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Freitag, 5. August 2016

Das Gute Leben: Weitersuchen Pt. IV

Der vorerst letzte Beitrag zu unserer kleinen Reihe Das Gute Leben. Abgeschlossen ist sie damit nicht, sondern wird in loser Reihe fortgeführt. Gastschreiber sind gern willkommen und können sich mit einer Textidee bzw. einem kleinen Exposé bei renfield-fanzine@hotmail.de vorstellen.

Der beste Klub der Welt
Meine früheste Erinnerung an den besten Klub der Welt ist quasi ein Bewerbungsgespräch. Ich wurde gefragt, warum ich in den Verein eintreten wolle. Dieser war gerade ein paar Wochen alt und ich saß mit zwei weiteren Aspiranten in der Abenddämmerung an einem alten Holztisch. Uns gegenüber saßen die (aus heutiger Sicht) ehrwürdigen Urahnen des Vereins. Ich sagte, ich wolle Feierkultur betreiben, die frei ist von den Zwängen von Markt und Profit.

Das hört sich etwas theoretisch an, war es damals wohl auch, weil ich gerade Marx entdeckte, aber das Ganze machte auch praktisch Sinn. Wir machten, worauf wir Lust hatten. Wir machten Veranstaltungen, weil wir sie gut fanden, und nicht weil wir glaubten, damit Geld verdienen zu können. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Bei meiner ersten Party saß jemand als kroatischer Bergschäfer verkleidet am Eingang und veranstaltete Peperoni-Esswettbewerbe. Innen stampfte der Humpta balkanesischer Musik, die Menge tobte und kreischte und wir warfen selig lachend Peperoni in das Gewühl und verspritzten Wodka wie Weihwasser, um die Geister zu befreien.

Unsere erste eigene Partyreihe hieß „Hanumans Töne“. Es lief Drum&Bass (allzu „gerader“ Techno ist bis heute verboten), und wir verteilten Masken von indischen Göttern, Totenkopfmasken und Affenmasken. Wir bliesen dabei Muschelhörner und schwenkten Weihrauch. Immer wieder kamen Leute zu mir und schwärmten, dass das die beste Party ihres Lebens sei.



Manchmal kamen wieder nur so wenige, dass die Party ein Flop wurde. Werbung verbieten wir uns. Auch unsere Regel, dass alles was eingenommen wird, nur an die Künstler oder wieder an den Verein geht, ist großartig und ätzend zugleich. Es muss nämlich Spaß machen. Tätigkeiten, die keinen Spaß machen, beispielsweise bis sechs Uhr morgens alleine an der Tür stehen, um keine Arschlöcher hineinzulassen, werden als Opfer empfunden. Man tut es, aber nur begrenzt. Üblicherweise würde dieses Opfer durch Verdienst ausgeglichen. So ist dann keiner keinem mehr etwas schuldig. Diesen Ausgleich gibt es bei uns nicht. Das ist schwierig. Dafür feiern wir aber die besten Parties der Welt.

Andere Klubs müssen sich nach irgendeinem Massengeschmack richten. Andere Klubs können es sich auch nicht leisten, „Gäste anschnauzen“ zu spielen. Ein Volkssport für uns: Wer sein Bier bestellt, indem er oder sie einen zerknüllten Geldschein auf die Theke wirft und „Bier“ blafft, dem wird der Geldschein ins Gesicht zurückgeschmissen mit den Worten: „Nur wenn Du Bitte sagst“. Alleine der erstaunt-indignierte Ausdruck auf dem Gesicht des unverschämten „Kunden“, der nicht versteht, dass er keiner ist, ist einige Opfer wert.

Ich habe immer wieder Phasen, in denen ich mich entferne und in die tiefe Klubwelt Berlins eintauche. Dort ist es auch schön. Aber auch wenn die Anlage bei uns ein wenig schlechter ist als die im Berghain oder im Kater, stelle ich doch fest, dass die bessere Musik, die schrägeren Veranstaltungen, die interessanteren Leute eher hier zu finden sind. Im besten Klub der Welt.

