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Donnerstag, 30. Januar 2025
Schön, wenn alte Männer noch Musik machen Pt. MMMMXXXXIIIIXMMMXXII
OLD MEN GROUP - OMG! It’s… THE OLD MEN GROUP
Was für ein Titel. Das schlägt direkt in die Magengrube. So bringt man sprachlich jung und alt zusammen. Generationsübergreifende Musik also? Vielleicht. Doch schauen wir uns die Old Man Group doch erstmal etwas genauer an. Der Name ist da schon Programm.
Denn young und fresh sind die drei Herren jetzt nicht mehr so ganz. Hatte doch Frontmann und Mastermind Klaus Cornfield schon vor runde zweihundert Jahren mit Throw That Beat In The Garbagecan internationalen Erfolg, bevor es mit Katze weiterging. Der Rest ist Geschichte. So far.
Doch nun gibt es seit ein paar Jahren eben besagte Old Men Group, die bereits zahlreiche Berliner Bühnen unsicher machte und auch mich bei einem auftritt im Neuköllner Posh Teckel hellauf begeistern konnte. Es hat dann etwas gedauert, aber endlich ist auch ihr erster Longplayer erschienen, der mir hier jetzt als CD vorliegt.
Zwölf Indie-Pop-Kleinode, die ordentlich nach Garage, Rock’n’Roll und Beat riechen. Lo-Fi mit Charme. Das kennt man von Klaus Cornfield. Und so ist auch drin, was drauf steht. Hier wird quer durch die Rock-Geschichte zitiert und geklaut, dass es eine wahre Freude ist. Hier die Troggs, da die Who und so geht es weiter. Die Platte macht unheimlich viel Spaß, fast so viel wie die Konzerte der Band.
Abel Gebhardt
Das Album mit dem Oh my God-Titel der Old Men Group gibt's hier auf ihrer Bandcamp-Seite.
Sonntag, 5. Januar 2020
Atomvulkan Britz - next Gig
Machen wir's kurz:
Atomvulkan Britz (NoiseDubWave-Instro-Effekt-Duo aus Berlin) spielt
am 25. 01.2020 gemeinsam mit den Kollegen von
BUM (angenehm hektisches Indie-Elektro-Gezappel) und Lutzilla (Gesang, Gitarre, Drums, Ex-Neustadt und Nördliche Gärten)) in ihrem favourite Schnapsloch.
Alle weiteren Infos stehen auf dem Flyer oben.
Und jetzt noch was zum gucken um zu hören...
Lutz Steinbrück (von Lutzilla)
und
Atomvulkan Britz mit ihrer Hitsingle BRITZKRIEG BOP
Dienstag, 28. Oktober 2014
THE KIDS ARE ALL SQUARE! - Medway Punk 1977-85
Es gibt Menschen, die sagen, in den 80ern wäre nur Scheißmusik entstanden. Und es gibt Menschen, die sagen, dass die 80er voll mit ganz wunderbarer Musik waren.
Während die erste Gruppe sich mit Grausen an die Plastik-Pop-Produktionen aus dem Hause Stock, Aitken und Waterman erinnert, kommt der zweite Gruppe eher das in den Sinn, was damals an Indiemusik, Punk/Hardcore und anderen aufregenden Sounds jenseits vom Hauptstrom der tumben Hitparaden zu hören war. Vielleicht legen sie bei ihrem ganz privaten Rückblick auch eine Scheibe von den MILKSHAKES auf – jener Band, mit der ein gewisser Billy Childish europaweit für Aufsehen sorgte. Dass die MILKSHAKES eine von vielen Bands war, die ein gewisser Landstrich um das ostenglische Flüßchen Medway hervorgebracht hat, haben wahrscheinlich nicht allzuviele auf dem Schirm.
Dabei steht der Begriff der „Medway Bands“ (benannt nach dem 112 Kilometer langen Fluß, in der Grafschaft Kent) eben genau für Gruppen wie THE DENTISTS, THE POP RIVETS (Childishs erster Band) oder THE PRISONERS, die bei Punk/Garagebeat-Liebhabern auf großen Anklang stießen. Grund genug, die musikalische Geschichte von Orten wie Chatham oder Rochester mal in von Ian Snowball, Fachmann für britische Popkultur aufarbeiten zu lassen, der in "THE KIDS ARE ALL SQUARE - Medway Punk 1977-85" eine Menge Beteiligter über ihre Ansichten zur damaligen Punk/Garage/Rockabilly-Szene im Südosten Englands zu Wort kommen lässt.
Klar, auch Billy Childish hat dabei was zu erzählen, aber der hat das Buch ja nun mal nicht zusammengestellt, also haben wir für RENFIELD No. 27 uns mal direkt an Ian Snowball zum Thema Medway Punk gewandt.
Gary: Hallo Ian, Du hast schon einige Bücher zum Thema Popkultur geschrieben, beispielsweise über Oasis, The Jam oder Ocean Colour Scene. Woher kam die Idee, mal einen Blick auf die Urspünge der Medway Szene zu werfen?
Ian Snowball: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des MedwaySounds und der dazugehörigen Bands. Ich mache nur Buchprojekte, von denen ich weiß, dass sie mich motivieren und inspirieren. Sich das Medway-Projekt auszusuchen, lag also wirklich nahe.
Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über die PRISONERS schreiben, aber irgendwie kam das nicht in die Gänge. Aber das Buchprojekt, das den Medway Sound gebührend würdigt, wollte ich immer noch unbedingt machen. Also habe ich Bob Collins von den Dentists gefragt, ob er daran interessiert sei, das Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Er stimmte zu und so saßen wir in einem Boot.
G.: Der Titel bezieht sich auf die Jahre zwischen 1977 und 1985. Warum hast du exakt diesen Zeitraum gewählt? 1977 als Jahr, in dem Punk quasi in die Welt trat, ist klar, aber was ist mit 1985? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Ende der Medway Szene markierte?
I.: 1977 war der Startpunkt, als Legenden wie Billy Childish und Bruce Brand anfingen Bands zu gründen. Dann trafen sich Graham Day und Allan Crockford und gründeten auch eine Band und der Rest ist Geschichte. Mitte der 80er gab’s dann diese Zeit, wo die Sachen langsam runterfuhren. Für diese Bands ging das auf ganz natürliche Weise zu Ende, für sie begann etwas Neues. Da ging es nicht wirklich um eine Reaktion auf die Veränderungen der Musik zu dieser Zeit. Es gibt in dem Buch aber ein paar Beiträge von Mitgliedern der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS, die auch von den Medway Bands inspiriert wurden und das in ihre eigene Musik einfließen ließen, die wiederum um 1989 größeren Einfluss auf die Musikindustrie ausübte.
Und nur ein paar Jahre davor hatte die Struktur der Musikszene sich dramatisch verändert. Das betraf auch die Medwaybands. Graham Day versuchte sich beispielsweise an einer neuen Band namens PLANET, die fast schon Acid Jazz machten. Und dann war da noch James Taylor, der den Acid Jazz Sound stark geprägt hat. Es war ganz anders als das, was THE PRISONERS gemacht haben. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Medway-Szene sich einfach aufgelöst hat. Sie hat sich in etwas anderes verwandelt.
G.: Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt? Hast du damals was von den Bands aus der Medway Area mitbekommen?
I.: Die Medway Bands waren in den 80ern sehr Underground. Einerseits waren sie schon ziemlich bekannt, aber in mancher Hinsicht doch immer noch sehr alternativ. Eigentlich war es sogar so, dass viele Bands in anderen europäischen Ländern bekannter waren als gerade in England. Ich selber fand THE PRISONERS spannend, weil ich mit Musik aufgewachsen war, die so eine Mod/60s Richtung hatte. Die Milkshakes waren punkiger, und ich bin nicht mit den Punks rumgehangen. Da gab es schon zwei Lager. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich anfing, Billy Childish’s Musik wirklich zu schätzen.
G.: Wenn du The Milkshakes, The Dentists und The Prisoners nimmst – die ja den Kern der sogenannten Medway Bands stellen, was hatten diese drei Bands deiner Meinung nach gemeinsam?
I.: Ursprünglich wollte ich das Buch „No Compromise“ nennen (was dann am Ende nur der Titel eines Kapitels wurde). Damit wollte ich hervorheben, dass Bands wie The Prisoners und The Milkshakes diese Tendenz wichtig war, sich nicht zu kompromittieren. So erschien es auf jeden Fall der Musikpresse. Ich schätzte ihre Einstellung, dass ihnen diese Haltung wirklich wichtig war, dass sie ihre Musik für sich machen wollten, und das war‘s eben… Und wenn das noch jemand anders gut fand, umso besser, aber darauf kam‘s nicht an. Auch die Klamotten und die Wahl der Instrumente war eine gemeinsame Vorliebe, das war alles in den 60ern verwurzelt.
