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Donnerstag, 16. Juli 2026


RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche

Rike van Kleef arbeitet in „Billige Plätze“ schonungslos die Missstände in der Musikbranche auf, die auf patriarchalen und rassistischen Strukturen fußen und fesselt durch ihren mitfühlenden und ehrlichen, aber keineswegs zurückhaltenden Schreibstil. Ich habe mich wiedererkannt.

Das Buch zeigt, dass dieses Gefühl, das ich verspüre, wenn mich wieder einer der Tontechniker mansplained, oder wenn die ganzen Kerle zu unserem Gitarristen rennen, um ihm ganz in der Bro-Culture-Manier auszudrücken, wie er abgerissen hat und man ja merke, dass er das Genie hinter der Band sei, und das, obwohl der Front-Gesang von einer Flinta* besetzt ist, eigentlich kein Gefühl ist, sondern die Wahrnehmung einer benachteiligenden Struktur.

Besonders spannend waren für mich die beschriebenen Rollen, die Flinta*-Besetzungen in Alternative Rock Bands einnehmen. Insbesondere die tragende, zurückhaltende Rolle am Bass hatte in mir einen Reflexionsprozess ausgelöst. Denn genau diese Rolle habe ich ja auch angenommen.

Ich bin generell kein super extrovertierter Mensch, und auch, wenn ich die Bühne liebe, gibt es für mich jene Tage, an denen ich mich lieber im Hintergrund halte. Das liegt jedoch nicht nur in subjektiven Dispositionen, sondern entspringt auch der Erfahrung, immer wieder abgewertet zu werden. Sprüche wie „Das, was du da spielst, könnte ich ja auch.“ oder „Machst ja ‘ne ziemliche Show!“ – Sprüche, die unserem Gitarristen und unserem Schlagzeuger nie unterkämen.

Flinta* müssen in der Musikszene immer mehr geben als ihre männlichen Kollegen, sie müssen besser sein. Auch das wird in „billige Plätze“ thematisiert. Das Buch wirkt wie eine schmerzliche Genugtuung, die Bestätigung einer Wahrnehmung, die ich am liebsten nicht hätte.

Als Künstlerin kann ich viel aus dem Buch mitnehmen. Ich habe mir erneut bewusst machen können, dass meine Fragen, wie viele Flinta* im Team sind, ob für Awareness an den Veranstaltungsorten gesorgt ist und welche Maßnahmen man ergreift, um die Orte inklusiver zu gestalten, weder zu viel verlangen noch übertrieben sind, sondern etwas Notwendiges zeigen: mehr Bewusstsein für Veränderungsbedürftigkeit in den Bereich der Kulturlandschaft zu bringen. Denn der alte weiße Mann im Anzug sitzt noch am Hebel. Ich werde auf jeden Fall in Zukunft die Veranstalter und Teams dazu animieren, sich dieses Buch zu kaufen in der Hoffnung, dass die Lektüre von „Billige Plätze“ auch bei ihnen einen Prozess der Reflexion auslöst.

Nadja Miemiec

RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche ist im Ventil-Verlag erschienen.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Die Mär vom gelangweilten Teenager Pt. IXIXXIIXXXXX


Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape

Ein Mixtape mit 150 Songs! Auch wenn viele Titel unter der Zwei-Sekunden-Marke liegen, wären dafür wohl drei 90-er-Cassetten nötig. In diesem Fall passen die versammelten Punk-Klassiker zwischen zwei Buchdeckel: Im Compilation-Stil haben alle Autor*innen einen oder mehrere Songs, die im weitesten Sinne dem Punk zuzuordnen sind, mit etwas historischem Abstand noch einmal rezensiert, erläutert, in die Musikgeschichte oder schlicht in die eigenen Biografie eingeordnet.

Chronologisch geordnet, liest sich das wie eine abwechslungsreiche Rückschau auf prägende Jahre und Klänge - wobei es natürlich auch o.k. ist, kreuz und quer in dem Buch herumzulesen. Am Anfang steht ein Prolog über den Song aus dem Jahr 1977, der dem Buch den Namen gab, sowie von Claus Cornfield eine entzückende Zeichnung anstelle eines Textes. Danach springt die Chronologie ein ganzes Stück zurück, um eine paar Titel zu würdigen, die sich später vor allem als Cover-Versionen in den Kanon geschlichen haben. Sie sind vor allem musikhistorisch interessant. Sobald wir uns dem Jubiläumsjahr 1976 nähern, ergeben die vielen, schonungslos subjektiven Standpunkte eine fröhliche Vielstimmigkeit mit gelegentlichen nostalgischen Unisono-parts.

Ein verbindender Faktor bleibt zum Beispiel die in Titel und Prolog betonte Langeweile der Adoleszenz, in die die jeweiligen Songs hineinplatzten um individuelle Epiphanien und Kreativschübe auszulösen, durch einsame Zeiten zu trösten oder den Beginn einer langen Freundschaft zu markieren. Ein anderer ist die Einsamkeit der wenigen FLINTA*s und P.O.C. in den jeweiligen Szenen. Die Anzahl der weiblichen Künstler*innen, die es in die Liste geschafft haben, spricht Bände. Auf der Autor*innenseite sieht es etwas besser aus.


Worin sich die meisten einig sind: dass sie sich dank Internet zum Teil erst Jahr(zehnt)e später zusammenreimen konnten, um was für Charaktere es sich bei den Absender*innen so mysteriöser wie verlockender Botschaften wie „Runnin’ Riot“, „Blank Generation“, „Dicks Hate Police“ oder „Vapaa Pohjolla“ handelte. Ja, auch eine finnische Band kommt vor, und eigentlich alle wichtigen Kapellen und Künstler*innen, die ihr kennt, oder nach dem Lesen auch kennen wollt.

