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Dienstag, 27. Januar 2015

Tres chic - an evening with Francoise Cactus

Ziemlich genau 20 Jahre bevor dieses Interview mit Francoise Cactus bei Bier und Wein in der Kreuzberger Kneipe an der Ecke geführt wurde, gründeten sich in Berlin die Lolitas. Dieses Interview erschien in Renfield No. 16, im Jahr 2006, man kann sich also leicht ausrechnen, wann das losging mit der Band, die Frau Cactus in Berlin bevor sie mit STERO TOTAL weitermachte. Viele Jahre vorher hatte mir irgendjemand die Lolitasplatte „My English sucks“ auf Tape gezogen. Auf der Rückseite waren Ton Steine Scherben – interessante Kombi, auch wenn ich damals noch gar nicht geahnt habe, dass Berlin die Verbindung zwischen beiden Bands sein könnte. Die auf dieser letzten LOLITAS-Platte eingespielten Coverversionen (z.B. von den Misfits, Dead Boys, Queen u.a.) haben mich ziemlich schnell zum Fan werden lassen. Wann genau das war, kann ich gar nicht mehr sagen, aber ich denke es war zu einer Zeit, als Francoise Cactus ihre erste richtige Band in Berlin schon hinter sich gelassen hat und erste Versuche mit Stereo Total unternahm. Das Tape hab ich immer noch, und klar, im Laufe der Zeit sind auch ein paar LPs dazugekommen. Allesamt Beseisstücke, dass es in den 80ern in Deutschland richtig gute garagebands gab. Wobei „Bouche Baiser“ gnaz klar mein Vinyl-Favorit ist. Da passt es natürlich formidabel, dass am Freitag, dem 30.01.2015 die Premiere des Stereo-Total-Trashicals "In der Hölle des Rock'n'Roll" gefeiert wird. Perfekter Anlass, um das Interview mit Francoise C. hier nochma zu prääsentieren.

G.: Francoise, wie bist du eigentlich nach Berlin gekommen?
F.: Als ich Studentin in Frankreich war, habe ich einen Zettel vom DAAD gesehen und es gab einen Austausch von Studenten für den ich mich beworben habe. ich dachte: ich geh mal ein Jahr nach Deutschland. man konnte so kleine Jobs in einem Gymnasium kriegen, um mit den Schülern ein bisschen französische Konversation zu betreiben, so ein paar Stunden die Woche. Man sollte ein paar Städte zur Auswahl angeben und ich hab gesagt: 1. Berlin, 2. Hamburg, 3.nix. Dann haben sie mich nach Husum geschickt.

G.: Husum?
F.: Es war nicht so schlecht, ich habe bei den Urenkelinnen von Theodor Storm gewohnt und es war am Meer. Gar nicht schlecht, aber so schon ziemlich langweilig, Ich war schwer enttäuscht, dass ich dorthin geschickt wurde. aber dann hatte ich in der Schule nicht so viele Stunden und habe gefragt, ob ich das nicht alles zusammenpacken kann. Ich habe dann nur noch Montag und Dienstag gearbeitet und bin den Rest der Zeit herumgereist. Ich war oft in Kopenhagen, weil das nicht soweit von Husum entfernt ist und manchmal auch in Berlin. In Paris war Berlin, so in den 80ern DAS Ding, deshalb wollte ich unbedingt dahin…
Auf jeden Fall bin ich so zum ersten Mal nach Berlin gekommen, da hab ich dann schon ganz lustige Dinger gesehen, wie z.B. das Festival der genialen Dilettanten so ganz verrückte Sachen, die ich in Frankreich noch nie gesehen hab oder auch so richtig extreme Punkrockkonzerte. Einmal hab ich mir eine Rippe geprellt, weil mich ein paar Typen beim Pogo gegen die Bühne gequetscht haben.
Das stand sogar auf dem Befund des Krankenhauses: Rippen geprellt beim Pogo. Ich war ganz stolz. Dann bin ich zurück nach Frankreich, habe ein bisschen weiter studiert und dann dachte ich: Ich gehe ein Jahr nach Berlin. Ursprünglich wollte ich auch nur ein Jahr bleiben. Aber dann habe ich diesen Franzosen kennen gelernt, Coco, mit dem ich später die Lolitas hatte. Dann fing das mit der Band an und ich hatte keine Lust abzuhauen.


G.: Das lief ja auch ganz gut mit den Lolitas…
F.: Ja, das war ganz nett so. Wir waren zwar keine Weltstars, aber es war ok.

