noch so easy, du. Philip Nussbaum
DER FEIND - 7inch (Bleeding Heart Nihilist)
Herr Harley, es ist mir eine Ehre. Der werte Chef schickt mir die erste 7“ ever, und dann ist es nicht irgendetwas, sondern eben das Ihre Machwerk. Rumms. Noch Fragen nach dem Abspielen? Nö. Danke, weitermachen. Da gibts mit Anlauf auf die Fresse und das unglaublicherweise gleich acht Mal auf einer popeligen Single, so lässt es sich leben in all der ankotzenden Unlebbarkeit. Faster faster! Kill kill kill! Zum Beispiel eine Pussycat, aber nur zum Beispiel und/ oder als Anfang. Herr Harley, ich ziehe meinen Hut vor Ihrer vehementen Kriegsführung, Gefangene sind tatsächlich überbewertet und stehen eh meistens nur im Weg herum. Sehr gerne biete ich eine Koalition an, denn als Feind möchte ich Sie gerade nicht so gerne. Philip Nussbaum
East Ends – What’s the furthest place from here? (Homebound Records)
Auch in Menden weiß man: Eine Zwei-Mann-Kapelle muss nicht unbedingt billigen Garage-Trash dudeln. Vielleicht sind die East Ends Deutschlands erstes Emocore-Duo. Oder einfach ein Duo, das Popsongs schreibt, denn eigentlich ist es Popmusik. Einfach nur schlichte, von Gitarren getragene, gute Popmusik. Sowas wie Jimmy eat World oder die Get-Up-Kids oder wer sich sonst so ins Emo-Diary eingetragen hat, in den 90ern gemacht haben. Nur halt zu zweit. Da klingt natürlich alles ein bisschen reduzierter, aber schlecht ist das nun nicht. Auch der Schulband-Alarm bleibt nach dem Textstudium seltsamerweise ganz aus. Sowas wie „Is it light depression or just some dark days?” kann man durchaus mal schreiben. Und singen. (G) Gary Flanell
Loser Youth – Livin‘ la vida loca – LP (amsa-records.de)
Der Trend geht zum einseitigen, warum auch nicht? Deshalb hat Hamburgs Verlierernachwuchs alle ihre neun Songs auf eine Seite einer neongrünen Vinylplatte gepackt. Reicht ja auch, wenn man ultraschnelle Deutschpunkhacker spielt. Ist aber nicht der klassische, schon etwas miefige Asi-Dicke-Männer-Deutschpunk, sondern eher so eine hektische HC-Kante. Man ist hörbar sauer auf alles und jeden und hält nicht hinterm Berg damit. So schnörkellos hingerotzt gefällt mir das besser als manche Band, die den hundertsten Turbostaat-Abklatsch liefert. Der Titel in Zusammenhang mit dem Cover (Band auf Spielplatzschaukeln, gelangweilt guckend) zeigt, dass die Herren auch im GK Humorverständnis fleißig mitgemacht haben. Und ein Refrain wie „Astrologie ist wichtiger als Geld“ sowieso. (F) Gary Flanell
METEORIT - Tape (Greatberry Tapes, Kassette)
Beim Zivi haben wir einen Typen gefahren, der sich die Augäpfel rausgedrückt hat, um Farben zu sehen. Er konnte „Kassette“ und eine Zusammenschleifung von „Ivona“ (seine Mutter) und „Tischlampe“ sagen. Ich hätte auf ihn hören sollen. METEORITs Best of wäre in anderen Bewertpostillen unzweifelhaft die „Schönheit der Ausgabe“. Ein kopfstehendes Reh als Cover, lustige Stickerchen der Band als Gimmick und zwölf deutschsprachige Poppereien aus den beiden für Ömme kriegbaren Alben der Musikanten. Gewinnerding für Die Sterne- und Geschichtenmittieren-Möger. Und sicher auch für Augäpfelrausdrücker. Philip Nussbaum
MOVIE STAR JUNKIES – Evil Moods (Voodoo Rhythm Records)
Nick Cave goes "Die Straßen von San Francisco" und meets there ein paar Typen, die mit ihren Instrumenten das eine oder andere Noisige anstellen. Draußen ist's grad was kühl, also geht man mal zusammen irgendwohin und haut sich da ein paar Flaschen Kaffee in den Kopp. Großstadtinderspätsommersonnesoundtrack. Mit deutschen Landschaften leider irgendwie inkompatibel, so dass vorzuschlagen ist, den musikalischen Film um sieben Uhr im abgedunkelten Verwaltungsbüro oder kurz nach Mitternacht während einer Autofahrt auf einer Pottbundesstraße laufen zu lassen und sich die passende Beleuchtung vorzustellen. Philip Nussbaum
