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Donnerstag, 16. Juli 2026


RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche

Rike van Kleef arbeitet in „Billige Plätze“ schonungslos die Missstände in der Musikbranche auf, die auf patriarchalen und rassistischen Strukturen fußen und fesselt durch ihren mitfühlenden und ehrlichen, aber keineswegs zurückhaltenden Schreibstil. Ich habe mich wiedererkannt.

Das Buch zeigt, dass dieses Gefühl, das ich verspüre, wenn mich wieder einer der Tontechniker mansplained, oder wenn die ganzen Kerle zu unserem Gitarristen rennen, um ihm ganz in der Bro-Culture-Manier auszudrücken, wie er abgerissen hat und man ja merke, dass er das Genie hinter der Band sei, und das, obwohl der Front-Gesang von einer Flinta* besetzt ist, eigentlich kein Gefühl ist, sondern die Wahrnehmung einer benachteiligenden Struktur.

Besonders spannend waren für mich die beschriebenen Rollen, die Flinta*-Besetzungen in Alternative Rock Bands einnehmen. Insbesondere die tragende, zurückhaltende Rolle am Bass hatte in mir einen Reflexionsprozess ausgelöst. Denn genau diese Rolle habe ich ja auch angenommen.

Ich bin generell kein super extrovertierter Mensch, und auch, wenn ich die Bühne liebe, gibt es für mich jene Tage, an denen ich mich lieber im Hintergrund halte. Das liegt jedoch nicht nur in subjektiven Dispositionen, sondern entspringt auch der Erfahrung, immer wieder abgewertet zu werden. Sprüche wie „Das, was du da spielst, könnte ich ja auch.“ oder „Machst ja ‘ne ziemliche Show!“ – Sprüche, die unserem Gitarristen und unserem Schlagzeuger nie unterkämen.

Flinta* müssen in der Musikszene immer mehr geben als ihre männlichen Kollegen, sie müssen besser sein. Auch das wird in „billige Plätze“ thematisiert. Das Buch wirkt wie eine schmerzliche Genugtuung, die Bestätigung einer Wahrnehmung, die ich am liebsten nicht hätte.

Als Künstlerin kann ich viel aus dem Buch mitnehmen. Ich habe mir erneut bewusst machen können, dass meine Fragen, wie viele Flinta* im Team sind, ob für Awareness an den Veranstaltungsorten gesorgt ist und welche Maßnahmen man ergreift, um die Orte inklusiver zu gestalten, weder zu viel verlangen noch übertrieben sind, sondern etwas Notwendiges zeigen: mehr Bewusstsein für Veränderungsbedürftigkeit in den Bereich der Kulturlandschaft zu bringen. Denn der alte weiße Mann im Anzug sitzt noch am Hebel. Ich werde auf jeden Fall in Zukunft die Veranstalter und Teams dazu animieren, sich dieses Buch zu kaufen in der Hoffnung, dass die Lektüre von „Billige Plätze“ auch bei ihnen einen Prozess der Reflexion auslöst.

Nadja Miemiec

RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche ist im Ventil-Verlag erschienen.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Die Mär vom gelangweilten Teenager Pt. IXIXXIIXXXXX


Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape

Ein Mixtape mit 150 Songs! Auch wenn viele Titel unter der Zwei-Sekunden-Marke liegen, wären dafür wohl drei 90-er-Cassetten nötig. In diesem Fall passen die versammelten Punk-Klassiker zwischen zwei Buchdeckel: Im Compilation-Stil haben alle Autor*innen einen oder mehrere Songs, die im weitesten Sinne dem Punk zuzuordnen sind, mit etwas historischem Abstand noch einmal rezensiert, erläutert, in die Musikgeschichte oder schlicht in die eigenen Biografie eingeordnet.

Chronologisch geordnet, liest sich das wie eine abwechslungsreiche Rückschau auf prägende Jahre und Klänge - wobei es natürlich auch o.k. ist, kreuz und quer in dem Buch herumzulesen. Am Anfang steht ein Prolog über den Song aus dem Jahr 1977, der dem Buch den Namen gab, sowie von Claus Cornfield eine entzückende Zeichnung anstelle eines Textes. Danach springt die Chronologie ein ganzes Stück zurück, um eine paar Titel zu würdigen, die sich später vor allem als Cover-Versionen in den Kanon geschlichen haben. Sie sind vor allem musikhistorisch interessant. Sobald wir uns dem Jubiläumsjahr 1976 nähern, ergeben die vielen, schonungslos subjektiven Standpunkte eine fröhliche Vielstimmigkeit mit gelegentlichen nostalgischen Unisono-parts.

