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Sonntag, 28. April 2024
Schön, wenn es in Wien noch schrammelt Pt. II
BAITS
All Filler No Killer
Ja, haben wir denn nun wirklich langsam das Grunge-Revival, dass Uli Seiler und sein Punk Rock Piano in gleichnamigem Song so schön heraufbeschworen hat?
Ich hätte nichts dagegen. Denn eigentlich muss ja alles wiederkommen. Manchmal zumindest.
Warum also nicht die karierte Flanell (!!!) - Hemden wieder ausgegraben und Kurt Cobain gehuldigt. Eine Vorliebe für den Rock aus Seattle können auch die BAITS aus Österreich nicht verhehlen. Auf ihrem zweiten Studio-Album „All Filter No Killer“ gibt sich das Quartett um Frontfrau Sonja ordentlich rockig, manchmal auch ein wenig punkig, ohne dabei aber nun allzu sehr zu übertreiben. Denn dazu ist die Musik dann doch ein wenig zu brav.
Oder liegt es an der Produktion, dem Tempo? Auf jeden Fall will der angebotene Vergleich mit AMYL & THE SNIFFERS und HOLE nicht so richtig funktionieren, denn da fehlt doch die entscheidende Portion Rotzigkeit und Aggressivität.
Nicht zu kurz kommt dagegen der Hard- und Schweine-Rock-Anteil im Sound der BAITS. Und somit ist die Spannbreite auch ganz ansehnlich, reicht sie eben doch von Grunge über Hardrock bis zu Meldody-Core, ohne einen gewissen Pop-Appeal außen vor zu lassen.
Und schauen wir uns noch die Lyrics an, da horche ich gerne hin. Denn Sonja thematisiert hier Dinge, die uns alle angehen. Vor allem soziale Gerechtigkeit bringen zu auf die Palme. Zu Recht. Da kann man sich dann auch mal den Frust darüber aus der Seele schreien. Und komm, es ist ja inzwischen schon fast eine Seltenheit, wenn es Musik aus Österreich zu uns rüber schafft und nicht mit Schamring Mundart-Bonus punkten möchte, sondern ganz profan mit englischen Texten vorgetragen wird.
Abel Gebhardt
BAITS - All Filler No Killer ist auf Noise Appeal Records erschienen.
Sonntag, 14. August 2016
Blutige Knie
Wie ein Fuchs streife ich derzeit des nächtens um die Kontoauszugsdruckerautomaten dieser Stadt. Ich warte auf eine nokturne Eingebung zwecks einer Kaufentscheidung. Ich überlege, ob ich mir die 5-LP-Box mit allen offiziellen Alben von TON STEINE SCHERBEN zulegen soll. Im Augenblick führt die Stimme der Vernunft in der Diskussion das Wort und das wird wohl auch lange Zeit so bleiben.
Die Vernunft sagt mir nämlich: Alle acht Scherbenplatten brauchst du eh nicht, alle acht Scherbenplatten kannst du dir sicher auch auf Youtube anhören und schauen und für alle acht Scherbenplatten in dieser Box hast du eh gerade kein Geld. Stimmt alles.
Die dunkle Stimme der Unvernunft sagt, zugegeben etwas schwachbrüstig: Kauf dir das Ding. Es macht sich gut im Regal und außerdem hat man dann mal alles von denen. Letzteres ist eigentlich kein bzw. ein absolutes Blödsinnsargument, zieht aber bei der Kaufentscheidung oft genug. Es ist dieses Wer-weiß-wofür-man's-mal-brauchen-kann-Argument. Als würde ich die schöne Box irgendwann mal in einen zugerauchten Club zum Auflegen mitnehmen. Never. Und die Musik, sagt die Stimme, der Unvernunft, die ist ja auch dufte.
Da hat sie ja recht, aber so ein richtiger Grund ist das auch nicht. Das stimmt nun wirklich. Rockmusik aus Deutschland, ach, da waren die Scherben noch was. Das war noch echte Mucke. Macht heute ja keiner mehr. Und Mucke sagt auch keiner mehr. Nicht mal der Ansager auf einem ostdeutschen Bluesfestival. Keine Mucke mehr, keine Kunden mehr, kein Slang mehr aus Zeiten, als Bluesrock samt Parka und Haarnetz noch so richtig subversiv war. Seit den 70ern also. Seit TSS-Zeiten also. Als wir alle noch dufte Kunden waren.
Heute machen ja alle nur noch so emotionalen Indierock. Und das schon seit Tocotronic damit angefangen haben. Auch schon seit fast 30 Jahren. Oder Tingeltangel-Punk-Gedöns. Und Punk, der hat ja heute eigentlich den Stellenwert den Bluesrock inden 70ern hatte. Sagte mal ein kluger Freund von mir udn er hat recht. Ist heute zumeist nur noch auf sich selbst und die eigene Jugend bezogene Musik von alten weißen Männern für alte weiße Männer. Bliebe noch HipHop. Davon habe ich schon mal gehört. Ist für mich aber noch Neuland, auf dass ich mich erst langsam vortaste. Werde mir bald mal was von den FANTASTISCHEN VIER anhören. Ein Kollege auf der Arbeit sagte, die machen sowas. Hip Hop. Ganz modern.
Das ist natürlich fast alles Quatsch, verzeiht mir. Aber so eine richtig coole, erdige, handgemachte Rockermucke mit schicken Texten, da muss man schon lange suchen, seit eben jene Scherben oder die CHARLY-SCHRECKSCHUß-BAND (deren "Geheimratseckenblues" ist auch so ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Artefakt der deutschsprachigen Rockmusik) aktuell waren.
Aber jetzt kommmt da was. Aus Berlin. Ne richtig dufte Mucke. Sind so zwei Typen, einer von DRIVE-BY-SHOOTING (der Timo an der Gitarre) und einer von SENSOR (der Till, am Schlagzeug), und die machen ROCKmusik. Als Duo. Das ist jetzt nicht mehr so eine Riesennovität, seit den WHITE STRIPES mindestens. Wäre aber ein schicker Werbeaufhänger für BLUTIGE KNIE. Die WHITE STRIPES von Berlin. Von Friedrichshain, besser gesagt.
Der Timo und der Till, die haben beide mal zusammen in ihrer Stammkneipe gesessen. Tagung heißt die, netter Laden, da wurde auch schon mal das ein oder andere RENFIELD-Interview geführt. Gab es möglicherweise schon zu DDR-Zeiten und wird es wohl auch noch geben, wenn alle Mauern der Welt zu Schutt zerfallen sind. Saßen Timo und Till also so rum. Bei DxBxSx war gerade Pause, aber Timo hatte Bock, weiter Mucke zu machen. Kennt man ja, so richtig aufhören kann man ja nie. Gut, dass der Till auch Bock hatte und so gab es ein paar Biere und dann gab es den Namen, der ist BLUTIGE KNIE. Dann gab es ein Tape und viele Livekonzerte und jetzt gibt es diese Platte.
Der Name ist gar nicht so schlecht, finde ich. Blutige Knie kennt jede/r, schon seit Kindertagen und der Gedanke an die letzte Schotterakne lässt einen auch gern mal innerlich zusammenzucken. Aber man weiß auch, dass es sich ab und an lohnt, sich sowas zu holen. Um dann wieder aufzustehen.
Jetzt also die Platte. Zugegeben, stilistisch ist das kein großer Quantensprung im Vergleich zu den letzten DxBxSx-Platten. Nur halt noch reduzierter, noch knorztrockener wird da Stonerrock, Blues und 70er-Jahre-Kifferrock (also eigentlich alles dasselbe) angerührt. Noch purer könnte man sagen, mit noch mehr Retroschmiß an der Backe. Texte gibt's auch, und ähnlich wie bei DxBxSx - die hatten ja mit "It's so Berghain" den Überhit zum Thema - mokiert man sich gern über allgegenwärtige Auswüchse des Berlin-Hypes und die Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten des täglichen Lebens. Und den Frust darüber, der sich am besten in handgemachter ROCKmusik kanalisieren lässt, damit man nicht doch eines tages mal komplett Amok läuft.
"It's so Berghain" ist nebenbei immer noch so ein schönes Lied, das es auch nach drei Jahren noch wert ist, hier mal eingebettet zu werden. Liebe Internet-Regie, bitte MAZ ab!
Blutige Knie sind bei weitem nicht nur ein DxBxSx-Abziehbildchen, aber die musikalsiche Linie lässt sich gut zurückverfolgen. Brüche zwischen den Bands gibt es nicht. Musikalisch ist das solide und handgemacht, inhaltlich wird sympathisch rumgenölt. Irgendwann auf der ersten Seite ist er dann da, der absolute Hit der Platte. "Sind nicht Weltmeister" ist das beste, wirklich das beste, deutlichste und massentauglichste Statement gegen doofen Fußballpatriotismus seit langem.
Ich sage nur: Hit, Hit, Hit! Gibt es mittlerweile auch auf die EM 2016 zugeschnitten in der Europameister-Version. Sollte wirklich in jedem Fußballstadion des Landes vor Anpfiff gespielt werden. Und zur offiziellen DFB-Hymne erhoben werden. Ich mach gleich schon mal die Petition klar.
Es gibt also fast nix zu meckern, auch nicht am Sound oder der Produktion. Da dies eine Rezension über eine echte Rockplatte ist, MUSS über sowas gesprochen werden. Macht man ja so im Rockuniversum, über den Sound reden. Aber ich mache es kurz. Nur eine Referenz an den Produzenten: Fein abgeliefert, Alex Ott.
Was allerdings beim ersten Album der Blutigen Knie etwas nervt, ist dieses gewollte Überschlagen der Stimme in manchen Songs. Obertöne sollte man können oder es eben ganz lassen. Das nervt nach einiger Zeit doch etwas, und gibt MUCKER, BOOKER, WICHTIGTUER einen etwas blödeligen Touch, den die Platte gar nicht nötig hat.
Was diese Rezension dagegen nötig hat, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass der Titel der Platte, um die es geht, zum ersten Mal drei Zeilen vor Schluß auftaucht. Fein abgeliefert, Herr Flanell.