Houssam Hamade

Mittwoch, 3. August 2016

Das Gute Leben: Weitersuchen Pt. III

Erstmal den Notstand ausrufen!
Das mit der Anerkennung durch Erfüllen von Erwartungen habe ich erst so richtig gemerkt, als ich meine Kinder bekommen habe. Erstaunlich, wie man auf einmal in der Familie so einen ganz anderen Stand hat. Nicht dass der vorher problematisch war, halt typischer Studentenstatus. Auf einmal war ich statt dessen eine Mutter. Sofort wurde mir ungewohnte Autorität zugeschrieben und eine andere Art von Respekt erwiesen. Sehr angenehm, sowas.
Dann beschlossen der Vater meiner Kinder und ich, nicht etwa zu heiraten und die Steuerklasse zu wechseln, sondern doch lieber in getrennte Wohnungen zu ziehen, was uns in Folge ermöglichte, uns nicht gegenseitig zu erwürgen und die Schädel einzuschlagen, sondern Freunde zu werden und die Herausforderungen des Lebens wieder als Verbündete anzutreten.

Für unsere Kinder heißt das, dass sie ihre Eltern nicht täglich streiten sehen. Und dass es in beiden Wohnungen noch andere Leute gibt, die sie liebhaben, die mit ihnen Musik machen, Pfannkuchen backen, Brettspiele spielen (hatte ich noch nie Lust zu), ihnen Bilder malen (dito) und darauf bestehen, dass man gemeinsam am Tisch sitzt. Auf selbigem gibt’s dann auch mal den selbstgemachten Kartoffelbrei, der bei mir immer aus der Tüte kommt. Und einen dritten Bruder gibt es noch obendrauf.

Für uns heißt das auch, dass nicht jede soziale Fähigkeit von mir als der perfekten Mutter vermittelt werden muss. Ich brauche nicht den Engel im Haus zu geben, und der Kollege auch nicht den Patriarchen. Meine Kinder bedanken sich an der Kasse beim Verkäufer für die gerade gekauften Obstriegel und fragen ihn, wie er heißt. Von mir haben sie das nicht. So nett bin ich nie. Sie begegnen Menschen mit Zutrauen, weil sie nie etwas anderes erfahren haben als liebevolle Zuwendung, und zwar von verschiedenen Leuten, die verschiedene Arten des Umgangs haben.

Als ihnen Aschenputtel vorgelesen wurde, da sagten sie, das Mädchen hätte keinen Papa und keine Mama mehr. Dass sie im Märchen wohl einen Vater hat, der sich aber nicht um sie kümmert, das können sie sich nicht vorstellen: das ist dann ja kein Papa, per definitionem, sozusagen.
Als meine Familienangehörigen von unserer Kleinfamiliendemontage hörten, wurde der Notstand ausgerufen. Panik und Ressentiment machten sich breit. „Ihr Berliner!“ äußerte mein Schwager sich kopfschüttelnd. Meine Mutter brach zwischenzeitlich die diplomatischen Beziehungen ab, da ich ihre Enkel der Willkür und blanken Not preisgäbe und darüber hinaus den mir gerade so eben nicht Angetrauten böswillig seinem traurigen Schicksal überließe. (Der sah das anders, wurde aber nicht gefragt.) Selbst mein Vater, der sich selbst allen sozialen Bindungen entzieht, forderte über Dritte Informationen an, ob denn alles in Ordnung sei aus Anlaß dieses offenbar erschreckenden Bruches.

Die Reaktion meiner Verwandten ist, wie ich von anderen erfuhr, nicht etwa ungewöhnlich, sondern typisch. Alleinerziehend zu sein ist ein riesiges Stigma, ein Grund zur Besorgnis, etwas zu Vermeidendes, eine Katastrophe, die eine Familie befällt. Niemals aber etwas, das man wählt, das man sich aussucht, das man extra so haben will. Was nicht klar bestimmt ist als „Kleinfamilie“, ist auch wieder nur Negation: Verlust von etwas, nicht Gewinn von etwas anderem, Konkreten. Das zeigt sich auch an der gut gemeinten, aber unschuldig verächtlichen Bezeichnung „Patchwork“. Flickwerk ist etwas, das aus einem schiefen, nicht passenden, irgendwie übrig gebliebenen Zeug zusammengebastelt wurde, um damit zu versöhnen, dass es halt nicht so geklappt hat, wie es eigentlich hätte sein sollen: wie es normal wäre. Wir haben das nicht so erlebt. Wir sind eine Familie geworden und fragen uns nicht so genau, wo die anfängt und aufhört, eine Familie aus Freunden, auf die ich mich verlassen kann. Einer davon ist der Vater meiner Kinder.

