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Mittwoch, 27. Juli 2016

Freedom Rockets for Milo

DESCENDENTS-Fans sind scheiße.
Ja, ich weiß, das ist eine steile These. Aber es gibt Ereignisse in den letzten Tagen, die für diese Behauptung Gründe liefern.

Los ging's damit, dass die DESCENDENTS, eine der dienstältesten und wohl auch einflussreichsten Pop-Punkbands, am 29. Juli eine neue Platte raus bringen. Die heißt "Hypercaffium Spazzinate". Dazu schickt man gleich eine 5-Song-EP hinterher. Die heißt schlicht "Spazz Hazard".

Was bei beiden Titeln auffällt, ist die Verwendung des Wortes Spazz. Und der geht gar nicht. Denn "Spazz" bezeichnet im Englischen recht abfällig Menschen mit einer Bewegungsstörung, die durch eine frühe Hirnschädigung verursacht wird. Im Deutschen wurden Menschen mit einer solchen Behinderung früher - analog wie im Englischen - einfach als Spastis oder Spast(en) bezeichnet. Hat sich im Laufe der Jahre auch als ganz normales Schimpfwort durchgesetzt. Etwas weiter verbreitet, aber von gleicher Wortherkunft ist der vielbenutzte Spacko oder Spacken.

Im Deutschen wie im Englischen ist das Wort Spast bzw. Spazz sehr beleidigend, egal ob man nun Spastiker ist oder nicht. Ich denke, die DESCENDENTS haben den Begriff bei der Namensfindung ihrer Platte eher unbedarft eingesetzt. Aber das ist im Jahr 2016, vor dem Hintergrund von Begriffen wie Inklusion und der zunehmenden Integration von Behinderten, einfach nur total dämlich und dumm (beides!).

Für die englische Punkband HEAVY LOAD, die zu 2/3 aus Menschen mit Behinderungen besteht, war dieser Titel der DESCENDENTS-Platte ein Grund zum Protest. Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu erwähnen, dass die DESCENDENTS eine US-amerikanische Band sind, HEAVY LOAD aus Großbritannien kommen. Trotz gleicher Sprache hat der Begriff "Spazz" in beiden Ländern eine unterschiedliche Wertigkeit. Ich glaube, dass in England dem Begriff Spazz sensibler begegnet wird als im sonnigen Kalifornien, wo die DESCENDENTS herkommen. Trotzdem sollte man sowas auf dem Schirm haben, wenn man seine Platte so benennt. Dazu kommt die Einschätzung von HEAVY LOAD auf ihrer Homepage: "There also seems to be a real trend at the moment for people to proudly declare they are ‘politically incorrect and proud of it’.
Ganz allein stehen HEAVY LOAD mit ihrem Protest nicht, Unterstützung gab es auch von seiten des Blogs realgonerock.



Aber wie kann eine relativ unbekannte Punkband, ihren Unmut gegenüber solchen Szenestars wie den DESCENDENTS über deren Albumtitel äußern?

Was sie taten, war folgendes:
1.) Auf ihrem Blog einen Post setzten, der eindeutig gegen die Nutzung von "divisive language" Stellung bezieht.
2.) einen offenen Brief an die DESCENDENTS schreiben
3.)Aufruf zum Boykott der neuen DESCENDENTS-Platte.
4.) Ihrerseits ein an das bekannte Milo-goes-to-irgendwas-Motiv angelehntes T-Shirt anbieten. (Bestes DESCENDENTS-Fake-Shirt seit langer Zeit, übrigens).
5.) Eine Petition starten, die die DESCENDENTS dazu auffordert, den Titel ihres Albums zu ändern.

Nun kann man ganz pragmatisch sagen: Das bringt ja eh nichts. Die große DESCENDENTS-Werbewalze ist schon Monate vor dem Release im Gang, da sind Plattencover gedruckt, Anzeigen geschaltet, Touren gebucht, Shirts gedruckt, all das. Stimmt. Aber es geht bei dieser Aktion von HEAVY LOAD vielmehr darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aufmerksamkeit für den wirklich dummen Umgang mit einem Begriff, der in den 70er und 80ern oft benutzt wurde, aber auch da schon ein sehr abwertendes Schimpfwort war.
Zumindest wäre ein Statement der DESCENDENTS zu der ganzen Sache drin gewesen. Aber da kam nix. Und von einer Band, bei der immer wieder gern erwähnt wird, dass ihr Sänger ja ein gebildeter Mensch mit einem Doktortitel in Biochemie ist, wäre etwas mehr Reflexion bei der Wahl des Albumtitels sicher zu erwarten gewesen.

Was stattdessen als Reaktion für die HEAVY LOAD-Crew kam, war die geballte Wut der DESCENDENTS-Gemeinde.
Nur fünf Tage nachdem die Petition gestartet wurde, musste sie eingestellt werden. Warum? Weil aufgebrachte, von der Kritik an ihrer ach-so-tollen Lieblingsband in ihrem Innersten verletzte DESCENDENTSfans die Website und den Facebook-Account von HEAVY LOAD sabotiert haben. Na, spitze.

Was man sich in dem Zusammenhang mal fragen kann: Wie sieht der typische DESCENDENTS-Fan eigentlich aus? Wahrscheinlich ähnlich wie die Band. Weiße Männer mittleren Alters, möglicherweise eher der Mittelklasse zugehörig, also gar nicht so arm, und wahrscheinlich mit einer ganz ordentlichen Ausbildung - und wohl auch ganz ohne körperliche und geistige Behinderung. Ja, ich weiß, da kann ich mir an die eigene Nase fassen. Aber es kotzt mich an, dass man aus dieser Position heraus dermaßen nachtreten muss, wenn es mal zu einer Kritik an deiner Lieblings-Punkband kommt.

Und dass, nachdem gerade mal 201 (in Worten ZWEIHUNDERTUNDEINE!) Personen, diese Petition unterschrieben haben.
Dafür gibt's dann gleich massenhaft Drohmails und Webseitesabotage? Von Leuten, deren liebste Band wahrscheinlich tausendmal soviele Fans hat? Die sich mit ihrer neuen Platte, all den dazugehörigen Shirts und dem anderem Merch-Klimbim wahrscheinlich doof und dämlich verdient?
Eine Band übrigens, die ihrerseits total gerne auf ihr Außenseitertum und ihr Nerd-Dasein in ihren Songs thematisiert. Und in deren Namen wird jetzt auf die nächsten Outsider getreten, nur weil die mal Protest anmelden in einer Sache, die sie persönlich was angeht?
Es kotzt mich an. Deshalb sind DESCENDENTS-Fans scheiße.

P.S.: Dear Bill, Milo, Karl and Stephen,
I suppose, you won't understand a word of what I wrote above. But maybe you heard about the protest of HEAVY LOAD from England about the title of your new album. Would be overcharged from you to issue at least a statement regarding to this topic? I'd really appreciate that.

Cheers from a Plattenbau in East-Berlin,
Gary Flanell

Dienstag, 26. Juli 2016

Das gute Leben: Weitersuchen.

Was machen wir also, wenn wir das Normale nicht können, nicht wollen, nicht wollen können? Wir haben nachgedacht und uns selbst befragt, wo wir nach dem guten Leben suchen, mit allen Zweifeln und Abstrichen, und wie sich dem eine Gestalt geben lässt, was sonst bloß formlose Negation ist.

Was, du hast nur einen Teilzeitjob?

Was ich erstrebe, ist gesellschaftlich eine Defizitexistenz. Die Gewerkschaft kämpft dafür, dass mehr Menschen in Vollzeit arbeiten können, lese ich in einer Publikation der Dienstleistungsgewerkschaft. „Ach, du hast nur einen Teilzeitjob? Ja, es wird immer schwieriger, Vollzeitjobs zu finden“, seufzt eine Bekannte. Ich bin irritiert, und zugleich verunsichert.
Ja, ich arbeite in Teilzeit, 20 Wochenstunden. Zumindest was den sozialversicherungspflichtigen Teil meiner Einkünfte angeht. Ansonsten bin ich selbständig. Und das frei gewählt – zumindest im Rahmen der herrschenden Zustände. Ich habe einen Brotjob in Teilzeit, damit ich nebenher das machen kann, was ich wirklich machen möchte: Mediation. Konflikte bearbeiten. Praktische Friedensarbeit an der Basis. Sich damit voll zu finanzieren, ist bisher in Deutschland unmöglich. Reich wird man auch von meiner Kombi nicht, aber es langt zum Leben.

Als ich den Teilzeitjob gefunden habe, war ich heilfroh. In der Regel gibt es die nur für Mütter. Hat man kein Kind als Grund vorzuweisen, warum man*frau gerne Teilzeit arbeiten möchte, wird es schwierig. Eine Promotion ist eventuell noch ein Argument, aber ein anderer Arbeitsbereich, der einem auch noch am Herzen liegt? Das erscheint den meisten Arbeitgebern erstens suspekt und zweitens unnötig. Es passt nicht ins vorherrschende Leistungssystem, in dem man*frau immer alles zu geben hat, und zwar an einen Arbeitgeber.


Dazu kommt, dass ich sogar, hätte ich die ganz freie Wahl, tatsächlich nur Teilzeit arbeiten würde (derzeit tendiert die Kombi zu einer Vollzeittätigkeit). Mit einer 20- bis 30-Stunden-Woche in der Mediation meinen Lebensunterhalt zu verdienen – das wäre für mich das Paradies auf Erden. Den Rest der Zeit wüsste ich schon zu füllen, auch ohne Kind. Und ich glaube, vielen anderen geht es genauso. Dennoch hält sich der Mythos vom erstrebenswerten Vollzeitjob hartnäckig. 80% oder 75%, das ist das Höchste der Gefühle. Und auch das wird schon skeptisch betrachtet. Aber 50%? Das ist, ohne Mutterschaft, in den Augen vieler eine eindeutige Defizitexistenz.
Ich wehre mich dagegen, weiterhin. Und erträume mir einen Zustand, in dem ich - in Teilzeit! - von meinem Beruf leben kann.