G.: Ihr habt zumindest ein paar gute Platten gemacht…
F.: Ja, da waren ein paar coole Platten bei. Es war ganz amüsant, in Deutschland waren wir zuerst bei What’s so funny about, dem Label von Alfred Hilsberg aus HH. Der hatte immer so bekloppte, aber ganz gute Bands auf seinem Label. Dann waren wir bei Vielklang und in Frankreich waren wir bei New Rose. Dadurch haben wir die Möglichkeit gehabt, eine Platte mit Alex Chilton und eine mit Chris Spedding zu machen. Chris Spedding ist eigentlich ein ganz toller Gitarrist, der bei ganz vielen Leuten Gitarre spielt, z.B. bei dem Typen von den Sex Pistols…
Also, das waren so die Abenteuer mit den Lolitas. Aber dann ist Coco abgehauen, weil er plötzlich nicht mehr in der Großstadt leben wollte. Er ist nach Guadeloupe gezogen und wohnte da in so einer Hütte. Ich habe gedacht: Na, das wird kompliziert. Wir haben zwar nicht viel geprobt, aber die Lolitas waren sowieso in meinem Geiste am Ende. Weil ich die Lolitas anfangs sehr gern mochte, als wir noch gar nicht spielen konnten. Wir konnten zwar schon ein bisschen was, aber es war so frisch. Nachher haben die Jungs angefangen, so klassische Dinger spielen zu wollen und dann interessierte mich das nicht mehr so richtig.
Jedenfalls auf unserer letzten Tour mit den Lolitas, war Brezel unsere Vorband. Er ist solo unter dem Namen „Der Böhmische Elvis“ aufgetreten. Ich fand den Typen genial und dachte: Mit dem mach ich eine Band. So ist das ungefähr übergangslos weitergegangen: Die Lolitas waren vorbei – Puff! Ich nehme mir den Typen von der Vorband und mache gleich die nächste Band.

G.: Aber bei den Lolitas hättet ihr ja eigentlich auch eine neuen Gitarristen holen können und ohne Coco weitermachen können…
F.: Ja, aber Coco war schon sehr wichtig, weil wir die Musik zusammengemacht haben. ich hab die Lyrics geschrieben und Coco die Musik. Ok, das hat sich auch ein bisschen vermischt, aber als er weg war, war es nicht möglich, ihn zu ersetzen.

G.: Und irgendwann war auch Tex Morton mit dabei…
F.: Ja, aber er hat keine Songs geschrieben. Er ist zwar ein guter Gitarrist, aber er hat keine Songs bei den Lolitas geschrieben. Der hatte ja schon ganz viele Bands. Neulich habe ich den Sänger von Lüde & die Astros wiedergetroffen, als Roadie von so einer jungen deutschen Band, es war ganz lustig, den wiederzusehen. Und mit dem hatte halt auch Tex Morton gespielt, der hatte auch schon sehr viele Bands weil er ein sehr guter Rock’n’Rollgitarrist ist.
Vor ihm spielte bei den Lolitas Tutti Frutti, dieser Italiener, der immer noch in Berlin wohnt und solo auftritt, der heißt jetzt Michele Venelo. Michele ist sein richtiger Name, aber seit der ersten Lolitasplatte, da hatten wir geschrieben – Michele, Coco, und Olga und da wurden wir bei allen Kritikern als Frauenband besprochen, weil alle dachten, Coco wäre ein Frauenname und Michele würde sich wie Michéle aussprechen. Klingt ja auch Französisch, aber eigentlich waren wir ja gemischt und die Jungs waren immer sauer: Schon wieder schreiben sie, wir sind eine Frauenband. Dann hat er seinen Namen geändert und sich Tutti Frutti genannt. Irgendwann ist er wieder nach Italien abgehauen, dann kam Tex Morton. Es gab da ein paar Fluktuationen.

G.: Aber bei den Lolitas hast du von Anfang an gesungen und getrommelt? Hast du denn vorher schon in Frankreich Schlagzeug gespielt?
F.: In Frankreich habe ich schon gesungen, aber das hat mir nie gefallen, weil die Jungs immer gesagt haben: So, jetzt singst du das und das und das. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich in einer Punkrockband gespielt, Katapult. Aber da dachte ich irgendwann: Ich muss jetzt mal meine Band machen. Das war, als ich Coco getroffen habe.
Wir wohnten auch im selben Haus, das war so eine Art besetztes Haus mit 8 Kumpels und irgendwann haben wir die Zeitung aufgeschlagen und da stand dann: Ich verschenke mein Schlagzeug an Abholer. Weil Coco Gitarre spielen wollte, habe ich gesagt, dann spiel ich halt Schlagzeug. Das haben wir dann in unseren Keller gestellt. Dann hab ich meine beste Freundin zu der Zeit gefragt, ob sie nicht Bass spielen will. Wir haben dann dreimal geprobt – Coco konnte schon ein bißchen Gitarre spielen, ich konnte gar kein Schlagzeug spielen und hab nur so ganz einfach getrommelt und das Mädchen konnte auch keinen Bass spielen.
Dann haben wir unser erstes Konzert hier in der Waldemarstraße in Kreuzberg im Kino gehabt. Ich habe einfach angefangen, dabei zu singen und so ist es seitdem geblieben, ich finde Schlagzeug einfach super. Es gibt viele Leute, die sagen, es ist schwer Schlagzeug zu spielen und gleichzeitig zu singen, aber ich denke, Schlagzeug kann man spielen ohne dabei zu denken.
Das ist ein bisschen wie rumtanzen. Es passiert manchmal, dass ich beim Singen Gitarre spiele, aber das nervt mich. Während ich singe, muss ich immer viel mehr auf die Akkorde und die Wechsel achten. Schlagzeug ist irgendwie einfacher.

