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Donnerstag, 19. Februar 2026

Schön, wenn das Trotzdem Weiter macht, Pt. XXVI


MARIA BC - Marathon

"Zehn Minuten", sagt Gary. "Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt..." Darf man das Schicksal herausfordern, also, es wieder und wieder und wieder tun?
Irgendwann geht's schief, alles ist vorbei, und am Ende heult einer.

Andererseits: Heißt es nicht, aller guten Dinge seien drei? Unbesorgt voran also! Moment. Ist's überhaupt die mystische Drei? Hm, Gedächtnis und Nachweis weg, oh nein. Ohne Sorge ist wohl unmöglich.
Einfach weiter machen. Weiter. Machen.

Wie bei einem Marathon zum Beispiel. Gleichzeitig so sinnlos und albern als sogenannter „Sport“, an und für sich selbstverständlich allein in dieser Hinsicht wenigstens zweifelhaft, wenn nicht bereits disqualifiziert, wie auch transzendierend und in andere Sphären führend als blubbernde Mischung aus Zerstörung, Schmerz und dem schließlichen Hinfallen und Verschwundensein. Nicht gegen eine antike Strecke, sondern am Ende gegen alle Umstände, die ganze Welt, sich selbst.
Das Weiter- und das Dagegen- und das Trotzdem-Machen.

Nicht so das Einfachste, der Tage die Musik eines Amerikaners zu erkennen, denn parallel ballert per Sperrfeuer die menschenverachtende Kirmeskulisse aus Bildern und Wörtern eines immer schneller in den Wahnsinn strudelnden alten, ekligen, bösen Mannes und seiner geilen, geifernd und verschwitzt dazu tanzenden Entourage von Opportunisten, Hetzern und Faschisten, laut, billig, fies, mörderisch.

Kaum mehr etwas anderes zu hören und überhaupt nichts zu verstehen. Es aber also ganz bleiben lassen, sich die Ohren zuhalten und sich von allem abwenden, was über den erfreulich großen Teich kommt? Größtmögliche Vermeidung nicht nur von Pepsi, Google, amazon und Tesla, sondern auch von aller Kultur? Hoffen, dass dann alles irgendwie zu einer Art Schwarzes Loch wird und mit einem Knall schließlich in sich selbst zusammenstürzt? Hm.


Weiter- und Dagegen- und Trotzdem-Machen besser. Und aufpassen, natürlich.
Maria BC geht nicht mit Krawall gegen den Alptraum an. Mit schneidender Zärtlichkeit, schmerzhaft dringlich, klar, reduziert und mächtig singt und musiziert sie mit Gitarre und ein bisschen Elektrokrams inmitten des Irrsinns und stört ihn vielleicht.

Sorgen nimmt das nicht und tröstet kaum, doch es ist unüberhörbar und gibt so eine gewisse Hoffnung, u. a. nämlich die, dass im Hier und Jetzt und an viel zu vielen Orten und zu viel zu vielen Gelegenheiten zwar eine Unmenge verblödeter fetter Rednecks mit Knarre, geschniegelter Nazis oder degenerierter Päderasten sind, trotz derer es aber auch noch die Guten gibt.

Zehn Minuten, gefüllt mit Musik, wirren Gedanken, Wut, dem Gefühl von Ohnmacht, gelenkknackendem Schulterzucken, Seufzen.

Ich höre mir Marathon jetzt nochmal ohne Herrn Trump an.

Philip Nussbaum

Das Album „Marathon“ von MARIA BC erscheint am 27. Februar 2026 auf Sacred Bones Records.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn …

Dieser eine Platz, diese Zuflucht, dieses Zuhause ...
Seufze, wenn du es gefunden hast und sei dankbar. Und seufze, wenn du es nach wie vor suchst, denn dann hast nicht aufgehört zu glauben, dass da etwas zu finden ist. Wie aber finden?
Nun, folge vielleicht tatsächlich dem Gesang. Flieg mit Anne Kaffeekanne übers Dach und guck von oben, und geh im Raumanzug durchs Viertel, die Straße erzählt dir sicher einen. Trampe nach Norden, ja, da könnte was sein! Oder frag Pinguin, kleinen König oder Ilse Bilse.
Oder unterhalt dich mit Herrn Vahle, Liedermacher und Autor, insbesondere auch verbeheimatet in jedem ordentlichen Kinderzimmer, und Herrn Pascow, Ex- oder Niemals-wirklich-Gimbweilerer, Schreimann-Musikant und Tante Guerilla.

Philip: Seid ihr welche von den Guten?

Alex Pascow: Ich bin mir nicht ganz sicher, wie du das meinst. Ich verhalte mich nicht immer gut, zuweilen verhalte ich mich schlecht, egoistisch, und ich habe definitiv meine Leichen im Keller. Manchmal versuche ich dieses Verhalten dadurch zu rechtfertigen, dass ich mir einrede, gewisse Werte abzulehnen, weil sie schlicht und einfach falsch sind und es nicht schlimm ist, diese zu brechen. Hin und wieder liege ich damit vielleicht sogar richtig, aber mindestens genauso so oft verwende ich diese Sicht aber einfach nur als billige Ausrede für beschissenes Verhalten. Solltest du aber mit die „Guten“ auf den geschundenen Begriff „Gutmensch“ anspielen, dann sage ich, Ja, ich bin einer von diesen „Gutmenschen“, und es ist mir eine Freude, den „Schlechtmenschen“ damit so richtig auf den Geist zu gehen.

Fredrik Vahle: Jeder Mensch ist in dieser Hinsicht Mischling. Ich auch.

Philip: Gilt das überhaupt, ist man in musikalischer Gesellschaft sicher? Oder ist Seumes Reimchen allzu hoffnungsfroh und naiv und macht die Ausnahmen nicht übersehbar?
Fredrik Vahle: Wenn dadurch eine hinderliche Singhemmung gelöst wird – wohlan!



