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Donnerstag, 18. Juni 2026
Schön, wenn der Flamenco-Filibuster zweimal in den Ohren klingelt!
NESTTER DONUTS - Flamenco Trash
Als Vorarbeiter Flanell mir den Link zu Obengenanntem schickte, wusste ich zunächst nicht, ob ich das durchstehen würde. Denn ich habe ganz schüchterne Ohren. Und „Maracas mit seinen Genitalien spielen“ (laut Pressetext) war für mich auch nicht vorbehaltslos ein Pluspunkt.
Aber schon startet das Phänomen mit welschem Klatschmohn (Amapola francesa), dann kommt das Wunderpulver (Cocaina), und später begegnet man der Babyschlange (mamba jovencita) plus billigem Gift (veneno barato) hinter der Düne der Perversion (Duna de la perversión). Also die Titel geben schon einen Ausblick, auf welche Reise im Sinne von Freakshow voller Snake Oil man sich begeben wird. Es rumpelt eigen-energetisch los, doch dann überrascht einen der Herr mit einer Crooning-Entsprechung zum „King“ – wobei hier speziell der Pelvis angesprochen wird, denn „Elvis wants to fuck my mom“.
Zur weitreichenden Verständlichkeit sogar in Inglés. Nestter Donut, soll das eigentlich ein Wortspiel auf Jester, den Narren oder Joker sein? Er tritt übrigens auch in nördlichen Gefilden (bspw. Rotterdam) im Schlüpper auf, denn er traktiert als Solovulkan nicht nur seine Gitarre + Stimmbänder, sondern zudem sein Drumset. In Brügge war er evtl. im Knast dafür, jedenfalls hat er einen Song „Bruges Jail Rumba“, und das Video zu „Elvis Presley“ ist punky camp as camp can be.
Neben der melodisch krachigen Gitarre umschlingen mich fürderhin Ennio-Moricone-Vibes von dieser eher Borat-artigen Stage-Persona (dicker ins Gesicht genagelter Schnauz wie bei 70er Jahre Pornos). Sein Gesangsstil kann aber auch die Kadenzierung eines canta‘ors annehmen. Der Sound klingt indes wie in einer halligen, nicht allzu großen Höhle abgegriffen. Also ein Ort, den man im Albaycín durchaus antrifft und gerade auch für „gypsy heritage“ (wieder laut Pressetext) Sinn macht (obwohl der Herr aus Alicante stammt). Das legendäre „Cemento“ in Buenos Aires hätte ebenfalls gut als Austragungsort für jene Klangakustik gepasst. Denn wie fasste dies dort ein Musiker seinerzeit sagenhaft in Worte: „Du hast Dir vor Hitze eingekackt, der Sound klang wie im Treppenhaus, und die Klos liefen permanent über!“
Ähnlich verschwitzt und olfaktorisch durchdringend gibt sich dieser Relaunch – jawollo, denn ursprünglich ist das Œuvre von 2022. Zudem mit allerlei Anspielungen, denn der Asesinato yugular (Mord durch Erdrosseln) verweist z.B. gleich auf mehrere spanische Musikpfeiler: Die Punkband Yugular aus Madrid, wie auch Globalphänomen ROSALÍA*, mit ihrem gleichnamigen Song (ohne Asesinato), der auf spanisch und arabisch die Halsschlagader umkreist. Im mystischen Sufi-Islam ein Gegensymbol zur Gottesferne, denn wenn Du Gott in der Ferne suchst, so ist er Dir doch näher als Deine Halsschlagader…
Argh. Und da sind wir dann beim inneren Lebenssaft: Denn dieser „Donut“, wobei die Betonung wohl auf nut liegt, im Sinne von nutjob, erwischt mich speziell mit seinem letzten Song: „Su sangre, mi amor“! Sein Blut, meine Liebe, wozu man sehr gut sein eigenes Jodorowsky-Mini Memorial-Epos inszenieren könnte – geht ja dank KI jetzt alles. Also lasst ihn in Eure Herzen und an Eure Gurgel „and let yourself go into the Wild Wild World of Flamenco Trash with Nestter Donuts“!
*(Die Gute veröffentlichte aus ihrem aktuellen Album LUX zuerst den Song „Berghain“ - aber ganz anders als einst bei unseren heißgeliebten Kellermiezen „The Brunettez“ und ihrem Song „Go to Berghain!“ ist dies ein orchestraler Emotionsoverkill mit deutschem Chor + Björk + Yves Tumor (der angeblich Mike Tyson zitiert), also ein grandisymphonisches Schwergewicht.)
Bit Father Out Nestter Donuts flamenco trash iost als rer-issuer auf Voodoo Rhythm Records erschienen - wo auch sonst?!
Samstag, 20. Januar 2024
Schön wenn Menschen noch Orgel spielen Pt. XXIIXX
E.T. Explore Me – Drug Me
Drog mich!
Los, komm schon, Drog mich!
