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Donnerstag, 16. Juli 2026


RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche

Rike van Kleef arbeitet in „Billige Plätze“ schonungslos die Missstände in der Musikbranche auf, die auf patriarchalen und rassistischen Strukturen fußen und fesselt durch ihren mitfühlenden und ehrlichen, aber keineswegs zurückhaltenden Schreibstil. Ich habe mich wiedererkannt.

Das Buch zeigt, dass dieses Gefühl, das ich verspüre, wenn mich wieder einer der Tontechniker mansplained, oder wenn die ganzen Kerle zu unserem Gitarristen rennen, um ihm ganz in der Bro-Culture-Manier auszudrücken, wie er abgerissen hat und man ja merke, dass er das Genie hinter der Band sei, und das, obwohl der Front-Gesang von einer Flinta* besetzt ist, eigentlich kein Gefühl ist, sondern die Wahrnehmung einer benachteiligenden Struktur.

Besonders spannend waren für mich die beschriebenen Rollen, die Flinta*-Besetzungen in Alternative Rock Bands einnehmen. Insbesondere die tragende, zurückhaltende Rolle am Bass hatte in mir einen Reflexionsprozess ausgelöst. Denn genau diese Rolle habe ich ja auch angenommen.

Ich bin generell kein super extrovertierter Mensch, und auch, wenn ich die Bühne liebe, gibt es für mich jene Tage, an denen ich mich lieber im Hintergrund halte. Das liegt jedoch nicht nur in subjektiven Dispositionen, sondern entspringt auch der Erfahrung, immer wieder abgewertet zu werden. Sprüche wie „Das, was du da spielst, könnte ich ja auch.“ oder „Machst ja ‘ne ziemliche Show!“ – Sprüche, die unserem Gitarristen und unserem Schlagzeuger nie unterkämen.

Flinta* müssen in der Musikszene immer mehr geben als ihre männlichen Kollegen, sie müssen besser sein. Auch das wird in „billige Plätze“ thematisiert. Das Buch wirkt wie eine schmerzliche Genugtuung, die Bestätigung einer Wahrnehmung, die ich am liebsten nicht hätte.

Als Künstlerin kann ich viel aus dem Buch mitnehmen. Ich habe mir erneut bewusst machen können, dass meine Fragen, wie viele Flinta* im Team sind, ob für Awareness an den Veranstaltungsorten gesorgt ist und welche Maßnahmen man ergreift, um die Orte inklusiver zu gestalten, weder zu viel verlangen noch übertrieben sind, sondern etwas Notwendiges zeigen: mehr Bewusstsein für Veränderungsbedürftigkeit in den Bereich der Kulturlandschaft zu bringen. Denn der alte weiße Mann im Anzug sitzt noch am Hebel. Ich werde auf jeden Fall in Zukunft die Veranstalter und Teams dazu animieren, sich dieses Buch zu kaufen in der Hoffnung, dass die Lektüre von „Billige Plätze“ auch bei ihnen einen Prozess der Reflexion auslöst.

Nadja Miemiec

RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche ist im Ventil-Verlag erschienen.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Die Mär vom gelangweilten Teenager Pt. IXIXXIIXXXXX


Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape

Ein Mixtape mit 150 Songs! Auch wenn viele Titel unter der Zwei-Sekunden-Marke liegen, wären dafür wohl drei 90-er-Cassetten nötig. In diesem Fall passen die versammelten Punk-Klassiker zwischen zwei Buchdeckel: Im Compilation-Stil haben alle Autor*innen einen oder mehrere Songs, die im weitesten Sinne dem Punk zuzuordnen sind, mit etwas historischem Abstand noch einmal rezensiert, erläutert, in die Musikgeschichte oder schlicht in die eigenen Biografie eingeordnet.

Chronologisch geordnet, liest sich das wie eine abwechslungsreiche Rückschau auf prägende Jahre und Klänge - wobei es natürlich auch o.k. ist, kreuz und quer in dem Buch herumzulesen. Am Anfang steht ein Prolog über den Song aus dem Jahr 1977, der dem Buch den Namen gab, sowie von Claus Cornfield eine entzückende Zeichnung anstelle eines Textes. Danach springt die Chronologie ein ganzes Stück zurück, um eine paar Titel zu würdigen, die sich später vor allem als Cover-Versionen in den Kanon geschlichen haben. Sie sind vor allem musikhistorisch interessant. Sobald wir uns dem Jubiläumsjahr 1976 nähern, ergeben die vielen, schonungslos subjektiven Standpunkte eine fröhliche Vielstimmigkeit mit gelegentlichen nostalgischen Unisono-parts.

Ein verbindender Faktor bleibt zum Beispiel die in Titel und Prolog betonte Langeweile der Adoleszenz, in die die jeweiligen Songs hineinplatzten um individuelle Epiphanien und Kreativschübe auszulösen, durch einsame Zeiten zu trösten oder den Beginn einer langen Freundschaft zu markieren. Ein anderer ist die Einsamkeit der wenigen FLINTA*s und P.O.C. in den jeweiligen Szenen. Die Anzahl der weiblichen Künstler*innen, die es in die Liste geschafft haben, spricht Bände. Auf der Autor*innenseite sieht es etwas besser aus.


Worin sich die meisten einig sind: dass sie sich dank Internet zum Teil erst Jahr(zehnt)e später zusammenreimen konnten, um was für Charaktere es sich bei den Absender*innen so mysteriöser wie verlockender Botschaften wie „Runnin’ Riot“, „Blank Generation“, „Dicks Hate Police“ oder „Vapaa Pohjolla“ handelte. Ja, auch eine finnische Band kommt vor, und eigentlich alle wichtigen Kapellen und Künstler*innen, die ihr kennt, oder nach dem Lesen auch kennen wollt.

Über Vollständigkeit sollte man sich hier nicht so viele Gedanken machen, es geht eher um Repräsentation, unerwartete Entscheidungen und Obskuritäten. Also keine Nirvana, aber dafür 2 x Hole, aber auch The Offspring und Guano Apes, dazu ein paar übliche Verdächtige (Ramones, Pistols, Patti Smith, Minor Threat) und allerlei Wissenswertes über Bands wie The Fuggs und Las Vulpess oder Typen wie Wesley Willis. Das Internet wird Euch auch helfen, wenn ihr nicht gerade auf eine ausgezeichnete eigene Sammlung zurückgreifen könnt.


Wenn die besprochenen Bands zusammen so etwas wie ein Who Is Who? ergeben, gilt das ebenso für die Autor*innen. Nicht wenige spielen oder spielten selbst in Bands, betreiben Labels, Läden und Fanzines, so dass die Texte von den üblichen Schwächen musikjournalistischer Bescheidwissenwollerei weitgehend frei sind. Es geht eher um Lernprozesse, und wie schwer es vor allem in der Provinz war, überhaupt ein bisschen Bescheid zu wissen, als es von Lieblingsbands nichts gab außer grobe Schwarzweißfotos und kryptische Nachrichten auf dem Cover. Von diesen Botschaften und ihren unberechenbaren Auswirkungen handelt das Buch in seinen besten Stellen, bis es mit einem Song von The Notwist in der Gegenwart endet.

Eric Mandel

Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape

Jonas Engelmann (Hg.), Ventil Verlag, 368 Seiten, 25,- €

Donnerstag, 14. Mai 2026

Unsterbliche Lebensläufe


Alex Solman und Gereon Klug auf Spurensuche:
Verstorbene Idole in Bildern und Texten


„Wen die Götter lieben, holen sie früh.“ Das antike Dichter-Sprichwort von Menander bzw. Plautus hat bis heute als Trostspruch überlebt - für frühe, unerwartete Todesfälle. Somit bescheren die Allmächtigen den Hinterbliebenen zwar oft Trauer, den Verstorbenen aber ersparen sie das Leid körperlichen und geistigen Zerfalls im Alter. Das ist doch was!