Daja Stern

Montag, 25. Juli 2016

Das gute Leben

Wie geht es bloß, das gute Leben? Ist man die unterdrückenden Strukturen von Familie und Religion erst mal los, könnte es damit losgehen für das freie Individuum. Doch leider hatten wir vergessen, dass Individualität inzwischen definiert wurde über Lohnarbeit, ob es diese nun gibt oder nicht. Die Sozialdemokraten haben aus den Ideen eines Peter Hartz ein Menschenbild gebastelt, gegen das der Fordismus sich wie kuscheliges Biedermeier ausnimmt. Wem es gelingt, sich auf dem Markt der Arbeitskräfte zu behaupten, hat zumeist weder Zeit noch Energie übrig für ein sinnvolles Leben, das ohnehin auf einem Niveau mit Teppichknüpfen und Modelleisenbahnen in die Randnotiz „Freizeitgestaltung“ hineingefaltet wurde.

Doch da sind all diese Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung, in einem irgendwie gelingenden Privatleben. Dafür gibt es zum Glück ein paar lang erprobte Formen. Da weiß man, wie es geht, man wird ohne weiteres verstanden und anerkannt. Mal ausruhen und nicht immer nur machen müssen? Da ist die Couch, der Fernseher, Netflix. Sich mal richtig gut fühlen? Geh dir was Schönes kaufen, hast ja Kreditkarten. Leben auf die Reihe kriegen? Zeit zum Heiraten. Dann Zeit zum Kinderkriegen. Und was kommt als Nächstes? Haus bauen oder Wohnung kaufen. Ist das nun soweit arrangiert, die Stufen des bürgerlichen Lebens erreicht, das Gehalt zusammengeworfen und die Steuer entlastet: dann werden auch Zeittaschen geschaffen für Yoga und Skiurlaub, Chorgesang und Theaterproben. Auf diesem Weg kommen so manche Menschen nach und nach zu einem ausgefüllten und angenehmen, privilegierten Leben.



Warum sind sie privilegiert? Nun, natürlich, weil sie Geld haben. Aber auch, weil sie die Formen leben, die allgemein anerkannt sind. Weil sie nicht weiter darüber nachdenken müssen. Sie können es sich leisten, nachzudenken, wenn sie die Zeit dafür finden. Aber das quälende Nachdenken, das existenzielle, wer davon frei ist, ist privilegiert. Denn man muss dieses Leben auch wollen können.

Mit dem Prinzip Individualität kann nur erreicht werden, was das Individuum will. Anders ist ihm nur mit direktem Zwang, dh Sanktionen beizukommen. Kein Zufall, dass die Ideen von Peter Hartz in eine Werbesprache gefasst waren, die einem Konsumgut angemessener wäre. Gib ihnen ein Schema, das sie wollen können, und halte den Zwang zurück als letztes Mittel.

Was aber passiert, wenn das Individuum nicht will und nicht kann? Studium abgebrochen, nie eine feste Beziehung aufrecht erhalten, es nie in einem ordentlich bezahlten Job ausgehalten? Du hast es eben nicht richtig gewollt, sagen andere und haben recht.
Wir könnten aber auch fragen, ob sich nicht ebenso gut etwas anderes wollen lässt. Nur was? Um etwas wollen zu können, muss es irgendwie bestimmt werden. Es muss konkret sein, und irgendwie, irgendwo sozial anerkannt.



Die Suche nach „Alternativen“ ist eine alte Geschichte. Das Wort „Alternative“ war mal subversiv: als Gegenentwurf zum Etablierten. Wie alle subversiven Entwürfe, die sich verwerten lassen, wurde es vom Mainstream aufgenommen. Denn es passt so schön zum Prinzip Individualität. Jeder kann für sich entscheiden, auswählen, konsumieren. Dabei bleiben die sozial anerkannten Formen immer gleich, weil politisch bevorzugt: so viel Zeit wie möglich für Lohnarbeit (damit sich für den Arbeitgeber die Sozialabgaben lohnen), Modell Kleinfamilie (damit Pflege- und Sorgearbeit unentgeltlich bleibt), und die Illusion individualistischer Entfaltung (unterm Strich zähl ich, sagt die Postbank). Hier tauchen die „Alternativen“ wieder auf: in der Indie-Musik bei Spotify und dem crazy Klamottendesign, natürlich fairtrade. Jetzt bedeutet „alternativ“ einfach: ein bisschen anders, besonders, speziell, und schick.



Ansonsten haben wir eine „alternativlose“ Politik, was bedeutet: „es geht nicht anders, wir müssen alle (erschießen / verhungern lassen / ausgrenzen / verkaufen / einsparen)“. Daneben wabern irgendwo die „alternativen Medien“, die einen eigenen, speziellen, besonderen Weg zum Heil versprechen: zur unverstellten Wahrheit der Verschwörungen, die das Übel der Welt verursachen und nur erkannt werden müssten. Und als besonderes Sahnehäubchen haben wir die Partei „Alternative für Deutschland“. Die einzige Möglichkeit, alles anders zu machen? Die Alternative zur gescheiterten, selbsterklärt „alternativlosen“ Norm? Das, so die AfD, seien sie: die Rechten. Was mal subversiv war, ist jetzt ganz einfach rechts.

Das Problem ist eben die Unterscheidung: Normalität-Alternative. Einer realen Alternativlosigkeit sind immer Entscheidungen vorhergegangen. Der Weg, der als „normal“ etabliert ist, war immer nur eine Alternative unter mehreren. Alle Wege sind Alternativen. Die Ehe ist eine Alternative zu anderen Lebensformen. Alle Lebensstile sind alternativ.



Was das „Normale“ den anderen Alternativen voraus hat: Es ist genau bestimmt, alles andere ist nur Negation. Das Normale hat eine Form, die sich wiederholt. Nur die Ausführungen variieren, wie das Sofadesign bei IKEA. Ob in der Metalkutte heiraten oder im fließenden Hippiedress auf Bali, das ist dann egal. Heiraten ist genau bestimmt. Nicht zu heiraten ist nur eine Negation. Lohnarbeit ist genau bestimmt, jeder andere Zustand nur eine Negation. Das Bemühen um andere Lebensformen ist für die verwirrten und erschöpften Geister oft nicht mehr als das: ein Bemühen. Und bemühen kann sich keiner ewig, wenn sich kein Ergebnis zeigt.



Wie geht das also, zu wissen, was man will, wenn man es sich selber ausdenken muss? Wenn man bisher nur weiß, was man nicht will, oder nicht kann, oder nicht wollen kann?
Mehr dazu in den nächsten Tagen hier auf diesem Blog.

Alissa Wyrdguth

Donnerstag, 21. Juli 2016

Kinder der Avantgarde

THE SHAGGS waren so eine Band. YOUTH BRIGADE auch. DEATH, diese schwarzen Protopunks auch und die MmmmBop-Teenies von HANSON ebenso. Alles Bands, die man rein formal ins Genre der Drei-Geschwister-Bands stecken könnte. Falls einem beim Plattensortieren so gar nichts einfällt.
So ist's auch bei JACK OF NONE, jene Band, deren CD "who's listening to van gogh's ear?" hier vor einigen Wochen ankam. Dahinter stecken A.G., Maxine und Julian Syjuco. Alle drei Kinder des avantgardistischen Künstlerehepaars Cesare und Jean-Marie Syjuco,die ihrerseits beide im Kunstbetrieb auf den Philippinen richtig große Nummern. Und das seit Jahren.

Nun beschäftige ich mich im Alltag eher selten mit philippinischen Avantgardekünstlern und deren Kindern, muss aber sagen, dass JACK OF NONE mich mit ihrer Platte sofort gepackt haben. Und das lag nicht an der Drei-Geschwister-Konstellation. Oder an einem möglichen Exotenbonus.
Denn den gibt es nicht mehr. Hey, es ist 2016 und einer der Effekte der Globalisierung mag doch sein, dass Pop (inklusive aller Subkulturen) wirklich auch im hintersten Winkel der Welt (ok, super eurozentristischer Ansatz, sorry) empfangen und rezipiert und interpretiert wird. Wer sich immer noch erstaunt fragt, wie es etwa um die Punkszene der Philippinen bestellt ist, schaut sich a) ganz fix im Netz um (und findet da unter Pinoy Punk eine Menge Links), oder fragt b) mal den Kollegen Mika vom Alleiner Thread-Zine, denn den kann man getrost als Experten für Philippinopunk bezeichnen oder hört sich c) nochmal die SubCult-Sendung zum Thema an. Aber das ist nur ein Abschweif.



JACK OF NONE haben mit straight vorgetragenem Punkrock wenig zu tun. Eher kann man sie mit ihrer kühlen Ausstrahlung und Ambivalenz in der Nähe von frühen Wave- und Postpunkbands verorten. Was sie wiederum ganz interessant macht. Keine Ahnung, was ich erwartet habe, aber Platte, die wie der Soundtrack zu einem nie gedrehten David-Lynch-Film daherkommt, war es sicher nicht.



Dabei fängt alles erstmal recht easy an: Der Opener "Hotel Carcass" startet mit einem locker lounge-artigen Basslauf, zu dem sich eine recht kryptische Spoken word-Story gesellt. Kaum tröpfelte das an einer schwitzigen Sommernacht aus den Boxen, dachte ich schon, JoN wären sowas wie eine südostasiatische Version von NOUVELLE VAGUE. Nur ohne Coverversionen. Wäre ja auch ganz charmant, dachte ich und tupfte mir den Schweiß von der Stirn.



Was dann im weiteren Verlauf kommt, ist nicht ganz so eingängig, aber gerade deshalb umso spannender. Diese etwas spröden drei Philipinos experimentieren munter mit Electro, Alternative Rock und Industrial-Sounds. Legen über all das auch gern mal einen Metal-Gitarrensound, der auch einer Rammstein oder Marilyn Manson-Platte gut stehen würde.
Was noch zur Verwirrung oder besser gesagt Vielfalt beiträgt, aber auch gut ins Gesamtbild passt, ist die Stimme der Sängerin Maxine. Die wird durch allerlei Effekte so verfremdet, als würde eine androgyne Apple-Siri auf LSD ihr Albumdebut geben. Dass es der Sound engineer zuweilen etwas zu gut mit der Bearbeitung der Stimmtracks gemeint hat - geschenkt.