Manche Albumtitel lassen sich einfach nicht 1:1 übersetzen, wie wir sehen. Funktioniert nicht.
Drog mich!
Was aber gut funktioniert, ist so orgelgetriebener Psychedelic-Garage Rock von diesen drei Niederländern. Finde ich ja fast immer geil, sowas. Sich nicht nur auf die Kraft der Twang-Delay-Reverb-Gitarre zu verlassen und das Soundspektrum etwas zu erweitern, da steig ich gerne sofort ein. Drog mich! Hier in den heiligen Renfield-Hallen stehen auch diverse Orgeln rum. Direkt neben mir eine Eco Tiger, leider an der ein oder anderen Taste etwas kaputt. Ist nicht so, dass ich wirklich spielen könnte, aber es geht mehr darum, Töne zu erzeugen, als den perfekten Boogie hinzulegen.
Drog mich!
Eine Tiger hat das Trio aus den Niederlanden nicht an Board, ihr Monster mit Tasten ist eine ACE Tone Compact, Orgelexperten werden jetzt sicher lustvoll aufstöhnen. Wenn es das Trum ist, das auf den Fotos vom Infoblatt zu sehen ist, dann ähnelt diese Orgel eher einer Weltmeister Orgel aus DDR-Zeiten (steht auch hier irgendwo im Eck), Feeling B hatten so ein Ding, und es wiegt ca. 35 Kilo. Heavy stuff also. Ich denke, gewichtsmäßig könnte das ACE-Tone-Moped ähnlich gelagert sein. Drog mich!
„Aber lohnt sich das denn? So schwere Instrumente, wo heute dein Handy 3000 verschiedene Synthiesounds basteln kann?“ fragen sich die Feingeister? Na sowas von. Denn schwere Orgeln machen schwer geile Sounds, zu irgendwas muss die verbaute Elektronik ja da sein. Drog mich! Bei E.T. EXLPORE wird’s mal eher fix und nach vorne gehend (Höre "Boots" oder „Noon“, das ist schon schlecht gelaunter Noise-Rock und „SIC“, mit der wunderbaren Kim Tee Lo als Gastsängern) oder eher schwül-mysteriös. THE LO-FAT ORCHESTRA wären so Büder im Geiste, denke ich. Wenn es ein wenig langsamer, rhythmischer und psychedelischer wird, macht „Drug me“ am meisten Spaß. Mir zumindest, hier auf dem Teppich liegend.
Drog mich!
Bestes Beispiel wäre „Lipstick vibrators“, auch weil da diese brummelige Stimme von Joost Varkevisser so geil rüberkommt. Zuweilen muss ich auch an HUGO RACE & THE TRUE SPIRIT denken. Drog mich! Bei denen wird ja auch viel bedeutungsschwanger gebrummelt und somit angenehm desperate Stimmung erzeugt wie kurz vorm Showdown im Spaghetti-Western. Das können Joost und die beiden Jeroens auch recht gut. Drog mich!
Achja, das Album heißt ja „Drug me“ (Drog mich!), aber die Verzückung funktioniert auch sehr gut ohne Zugabe von psychedelischen Substanzen. Wie ich feststelle. Was erst passiert, wenn man sich dazu die richtigen Dinge zuführt, überlasse ich den pillenwerfenden Beatfreaks. Und das hier ist sicher keine naive Lobhudelei auf den Drogenkonsum. Denn wir wissen ja alle, dass Drogen scheiße sind und zumeist auch überaus doof und hässlich machen. Mindestens zwei Gründe, keine längerfristig zu nehmen. Ich hab jetzt eher Bock af Apfelstrudel. Drog mich!
Diese Rezension wurde im 10 minütigen Free writing Verfahren geschrieben und nur sanft redigiert.
Gary Flanell
E.T. Explore Me – Drug Me ist als CD und LP am 19.01.2024 auf Voodoo Rhythm Records erschienen.
Samstag, 21. Oktober 2023
Schön, wenn tote Brüder Musik machen
Vintage oder retro?
Der Unterschied ist den Kenner*innen bekannt. Alle anderen schmeißen alles in einen Topf. Es hat auf alle Fälle was mit Nostalgie zu tun. Mit Konstruktion von Erinnerungen, an Zeiten, die man selber gar nicht miterlebt hat. 20ties Revival und so. Berlin Babylon hast du geguckt und fandest es super. So eine Art von Nostalgie und Retro-Liebe. Alles zusammengebastelt aus allerlei Versatzstücken und Assoziationen.
Yah, Nostalgie. Hasse ich eigentlich. Höre ich diese Platte, werde ich dennoch nostalgisch, denn schon beim ersten Hören der neuen Platte von Pierre Omer's Swing Revue "Tropical breakdown" denke ich an zwei Läden in Berlin, wo sie ihm sicher ungehört die Tür für einen Gig aufgemacht hätten. Hätten.