Ein verbindender Faktor bleibt zum Beispiel die in Titel und Prolog betonte Langeweile der Adoleszenz, in die die jeweiligen Songs hineinplatzten um individuelle Epiphanien und Kreativschübe auszulösen, durch einsame Zeiten zu trösten oder den Beginn einer langen Freundschaft zu markieren. Ein anderer ist die Einsamkeit der wenigen FLINTA*s und P.O.C. in den jeweiligen Szenen. Die Anzahl der weiblichen Künstler*innen, die es in die Liste geschafft haben, spricht Bände. Auf der Autor*innenseite sieht es etwas besser aus.


Worin sich die meisten einig sind: dass sie sich dank Internet zum Teil erst Jahr(zehnt)e später zusammenreimen konnten, um was für Charaktere es sich bei den Absender*innen so mysteriöser wie verlockender Botschaften wie „Runnin’ Riot“, „Blank Generation“, „Dicks Hate Police“ oder „Vapaa Pohjolla“ handelte. Ja, auch eine finnische Band kommt vor, und eigentlich alle wichtigen Kapellen und Künstler*innen, die ihr kennt, oder nach dem Lesen auch kennen wollt.

Über Vollständigkeit sollte man sich hier nicht so viele Gedanken machen, es geht eher um Repräsentation, unerwartete Entscheidungen und Obskuritäten. Also keine Nirvana, aber dafür 2 x Hole, aber auch The Offspring und Guano Apes, dazu ein paar übliche Verdächtige (Ramones, Pistols, Patti Smith, Minor Threat) und allerlei Wissenswertes über Bands wie The Fuggs und Las Vulpess oder Typen wie Wesley Willis. Das Internet wird Euch auch helfen, wenn ihr nicht gerade auf eine ausgezeichnete eigene Sammlung zurückgreifen könnt.


Wenn die besprochenen Bands zusammen so etwas wie ein Who Is Who? ergeben, gilt das ebenso für die Autor*innen. Nicht wenige spielen oder spielten selbst in Bands, betreiben Labels, Läden und Fanzines, so dass die Texte von den üblichen Schwächen musikjournalistischer Bescheidwissenwollerei weitgehend frei sind. Es geht eher um Lernprozesse, und wie schwer es vor allem in der Provinz war, überhaupt ein bisschen Bescheid zu wissen, als es von Lieblingsbands nichts gab außer grobe Schwarzweißfotos und kryptische Nachrichten auf dem Cover. Von diesen Botschaften und ihren unberechenbaren Auswirkungen handelt das Buch in seinen besten Stellen, bis es mit einem Song von The Notwist in der Gegenwart endet.

Eric Mandel

Bored Teenagers: Ein Punk-Mixtape

Jonas Engelmann (Hg.), Ventil Verlag, 368 Seiten, 25,- €

Donnerstag, 14. August 2025

Schön, wenn' s noch disst Pt. R.A.P.


Rafael Schlauch: Battlerap


Real Talk: Für Battlerap habe ich aufgehört mich zu interessieren, als mein Juice-Abo auslief. Um die Zeit wurde noch überwiegend free gestylt, und es regierten nach meiner Erinnerung Royal Bunker-Typen in Lederjacken, zwischen die sich als Schiedsrichter nur Verrückte wie Staiger wagten: Kool Savas, M.O.R., Taktlo$, Morlock Dilemma, solche Kaliber halt. Das war irgendwie ganz lustig, aber auch eine ständige Wiederkehr des Immergleichen, und seit ich mal dabei war, als eine ohnehin schon fade Battle im Kato mehrfach in Keilereien ausuferte, wusste ich besseres mit meiner Zeit anzufangen und hab das Thema vergesssen.