Dank all dieser Sounds zusammen mit den gedichthaft vorgetragenen Texten, bewegt sich "who's listening to van gogh's ear?" ziemlich locker auf der Kante zwischen Kunst, Experiment und Pop. David Lynch würde das bestimmt mögen, Andy Warhol sicher auch. Auch wenn mir nach mehrmaligem Hören immer noch das eine oder andere Fragezeichen durch den Schädel mäandert, muss ich sagen: Lieber so eine atmosphärische Platte, die ich mir gut in einer schwülen Opiumhöhle vorstellen kann, auf deren Sofas sich IAMX, PJ Harvey und Siouxsie zu den No-Wave-Performanzen von Lydia Lunch räkeln(reicht jetzt auch mal mit Verweisen, oder?), als die hundertste Punkplatte, bei der sofort alles offensichtlich und eindeutig ist.



(E) wie Exotenbonus up my ass auf der 26-stufigen Renfield-Rezensions-Bewertungs-Skala.
Gary Flanell

jackofnone.net

Montag, 18. Juli 2016

Once there was...

" a band in my life and finally now there's this EP. Have a listen, if you may" schreibt Lorena Pernalonga jüngst auf Facebook.
Die Band um die es geht, sind THE BRUNETTEZ und Lorena war deren Sängerin und Bassistin. THE BRUNETTEZ waren eine sehr unterhaltsame Kreuzberger Punkband, bestehend aus vier Frauen, die zwar anfangs an ihren Instrumenten ganz unbedarft waren, aber unglaublich viel Lust hatten, Musik zu machen. Eigentlich genau das, was eine Punkband ausmachen sollte. Viel Energie und viel Spaß, miteinander rumzuhängen und Lärm zu machen. Dass bei den Brunettez ausschließlich Frauen spielten, war kein Marketinggag, sondern hat sich eben so ergeben. Und wurde auch nie als verkaufsfördernder Fact in den Vordergrund gestellt. Weshalb sich die Band auch eher schlecht als Beispiel für gut gemeinten "Tokenism" eignete.
Davon ab waren Brunettezkonzerte in den Kellern Kreuzbergs immer sehr unterhaltsame Abende, auch weil ein gewisser Dilettantismus nie vertuscht wurde. So wusste man nie was genau passieren würde und das war eben spannend. Musikalisch bewegte man sich irgendwo zwischen frühem Slits-Punk. Rrriot grrrl-Einstellung und Stereo-Total-Trash.



Was dann noch fehlte, war eine Platte. Die aber irgendwie nie kam. Letztendlich ging es den Brunettez dabei dann wie unglaublich vielen anderen Bands. Potential war sicher da, aber dann kamen die üblichen kleinen Probleme: Besetzungswechsel, zwischenzeitliche Motivationshänger, der Unwillen, den sicheren Heimathafen Berlin zu verlassen und regelmäßig außerhalb zu spielen. Sowas halt. Alles nachvollziehbar und somit kein Vorwurf, dass die Brunettez irgendwann einfach implodiert sind.
Als Tondokumente sind der Nachwelt nur wenige Aufnahmen erhalten. Da gibt es das wunderbare Tape, erschienen auf Trim Tab Tapes, mit den alten Hits wie "Cola Pur", "O2 Song" oder dem "Ice cream man", ein Beitrag auf dem vierten SCREAMING FOR A BETTER FUTURE-Sampler (John Steam Records & Campary Records) und eine nicht veröffentlichte EP namens Street Cat. Vier neue Songs findet der geneigte Hörer da. Vier Songs, die dem Tape um nichts nachstehen und hätten die Brunettez weitergemacht, dann wäre da wohl sicher früher oder später eine eine gar nicht so üble LP rausgekommen.
Aber trauern hilft nix. Lieber nochmal den digitalen Player auf Repeat stellen und sich an der Energie freuen, die bei den Aufnahmen d er Brunettez, egal ob früh oder spät immer rüberkommt.
Die Street Cat-EP gibt es neuerdings auf der Bandcamp-Seite der Brunettez zum Anhören und Runterladen. Gegen Spende oder für die, die nix haben, auch als Geschenk.



Gary Flanell

Sonntag, 17. Juli 2016

Die Sache mit dem Zenit

Täglich wächst die Zahl der Momente, in denen ich meinen Rechner mit fiesesten Schimpfworten aus dem Genitalbereich betitele. Warum? Wenn er zum Beispiel aus nicht nachvollziehbaren Gründen einen Text wie diesen in ein spontan aufpoppendes Lesezeichenfenster schreibt. Nervt. Aber das tun viele Dinge.

Der überschriftgebende Zenit nervt eher selten. Egal, ob es der natürliche, täglich auftretende ist oder der Zenit im Schaffen eines Künstlers, einer Band: Der ist leider so perfide, dass er oft erst zu erkennen ist, wenn er schon lange zurückliegt. Hildegard Knef hat das ganz hübsch zusammengefasst:



Weiß man aber oft erst hinterher. Aber wenn es um eben diese überschrittene Phase der Genialität geht, dann ist so ein Zenit eine sehr nützliche Sache, zumindest für den hämisch lachenden Kritiker. Der kann dann selbstsicher vom Zenitgeschwafel zu einer anderen Binsenweisheit switchen: Weniger wäre mehr gewesen.
Da waren die Binsen ganz schön schlau, als ihnen das eingefallen ist. So wär's manchmal vielleicht besser gewesen, diese eine Platte nicht zu machen, diesen einen Film nicht zu drehen oder dieses eine Buch mal Tagträumerei sein zu lassen.
Von so einem Spruch ausgehend, bin ich schnell dabei, zu sagen, dass es ja bei manchem Bands eine einzige Single auch getan hätte, statt das Gesamtwerk auf eine oder zwei oder drei Platten. Aber sich zurücknehmen, das machen bands eher selten. Eine Platte muss es meist sein. Je größer, desto besser, je mehr Songs, desto schöner. Egal, ob neben den beiden All-time Hits nur noch Füllmaterial dabei ist. Wie gesagt: Das sieht man meist eher aus der Distanz. Wenn's eh zu spät ist um all die Rohstoffe. die für die 500er Vinylauflage verprasst wurden.
Beispiele? Denke gerade an zwei Combos, die kein Mensch mehr kennt und an zwei Bands, die recht aktuell eine Splitsingle rausgebracht haben.

1. THE NOZEMS: So eine obskure holländische Garage-Punkband mit leichtem Hüsker Dü-Schlag aus den 80ern. Zwei Alben haben sie gemacht, die sind nicht schlecht, aber brauchen tut man davon eigentlich nur einen Song. Der heißt PSYCHO und ist ein Knaller von Punksong. JA! Really! Richtige Geschwindigkeit, richtige Melodie, richtiger Außenseitertext. Großartig! Gab's ja auch auf Single. Damals auf Black Box. Und was hätte daraus werden können, wenn sich LEATHERFACE dem mal angenommen hätten? Alles! Ein Hit! Zwei Hits! Drei Hits! Zehn Hits! War aber nix. Nun ja. Wie ich sagte, das hätte eigentlich schon gereicht an Output.
Liebe Internetregie, bitte mal den Videobeweis anfahren:


2. THE SCUBA DRIVERS: Das waren mal zuckersüße Pop-Punk-Jungs aus Frankreich. So ein wenig wie Mega City Four. Waren vor gefühlten Jahrhunderten auf dem "The Violence inherent the System"-Sampler drauf. War eine Spitzensampler, mit den Nomads, Noise Annoys, den Wolfmen und allerlei mehr Punk und Rock'n'Rollbands. Kriegt man mittlerweile billig hinterher geworfen, wenn man Discogs glauben mag.
Aber die Zeiten, in denen Sampler zum Kennenlernen neuer Bands wichtig waren, sind so weit weg, da kommt nicht mal ein aufrichtiger Zeitreisender mehr hin. Ähnlich lange her ist es, als die Mini-LP "Welcome to the hard times" der Scuba Drivers aus, eh, Perigeux (Wo? Was?) stammend. Eien Mini-LP ist fast so gut wie eine 7inch, aber die ist ja quasi das Konzentrat einer jeden Band. Und selbst wenn sich die Scuba Drivers schon auf eine Auswahl von 6 ihrer Hits auf "Welcome to the hard times" beschränkt haben, hätte eine Single mit "All around" auf der A-Seite und irgendeinem B-Seiten-tauglichen B-Seitenhit auf der B-Seite gereicht.
Auch hier bitte den Videobewis zu Rate ziehen:


Ist das ein Hit? Oui, c'est ca!

3. SENOR KAROSHI/AUßER ICH: Wie schon angekündigt, die beiden Bands, die sich ganz aktuell eine Single teilen. Kooperation der sympathischen Art, sowas. Deutschsprachiger Punk ist gerade nicht das, was ich derzeit oft höre, vieles klingt mir heutzutage zu gleich, zu sehr bei Pascow, Turbostaat undwiesiealleheißen abgehört. Deshalb betrachte ich solche Releases, wenn sie hier reinkommen mit etwas gekräuselter Stirn.
SENOR KAROSHI, aus Trier, ziehen mir die Skepsis aber schnell aus dem Gesicht. Der Gesang ist sehr klar, die Texte sind nicht ganz doof. Kommen ein bißchen wie eine weniger räudige Variante der KNOCHENFABRIK oder eine etwas rockigere TAGTRAUM-Version rüber.
Vor 15 Jahren hätte ich "wasted on the young" sicher aufs Mixtape für eine Angebetete gebracht. Für den asozial eingestellten Punkrocker vielleicht ein wenig zu glatt, aber warum nicht. Beste Textzeile? "Das Leben ist mal Kaffee, mal Spucke mit Ei."


AUßER ICH kommen aus Siegen. Kein Grund für eine schlechte Jugend, das ist schließlich Graf Zahl-City. Sie starten mit einem lustigen Leonard-Nimoy-Sample von den Simpsons, kommen dann etwas spröder, verzweifelter und krachiger als ihre Kollegen von der anderen Seite rüber. Mehr der Sound, den man hören möchte, wenn sich die Wände deiner Wohnung mal wieder um dich zusammenziehen. Verstärkt das Gefühl nochmal.
Insgesamt also eine Split-Platte von zwei deutschsprachigen Bands, die sehr gut zusammenpassen. Beide zusammen auf Tour, das wäre ein gutes Paket. Da gäbe es keinen Vor- und Hauptact, weil sich beide Bands - zumindest anhand des gehörten Materials, gut ergänzen. Und so doll nach den Bands aus dem Tante-Guerilla-Stall klingen sie dann doch nicht. Aber mal zurück zur Ausgangslage. Brauche ich also von SENOR KAROSHI und AUßER ICH mehr als diese Single? Nein. Aber wer sich im Jahr des Feueraffen doch noch mit interessantem Deutschpunk eindecken will, ganz sicher.
Auf Youtube sind die Songs der Splitsingle noch nicht angekommen, aber einiges anderes von beiden Bands. zugegeben, da klingen sie gar nicht so übel. Vielleicht kauf ich mir doch ne Platte von denen.
Die SENOR KAROSHI/AUßER ICH-Splitsinlge ist auf Tumbleweed Records erschienen.

