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Donnerstag, 3. Oktober 2024

Die Magie des Weges (eine Überschrift wie aus einem schäbigen Wartezimmerheftchen)

TRAIL MAGIC - Zine Nr. 3

Gedruckte Zines bekomme ich mittlerweile weniger oft als eigens beschriebene Postkarten aus dem Urlaub von Freunden. Letzteres hat nichts mit Vereinsamung zu tun, sondern der Tatsache, dass Urlaubsgrüße nunmehr fast zeitgleich über digitale Kommunikationskanäle verschickt werden. Oder als digitale Postkarte - was praktisch ist, aber nicht dasselbe wie was handgeschriebenes Unleserliches von Herzen.

So ähnlich ist es auch mit Fanzines - und da ist das Renfield voll im Zwiespalt, denn die gedruckte Ausgabe gibt es ja auch derzeit nicht mehr. Umso schöner also, wenn sich Menschen immer noch dransetzen und ein eigenes Heft rausbringen - und zwar so, wie es ursprünglich mal gedacht war: kleine Auflage, Collagenstil, s/w-kopiert und mit sehr persönlichen Texten.

Vor einer Zeit kam mir das neue Heft von Chriz in die Hände. Ich sollte ihm den Beinamen "den Unermüdlichen" verleihen, denn nach MASSENMÖRDER ZÜCHTEN BLUMEN und sackvielen weiteren Ego- bzw. Personal-Zines, hat er mir sein neuestes Heft zukommen lassen, was auch schon wieder eine Weile her ist (ist m September/Oktober 2023 rausgekommen, als ca. ein Jahr): TRAIL MAGIC heißt es und ist ein Zine geworden, dass sich genau einem Thema widmet, das Chriz sehr am Herzen liegt, somit ein echtes Fan-Zine ist: Dem Wandern. Oder Hiken. Oder Spazierengehen oder wie ihr es nennen wollt. Jedenfalls, sich zu Fuß durch die Landschaft, die Gegend, den Raum bewegen, vielleicht dabei ein Buch von Lefebvre in der Seitentasche vom Rucksack steckend.

Rein von der Zahl der Beiträge ist TRAIL MAGIC recht übersichtlich. Es gibt eine zum Thema Wandern in der alten Heimat (als links sozialisierter Punk in einer ostddeutschen Kleinstadt schon sehr beeindruckend), ein Interview mit Tobias "Puding" Burdukat, seines Zeichens Sozialarbeiter, Antifaschist und Hiker by heart, einen Konzert-Bericht vom 30. Geburtstag von Refuse Records, einen kurze Input zum Instagramaccunt von @extremspaziergaenger und einige sorgsame Zine-Reviews. Klingt zahlenmäßig nicht viel, ist aber inhaltlich sehr spannend geworden.

Das Interview mit Pudding nimmt den größten Teil des Hefts ein, es wird ihm viel Raum gegeben über sein Interesse, na besser, seiner Faszination am Wandern zu reden. Dazu, wo er schon überall rumgelaufen ist, (Orte, wo ich als etwas bohemer Strandläufer eigentlich nicht hinmöchte) und den politischen Aspekt seines Wanderns, auch in Hinblick auf die von ihm initiierte Crowdfunding-Kampange. Das hätte vielleicht an der ein oder anderen Stelle zart redigiert werden können, ist aber auch so spannend zu lesen und schließlich ist das hier ja Fanzine und nicht Spiegel oder sowas. Also darf so ein Interview sehr persönlich und teilweise auch sehr dialoghaft werden. Jedenfalls scheint Pudding eine sehr interessante Person zu sein, auf die wahrscheinlich auch "I've been everywhere" von Johnny Cash bestens passt.

Der erste Bericht übers Wandern in der (alten) Heimat, die man aus guten Gründen verlassen hat, ist vielleicht der spannendeste, weil er zu einen sehr biografisch ist, andererseits aber auch eine gute Ergänzung zu den Berichten über Zeiten aus dem Osten, die unter dem Stichwort Baseballschlägerjahre zusammengefasst werden. Eigentlich sollten viel mehr Leute aus dem Westen diese Texte lesen, um überhaupt mal eine Idee zu bekommen, was es heißen konnte, als Punk durch die Provinz zu laufen und von Nazis körperlich angegriffen zu werden. Aber fuck it, dem Westen, war es eh immer egal, was im Osten auf dem Land abging. Sich dann über hohe AfD-Wählerzahlen zu echauffieren, klingt dann nicht so geil.