Alex Pascow: Es gibt sicherlich Leute, mit denen ich nicht über Musik sprechen will, allerdings ist es schon so, dass das Reden über Musik hilft, small talk zu überspringen. Und da ich small talk einfach nicht mag und zudem auch total schlecht darin bin, ist es für mich auch sehr anstrengend und fühlt sich zuweilen wie geraubte Zeit und Energie an. Im Umfeld von Musik ist das oft einfacher. Entweder ist die Musik so laut, dass man sich das Labern gleich sparen kann, oder du lässt den small talk einfach weg und beginnst gleich darüber zu reden, ob du nun über die Ramones oder Sex Pistols zum Punk gekommen bist. Gitarristen untereinander haben es hier besonders einfach. Sie können jedes Geplänkel auslassen und kommen gleich auf Riffing, Amptuning und Sounds zu sprechen und hören danach nie wieder damit auf.


Philip: Kunst, die rein gar nichts will und einfach ist, also auch Liedgut, mag es geben, aber mindestens so häufig wird da sehr wohl gewollt, mehr noch, es wird hingewiesen, erzogen, belehrt, aufgestachelt, beschimpft und verunglimpft. Verleidet einem das das eigene Machen, oder spornt es umgekehrt sogar an?

Alex Pascow:
Kunst, die gar nichts will außer sein? Ich bezweifele stark, dass es die wirklich gibt. Viel eher glaube ich, dass diese Deutung erfunden wurde, um sich von Erwartungen und der Frage nach einem Sinn oder einer Message von vornherein zu befreien. Aber selbst wenn es keinerlei Bedeutung in der Kunst zu geben braucht, so gibt es doch immer einen Auslöser, warum sie geschaffen wird und entsteht. Sie soll doch zumindest neu sein oder in irgendeiner Form einen neuen Blick schaffen. Aus dem puren Nichts entsteht keine Kunst, ganz egal welche. Das wäre dann wohl eher Natur, und selbst diese entsteht nicht aus dem Nichts. Um auf deine Frage zurück zu kommen. Natürlich nerven schlechte Musik und schlechte Texte, vor allem dann, wenn sie allzu gewollt sind und nichts Eigenes besitzen. Nicht falsch verstehen, es ist für meine Begriffe vollkommen in Ordnung, sich von anderen inspirieren zu lassen und Sachen zu klauen, so lange man dabei in irgendeiner Form was von sich selbst preis gibt oder etwas Neues schafft. Aber nur zu reproduzieren, was andere bereits gemacht haben und sich dabei noch so zu verstecken, dass man selbst nicht zu erkennen ist, ist langweilig und belanglos. Das will ich nicht nicht hören, sehen oder lesen. Es sollte entweder authentisch und damit auch ein Stück weit verletzbar oder eben neu sein. Wenn es beides nicht ist, wirst du als Musiker, Texter selbst niemals deinen wahren Kick haben.

Fredrik Vahle:
Wenn ich selber kreativ bin, denke ich nicht so sehr an anderes!



Philip: Sind Musik und Musikant eine Einheit? Kommt nur raus, was zuvor bereits drin war und alles ist authentisch?

Alex Pascow: Das kann so sein, muss es aber nicht. Wie bereits zuvor gesagt, Authentizität ist eine Möglichkeit oder ein Weg, aber bei weitem nicht der einzige. Es gibt so viele Bands, Autoren, Filmemacher, Zeichner etc., deren Kunst rein gar nichts mit deren Alltag zu tun hat. Man muss nicht mit Drachen gekämpft haben, um eine guter Märchenerzähler zu sein, und man muss sich auch nicht drei Mal im Jahr das Herz brechen lassen, um darüber zu singen. Es mag sein, dass das alles in einem „drinstecken“ muss, um daraus einen Song oder eine Geschichte zu machen, aber man muss es definitiv nicht selbst erlebt haben. Und mal ehrlich, wo wären die ganz großen Werke, wenn es nur um Authentizität ginge?

Fredrik Vahle: Wenn nur rauskommt, was vorhin drin war, dann ist das eher langweilig. Mir macht es Spaß, auch bei Liedern, die ich schon oft gesungen habe, immer wieder was Neues zu entdecken!



Philip: Und noch zu zu dem dem, was drin war und ist – wer hat das wie in dich reingefüllt? Lässt sich sagen, was der erste Kontakt zu Musik und Liedern war und was der letztlich angerichtet hat?
Fredrik Vahle: Das war weniger in der Familie, aber dann gab es so mit 14/15 Jahren Singen im Freundeskreis, auf Tramp-Fahrten quer durch Europa. Und dann mit Ulli Freise (Elster Silberflug) und Christiane Knauf.

Alex Pascow: Ich glaube, einen Teil davon habe ich mir einfüllen lassen, sprich, ich habe erfahren, gelernt und wurde von dem geprägt, was um mich herum geschah und geschieht. Dies passiert zu einem ganz großen Teil unbewusst. Manches davon kann ich mir im Laufe der Zeit bewusst machen, manches bleibt für immer versteckt und beeinflusst mich sicher unbewusst. Einen anderen Teile habe ich mir selbst eingefüllt. Jeder beginnt schon sehr früh, eine Auswahl zu treffen und selbst zu entscheiden, was einen interessiert, was man gut findet, womit man sich auseinandersetzen will usw. Das ist eine bewusste Entscheidung für und gegen etwas. Im Endeffekt bin ich also weder ein Opfer meiner Umwelt noch lebe ich wirklich autonom.