Dass ich damals nur die Steinzeit des Battlerap miterlebt habe und sich seitdem allerhand getan hat, weiß ich nun aus dem Buch „Battlerap“ von Rafael Schlauch, der unter dem Namen Papi Schlauch selbst in der Disziplin written a capella unterwegs ist – also ohne Beat vom Plattenspieler und zuhause vorverfasst und auswendig gelernt! Diese Sparte hat die Freestyles von damals weitgehend abgelöst und damit komplexere Möglichkeiten der Beleidigung eröffnet, obwohl Schlagfertigkeit und Spontaneität weiterhin essentiell sind. Das hat möglicherweise mit der Battle-Sequenz im Eminem-Film „8 Mile“ zu tun, die auch für die deutsche Szene neue Standards setzte. Auch Schmauchs Faszination für die „Kunst der Beleidigung“ wurde durch „8 Mile“ geweckt, und so ließ er sich (ausgerechnet!) von seiner Mutter zur ersten Battle in Frankfurt a.M. fahren. Hier beginnt seine sehr persönlicher Bericht über die jüngere Geschichte des deutschen Battlerap, so wie er sie miterlebt hat.


Um die amerikanischen Wurzeln, die nicht zuletzt zu einer komplett englischen Terminologie führten, hält er sich nicht lange auf – Begriffe wie punchline, angle, rebuttal oder choke werden in einem Glossar bündig erklärt und sorgen gleichzeitig dafür, dass der Text sich teilweise wie der Bericht eines begeisterten Sportreporters klingt. So bietet die Lektüre keine umfassende Darstellung des Themas, sondern vor allem eine mit analytischen Passagen durchsetzte, subjektive Geschichte. Die erzählt Schmauch aber flott und mit der Leidenschaft eines Aktiven. Und nachdem ich zuerst nicht geglaubt habe, dass ich das Buch durchlesen würde, war ich selbst bald fasziniert.


Dass der langjährige Battle Host Ben Salomon 2018 das Handtuch warf, weil er den Antisemitismus in der Szene nicht mehr ertragen hat, habe ich noch mitbekommen und vermutlich so was gedacht wie: „Tja.“ Ich wusste aber nicht dass die Szene nicht zuletzt auf Salomons Initiative mit den Handgreiflichkeiten aufgehört hat und begonnen hat, Standards wie Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Rassismus zumindest teilweise Abstand zu nehmen.


Der Disput wurde dabei stets auf offener Bühne ausgetragen - sowie in anschließenden Interviews, Kommentarespalten und Reaction Video – und ist noch lange nicht abgeschlossen. Dem fügt Schauch selbst hinzu, dass Mutter-Verse, N*Wort und Vergewaltigungs-Fantasien auch deswegen auf dem Rückzug sind, weil sie einfach alt und abgenutzt sind. Denn auch das wusste ich vorher nicht: Dass sich die Kontrahenten der main matches oft monatelang auf die Gegner vorbereiten und bei der Suche nach einer Schwachstelle Insta-Profile, Interviews und alte Battles studieren oder auch mal auf deren Arbeitsstelle auftauchen. Alles für eine verbale Tracht-Prügel, die mittlerweile aber eher den Charakter von Moralpredigten oder mittlerweile sogar – noch erniedrigender – gut gemeintem Coaching von ganz oben herab annehmen.


Da die Gagen für eine Profi-Karriere nicht ausreichen haben alle Aktiven einen Beruf oder studieren, was – wie übrigens auch Tik Tok - enorme Angriffsflächen freilegt. Der von Ben Salomon eingeführte Kunstgriff der „Kunstfigur“, der verhindern sollte, dass die Kontrahenten die Dinge zu persönlich nehmen, ist längst wieder obsolet. Heute gibt’s dafür zwar nicht mehr paar aufs Maul, dafür wird deine komplette Biografien seziert und gegen dich verwendet. Einige Talente versuchen mit einem Labelvertrag einen Schritt in die Musikproduktion – die Resultate werden von ihren schadenfrohen Kontrahenten zuverlässig zerfetzt.