Alissa Wyrdguth

Montag, 1. August 2016

Das gute Leben. Weitersuchen Pt.II

So viele tolle Projekte

„Aber du hast doch so viele tolle Projekte“, raunen mir meine Freunde immer wieder zu. Stimmt. Oft kann ich die aber nicht so wertschätzen, wie ich es gern möchte. Und warum? Weil mir der Scheißgedanke im Nacken sitzt, wie ich über den nächsten Monat kommen soll. Das vergällt mir oft die Freude an den schönen Projekten. Weil das, was ich gern tue, monetär nicht zum Leben reicht. Also beziehe ich Hartz4.


Alle sechs bis zwölf Monate das EKS-Fomular auszufüllen, in Vorausschau, was man denn verdienen werde, ist schon desparat genug. Noch desparater wird es, wenn man vom Jobcenter ein Schreiben bekommt, dessen Mißtrauen gegenüber meinen Angaben nur so aus der Druckertinte quillt. Wer mit „dem Amt“ zu tun hat, kommt relativ schnell in die Situation, sich irgendwie schuldig zu fühlen. Schuldig, sich nicht genug um einen bezahlten Job zu bemühen. Schuldig, die Unterlagen nicht rechtzeitig eingereicht zu haben. Schuldig, sein gesamtes Arbeitsleben vermasselt zu haben. Denn wenn's nicht klappt mit deiner hübschen Kreativ-Freiberuflerexistenz, dann bist du alleine schuld, weil du lebst, wie du lebst. Mit diversen Tätigkeiten jonglieren, ständig Leistung bringen und nicht mal die Miete davon zahlen können. Ach, die Miete. Auch so ein Thema, das den prekär lebenden Menschen zur scheinbar alternativlosen Depression bringt. Aber eben nur scheinbar.

Gängig wird ja so gewohnt: Du zahlst einem Vermieter relativ viel Geld dafür, dass er dir einen oder mehrere Wohnräume zur Verfügung stellt. Dieser Vermieter ist im Gegenzug meist nicht greifbar und wenn überhaupt, manifestiert er sich in Form einer eher mißtrauisch zu betrachtenden Hausverwaltung. Andere Wohnmodelle werden von den meisten nicht in Betracht gezogen. Von mir selber lange auch nicht. Bis ich umgezogen bin. Raus aus meiner WG im kuscheligen Kreuzberg, rein in ein Hausprojekt in Lichtenberg. Lichtenberg?



Vor zwei Jahren wäre das ein Berliner Äquivalent zur Verbannung in den Ural gewesen. Doch die Wohnungssuche in Kreuzberg oder Neukölln ändert das rasch, wenn du mit 30 anderen Interessierten eine Wohnung anschaust und merkst: Ich habe hier keine Chance. Keine Chance gegen die Kinder reicher Eltern, die ihre Ellbogen im Wohnungskampf mit gut bestückten Bürgschaften ausgepolstert haben, keine Chance mit meinen beschissenen Kontoauszügen gegen die Regelmäßigverdiener. Um nochmal in einer WG neu anzufangen, fehlte mir nach 16 Jahren einfach die Energie. Ich brauchte vier eigene Wände und ein eigenes Klo. Aber wie? Und wo? Lichtenberg?

Dort tat sich eine Möglichkeit auf, die ich so nicht auf dem Schirm hatte. Denn zum ersten Mal überhaupt wohne ich jetzt in einem Hausprojekt.
Meine Wohnung befindet sich in einem sechsstöckigen Plattenbau, in dem früher die Stasi hauste. Jetzt leben dort 60 Menschen fast aller Altersstufen. Man kennt sich vom Sehen, grüßt sich, quatscht miteinander, ist sich eher bekannt als fremd. Das hier ist quasi „Mein Block“, um mal Sido zu zitieren. Es ist ein wenig wie das Prinzip WG, nur auf eine andere Ebene gehoben. Statt sich eine Wohnung zu teilen, teilen wir uns ein Haus.