Was noch zu sagen ist: Bakraufarfita Records ist wirklich keins von den Labels, deren Releases ich vorbehaltlos abfeiere (ich erinnere mich an diese seltsame Band aus Köln, Angelika-irgendwas, die so unglaublich unauffällig-blassen Pop-Punk mit schlechten ÄRZTE-Texten machte, dass ich nach dem Anhören schon den Namen vergessen hatte. Bis heute.). Um so schöner, dass sie mit BLUTIGE KNIE einen echten Treffer an Land gezogen haben. Einen Treffer, der dem retro-affinen Rocker mit Joint im Mundwinkel, Black-Sabbath-Shirt und Berlin-Bezug mal einen Griff ins Portmonee wert sein könnte.
Was jetzt noch fehlt und BLUTIGE KNIE endgültig einen festen Platz im Lexikon der deutschsprachigen Rockmusik sichern würde, wäre ein gemeinsames Album mit HAFTBEFEHL und ROMANO. Es würde mich komplett narrisch machen.
"Mucker Booker Wichtigtuer" von BLUTIGE KNIE erscheint am 02.09.2016 auf Bakraufarfita Rec.
(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala
Gary Flanell
Die Vernunft sagt mir nämlich: Alle acht Scherbenplatten brauchst du eh nicht, alle acht Scherbenplatten kannst du dir sicher auch auf Youtube anhören und schauen und für alle acht Scherbenplatten in dieser Box hast du eh gerade kein Geld. Stimmt alles.
Die dunkle Stimme der Unvernunft sagt, zugegeben etwas schwachbrüstig: Kauf dir das Ding. Es macht sich gut im Regal und außerdem hat man dann mal alles von denen. Letzteres ist eigentlich kein bzw. ein absolutes Blödsinnsargument, zieht aber bei der Kaufentscheidung oft genug. Es ist dieses Wer-weiß-wofür-man's-mal-brauchen-kann-Argument. Als würde ich die schöne Box irgendwann mal in einen zugerauchten Club zum Auflegen mitnehmen. Never. Und die Musik, sagt die Stimme, der Unvernunft, die ist ja auch dufte.
Da hat sie ja recht, aber so ein richtiger Grund ist das auch nicht. Das stimmt nun wirklich. Rockmusik aus Deutschland, ach, da waren die Scherben noch was. Das war noch echte Mucke. Macht heute ja keiner mehr. Und Mucke sagt auch keiner mehr. Nicht mal der Ansager auf einem ostdeutschen Bluesfestival. Keine Mucke mehr, keine Kunden mehr, kein Slang mehr aus Zeiten, als Bluesrock samt Parka und Haarnetz noch so richtig subversiv war. Seit den 70ern also. Seit TSS-Zeiten also. Als wir alle noch dufte Kunden waren.
Heute machen ja alle nur noch so emotionalen Indierock. Und das schon seit Tocotronic damit angefangen haben. Auch schon seit fast 30 Jahren. Oder Tingeltangel-Punk-Gedöns. Und Punk, der hat ja heute eigentlich den Stellenwert den Bluesrock inden 70ern hatte. Sagte mal ein kluger Freund von mir udn er hat recht. Ist heute zumeist nur noch auf sich selbst und die eigene Jugend bezogene Musik von alten weißen Männern für alte weiße Männer. Bliebe noch HipHop. Davon habe ich schon mal gehört. Ist für mich aber noch Neuland, auf dass ich mich erst langsam vortaste. Werde mir bald mal was von den FANTASTISCHEN VIER anhören. Ein Kollege auf der Arbeit sagte, die machen sowas. Hip Hop. Ganz modern.
Das ist natürlich fast alles Quatsch, verzeiht mir. Aber so eine richtig coole, erdige, handgemachte Rockermucke mit schicken Texten, da muss man schon lange suchen, seit eben jene Scherben oder die CHARLY-SCHRECKSCHUß-BAND (deren "Geheimratseckenblues" ist auch so ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Artefakt der deutschsprachigen Rockmusik) aktuell waren.
Aber jetzt kommmt da was. Aus Berlin. Ne richtig dufte Mucke. Sind so zwei Typen, einer von DRIVE-BY-SHOOTING (der Timo an der Gitarre) und einer von SENSOR (der Till, am Schlagzeug), und die machen ROCKmusik. Als Duo. Das ist jetzt nicht mehr so eine Riesennovität, seit den WHITE STRIPES mindestens. Wäre aber ein schicker Werbeaufhänger für BLUTIGE KNIE. Die WHITE STRIPES von Berlin. Von Friedrichshain, besser gesagt.
Der Timo und der Till, die haben beide mal zusammen in ihrer Stammkneipe gesessen. Tagung heißt die, netter Laden, da wurde auch schon mal das ein oder andere RENFIELD-Interview geführt. Gab es möglicherweise schon zu DDR-Zeiten und wird es wohl auch noch geben, wenn alle Mauern der Welt zu Schutt zerfallen sind. Saßen Timo und Till also so rum. Bei DxBxSx war gerade Pause, aber Timo hatte Bock, weiter Mucke zu machen. Kennt man ja, so richtig aufhören kann man ja nie. Gut, dass der Till auch Bock hatte und so gab es ein paar Biere und dann gab es den Namen, der ist BLUTIGE KNIE. Dann gab es ein Tape und viele Livekonzerte und jetzt gibt es diese Platte.
Der Name ist gar nicht so schlecht, finde ich. Blutige Knie kennt jede/r, schon seit Kindertagen und der Gedanke an die letzte Schotterakne lässt einen auch gern mal innerlich zusammenzucken. Aber man weiß auch, dass es sich ab und an lohnt, sich sowas zu holen. Um dann wieder aufzustehen.
Jetzt also die Platte. Zugegeben, stilistisch ist das kein großer Quantensprung im Vergleich zu den letzten DxBxSx-Platten. Nur halt noch reduzierter, noch knorztrockener wird da Stonerrock, Blues und 70er-Jahre-Kifferrock (also eigentlich alles dasselbe) angerührt. Noch purer könnte man sagen, mit noch mehr Retroschmiß an der Backe. Texte gibt's auch, und ähnlich wie bei DxBxSx - die hatten ja mit "It's so Berghain" den Überhit zum Thema - mokiert man sich gern über allgegenwärtige Auswüchse des Berlin-Hypes und die Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten des täglichen Lebens. Und den Frust darüber, der sich am besten in handgemachter ROCKmusik kanalisieren lässt, damit man nicht doch eines tages mal komplett Amok läuft.
"It's so Berghain" ist nebenbei immer noch so ein schönes Lied, das es auch nach drei Jahren noch wert ist, hier mal eingebettet zu werden. Liebe Internet-Regie, bitte MAZ ab!
Blutige Knie sind bei weitem nicht nur ein DxBxSx-Abziehbildchen, aber die musikalsiche Linie lässt sich gut zurückverfolgen. Brüche zwischen den Bands gibt es nicht. Musikalisch ist das solide und handgemacht, inhaltlich wird sympathisch rumgenölt. Irgendwann auf der ersten Seite ist er dann da, der absolute Hit der Platte. "Sind nicht Weltmeister" ist das beste, wirklich das beste, deutlichste und massentauglichste Statement gegen doofen Fußballpatriotismus seit langem.
Ich sage nur: Hit, Hit, Hit! Gibt es mittlerweile auch auf die EM 2016 zugeschnitten in der Europameister-Version. Sollte wirklich in jedem Fußballstadion des Landes vor Anpfiff gespielt werden. Und zur offiziellen DFB-Hymne erhoben werden. Ich mach gleich schon mal die Petition klar.
Es gibt also fast nix zu meckern, auch nicht am Sound oder der Produktion. Da dies eine Rezension über eine echte Rockplatte ist, MUSS über sowas gesprochen werden. Macht man ja so im Rockuniversum, über den Sound reden. Aber ich mache es kurz. Nur eine Referenz an den Produzenten: Fein abgeliefert, Alex Ott.
Was allerdings beim ersten Album der Blutigen Knie etwas nervt, ist dieses gewollte Überschlagen der Stimme in manchen Songs. Obertöne sollte man können oder es eben ganz lassen. Das nervt nach einiger Zeit doch etwas, und gibt MUCKER, BOOKER, WICHTIGTUER einen etwas blödeligen Touch, den die Platte gar nicht nötig hat.
Was diese Rezension dagegen nötig hat, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass der Titel der Platte, um die es geht, zum ersten Mal drei Zeilen vor Schluß auftaucht. Fein abgeliefert, Herr Flanell.
Was noch zu sagen ist: Bakraufarfita Records ist wirklich keins von den Labels, deren Releases ich vorbehaltlos abfeiere (ich erinnere mich an diese seltsame Band aus Köln, Angelika-irgendwas, die so unglaublich unauffällig-blassen Pop-Punk mit schlechten ÄRZTE-Texten machte, dass ich nach dem Anhören schon den Namen vergessen hatte. Bis heute.). Um so schöner, dass sie mit BLUTIGE KNIE einen echten Treffer an Land gezogen haben. Einen Treffer, der dem retro-affinen Rocker mit Joint im Mundwinkel, Black-Sabbath-Shirt und Berlin-Bezug mal einen Griff ins Portmonee wert sein könnte.
Was jetzt noch fehlt und BLUTIGE KNIE endgültig einen festen Platz im Lexikon der deutschsprachigen Rockmusik sichern würde, wäre ein gemeinsames Album mit HAFTBEFEHL und ROMANO. Es würde mich komplett narrisch machen.
"Mucker Booker Wichtigtuer" von BLUTIGE KNIE erscheint am 02.09.2016 auf Bakraufarfita Rec.
(E) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala
Gary Flanell
Montag, 4. April 2016
Baboo, baboo!
The Baboons - The World is bigger than you
Alles Scheiße.
Wenn eine Rezension so beginnt, kann es eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Entweder ist die zu besprechende Platte wirklich totaler Mist und es fällt einem wirklich nichts anderes dazu ein. Oder man baut als Leser auf das retardierende Moment. Hofft, dass der Schreiber sich einen coolen Spannungsbogen ausgedacht hat. Einen Bogen, der von dem miesepetrigen Anfang zu einer total guten Kritik führt. Eine, in der sich am Ende alle lieb haben, in die Arme fallen und dazu läuft, als fiktiver oder ganz realer Soundtrack, die Platte, aus den Boxen, um die es im Text geht.