Populäre Beispiele aus der Musikkultur sind die Mitglieder des Klub 27, speziell dessen inner circle: Janis Joplin, Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse. Ihr früher Tod ist eine Säule für den Mythos von Unsterblichkeit. Kein ödes Spätwerk kann je an der Legende kratzen, keine Falte furcht ins ewig junges Gesicht - „Forever Young“.

Promis aus Kultur und Wissenschaft

Amy Winehouse (1983-2011) hat es als Einzige der Genannten ins Buch „Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte“ geschafft. Darin sind 210 meist prominente Tote verewigt: in Zeichnungen von Alex Solman und Moritaten von Gereon Klug – die meisten von ihnen bekannte öffentliche Figuren aus Kunst, Musik und Wissenschaft.

Solman begann seine Portrait-Serie 2016 mit David Bowie. Die meisten dieser für ihn prägenden oder interessanten Toten habe ihn - und viele von uns - zu ihren Lebzeiten über Jahre bis Jahrzehnte begleitet und sind erst in den letzten Jahren oder vor nicht allzulanger Zeit verstorben. Daher fehlen Janis und Jimi, aber Amy ist am Start. Das Bild von ihr zählt zu den eindrucksvollsten im Buch: Mittels geometrischer Formen kunstvoll zusammengepuzzelt, ziehen runde große schwarzen Augen den Blick der Betrachtenden in ihren Bann. Sie ist es - unverkennbar, auch dank charakteristischer Mundpartie und voluminöser Haarpracht. „Ihr Tod war ein Bluessong, der darauf wartete, veröffentlicht zu werden“, heißt es im Nachruf - mit bedauerndem Seitenblick auf ihr altersbedingt überschaubares Oeuvre.

Queen meets Karl Dall

Die posthume Auswahl reicht von Weltstars wie Prince oder Marianne Faithfull über Queen Elizabeth II. bis zu norddeutschen „Originalen“ wie Jan Fedder und Karl Dall. Daneben ist Platz für unbekanntere Persönlichkeiten, etwa die Klangkünstlerin Pauline Oliveros – auch als Einladung, diese und ihr Werk für sich zu entdecken. Alex Solman setzt mit pointiertem Schwarzweiß-Strich auf eine minimalistische Ästhetik der klaren Formen, die sich teils fragmentarisch zusammenfügen. Die Idole sind fast immer schnell zu erkennen, anhand typischer Merkmale, seien es optische Eigenheiten oder passende Accessoires. Mehr oder weniger schmeichelhaft (zum Beispiel Karl Lagerfeld), oft originell, mitunter Groteske überzeichnet.

Dampfhammer als Erfinder

Mit spitzzüngiger Feder hat Gereon Klug viel Skurriles und Wissenswertes über die Porträtierten zusammengetragen. Wer hätte gedacht, dass Bud Spencer der Erfinder des Spazierstocks mit ausklappbarem Sitz sowie einer Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta ist? Und ob Bohnen trotz oder wegen all der staubigen Pfannen-Variationen über Wildwest-Film-Lagerfeuern sein Leibgericht waren?
Sean Connery wiederum staunte nicht schlecht, als er einst privat im Auto von einem Polizisten angehalten wurde. Dessen Name? Bond. James Bond. Schade nur, dass es für nicht wenige Gewürdigte bloß zu sehr knappen, zweizeiligen Nachrufen reichte - vermutlich aus Platzgründen. Aber irgendwann ist nunmal Schluss. Dann wird der Papier-Friedhof der Idole wegen Überfüllung der Seitenzahl geschlossen. Zum Trost bleibt dieses Buch - zum Schmökern, Staunen und Erinnern.

Gereon Klug/Alex Solman: Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte.
DuMont Buchverlag, Köln 2025. 304 Seiten, 20 Euro.


Die nächste Buchpräsentation mit Alex Solman und Gereon Klug findet am Samstag, 16. Mai, im Rahmen einer Ausstellung in Hamburg statt.
Wo? Alter Schwede, Ovelgönne 106, 22605 Hamburg

Wann? Ausstellungseröffnung 15 Uhr, Lesung 19.30 Uhr, danach DJ & Open End. Sonntag, 17.5.2026: Offene Ausstellung, DJs im Garten und Café & Kuchen von 12 Uhr bis abends.

Lutz Steinbrück

Donnerstag, 19. März 2026

Stereotypen adé Pt.I


Sandra und Kersty Grether auf den Spuren rebellischer weiblicher Rockstars

Ein Sonntag im Oktober 2012: Mit weichen Knien sitzen Sandra und Kersty Grether in einem Berliner Taxi - auf dem Weg zum musikalischen Date mit einem Idol: Annette Humpe. Zu NDW-Zeiten Mastermind von „Ideal“, später mit „Ich + Ich“ erfolgreich. Sie produzierte das Who is Who der deutschprachigen Musikszene, von Udo Lindenberg über Palais Schaumburg, Rio Reiser, Die Prinzen bis zu Max Raabe.

Songtipps zum Kaffee

Die beiden Musikerinnen der Band “The Doctorella” sind zu der Zeit beim gleichen Musikverlag wie Humpe, hatten sie per Mail gefragt, ob sie mal ihre neue Platte anhören und etwas dazu sagen könne. Prompt flatterte ihnen eine Einladung zur Privat-Audienz mit Songwriting-Tipps zum Kaffee ins digitale Postfach. Quasi ein gratis Seminar zum Schreiben von Pophits. Die Skills dafür hätten die Schwestern, so Humpe in der Wohnung, wo sich die Knie der beiden Besucherinnen schnell wieder gefestigt haben. Denn Anette ist gleich per Du, nett, aufgeschlossen, nahbar und ehrlich. Sie lobt das Album, findet vieles daran gut. Textlich rät sie ihnen, sich an persönliche Peinlichkeiten und Unbewusstes ranzutrauen, persönliche Abgründe authentisch in Songs zu thematisieren. Der Titel “Drogen und Psychologen” scheint ihr unpassend – sie plädiert spontan für “Oberlieb”. Ihre Lieblingszeile findet sie im Song “2 Engel, 1 Verbot”: “Wenn ich mir die Haut aufschneide, reicht mein Blut aus für uns beide”.

Heute ist die legendäre Humpe-Schwester 75 Jahre alt – und eine der stilprägenden Rock- und Popmusikerinnen mit anhaltender Strahlkraft, die Kersty und Sandra als eine von 41 „Rebel Queens“ in ihrem Reclam-Buch auf knapp 400 Seiten verewigt haben. Mit großer Sachkenntnis, natürlich subjektiven Geschmacksurteilen und geschultem Blick auf den jeweiligen gesellschaftlichen Zeitgeist spüren sie der Bedeutung der porträtierten Frauen über ihre Musik hinaus nach. Auch im Sinne von Empowerment, erkämpften Freiräumen und neuartigen weiblichen Rollenbildern. Analytisch, empathisch, nahbar und sehr gut geschrieben.

Die Auswahl ist stimmig und viele bekannte, prägende Stimmen mit von der Partie. Die Bandbreite reicht von Sister Rosetta Tharpe über Maureen Tucker, Yoko Ono, Cat Power, Bikini Kill, Lady Gaga, The Slits, Boygenius und Pussy Riot bis Billie Eilish. Auch weniger bekannte, innovative Acts wie FaulenzA und Jolly Goods sind vertreten.