Über Vollständigkeit sollte man sich hier nicht so viele Gedanken machen, es geht eher um Repräsentation, unerwartete Entscheidungen und Obskuritäten. Also keine Nirvana, aber dafür 2 x Hole, aber auch The Offspring und Guano Apes, dazu ein paar übliche Verdächtige (Ramones, Pistols, Patti Smith, Minor Threat) und allerlei Wissenswertes über Bands wie The Fuggs und Las Vulpess oder Typen wie Wesley Willis. Das Internet wird Euch auch helfen, wenn ihr nicht gerade auf eine ausgezeichnete eigene Sammlung zurückgreifen könnt.


Wenn die besprochenen Bands zusammen so etwas wie ein Who Is Who? ergeben, gilt das ebenso für die Autor*innen. Nicht wenige spielen oder spielten selbst in Bands, betreiben Labels, Läden und Fanzines, so dass die Texte von den üblichen Schwächen musikjournalistischer Bescheidwissenwollerei weitgehend frei sind. Es geht eher um Lernprozesse, und wie schwer es vor allem in der Provinz war, überhaupt ein bisschen Bescheid zu wissen, als es von Lieblingsbands nichts gab außer grobe Schwarzweißfotos und kryptische Nachrichten auf dem Cover. Von diesen Botschaften und ihren unberechenbaren Auswirkungen handelt das Buch in seinen besten Stellen, bis es mit einem Song von The Notwist in der Gegenwart endet.

Eric Mandel

Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape

Jonas Engelmann (Hg.), Ventil Verlag, 368 Seiten, 25,- €

Donnerstag, 14. Mai 2026

Unsterbliche Lebensläufe


Alex Solman und Gereon Klug auf Spurensuche:
Verstorbene Idole in Bildern und Texten


„Wen die Götter lieben, holen sie früh.“ Das antike Dichter-Sprichwort von Menander bzw. Plautus hat bis heute als Trostspruch überlebt - für frühe, unerwartete Todesfälle. Somit bescheren die Allmächtigen den Hinterbliebenen zwar oft Trauer, den Verstorbenen aber ersparen sie das Leid körperlichen und geistigen Zerfalls im Alter. Das ist doch was!

Populäre Beispiele aus der Musikkultur sind die Mitglieder des Klub 27, speziell dessen inner circle: Janis Joplin, Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse. Ihr früher Tod ist eine Säule für den Mythos von Unsterblichkeit. Kein ödes Spätwerk kann je an der Legende kratzen, keine Falte furcht ins ewig junges Gesicht - „Forever Young“.

Promis aus Kultur und Wissenschaft

Amy Winehouse (1983-2011) hat es als Einzige der Genannten ins Buch „Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte“ geschafft. Darin sind 210 meist prominente Tote verewigt: in Zeichnungen von Alex Solman und Moritaten von Gereon Klug – die meisten von ihnen bekannte öffentliche Figuren aus Kunst, Musik und Wissenschaft.

Solman begann seine Portrait-Serie 2016 mit David Bowie. Die meisten dieser für ihn prägenden oder interessanten Toten habe ihn - und viele von uns - zu ihren Lebzeiten über Jahre bis Jahrzehnte begleitet und sind erst in den letzten Jahren oder vor nicht allzulanger Zeit verstorben. Daher fehlen Janis und Jimi, aber Amy ist am Start. Das Bild von ihr zählt zu den eindrucksvollsten im Buch: Mittels geometrischer Formen kunstvoll zusammengepuzzelt, ziehen runde große schwarzen Augen den Blick der Betrachtenden in ihren Bann. Sie ist es - unverkennbar, auch dank charakteristischer Mundpartie und voluminöser Haarpracht. „Ihr Tod war ein Bluessong, der darauf wartete, veröffentlicht zu werden“, heißt es im Nachruf - mit bedauerndem Seitenblick auf ihr altersbedingt überschaubares Oeuvre.

Queen meets Karl Dall

Die posthume Auswahl reicht von Weltstars wie Prince oder Marianne Faithfull über Queen Elizabeth II. bis zu norddeutschen „Originalen“ wie Jan Fedder und Karl Dall. Daneben ist Platz für unbekanntere Persönlichkeiten, etwa die Klangkünstlerin Pauline Oliveros – auch als Einladung, diese und ihr Werk für sich zu entdecken. Alex Solman setzt mit pointiertem Schwarzweiß-Strich auf eine minimalistische Ästhetik der klaren Formen, die sich teils fragmentarisch zusammenfügen. Die Idole sind fast immer schnell zu erkennen, anhand typischer Merkmale, seien es optische Eigenheiten oder passende Accessoires. Mehr oder weniger schmeichelhaft (zum Beispiel Karl Lagerfeld), oft originell, mitunter Groteske überzeichnet.

Dampfhammer als Erfinder

Mit spitzzüngiger Feder hat Gereon Klug viel Skurriles und Wissenswertes über die Porträtierten zusammengetragen. Wer hätte gedacht, dass Bud Spencer der Erfinder des Spazierstocks mit ausklappbarem Sitz sowie einer Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta ist? Und ob Bohnen trotz oder wegen all der staubigen Pfannen-Variationen über Wildwest-Film-Lagerfeuern sein Leibgericht waren?
Sean Connery wiederum staunte nicht schlecht, als er einst privat im Auto von einem Polizisten angehalten wurde. Dessen Name? Bond. James Bond. Schade nur, dass es für nicht wenige Gewürdigte bloß zu sehr knappen, zweizeiligen Nachrufen reichte - vermutlich aus Platzgründen. Aber irgendwann ist nunmal Schluss. Dann wird der Papier-Friedhof der Idole wegen Überfüllung der Seitenzahl geschlossen. Zum Trost bleibt dieses Buch - zum Schmökern, Staunen und Erinnern.