Bei THE BABOON SHOW, dieser Punkrock gewordenen Version von ABBA, ist es schwer, einen spannenden Rezensionsplot aufzubauen, der bis zum Ende durchhält. Dazu sind sie einfach zu nett und ihre Platten sind nie wirklich schlecht. Dafür werden sie ja auch geliebt. Sieben Platten haben sie seit 2005 draussen, Respekt vor soviel Output in recht kurzer Zeit. Denn die letzte Platte ist gerade mal zwei Jahre raus, dazwischen wurde nicht wenig getourt. Den Schwung der letzten Platte hat man dann mitgenommen und ist fix wieder ins Studio gegangen.
Und wie das bei schwedischen Bands so ist, sind sie alle so wirklich gut. Gut an ihren Instrumenten, gut im Songwriting, gut bei den Konzerten, sympathisch in den Interviews, selbstverständlich besteht die Band zur Hälfte aus Frauen (und es wird nicht mit dem peinlichen Spruch "Punk with female vocals" geworben) und die Videos zeigen, wie viel Energie in dieser Band steckt.
Sie sind also gut in allem. Damit reihen sie sich eigentlich in die Generationen von Punkbands ein, die eigentlich schon immer aus Schweden hier rüber schwappten.
Ihr seht, ich suche wie ein Wilder nach einem Makel an "The World is yours", aber es findet sich keiner. Gäbe es den Punkrock-ESC, THE BABOON SHOW wären sicher immer heiße Anwärter auf den Sieg.
Einzige wichtige Prämisse, um diese Platte gut zu finden: Man muss halt auf Rockmusik stehen. Denn das ist es nun mal, was sie machen. Punkrock mit Betonung auf Rock. Simpel und fix gerade aus, mit einer Sängerin, die Cecilia heißt und eine gut röhrendes Organ hat. Wäre Bonnie Tyler in den 80ern im besetzten Haus großgeworden, würde es genauso klingen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass THE BABOON SHOW simpel gestrickt sind. Aber das Problem, das ich mit ihnen und auch anderen Punkrockbands habe, ist: Es wird nicht viel Neues ausprobiert.
Die Songs sind kämpferisch und bringen live bestimmt den gesamten Club zum Beben. Aber es ist auch schnell klar, wie der Hase läuft, bzw. wie all diese Songs angelegt sind. Im fast immer gleichen Tempo und Rhythmus peitscht die Band durch die Songs, ebenso wie es Rockbands machen. Beim ersten Song "Class War " ist es noch ganz hübsch anzuhören, dass er in 1:47 durchgeknattert wurde. Beim darauffolgenden "I will go on" bleibt noch der kämpferische Refrain hängen, danach folgt solide Nicht-Unterscheidbarkeit. Aber genau das wird als Qualitätsmerkmal verkauft. Da ist es schon ein Point of interest, dass der Björn von MANDO DIAO dieses "schnörkellose und pure Punkrockalbum" (Zitat Infoschreiben) produziert hat und beim finalen Countdown "Lost you in a second" mit Cecilia ins Duett geht.
Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die zitierte Schnörkellosigkeit. Warum ist das ein Qualitätsmerkmal und seit wann? Und sollte man als Band wie THE BABOONSHOW nicht nach sieben Platten mal Bock haben, ein paar Schnörkel einzubauen? Ich liebe Schnörkel im Punkrock. Deshalb sind einige meiner Lieblingspunkplatten die späten Werke von KINA, die "Grand Fury"Platte von den BELLRAYS, oder die "Get better"-LP von LEMURIA.
Das sind Punkplatten, die nicht so ganz simpel rüberkommen, bei denen immer noch eine gewisse Vielfalt am Start ist. Ich erwarte von keiner Punkband, dass sie bei der zweiten Platte gleich auf Krautrock umsteigt, aber seit wann schließen sich Punk und die Offenheit, mal was neues auszuprobieren so dermaßen aus? Vielleicht doch schon seit dem Ende der SEX PISTOLS? Ich befürchte schon.
John Lydon hat in seiner 2015 erschienenen Biografie "Anger is an energy" die Frage aufgeworfen, warum er denn die RAMONES brauche. Schließlich hätte er ja schon STATUS QUO. Etwas ketzerisch könnte man ähnlich fragen, wozu man 2016 noch zig Punkrockbands braucht, denn man hat ja schon die RAMONES. Eventuell weil immer neue junge Punkrocker nachwachsen und für die sind eben jetzt gerade THE BABOON SHOW die Punkrockerweckung sind. Sollen sie haben. Denn zum Abfeiern und SichmaldenKopfdurchpustenlassen ist dieses siebte BABOON SHOW-Platte definitiv gut geeignet. Nuff said.
(H wie Hatten was schon mal, aber schlecht ist das nicht, auf der von A bis Z reichenden Renfield-Rezensions-Skala)
"The world is bigger than you" ist am 11.03. 2016 auf Kidnap Music erschienen.
Gary Flanell
Alles Scheiße.
Wenn eine Rezension so beginnt, kann es eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Entweder ist die zu besprechende Platte wirklich totaler Mist und es fällt einem wirklich nichts anderes dazu ein. Oder man baut als Leser auf das retardierende Moment. Hofft, dass der Schreiber sich einen coolen Spannungsbogen ausgedacht hat. Einen Bogen, der von dem miesepetrigen Anfang zu einer total guten Kritik führt. Eine, in der sich am Ende alle lieb haben, in die Arme fallen und dazu läuft, als fiktiver oder ganz realer Soundtrack, die Platte, aus den Boxen, um die es im Text geht.
Bei THE BABOON SHOW, dieser Punkrock gewordenen Version von ABBA, ist es schwer, einen spannenden Rezensionsplot aufzubauen, der bis zum Ende durchhält. Dazu sind sie einfach zu nett und ihre Platten sind nie wirklich schlecht. Dafür werden sie ja auch geliebt. Sieben Platten haben sie seit 2005 draussen, Respekt vor soviel Output in recht kurzer Zeit. Denn die letzte Platte ist gerade mal zwei Jahre raus, dazwischen wurde nicht wenig getourt. Den Schwung der letzten Platte hat man dann mitgenommen und ist fix wieder ins Studio gegangen.
Und wie das bei schwedischen Bands so ist, sind sie alle so wirklich gut. Gut an ihren Instrumenten, gut im Songwriting, gut bei den Konzerten, sympathisch in den Interviews, selbstverständlich besteht die Band zur Hälfte aus Frauen (und es wird nicht mit dem peinlichen Spruch "Punk with female vocals" geworben) und die Videos zeigen, wie viel Energie in dieser Band steckt.
Sie sind also gut in allem. Damit reihen sie sich eigentlich in die Generationen von Punkbands ein, die eigentlich schon immer aus Schweden hier rüber schwappten.
Ihr seht, ich suche wie ein Wilder nach einem Makel an "The World is yours", aber es findet sich keiner. Gäbe es den Punkrock-ESC, THE BABOON SHOW wären sicher immer heiße Anwärter auf den Sieg.
Einzige wichtige Prämisse, um diese Platte gut zu finden: Man muss halt auf Rockmusik stehen. Denn das ist es nun mal, was sie machen. Punkrock mit Betonung auf Rock. Simpel und fix gerade aus, mit einer Sängerin, die Cecilia heißt und eine gut röhrendes Organ hat. Wäre Bonnie Tyler in den 80ern im besetzten Haus großgeworden, würde es genauso klingen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass THE BABOON SHOW simpel gestrickt sind. Aber das Problem, das ich mit ihnen und auch anderen Punkrockbands habe, ist: Es wird nicht viel Neues ausprobiert.
Die Songs sind kämpferisch und bringen live bestimmt den gesamten Club zum Beben. Aber es ist auch schnell klar, wie der Hase läuft, bzw. wie all diese Songs angelegt sind. Im fast immer gleichen Tempo und Rhythmus peitscht die Band durch die Songs, ebenso wie es Rockbands machen. Beim ersten Song "Class War " ist es noch ganz hübsch anzuhören, dass er in 1:47 durchgeknattert wurde. Beim darauffolgenden "I will go on" bleibt noch der kämpferische Refrain hängen, danach folgt solide Nicht-Unterscheidbarkeit. Aber genau das wird als Qualitätsmerkmal verkauft. Da ist es schon ein Point of interest, dass der Björn von MANDO DIAO dieses "schnörkellose und pure Punkrockalbum" (Zitat Infoschreiben) produziert hat und beim finalen Countdown "Lost you in a second" mit Cecilia ins Duett geht.
Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die zitierte Schnörkellosigkeit. Warum ist das ein Qualitätsmerkmal und seit wann? Und sollte man als Band wie THE BABOONSHOW nicht nach sieben Platten mal Bock haben, ein paar Schnörkel einzubauen? Ich liebe Schnörkel im Punkrock. Deshalb sind einige meiner Lieblingspunkplatten die späten Werke von KINA, die "Grand Fury"Platte von den BELLRAYS, oder die "Get better"-LP von LEMURIA.
Das sind Punkplatten, die nicht so ganz simpel rüberkommen, bei denen immer noch eine gewisse Vielfalt am Start ist. Ich erwarte von keiner Punkband, dass sie bei der zweiten Platte gleich auf Krautrock umsteigt, aber seit wann schließen sich Punk und die Offenheit, mal was neues auszuprobieren so dermaßen aus? Vielleicht doch schon seit dem Ende der SEX PISTOLS? Ich befürchte schon.
John Lydon hat in seiner 2015 erschienenen Biografie "Anger is an energy" die Frage aufgeworfen, warum er denn die RAMONES brauche. Schließlich hätte er ja schon STATUS QUO. Etwas ketzerisch könnte man ähnlich fragen, wozu man 2016 noch zig Punkrockbands braucht, denn man hat ja schon die RAMONES. Eventuell weil immer neue junge Punkrocker nachwachsen und für die sind eben jetzt gerade THE BABOON SHOW die Punkrockerweckung sind. Sollen sie haben. Denn zum Abfeiern und SichmaldenKopfdurchpustenlassen ist dieses siebte BABOON SHOW-Platte definitiv gut geeignet. Nuff said.
(H wie Hatten was schon mal, aber schlecht ist das nicht, auf der von A bis Z reichenden Renfield-Rezensions-Skala)
"The world is bigger than you" ist am 11.03. 2016 auf Kidnap Music erschienen.