Und obwohl Humor eine der schärfsten Waffen ist, unterscheiden sich die written battles von der comedy, denn während Witzeerzähler ihr timing auf der Bühne über Monate zum idealen Witz zurechtschleifen, sind die Zeilen einer written battle nach einmaligem Gebrauch verbrannt. Niemand kann es sich in der Konkurrenz erlauben, sich zu wiederholen – das besorgen schon deine Gegner für dich. All das schildert Schmauch flüssig und verständlich anhand von Textbeispielen. Allerdings nimmt er es bei seinen Analyse gerne genau: Er markiert die Reime (was bei den Freiheiten, die sich die jungen Leute reimtechnisch so nehmen auch angebracht ist), erklärt sie sicherheitshalber noch mal, bevor er sie ins größere Ganze einordnet. Diese didaktischen Dreisprünge lesen sich aber schnell weg und passen zu seiner Bühnenfigur, die die Rolle des studierten Nerds kultiviert und die angesichts einer mittlerweile noch intellektuelleren und moralinsaureren Generation schon wieder alt aussieht. Die werden ihm sein Buch in künftigen Battles ordentlich um die Ohren hauen.


Mich jedenfalls hat „Battlerap“ inspiriert, an Sonntagen statt alter Saturday Night Life- und Key&Peele-Sketchen alte und mittlerweile auch aktuelle Battles zu schauen. Ich hab mich lange nicht mehr so gut amüsiert. Vielleicht, weil es in diesem Format keine Profis und kaum kommerziellen Schnickschnack gibt, Gegner sich mitunter die Siegesgagen teilen und aufm Weg zur Battle Fahrgemeinschaften bilden, HipHop also noch einigermaßen bei sich ist. Typen wie Ssynic, Yarambo, Nedal Nib oder Mikesch haben jetzt ein Gesicht für mich, und gegenwärtig mischt eine gewisse Lucky Lily den Jungsclub ziemlich systematisch auf. Macht euch Popcorn und probiert’s aus auf den von Papi Schlauch empfohlenen Plattformen wie DLTLLY (Don’t Let The Label Label You), Top Tier Takeover oder Future of Battlerap, es lohnt sich. Sein Buch liefert dazu eine gute Einführung.

Eric Mandel

Battlerap von Rafael Schlauch ist im Ventil Verlag erschienen, hat 246 Seiten und kostet 22,- €

Donnerstag, 19. Juni 2025

Schön, wenn MEGA!1!


REBECCA SPILKER - MEGA!

Was finde ich denn so richtig gut? So absolut mega? Ja, zum Beispiel die Texte der Hamburger Journalistin Rebecca Spilker, der ich seit geraumer Zeit bei den sozialen Netzwerken folge und mich ob ihrer Spitzzüngigkeit hervorragend unterhalten fühle.

Mit scharfer Feder seziert sie in ihren Kolumnen, Essays und Kommentaren Phänome, Abgründe, Sonderheit und Absurditäten des Alltags, der (Sub-)Kultur und des Lebens im allgemeinen. Ganz egal ob die Hamburger Schule oder der - Hochbunker, Rammstein oder Stuckrad-Barre, Salzteig, Einkaufsnetze oder die Farbe Beige, ihr müsst euch alle warm anziehen vor Rebeccas knallharter Abrechnung.

Doch hier geht es nicht um bloßen „Distinktionsgewinn“ oder das Bashen unliebsamer Zeitgenossen der eigenen Selbsterhöhung wegen. Im Gegenteil. Stets selbstkritisch und vor allem -ironisch blickt die Autorin dabei auf sich selbst. Und das mit soviel Humor, dass ich beim Lesen dieses Buches immer wieder laut auflachen musste. Und wenn sich der Leser, seltener die Leserin, nicht allzu ernst nimmt, kann man diesem feministischen Ansatz so viel gutes abgewinnen. Wenn Popkultur, dann bitte eben genauso, mansplaine ich hier mal so locker aus der Hüfte raus.

Da hat man ja prinzipiell wirklich so gar keinen Bock mehr auf das olle Patriarchat. Verheiratet ist Rebecca übrigens mit Frank Spilker, dem Frontmann der Band Die Sterne. Aber das tut der Sache hier auch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Als Fangirl oder -boy bekommt man gelegentlich auch wahnsinnig komische Einblicke in den Alltag einer so genannten Szene-Prominenz und ihrer Familie.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass „Mega!“ eine wunderbare und unterhaltsame Sammlung skuriller, witziger und sehr schlauer Texte ist, die in der Summe einen tollen Kommentar zum Zeitgeist bildet.