Aber zurück zum Trail Magic-Zine: Ich habe mich sehr über dieses Heft gefreut, weil alle Texte sehr persönlich geschrieben sind, nicht das ewig gleiche Musik-Gedödel abfeiert wird und dazu ein Thema behandelt, dass es so in Zines nicht oft gibt. Von daher: Sehr sehr hübsch.

Kontakt zu Chriz gibts über Instagram: @xtrailmagicx

Gary Flanell

Sonntag, 26. Dezember 2021

Anker (Zine Review)


Oh boy, lange kein echtes Zine mehr in der Hand gehabt. Wüsste auch gar nicht mehr, wo ich eins kriegen sollte. Zine-Treffen, -Frühstücke oder -Messen sind ja ähnlich wie Konzerte jetzt gerade nicht so möglich. Muss auch sagen, dass ich lange kein echtes Interesse an Zines hatte. Liegt eventuell an der eigenen Selbstausbeuterei fürs Renfield - konnte das alles irgendwann nicht mehr sehen.

Jetzt hat mir allerdings völlig überraschend Chriz, den ich schon seit einigen Jahren kenne und unsere gemeinsamen, wenn auch seltenen Spaziergänge auf Berliner Kiez-Friedhöfen sehr schätze, sein neuestes Heft zukommen lassen. Früher dachte ich immer: Zines brauchen so eine Regelmäßigkeit. Wenn du ein Heft machst, dann musst du immer stringent dabei bleiben, was Name, Struktur und Layout angeht. Merke aber mittlerweile: So eine dämliche Corporate-Identity-Strategie braucht es gar nicht. Und das ist ja das Schöne am Zine-machen. Chriz hat das ganz gut verinnerlicht. Das hier ist nämlich keine neue Ausgabe seiner früheren Zines (Z.B. Massenmörder züchten Blumen), sondern eins mit neuem Namen - ANKER.

Der ANKER ist Zine im besten Sinne: Cut & Paste (a.k.a. Schnipsellayout. Mag den Begriff gar nicht mehr so.), aber weniger so punkrock-schockmäßig, sondern recht aufgeräumt. Inhaltlich gibt es sehr persönliche und gute Texte, vieles davon kann ich sehr gut nachvollziehen, gerade die Texte, in denen es um Erschöpfung aufgrund von Arbeit und Coronabedingungen geht und wie man da raus kommen kann. Ich merke, dass Zine machen für Chriz eine sehr wichtige kreative Tätigkeit ist, um einen Ausgleich zu finden zu den täglichen Anforderungen der Lohnarbeitsstrukturen und allem, was dadurch an den Rand gedrängt wird.

Sehr cool finde ich im Anker den ausführlichen Urlaubsbericht aus Portugal inklusive des Interviews mit Nürni vom CASA DO BURRO, einem wohl selbstverwalteten Bauernhof/Raum/Platz am Monchique-Gebirge in Portugal. Scheint ein sehr schöner und guter Ort zu sein - sofort mal auf die Liste der zu besuchenden Orte setzen. Leider wurde die Casa 2020 von einem Brand heimgesucht, der Nürni und seiner Familie und Crew die komplette Lebensgrundlage entzogen hat. Nun ist es Ende 2021, ich habe keine Ahnung, wie es um das "Eselshaus" heute steht, aber wer helfen will und kann, kann sich gern unter casadoburro@web.de mit Nürni in Verbindung setzen.

Insgesamt hat mir das "ANKER"-Zine gezeigt, dass man sich das ganze Brimborium ums Zine-Machen, wie es bei vielen anderen Fan/Musik-Zies, auch beim Renfield lange Zeit üblich war - regelmäßige Erscheinungsweise, hohe Auflage, Print not Copy, Layout am Rechner, Fest zum Erscheinen, Werbeanzeigen diesdas - sparen kann, wenn das eigene Auskommen davon icht abhängt. Finde, dass diese reduzierte Produktionsweise wieder dazu führt, dass Zinemachen Spaß macht und nicht in belastende Arbeit, von der mensch eh schon genug an den Hacken hat, ausartet. Merke, dass ich so langsam doch mal wieder Bock hätte, ein Heft zu machen. Wer weiß, was kommt.