G.: Ging’s nach dem Ende der Lolitas sofort mit Stereo Total los?
F.: Ja, am Anfang wollte ich noch einen dritten Typen dabeihaben. Der hieß Captain Spacesex. Das ist so ein abgefahrener Musiker in Berlin, der tritt immer so in Science-Fiction-Kostümen auf und hat so ganz verrückte Synthies aus den 70ern. Ich wollte zwar, dass es immer noch Rock’n’Roll-Elemente hat, aber ich wollte gern mal ein paar mehr Sachen mit Synthies machen.
Der Typ wäre super gewesen, aber ich hab ihn ca. 20mal zu Proben eingeladen und er hat immer gesagt: Ja, geil mach ich, aber er ist nie gekommen. Dann hab ich ihn angerufen aber er ist nie gekommen. Ich dachte dann: Das wird nix. Dann haben am Anfang nur Brezel und ich gespielt, meistens so ganz easy. Er ist mit einer Bontempi-Orgel aufgetreten, so eine ganz billige mit Begleitautomatik und ich hab dazu gesungen.
Wir haben das bei irgendwelchen Ausstellungseröffnungen gemacht. Irgendwann haben wir uns gedacht: Wir machen jetzt eine Rockband auf, aber es gab auch hier sehr viel Fluktuation. Als erstes hatten wir die Gitarristin Leslie Campbell, das ist eine Frau, die ich super fand, sie kommt aus Schottland und war schon in den 80ern in Berlin und war früher in dieser Superband Camping Sex. Camping Sex ist eigentlich die Vorgängerband von Mutter. Der Sänger war Max Müller und der Schlagzeuger war Florian Körner von Gustorf. Tres chic.
Leslie hat eine Zeitlang bei uns gespielt, war aber nicht so ehrgeizig wie wir und hatte auch keinen Bock, eine Platte aufzunehmen und auf Tour zu fahren, das war ihr alles too much. Sie ist nicht so lange dabei geblieben. Dann hatten wir später Rasi, den Boy from Brazil, der hat bei uns Bass gespielt. Das war eigentlich nicht so geplant, aber Rasi ist ein alter Freund von mir.
Als wir mit den Lolitas vor dem Mauerfall in Ostberlin gespielt haben, haben wir da immer verbotene Konzerte gegeben. Wir haben so getan, als ob wir Touristen sind und die Jungs haben uns Instrumente gegeben und dann sind wir in Kirchen, in Gärten und so was aufgetreten. Da kam Rasi einmal vorbei, ein ganz arroganter Typ und ich dachte: „Was ist denn das für ein Arschloch?“ Sein Vater war Diplomat und deshalb war er in Ostberlin, aber er konnte immer in den Westen, sooft wie er wollte. Zuerst konnte ich ihn überhaupt nicht ausstehen und jetzt ist er einer meiner besten Freunde.
Jedenfalls treffe ich ihn und frage ihn ob er mir mal die Adresse von einem Freund geben kann, das war ein Bassist, den ich bei einem Konzert gesehen hatte und super fand. Ih wusste, dass das ein Kumpel von Rasi war. Rasi wollte wissen, warum ich die Adresse brauche und als ich sagte: Ich will ihn fragen, ob er bei uns Bass spielen will und Rasi sagte: Nein! Das mache ich!
Und ich sage: Aber Rasi, du kannst doch gar kein Bass spielen – macht nix! Dann war Rasi eine Zeit lang unser Bassist. Irgendwann hat er diese amerikanische Künstlerin geheiratet, Beth More-Love und war weg in Amerika. Dann ist Angie Reed eingestiegen, die macht ja jetzt auch Solosachen und Reimo, der ist jetzt beim Jeansteam. Das waren alle Musiker die wir hatten. Die sind irgendwie nach und nach abhanden gekommen und irgendwann hatte ich es so satt. wir haben die Songs eh nur zu zweit geschrieben und sagen den anderen eh nur: Spiel mal ein A oder ein G oder so. das ist doch Quatsch.
Seitdem machen wir das zu zweit und das gefällt mir besser. Bands sind mir einfach zu anstrengend. Wir wohnen zusammen, wir reisen zusammen und wenn wir wollen, gehen wir zusammen in den Proberaum, das ist alles ganz einfach einzurichten.