Gereon Klug/Alex Solman: Staying Alive. Unsterbliche Idole unserer Zeit – Zeichnungen und Worte.
DuMont Buchverlag, Köln 2025. 304 Seiten, 20 Euro.


Die nächste Buchpräsentation mit Alex Solman und Gereon Klug findet am Samstag, 16. Mai, im Rahmen einer Ausstellung in Hamburg statt.
Wo? Alter Schwede, Ovelgönne 106, 22605 Hamburg

Wann? Ausstellungseröffnung 15 Uhr, Lesung 19.30 Uhr, danach DJ & Open End. Sonntag, 17.5.2026: Offene Ausstellung, DJs im Garten und Café & Kuchen von 12 Uhr bis abends.

Lutz Steinbrück

Donnerstag, 9. April 2026


CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende

Gibt es eigentlich formale Kriterien, mit denen man die Wahrscheinlichkeit bestimmen könnte, ob in sich in einem Ort eine lebendige subkulturelle Szene entwickelt?

Nehmen wir mal Graz: Zweitgrößte Stadt Österreichs, Hauptstadt der Steiermark, etwas mehr als 300.000 Einwohner, nach Wien der zweitgrößte Hochschulstandort Österreichs, knapp 60.000 Studierende.
Reicht das, um zu sagen: "Hier entwickelt sich etwas interessantes Kulturelles, abseits des Mainstreams?"
Vielleicht sind diese basic Infos keine Garantie, aber die Vorraussetzungen für eine lebendige Subkultur, ganz konkret eine aktive Punk/Hardcoreszene sind nicht schlecht.

Wenn ihr das Buch CONAN CITY HARDCORE von HC Roth und Chris Magerl kennt, oder davon gelesen habt, dann wisst ihr die Antwort eh: In Graz gibt's was. Es gab bzw. gibt in Graz einige aktive Menschen, die in Bands gespielt haben oder selber Konzerte organisiert haben. Gerade letztere haben sich um die Jahrtausendwende in dem gleichnamigen Kollektiv zusammengefunden.

Wenn du dich länger in DIY-Punk-Kreisen bewegst, dann wirst du vielleicht sagen: Ja nun, sowas gibt es doch in jeder Stadt. Gut möglich, aber deshalb nicht selbstverständlich. Denn um Konzerte zu organisieren, brauchst du Locations, brauchst du Leute, die mitmachen, brauchst du ein Netzwerk von Menschen und zu guter Letzt - brauchst du Bands. Das kann in einer Stadt ab einer gewissen Größenordnung selbstverständlich sein, muss es aber nicht.



Jedenfalls: HC und Chris zeichnen in ihrem ersten gemeinsamen Buch ein schönes lebendiges Bild der Hardcore/Punkszene in Graz um die Jahrtausendwende. Das funktioniert deshalb gut, weil ein großer Teil des Buches sich der oral history bedient. Akteur*innen von damals wurden ausfindig gemacht und durften in ihren eigenen Worten, im Interviewstil die Sicht auf Konzerte und die Orga dazu darlegen. Abgerundet wird das durch, sagen wir mal, historische Dokumente: Konzertberichte und Reviews aus Zines und von Berichten der beiden Autoren selber.

Es ist sicher wichtig zu sagen, dass Graz damals ("damals" muss gesagt werden, ist ja immerhin schon über ein Vierteljahrhundert her) dazu über eine recht gute eigene Bandszene verfügte. Bands, die teilweise sogar auf international tätigen Labels, wie HOUSEHOLDNAME RECORDS oder A-F RECORDS, unter- und in dem Zusammenhang auch live weit herumgekommen sind. Bands wie RED LIGHTS FLASH oder die ANTIMANIAX sind mir sogar in Köln mal untergekommen. Was sich dort entwickelt hat, war also schon über Österreich hinaus bekannt. Musikalisch hat man sich am HC/Punk US-amerikanischer Prägung orientiert, ein bißchen melodisch, ein bißchen Skatepunk, bissel nervöser Ska, ein wenig Rumgemoshe. Passte alles, nur allzu abgedrehte Experimente durfte man nicht erwarten. Das waren die 90er, Baby.



Was ich sehr gut an dem Conan-City-Buch finde, abgesehen von all den Informationen und der hübschen Hardcover-Ausgabe (zweite Auflage ist schon raus, allerdings im Softcover), ist die Tatsache, dass in den Interviews auch die Frage nach der Präsenz von Frauen in der Szene zumindest gestellt wird. Die Antworten sind erwartbar. Im CCHC-Kollektiv waren meist Männer aktiv, in den Bands und bei der Orga. Die Frage nach der geschlechtlichen Ausgewogenheit und Zugänglichkeit fand wie sooft nicht statt. Es ist zu hoffen, dass sich das in der Grazer Szene heutzutage dahingehend zumindest etwas geändert hat.

Also: Dieses Buch ist in erster Linie ein Rückblick auf das nach Arnold Schwarzenegger benannten Konzertkollektiv. Von wegen Graz und so, ihr versteht. (Falls nicht, tut's mir echt leid. Dann ist das ganze Buch, eigentlich alle Popkultur an euch verschwendet. Und dieser Blog erst recht.)



