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Donnerstag, 16. Juli 2026
RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche
Rike van Kleef arbeitet in „Billige Plätze“ schonungslos die Missstände in der Musikbranche auf, die auf patriarchalen und rassistischen Strukturen fußen und fesselt durch ihren mitfühlenden und ehrlichen, aber keineswegs zurückhaltenden Schreibstil. Ich habe mich wiedererkannt.
Das Buch zeigt, dass dieses Gefühl, das ich verspüre, wenn mich wieder einer der Tontechniker mansplained, oder wenn die ganzen Kerle zu unserem Gitarristen rennen, um ihm ganz in der Bro-Culture-Manier auszudrücken, wie er abgerissen hat und man ja merke, dass er das Genie hinter der Band sei, und das, obwohl der Front-Gesang von einer Flinta* besetzt ist, eigentlich kein Gefühl ist, sondern die Wahrnehmung einer benachteiligenden Struktur.
Besonders spannend waren für mich die beschriebenen Rollen, die Flinta*-Besetzungen in Alternative Rock Bands einnehmen. Insbesondere die tragende, zurückhaltende Rolle am Bass hatte in mir einen Reflexionsprozess ausgelöst. Denn genau diese Rolle habe ich ja auch angenommen.
Ich bin generell kein super extrovertierter Mensch, und auch, wenn ich die Bühne liebe, gibt es für mich jene Tage, an denen ich mich lieber im Hintergrund halte. Das liegt jedoch nicht nur in subjektiven Dispositionen, sondern entspringt auch der Erfahrung, immer wieder abgewertet zu werden. Sprüche wie „Das, was du da spielst, könnte ich ja auch.“ oder „Machst ja ‘ne ziemliche Show!“ – Sprüche, die unserem Gitarristen und unserem Schlagzeuger nie unterkämen.
Flinta* müssen in der Musikszene immer mehr geben als ihre männlichen Kollegen, sie müssen besser sein. Auch das wird in „billige Plätze“ thematisiert. Das Buch wirkt wie eine schmerzliche Genugtuung, die Bestätigung einer Wahrnehmung, die ich am liebsten nicht hätte.
Als Künstlerin kann ich viel aus dem Buch mitnehmen. Ich habe mir erneut bewusst machen können, dass meine Fragen, wie viele Flinta* im Team sind, ob für Awareness an den Veranstaltungsorten gesorgt ist und welche Maßnahmen man ergreift, um die Orte inklusiver zu gestalten, weder zu viel verlangen noch übertrieben sind, sondern etwas Notwendiges zeigen: mehr Bewusstsein für Veränderungsbedürftigkeit in den Bereich der Kulturlandschaft zu bringen. Denn der alte weiße Mann im Anzug sitzt noch am Hebel. Ich werde auf jeden Fall in Zukunft die Veranstalter und Teams dazu animieren, sich dieses Buch zu kaufen in der Hoffnung, dass die Lektüre von „Billige Plätze“ auch bei ihnen einen Prozess der Reflexion auslöst.
Nadja Miemiec
RIKE VAN KLEEF - Billige Plätze - Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche ist im Ventil-Verlag erschienen.
Donnerstag, 19. März 2026
Stereotypen adé Pt.I
Sandra und Kersty Grether auf den Spuren rebellischer weiblicher Rockstars
Ein Sonntag im Oktober 2012: Mit weichen Knien sitzen Sandra und Kersty Grether in einem Berliner Taxi - auf dem Weg zum musikalischen Date mit einem Idol: Annette Humpe. Zu NDW-Zeiten Mastermind von „Ideal“, später mit „Ich + Ich“ erfolgreich. Sie produzierte das Who is Who der deutschprachigen Musikszene, von Udo Lindenberg über Palais Schaumburg, Rio Reiser, Die Prinzen bis zu Max Raabe.