Jede/r hat seine/ihre Rückzugsräume, kennt aber die Menschen, die nebenan, unten drunter oder oben drüber wohnen. Natürlich zahle ich hier auch Miete, aber eine günstige. Und die dient dem Haus, nicht der Rendite der Eigentümerfirmen.

Hausprojekte kennt man eher von besetzten Häusern, die nach harten Kämpfen einen legalen Status bekommen. In der Stasiplatte war das anders. Das Projekt hat sich ganz legal gegründet und das Geld für den Kauf über Kredite zusammenbekommen. Das geht mit Hilfe des Mietshäuser-Syndikats. Gekauft wurde gemeinsam: als GmbH. Die Mitglieder dieses Projekts haben dann dieses Stasi-Bürohaus von Hand so saniert, dass es WG- und einzelwohntauglich geworden ist. Und den ständigen Mieterhöhungen von Immobilienfirmen entzogen.

Darum ist dieses Haus auch mehr geworden als ein Ort zum Schöner Wohnen. So wird den Geflüchteten, die im Stasikomplex nebenan untergebracht wurden, 1-2 mal in der Woche ein Internetcafé bereit gestellt. Ein antifaschistischer Verein hat bei uns günstige Büroräume. Und natürlich werden Lesungen und Konzerte organisiert.

Diese Idee, im Kollektiv was zu schaffen, wird oft mit Anti-Individualismus und Mitmach-Zwang assoziiert, mit denen, die diese Platte erst dort hingestellt haben. Dieses Kollektiv aber besteht aus Individualisten, die gemerkt haben, dass das gesellschaftlich immer wieder geforderte Einzelkämpfertum nichts bringt außer permanenter Erschöpfung. Klar, ein Haus für 60 Leute ist ein großes Unterfangen, will man alle 60 Menschen erreichen und motivieren, sich einzubringen. Sowas geht nicht schnell, sondern braucht viel Zeit und viele Gespräche. Aber das ist ein Projekt, das wir wertschätzen können: diese Idee – gemeinsam, aber ohne Zwang - wieder stärker in die Köpfe zu bringen. Swimmie lässt grüßen.


Gary Flanell

Dienstag, 26. Juli 2016

Das gute Leben: Weitersuchen.

Was machen wir also, wenn wir das Normale nicht können, nicht wollen, nicht wollen können? Wir haben nachgedacht und uns selbst befragt, wo wir nach dem guten Leben suchen, mit allen Zweifeln und Abstrichen, und wie sich dem eine Gestalt geben lässt, was sonst bloß formlose Negation ist.

Was, du hast nur einen Teilzeitjob?

Was ich erstrebe, ist gesellschaftlich eine Defizitexistenz. Die Gewerkschaft kämpft dafür, dass mehr Menschen in Vollzeit arbeiten können, lese ich in einer Publikation der Dienstleistungsgewerkschaft. „Ach, du hast nur einen Teilzeitjob? Ja, es wird immer schwieriger, Vollzeitjobs zu finden“, seufzt eine Bekannte. Ich bin irritiert, und zugleich verunsichert.
Ja, ich arbeite in Teilzeit, 20 Wochenstunden. Zumindest was den sozialversicherungspflichtigen Teil meiner Einkünfte angeht. Ansonsten bin ich selbständig. Und das frei gewählt – zumindest im Rahmen der herrschenden Zustände. Ich habe einen Brotjob in Teilzeit, damit ich nebenher das machen kann, was ich wirklich machen möchte: Mediation. Konflikte bearbeiten. Praktische Friedensarbeit an der Basis. Sich damit voll zu finanzieren, ist bisher in Deutschland unmöglich. Reich wird man auch von meiner Kombi nicht, aber es langt zum Leben.