Philip: An der Uhr gedreht und unterstellt, die musikalisch-künstlerische Sozialisation legte einen fest – was wäre, wenn das Damals mit dem heutigen Gesamtsoundtrack unterlegt wäre? Klängest auch du anders? Klängest du überhaupt?

Alex Pascow: Ich kann nicht sagen, ob mich Musik, Bands und der ganze Rockzirkus heute nochmal so erreichen würde, wie es damals passiert ist. Und das meine ich jetzt völlig wertfrei. Es war nicht generell besser oder schlechter damals, aber es war definitiv anders. Vielleicht haben heute YouTuber oder Blogger die Anziehungskraft, wie sie früher Rock- und Punkbands hatten. Aber ich bin mir sicher, würde ich heute als Schüler wieder damit beginnen, Musik zu machen, sie wäre definitiv anders. Alles andere wäre auch wirklich strange … Stell dir vor, es hätte sich in den letzten 15 Jahren nichts getan und die Kids würden immer noch den gleichen Kram abfeiern. Das wäre selbst für CSU-Verhältnisse sterbenslangweilig.

Fredrik Vahle: Schwierige Frage – aber meine Stimme würde man vielleicht heraushören ...



Philip: Eure Lieder gehören jetzt wiederum zum Aufwachsen vieler, untermalen klanglich alle möglichen Situationen und bringen textlich die unterschiedlichsten Gefühlslagen auf den Punkt. Sind am Ende gar auf bedeutungsvollen Mixtapes. Ist das schön? Oder auch ein bisschen unheimlich?

Alex Pascow: Meist ist es schön und für mich zählt es zu den besten Momenten der Bandgeschichte, wenn ich mitkriege, welche Bedeutung der eine oder oder andere unserer Songs für manche Menschen hat. Manchmal stelle ich dann fest, dass ein paar Leute praktisch das gleiche in einem Text sehen wie ich, als ich ihn schrieb oder wenn ich ihn singe. Ein anderes Mal sehen Leute etwas ganz anderes darin, was sie aber genauso bewegt. Und manchmal, ja, manchmal wirst du auch einfach nur vollgelabert und es gibt keine Gemeinsamkeit außer Bier. Und weiß Gott, es gibt Schlimmeres.

Fredrik Vahle: So ist es, beides trifft zu.


Philip: „Hätte ich damals nicht xxx von Fredrik Vahle oder von Pascow gehört, bei Gott, ich wäre heute wer anders!“ Wer könnte so etwas sagen und damit schmeicheln? Wer ließe dich damit ein Loch im Boden suchen zum Verstecken?


Fredrik Vahle: Komische Frage. Trotzdem: Ich bin mit der Resonanz auf meine Arbeit zufrieden!

Alex Pascow: HaHaHa … No Masters! Nein, keine Ahnung, ob es da jemanden gibt? Wenn es der Wahrheit entspricht, würde mich eine solche Aussage sehr freuen, fast egal von wem sie kommt. Okay, stell dir vor, eine Person, die du wissentlich und aus voller Überzeugung verachtest, würde so etwas zu dir sagen. Nein, dann würde ich mich nicht freuen. Also vergiss, was ich sagte :-)

Philip: Was läuft derzeit daheim in den eigenen vier Wänden? Und wie?

Fredrik Vahle: Nicht viel. Vielleicht Linard Bardill und Gurdjeffs Hymnen. Ich mache viel selber Musik. Auch zu Hause.



Alex Pascow: Ganz ehrlich? Das Album von Eliot Sumner finde ich super. Die neue DISCO//OSLO und die neue LYGO höre ich oft und dass nicht nur ,weil sie auf unserem Label erschienen sind. Dann stehe ich momentan auch ziemlich auf rhythmische Sachen, also Songs, die hier interessant sind, ohne dabei penetrant zu werden, CLASH hatten hier ein paar richtig gute Sachen, auch Bands wie PROPAGANDHI oder AGAINST ME oder auch Leute wie bspw. Micah P. Hinson oder sogar Charles Aznavour. Außerdem schaffen es immer wieder Klassiker auf meine Playlist, zur Zeit mal wieder die DESCENDENTS.



Philip: Wann bist du endgültig fertig mit Musik? Wann kommt kein Ton und kein Wort mehr?

Fredrik Vahle: Weiß ich nicht...

Alex Pascow: Es gibt immer mal wieder Phasen in denen ich keine Lust habe, mich mit Musik aktiv zu beschäftigen. Dann bin ich schnell gelangweilt oder genervt von Musik, die mir begegnet. Oft kommen aber gerade im Anschluss an solch einen Zeitraum ein paar Tage oder Wochen, in denen mir selbst viel einfällt oder ich Musik von anderen richtig verschlingen kann. Aber selbst in solch einer Phase, denke ich immer nur bis zum nächsten Song oder vielleicht noch bis zum nächsten Album, weiter nicht. Und sollte mir irgendwann nichts mehr einfallen, was mich selbst fesselt, höre ich auf oder mache was anderes. Ich weiß aber auch, dass ich ein Arbeiter sein kann, das heißt, ich höre nicht auf, nur weil ein Song oder Text zu Anfang mal beschissen ist. Die wenigsten Stück oder Texte funktionieren von Anfang an, an den allermeisten muss man arbeiten und sie zu guten Songs zu machen. Das ist nicht immer leicht, oft sogar zum Kotzen und nicht selten fühlt es sich dann auch an, wie jede andere Arbeit auch. Wie so oft schon gesagt ...10% Inspiration, 90% Transpiration.

Philip: Jetzt aber noch nicht fertig. Es wäre fein, dass Gespräch mit einigen eigenen relevanten Liedzeilen zu beenden. Wenn sie gar themaexklusiv wären, wäre dies sicherlich verzeihlich.