G.: Wieso glaubst du, haben sich gerade dort mitten in der englischen Provinz eine aufregende innovative Musikszene entwickelt? Glaubst du dass es im Nachhinein ein Vorteil war, dass diese Bands weit weg von den ständigen Ablenkungen einer Metropole entstanden sind?
I.: Ich glaube, in erster Linie waren die Bandmitglieder erst mal einfach sie selbst. Ihre Musik war eine Erweiterung ihrer selbst und der Orte, an denen sie lebten. Ich bin auch am Medway aufgewachsen, von daher sind mir die Landschaft, der Baustil, die Menschen und die Szenerie sehr vertraut. Ich denke, das beeinflusst schon, was die Leute so machen. London ist nur 30 Minuten entfernt, so dass wir schon Zugang zu dem hatten, was dort abging, ohne gleich Teil davon sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass Langeweile was damit zu tun hat. Eher geht es bei den meisten Bands einfach darum, ein Instrument zu spielen und mit den Kumpels Songs zu schreiben. Von da aus kann sich alles Mögliche entwickeln, aber das Grundprinzip ist recht einfach. Aber ja, es hat schon etwas Mystisches und man kann viel darüber spekulieren, warum ein gewisser Sound ausgerechnet in einer kleinen Region in Kent entstanden ist. Die Frage kann wohl nie richtig beantwortet werden. Glücklicherweise.
G.: Es wird öfter berichtet, dass recht viele bekannte Bands aus Seattle von Billy Childish und anderen Medway-Bands beeinflusst sind. Wo würdest du Gemein-samkeiten zwischen der frühen Grunge-Szene und den Medway Bands sehen?
I.: Zu der Zeit selbst ist es mir nicht aufgefallen, aber als der Grunge-Hype nachließ, war schon deutlich zu sehen, dass ein paar dieser Bands ihre Inspirationen von Billy und Co. hatten. Jack White ist ein gutes Beispiel. Er wollte, dass Billy mit ihm bei Top of the Pops auftritt, aber die Show sagte nein. Also hat er sich Billy Childish stattdessen mit Tinte auf den Arm geschrieben. Ich denke, jede Art von Musik entwickelt ihre eigene Atmosphäre, und das ist es, worauf Leute reagieren. Also ja, Seattle hat auf Medway reagiert, und sie haben ihr eigenes Ding daraus geformt. Es gibt viele Bands, die Medway als Einfluß nennen. Manche dieser Einflüsse kann man in ihren Songs hören, aber es fehlt immer etwas, etwas Besonderes und Entscheidendes, das nur Bands aus den Medway-Städten haben. Es ist dasselbe, wenn eine Band wie die SPECIALS klingen will, aber nicht aus Coventry kommt. Oder man will wie die TEMPTATIONS klingen, hat aber nicht in Hitsville aufgenommen.
G.: Das, was im Buch geschildert wird, erinnert mich allerdings eher an die Szene um Dischord Records aus Washington – auch wenn die Musik eine ganz andere war: Da drehte sich auch alles um Fugazi, Ian McKaye und eben Dischord Records: Bands und Menschen, bei denen irgendwie ein gewisser DIY-Ethos in Bezug auf Aufnahmetechniken und Vertrieb wichtig war. Siehst du da Ähnlichkeiten?
I.: Das ist ein guter Punkt, genau das meinte ich eben mit dem Beispiel Hitsville. Ja, Studios und Produzenten haben einen ungeheuren Einfluss. Meine Band AUNT NELLY nimmt in den Ranscombe Studios in Rochester auf, die von einem super Typen namens Jim Riley geleitet werden. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Sachen von Billy Childish, Graham Day, Glenn Pragnell und all denen aufgenommen. Deswegen hat er diesen Sound einfach drauf und versteht ihn richtig gut. Jim hat auch selber in einer Medway Band gespielt, WIPEOUT. Er weiß also wirklich, was er da macht. Mir scheint, das Label, auf dem die Platten erscheinen, ist gar nicht so entscheidend. Die Medway Bands haben viele verschiedene Labels gehabt. Aber das Studio, das die Songs aufnimmt, das macht echt einen Unterschied.
G.: MILKSHAKES, DENTISTS, PRISONERS – das sind alles reine Jungs-Bands. Gab es in der Medway-Area in den 80ern keine Frauen, die in der Szene um diese Bands aktiv Musik waren? Warum war das ein reines Jungs-Ding?
I.: Ist das nicht in den meisten ‚Szenen‘ so? Man muss sich nur in den 60ern anschauen: THE BEATLES, WHO, SMALL FACES, in den 80ern bei Madchester die STONE ROSES und die INSPIRALS, die meisten Two Tone Bands bestehen aus Jungs... aber es gab auch die BODYSNATCHERS und in Medway gab es die HEADCOATEES, und später die A LINES. Aber im Großen und Ganzen denke ich, Jungs haben einfach mehr Interesse daran, in Bands zu spielen. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.
G.: Wenn ich an England und Punk denke, assoziiere ich damit Oi, Crustpunk, Anarchobands wie Crass und, klar, auch klassischen Punkrock wie Sex Pistols, Damned, The Clash usw. Aber das sind alles sehr eng definierte und eingegrenzte Szenen. Die Medwaybands schienen mir da eine leichtere, ironischere Definition von Punk zu haben. Eine, die offener ist, sich aber auch von anderen Subkulturen wie Mods, Psychobilllys, Gothics abgrenzt. Siehst du das ähnlich?
I.: Hier geht‘s wieder darum, dass die Medway Bands nie versucht haben, wie irgendjemand zu klingen oder zu sein, sondern einfach ihr eigenes Ding gemacht haben. Sie hatten nie vor, sich einer Szene anzugleichen. Sie wurden umgekehrt von den Mods, Punks und Psychobillys aufgegriffen. Es ist so ähnlich wie THE JAM. Die hatten auch nie vor, eine Mod- oder Punkband zu sein, und das waren sie auch nicht, aber die Mods und die Punks haben sie für sich entdeckt.
G.: War es schwierig, all die Interviewpartner für das Buch ausfindig zu machen?
I.: Nein, gar nicht! Wir hätten noch viele andere mit reinbringen können, aber wir mussten uns ja irgendwie begrenzen. Letzte Woche habe ich mit AUNT NELLY in Italien gespielt, als Vorband für eine alte Mod-Band, THE CLIQUE. Bruce Brand hat bei denen Gitarre gespielt, und wir sprachen über das Buch. Und er meinte bloß: „Das war ein Buch, das dringend geschrieben werden musste.“ Ich denke, dass Leute wie Billy und Graham das auch so sehen, und Bob und ich haben‘s eben einfach gemacht. Die ganze Geschichte ist in dem Buch, und es kann bei dem Buch nur um diese Geschichte gehen. Bob und ich sind sehr glücklich damit, wie es geworden ist und wer mit dabei ist.
G.: Warum hast du für das Buch die Interviewform gewählt? Warum ist es einfacher, das alles in einer oral history darzustellen?
I.: Ich benutze oft die Interview-Form. Es ist mir wichtig, Geschichte zu schreiben aus der Erfahrung der Leute heraus, die diese Geschichte gemacht haben. Ein Buch wird so vielfältig und schillernd. Billy erinnert sich vielleicht anders als Bruce oder Graham, aber jede Sicht zählt. Diese Methode fängt ein Gefühl für die Geschichte und ihren Sinn ein, und das setze ich gern beim Schreiben ein. Aus Erfahrung lernt man am besten, denke ich, also muss man mit den Leuten reden, die dabei waren.
G.: Ich finde Billy Childish ist mit Abstand die bekannteste Figur des Buches – wie war sein Reaktion als er von den Plänen, ein Buch über die Medway Bands zu machen, erfahren hat?
I.: Billy fand das in Ordnung. Wir kennen uns, und ich denke, er hat mir da vertraut. Das ist natürlich hilfreich. Bei den Büchern über THE JAM und OASIS war das auch so. Wenn man sowas machen will, müssen die Leute, um die es geht, dir vertrauen, dass du ihre Geschichte verstehst, weil sie ihnen wichtig ist. Und das Medway Buch war für Billy sehr wichtig. Und jetzt, da er es gesehen hat, ist er zufrieden. Ich hab so vor drei Wochen bei ihm vorbeigeschaut und wir haben ausführlich gequatscht über das Buch, und auch über das Buch, an dem er gerade schreibt. Billy ist ein faszinierender Typ, und es macht Spaß, mit ihm rumzuhängen.
G.: Ist denn heute eigentlich noch was vom Einfluss der frühen Medway Bands in Chatham und den anderen Städten der Medway-Region übrig geblieben?
I.: Klar sind da Bands, die werden da immer sein, und einige haben ihre Inspirationen von THE PRISONERS, MILKSHAKES und all den anderen. Aber vor allem sind die ja auch immer noch da, und die meisten von ihnen machen immer noch was. Glenn Pragnell von den OFFBEATS nimmt mit seiner Band GROOVY UNCLE auf, Graham spielt wieder mit Allan in GRAHAM DAY AND THE FOREFATHERS, und die DISCORDS gibt‘s immer noch. Und Billy natürlich, der wird bis zu seinen letzten Tagen spielen und aufnehmen. Der kann gar nicht anders!