Einfach war die Auswahl nicht, schließlich gibt es auch nicht die eine richtige Sammlung. Ausschlaggebend war neben ihren Geschmäckern vor allem die gesellschaftliche Relevanz der Künstlerinnen. “Es gibt keine Objektivität bei den Bewertungen der Musikerinnen, auch nicht im Musikjournalismus”, sagt Kersty. Kritiker:innen sollten bloß nicht zwanghaft versuchen, objektiv zu schreiben.


Cat Power knows

„Uns ging es mit dem Buch auch darum, stereotype weibliche Schubladen für Musikerinnen zu entlarven, diese aufzubrechen und hinter übliche Popstar-Image-Fassaden zu gelangen“, erzählt Sandra im Gespräch mit dem Renfield-Fanzine.

Beispiel Cat Power, die beide Schwestern bereits interviewt haben. Cat werde in den Medien oft als übersensible, gebrochene Künstlerpersönlichkeit dargestellt oder darauf reduziert. Im Kapitel über die US-Künstlerin ist der Blick auf ihre Sensibilität differenzierter, diese fungiert als kreative Kraftquelle mit Verbindung zum Unterbewussten: “Wie kann man über Gefühle singen, die gerade eben nicht mehr verdrängt werden und doch kurz davor sind, ins Unaussprechliche abzurutschen? Cat Power knows.”

“Beim Schreiben über Musik ist es wichtig, durch die eigenen Projektionen hindurchzugehen”, so Sandra. “Spannende Wahrheiten über sich selbst findet nur, wer sich selbst dazu befragt.” Kersty und Sandra Grether kommen den Musikerinnen hinter deren Images aus vielen interessanten Perspektiven nahe. Die meisten Texte stammen entweder von Kersty oder von Sandra Grether und sind in der Summe in nur wenigen Wochen entstanden.


Rüstzeug aus Theorie & Praxis

Es ist ein erhellender Mix aus persönlichen Begegnungen, biografischem Background und gesellschaftskritischen, popfeministischen Reflexionen - inklusive der Auseinandersetzung mit Pressestimmen zu den Porträtierten. Dabei kommt den Autorinnen die Vielfalt ihrer Aktivitäten zugute: Musikjournalistisch haben sie das SPEX mitgeprägt, als Musikerinnen mit ihren Bands “Parole Trixi” und “The Doctorella” diverse Studioalben veröffentlicht und aktiv an der “Hamburger Schule” mitgewirkt. Sie betreiben heute in Berlin das Label Bohemian Strawberry, kuratieren Veranstaltungsreihen. Kersty hat zudem einige erfolgreiche Romane veröffentlicht.

Spannend ist außerdem der Ansatz, die Persönlichkeiten und Wirkungsweisen von je zwei Musikerinnen aus einer Epoche aufeinander zu beziehen – etwa bei Karen Carpenter und Yoko Ono in den 1960er Jahren. Vor der Folie gängiger weiblicher Stereotypen begibt sich der Text in dieses Spannungsfeld hinein: “Yoko war das böse Mädchen, das sich nimmt, was ihr gehört, und Karen das gute, das sich nicht traut zu nehmen, was man ihr aufgrund ihrer Jugend jetzt erlauben würde.” Davon ausgehend solche offen- und/oder scheinbaren Gegensätze zu überwinden und die beiden als “Popschwestern” zusammenzudenken, eröffnet neue Blickwinkel auf die Frauen und ihre Musik. Eben auch mögliche Gemeinsamkeiten, wo es heißt: “Yoko Ono und Karen Carpenter: zwei, die zu ehrlich waren? Nicht fake enough fürs Glamhardrock- und Superstar-Jahrzehnt? Ein bisschen zuviel Motown-Herzschmerz noch, in allem? Die Carpenters klangen wie ein langer Abschied, Yoko Ono wie ein Zukunftsversprechen.”

Wer sich auf eine spannende Zeitreise durch die letzten sieben Jahrzehnte prägender Pop- und Rockmusikerinnen begeben will, der/dem seien die “Rebel Queens” wärmstens ans Lektüreherz gelegt. Auf diesem Weg gibt es viel Neues und Ungewöhnliches zu entdecken. Versprochen!

Lutz Steinbrück

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik von Kersty und Sandra Grether ist 2025 im Reclam Verlag erschienen. Preis: 28 Euro (Hardcover), 4,99 Euro (E-Book). ISBN: 978-3-15-011506-0

Kommende Veranstaltungen mit Sandra und Kersty Grether:

8.4.2026 Literaturforum im Brecht-Haus: "Krawalle und Liebe #34" Musik von und mit Frau Lehmann (im Duo-Set) und Bernd Begemann sowie Lesungen von Sibel Schick (“Mein Körper, Wessen Entscheidung”, S. Fischer) und Ruth Herzberg (“Frequenzen”, mikrotext). Einlass: 19 Uhr. Chausseestraße 125, 10115 Berlin. https://lfbrecht.de/event/krawalle-und-liebe-34/

9.5.2026 ”Museum für Essen und Trinken”: Kersty Grether & Sandra Grether lesen aus "Rebel Queens", mit Musik von “The Doctorella” im Duo-Set. Hufelandstr 35, 10407 Berlin. Tickets über Bötzowbuch: https://www.boetzowbuch.de/

30.5.2025 Sommerhaus-KaffeeBar: Live-Musik von Frau Kraushaar mit ihrem neuen Album "Gurke, Kartoffel, Ahnung". Hufelandstraße 43, 10407 Berlin.

Donnerstag, 7. November 2024

Schön, wenn in Australien noch Musik gemacht wird Pt. IXU


AMYL & THE SNIFFERS - CARTON DARKNESS

"Zehn Minuten", sagt Gary. "Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt..." Was einmal klappt, klappt sicherlich auch ein zweites Mal. Und vielleicht dann nochmal und nochmal, bis einigermaßen sicher ist, dass es wohl immer klappt. Sicherheit rules. Sehr erleichternd.

Denn: ich bin belastet. Habe Fragen und brauche Beruhigung. Was ist passiert?!

Rückblende.
"Kylie kommt!" Yeah, nix wie hin! Ach verdammt, das dauert ja noch eine Ewigkeit. Egal, die Vorfreude ist auch schon prima. Huch! Wasn das derweil? Andere weiblich-dominierte Musik, zwar nur aus der Konserve, aber warum auch nicht. Mal höan. Und seit dem dritten Durchlauf war sie dann da, die Belastung.

Hype. Hyper! Amy!!!
Gefühlt (oder tatsächlich?) selbst die Hörzu huldigt von jetzt auf gleich Amyl. Jeder mit so was wie Augen dürfte inzwischen eine ziemlich konkrete Ahnung von der Zunge der blonden Frau und eine etwas weniger konkrete von ihren mal gepixelten, mal mit Sternchen oder Smilies kaschierten Brüsten haben und glauben, genau so lustig gehts in Trailerparks downunder zu.

MTV 2.0, Bild mit/ statt Ton. Allein das genug Grund für Skepsis und Abwehr. Alle sind sich einig?! Das ist doch ein Trick, da will irgendwer reinlegen und fuschen! Oder sind das gar nicht Mark T. und sein Kumpel Mark E. Ting? Oder aber alles völlig zurecht geilomatisiert und wieder einmal nur von mir verpasst und durch Angst vor Auflauf und Uniform versäumt? Es ist alles verwirrend und irgendwie dadurch unangenehm.