Anker-Zine: A5, s/w, 34 S., Kontakt: chriz@42zines.de

Gary Flanell

P.S.: Die Musikreferenz: Irgendwo im Anker erwähnt Chriz den Song "Arbeit ist Scheiße (keine aber auch)" von MÖNSTER. Kannte ich nicht, musste ich mir dann doch mal anhören. Gutes Ding, I like.

Freitag, 25. Juli 2014

WASTELAND, TRENDONIX and THE LAST TAPE ON EARTH - new reviews on the Blog

CON MOTO feat. PRINZESSIN HALT'S MAUL - TRENDONIX – 12inch
Gibt’s TREND eigentlich noch? Die Band, bei der ich vor einigen Jahren wirklich dachte: Mann, es kann doch noch jemand was richtig Gutes im Bereich deutschsprachiger Punk machen. Das war gut, eckig, kantig, nicht zu bollerig, eigentlich fernab von Szene und Klischees. Ok, die zweite Platte war etwas vorhersehbar, der ersten schon ähnlich, aber immer noch gut zu hören. Wird ja auch mal Zeit, dass denen mal einer ein Denkmal setzt, klappert der Rabe auf dem kahlen Baum neben mir. Und Recht hat er, der doofe Vogel. CON MOTO und PRINZESSIN HALT’S MAUL haben sich dem ganzen angenommen. Beim „Auftrag” von Con Moto hängt man sich noch Trendsänger Fezer mit rein. Man hört schon das Original raus, aber diese Split-EP (2 Songs von jeder Band) ist so hübsch, dass man sie eigentlich an die Wand hängen könnte: Schickes Robotercover, einseitig bespielte 12 Inch, Poster dazu, alles schick, schick schick. Und wohl schon wegverkauft wie Konopkes Currywurst an einem Samstagabend. (C) (Kidnap Music, Matula Records)

WASTELAND #01/2013
Nichts geht so gut zusammen wie Sex und die erste Ausgabe 2013 von WASTELAND. Penthouse vs. Playboy verdientermaßen 1:0. Photoshopepiliert alleine macht halt beim wiederholten Durchblättern nicht mehr wirklich glücklich. Das nämliche Haar gehört nicht zwingend in die Suppe, macht‘s aber letzten Endes. WASTELAND #1/2013 ist ein wertiges Ding. DIN A4, dickeres, fein umweltunsensibel beschichtetes Papier und in so gutem Schwarzweiß, dass man meint, es sei in Farbe. Gute Photographien von den unterschiedlichsten Orten, irgendwie jeweils neben der Örtlichkeit an sich, gute Texte eben dazu oder zu Leuten wie Andy Ortmann, gute CD-Beilage von den Minimalstelektronikern DACHSHUND OF LOVE, gute, weil kurzweilige Insgesamtaufbereitung. Alles gut. Wirkt ein wenig in den 80ern hängengeblieben, gestylt und etwas toupiert beizeiten, dies aber jeweils nicht bis zur Gelecktheit, sondern rechtzeitig gebrochen und schräg. Das ist eher angenehm als schädlich. Die nun an den Ecken ausgefransten Penthouse-Ausgaben tun‘s schließlich auch noch. (Philipp Nussbaum) (A4, ca. 36 S.)

H. C. ROTH – Das letzte Tape der Erde
Nichts geht so gut zusammen wie Sex und das Tape des geschätzten Kollegen H. C. ROTH. Mut zur Hässlichkeit, Koiti sind nicht immer schön und blumig. Da baumelts und tropfts auch beizeiten, da wird an den falschen Stellen geschrubbt („Scheißdreckck …”) oder der Fusel aus dem Bauchnabel aus Versehen inhaliert. Aber: Musste wieder sein, es juckte schon, da ist keine falsche Schamhaftigkeit vor-zuschützen. H. C. kommt ungeschönt und auf sinnvoll limitierter Kassette in libidozerbröselndem Ätzgrün. Das Zeug muss raus aus den Leuten! Und Herr Honorarkonsul Professor Roth lässt‘s raus. Dafür ist ihm gefälligst mal gepflegt zu danken, verdammt! Verbreitet den Downloadcode (!) des Bandes und kauft den Pinguin! Gewiss ist, dass ihr kurzweilige Freude haben werdet. Das klassische Nachfilmrissgefühl von Washabichdadennwiedergemacht ist es jeweils unbedingt wert. http://hcroth.blogsport.de(Philipp Nussbaum)