PRECIOUS FEW – Tales (Tumbleweed Records)
Wäre es ein etwas hochstimmiger Sänger, dann hätte es vielleicht sogar etwas. Vielleicht wenigstens. Tatsächlich ists aber eine etwas tiefstimmige Sängerin, und es fehlt etwas. Textlich einfach drauf los, überwiegend in schön sperrigem und reimfreiem Denglisch, hauptsächlich ohne relevante Story, aber was solls. Das ist nicht der Punkt. Das musikalische Gesamtpaket ist nicht wirklich sympathisch, was folkigem Singer-/ Songwriterkram mit seiner Lagerfeuernähe doch recht leicht fallen könnte. Spröde? Hm. Ja? Nö. Beim Drübernachdenken und Nichtseinfallen zum schön schick verpackten und klanglich völlig okayen Promoteil aus dem Hause Tumbleweed bleibt’s bei einem leidlich interessierten Vielleicht. Philip Nussbaum
Resolutions/Up for Nothing –Split 7” (Homebound Records)
Eine Band aus Hannover (nein, nicht die Scorpions incognito) und eine aus Brooklyn (nein, nicht die Beastie Boys incognito) teilen sich diese schneeweiße 7inch. Je zwei Songs gibt es und auch gewisse Gemeinsamkeiten – ist nämlich alles Punkrock mit Herz. Also Emo-Core und das um Viertel nach 9 am Montag. Ebendie Art, wie man sie oft auf No-Idea-Releases oder beim FEST in Gainesville hören kann. Bißchen rauh, bißchen melancholisch und nachdenklich. Up For Nothing haben ein bißchen mehr Bums, sogar bei ihrem Akustikgitarrentrack. Resolutions sind dagegen fast so poppig wie Samiam. Das Credibility-Salz in der Suppe kommt durch den Mix, den hat nämlich Descendent Stephen Egerton besorgt. Beides sehr solide, aber nicht besonders aufsehenerregend. (J) Gary Flanell
Sand.IG – Still–EP (Lautfrosch Records)
Vor ungefähr 10 Jahren war ich sehr angetan von einer Platte mit dem Titel “Waren des täglichen Bedarfs”. Die lief in unserer WG rauf und runter und war von den Berlinern Sand.IG. Die Texte sorgten jedenfalls für gute Assoziationen und „Kopfschwanger“ haben wir alle gerne mitgesummt. Auch musikalisch war das ziemlich gut. Abwechslungsreich, nicht zu nerdig und mit dem ordentlichen Noise-Rock-Wumms dabei. Danach sind Sand.IG aus meinem Blickfeld verschwunden, ich glaube sogar etwas von einer temporären Auflösung gehört zu haben. Nach all der Zeit traf ich sie wieder, bei einem Konzert in meinem liebsten Trinker-Souterrain. Nach 10 Jahren Pause wirkt manches auf mich auf die Distanz etwas zu theatralisch. Klangen Sand.IG schon damals die Skeptiker auf dem Krautrock-Trip? Wie die Neubauten als Post-Rock-Barden? Muss mal wieder die “Waren des täglichen Bedarfs” rausholen. Ein zweites Mal Kopfschwanger werde ich bei dieser EP leider nicht. (G) Gary Flanell
TEAR THEM DOWN – Ett liv i härlighet (F. A. M. E. D. Records)
Deutsch, Englisch, Swaheli – völlig irrelevant. Also mal keine Sorge, ihr Schweden, ihr. Euer kurzes Dingelchen wird natürlich betrachtet, und dann (Tubenausquetschgeräusch) Senf dazu, da brauchts keine Devotie oder Herkunftskoketterien im Begleitschreiben. Komischer Ansatz. Wenn ihr ein teutsches Heftchen für sowieso borniert haltet, warum schickt ihr euren Mist überhaupt dahin? Alte Freunde verprellt man so, neue gibt’s dafür dann nicht. So. Kurzeentfernungsratatata auf Schwedisch. Ich könnte meine Tante fragen, wovon die da skatepunkig erzählen, aber der geht’s gerade nicht passend. Und leider interessiert’s mich auch nicht brennend genug. Das Video zu „En Insikt“ hilft wohl denen, die da anders aufgestellt sind, und glänzt noch dazu durch angenehme Abwesenheit der Band. Philip Nussbaum
Van Urst – s/t (Rookie Records)