Gary Flanell



senorkaroshi.bandcamp.com



Samstag, 25. Juni 2016

Lange Nacht, Lesenacht


Ok, man kann sich in den nächsten 48 Stunden in Neukölln rumtreiben, kann mit seiner peer group zum x-ten mal alle derzeitigen Post-Brexit-Szenarien durchkauen und sich bei Nüsschen und Bier die ersten EM-Achtelfinals anschauen.

ABER DAS IST ALLES TOTALER QUATSCH!

Der rational gut aufgestellte und kulturinteressierte Mensch begibt sich heute abend in die Bornholmer Traße 81 in Prenzlauer Berg.
Da lesen nämlich die Alissa (Wyrdguth), der Gary (Flanell) und der Thomas (Manegold) bei der Langen Nacht der Subkultur im sicher angenehm temperierten Literaturcafé des periplaneta-Verlags.
Wie es bei Periplanetas sonst lesenderweise zugeht, zeigt die folgende Kollegenbeobachtung von Alissa Wyrdguth bei der VISION&WAHN-Lesebühne, erschienen in Renfield Nummer 32


VISION UND WAHN (jeden 1. Montag im Monat, im Periplaneta Literaturcafé in der Bornholmer Straße)


Die meinen es ernst und fangen pünktlich an. Sind ja auch Profis, nämlich die führenden Verleger der Subkultur (nicht nur) dieser Stadt. Dafür ist ihr kleines Café mit Tresen und Stuhlreihen auch hübsch voll, und als ich im letzten Moment noch an der Tür kratze, werde ich rasch eingelassen und schlüpfe auf einen letzten Platz am Boden auf meinem Mantel.

Die Periplanetas nutzen ihre Montags-Lesungen, um wechselnd etablierte und neue Autoren vorzustellen. Chef Thomas Manegold gibt den „Conférencier“, Chefin Marion Müller steht am Tresen. Beide sind in der Lesebühnen-Anthologie „Schindluder und Moralapostel“ mit eigenen Texten vertreten. Die musikalische Begleitung kommt heute von Guido Kreutzmüller, und zwar so gut, dass die Lesenden sich etwas anstrengen müssen. Der Eintritt ist frei.
Unter den Periplaneta-Autoren heute ist auch Renfieldisto Gary Flanell, über dessen viele Qualitäten ich hier vornehm schweige.
Da ich noch nicht wusste, dass ich dies schreiben würde, habe ich mir den Namen der Autorin nicht gemerkt, die jene äußerst gruselige Leichenfindungs-Szene darbot (Periplaneta hat auch eine Krimi-Edition). Im Gegensatz zu ihrem, der auch auf der Seite des Verlags nicht zu finden war(?), ließ sich der Name des dritten Lesenden leicht recherchieren: er ist gerade so etwas wie ein Verkaufsstar, heißt Mikis Wesensbitter und stellt sein neues Buch „Wir hatten ja nüscht im Osten... nich mal Spaß“ vor.
In der zweiten Lese-Runde zeigt er sich vielfältig und entwirft ein Extrem-Horror-Skurril-Szenario. Insgesamt haben wir Spaß, obwohl wir uns tief im Prenzlauer Berg befinden, die Lesenden bekommen eine charmante Moderation, die Zuhörer eine Pause zum Bierholen, und dass wir uns auf dem Heimweg verlaufen haben, ja nun, daran sind wir selber schuld.

periplaneta.com

Freitag, 24. Juni 2016

SubCult # 112 - the Playlist

Und hier die Playlist der 112. Ausgabe von SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms mit Niki Matita auf Pi-Radio 88,4.

Zu Gast im Studio: Sicker Man (a.k.a. Tobias Vethake, Folktronic Musik aus Berlin)

Nachzuhören auch bald auf dem SubCult-eigenen Mixcloud-Kanal!








Pierre Omer's Swing Revue - International Man of Mystery


Camera - Festus

Sicker Man - Dated


Sicker Man - Tweet Tweet Tweet (Sleaford Mods Cover)


Blainbieter - Blainbieter

Serengeti - Day By Day


Sicker Man - Light (live)
Serengeti - Doctor My Own Patient (Sneak Preview)

Sicker Man - Rock'n'Roll Suicide (David Bowie Cover)

Dienstag, 21. Juni 2016

Lygo, Trügo, Heiterkeit (Ach, die Musik)


Sommeranfang. Jetzt, heute und nächstes Jahr wohl auch wieder um die gleiche Zeit. Ich hasse es. Der Gedanke, dass jeder Tag in diesem Jahr bis kurz vor Weihnachten (Weihnachten! Nur noch sechs Monate, verdammt!) kürzer sein wird als der vorhergehende hat mir bisher immer ganz schön die Laune verhagelt.
Dieses nun mal nicht zu verhindernde Ereignis, das jedes Jahr so sicher eintritt wie irgendwann der eigene Tod, war schon schnell mal ein Grund, inaktiv zu werden.
Nach dem Motto: Ach, das Jahr... jetzt ist es eh bald um. Wird eh bald wieder dunkel. Bald schon wieder Herbst. Dann Winter. Maikäfer gibt`s auch schon nicht mehr, ist ja schon Mitte Juni. Ach ach ach. Lohnt gar nicht mehr, jetzt noch was neues anzufangen. Noch n Kaffee und dann wieder ins Bett und endlos your personal Lieblingsserie HowImetTheTheBigBreakingbadWalkingDesperateMisfitsThroneoftheSimpsons gucken. Vielleicht noch eine Rolle Klopapier zum Eigenverbrauch häkeln, mitten im August. Aber sonst - schon alles passé und längst Zeit, die heimische Sasse winterfest zu machen.
Aber gut, ich bin lernfähig, selbst im hohen Alter von über 40. Denn die Erfahrung ist mein Dozent, und da höre ich doch immer aufmerksam zu, was es da neues gibt. Zum Beispiel wurde mir erst kürzlich die Tatsache bewusst, dass nach der Phase der kürzer werdenden Tage... DIE TAGE AUCH WIEDER LÄNGER WERDEN! Auch das jedes Jahr dasselbe, es ist und bleibt ein Wahnsinn! Da lohnt es sich ja gar nicht trübselig werden ob der dräuenden Finsternis, die über uns in den nächsten Monaten hereinbrechen zu droht. Denn heller wird es dann ja auch wieder. Dann wieder dunkler, dann wieder heller und so fort. Yeah. Ich glaube, ich habe jetzt verstanden, wie das so geht mit dem Jahresablauf.

Was ich noch nicht so ganz verstanden habe, ist die Tatsache, warum ich mich manchmal davor drücke, Rezensionen über bestimmte Platten zu schreiben. Die Mini-LP "Misere" von LYGO ist so ein Ding. Ich finde nichts zu meckern, das ist schon mal ein Punkt, warum das so lange gedauert hat. Es ist eine hübsche 6-Song-EP geworden. Das Cover schlicht und edel in dunkler Pappe gehalten, rein äußerlich könnte man es fast für eine Doom-Metalplatte halten.
Als visuell veranlagter Mensch haben sie mich damit schon fast auf ihrer Seite. Und die Musik? Die ist ja das wichtigste, bei einer Schallplatte oder?

Dann also mal aufgelegt, das gute rote Stück Vinyl. Und sofort werde ich genatzt. Ja, es ist eine 12inch, die spiele ich nun mal gewohnheitsmäßig auf 33 Umdrehungen ab.. Hört sich aber einfach nur scheiße und nicht mal lustig an, also schnell den Hebel auf 45 U/Min gestellt. Dann geht's besser.



Punkrock, deutsche Texte, beides sehr wütend und voller Energie, nicht zu platt, schön kämpferisch und mit einer gewissen Melancholie versehen. Sturm und Drang-Punk, gibt's sowas? Ich nenne das jetzt mal so. Sehr gut hätten LYGO schon auf ein Projekt wie dem TURNITDOWN-Sampler gepasst. Der ist allerdings schon 2004 raus gekommen. Zeigt also, dass dieser Sound so frisch nun auch nicht mehr ist.

Textlich gibt man sich etwas persönlich bis kryptisch, wie man das von diversen Bands kennt, die sich intensiv mit dem Werk Jens Rachuts, TURBOSTAAT, PASCOW, DUESENJAEGER und so weiter befasst haben. In diese Ecke deines Plattenregals passen LYGO ganz gut, sie kennen die dazugehörigen Riffs, und wissen auch wie man die Songs strukturiert. Kleines Beispiel gefällig? Erster Song, erste Seite, "Da sind Fragen" heißt der. Fängt quasi a capella an, also einer schreit sehr wütend, fast fanalmäßig seine Wut und Verzweiflung in die Welt raus. Guter Aufhänger, um ne Platte zu starten, aber auch ziemlich offensichtlich bei TURBOSTAAT abgeguckt.

Tja, und da wären wir also. Sechs Songs von diesem melancholisch eingefärbten Wutpunkrock. Läuft zwar wunderbar in einem Rutsch durch, gibt es leider schon sehr oft und ein echtes Alleinstellungsmerkmal finde ich bei LYGO leider nicht. Vielleicht mal zwischendurch mal das Tempo rausnehmen? Dynamik rein? Spannung aufbauen? Was mit einer Djembe machen? Oder soll das so sein, damit auch der etwas intelligentere, wenn auch soundkonservative Punkrocker nun mal weiß, was er unter dem Namen LYGO kriegt und es deshalb auch umso lieber frißt, als mal ein Experiment zu wagen? Wärt ihr dann eventuell nicht bei Kidnap Music gelandet, dem Fachlabel für diesen Sound? Aber vielleicht wären Experimente von einer Punkband ja auch einfach zuviel verlangt...
Auf der 26-teiligen Renfield-Plattenbewertungsskala ein gutes, handwerklich soldides G wie Gut gemacht, Lygo-Boys.