Alex Pascow: Eigene relevante Textzeilen? Mit Textzeilen von anderen könnte ich dich zuschütten, aber nun gut gut, versuchen wir es mal mit eigenen:

„Cherchez la femme“ aus „Die dumme Kuh mit den schönen Augen“ - Dabei handelt es sich genau genommen nicht um ein Zitat von uns, vielmehr ist es eine bestehende und weit verbreitete Redewendung, die wir lediglich aufgegriffen und eingebaut haben. Nichtsdestotrotz ist und bleibt die Aussage dieses Zitats die ultimative Triebfeder für alle Arten von Texten, Songs und jeder Menge Abstürze in allen Facetten.

„Die Zeit, die mir fehlt, ist das Geld, das ich krieg.“ aus „Castle Rock“ - Es ist eine Abwandlung oder Anspielung eines Blumfeld Zitates. Aber unseres geht in eine andere Richtung und für mich fasst diese Stelle das Album „Diene der Party“ im Ganzen gut zusammen.



„Wenn meine Generation auf mich zählt, dann Honey, ist sie verloren“
aus KO Computer. - Ach verdammt, auch ich bin im Laufe der Jahre mehr eingemacht worden als ich es zuvor geglaubt hätte, trotzdem ist an diesem Zitat noch immer was Wahres dran. So gesehen ist es manchmal auch gut keinen Frieden zu kriegen. Oder zu machen.



Fredrik Vahle: Von der CD „Lilo Lausch läuft leise“: „Unterschiede kann man seh'n/ Zuhör'n bringt dich ins Versteh'n./ … Denn da ist ein großer Klang/ der die ganze weite Welt/ wenn man aufeinander hört/ wie von selbst zusammen hält.“




fredrikvahle.de
pascow.org

Interview: Philip Nussbaum

Donnerstag, 31. März 2016

Es war einmal … ein Interview mit Safi

Endlich wieder Berliner? Keine Ahnung, ich habe SAFI und Safi zunächst im städtischen Hexenhaus vom niederrheinischen Viersen erlebt. Wo auch immer sie und ihre unwirkliche Musik herkamen – dass aus einer Märchenwelt, schien noch am wahrscheinlichsten. 2015 nun „Janus“, und nichts wird realer.
Flüsternd und schreiend durch die Wälder, an Haaren die Wände hinauf, auf Flügeln wieder hinab und mit einem mächtigen Sprung ins sirenen- und buttbewachte Schwarz. Ein Lied dann. Donner?
Ist Safi ist SAFI ist Safi.

Philip: Es war einmal … Ja, was denn eigentlich? Heute schon irgendwelchen Hexen, Zwergen oder Prinzen begegnet?

Safi: Heute, Montag Morgen, in der U-Bahn sind zwei Riesen aufgetaucht. Die wollten meine Fahrkarte sehen – sie kamen quasi aus dem Nichts …

P.: Neue Platte am Start, und es soll hier um Märchen gehen.
S.: Ein schönes Thema! Die Welt ist ein Märchen, ständig passieren unglaublich gruselige und brutale Dinge. Aber auch Wunderbares, Erhebendes. Jeder Mensch entscheidet nach seiner Herkunft und Bildung, was Gut und was Böse ist. Und muss als einsamer Held bestehen, gegebenenfalls mit Unterstützung von Lebensphilosophien, Vorstellungen, starken Wünschen, kleinen Freuden oder Freunden, die ihm übermenschliche Kräfte verleihen.
Der Janus-Titel des Albums symbolisiert den Blick in die Welt, der in alle Richtungen gleichzeitig schaut und alles ungefiltert und ohne zu werten oder einzuschränken wiedergibt, was er wahrnimmt.
Janus kann aber auch der kleine Held sein, der in uns wohnt und uns erinnert, die Dinge aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten, um klüger, vielleicht zum Besten des Umfeldes, handeln zu können. In diesem Moment tritt der Held in den Schatten, er tritt zurück während er seinem Umfeld etwas gibt.

P.: Spielten Märchen früher bei dir eine Rolle? Wer hat wem erzählt, vorgelesen, von Kassette, Platte, Festplatte vorgespielt?
S.: Meine Ma musste mir, ganz wichtig, jeden Abend Märchen vorlesen. Ich habe völlig in der Märchenwelt gelebt und war sämtliche Prinzessinnen und Feen. Das war sehr prägend für mich. Ich habe jeden einzelnen Satz wiederholt, den sie mir vorgelesen hat. Ich konnte alle Märchen bereits auswendig und habe sofort jeden Fehler bemerkt, der sich beim Lesen eingeschlichen hat. Sie hat mir neulich erzählt, als sie mir ein Versprechen abnehmen musste, etwas Bestimmtes nie wieder zu tun, versprach ich ihr mein erstes Kind, wenn ich Königin werde.

P.: Favorisierte Story oder Figur? Und wer oder was war Garant für Grusel und schlechte Gefühle?
Safi: Favoriten waren unwirkliche Gestalten wie Feen, die zaubern und fliegen konnten und so eine Art Lichtwesen waren. Andersrum aber auch die Räubertochter im Wald, die mit Messern spielt und die kleine Gerda beschützt, die auf Suche nach dem verschollenen Kay ist.
Sie schenkt Gerda dann ihr liebstes Rentier und so kann es Gerda bis an den Nordpol zum Palast der Schneekönigin schaffen, wo sie Kay findet, der damit beschäftigt ist, das Wort „Ewigkeit“ zusammenzusetzen.
Und da ist auch der Grusel – das Ungreifbare, Unterschwellige, Unausweichliche, etwas, was immer vorhanden ist, eine Bedrohung, aber auch kalte Abwesenheit von Liebe, unbestimmte dunkle Kraftfelder, denen man sich nicht ohne Weiteres entziehen kann. Und genauso beängstigend fand und finde ich in Märchen wie im echten Leben körperliche Gewalt und Mord. Nicht aber den Tod selber.