Es kommt selten vor, dass ich eine Platte mehr als fünfmal höre und dann immer noch nicht weiß, welche Band das gerade ist. So ein Fall liegt bei Van Urst vor. Vor einigen Jahren hätten sie mit diesem Sound allen aufgefallen, die auf Fugazi, Rites of Spring und ähnliches Dischord-Zeug stehen. Also eben nicht doof, sondern ganz gut durchdacht. Leider zünden V.U. bei mir nicht so urst, wie es sein könnte. Dazu ist die Gitarre manchmal etwas zu dünn und auch dieser Wechsel zwischen deutschen und englischen Texten erscheint mir etwas zu ambitioniert. Vielleicht besser für eins entscheiden. Bis dahin leg ich meine alte Jim-Croce-Platte auf. (H) Gary Flanell
The Yolks– Don’t cry anymore – 7inch (Bachelor Records)
Gerade schwelgte ich noch in der Verträumtheit der LP von Yolks-Sänger Spike mit den Sweet Spots, da kommt mir die erste Seite der neuen Yolks-7inch zum Aufwachen ganz recht. Flotter als sein Solowerk geht Spike hier auf alle Fälle zur Sache. Wobei sich der echte Hit auf der B-seite versteckt. „I wanna be dumb“ hat das Zeug, einer meiner Lieblingsauflegesongs zu werden und kommt deshalb sofort in die allzeit griffbereite DJ-Handwerkskiste. Knackiger Beat, gute Geschwindigkeit und eingängige Melodien - what do you wanna mehr from a Band out of San Francisco ohne Flowers in their Haare? (F) Gary Flanell
ACID BABY JESUS – Selected Recordings (Slovenly)
Yeah, du. Voll verdrogte Hippiekacke mit übersteuerten Höhen, die dir mal echt einen fetten Horrortrip verpassen, man. Morgens vor der Arbeit eine echte Herausforderung für den Biorhythmus. Aber: Nach Feierabend und in entgrenzter Runde, in der man sich unbekleidet nachrennt und versucht, die anderen mit den primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen abzuklatschen, ist das tatsächlich recht kurzweilig zum einen, nicht unerheblich hypnotisch defokussierend für die dann erforderlichen Verschnauf- und Inhalierpausen zum anderen. Ein wenig aus der Zeit gefallen, ein ganz kleines bisschen zu plakativ, aber yeah, du, wenn wir erst alle verschmolzen sind wie die Klumpen in der Lavalampe doch immer noch so easy, du. Philip Nussbaum
DER FEIND - 7inch (Bleeding Heart Nihilist)
Herr Harley, es ist mir eine Ehre. Der werte Chef schickt mir die erste 7“ ever, und dann ist es nicht irgendetwas, sondern eben das Ihre Machwerk. Rumms. Noch Fragen nach dem Abspielen? Nö. Danke, weitermachen. Da gibts mit Anlauf auf die Fresse und das unglaublicherweise gleich acht Mal auf einer popeligen Single, so lässt es sich leben in all der ankotzenden Unlebbarkeit. Faster faster! Kill kill kill! Zum Beispiel eine Pussycat, aber nur zum Beispiel und/ oder als Anfang. Herr Harley, ich ziehe meinen Hut vor Ihrer vehementen Kriegsführung, Gefangene sind tatsächlich überbewertet und stehen eh meistens nur im Weg herum. Sehr gerne biete ich eine Koalition an, denn als Feind möchte ich Sie gerade nicht so gerne. Philip Nussbaum
East Ends – What’s the furthest place from here? (Homebound Records)
Auch in Menden weiß man: Eine Zwei-Mann-Kapelle muss nicht unbedingt billigen Garage-Trash dudeln. Vielleicht sind die East Ends Deutschlands erstes Emocore-Duo. Oder einfach ein Duo, das Popsongs schreibt, denn eigentlich ist es Popmusik. Einfach nur schlichte, von Gitarren getragene, gute Popmusik. Sowas wie Jimmy eat World oder die Get-Up-Kids oder wer sich sonst so ins Emo-Diary eingetragen hat, in den 90ern gemacht haben. Nur halt zu zweit. Da klingt natürlich alles ein bisschen reduzierter, aber schlecht ist das nun nicht. Auch der Schulband-Alarm bleibt nach dem Textstudium seltsamerweise ganz aus. Sowas wie „Is it light depression or just some dark days?” kann man durchaus mal schreiben. Und singen. (G) Gary Flanell
Loser Youth – Livin‘ la vida loca – LP (amsa-records.de)