G.: Ich finde, daß Stereo-Total-Songs immer so leicht und einfach rüberkommen. Schüttelt ihr die einfach so aus dem Ärmel, wie es euch in den Sinn kommt, oder frickelt ihr ewig an einem Song rum und seid da eher perfektionistisch drauf?
F.: Wir mögen keine Perfektion und wir suchen auch nicht den supergeilen energetischen Sound, mit dem Aufnahmestudios werben. Aber ich würde schon sagen, daß Brezel in seiner Crazyness, in seiner Art ein Perfektionist ist, um einen ganz bekloppten Sound zu erzeugen. Da kann er schon manchmal stundenlang rumdrehen und machen, bis es genau so ist wie in seinem Kopf. Er ist da schon perfektionistisch, aber ich nicht so. Ich denke mir immer, wenn ich einen Text schreibe: Wird er mir noch in 4 Jahren gefallen? Wenn ja, kommt er durch, wenn nicht, landet er im Mülleimer.
Wenn ich schlecht gesungen habe, nehme ich das natürlich noch mal auf, aber Brezel fummelt schon ganz schön viel. Also, wenn wir aufnehmen gehen, ein paar Parts ziemlich schnell Schlagzeug zum Beispiel. Neuerdings spiele ich Trompete und auch Theremin. Dann verschwinde ich und er fummelt die ganze Nacht an etwas herum. Also ich glaube, er ist ein Perfektionist, aber nicht im klassischen Sinne, sondern weil er eine bestimmte Vorstellung hat, wie es klingen sollte und wenn nicht, dann ist er nicht zufrieden.

G.: Wie ist das mit den Lolitastexten? Findest du die immer noch gut?
F.: Da schäme ich mich auch nicht. Ich wundere mich manchmal, wenn ich mit Sängern rede und die sagen: Oh Gott, ich kann die Lieder von unserer Platte nicht mehr singen, ich schäme mich total. Ich hab das nicht. Natürlich gibt es auch ein paar Griffe ins Klo, aber insgesamt nicht.
Bei den Lolitas, da gab’s so Texte über ein Mädchen, daß sich umbringen will und den ganzen Tag auf dem Gleis rumläuft. Vielleicht lag es auch an der Zeit, dass ich ein bisschen depressiv, trüb und schwarz war, oder wenn man so hospitalismusmäßig den ganze Tag hin und herschaukelt. Das war schon ganz schön trübe manchmal. Oder über total misslungene Liebesgeschichten und so. Ok, manchmal gab es auch lustige Sachen.
Die Texte von Stereo total sind ja auch viel lustiger und entspannter. Meist singe ich in französisch oder deutsch, aber auch eEnglisch, italienisch oder Spanisch. Wir haben zwei auf Portugiesisch, weil wir in Brasilien ein Label haben und die freuen sich, wenn wir auf ihrem Label eine extra Version auf Portugiesisch haben. Einmal haben wir eins auf türkisch gemacht, aber da hat niemand drauf reagiert, außer als wir mal in Istanbul gespielt haben, da kannten die Leute das. Aber hier in Berlin hat das keinen interessiert, dabei wollte ich ja was für die Völkerverständigung machen…

G.: Du hast doch auch auf dieser japanischen Dackelblutsingle mitgemacht, wie kam das denn zustande?
F.: Ich kenn halt Jens Rachut schon ganz lang, schon als er diese Band vor Dackelblut hatte, Angeschissen (singt „Hund“ von Angeschissen). Ich hab ihn mal auf einer Tour mit den Goldenen Zitronen kennengelernt und da war er auch dabei. Seitdem sind wir Kumpels. Er hat Brezel gefragt, ob er bei Kommando Sonnenmilch für ihn Musik machen will, sodass diese Platte sich nicht so punkrockig anhört wie die anderen. Dann hat er mich gefragt, ob ich was für ihn singen will. Er ist superlustig und nett. Ich habe den Text einfach übersetzt. Das ist ja ein Lied über diesen Kinderspielplatz und es ist ein bisschen über die Misere von den kleinen Kindern, die schlecht drauf sind und die Eltern sind auch schlecht drauf und so.

stereototal.de

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