Denn beide Läden, das BASSY und das WHITE TRASH, gibt's seit Jahren nicht mehr. Da hätte Pierre mit seinem Revue-Sound super hingepasst. Hier etwas Swing, da etwas Variété-Stimmung, etwas Bar-Jazz (das sanft gestrichene Schlagzeug!) fluffige Bassläufe, eine Voodoo-Hafte Quietsche-Posaune, eine Nick-Cave-artige Dunkelheit in Omars Stimme. Nick Cave aber nur, wenn der sich mal an einer Swing-Platte versucht hätte (Hat er? Die Renfield-Recherche-Abteilung hat leider gerade Urlaub.).
Alles, wie man es sich in so Läden mit schummrigen Licht, riesigen Tresen und Barschränken voller seltsamer Spiritousen, sowie allerlei schräger Trash-Deko vorstellen kann. Jetzt und heute wäre in dieser Stadt nur noch das Roadrunner's Paradise, das eine ähnliche Atmosphäre vermittelt.
Die Geister, die Clubgeister, sie halten sich immer noch in dieser mutierten Stadt.
Die Erinnerung an Clubs, die ihre Zeit hatten und nun verschwunden sind. Die Faszination des Verschwundenen hält sich über die Halloween-Saison hinaus in den Kiezen, also eigentlich immer. Der Swing-Revue von Pierre Omer hängt auch etwas Geisterhaftes an, weil die Instrument meist so getragen bedient werden, als hätten sie gerade einen Gig bei einer Bestattung (liegt wohl auch an der eleganten Bekleidung der Musker*innen) und dir zuweilen im Hintergrund Prophezeiungen zuflüstern wie Botschaften unruhiger Geister, die du nicht verstehst. Old-School-Horrormovie-Charme? Sumpfige Gothic-Atmo ohne Kunstleder-Vampir-Kitsch? Ein bißchen von beidem. Melancholie? Eine Menge.
"Give me the groove" wäre ein Prachtbeispiel für das Gefühl der Verlorenheit, die sich durch das Album zieht, textlich und musikalisch. Auch tröstlich, all das. Stelle mir vor, am Tresen zu sitzen, den Kopf vornüber auf dem eichenbraunen Holz abgelegt, im Schnapsglas irgendwas klares, das mit langsamen Schlucken den Weg in deine froschbeladene Kehle antritt. Dazu diese hübschen fatalistischen Songs.
We all gonna go, if there's a hell below, schießt es mir beim Hören durch den Kopf. Das ist von von wem anderen, musikalisch auch komplett andere Baustelle, aber die Grundstimmung ist dieselbe.
Nun ist nicht alles komplett hoffnungslos auf dieser Platte. Die Songs schlirren melancholisch daher, aber gerade das ist das Seelenpflaster für alle verwirrten Zuhörer, die nicht mehr doomscrollen wollen.
Ab und zu wird's auch mal recht flott, im Titeltrack oder bei "Leslie Kong", dem Hit am Ende, zum Beispiel. Ansonsten hät man sich tempomäßig meist zurück, die erwähnte Friedhofsgetragenheit steht den Songs sehr gut. Das trägt einiges zur Stimmng bei, besonders fällt das beim einzgen deutschsprachigen Song, "Lanen" auf. Aber auch sonst so: All diese 12 Songs sind wunderbar atmosphärisch arrangiert und in sich sehr hübsch angeordnet.
Stell dir vor, das hier wäre der Soundtrack zur 5. Staffel von Preacher, dann weißt du wohin die Reise geht. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese Platte kurz vor Halloween rauskommt, denn auch dort könnnte das gut als Soundtrack taugen. Wobei das hier eine Tiefe vermittelt, die über den kurzen Grusel-Party-Spaß hinausgeht und dich auch im Sommer dazu bewegen könnte, das Haus nicht zu verlassen.
Zur Überschrift: Das mit den toten Brüdern kommt nicht von ungefähr, denn Pierre Omer ist einer der Gründer der DEAD BROTHERS und die sind ja mittlerweile wirklich dead, so als Band. Wer deren dräuende Befürchtungen mochte, kann auch mit dem zweiten Album der Swing Revue was anfangen. Wobei hier weniger auf Folklore zurückgegriffen wird.
Der Titel: Tropical breakdown? Ach komm, lass uns nicht über Anspielungen auf den Klimwandel spekulieren. Die Welt brennt an allen Ecken des Tischtuchs und nun gibt es auch noch passende Musik dazu. Love it.
Also: Alles ist verloren, Hoffnung gibt's keine mehr, aber wenn der Unterang von diesem Album begleitet wird, dann wird es ein schönes Sterben.
C auf der 26-teiligen Renfield-Tonträger-Bewertungs-Skala
Pierre Omer's Swing Revue "Tropical Breakdown" ist am 20. Oktober 2023 auf Voodooo Rhythm Records erschienen - wo auch sonst? Diese Rezension ist nach der Methode des "Free Writings" entstanden.
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