Überhaupt - Australien. Australien! Wieso ist Australien plötzlich relevant? Crocodile Dundee, Aborigines, giftige Tiere, Hautkrebsgefahr, und weiter? Die meisten wollen mal hin, und niemand war je da, kennt aber dennoch den Refrain von Beds are burning und kann tanzen wie Peter Garrett. Und weiter?

Midtemporotzrock also mit teilweise motorschmierefettiger Nervgitarre und schön rummsiger Rhythmusabteilung, alles in plattformfähiger, gebügelter und gefalteter Soundqualität. Und eben die Zungenbrustdame, die annähernd akzentfrei schnörkelfreie Texte von Wichsen, Szenen einer Ehe, erzürnendem oder ängstigendem Weltgeschehen und einigem möglichen anderen singt und sich dabei stimmlich an allem bedient, was Frontfrau in den letzten drei Jahrzehnten schon mal angeboten hat.
Ab besagtem Durchlauf #3 wirds tatsächlich schön eingängig und nahezu super zum Fahrradfahren, beim Schwitzen und Posieren im Fitnessstudio oder ebendabei auf einem via Eventim völlig ausverkauften Konzert. Und weiter?!

Die zehn Minuten sind annähernd vorbei, und ich weiß nicht weiter. Vielleicht es einfach als ein Phänomen nehmen, Kommen und wieder Gehen oder nötigenfalls auch Bleiben, Eiffel65, Helene Fischer oder Courtney Love halt, nur in einer anderen kulturellen Nische oder eben Nicht-Nische, sondern größer und überaller.

Oder aber:

Vorblende. "Kylie kommt!" Die ist auch Australierin, wohl eher noch MTV 1.0, und die funktioniert nach den knapp hundert Jahren Anwesenheit in diesem irritierenden Showgedöns so ziemlich von selbst und ohne inszenierte Massenhysterie. Ich froi mich! Und fühle mich gerade richtig frei und runtergeatmet.

Philipp Nussbaum Amyl & The Sniffers Album "Cartoon Darkness" ist am 25.10.2024 auf Rough Trade Records erschienen

Donnerstag, 13. Juni 2024

Aus die Maus Pt. I


Ingo Scheel - Schlussakkord

Der Tod gehört zum Leben. Wissen wir alle.
Fun Fact: Der Tod gehört auch zur Popkultur. Beide gehen eigentlich schon seit den Anfängen in einer Beziehung durch die Zeit. Dabei ist natürlich das Tragödienhafte beim Tod eines Popstars das Wesentliche. Optimalerweise muss es ein Tod in jungen Jahren sein.

Klar, wenn der letzte Beatle an Alterschwäche stirbt, Keith Richards sein letztes Blues-Lick gespielt und Johnny Rotten zum letzten Mal rumkrakeelt hat, dann ist das auch tragisch. Aber anders. So tragisch, wie der Tag, an dem Oma und Opa stirbt. Irgendwann passiert es halt und damit müssen wir alle lernen, umzugehen. All die Musiker, die es über die Mitte 50 geschaft haben, sind halt nicht mehr so aufsehenerregend.

Es gibt Verschwörungstheorien, dass Elvis noch lebt und irgendwo in Texas als Tankwart arbeitet (naja, jetzt mit 89 Jahren wohl auch nicht mehr). Sowas gibt es beispielsweise von Tina Turner oder Johnny Cash nicht. Weil die halt alt und auf medizinisch nachweisbare Weise gestorben sind. Somit war damit zu rechnen.

Würde Taylor Swift in den nächsten zwei bis drei Jahren sterben - was nicht zu wünschen ist - will ich mir gar nicht ausmalen, was für absurde Theorien über ihren Tod oder dessen Vortäuschung ins Kraut schießen würden. Live fast, die young bleibt somit der beste Dünger für Pop-Mythen.


Also: Die Mythen und die Geschichten bilden sich um jene, die früh gestorben sind. Da das Leben als Pop/Rockstar immer eine ordentliche Dosis Exzess und Exzentrik beinhaltet, dazu oft eine grundlegende Unruhe, Weltschmerz, Depression und fiebrige Nervosität, inklusive der Neigung gute Ratschläge nicht anzunehmen UND der menschliche Körper für so einen Lebensentwurf eher schlecht gemacht ist, gibt eine Menge Künstler*innen, die schon früh und sicher oft unabsichtlich von der Bühne gegangen sind.

Hinzu kommt aus der Perspektive der Fans sicher die tragische Fallhöhe. Denn der/die Popstar hat aus dieser Sicht ja eigentlich alles: Aufmerksamkeit, Ruhm, Talent, meist jede Menge Geld und ein gutes Netzwerk, um bis in das Rentenalter weiter Musik zu machen. Dazu wird ihm/ihr oft die Freiheit zugeschrieben, ab einem gewissen Erfolgslevel, künstlerisch eh alles machen zu können, was man will, weil sich jeder Output sowieso millionenfach verkauft.

Und trotzdem: Wenn ein Popstar trotz all dieser Vorraussetzungen frühzeitig aus dem Leben gefetzt wird (Ich hörte Buddy Holly ist mit seiner Brille verwest, aber genau weiß ich das nicht), dann ist Tragik angesagt. Und die verkauft sich natürlich besonders gut.
Andererseits gehört auch dazu, dass ein Star, der früh gestorben ist, nunmal keinen Scheiß mehr produzieren kann. Ökonomisch zynisch und wunderbar zugleich. Die Hits werden in Erinnerung bleiben und mögliche experimentelle Peinlichkeiten sind nun ausgeschlossen. Ein Film, ein Biopic, eine Doku, ein Konzertmitschnitt, ja das geht natürlich nach einer gewissen Zeit auch immer.


Sagen wir mal 20 Jahre danach, das passt doch, da fangen wir jetzt mal langsam an zu planen, dann wird das spitze. Kunsthandwerklich topfitte Coverbands können dazu aus dem vorliegenden Werk ein auskömmliches Einkommen genenerieren. Des Popstars früher Tod ist also keine so schlechte Fügung, vom zynischen Hochstand der Marktwirtschaft betrachtet.

Wozu reflektiere ich das hier alles? Weil Ingo Scheel, umtriebiger Musikjournalist (u.a. Visions), mit "Schlussakord - Wie Musiklegenden für immer verstummten" eine unterhaltsame Sammlung von Episoden über tote Rockstars zusmmengetragen. Die Idee ist nicht ganz neu, aber genau deshalb ist es einen Blick wert, ob und was hier anders oder besser gemacht wurde.

Episodenhaft werden hier 30 popkulturelle Todesfälle dargestellt. Die Rahmendaten zu fast aller hier aufgeführten Personen kann man heutzutage bei Wikipedia abfragen. Ingo Scheel schafft es aber, die Lebens- und Todesumstände jedes Mal in kleinen Geschichten sehr unterhaltsam und bildlich darzustellen. Dass dabei die üblichen Verdächtigen (John Lennon, Janis Joplin, Jim Morrisson, Brian Jones, Whitney Houston) am Start sind, ist nicht verwunderlich.

Das schöne an diesem Buch ist, dass auch ein paar Menschen dabei sind, die halt nicht zum ewig gleichen Kanon der Jung-verstorbenen Popstars gehören: Mal Evans, Cathy Wayne oder Darrell Banks werden hier gebührend geehrt. Die sind eben oft nicht mit dabei, wenn man auf einer langen Autofahrt mal wieder das A-Z-Spiel der toten Rockstars spielt.


Auch schön die Tatsache, dass Scheel sich weder an ein Genre klammert, (von Metal über Rock/Pop, Soul bis zu Schlager ist alles dabei. HipHop allerdings gar nicht), noch eine zeitliche Einschränkung macht. Von den 50ern ins ins 21. Jahrhundert finden sich viel zu früh verstorbene Pop-Akteur*innen.