Der Trend geht zum einseitigen, warum auch nicht? Deshalb hat Hamburgs Verlierernachwuchs alle ihre neun Songs auf eine Seite einer neongrünen Vinylplatte gepackt. Reicht ja auch, wenn man ultraschnelle Deutschpunkhacker spielt. Ist aber nicht der klassische, schon etwas miefige Asi-Dicke-Männer-Deutschpunk, sondern eher so eine hektische HC-Kante. Man ist hörbar sauer auf alles und jeden und hält nicht hinterm Berg damit. So schnörkellos hingerotzt gefällt mir das besser als manche Band, die den hundertsten Turbostaat-Abklatsch liefert. Der Titel in Zusammenhang mit dem Cover (Band auf Spielplatzschaukeln, gelangweilt guckend) zeigt, dass die Herren auch im GK Humorverständnis fleißig mitgemacht haben. Und ein Refrain wie „Astrologie ist wichtiger als Geld“ sowieso. (F) Gary Flanell
METEORIT - Tape (Greatberry Tapes, Kassette)
Beim Zivi haben wir einen Typen gefahren, der sich die Augäpfel rausgedrückt hat, um Farben zu sehen. Er konnte „Kassette“ und eine Zusammenschleifung von „Ivona“ (seine Mutter) und „Tischlampe“ sagen. Ich hätte auf ihn hören sollen. METEORITs Best of wäre in anderen Bewertpostillen unzweifelhaft die „Schönheit der Ausgabe“. Ein kopfstehendes Reh als Cover, lustige Stickerchen der Band als Gimmick und zwölf deutschsprachige Poppereien aus den beiden für Ömme kriegbaren Alben der Musikanten. Gewinnerding für Die Sterne- und Geschichtenmittieren-Möger. Und sicher auch für Augäpfelrausdrücker. Philip Nussbaum
MOVIE STAR JUNKIES – Evil Moods (Voodoo Rhythm Records)
Nick Cave goes "Die Straßen von San Francisco" und meets there ein paar Typen, die mit ihren Instrumenten das eine oder andere Noisige anstellen. Draußen ist's grad was kühl, also geht man mal zusammen irgendwohin und haut sich da ein paar Flaschen Kaffee in den Kopp. Großstadtinderspätsommersonnesoundtrack. Mit deutschen Landschaften leider irgendwie inkompatibel, so dass vorzuschlagen ist, den musikalischen Film um sieben Uhr im abgedunkelten Verwaltungsbüro oder kurz nach Mitternacht während einer Autofahrt auf einer Pottbundesstraße laufen zu lassen und sich die passende Beleuchtung vorzustellen. Philip Nussbaum
PRECIOUS FEW – Tales (Tumbleweed Records)
Wäre es ein etwas hochstimmiger Sänger, dann hätte es vielleicht sogar etwas. Vielleicht wenigstens. Tatsächlich ists aber eine etwas tiefstimmige Sängerin, und es fehlt etwas. Textlich einfach drauf los, überwiegend in schön sperrigem und reimfreiem Denglisch, hauptsächlich ohne relevante Story, aber was solls. Das ist nicht der Punkt. Das musikalische Gesamtpaket ist nicht wirklich sympathisch, was folkigem Singer-/ Songwriterkram mit seiner Lagerfeuernähe doch recht leicht fallen könnte. Spröde? Hm. Ja? Nö. Beim Drübernachdenken und Nichtseinfallen zum schön schick verpackten und klanglich völlig okayen Promoteil aus dem Hause Tumbleweed bleibt’s bei einem leidlich interessierten Vielleicht. Philip Nussbaum
Resolutions/Up for Nothing –Split 7” (Homebound Records)
Eine Band aus Hannover (nein, nicht die Scorpions incognito) und eine aus Brooklyn (nein, nicht die Beastie Boys incognito) teilen sich diese schneeweiße 7inch. Je zwei Songs gibt es und auch gewisse Gemeinsamkeiten – ist nämlich alles Punkrock mit Herz. Also Emo-Core und das um Viertel nach 9 am Montag. Ebendie Art, wie man sie oft auf No-Idea-Releases oder beim FEST in Gainesville hören kann. Bißchen rauh, bißchen melancholisch und nachdenklich. Up For Nothing haben ein bißchen mehr Bums, sogar bei ihrem Akustikgitarrentrack. Resolutions sind dagegen fast so poppig wie Samiam. Das Credibility-Salz in der Suppe kommt durch den Mix, den hat nämlich Descendent Stephen Egerton besorgt. Beides sehr solide, aber nicht besonders aufsehenerregend. (J) Gary Flanell
Sand.IG – Still–EP (Lautfrosch Records)