Noch was?
Yeah, fünf Songs von fünf Bands, an die ich beim Anhören von LYGOs Misere spontan denken musste.

Turbostaat - Harm Rochel


Disco/Oslo - Teenage Angst


Dackelblut - Mach's nach deinem Leben


Grizou - Flaschenpost


Pascow - Merkeljugend



Dienstag, 14. Juni 2016

SubCult - next Playlist

Diesmal von der Show vom 26.5.2016 mit Niki Matita am Mikrofon
- wie immer auf Pi Radio Berlin. UKW 88,4 Mhz


La Logia Sarabanda - Todos O Ninguro


Sicker Man - Dark Hole


Nikki Louder - Feline Blues

Morten Quenild - Wild Horses

The Still - The Early Bird

Dalindèo - Avalanche

Idris Ackamoor & The Pyramids - Epiphany


Antibalas Afrobeat Orchestra - World War IV


49th Blue Streak - Foxy Lady


Stick Against Stone - Grace feat. Brittany Ayou - The Hopping Frog


Freitag, 10. Juni 2016

SubCult 09.06.

Playlist:
1. Rhythm Junks – Headphone City


2. The Coathangers – Nosebleed weekend


3. The Coathangers – Perfume


4. Vodun – Loas Kingdom


5. Vodun – Loko


6. Vodun – Logba's Feast

7. Christiane Rösinger – Seltsam, seltsam

8. Holger Czukay – Cool in the pool


9. Knucklebone Oscar – Je veux boire de la creme


10. Knuckelbone Oscar – King of Helsinki


11. Frankie goes to Poit-à-Pitre – Le soleil des antilles


12. Frankie goes to Poit-à-Pitre – Eye of the Toucan

13. Los pepes – I'll see you tonight

Donnerstag, 19. Mai 2016

Release it!

Morgen ist's dann soweit - Renfield No 32 kommt raus. Und wir freuen uns wie Bolle.
Was drin ist?
Folgendes: Interviews mit PARANOYA/ANGSTALT, JOY FREMPONG (Phall Fatale/OY), DANIEL DECKER, Reiseberichte aus Afrika, Kolumnen, lots of GossiB, Essays zum Thema Anders leben, die kleinen Apothekentiere und und und.
Lohnt sich. Und wird hier gefeiert.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Bloggin' like mad Pt. II

Party? Welche Party? War da nicht, gerade gestern, die Rede von einer Party?

Wahrscheinlich war es diese hier, die Releaseparty zum nächsten Renfieldheft, der Nummer 32...
Aber das Renfield ist ja zum Lesen da und wie das geht, zeigen wir jetzt Tag für Tag in einem kleinen Clip.
Heute liest Medienmogul GARY FLANELL höchstselbst für euch aus dem GHANA DIARY des Reisenden in musikalischen Angelegenheiten FREAK ASS E. Arbeitstitel: PLATTFUSS IN AFRIKA.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Bloggin' like mad!

Das neue Heft ist im Druck! So mit das geilste bisher, entschied die unabhängige Jury aus dem Renfield-Hauptquartier. Aber warum eigentlich Renfield lesen? Wie geht das überhaupt? Wer macht denn so was?

Weil wir so was gerne machen, lesen wir hier aus dem Renfield für euch vor - auf dem hauseigenen YouTube-Kanal.



In den nächsten Tagen bis zur Releaseparty werden wir dort je einen Klassikertext aus bisherigen Renfield-Ausgaben vorlesen.

Heute haben wir den Text GERADE GESTERN von ANDRE KORSCH ausgewählt, gelesen von ALISSA WYRDGUTH.
Warum? Weil Herr Korsch schön und weise über eins der wichtigsten Themen für alle Renfield-Lesenden schreibt, nämlich die Musik. Über Mixtapes und die Erinnerung.


Wer Frau Wyrdguth gerne live lesen sehen möchte: Auf der jetzt schon legendären, obwohl noch nicht stattgefundenen RENFIELD RELEASE PARTY wird es mal wieder eine Blitzlesung geben, bei der Frau Wyrdguth und Herr Flanell ihre Lieblingsfetzen aus dem ZIEMLICH GEILEN NEUEN HEFT vortragen werden!



Sonntag, 24. April 2016

Glückwunsch!


Mit Fanzines lassen sich eher schwer Preise gewinnen. Daran haben wir uns fast schon gewöhnt. Mit Hörspielen geht das schon eher.
Große Freude war deshalb im Renfield-HQ, als SubCult-Moderatorin Niki Matita, die auch regelmäßig für das Fachorgan für Krims&Krams&Rock'n'Roll schreibt, für ihr Hörspiel "LUX" den Publikumspreis in der Kategorie "Mikroflitzer" beim Berliner Hörspielfestival im Theaterdiscounter gewonnen hat.
Und sich gleich gegen die 14 von der Jury ausgewählten Mitbewerber durchgesetzt hat.

Zwei Bedingungen gab es für die Beiträge zum Mikroflitzer.
1. Durfte das Hörspiel maximal 60 Sekunden lang sein
und zweitens
2. musste es eine Schlagzeile der Titelseite der taz vom 1. April enthalten.

Anhören kann man sich "LUX" auf der Seite vom ersten Tag des Hörspielfestivals.
Haben die beiden hier auch schon gemacht...



Montag, 4. April 2016

Baboo, baboo!

The Baboons - The World is bigger than you

Alles Scheiße.
Wenn eine Rezension so beginnt, kann es eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Entweder ist die zu besprechende Platte wirklich totaler Mist und es fällt einem wirklich nichts anderes dazu ein. Oder man baut als Leser auf das retardierende Moment. Hofft, dass der Schreiber sich einen coolen Spannungsbogen ausgedacht hat. Einen Bogen, der von dem miesepetrigen Anfang zu einer total guten Kritik führt. Eine, in der sich am Ende alle lieb haben, in die Arme fallen und dazu läuft, als fiktiver oder ganz realer Soundtrack, die Platte, aus den Boxen, um die es im Text geht.

Bei THE BABOON SHOW, dieser Punkrock gewordenen Version von ABBA, ist es schwer, einen spannenden Rezensionsplot aufzubauen, der bis zum Ende durchhält. Dazu sind sie einfach zu nett und ihre Platten sind nie wirklich schlecht. Dafür werden sie ja auch geliebt. Sieben Platten haben sie seit 2005 draussen, Respekt vor soviel Output in recht kurzer Zeit. Denn die letzte Platte ist gerade mal zwei Jahre raus, dazwischen wurde nicht wenig getourt. Den Schwung der letzten Platte hat man dann mitgenommen und ist fix wieder ins Studio gegangen.



Und wie das bei schwedischen Bands so ist, sind sie alle so wirklich gut. Gut an ihren Instrumenten, gut im Songwriting, gut bei den Konzerten, sympathisch in den Interviews, selbstverständlich besteht die Band zur Hälfte aus Frauen (und es wird nicht mit dem peinlichen Spruch "Punk with female vocals" geworben) und die Videos zeigen, wie viel Energie in dieser Band steckt.
Sie sind also gut in allem. Damit reihen sie sich eigentlich in die Generationen von Punkbands ein, die eigentlich schon immer aus Schweden hier rüber schwappten.
Ihr seht, ich suche wie ein Wilder nach einem Makel an "The World is yours", aber es findet sich keiner. Gäbe es den Punkrock-ESC, THE BABOON SHOW wären sicher immer heiße Anwärter auf den Sieg.



Einzige wichtige Prämisse, um diese Platte gut zu finden: Man muss halt auf Rockmusik stehen. Denn das ist es nun mal, was sie machen. Punkrock mit Betonung auf Rock. Simpel und fix gerade aus, mit einer Sängerin, die Cecilia heißt und eine gut röhrendes Organ hat. Wäre Bonnie Tyler in den 80ern im besetzten Haus großgeworden, würde es genauso klingen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass THE BABOON SHOW simpel gestrickt sind. Aber das Problem, das ich mit ihnen und auch anderen Punkrockbands habe, ist: Es wird nicht viel Neues ausprobiert.

Die Songs sind kämpferisch und bringen live bestimmt den gesamten Club zum Beben. Aber es ist auch schnell klar, wie der Hase läuft, bzw. wie all diese Songs angelegt sind. Im fast immer gleichen Tempo und Rhythmus peitscht die Band durch die Songs, ebenso wie es Rockbands machen. Beim ersten Song "Class War " ist es noch ganz hübsch anzuhören, dass er in 1:47 durchgeknattert wurde. Beim darauffolgenden "I will go on" bleibt noch der kämpferische Refrain hängen, danach folgt solide Nicht-Unterscheidbarkeit. Aber genau das wird als Qualitätsmerkmal verkauft. Da ist es schon ein Point of interest, dass der Björn von MANDO DIAO dieses "schnörkellose und pure Punkrockalbum" (Zitat Infoschreiben) produziert hat und beim finalen Countdown "Lost you in a second" mit Cecilia ins Duett geht.



Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die zitierte Schnörkellosigkeit. Warum ist das ein Qualitätsmerkmal und seit wann? Und sollte man als Band wie THE BABOONSHOW nicht nach sieben Platten mal Bock haben, ein paar Schnörkel einzubauen? Ich liebe Schnörkel im Punkrock. Deshalb sind einige meiner Lieblingspunkplatten die späten Werke von KINA, die "Grand Fury"Platte von den BELLRAYS, oder die "Get better"-LP von LEMURIA.

Das sind Punkplatten, die nicht so ganz simpel rüberkommen, bei denen immer noch eine gewisse Vielfalt am Start ist. Ich erwarte von keiner Punkband, dass sie bei der zweiten Platte gleich auf Krautrock umsteigt, aber seit wann schließen sich Punk und die Offenheit, mal was neues auszuprobieren so dermaßen aus? Vielleicht doch schon seit dem Ende der SEX PISTOLS? Ich befürchte schon.