Gary Flanell
Donnerstag, 22. Oktober 2015
Picknick at The Boulevard - Neulich in Casablanca
Casablanca? Da bringen die Synapsen oft nicht viel mehr als Assoziationen zu Humphrey Bogart und Ingrid Bergman zustande. Was aber heutzutage dort los ist, dass diese Stadt nicht nur die größte des Landes, sondern auch das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Marokkos ist, das haben seltsamerweise nicht allzu viele auf dem Schirm.
Denn Touristen verirren sich gar nicht so viele dorthin, obwohl die Stadt eine ähnlich lebendige Atmosphäre wie viele Metropolen in Südeuropa hat – und mittlerweile eben auch eine vielfältige, subkulturelle Szene, in deren Mittelpunkt das Kulturnetzwerk EAC L’Boulevard steht. Dazu gehört auch das gleichnamige Open-Air-Festival auf dem seit 15 Jahren marokkanische neben international bekannten Bands (SEPULTURA und NAPALM DEATH waren auch schon mal dabei) am Start sind. Aber wie funktioniert ein Rockfestival eigentlich in einer von Islam geprägten Monarchie, die als eines der wenigen Länder der Region die letzten Jahre recht stabil überstanden hat? Höchste Zeit also, sich das geballte Musikprogramm im dicken C mal genauer anzuschauen.
Wer sich 15 Jahre lang nicht davon abbringen lässt, ein Projekt voran zu treiben, hat entweder einen ausgeprägten Knall oder viel Hingabe für seine Sache. Sowas kennen und schätzen wir ja im Hause Renfield besonders und deshalb war ich besonders neugierig, das L’BOULEVARD-Festival mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Inklusive Rahmenprogramm erstreckt sich das Festival mittlerweile über 10 Tage. Die ersten sechs Tage gehören größtenteils dem Nachwuchswettbewerb Tremplin, dessen Gewinner unterschiedlicher Stile dann an den letzten vier Tagen nochmal beim eigentlichen Festival auftreten dürfen.
Drei Mal war ich bisher in Marokko, und jedes Mal war ich ausschließlich in Casablanca. Zu einer Einladung zu einem der größten Festivals des Landes sage ich also nicht Nein. Gegen zehn Uhr abends schlage Ich an einem warmen Mittwochabend im September am Flughafen in Casablanca auf. Nach kurzer hektischer Suche finde ich mit Adir den richtigen Mann, der mich ins Hotel bringen soll. Auf der Fahrt über die leere Autobahn entpuppt er sich als überzeugter Fan des VfL Bochum und so quatschen wir entspannt über marokkanische Spieler beim VfL und über die Musik, die da gerade aus dem Radio läuft.
Adir lässt es sich nicht nehmen, während der Fahrt auf der dreispurigen Straße im Handschuhfach zu kramen, um die CD-Hülle zu suchen. Weil die sich so schnell nicht finden lässt, hält er mal eben auf der rechten Spur, macht den Warnblinker an und sucht genauer. Mitten auf der Autobahn. Kann man auch mal machen.
Das Hotel, in dem ich einquartiert werde, liegt so zentral, wie es besser kaum geht. Beste Lage heißt das wohl, direkt gegenüber der Medina, an der vielbefahrendsten Kreuzung der Innenstadt erhebt sich eine sehr schmucke weißgetünchte edel wirkende Fassade. Von innen versprüht es einen charmanten Charme wie das Etablissement in „Shining“. Abgewetzte Teppiche, leicht muffiger Geruch, Putz bröckelt von den Wänden, der zweite Stock ist komplett abgesperrt. Geil. Der lange dunkle Flur im dritten Stock wird nur von zwei kahlen Glühbirnen erhellt, und am Ende von einer überdimensionalen Spiegelwand beherrscht, auf der ich manchmal Schatten hin und her huschen sehe. Ich hoffe, es ist die Putzfrau.
Ankommen, auch auf dem Festival, ist nicht ganz so einfach. Schon das Festivalgelände zu finden, stellt mich vor Herausforderungen. Eigentlich ist es ja ganz leicht: Einfach in die einzige Straßenbahn der Stadt und bis zur angegebenen Haltestelle. Wenn es in einer Stadt nur eine Straßenbahn gibt, und man weiß, in welche Richtung man muss, sollte verfahren eigentlich ausgeschlossen sein. Ich schaffe es trotzdem, da die Bahn irgendwann aus mir unerklärlichen Gründen einen Abzweig nimmt. So fahre ich erst tief bis in wenig besiedelte Außenbezirke Casablancas, um dort festzustellen, dass ich komplett falsch bin. Dabei findet das Boulevard-Festival nicht irgendwo auf einer kleinen Wiese statt, sondern im Stade COC, dem Stadion des Sportclubs Olympique Casablanca.
Da das Open-Air mittlerweile in einem Fußballstadion residiert, lässt schon ein bisschen auf die Größe dieser Veranstaltung schließen. Der Einlass wird von Polizei und Miliz geregelt, die das recht junge Publikum durch zwei Gassen aus Absperrgittern leitet. Vielleicht liegt es an meinem grauer werdenden Bart, aber als ich mich in die Masse einreihen will, winkt mich ein Polizist zu sich und lässt mich auf einer dritten komplett freien Bahn ins Stadion. Gefilzt werde ich zwar nicht, muss aber den Schraubdeckel meiner Wasserflasche abgeben. Die Flasche selber allerdings nicht.
Bei Eintritt ins Stadion wird mir eine Sache klar, die ich so bisher noch gar nicht bedacht hatte: Das komplette Boulevardfestival kostet keinen Eintritt. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung hatte ich eigentlich damit gerechnet, an irgendeiner Kasse Geld lassen zu müssen, Künstler wie ASIAN DUB FOUNDATION, LOUDBLAST, GNAWA DIFFUSION oder DJ Vadim müssen ja schließlich irgendwie bezahlt werden, ebenso die Acts, die aus Frankreich, Spanien, Dänemark oder dem Senegal kommen. Mit INWI, der drittgrößten Telekommunikationsgesellschaft Marokkos, hat das Festival allerdings einen sehr zahlungskräftigen Sponsoren an der Hand. Dazu kommen weitere Firmen und Kultureinrichtungen, mit denen man zusammenarbeitet, wie das Institut Francaise, das British Council oder das Goetheinstitut. Auch von seitens des marokkanischen Königs könnte Geld kommen, schließlich hat das EAC vor einigen Jahren in schwierigen Zeiten schon mal eine großzügige finanzielle Unterstützung vom Königshaus erhalten.
Der erste Festivaltag steht ganz im Zeichen von HipHop. Erster Eindruck vom Publikum: Das ist hier eine Sache für junge männliche Marokkaner. Frauen sind an diesem warmen Spätnachmittag fast keine zu sehen. Mit den Gigs der Lokalhelden SHAYFEEN und SA3ERMAN erlebe ich mein erstes HipHop-Konzert auf afrikanischem Boden. Während beide von der einheimischen Crowd angemessen gefeiert werden, schlendere Ich etwas ziellos rum und schaue mir dieses Spektakel neugierig aus der Distanz an. Kurz darauf stehen ALO WALA aus Dänemark auf der Bühne, ein echter erster Höhepunkt, was nicht nur an der sehr charismatischen Sängerin Shivani Ahlowalia liegt. Die Mische aus Hip Hop, Electro, Dancehall und Crunk bringt sogar den etwas fremdelnden Festivalbesucher aus Berlin zum Tanzen. Mit „Little Lotto“ haben sie mindestens einen einprägsamen Hit am Start, was die wie die jungen Hunde zappelnden Casablancanesen genauso sehen.
Letzter Gast auf der Boulevardbühne am HipHop-Donnerstag ist Yassii Bey. Nie gehört? Kennt man aber doch, denn früher nannte sich dieser Mann Mos Def. Ich habe eigentlich nicht viel Ahnung von HipHop, aber Mos Def sagt sogar mir was. Hip Hop scheint in Casablanca recht groß zu sein, denn kaum steht Yassii auf der Bühne, wird er furios abgefeiert. Und das obwohl er entweder in eine Coladose, einen Akkuschrauber oder ein knallrotes Elvis-Mikro singt. Das ist nicht so genau zu erkennen. Klar erkennbar ist allerdings, dass dem Herrn im Laufe der Jahre seiner langjährigen Karriere die Energie nicht abhandengekommen ist. Munter hüpft er über die Bühne, rappt mit Hilfe der Beats und Samples seines DJs, der sich ganz galant im Hintergrund hält, ganz flüssig seine Hits runter. Die Meute liebt’s und kann so manches sogar mitsingen. Mitsprechen. Wie auch immer. Sauber abgeliefert, Yassii.
Ein Pluspunkt des Boulevards ist definitiv, dass die Veranstalter das Tagesprogramm nicht bis zum Anschlag mit Bands vollgeknallt haben, sondern den Zeitplan recht entspannt gestalten. Vier, höchstens sechs Bands/Acts sind pro Tag angesetzt. Das kommt meiner eh nicht sehr ausgeprägten Aufmerksamkeitspanne sehr entgegen und man ist auch nicht gleich nach zwei Festivaltagen total zermürbt. Was auch sehr Anti-Zermürbend wirkt, ist die Tatsache, dass auf dem Festivalgelände kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Ist in islamischen Ländern im öffentlichen Raum eh nicht so angesagt, bei einem Open-Air-Festival wie diesem fällt mir aber die Abwesenheit von torkelnden Druffis oder wild überall hin ausscheidenden Alko-Zombies doch eklatant auf. Gefällt mir eigentlich ganz gut. Wie das wohl wäre, hierzulande ein komplett Alk-freies Festival abzuziehen? Wahrscheinlich ein komplettes Desaster.
Recht früh tauche ich am zweiten Tag beim Boulevard auf, um endlich mal die bekannten Gesichter vom EAC Boulevard-Kulturzentrum zu treffen. Vorher bekomme ich noch das Set von Gee Bayss aus dem Senegal mit, der einen recht geilen Mix aus alten Afro-Beat-Hits zusammenmischt. Kein Wunder, macht er ja auch schon seit 1993 und ist seitdem auch als Mitglied von PEE FROIS unterwegs, einer der bekanntesten senegalesischen Hip-Hop-Crews. Im Zelt der Freunde vom Festivalradio des Boulevard abhängend, läuft der zweiten Act des Tages, ACID ARAB etwas an mir vorbei.