G.: Du hast das Buch zusammen mit Bob Collins von den Dentists geschrieben. Die meisten Bücher von dir sind in Kooperation mit einem anderen Autor erschienen. Wieso schreibst du die meisten Bücher im „Doppelpack“?
I.: Mit verschiedenen Leuten habe ich verschiedene Arten der Zusammenarbeit entwickelt. Mit Bob war das unkompliziert. Wir haben uns die Interviews aufgeteilt. Das mit Billy haben wir zusammen gemacht, an einem Tag haben wir über vier Stunden mit ihm verbracht. Das ging dann so aus, dass Billy uns zu sich nach Hause geschleift hat, um uns neue Songs vorzuspielen. Eigentlich haben Bob und ich vor allem einfach mit all unseren Freunden gequatscht, die sowieso zu all diesen Medwaybands gehören. Aber wir kennen auch verschiedene Leute, das war natürlich praktisch. Mir macht es Spaß, ein Buch mit jemand zusammen zu machen. Aber ich schreibe auch gerne literarischen Kram.
Literarisches Schreiben und Sachbücher sind schon ganz schön unterschiedlich. Für meinen ersten Roman LONG HOT SUMMER habe ich 2009 drei Wochen gebraucht. Ich denke, ein Buch zusammen zu schreiben funktioniert, wenn die Chemie stimmt. Gerade hab ich die Autobiographie für Rick Buckler von THE JAM geschrieben, als Ghostwriter. Rick und ich haben neun Monate dafür gebraucht, und sie wird zum Ende des Jahres erscheinen. Da gab’s eine Menge Interviews zu machen und zu transkribieren. Aber Rick ist ein total netter Kerl und ich bin ein riesiger Fan von THE JAM. Also war das ein großer Spaß.
Gary: Ian, vielen Dank für das Interview “The kids are all square – Medway Punk 1977-85” (ISBN-10: 0992830419) ist bei Countdown Books erschienen. countdownbooks.com
Während die erste Gruppe sich mit Grausen an die Plastik-Pop-Produktionen aus dem Hause Stock, Aitken und Waterman erinnert, kommt der zweite Gruppe eher das in den Sinn, was damals an Indiemusik, Punk/Hardcore und anderen aufregenden Sounds jenseits vom Hauptstrom der tumben Hitparaden zu hören war. Vielleicht legen sie bei ihrem ganz privaten Rückblick auch eine Scheibe von den MILKSHAKES auf – jener Band, mit der ein gewisser Billy Childish europaweit für Aufsehen sorgte. Dass die MILKSHAKES eine von vielen Bands war, die ein gewisser Landstrich um das ostenglische Flüßchen Medway hervorgebracht hat, haben wahrscheinlich nicht allzuviele auf dem Schirm.
Dabei steht der Begriff der „Medway Bands“ (benannt nach dem 112 Kilometer langen Fluß, in der Grafschaft Kent) eben genau für Gruppen wie THE DENTISTS, THE POP RIVETS (Childishs erster Band) oder THE PRISONERS, die bei Punk/Garagebeat-Liebhabern auf großen Anklang stießen. Grund genug, die musikalische Geschichte von Orten wie Chatham oder Rochester mal in von Ian Snowball, Fachmann für britische Popkultur aufarbeiten zu lassen, der in "THE KIDS ARE ALL SQUARE - Medway Punk 1977-85" eine Menge Beteiligter über ihre Ansichten zur damaligen Punk/Garage/Rockabilly-Szene im Südosten Englands zu Wort kommen lässt.
Klar, auch Billy Childish hat dabei was zu erzählen, aber der hat das Buch ja nun mal nicht zusammengestellt, also haben wir für RENFIELD No. 27 uns mal direkt an Ian Snowball zum Thema Medway Punk gewandt.
Gary: Hallo Ian, Du hast schon einige Bücher zum Thema Popkultur geschrieben, beispielsweise über Oasis, The Jam oder Ocean Colour Scene. Woher kam die Idee, mal einen Blick auf die Urspünge der Medway Szene zu werfen?
Ian Snowball: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des MedwaySounds und der dazugehörigen Bands. Ich mache nur Buchprojekte, von denen ich weiß, dass sie mich motivieren und inspirieren. Sich das Medway-Projekt auszusuchen, lag also wirklich nahe.
Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über die PRISONERS schreiben, aber irgendwie kam das nicht in die Gänge. Aber das Buchprojekt, das den Medway Sound gebührend würdigt, wollte ich immer noch unbedingt machen. Also habe ich Bob Collins von den Dentists gefragt, ob er daran interessiert sei, das Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Er stimmte zu und so saßen wir in einem Boot.
G.: Der Titel bezieht sich auf die Jahre zwischen 1977 und 1985. Warum hast du exakt diesen Zeitraum gewählt? 1977 als Jahr, in dem Punk quasi in die Welt trat, ist klar, aber was ist mit 1985? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Ende der Medway Szene markierte?
I.: 1977 war der Startpunkt, als Legenden wie Billy Childish und Bruce Brand anfingen Bands zu gründen. Dann trafen sich Graham Day und Allan Crockford und gründeten auch eine Band und der Rest ist Geschichte. Mitte der 80er gab’s dann diese Zeit, wo die Sachen langsam runterfuhren. Für diese Bands ging das auf ganz natürliche Weise zu Ende, für sie begann etwas Neues. Da ging es nicht wirklich um eine Reaktion auf die Veränderungen der Musik zu dieser Zeit. Es gibt in dem Buch aber ein paar Beiträge von Mitgliedern der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS, die auch von den Medway Bands inspiriert wurden und das in ihre eigene Musik einfließen ließen, die wiederum um 1989 größeren Einfluss auf die Musikindustrie ausübte.
Und nur ein paar Jahre davor hatte die Struktur der Musikszene sich dramatisch verändert. Das betraf auch die Medwaybands. Graham Day versuchte sich beispielsweise an einer neuen Band namens PLANET, die fast schon Acid Jazz machten. Und dann war da noch James Taylor, der den Acid Jazz Sound stark geprägt hat. Es war ganz anders als das, was THE PRISONERS gemacht haben. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Medway-Szene sich einfach aufgelöst hat. Sie hat sich in etwas anderes verwandelt.
G.: Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt? Hast du damals was von den Bands aus der Medway Area mitbekommen?
I.: Die Medway Bands waren in den 80ern sehr Underground. Einerseits waren sie schon ziemlich bekannt, aber in mancher Hinsicht doch immer noch sehr alternativ. Eigentlich war es sogar so, dass viele Bands in anderen europäischen Ländern bekannter waren als gerade in England. Ich selber fand THE PRISONERS spannend, weil ich mit Musik aufgewachsen war, die so eine Mod/60s Richtung hatte. Die Milkshakes waren punkiger, und ich bin nicht mit den Punks rumgehangen. Da gab es schon zwei Lager. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich anfing, Billy Childish’s Musik wirklich zu schätzen.
G.: Wenn du The Milkshakes, The Dentists und The Prisoners nimmst – die ja den Kern der sogenannten Medway Bands stellen, was hatten diese drei Bands deiner Meinung nach gemeinsam?
I.: Ursprünglich wollte ich das Buch „No Compromise“ nennen (was dann am Ende nur der Titel eines Kapitels wurde). Damit wollte ich hervorheben, dass Bands wie The Prisoners und The Milkshakes diese Tendenz wichtig war, sich nicht zu kompromittieren. So erschien es auf jeden Fall der Musikpresse. Ich schätzte ihre Einstellung, dass ihnen diese Haltung wirklich wichtig war, dass sie ihre Musik für sich machen wollten, und das war‘s eben… Und wenn das noch jemand anders gut fand, umso besser, aber darauf kam‘s nicht an. Auch die Klamotten und die Wahl der Instrumente war eine gemeinsame Vorliebe, das war alles in den 60ern verwurzelt.
G.: Wieso glaubst du, haben sich gerade dort mitten in der englischen Provinz eine aufregende innovative Musikszene entwickelt? Glaubst du dass es im Nachhinein ein Vorteil war, dass diese Bands weit weg von den ständigen Ablenkungen einer Metropole entstanden sind?
I.: Ich glaube, in erster Linie waren die Bandmitglieder erst mal einfach sie selbst. Ihre Musik war eine Erweiterung ihrer selbst und der Orte, an denen sie lebten. Ich bin auch am Medway aufgewachsen, von daher sind mir die Landschaft, der Baustil, die Menschen und die Szenerie sehr vertraut. Ich denke, das beeinflusst schon, was die Leute so machen. London ist nur 30 Minuten entfernt, so dass wir schon Zugang zu dem hatten, was dort abging, ohne gleich Teil davon sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass Langeweile was damit zu tun hat. Eher geht es bei den meisten Bands einfach darum, ein Instrument zu spielen und mit den Kumpels Songs zu schreiben. Von da aus kann sich alles Mögliche entwickeln, aber das Grundprinzip ist recht einfach. Aber ja, es hat schon etwas Mystisches und man kann viel darüber spekulieren, warum ein gewisser Sound ausgerechnet in einer kleinen Region in Kent entstanden ist. Die Frage kann wohl nie richtig beantwortet werden. Glücklicherweise.