Sich nach einem seiner Filmcharaktere zu benennen, finde ich schon recht lustig. Das zeugt von guter Selbstironie. Nimmt man also diese Retrospektive, könnte der Eindruck entstehen, dass in Graz mal einiges ging, und nun nicht mehr. Das scheint mir nach der Lektüre nicht der Fall zu sein. Es gibt also immer noch Bands, Musiker*innen machen in anderen Formationen weiter, neue kommen hinzu (60.000 Studierende spielen ja auch mal Gitarre), so ganz hört es wohl nie auf.

Und für wen ist das nun interessant?
Ganz klar, in erster Linie für die Grazer HC-Punkszene. Für Menschen, die dabei waren, wird es sicher eine schöne Erinnerung an diese und jene Band und an dieses oder das andere Konzert sein. Diese Nostalgie sei euch zu gönnen. Es ist nun nicht so, dass in Graz damals etwas komplett anders lief, als in vergleichbaren Städten in Europa. Aber Graz war damals für tourende Bands schon eine Hausnummer, das wird auch anhand dieses Buchs klar. Zweitens lassen sich an der Geschichte dieses Konzertkollektivs gut Prozesse im DIY-Kontext von Punk Ende der 90er ablesen. Und somit ist es in zweiter Linie ein interessantes Buch für alle, die sich für die Entwicklung der Punkszene in Österreich insgesamt interessieren und dem, was abseits von Wien so ging. Darüber hinaus ist dieses Buch ein schönes und wichtiges Puzzleteil in einem Panorama europäischer Punk/HC-Szenen und jugendlicher Selbstermächtigung.

Von all dem angesehen bin ich allerdings auch der Meinung, dass die Entwicklung von Punk zumindest im anglo-amerkanischen und europäischen Raum mittlerweile sehr gut dokumentiert ist. Ob es deshalb noch mehr Bücher über lokale Szenen braucht, weiß ich nicht und überlasse die Argumentation und dafür gerne anderen Menschen.
Na, DAS wäre ja mal ein Thema für D*F und D*G*G: Braucht die Menschheit noch mehr Bücher über die Geschichte von Punk?

Gary Flanell

CONAN CITY HARDCORE - Die Grazer Punk- und Hardcoreszene um die Jahrtausendwende (2025: 195 Seiten, 1.Aufl. Hardcover) ist im Glitzer & Grindverlag aus Wien erschienen.

Donnerstag, 19. März 2026

Stereotypen adé Pt.I


Sandra und Kersty Grether auf den Spuren rebellischer weiblicher Rockstars

Ein Sonntag im Oktober 2012: Mit weichen Knien sitzen Sandra und Kersty Grether in einem Berliner Taxi - auf dem Weg zum musikalischen Date mit einem Idol: Annette Humpe. Zu NDW-Zeiten Mastermind von „Ideal“, später mit „Ich + Ich“ erfolgreich. Sie produzierte das Who is Who der deutschprachigen Musikszene, von Udo Lindenberg über Palais Schaumburg, Rio Reiser, Die Prinzen bis zu Max Raabe.

Songtipps zum Kaffee

Die beiden Musikerinnen der Band “The Doctorella” sind zu der Zeit beim gleichen Musikverlag wie Humpe, hatten sie per Mail gefragt, ob sie mal ihre neue Platte anhören und etwas dazu sagen könne. Prompt flatterte ihnen eine Einladung zur Privat-Audienz mit Songwriting-Tipps zum Kaffee ins digitale Postfach. Quasi ein gratis Seminar zum Schreiben von Pophits. Die Skills dafür hätten die Schwestern, so Humpe in der Wohnung, wo sich die Knie der beiden Besucherinnen schnell wieder gefestigt haben. Denn Anette ist gleich per Du, nett, aufgeschlossen, nahbar und ehrlich. Sie lobt das Album, findet vieles daran gut. Textlich rät sie ihnen, sich an persönliche Peinlichkeiten und Unbewusstes ranzutrauen, persönliche Abgründe authentisch in Songs zu thematisieren. Der Titel “Drogen und Psychologen” scheint ihr unpassend – sie plädiert spontan für “Oberlieb”. Ihre Lieblingszeile findet sie im Song “2 Engel, 1 Verbot”: “Wenn ich mir die Haut aufschneide, reicht mein Blut aus für uns beide”.

Heute ist die legendäre Humpe-Schwester 75 Jahre alt – und eine der stilprägenden Rock- und Popmusikerinnen mit anhaltender Strahlkraft, die Kersty und Sandra als eine von 41 „Rebel Queens“ in ihrem Reclam-Buch auf knapp 400 Seiten verewigt haben. Mit großer Sachkenntnis, natürlich subjektiven Geschmacksurteilen und geschultem Blick auf den jeweiligen gesellschaftlichen Zeitgeist spüren sie der Bedeutung der porträtierten Frauen über ihre Musik hinaus nach. Auch im Sinne von Empowerment, erkämpften Freiräumen und neuartigen weiblichen Rollenbildern. Analytisch, empathisch, nahbar und sehr gut geschrieben.

Die Auswahl ist stimmig und viele bekannte, prägende Stimmen mit von der Partie. Die Bandbreite reicht von Sister Rosetta Tharpe über Maureen Tucker, Yoko Ono, Cat Power, Bikini Kill, Lady Gaga, The Slits, Boygenius und Pussy Riot bis Billie Eilish. Auch weniger bekannte, innovative Acts wie FaulenzA und Jolly Goods sind vertreten.