Abel Gebhard

MEGA! von Rebecca Spilker ist im Ventil Verlag erschienen

Donnerstag, 13. Juni 2024

Aus die Maus Pt. I


Ingo Scheel - Schlussakkord

Der Tod gehört zum Leben. Wissen wir alle.
Fun Fact: Der Tod gehört auch zur Popkultur. Beide gehen eigentlich schon seit den Anfängen in einer Beziehung durch die Zeit. Dabei ist natürlich das Tragödienhafte beim Tod eines Popstars das Wesentliche. Optimalerweise muss es ein Tod in jungen Jahren sein.

Klar, wenn der letzte Beatle an Alterschwäche stirbt, Keith Richards sein letztes Blues-Lick gespielt und Johnny Rotten zum letzten Mal rumkrakeelt hat, dann ist das auch tragisch. Aber anders. So tragisch, wie der Tag, an dem Oma und Opa stirbt. Irgendwann passiert es halt und damit müssen wir alle lernen, umzugehen. All die Musiker, die es über die Mitte 50 geschaft haben, sind halt nicht mehr so aufsehenerregend.

Es gibt Verschwörungstheorien, dass Elvis noch lebt und irgendwo in Texas als Tankwart arbeitet (naja, jetzt mit 89 Jahren wohl auch nicht mehr). Sowas gibt es beispielsweise von Tina Turner oder Johnny Cash nicht. Weil die halt alt und auf medizinisch nachweisbare Weise gestorben sind. Somit war damit zu rechnen.

Würde Taylor Swift in den nächsten zwei bis drei Jahren sterben - was nicht zu wünschen ist - will ich mir gar nicht ausmalen, was für absurde Theorien über ihren Tod oder dessen Vortäuschung ins Kraut schießen würden. Live fast, die young bleibt somit der beste Dünger für Pop-Mythen.


Also: Die Mythen und die Geschichten bilden sich um jene, die früh gestorben sind. Da das Leben als Pop/Rockstar immer eine ordentliche Dosis Exzess und Exzentrik beinhaltet, dazu oft eine grundlegende Unruhe, Weltschmerz, Depression und fiebrige Nervosität, inklusive der Neigung gute Ratschläge nicht anzunehmen UND der menschliche Körper für so einen Lebensentwurf eher schlecht gemacht ist, gibt eine Menge Künstler*innen, die schon früh und sicher oft unabsichtlich von der Bühne gegangen sind.

Hinzu kommt aus der Perspektive der Fans sicher die tragische Fallhöhe. Denn der/die Popstar hat aus dieser Sicht ja eigentlich alles: Aufmerksamkeit, Ruhm, Talent, meist jede Menge Geld und ein gutes Netzwerk, um bis in das Rentenalter weiter Musik zu machen. Dazu wird ihm/ihr oft die Freiheit zugeschrieben, ab einem gewissen Erfolgslevel, künstlerisch eh alles machen zu können, was man will, weil sich jeder Output sowieso millionenfach verkauft.

Und trotzdem: Wenn ein Popstar trotz all dieser Vorraussetzungen frühzeitig aus dem Leben gefetzt wird (Ich hörte Buddy Holly ist mit seiner Brille verwest, aber genau weiß ich das nicht), dann ist Tragik angesagt. Und die verkauft sich natürlich besonders gut.
Andererseits gehört auch dazu, dass ein Star, der früh gestorben ist, nunmal keinen Scheiß mehr produzieren kann. Ökonomisch zynisch und wunderbar zugleich. Die Hits werden in Erinnerung bleiben und mögliche experimentelle Peinlichkeiten sind nun ausgeschlossen. Ein Film, ein Biopic, eine Doku, ein Konzertmitschnitt, ja das geht natürlich nach einer gewissen Zeit auch immer.


Sagen wir mal 20 Jahre danach, das passt doch, da fangen wir jetzt mal langsam an zu planen, dann wird das spitze. Kunsthandwerklich topfitte Coverbands können dazu aus dem vorliegenden Werk ein auskömmliches Einkommen genenerieren. Des Popstars früher Tod ist also keine so schlechte Fügung, vom zynischen Hochstand der Marktwirtschaft betrachtet.