Vor ungefähr 10 Jahren war ich sehr angetan von einer Platte mit dem Titel “Waren des täglichen Bedarfs”. Die lief in unserer WG rauf und runter und war von den Berlinern Sand.IG. Die Texte sorgten jedenfalls für gute Assoziationen und „Kopfschwanger“ haben wir alle gerne mitgesummt. Auch musikalisch war das ziemlich gut. Abwechslungsreich, nicht zu nerdig und mit dem ordentlichen Noise-Rock-Wumms dabei. Danach sind Sand.IG aus meinem Blickfeld verschwunden, ich glaube sogar etwas von einer temporären Auflösung gehört zu haben. Nach all der Zeit traf ich sie wieder, bei einem Konzert in meinem liebsten Trinker-Souterrain. Nach 10 Jahren Pause wirkt manches auf mich auf die Distanz etwas zu theatralisch. Klangen Sand.IG schon damals die Skeptiker auf dem Krautrock-Trip? Wie die Neubauten als Post-Rock-Barden? Muss mal wieder die “Waren des täglichen Bedarfs” rausholen. Ein zweites Mal Kopfschwanger werde ich bei dieser EP leider nicht. (G) Gary Flanell
TEAR THEM DOWN – Ett liv i härlighet (F. A. M. E. D. Records)
Deutsch, Englisch, Swaheli – völlig irrelevant. Also mal keine Sorge, ihr Schweden, ihr. Euer kurzes Dingelchen wird natürlich betrachtet, und dann (Tubenausquetschgeräusch) Senf dazu, da brauchts keine Devotie oder Herkunftskoketterien im Begleitschreiben. Komischer Ansatz. Wenn ihr ein teutsches Heftchen für sowieso borniert haltet, warum schickt ihr euren Mist überhaupt dahin? Alte Freunde verprellt man so, neue gibt’s dafür dann nicht. So. Kurzeentfernungsratatata auf Schwedisch. Ich könnte meine Tante fragen, wovon die da skatepunkig erzählen, aber der geht’s gerade nicht passend. Und leider interessiert’s mich auch nicht brennend genug. Das Video zu „En Insikt“ hilft wohl denen, die da anders aufgestellt sind, und glänzt noch dazu durch angenehme Abwesenheit der Band. Philip Nussbaum
Van Urst – s/t (Rookie Records)
Es kommt selten vor, dass ich eine Platte mehr als fünfmal höre und dann immer noch nicht weiß, welche Band das gerade ist. So ein Fall liegt bei Van Urst vor. Vor einigen Jahren hätten sie mit diesem Sound allen aufgefallen, die auf Fugazi, Rites of Spring und ähnliches Dischord-Zeug stehen. Also eben nicht doof, sondern ganz gut durchdacht. Leider zünden V.U. bei mir nicht so urst, wie es sein könnte. Dazu ist die Gitarre manchmal etwas zu dünn und auch dieser Wechsel zwischen deutschen und englischen Texten erscheint mir etwas zu ambitioniert. Vielleicht besser für eins entscheiden. Bis dahin leg ich meine alte Jim-Croce-Platte auf. (H) Gary Flanell
The Yolks– Don’t cry anymore – 7inch (Bachelor Records)
Gerade schwelgte ich noch in der Verträumtheit der LP von Yolks-Sänger Spike mit den Sweet Spots, da kommt mir die erste Seite der neuen Yolks-7inch zum Aufwachen ganz recht. Flotter als sein Solowerk geht Spike hier auf alle Fälle zur Sache. Wobei sich der echte Hit auf der B-seite versteckt. „I wanna be dumb“ hat das Zeug, einer meiner Lieblingsauflegesongs zu werden und kommt deshalb sofort in die allzeit griffbereite DJ-Handwerkskiste. Knackiger Beat, gute Geschwindigkeit und eingängige Melodien - what do you wanna mehr from a Band out of San Francisco ohne Flowers in their Haare? (F) Gary Flanell
Dienstag, 30. Dezember 2014
Auferstanden - Ausgegraben
Schwer vorstellbar, dass der Name der wohl bekanntesten Crypt-Compilation mal so selbstbezogen zu deuten war. Es ging ja mehr um diese Songs, die auf diesen Platten vom gar nicht so kleinen Friedhof der Popgeschichte zurückgeholt wurden, aber wohl nie so selbst um das eigene Schicksal. Dabei sah es mal echt lange so aus, als wären die BACK FROM THE GRAVE-Sampler selber am Ende gewesen. Dass da noch was kommt, hätten wohl nur wenige gedacht. "Echt lange" heißt in diesem Fall übrigens 18 Jahre. Selbst in den alternativsten Subkulturen eine Ewigkeit, an deren Anfänge sich kein Szenezombie noch erinnern kann.