Einfach war die Auswahl nicht, schließlich gibt es auch nicht die eine richtige Sammlung. Ausschlaggebend war neben ihren Geschmäckern vor allem die gesellschaftliche Relevanz der Künstlerinnen. “Es gibt keine Objektivität bei den Bewertungen der Musikerinnen, auch nicht im Musikjournalismus”, sagt Kersty. Kritiker:innen sollten bloß nicht zwanghaft versuchen, objektiv zu schreiben.


Cat Power knows

„Uns ging es mit dem Buch auch darum, stereotype weibliche Schubladen für Musikerinnen zu entlarven, diese aufzubrechen und hinter übliche Popstar-Image-Fassaden zu gelangen“, erzählt Sandra im Gespräch mit dem Renfield-Fanzine.

Beispiel Cat Power, die beide Schwestern bereits interviewt haben. Cat werde in den Medien oft als übersensible, gebrochene Künstlerpersönlichkeit dargestellt oder darauf reduziert. Im Kapitel über die US-Künstlerin ist der Blick auf ihre Sensibilität differenzierter, diese fungiert als kreative Kraftquelle mit Verbindung zum Unterbewussten: “Wie kann man über Gefühle singen, die gerade eben nicht mehr verdrängt werden und doch kurz davor sind, ins Unaussprechliche abzurutschen? Cat Power knows.”

“Beim Schreiben über Musik ist es wichtig, durch die eigenen Projektionen hindurchzugehen”, so Sandra. “Spannende Wahrheiten über sich selbst findet nur, wer sich selbst dazu befragt.” Kersty und Sandra Grether kommen den Musikerinnen hinter deren Images aus vielen interessanten Perspektiven nahe. Die meisten Texte stammen entweder von Kersty oder von Sandra Grether und sind in der Summe in nur wenigen Wochen entstanden.


Rüstzeug aus Theorie & Praxis

Es ist ein erhellender Mix aus persönlichen Begegnungen, biografischem Background und gesellschaftskritischen, popfeministischen Reflexionen - inklusive der Auseinandersetzung mit Pressestimmen zu den Porträtierten. Dabei kommt den Autorinnen die Vielfalt ihrer Aktivitäten zugute: Musikjournalistisch haben sie das SPEX mitgeprägt, als Musikerinnen mit ihren Bands “Parole Trixi” und “The Doctorella” diverse Studioalben veröffentlicht und aktiv an der “Hamburger Schule” mitgewirkt. Sie betreiben heute in Berlin das Label Bohemian Strawberry, kuratieren Veranstaltungsreihen. Kersty hat zudem einige erfolgreiche Romane veröffentlicht.

Spannend ist außerdem der Ansatz, die Persönlichkeiten und Wirkungsweisen von je zwei Musikerinnen aus einer Epoche aufeinander zu beziehen – etwa bei Karen Carpenter und Yoko Ono in den 1960er Jahren. Vor der Folie gängiger weiblicher Stereotypen begibt sich der Text in dieses Spannungsfeld hinein: “Yoko war das böse Mädchen, das sich nimmt, was ihr gehört, und Karen das gute, das sich nicht traut zu nehmen, was man ihr aufgrund ihrer Jugend jetzt erlauben würde.” Davon ausgehend solche offen- und/oder scheinbaren Gegensätze zu überwinden und die beiden als “Popschwestern” zusammenzudenken, eröffnet neue Blickwinkel auf die Frauen und ihre Musik. Eben auch mögliche Gemeinsamkeiten, wo es heißt: “Yoko Ono und Karen Carpenter: zwei, die zu ehrlich waren? Nicht fake enough fürs Glamhardrock- und Superstar-Jahrzehnt? Ein bisschen zuviel Motown-Herzschmerz noch, in allem? Die Carpenters klangen wie ein langer Abschied, Yoko Ono wie ein Zukunftsversprechen.”

Wer sich auf eine spannende Zeitreise durch die letzten sieben Jahrzehnte prägender Pop- und Rockmusikerinnen begeben will, der/dem seien die “Rebel Queens” wärmstens ans Lektüreherz gelegt. Auf diesem Weg gibt es viel Neues und Ungewöhnliches zu entdecken. Versprochen!

Lutz Steinbrück

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik von Kersty und Sandra Grether ist 2025 im Reclam Verlag erschienen. Preis: 28 Euro (Hardcover), 4,99 Euro (E-Book). ISBN: 978-3-15-011506-0

Kommende Veranstaltungen mit Sandra und Kersty Grether:

8.4.2026 Literaturforum im Brecht-Haus: "Krawalle und Liebe #34" Musik von und mit Frau Lehmann (im Duo-Set) und Bernd Begemann sowie Lesungen von Sibel Schick (“Mein Körper, Wessen Entscheidung”, S. Fischer) und Ruth Herzberg (“Frequenzen”, mikrotext). Einlass: 19 Uhr. Chausseestraße 125, 10115 Berlin. https://lfbrecht.de/event/krawalle-und-liebe-34/

9.5.2026 ”Museum für Essen und Trinken”: Kersty Grether & Sandra Grether lesen aus "Rebel Queens", mit Musik von “The Doctorella” im Duo-Set. Hufelandstr 35, 10407 Berlin. Tickets über Bötzowbuch: https://www.boetzowbuch.de/

30.5.2025 Sommerhaus-KaffeeBar: Live-Musik von Frau Kraushaar mit ihrem neuen Album "Gurke, Kartoffel, Ahnung". Hufelandstraße 43, 10407 Berlin.