Als ich den Teilzeitjob gefunden habe, war ich heilfroh. In der Regel gibt es die nur für Mütter. Hat man kein Kind als Grund vorzuweisen, warum man*frau gerne Teilzeit arbeiten möchte, wird es schwierig. Eine Promotion ist eventuell noch ein Argument, aber ein anderer Arbeitsbereich, der einem auch noch am Herzen liegt? Das erscheint den meisten Arbeitgebern erstens suspekt und zweitens unnötig. Es passt nicht ins vorherrschende Leistungssystem, in dem man*frau immer alles zu geben hat, und zwar an einen Arbeitgeber.


Dazu kommt, dass ich sogar, hätte ich die ganz freie Wahl, tatsächlich nur Teilzeit arbeiten würde (derzeit tendiert die Kombi zu einer Vollzeittätigkeit). Mit einer 20- bis 30-Stunden-Woche in der Mediation meinen Lebensunterhalt zu verdienen – das wäre für mich das Paradies auf Erden. Den Rest der Zeit wüsste ich schon zu füllen, auch ohne Kind. Und ich glaube, vielen anderen geht es genauso. Dennoch hält sich der Mythos vom erstrebenswerten Vollzeitjob hartnäckig. 80% oder 75%, das ist das Höchste der Gefühle. Und auch das wird schon skeptisch betrachtet. Aber 50%? Das ist, ohne Mutterschaft, in den Augen vieler eine eindeutige Defizitexistenz.
Ich wehre mich dagegen, weiterhin. Und erträume mir einen Zustand, in dem ich - in Teilzeit! - von meinem Beruf leben kann.

Daja Stern

Montag, 25. Juli 2016

Das gute Leben

Wie geht es bloß, das gute Leben? Ist man die unterdrückenden Strukturen von Familie und Religion erst mal los, könnte es damit losgehen für das freie Individuum. Doch leider hatten wir vergessen, dass Individualität inzwischen definiert wurde über Lohnarbeit, ob es diese nun gibt oder nicht. Die Sozialdemokraten haben aus den Ideen eines Peter Hartz ein Menschenbild gebastelt, gegen das der Fordismus sich wie kuscheliges Biedermeier ausnimmt. Wem es gelingt, sich auf dem Markt der Arbeitskräfte zu behaupten, hat zumeist weder Zeit noch Energie übrig für ein sinnvolles Leben, das ohnehin auf einem Niveau mit Teppichknüpfen und Modelleisenbahnen in die Randnotiz „Freizeitgestaltung“ hineingefaltet wurde.

Doch da sind all diese Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung, in einem irgendwie gelingenden Privatleben. Dafür gibt es zum Glück ein paar lang erprobte Formen. Da weiß man, wie es geht, man wird ohne weiteres verstanden und anerkannt. Mal ausruhen und nicht immer nur machen müssen? Da ist die Couch, der Fernseher, Netflix. Sich mal richtig gut fühlen? Geh dir was Schönes kaufen, hast ja Kreditkarten. Leben auf die Reihe kriegen? Zeit zum Heiraten. Dann Zeit zum Kinderkriegen. Und was kommt als Nächstes? Haus bauen oder Wohnung kaufen. Ist das nun soweit arrangiert, die Stufen des bürgerlichen Lebens erreicht, das Gehalt zusammengeworfen und die Steuer entlastet: dann werden auch Zeittaschen geschaffen für Yoga und Skiurlaub, Chorgesang und Theaterproben. Auf diesem Weg kommen so manche Menschen nach und nach zu einem ausgefüllten und angenehmen, privilegierten Leben.



Warum sind sie privilegiert? Nun, natürlich, weil sie Geld haben. Aber auch, weil sie die Formen leben, die allgemein anerkannt sind. Weil sie nicht weiter darüber nachdenken müssen. Sie können es sich leisten, nachzudenken, wenn sie die Zeit dafür finden. Aber das quälende Nachdenken, das existenzielle, wer davon frei ist, ist privilegiert. Denn man muss dieses Leben auch wollen können.