Und jetzt? Ist es passiert, nicht einen, sondern gleich zwei neue BFTG-Sampler gibt's. Man hält's kaum aus.
Eigentlich unglaublich, dass es 18 Jahre her ist, seit die achte Compialtion dieser Reihe veröffentlicht wurde. 18 verdammte Jahre. Hast du damals ein Kind in die Welt gesetzt, hat es jetzt schon den Führerschein. Und du? Erinnerst dich vielleicht sehr gut daran, wie du in den 80ern und/oder 90ern volljährig warst und mit Muttis grauem Golf Zwo und deinen Jeansbekleideten Punkkumpels durch verschneite Landschaften zum NEWDEVILOBLIVIANSPAGANSLAUGHINGHYENASTURKS- Konzert in die nächste große Stadt gefahren seid. Und das in dieser biederen Karre, in der es so kalt war, dass dem Typen ganz links auf der Rückbank in der Nacht beim Rausch ausschlafen die Haare an der kondenswassergetränkten Innenscheibe festgefroren sind. War ja auf dem Weg zurück dann auch alles sehr eng – alle breit und voll, aber selig, denn neben den Erinnerungen an ein geiles Konzert war der der Wagen auch voll mit neuen Platten, für die man all sein Weihnachtsgeld von Oma hergegeben hat. Und einer hat eventuell auch den neuen Back-From-The-Grave-Sampler mitgenommen. Weil das gezeichnete Cover so geil aussah und die Euphorie war da. Obwohl man keine Band darauf kannte, weil das ja alles so obskure Amibands aus dem behüteten mittleren Westen waren, die 30 Jahre zuvor mal eine Single aufgenommen haben. Zuhause hat man dann beim ersten Hören einen Geschmack davon bekommen, dass Beat auch mal Punk sein konnte und Punk eben nicht erst mit dem Ramones und Slime anfing. Sondern dass auch 60ties-Bands ziemlich ruppig und irre war.
Nun also gleich in zweifacher Ausführung. Nach so langer Zeit musste es wohl die Doppelnummer sein. Was ja nur heißt, dass es da draußen noch so unglaublich viel unentdecktes Beatzeug gibt, das irgendwann mal in Acetat geritzt wurde. Plattenpresswerkbesitzer hätte man damals sein müssen!
Vielleicht kann man sich Tim Warren von Crypt Records als eine Mischung als Detektiv und Archäologe im Indiana Jones-Format vorstellen. Einer, der auch in die finstersten Ecken des amerikanischen Kontinents zieht um DAS eine Exemplar einer lang verschollenen 7inch zu finden. Jedenfalls als einen, der sich darum kümmert, dass diese Perlen der Teenbeat-Geschichte nicht komplett verloren gehen. Denn die Bands auf den BFTG-Samplern sind nie diejenigen, die 1000e von Platten verkauft haben. Es war wohl mehr wirkliche DIY-Arbeit von ein paar Jungs in den US-Provinzcombos , die unbedingt wie die Beatles, die Stones, die Sonics oder die Kinks klingen wollten – aber eben nicht nächtelang Konzertreihen in Hamburgs Beatschuppen hatten oder in London lebten, sondern die lokalen Garage-Rockhelden in irgendeinem Kaff in Arkansas, Indiana, New Jersey oder Tennessee waren. Die vielleicht 1-2 gute Songs hatten und diese dann in Eigenregie auf eine 100ter-Auflage Vinyl pressen ließen, um diese dann an Freunde, Verwandte und Groupies zu vertickern. Oder unterm Bett vergammeln ließen und später beim Yard Sale verramscht haben. Genau so entstehen Raritäten.
Das war das Gute an den BFTG-Samplern. Plötzlich hatte man Songs, die keiner hatte. Von Bands, die keiner kannte und sie waren nicht viel schlechter als die Mainstream-60ies-Bands. Vielleicht etwas wackeliger gespielt, etwas räudiger aufgenommen und manchmal auch einfach billig kopiert. Aber genau dieses Unperfekte machte ja diese unzähligen und kurzlebigen Früh-Rock’n‘Rollbands so charmant. Und vielleicht erfüllten sie gerade dadurch den Wunsch nach Authentizität, dem ja jeder Musikfreak so gern hinterherhechelt.