Donnerstag, 14. August 2025

Schön, wenn' s noch disst Pt. R.A.P.


Rafael Schlauch: Battlerap


Real Talk: Für Battlerap habe ich aufgehört mich zu interessieren, als mein Juice-Abo auslief. Um die Zeit wurde noch überwiegend free gestylt, und es regierten nach meiner Erinnerung Royal Bunker-Typen in Lederjacken, zwischen die sich als Schiedsrichter nur Verrückte wie Staiger wagten: Kool Savas, M.O.R., Taktlo$, Morlock Dilemma, solche Kaliber halt. Das war irgendwie ganz lustig, aber auch eine ständige Wiederkehr des Immergleichen, und seit ich mal dabei war, als eine ohnehin schon fade Battle im Kato mehrfach in Keilereien ausuferte, wusste ich besseres mit meiner Zeit anzufangen und hab das Thema vergesssen.


Dass ich damals nur die Steinzeit des Battlerap miterlebt habe und sich seitdem allerhand getan hat, weiß ich nun aus dem Buch „Battlerap“ von Rafael Schlauch, der unter dem Namen Papi Schlauch selbst in der Disziplin written a capella unterwegs ist – also ohne Beat vom Plattenspieler und zuhause vorverfasst und auswendig gelernt! Diese Sparte hat die Freestyles von damals weitgehend abgelöst und damit komplexere Möglichkeiten der Beleidigung eröffnet, obwohl Schlagfertigkeit und Spontaneität weiterhin essentiell sind. Das hat möglicherweise mit der Battle-Sequenz im Eminem-Film „8 Mile“ zu tun, die auch für die deutsche Szene neue Standards setzte. Auch Schmauchs Faszination für die „Kunst der Beleidigung“ wurde durch „8 Mile“ geweckt, und so ließ er sich (ausgerechnet!) von seiner Mutter zur ersten Battle in Frankfurt a.M. fahren. Hier beginnt seine sehr persönlicher Bericht über die jüngere Geschichte des deutschen Battlerap, so wie er sie miterlebt hat.


Um die amerikanischen Wurzeln, die nicht zuletzt zu einer komplett englischen Terminologie führten, hält er sich nicht lange auf – Begriffe wie punchline, angle, rebuttal oder choke werden in einem Glossar bündig erklärt und sorgen gleichzeitig dafür, dass der Text sich teilweise wie der Bericht eines begeisterten Sportreporters klingt. So bietet die Lektüre keine umfassende Darstellung des Themas, sondern vor allem eine mit analytischen Passagen durchsetzte, subjektive Geschichte. Die erzählt Schmauch aber flott und mit der Leidenschaft eines Aktiven. Und nachdem ich zuerst nicht geglaubt habe, dass ich das Buch durchlesen würde, war ich selbst bald fasziniert.


Dass der langjährige Battle Host Ben Salomon 2018 das Handtuch warf, weil er den Antisemitismus in der Szene nicht mehr ertragen hat, habe ich noch mitbekommen und vermutlich so was gedacht wie: „Tja.“ Ich wusste aber nicht dass die Szene nicht zuletzt auf Salomons Initiative mit den Handgreiflichkeiten aufgehört hat und begonnen hat, Standards wie Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Rassismus zumindest teilweise Abstand zu nehmen.


Der Disput wurde dabei stets auf offener Bühne ausgetragen - sowie in anschließenden Interviews, Kommentarespalten und Reaction Video – und ist noch lange nicht abgeschlossen. Dem fügt Schauch selbst hinzu, dass Mutter-Verse, N*Wort und Vergewaltigungs-Fantasien auch deswegen auf dem Rückzug sind, weil sie einfach alt und abgenutzt sind. Denn auch das wusste ich vorher nicht: Dass sich die Kontrahenten der main matches oft monatelang auf die Gegner vorbereiten und bei der Suche nach einer Schwachstelle Insta-Profile, Interviews und alte Battles studieren oder auch mal auf deren Arbeitsstelle auftauchen. Alles für eine verbale Tracht-Prügel, die mittlerweile aber eher den Charakter von Moralpredigten oder mittlerweile sogar – noch erniedrigender – gut gemeintem Coaching von ganz oben herab annehmen.


Da die Gagen für eine Profi-Karriere nicht ausreichen haben alle Aktiven einen Beruf oder studieren, was – wie übrigens auch Tik Tok - enorme Angriffsflächen freilegt. Der von Ben Salomon eingeführte Kunstgriff der „Kunstfigur“, der verhindern sollte, dass die Kontrahenten die Dinge zu persönlich nehmen, ist längst wieder obsolet. Heute gibt’s dafür zwar nicht mehr paar aufs Maul, dafür wird deine komplette Biografien seziert und gegen dich verwendet. Einige Talente versuchen mit einem Labelvertrag einen Schritt in die Musikproduktion – die Resultate werden von ihren schadenfrohen Kontrahenten zuverlässig zerfetzt.