P.: Zumeist ist die Märchenzielgruppe arg minderjährig und sehr empfänglich für die Bilderwelten und Spinnereien. Hexen, Drachen, brrrrr. Zauberer, Einhörner, oooooh. Mord und Totschlag, Sex and Crime, Missgestaltete und Besessene. Alles eigentlich Fälle für die Bundesprüfstelle?
S.: Nicht gut, auf diese Weise kleine Menschen zu beeindrucken, damit sie später besser spuren. Interessant, dass gleich damit in den kleinen Köpfen jeweilige Moral- und Wertevorstellungen eingraviert werden. Mich würde mal interessieren, wie verbreitet die klassischen Märchen heute noch sind. Inwieweit mündliche Überlieferung aus der Vergangenheit in die Zukunft heute noch anhält. Inzwischen explodieren ja die Möglichkeiten der Verbreitung von Inhalten.
Die märchenhafte Darstellung von Vorgängen durch übersteigerte Charaktere, die ganz klar nicht menschlich sind, finde ich aber längst nicht so schlimm wie unkontrollierter Genuss aller gängigen Medien, denen Kinder überall ausgesetzt sind, wo flache Ablenkung angereichert mit Gewalt, ungefiltert und ohne sinnvollen Input dargeboten werden.

P.: Ist die Zeit der Märchen am Ende vorbei? Niemand berichtet wem anders noch bei Kerzenschein, alles ist bis ins Letzte erklärt und verplausibilisiert, und bevor es einem gewesen sein könnte, ists schon überholt und vorbeigeupdatet.
S.: Ich denke, die Offenheit für Märchen ist immer da. Leider ist sie ja auch da für all den Quatsch, der den großen und kleinen Leuten um die Ohren geschleudert wird. Bedürfnis nach Sinn, Übersinn, Sehnsucht nach einem Etwas, was alle Probleme beseitigt, der Wunsch nach Geborgenheit und Gerechtigkeit werden immer da sein, und so könnten Märchen immer wieder Comebacks erleben, auch wenn sie neue Formen annehmen. Hallo Superhelden?

P.: Pazonk! Eine Welt aufgeteilt in Unverkennbar-Gut und Unverkennbar-Böse, und der Ausgang ist immer derselbe Beruhigende – das täte so kissengut! Endlich mal kein Dauerausloten von Schattierungen und Interpretieren von Zwischentönen, plötzlich alles so einfach …
S.: Natürlich langweilig. Aber in der Vorstellung wichtig! Der Mensch braucht seine Probleme. Und die Hoffnung, Probleme und Aufgaben zu lösen, um zu wachsen und innere Grenzen zu durchbrechen. Aber sollte sich die Welt irgendwann sehr friedlich entwickeln und alles im Einklang sein, so kann es sein, dass es den Menschen so nicht mehr gibt, weil er sich selbst abgeschafft hat...

P.: Märchen geht mit Bild geht mit Schauspiel geht auch mit Musik. Geht mit SAFI?
S.: Klar. Weil wir beim Hervorrufen von Klängen in dem Moment eine Welt erschaffen, so wie wir auch beim Hören von Klanggebilden eine Welt empfinden. Deshalb ist Musik wie Theater, Tanz, wie Malerei oder Literatur oder Märchen. Nur eben konzentriert auf akustischer Ebene mit mehr oder weniger Optik.
Ich moralisiere zwar nicht, aber nehme eine Art Schwebeposition ein und gebe assoziativ wieder, was ich beobachte. Dabei entstehen oft Wort- und Satzkombinationen, die vielleicht logisch nicht zusammen passen, aber beim Empfänger doch etwas auslösen.
Mit Hilfe einer Art Collagetechnik erschaffe ich emotionale Bilder, die beim Hörer eher übers Empfinden als über den Verstand aufgenommen werden. Märchen bestehen ebenso aus emotional aufgeladenen Bildern, denen aber jeweils eine logische Erzählstruktur zugrunde liegt. Die Gemeinsamkeit besteht darin, Inhalte an einen Empfänger zu übermitteln und das mit Hilfe von Sinnbildern.



P.: Safi schreibt selbst ein Märchen. Bitteschön:
S.: Es war einmal ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden. Eines Tages verdunkelte sich der Himmel und am Horizont stieg ein gewaltiger Riese empor.
Sein Blick war furchtbar und entschlossen. Kein Einzelner konnte sich seiner Macht entgegenstellen.
Jeder Unglückliche, der das versuchte, musste sterben. So schlossen sich die Menschen des Landes fest zusammen und ersonnen einen Plan, wie sie des Monsters Herr werden könnten.
Sie bildeten ein Heer und stürmten wie Ameisen auf den Riesen zu, kletterten an seiner zerklüfteten Haut empor, drangen in seine Poren ein, besetzten jede Zelle seines Körpers, verschmolzen mit seinem Körper.
Der Riese wankte, fiel beinahe, aber die Menschen hatten ihn fest in ihrer Gewalt, denn sie WAREN jetzt der Körper.
Das gefiel den Menschen so gut, dass sie nichts anderes mehr wollten, als den Riesen zu steuern. Sie vergaßen ihre kleinen Sorgen und Wünsche und ergötzten sich an ihrer neuen gemeinsamen Übermacht.
Und gerade so als ob der Riese, der hinter dem Horizont hervor gestiegen war, keine merkliche Veränderung erfahren hatte und auch nicht für einen Moment zum stehen gekommen war, bewegte er sich immer weiter in Richtung des nächsten Horizontes.
Dahinter lag ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden...

P.: Unbenommen dessen, dass alle noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind – letzte Worte?
S.: Aufeinander aufpassen und Verantwortung übernehmen, im Zweifel nachdenken statt mitlaufen.