G.: Es wird öfter berichtet, dass recht viele bekannte Bands aus Seattle von Billy Childish und anderen Medway-Bands beeinflusst sind. Wo würdest du Gemein-samkeiten zwischen der frühen Grunge-Szene und den Medway Bands sehen?
I.: Zu der Zeit selbst ist es mir nicht aufgefallen, aber als der Grunge-Hype nachließ, war schon deutlich zu sehen, dass ein paar dieser Bands ihre Inspirationen von Billy und Co. hatten. Jack White ist ein gutes Beispiel. Er wollte, dass Billy mit ihm bei Top of the Pops auftritt, aber die Show sagte nein. Also hat er sich Billy Childish stattdessen mit Tinte auf den Arm geschrieben. Ich denke, jede Art von Musik entwickelt ihre eigene Atmosphäre, und das ist es, worauf Leute reagieren. Also ja, Seattle hat auf Medway reagiert, und sie haben ihr eigenes Ding daraus geformt. Es gibt viele Bands, die Medway als Einfluß nennen. Manche dieser Einflüsse kann man in ihren Songs hören, aber es fehlt immer etwas, etwas Besonderes und Entscheidendes, das nur Bands aus den Medway-Städten haben. Es ist dasselbe, wenn eine Band wie die SPECIALS klingen will, aber nicht aus Coventry kommt. Oder man will wie die TEMPTATIONS klingen, hat aber nicht in Hitsville aufgenommen.
G.: Das, was im Buch geschildert wird, erinnert mich allerdings eher an die Szene um Dischord Records aus Washington – auch wenn die Musik eine ganz andere war: Da drehte sich auch alles um Fugazi, Ian McKaye und eben Dischord Records: Bands und Menschen, bei denen irgendwie ein gewisser DIY-Ethos in Bezug auf Aufnahmetechniken und Vertrieb wichtig war. Siehst du da Ähnlichkeiten?
I.: Das ist ein guter Punkt, genau das meinte ich eben mit dem Beispiel Hitsville. Ja, Studios und Produzenten haben einen ungeheuren Einfluss. Meine Band AUNT NELLY nimmt in den Ranscombe Studios in Rochester auf, die von einem super Typen namens Jim Riley geleitet werden. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Sachen von Billy Childish, Graham Day, Glenn Pragnell und all denen aufgenommen. Deswegen hat er diesen Sound einfach drauf und versteht ihn richtig gut. Jim hat auch selber in einer Medway Band gespielt, WIPEOUT. Er weiß also wirklich, was er da macht. Mir scheint, das Label, auf dem die Platten erscheinen, ist gar nicht so entscheidend. Die Medway Bands haben viele verschiedene Labels gehabt. Aber das Studio, das die Songs aufnimmt, das macht echt einen Unterschied.
G.: MILKSHAKES, DENTISTS, PRISONERS – das sind alles reine Jungs-Bands. Gab es in der Medway-Area in den 80ern keine Frauen, die in der Szene um diese Bands aktiv Musik waren? Warum war das ein reines Jungs-Ding?
I.: Ist das nicht in den meisten ‚Szenen‘ so? Man muss sich nur in den 60ern anschauen: THE BEATLES, WHO, SMALL FACES, in den 80ern bei Madchester die STONE ROSES und die INSPIRALS, die meisten Two Tone Bands bestehen aus Jungs... aber es gab auch die BODYSNATCHERS und in Medway gab es die HEADCOATEES, und später die A LINES. Aber im Großen und Ganzen denke ich, Jungs haben einfach mehr Interesse daran, in Bands zu spielen. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.
G.: Wenn ich an England und Punk denke, assoziiere ich damit Oi, Crustpunk, Anarchobands wie Crass und, klar, auch klassischen Punkrock wie Sex Pistols, Damned, The Clash usw. Aber das sind alles sehr eng definierte und eingegrenzte Szenen. Die Medwaybands schienen mir da eine leichtere, ironischere Definition von Punk zu haben. Eine, die offener ist, sich aber auch von anderen Subkulturen wie Mods, Psychobilllys, Gothics abgrenzt. Siehst du das ähnlich?
I.: Hier geht‘s wieder darum, dass die Medway Bands nie versucht haben, wie irgendjemand zu klingen oder zu sein, sondern einfach ihr eigenes Ding gemacht haben. Sie hatten nie vor, sich einer Szene anzugleichen. Sie wurden umgekehrt von den Mods, Punks und Psychobillys aufgegriffen. Es ist so ähnlich wie THE JAM. Die hatten auch nie vor, eine Mod- oder Punkband zu sein, und das waren sie auch nicht, aber die Mods und die Punks haben sie für sich entdeckt.
G.: War es schwierig, all die Interviewpartner für das Buch ausfindig zu machen?
I.: Nein, gar nicht! Wir hätten noch viele andere mit reinbringen können, aber wir mussten uns ja irgendwie begrenzen. Letzte Woche habe ich mit AUNT NELLY in Italien gespielt, als Vorband für eine alte Mod-Band, THE CLIQUE. Bruce Brand hat bei denen Gitarre gespielt, und wir sprachen über das Buch. Und er meinte bloß: „Das war ein Buch, das dringend geschrieben werden musste.“ Ich denke, dass Leute wie Billy und Graham das auch so sehen, und Bob und ich haben‘s eben einfach gemacht. Die ganze Geschichte ist in dem Buch, und es kann bei dem Buch nur um diese Geschichte gehen. Bob und ich sind sehr glücklich damit, wie es geworden ist und wer mit dabei ist.
G.: Warum hast du für das Buch die Interviewform gewählt? Warum ist es einfacher, das alles in einer oral history darzustellen?
I.: Ich benutze oft die Interview-Form. Es ist mir wichtig, Geschichte zu schreiben aus der Erfahrung der Leute heraus, die diese Geschichte gemacht haben. Ein Buch wird so vielfältig und schillernd. Billy erinnert sich vielleicht anders als Bruce oder Graham, aber jede Sicht zählt. Diese Methode fängt ein Gefühl für die Geschichte und ihren Sinn ein, und das setze ich gern beim Schreiben ein. Aus Erfahrung lernt man am besten, denke ich, also muss man mit den Leuten reden, die dabei waren.
G.: Ich finde Billy Childish ist mit Abstand die bekannteste Figur des Buches – wie war sein Reaktion als er von den Plänen, ein Buch über die Medway Bands zu machen, erfahren hat?
I.: Billy fand das in Ordnung. Wir kennen uns, und ich denke, er hat mir da vertraut. Das ist natürlich hilfreich. Bei den Büchern über THE JAM und OASIS war das auch so. Wenn man sowas machen will, müssen die Leute, um die es geht, dir vertrauen, dass du ihre Geschichte verstehst, weil sie ihnen wichtig ist. Und das Medway Buch war für Billy sehr wichtig. Und jetzt, da er es gesehen hat, ist er zufrieden. Ich hab so vor drei Wochen bei ihm vorbeigeschaut und wir haben ausführlich gequatscht über das Buch, und auch über das Buch, an dem er gerade schreibt. Billy ist ein faszinierender Typ, und es macht Spaß, mit ihm rumzuhängen.
G.: Ist denn heute eigentlich noch was vom Einfluss der frühen Medway Bands in Chatham und den anderen Städten der Medway-Region übrig geblieben?
I.: Klar sind da Bands, die werden da immer sein, und einige haben ihre Inspirationen von THE PRISONERS, MILKSHAKES und all den anderen. Aber vor allem sind die ja auch immer noch da, und die meisten von ihnen machen immer noch was. Glenn Pragnell von den OFFBEATS nimmt mit seiner Band GROOVY UNCLE auf, Graham spielt wieder mit Allan in GRAHAM DAY AND THE FOREFATHERS, und die DISCORDS gibt‘s immer noch. Und Billy natürlich, der wird bis zu seinen letzten Tagen spielen und aufnehmen. Der kann gar nicht anders!
G.: Du hast das Buch zusammen mit Bob Collins von den Dentists geschrieben. Die meisten Bücher von dir sind in Kooperation mit einem anderen Autor erschienen. Wieso schreibst du die meisten Bücher im „Doppelpack“?