Da war freudiges Wiedersehen mit allen Freunden vom Boulevard doch wichtiger als die etwas nervige Mische aus Kirmes-Techno und Flicker-Electro. Festivalradio geht übrigens in diesem Fall so: Alle Konzerte werden live im Web-Radio übertragen und in den Umbaupausen finden sich immer 3-4 Moderatoren am großen gemeinsamen Tisch zusammen und interviewen jeden Gast, der vorher noch auf der Bühne gestanden hat. Dabei werden Unmengen von Red Bull getrunken, ein bisschen gekifft oder auch hübsche Aschenbecher aus den eben geleerten Red-Bull-Dosen gebastelt.
Danach ASIAN DUB FOUNDATION. Die verbinde ich immer spontan mit den Zeiten, in denen es beim VISIONS noch eine Tape-Beilage gab. Lange her das alles und deshalb bin ich ehrlich überrascht zu sehen, dass die noch am Start sind und immer noch eine sehr energiegeladene Show abliefern können. Interessant auch, dass sie sehr nach, nunja, elektronischer Musik klingen, nach Drum’n‘Bass, nach Dub Step, nach Dancehall, aber all das live mit einer kompletten Bandbesetzung sehr souverän hinkriegen. Davon ab kriegt man einen Querflöten-Spieler, der gleichzeitig auch noch Beatboxen kann, eben nicht in jeder 08/15-Rockkapelle zu sehen.
Auch wenn man das denken könnte, waren ADF nicht der Headliner des Abends. Als sich die Nacht über das Stadion senkt, betritt mit Hamid El Kasri, einer der bekannteste Gnawa-Musiker des Landes, die Bühne und wird aufs Unglaublichste abgefeiert. Gnawamusik gehört zu Marokko wie das Couscous am Freitag.
Ursprünglich handelt es sich dabei um die Musik des gleichnamigen Volksstammes der Gnawa. Gnawa ist der marokkanische Begriff für die Nachfahren der schwarzafrikanischen Sklaven in Marokko. Auch Angehörige des in Westafrika beheimateten Stammes der Hausa wurden in Marokko so bezeichnet. Das Wort leitet sich ursprünglich von dem Wort für die Bewohner der früheren Hausa-Hauptstadt Kano, den Kanawa, ab. Musikalisch war Gnawa anfangs etwas gewöhnungsbedürftig für meine mit Rockmusik zugekleisterten Ohren. Die Rhythmen sind ebenso ungewöhnlich wie die Instrumentierung. Charakteristisch für Gnawamusik ist der Einsatz der Gimbri, einer dreisaitigen, ziemlich tiefen Laute, die aus einem Holzkorpus und Saiten aus Schafsdarm besteht, und großen schweren Kastagnetten aus Metal, den Qaraqib.
Lässt man sich allerdings länger darauf ein, stellt sich eine ähnliche Stimmung, wie bei ganz ursprünglichen Bluesaufnahmen oder alten Reggae-Tracks ein. Das ist alles reduziert, sehr repetitiv, hat aber dadurch einen fast schon meditativen Charakter. Da ist es dann wenig erstaunlich, dass Gnawasessions teilweise die ganze Nacht dauern können. Hamid El-Kasri hat Gnawa vielleicht nicht revolutioniert, aber er hat es soundmäßig so aufgepimpt, dass es auch auf einer großen Bühne funktioniert. Ergänzend zu Gimbri und Qaraquib und einem sechs-köpfigen Chor kommen live gleich zwei Schlagzeuge, E-Bass, Gitarre und ein Bläsersatz dazu. So kann man mit Gnawa schnell mal ein ganzes Stadion beschallen und ganze Familien, Frauen, Männer, Kleinkinder und aufmüpfige Teenager dazu bringen, komplett abzutanzen.
Samstag ist Metaltag beim Boulevard. Den Anfang machen IMPULSE aus Rabat mit recht gefälligem Alternative/Psychedelic-Rock, der als Aufwärmübung für die kommenden Lärm gar nicht schlecht daherkommt. Interessant ist dabei, dass IMPULSE die einzige Band des Festivals sind, bei der eine Gitarristin auf der Bühne steht. Die lokalen Helden HINDERMINDS und VISCIOUS VISIONS werden beim Publikum ohne Ende abgefeiert, inklusive Mosh und Pogopit. So recht vom Hocker hauen sie mich allerdings live nicht. Vielleicht sind es auch eher Bands für einen kleineren Club, VISCIOUS VISIONS haben zumindest auf Platte ein paar gute Songs am Start.
Interessant beim Pogomob vor der Bühne ist, dass die Security sich beim Durchgreifen anscheinend was von der FIFA abgeschaut hat. Passt ja, schließlich sind wir ja in einem Fußballstadion. Wenn sich einer im Publikum beim Abtanzen das Shirt vom Leib reißt, ist ganz fix die Sicherheit da und begleitet ihn, tja, wohin? Erstmal raus. Soviel bekomme ich mit. Ob man dann nach einer Fünf-Minutensperre wieder rein darf? Oder ist man dann für den Rest des Abends gesperrt? Größere Revolten oder Aufstände gegen die Staatsgewalt gibt es aufgrund dieses Eingreifens aber interessanterweise nie. Vielleicht auch eine Folge, dass hier kein Alkohol im Spiel ist.
Dritte Band des Abends sind die Spanier ANGELUS APATRIDA, die ich in meinem Kleinhirn unter dem Namen ANGELUS ASPARAGUS abspeichere. Metalbands so, scheint es Gesetz zu sein, müssen auf einem Festival immer ein bisschen lauter als die vorherige Combo sein. Der Speed/Thrash-Stiefel aus der Slayer/Metallica/Pantera-Schule von diesen Spargelengeln ist schon höllisch laut, die darauffolgenden LOUDBLAST, die einen eher Deathmetal-lastigen Sound fahren, legen aber noch eine Schippe drauf. Meine Ohren fiepen wie kleine ängstliche Mäuse und so ziehe ich mich erschöpft ins gemütlich erscheinende Pressezelt zurück. Irgendwann sind LOUDBLAST fertig, Stille folgt und kein DJ legt mehr auf. Gut so.
Auf dem Heimweg erwarte ich nicht mehr viel, werde aber noch von den schon erwähnten IMPULSE aufgegabelt, die mich noch mit in einen kleine Bar unweit meines Hotels schleppen, in der zwei DJs fröhlich simple Elektromusik auflegen. Zwei Bier, etwas Whiskey-Cola später ist es zwei Uhr und der Laden macht zu. Reicht auch.
Der letzte Boulevard-Tag ist vom Line-Up her wieder um einiges bunter gemischter. Mit Khansa Bathma steht eine marokkanische Rockröhre auf der Bühne, allerdings viel unpeinlicher als Doro Pesch oder Konsorten. Bin ich anfangs noch etwas unbeeindruckt von dem Hardrock der dazugehörigen Band, bekommt das Ganze im Laufe des Sets doch mehr Schwung und Originalität, besonders dann, wenn Khansa zeigt, dass sie an den richtigen Stellen auch sehr eindrucksvoll schreien kann.
DJ Vadim sorgt mit seinem Balkan-Beat-Dub-Funk-Set für die bis dahin ausgelassenste Stimmung des Tages. Beim Interview später im Radio-Zelt wirkt er dann mit seiner Riesen-Brille und der Basecap mit dem hochgeklappten Schirm wie ein sympathischer Nerd, der sich auf dem Weg vom Plattenladen mal eben auf eine Festival-Bühne verirrt hat.
Die Straße von Gibraltar ist an ihrer engsten Stelle 14 Kilometer breit. 14 KM macht da als Name für ein kontinentübergeifendes Kooperations-Projekt von drei marokkanischen und drei spanischen Musikern auf alle Fälle schon Sinn. Musikalsich treffen sich dabei HipHop, Funk und Reggae und werden sehr souverän miteinander gemischt und vom Publikum bestens angenommen. Nur verstanden habe ich mal wieder keine einzige Zeile.
Der allerletzte Slot bleibt natürlich dem absoluten Highlight vorbehalten – und das sind GNAWA DIFFUSION aus Grenoble. Hatte Hamid El Kasri zwei Tage vorher eine eher traditionelle Gnawa-Version abgeliefert, gehen GNAWA DIFFUSION einen Weg, der sich schon bei vielen anderen Bands als besonders interessant erwiesen hat: Die Kreuzung zweier vorher so nicht verbundener Stile. Ursprünglicher Gnawasound wird hier mit Reggae und Dancehall gekreuzt und was dabei raus kommt, ist ein sehr cooler Crossover. Gegründet hat Sänger Amazigh Kateb, der auch die Gimbri spielt, schon 1992. Bis 2007 wurden acht Platten veröffentlicht, die auch in Europa auf viel Beachtung gestoßen sind. Danach war fürs erste Schluss, allerdings fand man 2012 wieder zusammen.
Von der Idee fühlte ich mich ein wenig an diversen Kooperationen erinnernd, die Fermin Muguruza zuweilen auf die Beine stellt, nur halt eben ohne Punkrock-Faktor dabei. Live sind GNAWA DIFFUSION jedenfalls eine großartige Band, die lustigerweise auch ein paar beinharte Casablanca-Punks in ihren Ramones/Misfits-Kutten zum Tanzen bringt. Und dann? Dann ist es vorbei, das ganze Festival. Draußen herrscht wieder Stille in einer warmen Septembernacht. Nur im Radiozelt wird noch lange Zeit bei Red Bull und Kif mit Amazigh Kateb über GNAWA DIFFUSION geredet. Das Stadion leert sich, die Crew macht sich langsam an den Abbau. Und ich? Mache mich, das Lied von Grizzly Adams pfeifend, angesichts des frühen Flugs am nächsten Morgen ganz brav zeitig auf den Weg ins Hotel.
www.boulevard.ma
Gary Flanell
Dienstag, 4. August 2015
Das ist laut und nimmt Platz weg! Pt.II
Nachdem in der letzten Woche bereits Kathrin von der Ska-band PORT ROYAL und Johanna von KULKU vorgestellt wurden, folgt nun der zweite Teil des Trommlerinnen_Special aus Renfield Nummer 30 (das als Prinausgabe immer noch erhältlich ist).