Wozu reflektiere ich das hier alles? Weil Ingo Scheel, umtriebiger Musikjournalist (u.a. Visions), mit "Schlussakord - Wie Musiklegenden für immer verstummten" eine unterhaltsame Sammlung von Episoden über tote Rockstars zusmmengetragen. Die Idee ist nicht ganz neu, aber genau deshalb ist es einen Blick wert, ob und was hier anders oder besser gemacht wurde.

Episodenhaft werden hier 30 popkulturelle Todesfälle dargestellt. Die Rahmendaten zu fast aller hier aufgeführten Personen kann man heutzutage bei Wikipedia abfragen. Ingo Scheel schafft es aber, die Lebens- und Todesumstände jedes Mal in kleinen Geschichten sehr unterhaltsam und bildlich darzustellen. Dass dabei die üblichen Verdächtigen (John Lennon, Janis Joplin, Jim Morrisson, Brian Jones, Whitney Houston) am Start sind, ist nicht verwunderlich.

Das schöne an diesem Buch ist, dass auch ein paar Menschen dabei sind, die halt nicht zum ewig gleichen Kanon der Jung-verstorbenen Popstars gehören: Mal Evans, Cathy Wayne oder Darrell Banks werden hier gebührend geehrt. Die sind eben oft nicht mit dabei, wenn man auf einer langen Autofahrt mal wieder das A-Z-Spiel der toten Rockstars spielt.


Auch schön die Tatsache, dass Scheel sich weder an ein Genre klammert, (von Metal über Rock/Pop, Soul bis zu Schlager ist alles dabei. HipHop allerdings gar nicht), noch eine zeitliche Einschränkung macht. Von den 50ern ins ins 21. Jahrhundert finden sich viel zu früh verstorbene Pop-Akteur*innen.

Was mich ein wenig irritiert, sind die Cliffhanger am Ende jedes Kapitels, die jeweils auf den nächsten Abschnitt im Buch hinweisen. Das ist sicher nett gemeint, allerdings bringt das manchmal auch einen gewissen "Geschichten aus der Gruft"-Trashfaktor mit rein. So nach dem Motto "Seltsam, aber so steht es geschrieben..."

"Schlussakkord" muss man nicht an einem Stück von vorne nach hinten lesen. Ich habe, wenig überraschend, mit dem Kapitel über G.G. Allin angefangen. Andererseits verführen diese Cliffhanger dazu, einfach weiterzulesen, obwohl man eigentlich nun mal was ganz anderes zu tun hätte. So lässt sich das Buch doch gut an einem Stück wegbingen. Es ist unterhaltsame, leicht morbide Lektüre, nicht zu verkopft und alles in schönen kleinen Häppchen verpackt. Dazu grafisch hübsch aufbereitet durch die stilvollen Schwarzweiß-Illustrationen von Oliver Schmitt. Quasi eine popliterarische Tüte Chips über den Tod. Hat man schnell weggemampft. Lecker it is.


Eine Sache, über die zu sprechen wäre, ist das Geschlechterverhältnis der Aufgeführten: 30 Texte sind drin, davon neun über Frauen. So richtig ausgeglichen ist das nicht, andererseits hätte das auch noch viel schlimmer aussehen können.
Ein Buch nur über tote Rockstar-Männer wäre aber heutzutage sicher nicht mehr zu vermitteln. Es ließe sich auch darüber nachdenken, ob und warum sich Männer im Pop-Business öfter ins Aus schießen. Wenn es dazu belastbare Zahlen gibt, würde ich vermuten, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer im Pop teilweise so hart sind, dass sie nur noch durch heftige Betäubung bis zum Tod auszuhalten sind. Was wiederum zeigt, dass das Patriarchat uns alle fickt. Frauen aber nochmal mehr als Männer, eh klar. Ok, vielleicht war es manchmal auch einfach unbedarftes Herumexperimentieren mit Drogen.

Noch was? Ja. Die Auswahlstrategie der Künstler*innen, die es ins Buch geschafft haben, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar: Ganz viele weltweit Bekannte aus dem anglo-amerikanischen Raum, klar. Aber eben auch Alexandra, die nun mal Schlager gemacht hat und nur hierzulande einen gewissen Status hatte. Aber wie passt sie in die Reihe der anderen? Wahrscheinlich geht es um das Mythenhafte, eben darum, welcher Frühtod eine gute Story hergibt. und das ist nunmal eine Kerneigenschaft von Pop - die gute und tragische Story hinter der Figur auf der Bühne. So gesehen war Ikarus wahrscheinlich der erste Popstar.