Und obwohl Humor eine der schärfsten Waffen ist, unterscheiden sich die written battles von der comedy, denn während Witzeerzähler ihr timing auf der Bühne über Monate zum idealen Witz zurechtschleifen, sind die Zeilen einer written battle nach einmaligem Gebrauch verbrannt. Niemand kann es sich in der Konkurrenz erlauben, sich zu wiederholen – das besorgen schon deine Gegner für dich. All das schildert Schmauch flüssig und verständlich anhand von Textbeispielen. Allerdings nimmt er es bei seinen Analyse gerne genau: Er markiert die Reime (was bei den Freiheiten, die sich die jungen Leute reimtechnisch so nehmen auch angebracht ist), erklärt sie sicherheitshalber noch mal, bevor er sie ins größere Ganze einordnet. Diese didaktischen Dreisprünge lesen sich aber schnell weg und passen zu seiner Bühnenfigur, die die Rolle des studierten Nerds kultiviert und die angesichts einer mittlerweile noch intellektuelleren und moralinsaureren Generation schon wieder alt aussieht. Die werden ihm sein Buch in künftigen Battles ordentlich um die Ohren hauen.


Mich jedenfalls hat „Battlerap“ inspiriert, an Sonntagen statt alter Saturday Night Life- und Key&Peele-Sketchen alte und mittlerweile auch aktuelle Battles zu schauen. Ich hab mich lange nicht mehr so gut amüsiert. Vielleicht, weil es in diesem Format keine Profis und kaum kommerziellen Schnickschnack gibt, Gegner sich mitunter die Siegesgagen teilen und aufm Weg zur Battle Fahrgemeinschaften bilden, HipHop also noch einigermaßen bei sich ist. Typen wie Ssynic, Yarambo, Nedal Nib oder Mikesch haben jetzt ein Gesicht für mich, und gegenwärtig mischt eine gewisse Lucky Lily den Jungsclub ziemlich systematisch auf. Macht euch Popcorn und probiert’s aus auf den von Papi Schlauch empfohlenen Plattformen wie DLTLLY (Don’t Let The Label Label You), Top Tier Takeover oder Future of Battlerap, es lohnt sich. Sein Buch liefert dazu eine gute Einführung.

Eric Mandel

Battlerap von Rafael Schlauch ist im Ventil Verlag erschienen, hat 246 Seiten und kostet 22,- €

Donnerstag, 15. Mai 2025

Schön, wenn der Tamburinmann klingelt Pt. TBX


JOEL GION - IN THE JINGLE JANGLE JUNGLE - KEEPING TIME WITH THE BRIAN JONESTOWN MASSACRE

Es ist erst mal nicht schlimm, wenn ihr nicht wisst, wer Joel Gion ist. Vielleicht erinnert ihr euch an die lehrreiche Musik-Doku „Dig!“ von 2004, ein sich über sieben Jahre erstreckendes Doppelporträt zweier Bands von der amerikanischen Westküste: der relativ erfolgreichen Dandy Warhols und des im Vergleich dazu völlig dysfunktionalen Brian Jonestown Massacre.

Während der Film die beiden Sänger und Bandleader Courtney Taylor-Taylor und Anton Newcombe in den Vordergrund stellte und die restlichen Musiker*innen sich darauf beschränkten, indifferent, indigniert aber auf jeden Fall verkatert durch die Bilder zu schlurfen, fiel eine Figur auf, schon weil sie offenbar den besten Job von allen hatte: Joel Gion war der Tamburin-Spieler des Brian Jonestown Massacre, eine Funktion, die damals ihresgleichen nur im Tänzer Bez von den Happy Mondays hatte. Außerdem war er der treueste Begleiter des instabilen Genies Anton, dessen Aggressionen an ihm abperlten wie an Teflon. Vor allem aber schien er sich als einziger bewusst zu sein, dass er Teil eines Dokumentarfilms ist, und von Beruf Entertainer: Als gelehriger Schüler der Beatles blieb er der einzige, der immer wieder für die Kamera spielte und damit auch das Publikum um den Finger wickelte.


Von ihm kamen die Einzeiler, die die oftmals verfahrene Situation treffsicher in ein größeres Bild einordneten, darunter auch der Titel des Films: „Dig!“. Schüler der Semiotik und der African American Studies würden ihn wohl als den Signifying Monkey der Story identifizieren. Insofern löste die Nachricht, der Mann mit dem Tamburin und dem entwaffnenden Lächeln habe seine Memoiren veröffentlicht, bei mir eine klare Bauchreaktion aus: Das muss ich lesen.

Dank des Films, Youtube und Vinyl-Re-Issues bin ich mittlerweile selbst zum Fan des Brian Jonestown Massacre geworden, schätze das erste halbe Dutzend Platten hoch und verfolge das sich bis in die Gegenwart ziehende Spätwerk mit Wohlwollen. Die Dandy Warhols sind mir so egal geblieben wie am ersten Tag. Anton Newcombe ist mittlerweile in Berlin gelandet, betreibt mit einer Hand die 8mm-Bar und nimmt wie gewohnt mit der anderen Platten auf. Joel ist bis heute Tamburinmann for hire geblieben, hatte dazwischen aber auch genug Zeit, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, und ohne zu viel verraten wollen, muss ich sie empfehlen. Wer den Film kennt, wird mit einem guten Maß Wissen von hinter den Kulissen versorgt, da Joel einordnet, wie es zu bestimmten Einstellungen der Doku kam.


Und er füllt die Leerstellen dazwischen aus … soweit er kann, denn sein damaliger Lebenswandel brachte auch ein paar komplette Filmrisse mit sich. Wenn er sich aber erinnert, dann erstaunlich präzise. Dazu kommen wissenswerte Exkurse über die Underground-Kultur in San Francisco und L.A., Schnurrbärte und was sie aus Menschen machen, sowie eine Geschichte des Tamburins in der Pop-Musik. Gion schweift dabei ab, wie’s ihm passt und hält dabei einen angenehm alliterationsreichen Hipster-Stil durch, der in der Gegenkultur der amerikanischen 60er-wurzelt (die er im Kino und über Platten studiert hat), angereichert durch angelernte Britizsmen – er trifft im Buch u.a. auf The Jesus and Mary Chain und Oasis, die er bei ihren Westküsten-Gigs mit Speed versorgte.