Songtipps zum Kaffee
Die beiden Musikerinnen der Band “The Doctorella” sind zu der Zeit beim gleichen Musikverlag wie Humpe, hatten sie per Mail gefragt, ob sie mal ihre neue Platte anhören und etwas dazu sagen könne. Prompt flatterte ihnen eine Einladung zur Privat-Audienz mit Songwriting-Tipps zum Kaffee ins digitale Postfach. Quasi ein gratis Seminar zum Schreiben von Pophits. Die Skills dafür hätten die Schwestern, so Humpe in der Wohnung, wo sich die Knie der beiden Besucherinnen schnell wieder gefestigt haben. Denn Anette ist gleich per Du, nett, aufgeschlossen, nahbar und ehrlich. Sie lobt das Album, findet vieles daran gut. Textlich rät sie ihnen, sich an persönliche Peinlichkeiten und Unbewusstes ranzutrauen, persönliche Abgründe authentisch in Songs zu thematisieren. Der Titel “Drogen und Psychologen” scheint ihr unpassend – sie plädiert spontan für “Oberlieb”. Ihre Lieblingszeile findet sie im Song “2 Engel, 1 Verbot”: “Wenn ich mir die Haut aufschneide, reicht mein Blut aus für uns beide”.
Heute ist die legendäre Humpe-Schwester 75 Jahre alt – und eine der stilprägenden Rock- und Popmusikerinnen mit anhaltender Strahlkraft, die Kersty und Sandra als eine von 41 „Rebel Queens“ in ihrem Reclam-Buch auf knapp 400 Seiten verewigt haben. Mit großer Sachkenntnis, natürlich subjektiven Geschmacksurteilen und geschultem Blick auf den jeweiligen gesellschaftlichen Zeitgeist spüren sie der Bedeutung der porträtierten Frauen über ihre Musik hinaus nach. Auch im Sinne von Empowerment, erkämpften Freiräumen und neuartigen weiblichen Rollenbildern. Analytisch, empathisch, nahbar und sehr gut geschrieben.
Die Auswahl ist stimmig und viele bekannte, prägende Stimmen mit von der Partie. Die Bandbreite reicht von Sister Rosetta Tharpe über Maureen Tucker, Yoko Ono, Cat Power, Bikini Kill, Lady Gaga, The Slits, Boygenius und Pussy Riot bis Billie Eilish. Auch weniger bekannte, innovative Acts wie FaulenzA und Jolly Goods sind vertreten.
Einfach war die Auswahl nicht, schließlich gibt es auch nicht die eine richtige Sammlung. Ausschlaggebend war neben ihren Geschmäckern vor allem die gesellschaftliche Relevanz der Künstlerinnen. “Es gibt keine Objektivität bei den Bewertungen der Musikerinnen, auch nicht im Musikjournalismus”, sagt Kersty. Kritiker:innen sollten bloß nicht zwanghaft versuchen, objektiv zu schreiben.
Cat Power knows
„Uns ging es mit dem Buch auch darum, stereotype weibliche Schubladen für Musikerinnen zu entlarven, diese aufzubrechen und hinter übliche Popstar-Image-Fassaden zu gelangen“, erzählt Sandra im Gespräch mit dem Renfield-Fanzine.
Beispiel Cat Power, die beide Schwestern bereits interviewt haben. Cat werde in den Medien oft als übersensible, gebrochene Künstlerpersönlichkeit dargestellt oder darauf reduziert. Im Kapitel über die US-Künstlerin ist der Blick auf ihre Sensibilität differenzierter, diese fungiert als kreative Kraftquelle mit Verbindung zum Unterbewussten: “Wie kann man über Gefühle singen, die gerade eben nicht mehr verdrängt werden und doch kurz davor sind, ins Unaussprechliche abzurutschen? Cat Power knows.”
“Beim Schreiben über Musik ist es wichtig, durch die eigenen Projektionen hindurchzugehen”, so Sandra. “Spannende Wahrheiten über sich selbst findet nur, wer sich selbst dazu befragt.” Kersty und Sandra Grether kommen den Musikerinnen hinter deren Images aus vielen interessanten Perspektiven nahe. Die meisten Texte stammen entweder von Kersty oder von Sandra Grether und sind in der Summe in nur wenigen Wochen entstanden.