John Lydon hat in seiner 2015 erschienenen Biografie "Anger is an energy" die Frage aufgeworfen, warum er denn die RAMONES brauche. Schließlich hätte er ja schon STATUS QUO. Etwas ketzerisch könnte man ähnlich fragen, wozu man 2016 noch zig Punkrockbands braucht, denn man hat ja schon die RAMONES. Eventuell weil immer neue junge Punkrocker nachwachsen und für die sind eben jetzt gerade THE BABOON SHOW die Punkrockerweckung sind. Sollen sie haben. Denn zum Abfeiern und SichmaldenKopfdurchpustenlassen ist dieses siebte BABOON SHOW-Platte definitiv gut geeignet. Nuff said.

(H wie Hatten was schon mal, aber schlecht ist das nicht, auf der von A bis Z reichenden Renfield-Rezensions-Skala)

"The world is bigger than you" ist am 11.03. 2016 auf Kidnap Music erschienen.

Gary Flanell

Donnerstag, 31. März 2016

Es war einmal … ein Interview mit Safi

Endlich wieder Berliner? Keine Ahnung, ich habe SAFI und Safi zunächst im städtischen Hexenhaus vom niederrheinischen Viersen erlebt. Wo auch immer sie und ihre unwirkliche Musik herkamen – dass aus einer Märchenwelt, schien noch am wahrscheinlichsten. 2015 nun „Janus“, und nichts wird realer.
Flüsternd und schreiend durch die Wälder, an Haaren die Wände hinauf, auf Flügeln wieder hinab und mit einem mächtigen Sprung ins sirenen- und buttbewachte Schwarz. Ein Lied dann. Donner?
Ist Safi ist SAFI ist Safi.

Philip: Es war einmal … Ja, was denn eigentlich? Heute schon irgendwelchen Hexen, Zwergen oder Prinzen begegnet?

Safi: Heute, Montag Morgen, in der U-Bahn sind zwei Riesen aufgetaucht. Die wollten meine Fahrkarte sehen – sie kamen quasi aus dem Nichts …

P.: Neue Platte am Start, und es soll hier um Märchen gehen.
S.: Ein schönes Thema! Die Welt ist ein Märchen, ständig passieren unglaublich gruselige und brutale Dinge. Aber auch Wunderbares, Erhebendes. Jeder Mensch entscheidet nach seiner Herkunft und Bildung, was Gut und was Böse ist. Und muss als einsamer Held bestehen, gegebenenfalls mit Unterstützung von Lebensphilosophien, Vorstellungen, starken Wünschen, kleinen Freuden oder Freunden, die ihm übermenschliche Kräfte verleihen.
Der Janus-Titel des Albums symbolisiert den Blick in die Welt, der in alle Richtungen gleichzeitig schaut und alles ungefiltert und ohne zu werten oder einzuschränken wiedergibt, was er wahrnimmt.
Janus kann aber auch der kleine Held sein, der in uns wohnt und uns erinnert, die Dinge aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten, um klüger, vielleicht zum Besten des Umfeldes, handeln zu können. In diesem Moment tritt der Held in den Schatten, er tritt zurück während er seinem Umfeld etwas gibt.

P.: Spielten Märchen früher bei dir eine Rolle? Wer hat wem erzählt, vorgelesen, von Kassette, Platte, Festplatte vorgespielt?
S.: Meine Ma musste mir, ganz wichtig, jeden Abend Märchen vorlesen. Ich habe völlig in der Märchenwelt gelebt und war sämtliche Prinzessinnen und Feen. Das war sehr prägend für mich. Ich habe jeden einzelnen Satz wiederholt, den sie mir vorgelesen hat. Ich konnte alle Märchen bereits auswendig und habe sofort jeden Fehler bemerkt, der sich beim Lesen eingeschlichen hat. Sie hat mir neulich erzählt, als sie mir ein Versprechen abnehmen musste, etwas Bestimmtes nie wieder zu tun, versprach ich ihr mein erstes Kind, wenn ich Königin werde.

P.: Favorisierte Story oder Figur? Und wer oder was war Garant für Grusel und schlechte Gefühle?
Safi: Favoriten waren unwirkliche Gestalten wie Feen, die zaubern und fliegen konnten und so eine Art Lichtwesen waren. Andersrum aber auch die Räubertochter im Wald, die mit Messern spielt und die kleine Gerda beschützt, die auf Suche nach dem verschollenen Kay ist.
Sie schenkt Gerda dann ihr liebstes Rentier und so kann es Gerda bis an den Nordpol zum Palast der Schneekönigin schaffen, wo sie Kay findet, der damit beschäftigt ist, das Wort „Ewigkeit“ zusammenzusetzen.
Und da ist auch der Grusel – das Ungreifbare, Unterschwellige, Unausweichliche, etwas, was immer vorhanden ist, eine Bedrohung, aber auch kalte Abwesenheit von Liebe, unbestimmte dunkle Kraftfelder, denen man sich nicht ohne Weiteres entziehen kann. Und genauso beängstigend fand und finde ich in Märchen wie im echten Leben körperliche Gewalt und Mord. Nicht aber den Tod selber.

P.: Zumeist ist die Märchenzielgruppe arg minderjährig und sehr empfänglich für die Bilderwelten und Spinnereien. Hexen, Drachen, brrrrr. Zauberer, Einhörner, oooooh. Mord und Totschlag, Sex and Crime, Missgestaltete und Besessene. Alles eigentlich Fälle für die Bundesprüfstelle?
S.: Nicht gut, auf diese Weise kleine Menschen zu beeindrucken, damit sie später besser spuren. Interessant, dass gleich damit in den kleinen Köpfen jeweilige Moral- und Wertevorstellungen eingraviert werden. Mich würde mal interessieren, wie verbreitet die klassischen Märchen heute noch sind. Inwieweit mündliche Überlieferung aus der Vergangenheit in die Zukunft heute noch anhält. Inzwischen explodieren ja die Möglichkeiten der Verbreitung von Inhalten.
Die märchenhafte Darstellung von Vorgängen durch übersteigerte Charaktere, die ganz klar nicht menschlich sind, finde ich aber längst nicht so schlimm wie unkontrollierter Genuss aller gängigen Medien, denen Kinder überall ausgesetzt sind, wo flache Ablenkung angereichert mit Gewalt, ungefiltert und ohne sinnvollen Input dargeboten werden.

P.: Ist die Zeit der Märchen am Ende vorbei? Niemand berichtet wem anders noch bei Kerzenschein, alles ist bis ins Letzte erklärt und verplausibilisiert, und bevor es einem gewesen sein könnte, ists schon überholt und vorbeigeupdatet.
S.: Ich denke, die Offenheit für Märchen ist immer da. Leider ist sie ja auch da für all den Quatsch, der den großen und kleinen Leuten um die Ohren geschleudert wird. Bedürfnis nach Sinn, Übersinn, Sehnsucht nach einem Etwas, was alle Probleme beseitigt, der Wunsch nach Geborgenheit und Gerechtigkeit werden immer da sein, und so könnten Märchen immer wieder Comebacks erleben, auch wenn sie neue Formen annehmen. Hallo Superhelden?

P.: Pazonk! Eine Welt aufgeteilt in Unverkennbar-Gut und Unverkennbar-Böse, und der Ausgang ist immer derselbe Beruhigende – das täte so kissengut! Endlich mal kein Dauerausloten von Schattierungen und Interpretieren von Zwischentönen, plötzlich alles so einfach …
S.: Natürlich langweilig. Aber in der Vorstellung wichtig! Der Mensch braucht seine Probleme. Und die Hoffnung, Probleme und Aufgaben zu lösen, um zu wachsen und innere Grenzen zu durchbrechen. Aber sollte sich die Welt irgendwann sehr friedlich entwickeln und alles im Einklang sein, so kann es sein, dass es den Menschen so nicht mehr gibt, weil er sich selbst abgeschafft hat...

P.: Märchen geht mit Bild geht mit Schauspiel geht auch mit Musik. Geht mit SAFI?
S.: Klar. Weil wir beim Hervorrufen von Klängen in dem Moment eine Welt erschaffen, so wie wir auch beim Hören von Klanggebilden eine Welt empfinden. Deshalb ist Musik wie Theater, Tanz, wie Malerei oder Literatur oder Märchen. Nur eben konzentriert auf akustischer Ebene mit mehr oder weniger Optik.
Ich moralisiere zwar nicht, aber nehme eine Art Schwebeposition ein und gebe assoziativ wieder, was ich beobachte. Dabei entstehen oft Wort- und Satzkombinationen, die vielleicht logisch nicht zusammen passen, aber beim Empfänger doch etwas auslösen.
Mit Hilfe einer Art Collagetechnik erschaffe ich emotionale Bilder, die beim Hörer eher übers Empfinden als über den Verstand aufgenommen werden. Märchen bestehen ebenso aus emotional aufgeladenen Bildern, denen aber jeweils eine logische Erzählstruktur zugrunde liegt. Die Gemeinsamkeit besteht darin, Inhalte an einen Empfänger zu übermitteln und das mit Hilfe von Sinnbildern.



P.: Safi schreibt selbst ein Märchen. Bitteschön:
S.: Es war einmal ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden. Eines Tages verdunkelte sich der Himmel und am Horizont stieg ein gewaltiger Riese empor.
Sein Blick war furchtbar und entschlossen. Kein Einzelner konnte sich seiner Macht entgegenstellen.
Jeder Unglückliche, der das versuchte, musste sterben. So schlossen sich die Menschen des Landes fest zusammen und ersonnen einen Plan, wie sie des Monsters Herr werden könnten.
Sie bildeten ein Heer und stürmten wie Ameisen auf den Riesen zu, kletterten an seiner zerklüfteten Haut empor, drangen in seine Poren ein, besetzten jede Zelle seines Körpers, verschmolzen mit seinem Körper.
Der Riese wankte, fiel beinahe, aber die Menschen hatten ihn fest in ihrer Gewalt, denn sie WAREN jetzt der Körper.
Das gefiel den Menschen so gut, dass sie nichts anderes mehr wollten, als den Riesen zu steuern. Sie vergaßen ihre kleinen Sorgen und Wünsche und ergötzten sich an ihrer neuen gemeinsamen Übermacht.
Und gerade so als ob der Riese, der hinter dem Horizont hervor gestiegen war, keine merkliche Veränderung erfahren hatte und auch nicht für einen Moment zum stehen gekommen war, bewegte er sich immer weiter in Richtung des nächsten Horizontes.
Dahinter lag ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden...

P.: Unbenommen dessen, dass alle noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind – letzte Worte?
S.: Aufeinander aufpassen und Verantwortung übernehmen, im Zweifel nachdenken statt mitlaufen.