Ich könnte versuchen, nur die wichtigsten oder besten der 30 Bands aufzählen, die auf BFTG 9 und 10 vertreten sind, zu erwähnen. Aber das funktioniert nicht. Denn es gibt hier nicht den unglaublich herausragenden einzelnen Song. Andersherum gibt es auch keinen absolut schlechten Track. Was hier ausgebuddelt wurde, soll nicht mit Namen glänzen. Denn das ist alles geil. Kann alles in einem Stück durchlaufen, egal ob man sich Volume 9 und 10 auf der einen CD anhört oder separat jeweils auf Vinyl (was den Vorteil hat, dass man das grandiose Artwork von No. 10 auch in angemessener Größe bewundern kann). Da ist kein Hänger oder Luschensong dabei. Und gerade mal zwei Coverversionen. Darauf zu verzichten gehört vielleicht auch zum Ethos des Sampler-Reihen-Herausgebers.
Was auch dazugehört, ist wohl die angemessene Informationsversorgung der gierigen Garagegemeinde mit Infos zu Bands und Songs, die nach 40-50 Jahren nochmal ans Licht gezerrt wurden. Deshalb diese beiden fetten Booklets, mit Infos zu wirklich jeder Band und jedem Song und Fotos und Abbildungen der Orginal-7inches. Was angesichts der schlechten Quellenlage ein Arbeitsaufwand ist, an dem sich manche Billo-Kompilation mal was abgucken kann.
Das Angebot von Samplerreihen, die allerlei obskure Rockmusik aus früheren Zeiten anbieten, ist mittlerweile riesig. Crypt Records hat neben den BFTG-Platten auch noch die mit frühem und obskuren Rock-a-Billy/Novelty-Songs versehene Sin Alley-Reihe aufgelegt, und das hat im Laufe der Jahre viele Nachahmer gefunden. Was aber die optische und inhaltliche Aufarbeitung (Cover! Artwork! Booklets! Infos!) angeht, kommen viele Sampler nicht mit.
18 Jahre. Lange Zeit für Rock’n’Roll. Da waren viele in den letzten 18 Jahren wohl mit anderen Sachen beschäftigt, als jeden Tag der dringenden Frage nachzugehen, wann denn die nächste BFTG-Compilation erscheint. Schande über uns alle, die wir damit nicht gerechnet haben. Und große Verneigung vor der Crypt-Crew für diese zwei wunderbaren Platten. (C)
Gary Flanell
Crypt Records
Und jetzt? Ist es passiert, nicht einen, sondern gleich zwei neue BFTG-Sampler gibt's. Man hält's kaum aus.
Eigentlich unglaublich, dass es 18 Jahre her ist, seit die achte Compialtion dieser Reihe veröffentlicht wurde. 18 verdammte Jahre. Hast du damals ein Kind in die Welt gesetzt, hat es jetzt schon den Führerschein. Und du? Erinnerst dich vielleicht sehr gut daran, wie du in den 80ern und/oder 90ern volljährig warst und mit Muttis grauem Golf Zwo und deinen Jeansbekleideten Punkkumpels durch verschneite Landschaften zum NEWDEVILOBLIVIANSPAGANSLAUGHINGHYENASTURKS- Konzert in die nächste große Stadt gefahren seid. Und das in dieser biederen Karre, in der es so kalt war, dass dem Typen ganz links auf der Rückbank in der Nacht beim Rausch ausschlafen die Haare an der kondenswassergetränkten Innenscheibe festgefroren sind. War ja auf dem Weg zurück dann auch alles sehr eng – alle breit und voll, aber selig, denn neben den Erinnerungen an ein geiles Konzert war der der Wagen auch voll mit neuen Platten, für die man all sein Weihnachtsgeld von Oma hergegeben hat. Und einer hat eventuell auch den neuen Back-From-The-Grave-Sampler mitgenommen. Weil das gezeichnete Cover so geil aussah und die Euphorie war da. Obwohl man keine Band darauf kannte, weil das ja alles so obskure Amibands aus dem behüteten mittleren Westen waren, die 30 Jahre zuvor mal eine Single aufgenommen haben. Zuhause hat man dann beim ersten Hören einen Geschmack davon bekommen, dass Beat auch mal Punk sein konnte und Punk eben nicht erst mit dem Ramones und Slime anfing. Sondern dass auch 60ties-Bands ziemlich ruppig und irre war.
Nun also gleich in zweifacher Ausführung. Nach so langer Zeit musste es wohl die Doppelnummer sein. Was ja nur heißt, dass es da draußen noch so unglaublich viel unentdecktes Beatzeug gibt, das irgendwann mal in Acetat geritzt wurde. Plattenpresswerkbesitzer hätte man damals sein müssen!