Was mich ein wenig irritiert, sind die Cliffhanger am Ende jedes Kapitels, die jeweils auf den nächsten Abschnitt im Buch hinweisen. Das ist sicher nett gemeint, allerdings bringt das manchmal auch einen gewissen "Geschichten aus der Gruft"-Trashfaktor mit rein. So nach dem Motto "Seltsam, aber so steht es geschrieben..."

"Schlussakkord" muss man nicht an einem Stück von vorne nach hinten lesen. Ich habe, wenig überraschend, mit dem Kapitel über G.G. Allin angefangen. Andererseits verführen diese Cliffhanger dazu, einfach weiterzulesen, obwohl man eigentlich nun mal was ganz anderes zu tun hätte. So lässt sich das Buch doch gut an einem Stück wegbingen. Es ist unterhaltsame, leicht morbide Lektüre, nicht zu verkopft und alles in schönen kleinen Häppchen verpackt. Dazu grafisch hübsch aufbereitet durch die stilvollen Schwarzweiß-Illustrationen von Oliver Schmitt. Quasi eine popliterarische Tüte Chips über den Tod. Hat man schnell weggemampft. Lecker it is.


Eine Sache, über die zu sprechen wäre, ist das Geschlechterverhältnis der Aufgeführten: 30 Texte sind drin, davon neun über Frauen. So richtig ausgeglichen ist das nicht, andererseits hätte das auch noch viel schlimmer aussehen können.
Ein Buch nur über tote Rockstar-Männer wäre aber heutzutage sicher nicht mehr zu vermitteln. Es ließe sich auch darüber nachdenken, ob und warum sich Männer im Pop-Business öfter ins Aus schießen. Wenn es dazu belastbare Zahlen gibt, würde ich vermuten, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer im Pop teilweise so hart sind, dass sie nur noch durch heftige Betäubung bis zum Tod auszuhalten sind. Was wiederum zeigt, dass das Patriarchat uns alle fickt. Frauen aber nochmal mehr als Männer, eh klar. Ok, vielleicht war es manchmal auch einfach unbedarftes Herumexperimentieren mit Drogen.

Noch was? Ja. Die Auswahlstrategie der Künstler*innen, die es ins Buch geschafft haben, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar: Ganz viele weltweit Bekannte aus dem anglo-amerikanischen Raum, klar. Aber eben auch Alexandra, die nun mal Schlager gemacht hat und nur hierzulande einen gewissen Status hatte. Aber wie passt sie in die Reihe der anderen? Wahrscheinlich geht es um das Mythenhafte, eben darum, welcher Frühtod eine gute Story hergibt. und das ist nunmal eine Kerneigenschaft von Pop - die gute und tragische Story hinter der Figur auf der Bühne. So gesehen war Ikarus wahrscheinlich der erste Popstar.

Natürlich ist so ein Buch nie komplett.
Wenn man ein wenig überlegt, gibt es noch zig Leute, deren Geschichte hier erzählt werden müsste: Mia Zapata, Ian Curtis, Hillel Slovak, Fela Kuti, 2Pac, Notorious B.I.G. fallen mir als erstes ein. Hinzu kommt, dass Scheel sich meist auf die historisch bekannten Popszenen des anglo-amerikanischen Raumes konzentriert. In Zeiten von globalisierter Popkultur wäre ein Blick auf die tragisch verstorbenen Popstars in Asien, Afrika, Südamerika oder auch Europa (Ost und West) sicher interessant. Aber das bleibt möglicherweise eine Option für eine Fortsetzung der Schussakkorde.

"Schlussakord - Wie Musiklegenden für immer verstummten" von Ingo Scheel ist im Ventil Verlag erschienen.

Gary Flanell

Samstag, 26. August 2023

Schön, wenn Orchester Musik machen

Ein Echo aus der Vergangenheit, wieder mal. Aber diesmal kein Nostalgie-Anfall. Es geht vielmehr um eine Band, deren frühere Platten ich immer noch sehr gut finde, die ich aber im Renfield-Winterschlaf etwas aus dem Augen verloren habe.

Das LO FAT ORCHESTRA war in Renfield-Hausen immer hoch angesehen, weil ihre Songs immer einen ordentlichen Drive hatten, dazu auf schöne Tasteninstrumente zurückgegriffen wurde und es außerdem eine gute Eingängigkeit gab. Post-Punk mit Heimorgel-Charakter, der mich bei jedem Album immer so gut mitgenommen hat, als würde ich an der Auffahrt zur nächsten Musik-Autobahn mit dem Daumen raus stehen und mal schauen, wohin mich dieser Lift bringt. Mit dem LFO ging es gefühlt immer sehr weit raus und das war schön.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich die Band aus Schaffhausen im Laufe der Jahre sang- und klanglos aufgelöst hatte, wie so viele andere Bands, aber das war wohl nicht der Fall. Nun gibt es eine neue 7inch auf Tomatenplaten, dem Label von Beatsteaks-Drummer Thomas Götz, der immer wieder die interessanten Pflanzen in seinem musikalischen Gewächshaus heranzüchtet. Und deshalb passt ja das LFO super dorthin. Weil irgendwie schon immer Indie oder Post-Punk, aber nicht so richtig einzuordnen.

"ALL I GOT, ALL I WANT" ist eine hübsche treibende Synthie-Punk-Nummer mit knackigem Basslauf, der in seiner Geradlinigkeit das Gefühl vermittelt, du würdest in einer Rakete sitzen, die gerade Richtung Andromedanebel start. Space also. So einen leichten Sci-Fi-Retro-Touch hatten die LFO-Songs sowieso immer mal wieder. Es war dieses treibstoffartige Nachvorne-Preschen mit diesen weltraum-artigen Synthie-Sounds, wie man sie im letzten Jahrhundert gern mal zur Untermalung von Sci-Fi-Filme genutzt hat.
Auch "ALL I WANT", zweiter Song der A-Seite, womöglich die Response für den vorangegangenen Call "ALL I WANT" geht ähnlich gut nach vorne, ist auch viel knackiger und kürzer. Allerdings mit sehr verhalltem Gesang, denn das Verträumte, das Spärische, das immer auch typisch war für die Band, soll ja nicht verloren gehen.



DEAD MAN auf der B-Seite dagegen, ist ein hübscher langsamer Schieber mit Heimorgel-Beat und -Sounds, psychedelisch-verträumt, dabei aber so eingänging wie eine Pop-Ballade und so entspannt wie ein Spaziergang auf einem Trampelpfand durch einen zugewucherten Garten. Erinnert mich dann doch ein wenig an MOGWAI oder die vergessenen Finnen von MAGYAR POSSE, nur weniger rockig und dem 7inch-Format geschuldet,auch kürzer. Macht es natürlich nicht schlechter. Eher besser.

E auf der 26,5-teiligen Renfield-Rezensions-Skala

Gary Flanell

ALL I WANT vom LO FAT ORCHESTRA erscheint auf Tomatenplatten

Dienstag, 1. November 2022

Schön, wenn Menschen Musik machen Part XXI

G31 - Die Insel der versunkenen Arschlöcher

Normalerweise trägt diese Review-Sekton ja noch das Adjektiv "junge" in bezug auf Menschen im Titel. Das lasse ich diesmal weg, aus Gründen. Denn das Bandfoto zeigt mir, dass G31 und ich ungefähr in der gleichen Alterskohorte sein dürften.
Also nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht im Stadium der senilen Bettflucht angekommen.
Das heißt ja nicht, dass man kein Musik mehr machen dürfe.