Vorgestellt werden diesmal Malwina, Trommlerin von DEAD TIRED (und früher bei THE BRUNETTEZ) und Rachel Rep, die einigen schon als Drummerin des FARIN URLAUB RACING TEAMs untergekommen sein dürfte.
III. MALWINA - REBEL GIRL
„Das hätt ich ja auch nicht gedacht, dass ich mal meine eigenen Songs hören würde“, lacht Malwina, während sie an meinem Küchentisch sitzt und mir die letzten Aufnahmen ihrer Band DEAD TIRED auf Bandcamp raussucht. Dann hören wir uns rein und sie freut sich merklich über das gelungene Spiel.
„I piss in your pixie dust and what is left is simple mud“, schreit Sängerin Ruth über Malwinas Trommelgeprügel. „Nach dem Song bin ich fertig, der geht am besten am Ende vom Konzert.“
Dead Tired sind eine Post-Punkband, die etwas langsamere, melodiösere Songs und Auf-die-Fresse-Stücke vereinen.
„Die einen sind eher im Winter geschrieben und die anderen im Sommer“, sagt Malwina, „das kann man richtig hören. Für mich ist Musik sowieso etwas Emotionales. Manchmal hört man gar nicht genau, was gespielt wird, sondern nur die Stimmung von dem Song.“ Sie selbst ist beeinflusst von Bands wie BIKINI KILL, deren Stück „Rebel Girl“ das allererste war, was sie am Schlagzeug gespielt hat. Aber so wichtig die Riot Grrls waren, möchte sich Malwina doch nicht in dieser Weise stempeln lassen. „Das ist zum Label geworden, alles, was Frau und Punk und laut ist, wird so jetzt in eine Ecke gesteckt – auch wenn es mit Riot Grrl eigentlich gar nichts zu tun hat. Das ist inzwischen ziemlich kontraproduktiv.“
Auch Malwina hat sich das Schlagzeug selbst beigebracht und dann lange bei den BRUNETTEZ gespielt. Musikalisch gesehen passen Dead Tired, die sie selbst mit gegründet hat, ihr allerdings doch besser. Sie mag Hardcore und Screamo. „Und alle Rachut-Bands!“ Favoriten sind auch KAMIKATZE, deren Song „I hate kids“ sie covert und dabei nicht trommelt, sondern singt. Sie darf also aus vollem Halse „I hate kids“, brüllen, für die engagierte Erzieherin durchaus mal eine kathartische Erfahrung. COASTING aus Portland haben dazu beigetragen, sie zum Schlagzeug zu motivieren. „Das klang gut, aber sah nicht ganz so schwierig aus. Und ich dachte: Wenn sie das kann, dann krieg ich das auch hin!“
Genau diese Erfahrung und Motivation zu vermitteln, ist für Malwina auch Teil des Musikmachens. Wenn andere Frauen nach dem Konzert begeistert sagen, dass die Band sie motiviert oder inspiriert, weiß sie genau, warum sie das macht. „Das ist eben, was ich wirklich will: Musik machen“, sagt sie dazu. „Fühlt sich immer noch komisch an, das zu sagen, aber ich sehe mich als Schlagzeugerin. Erzieherin ist mein Beruf, aber nicht unbedingt eine Berufung.“ Sie grinst: „Ich geh lieber auf Tour, als arbeiten zu gehen!“
Punk hat für sie eine gelebte politische Dimension, die auf einem DIY-Ethos basiert, von der Musik nicht zu trennen ist und sich in Texten, im Sound und in der Haltung äußern kann. Frauenquoten, Ladyfeste und Mädchenbands können dabei höchstens eine Übergangsrolle spielen, ein Hilfskonstrukt, das notwendig war, das aber auch wieder überwunden werden muss. Zum Beispiel neulich, diesen März in Leipzig. „Wir haben da mit SLEAZY INC. OPERATED und KENNY KENNY OH OH gespielt, das war total toll.“ Malwina ist besonders begeistert von Sleazy‘s Schlagzeugerin Elinor, die auch einen Film darüber gedreht hat, wie sie zum Schlagzeug kam: „Meer is nich“. Das Schöne an jenem Konzert in Leipzig war aber eben: Auf der Bühne waren fast nur Frauen. „Und zwar ganz ohne Label oder ohne dass es jemand erwähnen musste, nicht absichtlich, sondern ganz normal. Wie es sein soll.“
Dass es nicht immer ist, wie es sein soll, zeigte sich am Tag darauf im Kontrastprogramm in Dresden. Hier gab es fast nur Männer auf der Bühne, was auch am Publikum auffiel: „Vor allem so gut angezogene Hardcoretypen. Die haben sich auch nicht viel für unsere Musik interessiert. Aber dann nach dem Auftritt sind ihre Freundinnen gekommen und haben unser Tape gekauft.“
Und machen sie Sprüche, die Jungs, gerade in der Szene? „Und wie!“ Genau wie Johanna war Malwina schon in der Situation, dass sie sich nicht beim Schlagzeugaufbau helfen lassen wollte, um das immer noch kursierende Klischee nicht noch zu bestätigen. Besonders nervt aber der häufige, nett gemeinte Kommentar, der gar nicht merkt, wie herablassend er rüberkommt. „Du spielst ja ganz interessant, aber du haust da nicht so richtig drauf.
Oder fieser: Ist eurer Schlagzeugerin nicht langweilig? Sowas zieht mich schon manchmal ganz schön runter, mehr als mir lieb ist. Aber das sind halt so Dinge, mit denen man leben muss. Wenn Männer schlecht spielen, sagen die anderen meistens nichts, bei Frauen meinen sie dann irgend wie immer, sie müssten einen Rat geben.“ Und gibt’s auch die direkte Sexismusschiene? „Mit deinen Becken würd ich auch gerne mal spielen.“ Wie bitte??? „Ja na ja, das war im Wild at Heart.“ Verstehe. Trotzdem.
„Es fällt schon noch auf, als Frau am Schlagzeug“, meint Malwina. „Auch wenn da in den letzten 10, 15 Jahren echt viel passiert ist. Bandintern spielt sowas zum Glück keine Rolle. Die Band fängt einen auf. Im Sommer gehen wir auch wieder auf Tour.“ Wann denn? „Mitte Juli wahrscheinlich. Aber am 11.6. spielen wir erst mal auf dem New Direction Festival in Herrenberg!“
Wisst ihr Bescheid.
DEAD TIRED IM NETZ
IV. RACHEL REP - IM ZENTRUM DES TORNADOS
Da soll ich Rachel Rep vom FARIN URLAUB RACING TEAM treffen. Im Schwarzen Café auf der Kantstraße. Und dann bin ich verhindert und kann die weite Reise in den Berliner Westen nicht antreten. Ich ärgere mich und der Kollege Gary Flanell darf hinfahren und das Gespräch führen. Leicht benommen kehrt er zurück und überreicht mir eine Audiodatei, so dass auch ich Rachel live sprechen darf. Oder zumindest hören.
Rachel stammt aus einer Musikerfamilie, hat aber selber erstmal als Model gearbeitet, ehe sie anfing, ernsthaft Schlagzeug zu spielen und zu schreiben. Ihr Roman „Panzerschokolade“ erzählt eine autobiographische Geschichte und ist beim Wiener Milena Verlag und inzwischen auch als Hörspiel beim WDR erschienen. Das Schlagzeug wurde ihr trotz Musikereltern nicht in die Wiege gelegt. „In meinem gut situierten Haushalt waren Saiteninstrumente ausschlaggebend – Schlagzeug galt eher als absolut unnötig.“
Und dann? „Dann hat mich dieser Freund, der Schlagzeuger war, in dieses Konzert geschleift. Terry Bozzio. Ich sag nur: bei Frank Zappa mitgespielt. Muss ich da noch was sagen? Weißte Bescheid.“
Bozzio, der bekannt für sein großes und vielteiliges Schlagzeug ist, trat damals in der Kölner Sporthalle mit dem Gitarristen Jeff Beck auf. „Der hatte die Kölner Sporthalle komplett mit Schlagzeug zugemüllt. Komplett! Da hab ich mich in das Instrument verknallt, ganz einfach. Da hab ich dann den Freund noch in der Nacht, nach dem Gig, in seinen Proberaum geschleppt. Der hat mir dann irgendwelche Triolen auf irgendwelchen Toms vorgespielt, und dann war‘s ganz aus.“ Die Langversion kann man anderswo nachlesen, Rachel skizziert ihren Werdegang für uns: „Erste Band, yeah! Zweite Band, uh! Dritte Band, wirste berühmt, jetzt sitz ich hier.“
Wie das mit dem Berühmt-Werden funktioniert, darüber macht sich Rachel keine Illusionen: „Da musste ich mit meiner süßen kleinen Band Glow ja überhaupt erstmal gesichtet werden in irgendeiner Art von Öffentlichkeit.“ Damit meint sie keine alternativen Bühnen. Wer Teil der Industrie werden will, der muss erstmal in die Medien-Öffentlichkeit, und das heißt immer noch meist MTV. Glow waren Emergenza-Gewinner. „Newcomerband tralala. Da liefen dann noch irgendwelche Videos auf MTV. Das ist zu der Zeit aufgefallen, denn es gab noch nicht so viele Mädels am Schlagzeug.“
Solcherart ausgewählt, hatte Rachel aber erstmal gar keine Lust auf das Farin Urlaub Racing Team. Sie wollte ihre eigene Musik spielen. „Playback? Was für ein Quatsch. Ich mochte die Ärzte immer, aber ich war nie so riesiger Fan wie die Leute in meiner Umgebung. Mein Bassist ist dann ausgerastet: Das sind meine Helden! Das kannst du doch nicht ablehnen! Na ja, dann hab ichs ausprobiert und dann hat es total gepasst. Ich liebe diese Band.“
Was es bedeutet, dass es total passt: da ist für sie sowohl die menschliche als auch die musikalische Ebene ausschlaggebend. „Ich hab mal mit einer Band gespielt, das Problem war: das waren Freunde. Aber dann... Also ich hab damals im Parka gespielt. Und wenn ich im Parka nach ner halben Stunde im Proberaum nicht durchgeschwitzt bin, dann stimmt da was nicht. Das ging dann leider nicht mehr.“
Und wie ist es so mit den immer gleichen Sprüchen, die Schlagzeugerinnen sich anhören müssen? „Das ist mir früher passiert, als ich noch nicht mit dem Farin Urlaub Racing Team gespielt habe – aber spätestens da hält sich dann, glaub ich, jeder zurück.“ Kennste aber schon? „Klar, früher ist das schon öfter passiert, dass man mir zeigen wollte, wie man ein Kabel zusammenrollt.“ Sie grinst süffisant. „Ich habe ja Verständnis fürs männliche Geschlecht, das ist kein Problem, ich weiß auch, dass das wohl irgendwie mit Testosteron zusammenhängt – ich hab ja auch viel Testosteron... Aber das hört irgendwann auf, spätestens wenn man mal zusammen gespielt hat.“ Aufhalten lassen sollte sich eine Frau nicht, wenn sie wirklich was reißen will in dem Bereich. „Da musst du dich mal kurz beweisen, aber eigentlich musst du nur das machen, was du liebst, fertig. Die Nummer mit Frau und Mann, das ist doch Bullshit.“ Finden wir auch.