Ist SAFI ist Safi ist SAFI.
Und es ist Donner, übertönt von Liedern, auseinander berstend und sich zusammenrollend, ein Streicheln, ein Schlag, dann Stille. Alsbald in deinen Ohren, dann und wann auch vor deinen Augen auf einer Bühne um eine Ecke.



safimusic.com


Text: Philip Nussbaum
Fotos: Stephanie von Becker, Steve Viezens, Robert Soujon

Dienstag, 22. März 2016

Der Sound des Troglodyten

Alles im Dienste der Informationspflicht...

Die erste Split-Single auf Troglodyt Records klingt so (Man beachte das Ein-Akkord-Schema).



und die Seite von den Cockbirds so:

Plattenbosse sind unter uns!

Troglodyten. Klingt wie etwas unangenehmes, das dir in den Nebenhöhlen wächst und alle paar Jahre vom HNO-Arzt per Laser weggeschnitten werden muss. Ach, nee, das waren ja Polypen. Nur mit viel Mühe kann ich mich davon abhalten, nun darüber zu philosophieren, warum der Begriff "Polyp" für Polizisten ein wenig aus der Mode gekommen ist.

Konzentriere ich mich also auf die Troglodyten. Die haben auch was mit Höhlen zu tun. Meine Annahme, dass es sich dabei um kleine Höhlentierchen handelt, die ebenso blass wie penisförmig wie hässlich sind, wurde verworfen. Musste also Tante Wiki um Rat fragen. Troglodyten sind entweder lustige Tierchen oder sagenhafte Höhlenbewohner der Antike. Tauchen in Platons Höhlengleichnis auf. Wenn ich also alles zusammennehme - Affen, putzige Vögel, Höhlenbewohner passt das Wort Troglodyt sehr gut, um damit eine Firma im Musikgeschäft aufzumachen.

Und Teufel noch eins, das hat sogar jemand gemacht. Troglodyt Records ist ein kleines One-man-Wunderwerk mit Sitz in Prenzlauer Berg. Die Kollegen von Staatsakt haben den Labelbetreiber quasi als Praktikant eingestellt (ist im Jahr 2016 mit fertigem Psychologiestudium in der Tasche und Erfahrung als Clubbetreiber gesellschaftlich komplett akzeptiert) und ihn unter ihre wärmenden Fittiche genommmen. Cool.

Die erste Troglodyt-Veröffentlichung kam mir unter, als vor einiger Zeit, Hercules Rockefeller, der Ex-Sänger der COCKBIRDS in der SubCult-Radioshow zu Gast hatte. Thema der Show war eigentlich die neue Band von The Herc, THE PROBLEMS. Davon haben wir natürlich auch fleißig was gespielt. Aber irgendwann bekam Hercules diesen etwas verträumten Blick in den Augen. Er sagte dann einen Moment lang gar nichts und zog etwas aus der Tasche. Eine 7inch. Mit einem Cover wie aus dem Linoleum-Musterkatalog eines westfälischen Teppichhauses der 70er-Jahre.

Diese kleine Platte war in zweierlei Weise gleich interessant. Zum einen war es die allererste Veröffentlichung auf Troglodyt Records. Patrick Catani, das Hirn hinter diesem aufgehenden Stern am Labelhimmel, hat in seiner grenzenlosen Businessplan-Weitsicht nicht irgendeiner schlecht gekleideten Newcomerband den Platz auf der Platte eingeräumt. Stattdessen wurde noch einmal der größte Hit der COCKBIRDS ausgegraben. "Suche Kontakt" war nur eine von vielen Perlen der C-Birds (Vögel. Schon wieder). Wenn ich diese Zeilen schreibe ist es 10 Jahre her, seit der Veröffentlichung ihrer "Superdanke"-LP. Vielleicht waren die Cockbirds die beste, weil unkonventionellste Punkband Berlins zu beginn des neuen Jahrtausends.

Eine, die eher im Umfeld von den TÜREN auftauchte und somit eher aus einem Punkrock-fernen Umfeld kam. Und eben deshalb nicht die übliche Punkrock-Sauce zum 1000mal aufkochte. So entstehen dann aber die besten Platten. Wie eben die Cockbirds-LP. HAMMERHEAD trifft auf TURBONEGRO trifft auf ABBA, um den schnellen Checkern von heute mal eine Idee zu geben, was sie unter dem Namen bei Spotify finden werden.

Das besondere an "Suche Kontakt" war zum einen der irre dufte Discopart mitten im Song, inklusive der schmierig-geilen Keyboardmelodie, die sich über den Gröhlrefrain legt. Und zum anderen das hübsche Video. Fünf Herren in Jogginganzügen beim Singledating mit jungen Asiatinnen in einer Karaokebar. Großes Kino in kleinem Format, Baby. Gedreht von niemand geringerem als Jörg Buttgereit, der dem Clip die nötige Absurdität verpasst und die C-Birds damit endgültig ins immaterielle Gedächtnis der Popkultur gehievt hat.

Soviel zur einen Seite der ersten Troglodyt-Single. Die Band auf der anderen war mir bisher unbekannt, ROCKET FREUDENTHAL mussten mir erst nahe gebracht werden. Kommen irgendwoher aus dem Südwesten. Macht aber nix. Ich hätte jetzt gern einen von den Plattenspielern, die Platten von oben und unten abspielen können. Dann müsste ich nicht immer umdrehen. Denn "Ich bau Scheiße" ist so ein simpler wie geiler Song, der mit genau einem Akkord auskommt. Das hat nicht mal Hank Williams geschafft. Drei Töne, ein Hit, wunderbar. So ganz viel passiert also musikalisch gar nicht, aber das ist ja bei AC/DC nicht anders. Und deswegen kann ich mich bei den Rockets ganz auf den Text konzentrieren. Scheiße auf Stapelweise zu reimen, traut sich auch nicht jeder. Vielleicht der Herr SEDLMEIR, dazu würden sie auch gut passen. Oder eben die Cockbirds.

Die Cockbirds/Rocket-Freudenthal-Single war aber nur der Anfang, vom Treiben der Troglodyten. Nachschub für die Split-Abteilung der Jukebox gab es dann in Form des Gemeinschaftswerks von DOC SCHOKO und SCHNUFFEL, DAS TOTAL SÜSSE EICHHÖRNCHEN (Bei solchen Namen weiß man, das hier nur echte Profis am Werk sind. Alles gut in dieser Hinsicht.). Und im April, da darf man jetzt schon mal die Groschen ins Sparschwein werfen, kommt der nächste heiße Scheiß: Die Split-Single von ILL TILL & The Xberg Dhirty6 Crew mit einem hübschen Nix-Kohle-Hip-Hop-Track und dem französischen Electro-Punk-Wundertierchen ELECTRONICAT.

Also, fragt der Musikinteressierte, wie lässt sich denn stilistisch beschreiben, was auf Troglodyt rauskommt? Punk, HipHop, Electro, NDW-Trash und einen guten Löffel Hedonismus. Menschen, die sich tendenziell nur an einem Genre erfreuen, dürfte das verwirren. Vielleicht gibt es musikalisch keinen gemeinsamen Nenner, sondern eher einen der Haltung. Laut und grell muss es sein. Und immer eine Platte für zwei bands. Split it, baby.

Billo, Asso et Provo könnte man als Idiotenlatein schön als Motto auf eine wie auch immer geartetes Label-Wappen sticken lassen. Dazu soll der Art Director bitte noch ein paar Ritterhelme, Drachen und Pimmelmöhren einpflegen.

Da ist es dann egal, ob da kernig-analog gerockt wird oder Beats und Gefiepe aus dem Rechner kommen. Passt alles. Und davon ab ist eine stilistische Offenheit in Zeiten, in denen überall innerliche und äußerlich immer mehr Zäune hochgezogen werden, ja nicht schlecht.

Noch was vergessen?
Ja! Das dritte Troglo-Baby wird natürlich auch ordentlich gefeiert. Und zwar am 08.04. im Urban Spree.
Da gibt's dann ILL TILL & ELECTRONICAT live - und natürlich die Möglichkeit für alle Plattengierer, ihre Troglodyt-Record-Sammlung zu komplettieren. Möglicherweise sehen wir uns da - unter Höhlenmenschen.

Gary Flanell

Dienstag, 15. März 2016

Wüste Vielfalt

Die größte Wüste Deutschlands liegt 95 Kilometer südöstlich von Berlin bei Lieberose. Sie ist gerade mal fünf Quadratkilometer groß. Somit gar kein Vergleich, was man an Wüste in der Sahara, der Mongolei oder Nordamerika zu sehen bekommt. Man lebt hierzulande also eher selten in der Wüste. Trotzdem gibt es auch hierzulande jede Menge Bands, die sich ohne weiteres dem Genre Desert-Rock zuordnen würden.

Um ein bestimmtes Konzept von dieser Landschaftsform zu haben, muss man also nicht zwangsweise in einer Wüste leben. Vielmehr scheint der Begriff der Wüste eine Dimension zu haben, deren Eigenschaften oft genug in Filmen und Songs vermittelt wird. Hitze bei Tag, Kälte bei Nacht, Dürre, wenig Vegetation, Fata Morgana, insgesamt eher lebensfeindliche Bedingungen, die sich schnell mal auf Bewusstsein und Wahrnehmung auswirken können. Und natürlich das Bild des schweigsamen Desperados, der auf seinem klapprigen Gaul durch diese unwirtliche Landschaft trottet. Um das Bild in den Kopf zu bekommen, braucht es keine Wüste vor der eigenen Haustür.
Aber wie machen Menschen Musik, wenn sie dauerhaft in solcher Umgebung leben? Klingt das doch anders, vielleicht sogar authentischer? XIXA stammen aus Tucson, Arizona und da ist man täglich garantiert mit mehr Wüste konfrontiert als hierzulande. Weshalb es kein großes Wunder ist, dass die aride Atmosphäre ihrer Heimatstadt auch eine große Rolle im Konzept ihrer erste Platte „Bloodline“ spielt. Diese Atmosphäre lässt sich allerdings oft nur recht unscharf nachzeichnen. Viel konkreter ist dagegen als Einfluss die räumliche Nähe zur Mexiko (Tucson ist gerade mal 40 Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt) sowie die Herkunft der Bandmitglieder zu benennen.