I.: Mit verschiedenen Leuten habe ich verschiedene Arten der Zusammenarbeit entwickelt. Mit Bob war das unkompliziert. Wir haben uns die Interviews aufgeteilt. Das mit Billy haben wir zusammen gemacht, an einem Tag haben wir über vier Stunden mit ihm verbracht. Das ging dann so aus, dass Billy uns zu sich nach Hause geschleift hat, um uns neue Songs vorzuspielen. Eigentlich haben Bob und ich vor allem einfach mit all unseren Freunden gequatscht, die sowieso zu all diesen Medwaybands gehören. Aber wir kennen auch verschiedene Leute, das war natürlich praktisch. Mir macht es Spaß, ein Buch mit jemand zusammen zu machen. Aber ich schreibe auch gerne literarischen Kram.
Literarisches Schreiben und Sachbücher sind schon ganz schön unterschiedlich. Für meinen ersten Roman LONG HOT SUMMER habe ich 2009 drei Wochen gebraucht. Ich denke, ein Buch zusammen zu schreiben funktioniert, wenn die Chemie stimmt. Gerade hab ich die Autobiographie für Rick Buckler von THE JAM geschrieben, als Ghostwriter. Rick und ich haben neun Monate dafür gebraucht, und sie wird zum Ende des Jahres erscheinen. Da gab’s eine Menge Interviews zu machen und zu transkribieren. Aber Rick ist ein total netter Kerl und ich bin ein riesiger Fan von THE JAM. Also war das ein großer Spaß.
Gary: Ian, vielen Dank für das Interview “The kids are all square – Medway Punk 1977-85” (ISBN-10: 0992830419) ist bei Countdown Books erschienen. countdownbooks.com
Sonntag, 16. Juni 2013
I send no postcard
Bonjour! ist immer eine gute Moeglichkeit einen Text zu beginnen. Ich war lang nicht mehr hier. Das ist seltsam. Es fuehlt sich ungefaehr so an, als haette man mal wieder sein Zuhause betreten, das man vor Monaten fluchtartig verlassen hat. Man kennt das alles, alle Gegenstaende stehen immer noch am gleichen Platz, alles ist unberuehrt, schliesslich hat man ja alles selber so hinterlassen, wie es vor ein paar Monaten war. Nur den Staub, den sieht man hier nicht, da hinkt der Vergleich, im Netz gibt es keine digitale Milbenscheisse, die sich wie ein sanfter Flaum auf allem niederlegt, was sonst lange Zeit unberuehrt war. Wann wird der digitale Staub erfunden?
Ich will gar nicht lange erklaeren, warum ich solange nicht mehr hier war. Sagen wir es so: Ich war einfach nicht da. Es gab wichtigere Sachen, als hier immer wieder ein paar Rezensionen abzuwerfen. Und es GIBT immer noch wichtigere Sachen als das. Denn das Renfield ist ja nicht einfach ein Musikmagagazin und scheisse noch eins, diesen Satz, diesen Ansatz, um mir selber mal wieder den Sinn des Renfields klar zu amchen wollte ich doch fuers naechste Vorwort aufheben. Egal. Weiter, immer weiter.
Es ist Samstag, ich sitze an meinem kleinen, etwas der Sonne abgeneigten Arbeitsplatz. Das Fenster ist halboffen ("auf Kipp" wie man so sagt). Von unten aus dem Hof droehnt irgendeine nicht naeher zu bestimmende elektronische Musik herauf unter die sich Stimmen und Gelaechter mischen. Die Musik: elektronisch, sehr repetitiv, ein immer wiederkehrender Beat, dazu irgendwelche Soundflaechen, die mich an Galaxien, Raumschiffe und Drogen denken lassen. Insgesamt sehr fix und wachmachend. Wenig chillend. Und ein paar wenige Stimmen. Das alles zusammen ist das Hoffest unseres Hauses, das dort stattfindet, oder das, was um 20 Uhr noch davon uebrig ist. Auch ich war dort unten, habe mich allerdings nach dem Verzehr von etwas Grillgut zu einem Nickerchen aufgemacht. Das Hoffest wird uebrigens - was ich sehr schoen und nett finde - von unseren Vermietern veranstaltet. Gibt es viel zu selten sowas, warum machen das nicht oefters mal irgendwelche Hausbesitzer fuer ihre Mieter? Einmal im Jahr den Grill aufstellen und fuer alle ein bisschen Fleisch, Salat und Fladenbrot hinlegen kann ja so schwer nicht sein. Und wuerde wohl auch das Verhaeltnis zwischen Besitzer und Mietpartei in den meisten Faellen etwas bessern. Wahrscheinlich wuerden die meisten Vermieter sich auch zum ersten Mal bewusst werden, WER denn da ueberhaupt ihre Miete zahlt. Und ausserdem muessten bei den monatlichen Einnahmen wohl auch ein paar Wuerstchen fuer das Barbeque drinsitzen. Und mit Sicherheit auch die qualitativ hochwertigen aus dem Bioladen. Bevor ich mich jedoch in unseren huebschen gruenen Hinterhof begeben habe, war noch etwas anderes zu tun. Platten kaufen. Ist eine huebsche Beschaeftigung fuer den Samstagnachmittag, das wurde mir heute sehr bewusst. Besonders, weil der Plattenladen den Mark und ich aufgesucht haben, normalerweise nicht der ist, in dem ich meine Platten kaufe. Ok, ich gehe gern zu Bis aufs Messer, sehr gern ins Wowsville, mal auch ins Videodrom, auch wen das jetzt nicht mehr so heisst oder zu hhv, Static Shock, VoPo Records und was es noch so alles gibt. Selten treibe ich mich auf der Zossener und Bergmannstrasse rum, in diesem viel zu schicken Teil Kreuzbergs, wo sich am Samstag nachmittag die Touristen gegenseitig auf die Zehen treten (und wohl immer noch glauben, das sei jetzt "so Berlin"). Diesmal schon. In die SpaceHall hat es mich verschlagen und ich wusste nicht, was mich da erwartet. Ich gebe zu, einmal war ich schon da. Damals habe ich mir aber sehr zielbewusst die letzte LP von Scroobius Pip aushaendigen lassen, diesem britischen Wortakrobaten, der ein bisschen was von The Streets hat, und zum ersten Song das beste "Ich rasier mich mal eben, waehrend ich hier im Container sitze und euch was vorsinge"-Video. Weil ich damals nur diese Platte haben wollte, hat mich der Rest gar nicht interessiert, also bin ich gar nicht bis hinten durchgelatscht. Heute schon. Und habe glatt drei - oder waren es vier? - Stunden in diesem Ding verbracht. In diesen weitlaeufigen dunklen Raeumen, mit unheimlich vielen Platten und dieser sehr ruhigen Atmosphaere. Keine Ahnung, wie der Winter wird, aber wenn mir alles auf den Sack geht, dann denke ich, waere diese Art von Plattenladen der Ort, in dem ich die zu erwartenden Schnee- und Eiseskapaden verbringen koennte. Es ist ungefaehr so, wie in einem Fuchsbau. Oder in einer Baerenhoehle. Platz genug fuer lichtscheue einige Plattennerd/Kraemerseelen und genug Vinyl, das man durchhoeren kann, bis die Sonne sich mal wieder zeigt. Diesen Ort muss ich mir merken. Aber: Niemand von der Space Hall hat mich bezahlt, fuer diese Lobhudelei, die eigentlich auch keine sein sollte. Denn auch wenn der Laden aufgrund seienr Groesse zu empfehlen ist, sagt der Finanzminister in mir: ist aber auch n bischn teuer hier. Aber da ja Besuch in der Stadt ist und ich mir zu meinem Geburtstag eine Platte aussuchen darf, habe ich so ausdauernd in den muffigen Plattenkisten gewuehlt, wie lange nicht mehr. Und mit soviel Ruhe! Und festgestellt, dass Plattenlaeden mit ihren Vinyl-Klarsichthuellen immer noch diesen muffigen einzigartigen Plastegeruch haben, wie er schon vor 20 Jahren aus diesen Lokalitaten nicht wegzukriegen waren. Es hat natuerlich nicht lange gedauert, bis ein Stapel Platten unter meinem Arm zur Abhoerstation gewandert ist - Vorauswahl ist gut, muss ja sein. Habe - im Gegensatz zu frueher - keinen Bock mehr, Platten mal eben so zu kaufen, weil ich mal was interessantes ueber den Kuenstler gehoert habe. Oder mir das Cover gefaellt. Oder beides. Gibt es alles.
Was hatte ich also mit in den Re-Call genommen? Eine 2012er-Platte von Mark Lanegan, die Blues Funeral, eine von Ty Segall (auch von 2012), eine von Mrs.Magician, eine von Solex vs. Cristina Martinez und Jon Spencer, ein Billo-Uraltsampler namens Radio Tokyo Tapes Vol. 3, die Black Lightning-LP von den Bellrays und eine LP von Freakwater, die aber nur, weil ich es schoen finde, von denen mal eine andere zu sehen, als die wunderbare Endtime-Platte. Dann noch die LP von den Alabam Shakes, so Blues, R'n'B-Garage-Getudel. Und ein paar 7inches von den Computers, Mary Weiss und The Amazing Snakeheads (sah irgendwie gut aus, die Band kannte ich gar nicht). Alles konnte ich nicht mitnehmen, nicht ansatzweise, also musste gesiebt werden. Die Kriterien dafuer sind nicht so leicht zu beschreiben, halt, das was mir gefaellt und hoechstens 2 Platten, 7inches nicht mitgezaehlt, das war mein Ziel. Und eben das Geschenk.