Natürlich ist so ein Buch nie komplett.
Wenn man ein wenig überlegt, gibt es noch zig Leute, deren Geschichte hier erzählt werden müsste: Mia Zapata, Ian Curtis, Hillel Slovak, Fela Kuti, 2Pac, Notorious B.I.G. fallen mir als erstes ein. Hinzu kommt, dass Scheel sich meist auf die historisch bekannten Popszenen des anglo-amerikanischen Raumes konzentriert. In Zeiten von globalisierter Popkultur wäre ein Blick auf die tragisch verstorbenen Popstars in Asien, Afrika, Südamerika oder auch Europa (Ost und West) sicher interessant. Aber das bleibt möglicherweise eine Option für eine Fortsetzung der Schussakkorde.

"Schlussakord - Wie Musiklegenden für immer verstummten" von Ingo Scheel ist im Ventil Verlag erschienen.

Gary Flanell

Mittwoch, 2. Dezember 2015

California Über alles

Die Biografie der Dead Kennedys von Alex Ogg

Bücher über Punk gibt es mittlerweile sehr viele. Wahrscheinlich lässt sich damit ein ganzes Archiv füllen. Aber das gibt’s ja schon. Auch über einzelne Bands wurde ja auch schon einiges , mehr oder minder interessantes zusammengeschrieben.Nicht, dass ich sagen würde, jetzt reicht's mal, aber wenn ich mich so umschaue, ist die Dokumentatin doch recht ungleich verlaufen. Massenweise Literatur gibt es über die RAMONES, die SEX PISTOLS, THE CLASH, CRASS undsoweiterundsofort gibt es ja schon massenweise. Seltsamerweise wurde aber bisher eine der erfolgreichsten Punkbands ever biografisch noch nicht aufgearbeitet – die DEAD KENNEDYs. Bis jetzt.

Zeit wurde es ja mal. Vielleicht hat Alex Ogg, der Verfasser der DK-Biographie „California über alles“ einen kleinen masochistischen Hang. Denn so einflußreich die Band war, umso schwieriger dürfte es gewesen sein, die Mitglieder über die gemeinsame Zeit berichten zu lassen. Es ist vielleicht eine ganz besondere Tragik, dass diese Band, die für viele ein Inbegriff der coolen, „guten“ Punkband war, die für DIY steht wie sonst keine Anfang der 80er, dass diese Band mittlerweile heillos zerstritten ist und sich jahrelang gegenseitig ohne zu zögern den sprichwörtlichen Schlamm um die Ohren gehauen hat.

Wegen Tantiemen, Rechteverwertungen und Abrechnungen. Ich gebe zu, dass meine Sympathien lange Zeit komplett auf der Seite von Jello Biafra lagen. Vielleicht aus dem Grund, dass der ja nach dem Ende der DKs regelmäßig neue Projekte startete, von denen eigentlich alle immer sehr erfrischend und spannend waren. Wiederholung oder Rückschau waren nie Jellos Ding. Statt sich auf den Kennedys-Lorbeeren auszuruhen, und sich eventuell eine Band zusammen zu suchen, mit der er bis ans Ende seiner Tage die alten Hits spielen könnte, ging er immer neue Projekte an. Mal Punk, mal Country (mit Mojo Nixon), mal spoken word Performances, mal Elektro-Industrial-Rock (LARD), mal einfach eine neue Punk/Rockband mit verschiedenen Buddies. Nicht zu vergessen wäre dann noch Alternative Tentacles, jenes Label, das auch abseits der Dead Kennedys immer für interessante Platten gut war.

Von seinen ehemaligen Mitstreitern Klaus Flouride, East Bay Ray und D.H. Peligro kam dazu im Vergleich in den 30 Jahren nach der Auflösung wenig. Ein paar Touren mit einem Ersatzsänger – wobei ich mich frage, was einen Punkrocker dazu treiben kann, zu versichen, Jello Biafra in dieser Band glaubwürdig ersetzen zu können – das war's.