Ist SAFI ist Safi ist SAFI.
Und es ist Donner, übertönt von Liedern, auseinander berstend und sich zusammenrollend, ein Streicheln, ein Schlag, dann Stille. Alsbald in deinen Ohren, dann und wann auch vor deinen Augen auf einer Bühne um eine Ecke.



safimusic.com


Text: Philip Nussbaum
Fotos: Stephanie von Becker, Steve Viezens, Robert Soujon

Mittwoch, 22. April 2015

Juice of love, love of tapes

Mit ein wenig Stolz in meinem Katzenherzen möchte Ich an dieser Stelle auf einen Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zitty (Berliner Stadtmagazin) hinweisen. Wer weiß, wohin der Weg der guten alten Kassette noch führt, ein paar findige Menschen setzen schon länger auf das Tape als Musiktransportformat der Stunde. Viel Spaß also mit der Story über Berliner Tapelabels aus der Feder des Herrn Flanell.

Und jetzt weiter im Text. Juice of Love waren angekündigt, JoL kommen jetzt. Wer das ist und warum sie wie am liebsten schlafen im folgenden Interview von Philip Nussbaum, erschienen in Renfield No. 29 - welches fast vergriffen ist.

Dösen und Schlaf und Träume und Aufwachen und aus

Sie wachte mit einem Lächeln auf. Warmes Licht fiel ins Zimmer und auf ihr entspanntes Gesicht und ließ den Schlaf abperlen. Die Träume flogen auf wie Schmetterlinge. Irgendwo draußen sang ein Vogel, und die Melodie wurde vom sanften Wind mal zu ihr, dann wieder weiter hinaus in den Morgen getragen. Sie streckte sich und griff in die Sonnenwärme. Heute, ja, heute war ein guter, heute war der Tag. Ob er schon auf dem Weg war? Sie stellte sich vor, dass, und suchte absichtlich nicht nach einem Zifferblatt oder einer Anzeige, um sich die Ungewissheit und Vorfreude möglichst uneingeschränkt zu erhalten. Das war sie also, diese sogenannte Liebe, von der alles und jeder sprach. Es hatte wohl eine Weile gedauert, aber jetzt war sie da. Soviel stand fest. (versuch 8, „09:00h“)

Soundtrack: JUICE OF LOVE. Frau / Mann-Duo, bestehend aus Alex und Mila, dessen erstes Vinyl 2013 im Musikzimmer erschien, wie von einem durchziehenden Wetter dagelassen.

P: Schlaf. Seid ihr genau jetzt ausgeruht und hellwach, um darüber nachzudenken? Oder eher abgekämpft, müde und duselig? Vielleicht könnte die zweite Verfassung gar helfen ...
Alex (Juice of Love): Tatsächlich bin ich gerade ziemlich müde, und das obwohl ich eigentlich recht lange geschlafen hab. Das heißt, bis heute Mittag um halb eins.
Mila (Juice of Love): Vielleicht ein bisschen von beidem …, obwohl es ein langer Tag war, bin ich auf jeden Fall noch wach genug zum Tanzen!

P: Schlaf – existenziell und wundervoll? Oder lediglich hinzunehmendes Übel?
A.: Ich mag Schlaf sehr gerne. Er kann so schön gemütlich, tief und heilend sein. Doch ich würde mir wünschen, dass man sich einfach selbst aussuchen könnte, wann man schlafen will. Es nervt mich, dass man von der Müdigkeit dauernd dazu gezwungen wird.
M.: Für mich ist Schlafen neben Essen und Tanzen wohl eine der schönsten Beschäftigungen überhaupt!

P: Kann im Schlaf etwas gewonnen werden? Oder geht es dabei nur um Verlust und das Verpassen irgendwelcher Gelegenheiten?
A.: Davon, dass man fast die Hälfte seiner Lebenszeit verschläft, bin ich nicht sehr begeistert. Doch die Welten, die man im Traum erleben kann, machen die verlorene Zeit vielleicht wieder wett. Ich träume viele unwirkliche und verstörende Dinge, was ich sehr spannend und inspirierend finde.
M.: Eigentlich verpasst man doch immer irgendwas, und Schlafen ist viel zu schön, um dabei von Verlust zu sprechen.

P: Herr Warhol hat es getan, andere, deren Namen mir gerade nicht einfallen, haben es ebenfalls getan. Vorbilder genug, ich will es auch – einen Augenblick des Schlafs einfangen. Eures Schlafes. Beschreibt ihn. Wie sieht das aus, wenn ihr schlaft, wenn ihr träumt? Was ist an Drumherum entscheidend? Wie klingt es? Riecht es? Stellt euch den absolut perfekten Schlaf vor!
A.: Unser Schlaf ist im allgemeinen sehr tief und dunkel. Ein schwarzes Loch. Kein Geruch, kein Geräusch. So ist es auch fast schon perfekt. Wir würden nur gerne viel öfter träumen oder uns öfter daran erinnern können.

P: Träumt ihr? Was war der unbedingt schönste Traum bis hierhin? Und was der grässlichste, der, der am meisten verstört hat?
A.: Als ich jünger war, träumte ich einmal, dass sich eine weiße Holzpuppe zu mir ins Bett neigt. Oder dass sich Kurt Cobain vor meinen Augen in ein blutiges Pferd verwandelt, aus dessen Körper dann ein kleines verschrumpeltes Wesen kriecht. Diese Träume waren beide recht verstörend. Der Schönste war vermutlich irgendein Sextraum, bei dem man dann richtig enttäuscht ist, wenn man aufwacht.
M.: Ich hatte schon viele schöne Träume, aber eigentlich keinen, an den ich mich konkret erinnern kann. Dafür könnte ich hier von unzähligen Alpträumen schreiben, die ich schon hatte (die vergess ich nämlich aus einem unerfindlichen Grund nie). Als ich noch sehr klein war, habe ich zum Beispiel mal geträumt, dass ein Wolf in unsere Wohnung kommt und mich in meinem Bett auffressen will. Am nächsten Morgen habe ich meinen Papa gefragt, ob in Düsseldorf Wölfe leben.