Ok, ich verrate es sofort: Mark Lanegan ist nicht mitgekommen. War mir an diesem Samstag zu finster und zu traurig, was da aus dem Kopfhoerer kam. Aber bildhuebsch ist die Platte, mit diesen ganzen Rosen und in diesem dunklen grau-gruenen Vinyl. Das passt alles super zusammen, so gut, als ware es ein Musik gewordener unheimlich schoener, von Caspar David Friedrich gemalter Sumpf aus Melancholie, der dich an den Haarwurzeln packt und in die Tiefe zieht. Tiefe hat Lanegan allemal, viel davon, mir aber heute etwas zuviel, gerade mit diesen seltsamen Wummerbeats, die da immer auftauchen. Aber eine wunderbare Textzeile konnte ich nicht vergessen, zumindest sinngemaess: If tears were liquor, I would drink myself.
Die Alabama Shakes sind es auch nicht geworden: Waren aber nahe dran, denn eigentlich stehe ich auf so eine rauhe Soul/Blues/Gospel/Garagen-Suppe und diese Saengerin hat mich doch tatsaechlich an Amy Winehouse erinnert, aber irgendwie war das in diesem Moment dann doch nichts und erklaeren kann ich das nicht. Wie das so ist beim Plattenkauf: Manchmal gibt es diese Magie des Augenblicks und du nimmst eine Platte einfach mit und schon moeglicherweise am naechsten Tag weisst du schon nicht mehr, was an diesem Ding so geil war und dann wandert sie trotzdem zu all den anderen ins Regal und manchmal nach Jahren, Monaten oder Wochen blitzt diese eine alte Magie, die den Kauf entschieden hat, wieder auf und dann ist dir klar, dass du diese Platte nie verkaufen geschweige denn verschenken wirst. Aber erklaeren kannst du das natuerlich nicht.
And now... back to the Shakes, Alabama Shakes. Vielleicht habe ich zwischendurch mal was mit Uptempo erwartet. Wo die Snare einfach mal durchzieht. Sowas wie bei JC Brooks. Das machen die Alabama Shales aber nie. Die sind eher sowas fuer den Damenbesuch. Echt, ich habe diese Platte gehoert und mir vorgestellt, wie ich sie auflege, waehrend ich mit einer jungen Frau nach der "Willst du mit hochkommen, was trinken?"-Frage auf meiner Couch sitze. Dann kann man sowas auflegen. Das Licht gedaempft, dann so Kuschelrock, der aber nicht zu triefend oder kitschig rueber kommt. Der halt Seele hat. Und dann kann man dazu auch tanzen, ganz nah beieinander und die Haende wandern lassen und keinem von beiden ist irgendwas peinlich und reden muss man auch nicht mehr. Denn jedes Wort uebernehmen dann die Shakes. Da ich aber nicht in romantischer Stimmung war und auch schon ein bis zwei Platten fuer solch einen Anlass besitze, haben es die Shakes es auch nicht geschafft.
Aber wer dann? Keine von denen? Sind alle wieder zurueck in die guetigen Haende des Space-Hall-Verkaeufers mit dem wilden Haarschopf gewandert? Das ware natuerlich eine sehr schoene, antikonsumistische Wendung des Platteneinkaufsnachmittags. Als wuerde man im Klamottenladen 100te von Hosen und Hemden anziehen und am Ende merken, dass einem davon doch ueberhaupt nichts gefaellt. Mag vorkommen. Beim Klamottenkauf. Aber Platten wuehlen im Plattenladen OHNE eine einzige zu kaufen? Das schafft kein Plattensammler.
Im Endeffekt sind es dann drei Platten geworden,von denen ich sicher bin, das sie mein Plattenregal wirklich bereichern werden. Da ist zum einen die "Strange Heaven"-LP von Mrs. Magician. Hatte ich vorher scon mal gehoert, und war schon von den mp3 verzaubert. Habe aber irgendwie nicht mehr auf dem Schirm gehabt, was fuer ein geiler Kram das ist. Mrs.Magician ist keine Solosaengerin oder sowas, sondern eine Gruppe von Jungs, die eine wunderbare und unbeschwerte Mische aus Garage, Punk mit Twang-Gitarren und Irgendwas-mit-Beach-Boys-Gesang hinzaubern. Klingt wild, hat due richtigen unbeschwerten Melodien und ist extrem tanzbar. Alles. Jeder einzelne Song. Und das Coverartwork ist so wunderbar schwarz-weiss-schlicht, dass man es auch fuer eine Joy-Division-Platte haette hernehmen koennen.
Dann waeren da noch Ceremony. Der Name klingt nach Metal. Oder Irgendwas, was ganz boese sein will. Doom. Sowas. Aber nur der Titel. Waehrend ich mich beim Durchhoeren gerade in Mrs. Magician verliebe, stellt Marc mir die "Zoo"-LP hin. Ich schaue auf das Cover, das so gar nichts sagt. Da steht nur Bandname und Titel, ansonsten ein dunkler Hintergrund mit nem verwackelten Gesicht in sehr naher Nahaufnahme (as you can see). Schon huebsch an sich. Vielleicht wirklich so neumodisches Post-Metal-Doom-Gebrummsel, das besser als SUNNO))) sein will. Aber ich hoere rein. Und dann ist alles anders. Die sind gut, richtig gut. Denn sie sind sehr flott und machen eine huebsche Version von Punk und Rock (dit is aber keen Punkrock, do not verwechsel this!) und wieder ab und auch hier suppen leichte 60ies-Garagetupfer durch. Wunderbar. Hat sofort ueberzeugt (was gerade bei Punk/HC-Platten immer schwerer wird) und wurde sofort mitgenommen. Man soll halt doch nicht immer nach dem Namen gehen.
Letzten Endes war dann doch noch der Radio Tokyo Tapes Vol. 3-Sampler mit dabei, einfach weil die Besetzung so gut klang und die Idee eines Samplers mit rein akustischer Besetzung doch ganz reizvoll ist. Ist wohl in einer Zeit rausgekommen, als nicht alle Compilations nur reine Werbezwecke hatten, sondern teilweise noch thematisch zusammengestellt wurden. RTT3 versammelte allerlei Punkmusiker aus Los Angeles, die ein paar Akustiksongs zum besten gaben. Und deshalb finde ich diesen Sampler so interessant, denn man sieht daran sehr schoen, wie das so ist, wenn Leute, die ihre Wut bisher nur in Krach verpackt haben, nun auch andere Klaenge anschlagen und neue Ideen ausloten. Mal sehen wer so dabei ist. Ist ja schon alles etwas her, denn RTT3 ist rausgekommen, als die Frueh-Punkband X schon als The Knitters ihre Counrywurzeln entdeckte, und die sehr gut und authentisch aufarbeitet, wie "Wild side of life" beweist. Tja und eine Platte, auf der Henry Rollins nicht singt, sondern eine fuer ihn typische Spoken-wird-Performanz ueber ein jazzig klingendes Gitarrengeklimper von Tom Troccoli (so ein Hippie aus dem STT-Umfeld, der auch bei Bands wie Nig-Heist dabei war. Also eher schraeg) legt, kriegt man ja auch nicht mehr sooft. Die Songwriterin Phranc war und ist im Umfeld der Knitters bzw. X zu verorten und schuettelt wunderschoene Folksongs ganz locker aus der Hand. Und wenn neben Rolins auch die Minutemen sich an die unverstaerkten Instrumente setzen, dann kann man eigentlich nichts falsch machen. Ist auch fast einer der besten Songs. Und das sind nur die bekanntesten, auf dieser kleinen subkulturellen Musikgeschichtsstunde. Vielleicht kennt ja der ein oder andere noch Chris D. von den Flesheaters, Drew Steele von den Surf Punks, Kerry Mcbride oder Carmaig de Forrest. Oder auch nicht. Und falls dem so ist, wird die Welt auch nicht schlechter, aber es koennte sein, dass ihr da was verpasst. Unterhaltung oder Inspiration. Eins von beiden.