Wie das alles so kam, vom Anfang bis zur Auflösung 1986, nach der letzten LP Bedtime for Democracy und danach zu dem fiesen Zwist um das Erbe der Band, ist also schon spannend.
Alex Ogg behandelt in seinem Buch gar nicht auf die ganze Geschichte der Dead Kennedys. Dann wäre es wahrscheinlich ein 6-bändiges Werk geworden und Alex hätte die nächsten Jahre in einem Sanatorium zubringen müssen. Aber die Fronten zwischen den Bandmitgliedern waren zutiefst verhärtet, wie Ogg anschaulich im Vorwort erklärt. Ursprünglich waren Teile des Buchtextes als Liner-Notes für eine Neuauflage der ersten DK-LP „Fresh Fruit for rotten vegetables“ vorgesehen. Biafra vs. the rest of the band, hauptsächlich East Bay Ray, waren die Kontrahenten. Es ist fast absurd zu lesen, wie Oggs Interviewtranskriptionen, die er für das Manuskript verwendete von der jeweiligen Gegenseite komplett auseinander genommen wurden. Wie man sich um einzelne Formulierungen stritt. Wie es seitenweise Anmerkungen gab. Wie aus ursprünglich 5000 Wörtern CD-Beilagentext auf einmal 64.000 wurden.

Leider habe ich Alex Ogg bei seinen Lesungen in Berlin verpasst, ich könnte mir aber vorstellen, dass er ein Mensch mit einem sehr langen Atem sein muss, um zwischen diesen beiden Streitparteien hin und herswitchen zu können. War da Buddhismus und Meditation im Spiel? Keine Ahnung, wieviel Geld es für dieses Buch gegeben haben wird, aber das allein kann Arbeitsleistung nicht aufwiegen.
Von daher ist es verständlich und im Sinne der seelischen Gesundheit des Autors, dass in „California über alles“ nur die Anfänge der Band in der frühen Punkszene von San Francisco Anfang der 80er, bis nach der Veröffentlichung von „Fresh fruit...“.
Für diesen Zeitraum bekommt man allerdings alles, was man von einer guten Punk-Bio erwartet. Viele Livefotos, Comics über die Bandgeschichte, zahlreiche Bilder vom Artwork der Platten, das ja bei den DKs immer eine sehr wichtige Rolle spielte und natürlich viele Hintergrundinfos zum Werdegang der Band. Die gehen mir allerdings manchmal zu sehr ins Detail. Ich meine, ist es wirklich wichtig, welche Bandmaschine die DKs bei den Aufnahmen zu ihrem ersten Album benutzt haben? Trägt es wirklich zum Verständnis des Debutalbums bei, wenn man weiß, dass es das große lolliförmige Sonymikro war, mit dem aufgenommen wurde? Davin ab liefert „California...“ 177 Seiten viele Infos über eine der einflussreichsten Punkbands ever. Sagte ich 177 Seiten? Aber das Buch hat doch 240, was ist da los?

Die Wahrheit ist: Nach knapp 180 ist merkwürdigerweise schon Schluß mit dem eigentlichen Text. Die anschließenden 60 Seiten sind gefüllt mit Anmerkungen, Zitaten von Musikerkollegen zum Einfluß der Platte, weiterem Artwork, einer Timeline und einer Discographie. Das mag alles Sinn machen, trotzdem war ich ein wenig überrrascht über das abrupte Ende. Und irgendwie auch ein wenig enttäuscht, denn Alex Ogg hat, abgesehen von dem Hang zu vielen Details (s.o.), eine gute Schreibe. Stell dir vor, du erwartest als Kind eine geile lange Gute-Nacht-Geschichte von deinem Großvater und das was er dir erzählt, ist nach 10 Minuten schon vorbei, und du bis noch gar nicht müde. So ungefähr war das, als ich „California über alles“ zuklappte. Ich hätte also gern noch erfahren, wie es weiterging nach der ersten DK-Platte. Wäre schön gewesen, wenn da noch mehr wäre. Aber andererseits... bleibt so ja noch die Möglichkeit der Fortsetzung.

Alex Ogg: California über alles Dead Kennedys – wie alles begann 240 Seiten Ventil Verlag ISBN 978-3-95575-008-4



Gary Flanell