P: Ich habe festgestellt, dass Träume nach z. B. einigen Bieren andere sind als die nach ein wenig Wein oder Whisky. Lediglich besoffene Zufälle? Was kann es auf sich haben mit Substanzen, die schlafen und träumen helfen und nicht nur Narkotika sind?
A.: Wenn ich recht überlege, hatten derartige „Substanzen“ noch nie einen wirklichen Einfluss auf meine Träume oder auf meinen Schlaf. Allerhöchstens wurde alles in allem etwas wirrer.
M.: Wenn ich getrunken habe, träume ich nicht (bzw. weiß am nächsten Morgen nichts mehr davon).

P: Schlaf als easy way out? Was lässt sich tatsächlich nur schlafend ertragen?
A.: Wenn ich sehr traurig bin, oder sehr enttäuscht, oder sehr krank und daher den Tag oder den Abend nicht ertragen mag, dann bleibt die Möglichkeit, sich im Schlaf zu verstecken. Das klappt ganz gut.

P: Schlaf als letzter Ausweg. Einige sind tatsächlich der Auffassung, das sei eine wunderbare Art zu sterben, einfach wegdriften und niemals wieder aufwachen. Ewiger Schlaf, viel, viel länger als Dornröschen ...
Juice of Love: Es ist sicher die „sanfteste“ Art zu sterben. Eben so sanft, wie das Einschlafen an sich. Man merkt es gar nicht.

P: Genug mit Schlafen und Träumen. Aufwachen! Wie am besten? Was und wen braucht‘s?
A.: Man schlägt die Augen auf und ist hell wach. Dynamisch und energiegeladen springt man aus den Federn und schüttet sich ein kaltes Glas Wasser in die Kehle. „An die Arbeit!“ brüllt man noch in freudiger Erwartung an den Tag. So soll es sein. Doch so ist es bei mir nie. Ich quäle mich mindestens eine Stunde mit der Schlummerfunktion des Weckers, bis ich ansatzweise wach bin.
M.: Es braucht selbstverständlich den Liebsten neben einem im Bett und dann ganz viel Kaffee und Knack&Back!

P: Famous last words?
M.: Macht's gut und danke für den Fisch!

Juice of love

Dienstag, 20. Januar 2015

Altern, Alter!

Die Frage nach dem Alter… stellt man sich als 16-32-jähriger Jungrebell eher selten. Haben deine Lieblingsbands ja auch nie gemacht. Die Circle Jerks empfahlen ganz schlicht „Live fast, die young“, die Descendents haben erst auf ihrem Spätwerk „What will it be like when I get old?“ gefragt.
Machen wir uns nichts vor: Dem Altern ist schwer auszuweichen. Eigentlich gar nicht. Das weiß Renfield-Schreiber Philipp Nussbaum und Ox-Kolumnist Alex Gräbeldinger weiß das auch. Was sie beide von den Begleiterscheinungen des Älterwerdens halten, haben sie beim Interview in Renfield Nummer 28 ausdiskutiert.

P: Ist genau heute und jetzt eine gute Gelegenheit, mit dir über das Altern zu sprechen? Es geschieht zwar dauernd und ohne Unterlass, manchmal aber sanfter und manchmal heftiger.
A: Zurzeit bewege ich mich im gemütlichen Schritttempo auf die Midlife-Crisis zu. In der Hoffnung, dass sie mich nicht allzu hart erwischen wird. Als kleine Vorsorgeuntersuchung kommt mir unser Gespräch daher durchaus gelegen.

P: Wie alt bist du gerade, und wie alt würde z. B. Jenny sagen, dass du dich fühlst?
A: Ich stehe kurz vor meinem 35. Geburtstag. An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich doppelt so alt. Die meiste Zeit benehme ich mich allerdings wie ein Teenager oder Kleinkind. Ich denke, das würde meine Frau so bestätigen.

P: Woran merkst du, wie alt du bist? Woran, dass das schon wieder vorbei und nurmehr Vergangenheit geworden ist?
A: Dass ich nicht mehr als Elfjähriger durchgehe, fällt mir insbesondere beim Blick in den Spiegel auf. Trotz der zahlreichen Anti-Aging-Produkte, die ich in den vergangenen Jahren ausprobiert habe. Somit sind die Zeiten, in denen ich beim Kauf einer Flasche Schnaps nach einem Altersnachweis gefragt wurde, für immer vorbei.

P: Herr Wiebusch sang, dass irgendwas immer sechzehn bleibe (Auch schon lange her, das. Der Setzer) Was soll das eigentlich?
A: Bestenfalls, dass man sich ein Stück Jugend bewahrt. Schlimmstenfalls, dass man, so wie ich, mit 35 noch immer nicht erwachsen ist. Dann gibt es noch Menschen, die definieren sich ein Leben lang über das, was sie als Teenager zustande gebracht haben. Bei einer Band wie beispielsweise SLIME sind das immerhin die Lieder „Deutschland muss sterben“ und „Wir wollen keine Bullenschweine“. Bei mir ist das leider nicht mehr als ein Realschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,5.

P: Hat bzw. hatte der 16jährige Gräbeldinger überhaupt einen Vertrag mit Altern, Alter?
A: Das war bei mir schon mit 16 tagesformabhängig. An gut gelaunten Tagen wollte ich nicht älter als 21 werden und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jung kaputt spart Altersheime". An schlecht gelaunten Tagen verspürte ich Zukunftsängste und hoffte darauf, dass mir noch genug Zeit bleiben würde, um mein verkorkstes Leben wieder in Ordnung zu bringen.