Rüstzeug aus Theorie & Praxis
Es ist ein erhellender Mix aus persönlichen Begegnungen, biografischem Background und gesellschaftskritischen, popfeministischen Reflexionen - inklusive der Auseinandersetzung mit Pressestimmen zu den Porträtierten. Dabei kommt den Autorinnen die Vielfalt ihrer Aktivitäten zugute: Musikjournalistisch haben sie das SPEX mitgeprägt, als Musikerinnen mit ihren Bands “Parole Trixi” und “The Doctorella” diverse Studioalben veröffentlicht und aktiv an der “Hamburger Schule” mitgewirkt. Sie betreiben heute in Berlin das Label Bohemian Strawberry, kuratieren Veranstaltungsreihen. Kersty hat zudem einige erfolgreiche Romane veröffentlicht.
Spannend ist außerdem der Ansatz, die Persönlichkeiten und Wirkungsweisen von je zwei Musikerinnen aus einer Epoche aufeinander zu beziehen – etwa bei Karen Carpenter und Yoko Ono in den 1960er Jahren. Vor der Folie gängiger weiblicher Stereotypen begibt sich der Text in dieses Spannungsfeld hinein: “Yoko war das böse Mädchen, das sich nimmt, was ihr gehört, und Karen das gute, das sich nicht traut zu nehmen, was man ihr aufgrund ihrer Jugend jetzt erlauben würde.” Davon ausgehend solche offen- und/oder scheinbaren Gegensätze zu überwinden und die beiden als “Popschwestern” zusammenzudenken, eröffnet neue Blickwinkel auf die Frauen und ihre Musik. Eben auch mögliche Gemeinsamkeiten, wo es heißt: “Yoko Ono und Karen Carpenter: zwei, die zu ehrlich waren? Nicht fake enough fürs Glamhardrock- und Superstar-Jahrzehnt? Ein bisschen zuviel Motown-Herzschmerz noch, in allem? Die Carpenters klangen wie ein langer Abschied, Yoko Ono wie ein Zukunftsversprechen.”
Wer sich auf eine spannende Zeitreise durch die letzten sieben Jahrzehnte prägender Pop- und Rockmusikerinnen begeben will, der/dem seien die “Rebel Queens” wärmstens ans Lektüreherz gelegt. Auf diesem Weg gibt es viel Neues und Ungewöhnliches zu entdecken. Versprochen!
Lutz Steinbrück
Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik von Kersty und Sandra Grether ist 2025 im Reclam Verlag erschienen. Preis: 28 Euro (Hardcover), 4,99 Euro (E-Book). ISBN: 978-3-15-011506-0
Kommende Veranstaltungen mit Sandra und Kersty Grether:
8.4.2026 Literaturforum im Brecht-Haus: "Krawalle und Liebe #34" Musik von und mit Frau Lehmann (im Duo-Set) und Bernd Begemann sowie Lesungen von Sibel Schick (“Mein Körper, Wessen Entscheidung”, S. Fischer) und Ruth Herzberg (“Frequenzen”, mikrotext). Einlass: 19 Uhr. Chausseestraße 125, 10115 Berlin. https://lfbrecht.de/event/krawalle-und-liebe-34/
9.5.2026 ”Museum für Essen und Trinken”: Kersty Grether & Sandra Grether lesen aus "Rebel Queens", mit Musik von “The Doctorella” im Duo-Set. Hufelandstr 35, 10407 Berlin. Tickets über Bötzowbuch: https://www.boetzowbuch.de/
30.5.2025 Sommerhaus-KaffeeBar: Live-Musik von Frau Kraushaar mit ihrem neuen Album "Gurke, Kartoffel, Ahnung". Hufelandstraße 43, 10407 Berlin.
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