Doch auch Rachel selbst meint: „Ich unterrichte ja ab und zu zeitweise und muss dann feststellen, dass wenige Frauen sich in der Rolle nicht als Ballerina, sondern als Drummerin sehen. Das ist ja nicht immer sexy, man muss sich konzentrieren und schwitzt ganz schön, die Schlepperei und so... Viele haben zwar ein gutes Rhythmusgefühl, die Koordination läuft flott, aber oft ist das sehr zart, und ich bin ja eher so n Massakertyp. Wenns dann anstrengend wird, oder auch wenn sie dann irgendwann Kinder haben wollen, dann erübrigt sich das manchmal wieder.“ Es sind eben nicht die lästigen sexistischen Sprüche, sondern viel eher die oft prekäre ökonomische Realität, die dafür sorgt, dass es immer noch wenig so erfolgreiche Schlagzeugerinnen wie Rachel gibt.
Und die sich durchsetzen, bleiben nicht unbedingt sympathisch. „Mit den Profidrummern willst du echt nicht verwandt sein. Aber was solls, Genies soll man in Ruhe lassen. Zum Glück gibt’s ja noch Terry Bozzio. Und wen ich liebe, das ist Dave Grohl. Weil der schon allein beim Spielen so rüberkommt, dass der auch menschlich ne geile Sau ist. Man ist so, wie man spielt, glaube ich immer noch. Und ich finde den fantastisch.“
Sind Trommler also auch manchmal Diven? „Ich glaub, es hackt! Das fragt mich ausgerechnet der Gitarrist. Ihr seid doch als Diven geboren!“ lacht sie. „Als Trommler muss ich hier gucken, dass ich das Ding zusammenhalte, das Schiff sozusagen durch die Stürme zerre. Da ist man doch Chef, muss die ganze Mannschaft aus der Front heraus, aus dem Hintergrund steuern. Das ist ja das Befriedigende. Trommeln, das ist das Zentrum des Tornados! Das Auge! Das ist so heilig, und deswegen muss das auch mit der Band so dermaßen passen... dass man sich so austoben darf, wie das bei mir ist, das ist wie ein Lottogewinn. Aber ich hatte da auch echt Glück.“
Rachel Rep im Netz
Text: Alissa Wyrdguth
Vorgestellt werden diesmal Malwina, Trommlerin von DEAD TIRED (und früher bei THE BRUNETTEZ) und Rachel Rep, die einigen schon als Drummerin des FARIN URLAUB RACING TEAMs untergekommen sein dürfte.
III. MALWINA - REBEL GIRL
„Das hätt ich ja auch nicht gedacht, dass ich mal meine eigenen Songs hören würde“, lacht Malwina, während sie an meinem Küchentisch sitzt und mir die letzten Aufnahmen ihrer Band DEAD TIRED auf Bandcamp raussucht. Dann hören wir uns rein und sie freut sich merklich über das gelungene Spiel.
„I piss in your pixie dust and what is left is simple mud“, schreit Sängerin Ruth über Malwinas Trommelgeprügel. „Nach dem Song bin ich fertig, der geht am besten am Ende vom Konzert.“
Dead Tired sind eine Post-Punkband, die etwas langsamere, melodiösere Songs und Auf-die-Fresse-Stücke vereinen.
„Die einen sind eher im Winter geschrieben und die anderen im Sommer“, sagt Malwina, „das kann man richtig hören. Für mich ist Musik sowieso etwas Emotionales. Manchmal hört man gar nicht genau, was gespielt wird, sondern nur die Stimmung von dem Song.“ Sie selbst ist beeinflusst von Bands wie BIKINI KILL, deren Stück „Rebel Girl“ das allererste war, was sie am Schlagzeug gespielt hat. Aber so wichtig die Riot Grrls waren, möchte sich Malwina doch nicht in dieser Weise stempeln lassen. „Das ist zum Label geworden, alles, was Frau und Punk und laut ist, wird so jetzt in eine Ecke gesteckt – auch wenn es mit Riot Grrl eigentlich gar nichts zu tun hat. Das ist inzwischen ziemlich kontraproduktiv.“
Auch Malwina hat sich das Schlagzeug selbst beigebracht und dann lange bei den BRUNETTEZ gespielt. Musikalisch gesehen passen Dead Tired, die sie selbst mit gegründet hat, ihr allerdings doch besser. Sie mag Hardcore und Screamo. „Und alle Rachut-Bands!“ Favoriten sind auch KAMIKATZE, deren Song „I hate kids“ sie covert und dabei nicht trommelt, sondern singt. Sie darf also aus vollem Halse „I hate kids“, brüllen, für die engagierte Erzieherin durchaus mal eine kathartische Erfahrung. COASTING aus Portland haben dazu beigetragen, sie zum Schlagzeug zu motivieren. „Das klang gut, aber sah nicht ganz so schwierig aus. Und ich dachte: Wenn sie das kann, dann krieg ich das auch hin!“
Genau diese Erfahrung und Motivation zu vermitteln, ist für Malwina auch Teil des Musikmachens. Wenn andere Frauen nach dem Konzert begeistert sagen, dass die Band sie motiviert oder inspiriert, weiß sie genau, warum sie das macht. „Das ist eben, was ich wirklich will: Musik machen“, sagt sie dazu. „Fühlt sich immer noch komisch an, das zu sagen, aber ich sehe mich als Schlagzeugerin. Erzieherin ist mein Beruf, aber nicht unbedingt eine Berufung.“ Sie grinst: „Ich geh lieber auf Tour, als arbeiten zu gehen!“
Punk hat für sie eine gelebte politische Dimension, die auf einem DIY-Ethos basiert, von der Musik nicht zu trennen ist und sich in Texten, im Sound und in der Haltung äußern kann. Frauenquoten, Ladyfeste und Mädchenbands können dabei höchstens eine Übergangsrolle spielen, ein Hilfskonstrukt, das notwendig war, das aber auch wieder überwunden werden muss. Zum Beispiel neulich, diesen März in Leipzig. „Wir haben da mit SLEAZY INC. OPERATED und KENNY KENNY OH OH gespielt, das war total toll.“ Malwina ist besonders begeistert von Sleazy‘s Schlagzeugerin Elinor, die auch einen Film darüber gedreht hat, wie sie zum Schlagzeug kam: „Meer is nich“. Das Schöne an jenem Konzert in Leipzig war aber eben: Auf der Bühne waren fast nur Frauen. „Und zwar ganz ohne Label oder ohne dass es jemand erwähnen musste, nicht absichtlich, sondern ganz normal. Wie es sein soll.“
Dass es nicht immer ist, wie es sein soll, zeigte sich am Tag darauf im Kontrastprogramm in Dresden. Hier gab es fast nur Männer auf der Bühne, was auch am Publikum auffiel: „Vor allem so gut angezogene Hardcoretypen. Die haben sich auch nicht viel für unsere Musik interessiert. Aber dann nach dem Auftritt sind ihre Freundinnen gekommen und haben unser Tape gekauft.“
Und machen sie Sprüche, die Jungs, gerade in der Szene? „Und wie!“ Genau wie Johanna war Malwina schon in der Situation, dass sie sich nicht beim Schlagzeugaufbau helfen lassen wollte, um das immer noch kursierende Klischee nicht noch zu bestätigen. Besonders nervt aber der häufige, nett gemeinte Kommentar, der gar nicht merkt, wie herablassend er rüberkommt. „Du spielst ja ganz interessant, aber du haust da nicht so richtig drauf.
Oder fieser: Ist eurer Schlagzeugerin nicht langweilig? Sowas zieht mich schon manchmal ganz schön runter, mehr als mir lieb ist. Aber das sind halt so Dinge, mit denen man leben muss. Wenn Männer schlecht spielen, sagen die anderen meistens nichts, bei Frauen meinen sie dann irgend wie immer, sie müssten einen Rat geben.“ Und gibt’s auch die direkte Sexismusschiene? „Mit deinen Becken würd ich auch gerne mal spielen.“ Wie bitte??? „Ja na ja, das war im Wild at Heart.“ Verstehe. Trotzdem.
„Es fällt schon noch auf, als Frau am Schlagzeug“, meint Malwina. „Auch wenn da in den letzten 10, 15 Jahren echt viel passiert ist. Bandintern spielt sowas zum Glück keine Rolle. Die Band fängt einen auf. Im Sommer gehen wir auch wieder auf Tour.“ Wann denn? „Mitte Juli wahrscheinlich. Aber am 11.6. spielen wir erst mal auf dem New Direction Festival in Herrenberg!“
Wisst ihr Bescheid.
DEAD TIRED IM NETZ
IV. RACHEL REP - IM ZENTRUM DES TORNADOS
Da soll ich Rachel Rep vom FARIN URLAUB RACING TEAM treffen. Im Schwarzen Café auf der Kantstraße. Und dann bin ich verhindert und kann die weite Reise in den Berliner Westen nicht antreten. Ich ärgere mich und der Kollege Gary Flanell darf hinfahren und das Gespräch führen. Leicht benommen kehrt er zurück und überreicht mir eine Audiodatei, so dass auch ich Rachel live sprechen darf. Oder zumindest hören.