P: Sechzehn, Club der Siebenundzwanziger und und und. Drauf geschissen, mir gehts gerade mehr um den Prozess, um das Geschehen-von. Beizeiten stehe ich mit Kollegen vor meiner Dienststelle, rauche, und wir zerreißen uns das Maul über uns selbst und natürlich mehr über andere, die gerade durchs Bild laufen. „Oh Mann, der/ die/ das bekommt eine Eins mit Sternchen in Unwürdigaltern, hehehe“, usw. Was sind die armseligsten Alternsanzeichen? Was die schönsten? Oder sind sie alle gleich?
A: Ob sich jemand mit 50 noch die Haare grün färbt oder lieber eine beigefarbene Bundfaltenhose trägt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Auch stört es mich nicht, ob jemand versucht etwas zu konservieren oder es vorzieht, der Zeit ihren Lauf zu lassen. Solange man das macht, womit man sich wohlfühlt, und niemand dabei zu Schaden kommt, altert man meiner Auffassung nach würdevoll. Scheißegal, was die Leute von einem denken.

P: Ist Altern eher Zerfallen oder eher Reifen? Lässt es sich aufhalten oder forcieren?
A: Körper und Geist besitzen ein Verfallsdatum, das sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden kann. Wenn ich einen Großteil meiner Lebenszeit damit verbringe, Schnaps zu trinken und Crystal Meth zu rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nicht nur körperlich verwahrlose, sondern auch geistig.
Achte ich stattdessen auf meine Gesundheit und lese regelmäßig die Apotheken-Umschau, erhöhe ich die Chance, auch im Alter noch Freude an Nordic Walking und Kreuzworträtseln zu haben. Darüber hinaus stehen mir natürlich noch Botox und die Schönheitschirurgie zur Verfügung. Doch ob ich mich letztendlich reifer oder einfach nur älter fühle, wird immer davon abhängig sein, wie ich meine Lebenserfahrungen auswerte. Wenn es gut läuft, werde ich ausgeglichener und weiser. Wenn es doof läuft, nichts weiter als ein verbitterter, alter Sack.

P: Was muss altern, bevor es überhaupt was taugt? Außer Käse?
A: Eine naheliegende Antwort wäre vermutlich Wein. Doch in Wahrheit bin ich alles andere als ein Weinkenner. Das bedeutet: Wenn ich besoffen werden will, gelingt mir das in der Regel auch mit einer Flasche, die vor nicht mehr als einem Jahr abgefüllt wurde.

P: Apropos Wein. Z. B. der wird nur bis zu einem bestimmten Punkt besser, bis er dann den Zenit überschreitet und zu Essig wird. Mensch kommt, steigt, steigt, erreicht, kippelt und saust dann im Sturzflug hinab in die Regression. Welcome back, feuchte Windelwunderwelt. Gehts bei dir weiter aufwärts oder bereits wieder abwärts? Und was machst du, wenns zu steil werden sollte?
A: Ob ich meine besten Jahre bereits allesamt vertrödelt habe, oder ob mir noch ein paar davon übrig bleiben, wird sich zeigen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ich in diesem Leben kein Astronaut, Model oder Rockstar mehr werde. Was das betrifft, mache ich mir nicht länger falsche Hoffnungen. Da bleibe ich lieber mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und entgehe somit der Gefahr einer schwindelerregenden Fallhöhe. Verglichen mit Wein würde ich mich ohnehin als Billigfusel aus dem Tetrapack einstufen.

P: In Ecken der Welt ist es wichtig, das letzte bisschen Altern, nötigenfalls eben das Sterben, in einer gewissen Würde erledigen zu können. Wichtiger wohl als bei uns wenigstens, wo die neonausgeleuchtete Seneszenzeinbahnstraße im pflegeindustriellen Nirvana endet und endet und endet. Und nicht endet. Schon gar nicht an einem See. Statement zu Altern in Würde?
A: Sterbehilfe – ein schwieriges Thema. Trotzdem denke ich, sobald die letzten Tage im Leben eines Menschen nur noch aus Leid und Qual bestehen, sollte jeder das Recht auf einen sanften Ausklang haben.

P: Welche Musik passt zu alledem? Vielleicht irgendeine jenseits Raum und insbesondere Zeit.
A: Supernichts – „Ich möchte Teil einer Seniorenbewegung sein“. Chefdenker – „Das Beste zum Schluss“.

P: Letzte Worte für die Ewigkeit?
A: Worte für die Ewigkeit setzen Weisheit voraus. Eine solche möchte ich mir nicht anmaßen. Jedoch bin ich neulich über ein Zitat von Muhammad Ali gestolpert. Es lautet: „Wer die Welt mit 50 Jahren genauso sieht wie mit 20 Jahren, hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“ Zwar bin ich mir nicht sicher, ob er mit dieser Aussage recht hat, trotzdem werde ich mir Gedanken darüber machen. Spätestens an meinem 50. Geburtstag. Ansonsten hoffe ich darauf, dass man auch einem alten Hund noch neue Tricks beibringen kann.

P: War mir ein Fest, Herr Gräbeldinger, ich danke. Bleiben Sie gesund und munter, wir sehen uns wieder und lauschen dann schwerhörig dem Knuspern des Zahns der Zeit.

Alex Gräbeldinger schreibt Kolumnen (z. B. fürs lebensherbstlich ungeeignet kleingedruckte OX) und beizeiten auch Bücher. Ab und an packt ihn trommelnd so was wie Musikalität. Triff ihn in einem Laden in deiner Stadt, möglicherweise ist er gerade dort.

http://www.alex-graebeldinger.de