Punk mag vielleicht ein Nachwuchsproblem haben, aber es ist älteren Szenegraurücken ja nicht verboten, weiterhin Platten aufzunehmen und live zu spielen.
Sowas kann zuweilen ganz schön in die Hose gehen (denke ich manchmal, wenn ich z.B. aktuelle Exploited-Live-Mitschnitte sehe. Warum ich damit wertvolle Lebenszeit verschwende, sollte ich mich auch mal fragen) aber auch gut laufen.

Was mich zu G31 bringt.
Denn hier läuft's gut.



G31 haben im Mai 2022 ein zweites Album mit sehr lustigem Titel rausgebracht, und das sogar auf Vinyl.
Mir liegt nur die CD vor, aber die reicht, um einen guten Einblick zu bekommen.
Und gut ist der Eindruck von G31 auf alle Fälle: Denn souverän gespielten Deutschpunk mit gewitzten Lyrics, einfallsreichen Song- und Soundstrukturen kann ich mir zuweilen immer noch geben, gerne auch, wie in diesem Fall mit einer Sängerin.
Die Diskussion über die Sichtbarkeit und das zahlenmäßige Auftreten von Frauen in Sachen Punk ist immer noch aktuell und wichtig. Und jede Frau die sich in einer Band auf die Bühne stellt und Raum zwischen all den Typenbands einnimmt ist wichtig, egal ob sie in einer Crustcore-Combo den Bass schrubbt, in einer Gothic-Waveband Gitarre spielt oder wie hier, einer Deutschpunkband wichtige Impulse gibt - sie sind alle wichtig. Mehr davon ist immer noch nötig.



Das wäre als formales Kriterium für die Bewertung dieser Platte sicher zu wenig, aber die guten Texte (meine Faves: Sonne im Park, Revolution spielen) und die kraftvolle Stimme von Mitra ist nicht alles.
G31 wissen wie man aus bekannten Punkrockstrukturen noch einfallsreiche Songs stricken und die nach dem DY-Prinzip auch gut produzieren kann. Hinzu kommt, dass thematisch alles klar thematisiert wird, was man von einer (Hambrger) Punkband erwarten kann: Es geht gegen Nazis, gegen Bullen, gegen das ganze Scheiß-System. An all dem Abarbeiten geht anscheinden noch immer sehr gut.
Jetzt wären wahrscheinlich noch ein paar bekannte Namen als Name-Dropping wichtig, damit auch die einfachsten Gemüter diese Band genau einordnen können. Kommen jetzt.

Auf dem Waschzettel werden als selbstgewählte Referenzen SLIME, BUTTAT; RAZZIA, SCATTERGUN und ANTIKÖRPER (die wohl auch, weil AK-Gitarrist Peter jetzt bei G31 mitmischt) genannt. Das kann man so stehen lassen, so düser wie RAZZIA kommen G31 allerdings nicht rüber, sondern eher wie eine typische kämpferische HH-Punkband, die so auch gut in den 90ern auf St. Pauli einiges hätte abräumen können. Von Mitras Stimme her und der Art, wie sie singt, muss ich zuweilen auch an Hans-A-Plast denken, der Sound hier ist allerdings doch ein anderer.

(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala.

Gary Flanell

"Die Insel der versunkenen Arschlöcher" von G31 wurde von G31 in Kooperation mit STERBT ALLE Records im Mai 2022 veröffentlicht und ist als LP im Gatefoldcover erschienen CD liegt auch bei).

G31 im Netz:

Auf Facebook

https://g31punk.org/

Montag, 6. April 2020

Schön, wenn junge Menschen Musik machen Pt. XXI

L'APPEL DU VIDE - Demo 2020

Seltsame Zeiten. Ich weiß, das sagen gerade alle. Ich ja auch. Bester Satz, um derzeit ein Gespräch zu beginnen. Covid Small Talk. Seltsame Zeiten, was? Ja. Soviel Unverständnis in allen Bereichen. Kalter Virus-Krieg (oh, große Worte), der alle Lebensbereiche erfasst. Und alle wollen immer schon beschreiben, was gerade passiert und es erklären.

Bleierne Zeit irgendwie. Aber auch weniger Radfahrer. Weniger Fußgänger. Weniger Autos. Mehr Platz. mehr Ruhe. Mehr Insekten, die man sonst nicht sieht. Mehr Vögel, die man sonst nicht hört. Überhaupt Hören, sehr wichtig gerade. Gibt ja immer noch neue Musik. Tragisch halt, dass vieles, was gerade erscheint, kurzfristig nicht live zu begutachten sein wird. Sag die Tour ab, spiel allein im Wohnzimmer und lass die Welt per Stream zugucken. Kann das aber jetzt schon alles nicht mehr sehen. Dazu viel Unverständnis. Bleierne Zeit, dazu passt bleierne Musik, die nicht schlecht ist. L'appel Du Vide. Der Ruf der Leere. Danke Google. Chemnitz. Da sicher auch Mundschutz gegen Mundschmutz. Corona gegen Naziaufmärsche, wer hätt's gedacht.

Ruf der Leere, recht passend, wenn ich auf die Straße gehe. L'APPEL DU VIDE klingen wie wir's in den 80ern und 90ern gern gehört haben, vorzugsweise im November. Jetzt aber Frühling, und in der derzeitigen Stimmung auch ok (Wie's mir geht? Erstaunlich gut, danke. Vom Erleben ändert sich derzeit ja wenig. Für viele andere schon mehr. Willkommen in meiner normalen Lebens- und Stimmungsrealität.). Unsere Tage waren dunkel, unsere Hemden waren schwarz, ihr wisst schon.

Wann haben sie das wohl aufgenommen? Sicher im Herbst. Right time, right music. Right place? Vielleicht so: Nebelmaschine vernebelt Räume und Sinne, alle in schwarz gekleidet, so stell ich mir das vor. Bunkerclub, ein unangekündigtes Konzert. Keine Fenster, eine gut gewartete Nebelmaschine. Projektionen von irgendwas. Stimme wie EA80, Musik wie EA80 am Strand von Kalifornien. Keine Kopie. California Screaming. Bißchen Surf, viel düstere Fassungslosigkeit in vier Songs gepackt. Stelle mir vier Tüpen vor, die sich ganz in schwarz auf der Bühne konzentrieren. Warum gerade vier? Könnte passen. Zurückhaltung in Gesten und Ansagen. Songs wirken durch das, was sie sind. Stellt sie auf eine Bühne. In einen Keller, dessen Wände schwarz bemalt sind. Mit EA80, wie gesagt. Oder LEBANON HANOVER. Oder X-Mal DEUTSCHLAND. oder sowas. Was mit Post-Post-Post.

Das Tape ist limitiert, weil liebevoll gestaltet. 100 Stück mal so, 150 Stück mal anders. Mag diese Hingabe. Ich esse jetzt ein Trockeneis.

F wie auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala

L'APPEL DU VIDE - die Selbstauskunft: "„L‘APPEL DU VIDE entstand im Herbst 2019 in Chemnitz als Projekt von Leuten ehemaliger und aktueller Bands wie BLACK LAGOON, DIE TUNNEL, MVRMANSK und OUT ON A LIMB. Düsterer (Post)Punk wird von melodischen Surfgitarren-Leads angetrieben und von Noise-Parts flankiert. Das „Demo 2020“ umfasst 4 Songs mit einer Spielzeit von rund 12 Minuten. Das Tape kommt im Risodruck Pappschuber."