Das war es. Drei LPs habe ich also mitgenommen. Eine mehr als ich wollte. Achja und zwei 7inches, aber die zaehlen ja nie so richtig, ich erzaehls trotzdem: Die "Stop and think it over"-Single von Mary Weiss. Kennst du nicht? Mary Weiss war die Saengerin von den Shangri-Las, dieser Girl-group, die mit "Leader of the pack" in den 60ern alles richtig gemacht haben. Kurz nachgeschaut: Mary Weiss ist jetzt irgendwo in ihren 60ern, was sie aber nicht abhaelt, weiterhin wunderbare kernig aufgenommene Garage-Pop-Platten rauszubringen. "Stop and think it over" ist schon ein huebsches tanzbares Ding geworden und dazu noch auf Norton rausgekommen, da passt ja wirklich alles zusammen. Dazu koennten die Leute gut tanzen bei der Auflegerei, denke ich so, waehrend ich mein Kaugummi unter die Kante der Abhoerstation schmiere und deshalb musste die mit. Aehnliches ging mir bei den Amazing Snakeheads durch den Kopf, so ein beklopptes Trio aus Glasgow. Auch sehr krachig, sehr bluesig und mit viel total irrem Geschrei. Koennte zum hektischen Abzappeln gut passen, direkt nachdem man was von der neuen Guitar Wolf-Platte aufgelegt hat. We'll see.
P.S.: Die Freakwater-Platte hat es auch nicht geschafft. Hab sie mir - genau wie die Ty Segall - nicht mal angehoert. War ja noch eingeschweisst. Und die Solex vs. C. Martinez & J. Spencer heb ich mir fuer den Winterbesuch auf.
Ich will gar nicht lange erklaeren, warum ich solange nicht mehr hier war. Sagen wir es so: Ich war einfach nicht da. Es gab wichtigere Sachen, als hier immer wieder ein paar Rezensionen abzuwerfen. Und es GIBT immer noch wichtigere Sachen als das. Denn das Renfield ist ja nicht einfach ein Musikmagagazin und scheisse noch eins, diesen Satz, diesen Ansatz, um mir selber mal wieder den Sinn des Renfields klar zu amchen wollte ich doch fuers naechste Vorwort aufheben. Egal. Weiter, immer weiter.
Es ist Samstag, ich sitze an meinem kleinen, etwas der Sonne abgeneigten Arbeitsplatz. Das Fenster ist halboffen ("auf Kipp" wie man so sagt). Von unten aus dem Hof droehnt irgendeine nicht naeher zu bestimmende elektronische Musik herauf unter die sich Stimmen und Gelaechter mischen. Die Musik: elektronisch, sehr repetitiv, ein immer wiederkehrender Beat, dazu irgendwelche Soundflaechen, die mich an Galaxien, Raumschiffe und Drogen denken lassen. Insgesamt sehr fix und wachmachend. Wenig chillend. Und ein paar wenige Stimmen. Das alles zusammen ist das Hoffest unseres Hauses, das dort stattfindet, oder das, was um 20 Uhr noch davon uebrig ist. Auch ich war dort unten, habe mich allerdings nach dem Verzehr von etwas Grillgut zu einem Nickerchen aufgemacht. Das Hoffest wird uebrigens - was ich sehr schoen und nett finde - von unseren Vermietern veranstaltet. Gibt es viel zu selten sowas, warum machen das nicht oefters mal irgendwelche Hausbesitzer fuer ihre Mieter? Einmal im Jahr den Grill aufstellen und fuer alle ein bisschen Fleisch, Salat und Fladenbrot hinlegen kann ja so schwer nicht sein. Und wuerde wohl auch das Verhaeltnis zwischen Besitzer und Mietpartei in den meisten Faellen etwas bessern. Wahrscheinlich wuerden die meisten Vermieter sich auch zum ersten Mal bewusst werden, WER denn da ueberhaupt ihre Miete zahlt. Und ausserdem muessten bei den monatlichen Einnahmen wohl auch ein paar Wuerstchen fuer das Barbeque drinsitzen. Und mit Sicherheit auch die qualitativ hochwertigen aus dem Bioladen. Bevor ich mich jedoch in unseren huebschen gruenen Hinterhof begeben habe, war noch etwas anderes zu tun. Platten kaufen. Ist eine huebsche Beschaeftigung fuer den Samstagnachmittag, das wurde mir heute sehr bewusst. Besonders, weil der Plattenladen den Mark und ich aufgesucht haben, normalerweise nicht der ist, in dem ich meine Platten kaufe. Ok, ich gehe gern zu Bis aufs Messer, sehr gern ins Wowsville, mal auch ins Videodrom, auch wen das jetzt nicht mehr so heisst oder zu hhv, Static Shock, VoPo Records und was es noch so alles gibt. Selten treibe ich mich auf der Zossener und Bergmannstrasse rum, in diesem viel zu schicken Teil Kreuzbergs, wo sich am Samstag nachmittag die Touristen gegenseitig auf die Zehen treten (und wohl immer noch glauben, das sei jetzt "so Berlin"). Diesmal schon. In die SpaceHall hat es mich verschlagen und ich wusste nicht, was mich da erwartet. Ich gebe zu, einmal war ich schon da. Damals habe ich mir aber sehr zielbewusst die letzte LP von Scroobius Pip aushaendigen lassen, diesem britischen Wortakrobaten, der ein bisschen was von The Streets hat, und zum ersten Song das beste "Ich rasier mich mal eben, waehrend ich hier im Container sitze und euch was vorsinge"-Video. Weil ich damals nur diese Platte haben wollte, hat mich der Rest gar nicht interessiert, also bin ich gar nicht bis hinten durchgelatscht. Heute schon. Und habe glatt drei - oder waren es vier? - Stunden in diesem Ding verbracht. In diesen weitlaeufigen dunklen Raeumen, mit unheimlich vielen Platten und dieser sehr ruhigen Atmosphaere. Keine Ahnung, wie der Winter wird, aber wenn mir alles auf den Sack geht, dann denke ich, waere diese Art von Plattenladen der Ort, in dem ich die zu erwartenden Schnee- und Eiseskapaden verbringen koennte. Es ist ungefaehr so, wie in einem Fuchsbau. Oder in einer Baerenhoehle. Platz genug fuer lichtscheue einige Plattennerd/Kraemerseelen und genug Vinyl, das man durchhoeren kann, bis die Sonne sich mal wieder zeigt. Diesen Ort muss ich mir merken. Aber: Niemand von der Space Hall hat mich bezahlt, fuer diese Lobhudelei, die eigentlich auch keine sein sollte. Denn auch wenn der Laden aufgrund seienr Groesse zu empfehlen ist, sagt der Finanzminister in mir: ist aber auch n bischn teuer hier. Aber da ja Besuch in der Stadt ist und ich mir zu meinem Geburtstag eine Platte aussuchen darf, habe ich so ausdauernd in den muffigen Plattenkisten gewuehlt, wie lange nicht mehr. Und mit soviel Ruhe! Und festgestellt, dass Plattenlaeden mit ihren Vinyl-Klarsichthuellen immer noch diesen muffigen einzigartigen Plastegeruch haben, wie er schon vor 20 Jahren aus diesen Lokalitaten nicht wegzukriegen waren. Es hat natuerlich nicht lange gedauert, bis ein Stapel Platten unter meinem Arm zur Abhoerstation gewandert ist - Vorauswahl ist gut, muss ja sein. Habe - im Gegensatz zu frueher - keinen Bock mehr, Platten mal eben so zu kaufen, weil ich mal was interessantes ueber den Kuenstler gehoert habe. Oder mir das Cover gefaellt. Oder beides. Gibt es alles.
Was hatte ich also mit in den Re-Call genommen? Eine 2012er-Platte von Mark Lanegan, die Blues Funeral, eine von Ty Segall (auch von 2012), eine von Mrs.Magician, eine von Solex vs. Cristina Martinez und Jon Spencer, ein Billo-Uraltsampler namens Radio Tokyo Tapes Vol. 3, die Black Lightning-LP von den Bellrays und eine LP von Freakwater, die aber nur, weil ich es schoen finde, von denen mal eine andere zu sehen, als die wunderbare Endtime-Platte. Dann noch die LP von den Alabam Shakes, so Blues, R'n'B-Garage-Getudel. Und ein paar 7inches von den Computers, Mary Weiss und The Amazing Snakeheads (sah irgendwie gut aus, die Band kannte ich gar nicht). Alles konnte ich nicht mitnehmen, nicht ansatzweise, also musste gesiebt werden. Die Kriterien dafuer sind nicht so leicht zu beschreiben, halt, das was mir gefaellt und hoechstens 2 Platten, 7inches nicht mitgezaehlt, das war mein Ziel. Und eben das Geschenk.
Ok, ich verrate es sofort: Mark Lanegan ist nicht mitgekommen. War mir an diesem Samstag zu finster und zu traurig, was da aus dem Kopfhoerer kam. Aber bildhuebsch ist die Platte, mit diesen ganzen Rosen und in diesem dunklen grau-gruenen Vinyl. Das passt alles super zusammen, so gut, als ware es ein Musik gewordener unheimlich schoener, von Caspar David Friedrich gemalter Sumpf aus Melancholie, der dich an den Haarwurzeln packt und in die Tiefe zieht. Tiefe hat Lanegan allemal, viel davon, mir aber heute etwas zuviel, gerade mit diesen seltsamen Wummerbeats, die da immer auftauchen. Aber eine wunderbare Textzeile konnte ich nicht vergessen, zumindest sinngemaess: If tears were liquor, I would drink myself.