Rachel stammt aus einer Musikerfamilie, hat aber selber erstmal als Model gearbeitet, ehe sie anfing, ernsthaft Schlagzeug zu spielen und zu schreiben. Ihr Roman „Panzerschokolade“ erzählt eine autobiographische Geschichte und ist beim Wiener Milena Verlag und inzwischen auch als Hörspiel beim WDR erschienen. Das Schlagzeug wurde ihr trotz Musikereltern nicht in die Wiege gelegt. „In meinem gut situierten Haushalt waren Saiteninstrumente ausschlaggebend – Schlagzeug galt eher als absolut unnötig.“
Und dann? „Dann hat mich dieser Freund, der Schlagzeuger war, in dieses Konzert geschleift. Terry Bozzio. Ich sag nur: bei Frank Zappa mitgespielt. Muss ich da noch was sagen? Weißte Bescheid.“
Bozzio, der bekannt für sein großes und vielteiliges Schlagzeug ist, trat damals in der Kölner Sporthalle mit dem Gitarristen Jeff Beck auf. „Der hatte die Kölner Sporthalle komplett mit Schlagzeug zugemüllt. Komplett! Da hab ich mich in das Instrument verknallt, ganz einfach. Da hab ich dann den Freund noch in der Nacht, nach dem Gig, in seinen Proberaum geschleppt. Der hat mir dann irgendwelche Triolen auf irgendwelchen Toms vorgespielt, und dann war‘s ganz aus.“ Die Langversion kann man anderswo nachlesen, Rachel skizziert ihren Werdegang für uns: „Erste Band, yeah! Zweite Band, uh! Dritte Band, wirste berühmt, jetzt sitz ich hier.“
Wie das mit dem Berühmt-Werden funktioniert, darüber macht sich Rachel keine Illusionen: „Da musste ich mit meiner süßen kleinen Band Glow ja überhaupt erstmal gesichtet werden in irgendeiner Art von Öffentlichkeit.“ Damit meint sie keine alternativen Bühnen. Wer Teil der Industrie werden will, der muss erstmal in die Medien-Öffentlichkeit, und das heißt immer noch meist MTV. Glow waren Emergenza-Gewinner. „Newcomerband tralala. Da liefen dann noch irgendwelche Videos auf MTV. Das ist zu der Zeit aufgefallen, denn es gab noch nicht so viele Mädels am Schlagzeug.“
Solcherart ausgewählt, hatte Rachel aber erstmal gar keine Lust auf das Farin Urlaub Racing Team. Sie wollte ihre eigene Musik spielen. „Playback? Was für ein Quatsch. Ich mochte die Ärzte immer, aber ich war nie so riesiger Fan wie die Leute in meiner Umgebung. Mein Bassist ist dann ausgerastet: Das sind meine Helden! Das kannst du doch nicht ablehnen! Na ja, dann hab ichs ausprobiert und dann hat es total gepasst. Ich liebe diese Band.“
Was es bedeutet, dass es total passt: da ist für sie sowohl die menschliche als auch die musikalische Ebene ausschlaggebend. „Ich hab mal mit einer Band gespielt, das Problem war: das waren Freunde. Aber dann... Also ich hab damals im Parka gespielt. Und wenn ich im Parka nach ner halben Stunde im Proberaum nicht durchgeschwitzt bin, dann stimmt da was nicht. Das ging dann leider nicht mehr.“
Und wie ist es so mit den immer gleichen Sprüchen, die Schlagzeugerinnen sich anhören müssen? „Das ist mir früher passiert, als ich noch nicht mit dem Farin Urlaub Racing Team gespielt habe – aber spätestens da hält sich dann, glaub ich, jeder zurück.“ Kennste aber schon? „Klar, früher ist das schon öfter passiert, dass man mir zeigen wollte, wie man ein Kabel zusammenrollt.“ Sie grinst süffisant. „Ich habe ja Verständnis fürs männliche Geschlecht, das ist kein Problem, ich weiß auch, dass das wohl irgendwie mit Testosteron zusammenhängt – ich hab ja auch viel Testosteron... Aber das hört irgendwann auf, spätestens wenn man mal zusammen gespielt hat.“ Aufhalten lassen sollte sich eine Frau nicht, wenn sie wirklich was reißen will in dem Bereich. „Da musst du dich mal kurz beweisen, aber eigentlich musst du nur das machen, was du liebst, fertig. Die Nummer mit Frau und Mann, das ist doch Bullshit.“ Finden wir auch.
Doch auch Rachel selbst meint: „Ich unterrichte ja ab und zu zeitweise und muss dann feststellen, dass wenige Frauen sich in der Rolle nicht als Ballerina, sondern als Drummerin sehen. Das ist ja nicht immer sexy, man muss sich konzentrieren und schwitzt ganz schön, die Schlepperei und so... Viele haben zwar ein gutes Rhythmusgefühl, die Koordination läuft flott, aber oft ist das sehr zart, und ich bin ja eher so n Massakertyp. Wenns dann anstrengend wird, oder auch wenn sie dann irgendwann Kinder haben wollen, dann erübrigt sich das manchmal wieder.“ Es sind eben nicht die lästigen sexistischen Sprüche, sondern viel eher die oft prekäre ökonomische Realität, die dafür sorgt, dass es immer noch wenig so erfolgreiche Schlagzeugerinnen wie Rachel gibt.
Und die sich durchsetzen, bleiben nicht unbedingt sympathisch. „Mit den Profidrummern willst du echt nicht verwandt sein. Aber was solls, Genies soll man in Ruhe lassen. Zum Glück gibt’s ja noch Terry Bozzio. Und wen ich liebe, das ist Dave Grohl. Weil der schon allein beim Spielen so rüberkommt, dass der auch menschlich ne geile Sau ist. Man ist so, wie man spielt, glaube ich immer noch. Und ich finde den fantastisch.“
Sind Trommler also auch manchmal Diven? „Ich glaub, es hackt! Das fragt mich ausgerechnet der Gitarrist. Ihr seid doch als Diven geboren!“ lacht sie. „Als Trommler muss ich hier gucken, dass ich das Ding zusammenhalte, das Schiff sozusagen durch die Stürme zerre. Da ist man doch Chef, muss die ganze Mannschaft aus der Front heraus, aus dem Hintergrund steuern. Das ist ja das Befriedigende. Trommeln, das ist das Zentrum des Tornados! Das Auge! Das ist so heilig, und deswegen muss das auch mit der Band so dermaßen passen... dass man sich so austoben darf, wie das bei mir ist, das ist wie ein Lottogewinn. Aber ich hatte da auch echt Glück.“
Rachel Rep im Netz
Text: Alissa Wyrdguth
Montag, 24. Oktober 2011
...but a nice cover
Es gibt eine Menge Platten, von denen man schnell sagen kann: Irgendwie kickt das nicht so richtig. Platten die weder abgrundtief schlecht noch superwahnsinnnig toll sind. Das sind genaugenommen wahrscheinlich 90% aller je erschienenen Platten. 5 Prozent würde man jederzeit gegen die eigene Großfamilie eintauschen und die anderen 5%, nunja, kann man gut als Brechmittel oder zur Lösung einer fiesen Obstipation einsetzen. Die sind so schlecht, dass einem beim Hören die Scheiße durch den Darm rutscht. Für die etwas grobe Ausdrucksweise möchte ich mich sofort entschuldigen, aber fiese Platten brauchen auch drastische Begrifflichkeiten. Und dann gibt es noch Platten wie die "Love Songs & Battle Hymns" eines Trios namens Muffalo. Die sind ungefähr so, wie die Leute im Klassenraum, die inder dritten Reihe von vorn, zweiter Platz von links sitzen und sich selten gemeldet haben. Man könntre sie Hinterbänkler nennen, wenn sie dafür nicht zu weit vorn gesssen hätten. Diese Leute waren immer eher ruhig, trotzdem nett, keine Riesenarschlöcher, aber auch niemand, mit denen man siene erste Zigarette auf dem Klo geteilt hätte. Sie waren einfach da. Und erst in der Distanz duch ihre stinknormale Unauffälligkeit wieder inteerssant. Ähnliche Eindrücke vermitteln Muffalo, die irgednwo aus den USA kommen und sich latent im Kyuuss-Umfled formiert haben. Mein erster Gedanke beim Hören der "Love Hymns and Battlesongs" war: Wieso nimmt man so eine Platte auf? Eine Gitarrenrockplatte mit einem leichten QUOTSA-Touch, aber ohne total in die dumpfe basslastige Sound-Wüste zu kippen. Die Songs sind gut gespielt, aber nie überragend, es findet sich nicht so recht der Aufschrei, der Hit, bei dem man sagen könnte, nur deshalb ist das hier eien Kaufempfehlung wert.
Gut, dachte ich, vielleicht habe ich sie nur noch nicht oft genug gehört. Also dann noch 5mal durchlaufen lassen. Ich muss kapitulieren. Es bleibt nichts hängen. Gitarrenlastige Rockmusik. Schnörkellos, gut gemacht, aber auch etwas graumäusig. Wenn man ein Album veröffentlicht, rechnet man vielleicht damit, dass es zumindest eine kleine Schar gibt, die die Songs hemmungslos abfeiert, selbst das kann ich mir bei Muffalo schwer vorstellen. Das Album läuft durch, als wäre alles mit angezogener Handbremse gespielt worden und die Herren Trautman, Myers und Gunderson
nicht so explodieren wollen, wie es bei einem Rockalbum sein muss, das Aufsehen erregen soll - und seien wir ehrlich - das ist doch das Ziel jeder Gitarrenrockplatte: Aufmerksamkeit erregen, egal ob durch laut oder leise, schnell oder langsam, extrem tricky oder total stumpf - es muss nur zumindest teilweise den Hörer aus seinem dumpfen Aufmerksamkeitsdefizit reissen - oder wie der Fachman sagt: es muss rocken, ansonsten kann man's gleich lassen. Was ziemlich gut mein Problem mit dem Durchschnitts-noch-nicht-mal-luschige-Kiffermucke von Muffalo beschreibt. Es fehlt einfach der Kick und ich frage mich immer noch: Warum so eine Platte rausbringen? Vielleicht brauche ich einfach 10 Jahre Distanz, um das hherauszufinden (Q) (Buttamilk Rec.)
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