Diese Rezension wurde im FreeWriting-Verfahren nach Ken Macrorie und Peter Elbow innerhalb von 10 Minuten verfasst. Bis auf Rechtschreibfehler wurde nichts verbessert oder redigiert.

Gary Flanell

Mittwoch, 8. Januar 2020

Dr. Loo or: How I watched a strange movie and didn't really get anything it at all.

Es ist ein normaler Abend in Januar und Gary Flanell zeigt mir eine Neuerwerbung in seiner Plattensammlung. Auf dem Cover ist ein etwas verschwommenes Gesicht zu sehen, wahrscheinlich der Künstler, der diese Platte aufgenommen hat, sowie zwei Zeilen japanische Schriftzeichen, die wir leider nicht lesen können. Als wir die Platte auflegen, ertönt sympathische, sanfte Folk Music. Irgendwo meine ich die Wörter Rakete (misairu) und Wind (Kaze) zu erkennen, soweit recht passend für ein fluffiges Singer/Songwriter-Album der 1970er, aber ansonsten geht die Bedeutung der Texte aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse völlig unter. Auch der Name des Musikers, der Titel des Albums und die Bedeutung seiner Texte gehen somit erst mal an uns vorbei. Aber wir leben ja zum Glück in modernen Zeiten. In Zeiten, in denen viele von uns über eine Art mechanisches und vielfältig hilfreiches Anhängsel verfügen.

Dank eines Phänomens, das eigentlich nur als eine Art Cyber-Magie beschrieben werden kann, braucht man lediglich die Kamera des Smartphones mit Übersetzungs-App über ein beliebige Textzeile schweben zu lassen und das Gerät spuckt mit ein bisschen Glück eine passende Übersetzung aus. In unserem Fall löst der Bildschirm meines Handys das Geheimnis um den gut frisierten Urheber der japansichen 70ies-Folkplatte: Shigeru Izumiya heißt der Typ mit dem vollen Haar, das Album übersetzt recht unspektakulär: „Spring, Summer, Fall, Winter“.



Als wir im Netz nach weiteren Spuren auf das Schaffen des Shigeru I. suchen, finden wir heraus, dass der auf dem Plattencover so sanft anmutende, 1948 geborene Izumiya mittlerweile deutlich härtere Gesichtszüge und weniger Haare hat. Zudem stellt sich heraus, dass der Sänger auch ein noch immer aktiver Schauspieler ist und in den 1980ern die Regie zu einem Film geführt hat: Death Powder. Beziehungsweise デスパウダ, oder Desu Paudā.

Death Powder/Desu Pauda (Memo an Herrn Flanell: Death Powder - großartiger Name für eine urst und böse brutale Japcore-Band) gilt Wikipedia zufolge als einer der ersten Vertreter des japanischen Cyberpunk-Genre. Ohne zu lange darüber nachzudenken entdecken wir, dass der Film in voller Länge auf Youtube hochgeladen wurde. Vielleicht von einem Fan? Wir wissen es nicht. „Low quality copy for posterity“ steht im Klammern hinter dem Titel. In schlechter Qualität für die Nachwelt. Wir sind gespannt.

Death Powder ist eine chaotische Erfahrung, die durch oftmals fehlende Untertitel noch chaotischer und verwirrender rüber kommt. Dabei ist es wohl schon ein großes Glück, dass stellenweise überhaupt englische Untertitel eingeblendet werden, freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch Video Search of Miami. Offiziellere Institutionen gibt es wohl kaum.

Drei Wissenschaftler*innen, Kiyoshi (Takichi Inukai), Norris (Rikako Murakami)& Harima (gespielt von Izumiya selbst), haben in einer mysteriösen Lagerhalle eine Art Androiden namens Guernica geschaffen. Das weiblich anmutende Geschöpf liegt festgebunden an ein Gitterbett und trägt einen BDSM-ähnliche Maske und Mundschutz. Nach einer Verfolgungsjagd, in welcher Kiyoshi und Norris von mysteriösen maskierten Männer fliehen, mit den sie allerdings auch fast schon freundschaftlich schwätzen, machen sich die beiden auf dem Weg zu ihr Kollegen Harima, welcher die Lagerhalle überwacht.



Als Norris – ausgestattet mit einem sehr schicken und für die 80er reichlich modern daherkommenden Headset - versucht, Funkkontakt zum Lagerhaus aufzunehmen, hört sie nur erotisches und schmerzhaftes Gestöhne. Kiyoshi nimmt es gelassen und vermutet, dass Harima sich „bloß“ an der Androidin in der Lagerhalle vergreift. Norris vermutet allerdings mehr dahinter, was auch die einzige Erklärung dafür ist, dass die beiden übers Dach in ihre eigene Lagerhalle einsteigen – in der sie Harima mit einer Schrotflinte erwartet.

Die folgende Actionszene ist, wie eigentlich alles an diesem wunderlichen Film, verwirrend. Einerseits durch ein fehlendes „Warum“, anderseits durch die bizarre, aber passende Kameraführung. Kiyoshi wird beispielsweise durch Harima eine Treppe hinunter geschmissen, es könnte dabei aber genauso gut sein, dass er die Treppe hoch getreten wird. Norris schneidet im Kampf besser ab. bewaffnet mit eine Art Föhn-Handschuh-Pistole schafft sie es Harima dadurch zu schwächen, indem sie ihm eine vorherige Szene, die wie ein Würfel ins Bild gemorpht wurde, wie einen Fußball ins Gesicht tritt. Während sich aus recht unerklärliche Gründen die ehemaligen Kolleg*innen bekämpfen, schafft es die Androidin, sich zu befreien. Darauf besprüht sie Kiyoshi mit dem titelgebenden Death Powder.

Mit zermatschtem Gesicht und gruslig verquollenen Augen erfährt der gute Kiyoshi nun starke Halluzinationen, die so real erscheinen, dass – so scheint es - womöglich die tatsächliche Realität davon beeinflusst wird. Die Verfolger der Anfangsszene tauchen wiederum auf, angeführt von ein mit Narben bedecktem Mann im Rollstuhl. Gedanken, so die Halluzination, werden vom Körper als Geisel genommen. Der Körper begrenzt das Potential der Gedanken, aber ein Leben ohne Körper ist gleichzeitig der Tod. Ohne Tod kein Leben, ohne Körper unendliche Gedankenkraft. Alles sehr deepes Gedankengut, dass dort in verschwommenen, ruinenartigen Räumen ausgesprochen wird. Aber die Hölle, die ist überall.



Solche ernsthaften Erkenntnisse über das Sein muss man erstmals sacken lassen. Dabei hilft die folgende Halluzination, welche genauso gut eine Rückblende sein könnte. Ein munter vor sich hin rockender Wissenschaftler,der sich im Laufe des Films als Dr. Loo vorstellt, springt im Folgenden fröhlich durch irgendwelche Dünen, gefolgt von ein Ensemble, das aussieht, als würde es sich bereitmachen für ein Photo-Shooting für das Cover eines Synth-Pop Albums. Dr. Loo ist ein fröhliches Kerlchen, welches gern eine harte Van-Halen-artige Rockgitarre spielt und mit anderen schrägen Wissenschaftler*innen und dem „90s Android Guernica“ sorglos ein Musikvideo für sein Debut-Track „Dr. Loo Made Me“ aufnimmt.