Vielleicht kann man sich Tim Warren von Crypt Records als eine Mischung als Detektiv und Archäologe im Indiana Jones-Format vorstellen. Einer, der auch in die finstersten Ecken des amerikanischen Kontinents zieht um DAS eine Exemplar einer lang verschollenen 7inch zu finden. Jedenfalls als einen, der sich darum kümmert, dass diese Perlen der Teenbeat-Geschichte nicht komplett verloren gehen. Denn die Bands auf den BFTG-Samplern sind nie diejenigen, die 1000e von Platten verkauft haben. Es war wohl mehr wirkliche DIY-Arbeit von ein paar Jungs in den US-Provinzcombos , die unbedingt wie die Beatles, die Stones, die Sonics oder die Kinks klingen wollten – aber eben nicht nächtelang Konzertreihen in Hamburgs Beatschuppen hatten oder in London lebten, sondern die lokalen Garage-Rockhelden in irgendeinem Kaff in Arkansas, Indiana, New Jersey oder Tennessee waren. Die vielleicht 1-2 gute Songs hatten und diese dann in Eigenregie auf eine 100ter-Auflage Vinyl pressen ließen, um diese dann an Freunde, Verwandte und Groupies zu vertickern. Oder unterm Bett vergammeln ließen und später beim Yard Sale verramscht haben. Genau so entstehen Raritäten.
Das war das Gute an den BFTG-Samplern. Plötzlich hatte man Songs, die keiner hatte. Von Bands, die keiner kannte und sie waren nicht viel schlechter als die Mainstream-60ies-Bands. Vielleicht etwas wackeliger gespielt, etwas räudiger aufgenommen und manchmal auch einfach billig kopiert. Aber genau dieses Unperfekte machte ja diese unzähligen und kurzlebigen Früh-Rock’n‘Rollbands so charmant. Und vielleicht erfüllten sie gerade dadurch den Wunsch nach Authentizität, dem ja jeder Musikfreak so gern hinterherhechelt.
Ich könnte versuchen, nur die wichtigsten oder besten der 30 Bands aufzählen, die auf BFTG 9 und 10 vertreten sind, zu erwähnen. Aber das funktioniert nicht. Denn es gibt hier nicht den unglaublich herausragenden einzelnen Song. Andersherum gibt es auch keinen absolut schlechten Track. Was hier ausgebuddelt wurde, soll nicht mit Namen glänzen. Denn das ist alles geil. Kann alles in einem Stück durchlaufen, egal ob man sich Volume 9 und 10 auf der einen CD anhört oder separat jeweils auf Vinyl (was den Vorteil hat, dass man das grandiose Artwork von No. 10 auch in angemessener Größe bewundern kann). Da ist kein Hänger oder Luschensong dabei. Und gerade mal zwei Coverversionen. Darauf zu verzichten gehört vielleicht auch zum Ethos des Sampler-Reihen-Herausgebers.
Was auch dazugehört, ist wohl die angemessene Informationsversorgung der gierigen Garagegemeinde mit Infos zu Bands und Songs, die nach 40-50 Jahren nochmal ans Licht gezerrt wurden. Deshalb diese beiden fetten Booklets, mit Infos zu wirklich jeder Band und jedem Song und Fotos und Abbildungen der Orginal-7inches. Was angesichts der schlechten Quellenlage ein Arbeitsaufwand ist, an dem sich manche Billo-Kompilation mal was abgucken kann.
Das Angebot von Samplerreihen, die allerlei obskure Rockmusik aus früheren Zeiten anbieten, ist mittlerweile riesig. Crypt Records hat neben den BFTG-Platten auch noch die mit frühem und obskuren Rock-a-Billy/Novelty-Songs versehene Sin Alley-Reihe aufgelegt, und das hat im Laufe der Jahre viele Nachahmer gefunden. Was aber die optische und inhaltliche Aufarbeitung (Cover! Artwork! Booklets! Infos!) angeht, kommen viele Sampler nicht mit.
18 Jahre. Lange Zeit für Rock’n’Roll. Da waren viele in den letzten 18 Jahren wohl mit anderen Sachen beschäftigt, als jeden Tag der dringenden Frage nachzugehen, wann denn die nächste BFTG-Compilation erscheint. Schande über uns alle, die wir damit nicht gerechnet haben. Und große Verneigung vor der Crypt-Crew für diese zwei wunderbaren Platten. (C)
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