Als Musiker mit mexikanischen Wurzeln, die in der 2. und 3. Generation auf der US-amerikanischen Seite der Grenze leben, kennen XIXA vieles, was auf sich auf beiden Seiten der Grenze abspielt. Da treffen Psychedelic und Indierock auf das, was mexikanische Einwanderer schon seit Generationen als musikalischen Background mit hinüber in den Norden transportiert haben: Cumbia, das dazugehörige Subgenre Chicha, Latino-Sounds, Mariachi und Tex-Mex. Für einen aggressiven Clash der Kulturen ist es wahrscheinlich viel zu heiß, also erfolgt der Austausch auf subtilere Art.

Im Falle von Bloodline ist dabei keine kitschig-trashige Tex-Mex-Platte im Sinne von Freddy Fender rausgekommen, sondern eins, dass in seiner Art eher an Calexico erinnert. An Calexico, die sich im Peyoterausch ein paar Rocky-Ericsson-Platten anhören und dabei alles mögliche ausprobieren. Mal verfällt die Band in einen Cumbiarhythmus, der mit einer gewissen Indie-Slackerhaftigkeit verkleidet wird (Golden Apparition, Nena Linda). Mal zieht das Tempo so an, dass man sich vergewissern muss, ob man nicht eine Platte von Tito&Tarantula eingelegt hat (Pressures of Mankind). Auch als Soundtrack zu einem Jim-Jarmusch-Film oder dem etwas vergessenen Drogenwestern Blueberry und der Fluch der Dämonen, der auch mit allerlei grenzüberschreitenden Sinneserfahrungen hantiert, würde sich ein Song wie Living on the Line gut machen.

In all diesen Puzzlestücken steckt diese soundtrackhafte und unheimliche Atmosphäre, wie sie auch Käuze wie Nick Cave oder Hugo Race besonders gut hinbekommen. Und wo kommen diese beiden her? Aus Australien. Was gibt es da en masse? Wüste. Vielleicht ist es Zufall, andererseits auch schon interessant, dass sich die Atmosphären doch ähneln.
Ganz gezielt haben die Band der Giant-Sand-Mitglieder Brian Lopez und Gabriel Sullivan die Kooperation mit einem Musiker gesucht, dessen Musik ebenso vom Leben in der Wüste geprägt ist – nur in ganz anderen Breiten Als Bruder im Geiste steuert Sadam Iyad Imarham von der Tuareg-Band Tinariwen die Lyrics zu der musikalisch etwas schächelnden Ethnoballade „World goes away“ bei. Das passt aber immer noch so gut ins Gesamtbild, dass es scheint, als wäre die Wüstenmentalität über Kontinente hinweg kompatibel.

Angesichts der gegenwärtigen Lage hierzulande, könnte man mal ein Gedankenspiel starten und dabei vergleichen, was in zwei bis drei Generationen an Musik rauskommt, wenn die Kinder der jetzt in Deutschland ankommenden Flüchtlinge ihre eigene musikalische Identität entwickeln: Zwischen der Musik, die ihre Eltern aus dem Nahen Osten mitgebracht haben und dem was ihnen hier musikalisch und kulturell begegnet. Ganz neu ist diese Idee natürlich nicht, schaut man auf die Nachfolgegenerationen der Migranten, die seit den 60er-Jahren hier hergekommen sind und seitdem auf ihre Weise alle möglichen kulturellen Einflüsse rezipieren.

Auch lässt sich argumentieren, dass dank Internet und diverser weltumspannender Videokanäle eh alles nur noch ein Brei ist und sich somit jeder dank der immer gegebenen Verfügbarkeit alle möglichen Einflüsse ultra-authentisch draufschaffen kann. Wenn es aber den, in den letzten Jahren hier Angekommenen gelingen sollte, ihre musikalischen Wurzeln mit den Einflüssen der Umgebung zu sein, in der sie jetzt nun einmal leben, dann könnte es vielleicht in ein paar Jahren auch hierzulande ähnlich vielfältige Gruppen wie XIXA geben. Und das kann eigentlich nur spannend werden.

(D - auf der alphabetisierten Plattenbewertungs-Skala des Renfield-Zines)

„Bloodline“ von XIXA ist auf Glitterhouse Records erschienen.

Gary Flanell

xixamusic.com glitterhouse.com

Dienstag, 8. März 2016

Tortuga!

Hamburg

Heimspiel für Abel Gebhardt. Auf der Hinfahrt bekommen wir noch eine private Rundfahrt über die Elbbrücken samt phänomenalem Ausblick auf den Hamburger Hafen spendiert. „Container love“ von Philipp Boa geht mir durch den Kopf, aber nur kurz. Das Navi führt uns zum gesperrten Elbtunnel und weiß nicht, dass der gesperrt ist. Erst nachdem wir einen kilometerlangen Umweg gefahren sind, gibt es auf und weist uns den richtigen Weg. Hätten wir auf das Ding gehört, wären wir zehnmal bis zu dem Tunnel gefahren, immer und immer wieder.

Dann St. Pauli. Ist wohl 10 Jahre her, dass ich mal hier war und als wir jetzt so durch den Kiez cruisen, bin ich doch ziemlich aufgeregt. Tagsüber sieht das alles noch ganz nett und entspannt aus, aber nachts ist die Ecke um die Reeperbahn sowas wie Ballermann und Allerheiligenkirmes in einem. So ganz war mir nicht klar, dass das jedes Wochenende so läuft. Könnte anstrengend sein, so als Anwohner. Anstrengender als auf der Oranien- oder Skalitzer Straße zu wohnen.

Wer hier wohnt und sich das leisten kann, zieht sich gern ein wenig vom wöchentlichen Feier-Sex-Saufirrsinn zurück. Wie das geht, erfahren wir direkt bei einem guten Freund, der uns netterweise das nur als Messietraum zu bezeichnenden Zimmer seines Mitbewohners überlässt.
Unser Schlafplatz ist zwar direkt im Kiez, aber in einem Innenhof, der durch Tore, Zäune und Zahlenkombinationen vom wilden St.Pauli geschützt wird. Eine kleine gated Community, mitten im Kiez. Wer rein will, muss die Nummern kennen, muss bescheid wissen und ist somit privilegiert, mitten auf St. Pauli in einer echten Hinterhofruhe-Oase leben zu dürfen. Was diese Ruhe mitten im Feierkiez kostet, habe ich nicht gefragt. Ich bin mir aber sicher, dass sie für das sogenannte Prekariat nicht zu bezahlen wäre.

Bis es Zeit ist, in die Tortugabar einzufallen, flanieren HC und ich am Hafen rum und besuchen das Ubootmuseum, welches sich – quelle surprise – in einem richtigen U-Boot befindet. Eine Erkenntnis des Besuchs: Sollte ich jemals mit dem Gedanken gespielt haben, Ubootmatrose zu werden, ist die Idee jetzt vom Tisch. Tage- oder wochenlang in einer engen und zugestopften Röhre unter Wasser rum zu fahren lässt meine Klaustrophobie nur sprießen. Andererseits träume ich danach, mal eine Urlaubstour durch alle U-Boot-Museen Deutschlands zu machen. Kann man da Lesungen machen? Ich wäre am Start. Eine monothematische Renfield-Nummer zum Thema U-Boote klingt auch sehr verlockend.

Als die Nacht sich über St. Pauli senkt, ist deutlich mehr los auf den Straßen. Die Zahl der Nutten (immer erkennbar an den scheinbar als Berufsbekleidung vorgeschriebenen Moonboots) hat sich von einem Moment auf den anderen vervielfacht. Um durch das Gedränge auf den Straßen durchzukommen, ohne angequatscht oder angefasst zu werden, muss man einen beharrlichen Tunnelblick aufsetzen. Kriegen wir bis zur Tortugabar ganz gut hin.

Tortugabar – das klingt schon nach Piratennest und es ist auch eins. Dekoriert wird mit allem, was piratentechnisch zu einer Hamburger Kiezkneipe und Piratenatmo passt. Da hängen dann auch mal die Haifische aus Plastik von der Decke. Dass Abel hier ein und ausgeht, ist für unsere Lesung ein Glücksfall, denn der Laden ist rappelvoll und die Leute wollen wirklich was vorgelesen bekommen. HC ist jetzt gut in Fahrt, vielleicht musste Bremen einfach das Warm-Up sein, Abel kennen und lieben hier eh alle und weil hier alles so schön nach Seemannsgarn aussieht, gebe ich den Seehund zum besten.

Ein optimaler Abschluß für so eine kleine Lesereise, auch wenn ich hinterher, als wir noch durch Läden wie Cobra, Komet und Koralle ziehen, feststelle, dass mir St. Pauli in einer Samstagnacht doch recht anstrengend vorkommt. Vielleicht werde ich einfach alt. Zumindest älter. reden wir nicht mehr davon.
Zumindest war Zeit und Gelegenheit für eine strukturelle Beobachtung im Vergleich der Clubszenerie von Berlin und Hamburg. In der Nachbetrachtung fällt auf, dass es da schon einen signifikanten Unterschied gibt. In Berlin gibt es entweder reine Kneipen jeglicher Couleur oder "echte" Clubs, in denen nur getanzt oder Livekonzerte laufen. In Hamburg scheint die Unterscheidung nicht ganz so strikt zu sein. Es gibt Läden, die nicht größer als eine Kneipe sind, und auch so eine Atmosphäre haben, in denen aber trotzdem irgendwie eine Tanzfläche am Start ist und ein DJ mit dem ganz klaren Ziel auflegt, diese zu füllen.

In Berlin gehst du entweder raus zum Feiern bzw. um eine Band live zu sehen oder eben in eine Kneipe deines Vertrauens, um dort am Tresen abzuhängen. Eine Mischung von beidem gibt es eher selten. Warum das in Hamburg so funktioniert und hier eben nicht, wäre noch zu rauszufinden. Vielleicht liegt es an irgendwelchen Regelungen vom lokalen Ordnungsamt, was die Größe oder die Art eines Unterhaltungsbetriebes angeht oder an der historisch gewachsenen Partykultur. Aber das sind nur Mutmaßungen. Mutmaßungen, wie sie an einem Tresen an Spree oder elbe gleichermaßen weiter gesponnen werden können. Vielleicht bei der nächsten Lesung in Hamburg.

Gary Flanell