Nach einer kurzen Rückkehr zu den anderen, albtraumhaften Halluzinationen von Maskenmännern, aufquellenden Gesichter und seltsamen, blutenden organischen Massen folgt, eine kurze, beinahe meditative Sequenz. Es ist eine Pause im Plot die unbedarfte Zuschauer wie uns glauben lässt, nun würde das Ende eines Films eingeläutet. Anders kann man das entspannte, fünf-minütige Saxophon-Solo, untermalt mit vorbei gleitenden Stills von Skylines, Autos und dem gelegentlichen Mann mit Fedora nicht umschreiben. Natürlich haben wir uns geirrt. Der Film ist noch lange nicht am Ende. Der ganze Streifen dauert etwas mehr als eine Stunde, die sich allerdings anfühlt wie drei.

Nach der semi-romantischen Slideshow ist noch lange nicht Schluss. Vielmehr tauchen nun drei unschuldige Paketboten auf, die – völlig losgelöst vom vorherigen Plot - ein Paket in einer Lagerhalle abliefern sollen. (vielleicht ist es DIE Lagerhalle, in der sich vorher alles abgespielt hat, aber so genau weiß man das nicht).

Es läuft, wie’s halt so läuft im Paketzusteller-Alltag: Niemand macht die Tür auf, beim Nachbar abgeben gibt’s nicht, also ruft man den Chef an. Der die drei auffordert, in die Lagerhalle einzubrechen, denn das Paket muss geliefert werden. Macht alles Sinn. Doch auch Türen sind in DEATH POWDER nicht mehr das, was sie mal waren und so werden die Paketboten nach erfolgreichem Eindringen in das Lager durch ein organisches Gewebe, das sich als Tür getarnt hat, nun ja, verdaut. Es folgen die üblichen schmelzenden Gesichter, Zähne und Augen an Stellen, wo keine Zähne sein sollten und andere Pampe, welche man nur als „sehr organisch“ bezeichnen könnte. Oder als Marmelade.

Fazit: Death Powder ist verwirrend und es ist fraglich inwiefern der Film verständlicher wäre, wenn man die etwa 40% nicht aufs Englisch übersetzten japanischen Untertitel verstehen könnte. Interessant ist sicher, dass dieses brutal-psychedelische LoRes-Arthouse-Meisterwerk in voller Länge bei Youtube zu sehen ist, und hier mal ausnahmsweise keine Altersbeschränkung greift. Stellen wir uns also mal vor, dass eine Bande fünf- bis achtjähriger in einem unbeaufsichtigten Moment an einem verregneten Nachmittag eine Stunde lang vor diesen Bildern klebt. Selbst Vielgucker wie wir waren streckenweise nicht nur verwirrt (das eigentlich die ganze Zeit), sondern auch ein wenig erschrocken über die Gewalt, die Shigeru Izumiya in Death Powder auf die Leinwand bringt (Haben wir jetzt was gepetzt? Egal). Was die ganze Sache noch unheimlicher macht, ist die Diskrepanz zwischen dem was Izumiya einerseits als Musiker veröffentlicht hat (nettes 70ies-Gitarrengeplänkel, Bob Dylan, JJ. Cale und Konsorten lassen grüßen) und dem, was er als Regisseur umsetzt. Überträgt man es auf hiesige Künstler, könnte man sich mal vorstellen, dass Hermann van Veen oder Reinhard Mey auf die Idee kommen, ihre Trashversion von Hellraiser zu verfilmen.

Frühe japanischen Cyberpunkfilme zeichnen sich oft durch eine absichtlich unklare Plot-Linie sowie unverständliche Ereignisse, Transformationen und Metamorphosen aus. Nimmt man dies als Stilmittel in Kauf ist es vielleicht tatsächlich besser DEATH POWDER als Erfahrung zu sehen und mal genau in sich selber hineinzuhorchen und zu schauen, welche Gefühle die unterschiedlichen Szenen auslösen. Der Film löst einiges an Fragen aus, welche unmöglich durch denselben Film beantwortet werden können. Vielleicht kann man sie nur lösen, indem man selbst in eine Lagerhalle einbricht und mit der Tür verschmelzt. Vielleicht reicht es aber auch einfach, irre und gut gelaunt durch die Dünen zu hopsen, während eine selbst erfundene androide Freund*in kryptisch zuschaut.

Bernard Fruithagel

Death Powder (JP, 1986)
Regie: Shigeru Izumiya
Darsteller: Shigeru Izumiya, Takichi Inukai, Rikako Murakami u.a.
Länge: 63 Min.



Mittwoch, 17. Juli 2019

It's a dream, it's Punk, It's I drew blank.(Schön, wenn junge Menschen Musik machen, Pt. XII)



Well, was für ein Tag, was für ein Jahr, was für ein Monat! Um mit den Plakaten einer Serie zu sprechen, die ich neulich im Schnelldurchlauf konsumierte: Dieser Sommer wird alles verändern. Aber sowas von. Ihr glaubt es kaum.
Alles wird sich ändern... a) wenn wir groß sind b) wenn wir tot sind c) wenn wir blöd sind.
Sucht euch was aus - es ist alles richtig.

Der Sommer 2019 wird als ein besonders toller Sommer in die menschliche Geschichtsschreibung eingehen.
Wer weiß, was noch alles passiert. Es ist ja schon einiges passiert. Am 28. Juni beispielsweise. Was war da? Wer weiß es? Ich.

Am 28. Juni ist hier in Berlin etwas besonders schönes passiert. Es wurde nämlich eine neue Platte veröffentlicht. Das war sehr schön. Man kann über den Neuigkeits-Wert dieser Information diskutieren, aber schön ist diese Tatsache einer Plattenveröffentlichung auf alle Fälle.
Worüber in diesem Zusammenhang zu diskutieren wäre, ist der Witzigkeitsfaktor eines Bandnamens wie IDREWBLANK, jener Band, die am 28. Juni ihre erste EP 'Interesting Life Choices' veröffentlicht hat. Ob so ein Wortwitz nach drei Minuten noch cool ist, würde ich mal dahinstellen.
Was und wer sich dahinter verbirgt, ist es allerdings allemal wert gehört zu werden. Spontan hätte ich an eine besoffene Jungs-Melodic-Skate-Punk-Combo gedacht, die sich furchtbar witzig vorkommt mit so einem Namen. Ist aber nicht so.



Überraschenderweise stecken dahinter Dom, Eilis, Oyèmi und was sie als Band machen bezeichnen sie als Dream-Punk.
Das kann man wunderbar so als Beschreibung durchgehen lassen, denn eine gewisse wohltuende Verträumtheit haben alle ihre Songs durchaus in sich.
Einerseits gibt es da diesen leicht sphärischen schwebenden Gesang, der sich schmusig über eine schrammelnde Noise-Pop-Gitarre legt, die ihrerseits sanft wie in der ersten REM-Phase (nicht die Band, ihr Deppen, ich meine wirklich die Schlafphase) dahin sägt, und nur manchmal mit diesem Wave-Beat durchaus zackige Akzente setzt. Ein hübscher Soundtrack für die Sommernacht, also. Das Interieur von IDREW-BLANK'schen Schlafgemachs stellt sich folgendermaßen dar. The Jesus& Mary Chain sind das Bettgestell, Robert Smith samt seiner ganzen Cure-Baggage die Matratze, Lush geben das leichte Bettzeug und Lemuria dürfen als kuschelig weiches Kissen herhalten. Irgendwo in der Ecke sitzt eine Bande Pixies und passt auf, dass niemand schlechte Träume hat.
Ich hätte jetzt gern eine Portion Zuckerwatte. Ist aber zu spät, habe ja schon Zähne geputzt.
In diesem Sinne: Dream on, dream until your dreams come true. (Ist geklaut. Eh klar.)

Auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala ein klares B wie "Bettzeit!"

IDREWBLANK - Interesting life choices (über Späti Palace)

Anzuhören bei Soundcloud und auch über Spotify (wer hat).