Mit dem Prinzip Individualität kann nur erreicht werden, was das Individuum will. Anders ist ihm nur mit direktem Zwang, dh Sanktionen beizukommen. Kein Zufall, dass die Ideen von Peter Hartz in eine Werbesprache gefasst waren, die einem Konsumgut angemessener wäre. Gib ihnen ein Schema, das sie wollen können, und halte den Zwang zurück als letztes Mittel.

Was aber passiert, wenn das Individuum nicht will und nicht kann? Studium abgebrochen, nie eine feste Beziehung aufrecht erhalten, es nie in einem ordentlich bezahlten Job ausgehalten? Du hast es eben nicht richtig gewollt, sagen andere und haben recht.
Wir könnten aber auch fragen, ob sich nicht ebenso gut etwas anderes wollen lässt. Nur was? Um etwas wollen zu können, muss es irgendwie bestimmt werden. Es muss konkret sein, und irgendwie, irgendwo sozial anerkannt.



Die Suche nach „Alternativen“ ist eine alte Geschichte. Das Wort „Alternative“ war mal subversiv: als Gegenentwurf zum Etablierten. Wie alle subversiven Entwürfe, die sich verwerten lassen, wurde es vom Mainstream aufgenommen. Denn es passt so schön zum Prinzip Individualität. Jeder kann für sich entscheiden, auswählen, konsumieren. Dabei bleiben die sozial anerkannten Formen immer gleich, weil politisch bevorzugt: so viel Zeit wie möglich für Lohnarbeit (damit sich für den Arbeitgeber die Sozialabgaben lohnen), Modell Kleinfamilie (damit Pflege- und Sorgearbeit unentgeltlich bleibt), und die Illusion individualistischer Entfaltung (unterm Strich zähl ich, sagt die Postbank). Hier tauchen die „Alternativen“ wieder auf: in der Indie-Musik bei Spotify und dem crazy Klamottendesign, natürlich fairtrade. Jetzt bedeutet „alternativ“ einfach: ein bisschen anders, besonders, speziell, und schick.



Ansonsten haben wir eine „alternativlose“ Politik, was bedeutet: „es geht nicht anders, wir müssen alle (erschießen / verhungern lassen / ausgrenzen / verkaufen / einsparen)“. Daneben wabern irgendwo die „alternativen Medien“, die einen eigenen, speziellen, besonderen Weg zum Heil versprechen: zur unverstellten Wahrheit der Verschwörungen, die das Übel der Welt verursachen und nur erkannt werden müssten. Und als besonderes Sahnehäubchen haben wir die Partei „Alternative für Deutschland“. Die einzige Möglichkeit, alles anders zu machen? Die Alternative zur gescheiterten, selbsterklärt „alternativlosen“ Norm? Das, so die AfD, seien sie: die Rechten. Was mal subversiv war, ist jetzt ganz einfach rechts.

Das Problem ist eben die Unterscheidung: Normalität-Alternative. Einer realen Alternativlosigkeit sind immer Entscheidungen vorhergegangen. Der Weg, der als „normal“ etabliert ist, war immer nur eine Alternative unter mehreren. Alle Wege sind Alternativen. Die Ehe ist eine Alternative zu anderen Lebensformen. Alle Lebensstile sind alternativ.



Was das „Normale“ den anderen Alternativen voraus hat: Es ist genau bestimmt, alles andere ist nur Negation. Das Normale hat eine Form, die sich wiederholt. Nur die Ausführungen variieren, wie das Sofadesign bei IKEA. Ob in der Metalkutte heiraten oder im fließenden Hippiedress auf Bali, das ist dann egal. Heiraten ist genau bestimmt. Nicht zu heiraten ist nur eine Negation. Lohnarbeit ist genau bestimmt, jeder andere Zustand nur eine Negation. Das Bemühen um andere Lebensformen ist für die verwirrten und erschöpften Geister oft nicht mehr als das: ein Bemühen. Und bemühen kann sich keiner ewig, wenn sich kein Ergebnis zeigt.



Wie geht das also, zu wissen, was man will, wenn man es sich selber ausdenken muss? Wenn man bisher nur weiß, was man nicht will, oder nicht kann, oder nicht wollen kann?
Mehr dazu in den nächsten Tagen hier auf diesem Blog.

Alissa Wyrdguth