Die Alabama Shakes sind es auch nicht geworden: Waren aber nahe dran, denn eigentlich stehe ich auf so eine rauhe Soul/Blues/Gospel/Garagen-Suppe und diese Saengerin hat mich doch tatsaechlich an Amy Winehouse erinnert, aber irgendwie war das in diesem Moment dann doch nichts und erklaeren kann ich das nicht. Wie das so ist beim Plattenkauf: Manchmal gibt es diese Magie des Augenblicks und du nimmst eine Platte einfach mit und schon moeglicherweise am naechsten Tag weisst du schon nicht mehr, was an diesem Ding so geil war und dann wandert sie trotzdem zu all den anderen ins Regal und manchmal nach Jahren, Monaten oder Wochen blitzt diese eine alte Magie, die den Kauf entschieden hat, wieder auf und dann ist dir klar, dass du diese Platte nie verkaufen geschweige denn verschenken wirst. Aber erklaeren kannst du das natuerlich nicht.
And now... back to the Shakes, Alabama Shakes. Vielleicht habe ich zwischendurch mal was mit Uptempo erwartet. Wo die Snare einfach mal durchzieht. Sowas wie bei JC Brooks. Das machen die Alabama Shales aber nie. Die sind eher sowas fuer den Damenbesuch. Echt, ich habe diese Platte gehoert und mir vorgestellt, wie ich sie auflege, waehrend ich mit einer jungen Frau nach der "Willst du mit hochkommen, was trinken?"-Frage auf meiner Couch sitze. Dann kann man sowas auflegen. Das Licht gedaempft, dann so Kuschelrock, der aber nicht zu triefend oder kitschig rueber kommt. Der halt Seele hat. Und dann kann man dazu auch tanzen, ganz nah beieinander und die Haende wandern lassen und keinem von beiden ist irgendwas peinlich und reden muss man auch nicht mehr. Denn jedes Wort uebernehmen dann die Shakes. Da ich aber nicht in romantischer Stimmung war und auch schon ein bis zwei Platten fuer solch einen Anlass besitze, haben es die Shakes es auch nicht geschafft.
Aber wer dann? Keine von denen? Sind alle wieder zurueck in die guetigen Haende des Space-Hall-Verkaeufers mit dem wilden Haarschopf gewandert? Das ware natuerlich eine sehr schoene, antikonsumistische Wendung des Platteneinkaufsnachmittags. Als wuerde man im Klamottenladen 100te von Hosen und Hemden anziehen und am Ende merken, dass einem davon doch ueberhaupt nichts gefaellt. Mag vorkommen. Beim Klamottenkauf. Aber Platten wuehlen im Plattenladen OHNE eine einzige zu kaufen? Das schafft kein Plattensammler.
Im Endeffekt sind es dann drei Platten geworden,von denen ich sicher bin, das sie mein Plattenregal wirklich bereichern werden. Da ist zum einen die "Strange Heaven"-LP von Mrs. Magician. Hatte ich vorher scon mal gehoert, und war schon von den mp3 verzaubert. Habe aber irgendwie nicht mehr auf dem Schirm gehabt, was fuer ein geiler Kram das ist. Mrs.Magician ist keine Solosaengerin oder sowas, sondern eine Gruppe von Jungs, die eine wunderbare und unbeschwerte Mische aus Garage, Punk mit Twang-Gitarren und Irgendwas-mit-Beach-Boys-Gesang hinzaubern. Klingt wild, hat due richtigen unbeschwerten Melodien und ist extrem tanzbar. Alles. Jeder einzelne Song. Und das Coverartwork ist so wunderbar schwarz-weiss-schlicht, dass man es auch fuer eine Joy-Division-Platte haette hernehmen koennen.
Dann waeren da noch Ceremony. Der Name klingt nach Metal. Oder Irgendwas, was ganz boese sein will. Doom. Sowas. Aber nur der Titel. Waehrend ich mich beim Durchhoeren gerade in Mrs. Magician verliebe, stellt Marc mir die "Zoo"-LP hin. Ich schaue auf das Cover, das so gar nichts sagt. Da steht nur Bandname und Titel, ansonsten ein dunkler Hintergrund mit nem verwackelten Gesicht in sehr naher Nahaufnahme (as you can see). Schon huebsch an sich. Vielleicht wirklich so neumodisches Post-Metal-Doom-Gebrummsel, das besser als SUNNO))) sein will. Aber ich hoere rein. Und dann ist alles anders. Die sind gut, richtig gut. Denn sie sind sehr flott und machen eine huebsche Version von Punk und Rock (dit is aber keen Punkrock, do not verwechsel this!) und wieder ab und auch hier suppen leichte 60ies-Garagetupfer durch. Wunderbar. Hat sofort ueberzeugt (was gerade bei Punk/HC-Platten immer schwerer wird) und wurde sofort mitgenommen. Man soll halt doch nicht immer nach dem Namen gehen.
Letzten Endes war dann doch noch der Radio Tokyo Tapes Vol. 3-Sampler mit dabei, einfach weil die Besetzung so gut klang und die Idee eines Samplers mit rein akustischer Besetzung doch ganz reizvoll ist. Ist wohl in einer Zeit rausgekommen, als nicht alle Compilations nur reine Werbezwecke hatten, sondern teilweise noch thematisch zusammengestellt wurden. RTT3 versammelte allerlei Punkmusiker aus Los Angeles, die ein paar Akustiksongs zum besten gaben. Und deshalb finde ich diesen Sampler so interessant, denn man sieht daran sehr schoen, wie das so ist, wenn Leute, die ihre Wut bisher nur in Krach verpackt haben, nun auch andere Klaenge anschlagen und neue Ideen ausloten. Mal sehen wer so dabei ist. Ist ja schon alles etwas her, denn RTT3 ist rausgekommen, als die Frueh-Punkband X schon als The Knitters ihre Counrywurzeln entdeckte, und die sehr gut und authentisch aufarbeitet, wie "Wild side of life" beweist. Tja und eine Platte, auf der Henry Rollins nicht singt, sondern eine fuer ihn typische Spoken-wird-Performanz ueber ein jazzig klingendes Gitarrengeklimper von Tom Troccoli (so ein Hippie aus dem STT-Umfeld, der auch bei Bands wie Nig-Heist dabei war. Also eher schraeg) legt, kriegt man ja auch nicht mehr sooft. Die Songwriterin Phranc war und ist im Umfeld der Knitters bzw. X zu verorten und schuettelt wunderschoene Folksongs ganz locker aus der Hand. Und wenn neben Rolins auch die Minutemen sich an die unverstaerkten Instrumente setzen, dann kann man eigentlich nichts falsch machen. Ist auch fast einer der besten Songs. Und das sind nur die bekanntesten, auf dieser kleinen subkulturellen Musikgeschichtsstunde. Vielleicht kennt ja der ein oder andere noch Chris D. von den Flesheaters, Drew Steele von den Surf Punks, Kerry Mcbride oder Carmaig de Forrest. Oder auch nicht. Und falls dem so ist, wird die Welt auch nicht schlechter, aber es koennte sein, dass ihr da was verpasst. Unterhaltung oder Inspiration. Eins von beiden.
Das war es. Drei LPs habe ich also mitgenommen. Eine mehr als ich wollte. Achja und zwei 7inches, aber die zaehlen ja nie so richtig, ich erzaehls trotzdem: Die "Stop and think it over"-Single von Mary Weiss. Kennst du nicht? Mary Weiss war die Saengerin von den Shangri-Las, dieser Girl-group, die mit "Leader of the pack" in den 60ern alles richtig gemacht haben. Kurz nachgeschaut: Mary Weiss ist jetzt irgendwo in ihren 60ern, was sie aber nicht abhaelt, weiterhin wunderbare kernig aufgenommene Garage-Pop-Platten rauszubringen. "Stop and think it over" ist schon ein huebsches tanzbares Ding geworden und dazu noch auf Norton rausgekommen, da passt ja wirklich alles zusammen. Dazu koennten die Leute gut tanzen bei der Auflegerei, denke ich so, waehrend ich mein Kaugummi unter die Kante der Abhoerstation schmiere und deshalb musste die mit. Aehnliches ging mir bei den Amazing Snakeheads durch den Kopf, so ein beklopptes Trio aus Glasgow. Auch sehr krachig, sehr bluesig und mit viel total irrem Geschrei. Koennte zum hektischen Abzappeln gut passen, direkt nachdem man was von der neuen Guitar Wolf-Platte aufgelegt hat. We'll see.
P.S.: Die Freakwater-Platte hat es auch nicht geschafft. Hab sie mir - genau wie die Ty Segall - nicht mal angehoert. War ja noch eingeschweisst. Und die Solex vs. C. Martinez & J. Spencer heb ich mir fuer den Winterbesuch auf.
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