Speed ist die Droge seiner Wahl („my spirit drug“), und wir können von Glück sagen, dass es nicht Koks, Crack, Acid, Heroin oder Schnaps war, denn so ist uns ein amüsanter, selbstironischer Erzähler mit bewundernswertem Wortschatz erhalten geblieben. Hier nur eine dieser Stellen, in der eine halbnüchterne Alltagsbeobachtung mit nonchalantem Namedropping in eine für die Band ganz normale Kernschmelze auf offener Bühne mündet:

„Later outside of Johnny Depp’s Viper Room, the sun from the Los Angeles heats sticks on like a napalm-esque physical trait, causing multiple strains of sweat: the alcohol infused, the new impending-doom-kind, and the regular sort sucked up to the skin surface by the sun with its countless invisible tentacles. I’m in a dark room. My head is spinning but in the way a hubcap rolls away from a car crash, then falls over into a wobbling spin that increases in speed until the entire band flatlines onstage in a brawl while the packed house watches in shocked amusement.”

Klar, dass solche psychedelischen Wurmsätze schwer zu übersetzen sind, so dass wir die Memoiren bis auf weiteres in der Originalfassung lesen müssen. Sollte sich aber ein entsprechender Verlag dafür interessieren, wäre ich bereit, die Sache ins Deutsche zu übertragen.


Abgesehen von seiner bis zum Ende durchgezogenen Westküsten-Prosa, bleibt Joel ein so sympathischer Erzähler, weil ihm jeder Narzissmus abgeht. Es gibt nicht viele, die sich mit ihrer Rolle als Accessoire zufriedengeben, und kaum einen, der derart darin aufging. Dahinter steckt eine bedingungslosen Hingabe zum Lumpenbohème-Lifestyle, den er und Anton im Buch „the old way“ oder auch „The Llife“ nennen und damit wohl ungefähr das meinen, was Sailor aus „Wild At Heart“ mit seiner Schlangenlederjacke ausdrücken wollte: den Glauben an ihre Individualität und persönliche Freiheit, der sich mit den Vorstellungen von Schallplattenfirmen (oder Polizei) nicht gut verträgt.

So ist Gions Buch auch ein Wegweiser für aufstrebende Musiker*innen, die keinen Bock haben, sich mit dem ersten Deal einem kapitalistischen System zu unterwerfen. Gion macht keinen Hehl daraus, dass dieser Weg nicht ohne Gefahren ist – was dazu führte, das er sich mitunter in ein paar selten dämlichen Situationen wiederfand (die im letzten Drittel für ein paar Längen sorgen, für die die Schlussstrecke jedoch entschädigt). Aber außer wenn er andere geschädigt hat zeigt er im Rückblick kein Bedauern. Und wenn ihr auch mal wieder einen dieser Abende habt, an denen ihr nicht schlafen könnt, und es keinen Platz zum Hingehen gibt, dann folgt für ein paar Seiten diesem Tamburinmann.

Eric Mandel

Joel Gion - In the Jingle Jangle Jungle - Keeping Time with the Brian Jonestown Massacre White Rabbit, 356 S., 28,50 €

Montag, 24. Juni 2019

SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms 19.06.2019

In der letzten SubCult-Sendung vom 19.06.2019 hat Timbob Kegler mit Houssam Hamade über sein Buch "Sich prügeln" gesprochen.
Passend dazu - die Playlist der Sendung:

1. Boy Harsher – Pain

2. G.L.O.S.S. - Give violence a chance

3. The Sonics – Psycho

4. Stereo Total – Ich bin cool

5. The Thermals – Born to kill

6. Drug Church – Conflict minded

7. Jennie & The Slingers – Better off dead

8. Kid Congo & the pink monkey birds - Hills Of Pills

9. Big John Bates – All the devils


Samstag, 10. November 2018

Angst vor blauem Himmel - das zweite Buch des Herrn Flanell

Seit Mitte Oktober ist er raus: Der zweite Band mit Erzählungen von Gary Flanell. "Angst vor blauem Himmel" heißt das Prachtstück, wieder erschienen in der Edition Subkultur des Periplaneta-Verlags. Zu entdecken gibt es einiges in den 35 Texten (zum Beispiel auch die Tatsache, dass bald Weihnachten ist. Nur so als Tipp, falls ihr noch ein Geschenk sucht.): Von pubertierenden Punks über freischaffende Journalisten auf Abwegen, desillusionierte Autoren auf Lesereise, Menschen, die an Batterien lecken, bis hin zu explodierenden Seelen, Darstellungen des Verbeverhaltens von Tieren und den obligatorischen Abenteuern der kleinen Spinne Pup. Vorgestellt wird das Werk in den nächsten Monaten auf Lesungen in Berlin und anderswo. Die Termine werden bald hier bekanntegegeben,

Gary Flanell - Angst vor blauem Himmel
208 S., 12,50 Euro
Edition Subkultur
print ISBN: 978-3-943412-38-3
epub ISBN: 978-3-943412-39-0

Interessierte können das Buch auch direkt beim Autor erwerben. Kurze Mail an renfield-fanzine@hotmail.de und wir regeln alles weitere.

Anfrage für Lesungen und Veranstaltugnen bitte an das Flanell'sche Management unter tim.kegler@yahoo.de