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Donnerstag, 26. März 2026

Schön wenn die Fuzzbox funzt, Pt. VII


LOS SAICOS - Demolición!
The complete recordings


Ich war wohl erst in der 3. Klasse, als mich mein Mitschüler Markus (der später Kommissar für Wirtschaftskriminalität werden sollte) aus heiterem Himmel fragte, was denn mein Lieblingssong sei. Darüber hatte ich bis dato noch nie nachgedacht. Ich wusste weder Titel noch Band, und Markus meinte, ich solle mal vorsingen. Das sei unmöglich, sagte ich, denn er bestehe aus „elektrischen Klängen“. Es war Santana, wie sich später herausstellte. Und somit eher E-Gitarren, auch wenn ich vor denen anfangs eine Heidenangst hatte. Da hatte ich wohl einen ganz frühen Musikclip nach der Abendschau gesehen, der mich bis in den Traum verfolgte, als insektenartiges Sägen, das von den Ästen eines unheimlichen Waldes herab erscholl. Dort saßen langhaarig spinnengliedrige Gestalten, die verspiegelt gekrümmte Insektensonnenbrillen trugen. Und was war das für eine Band?
Abba.

Irgendwie hat sich daraus auch später mein Fetisch für Frauen in Overalls entwickelt – und damit kommen wir dem Thema endlich näher: den Sixties. Wo ich zwar rechnerisch schon existierte, aber noch mitnichten in der Lage war, eine Schallplatte aufzulegen. Trotzdem elektrisierte mich während meiner Teenjahre kaum etwas mehr, als diese eklektisch-elektrischen Klänge. Auskenner sagen „Garage Rock“, „Proto-Punk“ oder Fuzzrock dazu – wegen der programmatischen Verzerrerbox, zuerst 1962 bei den Ventures auf ihrem Song „The 2000 Pound Bee“ zu hören.

Und Lima ist nun wirklich eine eklektische Stadt, wo Erzbischofresidenzen in direkter Nachbarschaft von fliegenden Händlern stehen, die ein einzelnes Chamäleon an den Mann oder die interessierte Frau bringen wollen. Oder den ganzen Tag im Abgasnebel Damenkleider am ausgestreckten Arm halten, während die Prensa Chicha (Käseblätter mit leichten Mädels und schweren Geschossen) verkündet: „Sie schlitzten ihre Kehle auf und raubten ihre Niere!“.


Mitte der 60er trieb hier Jean Paul „el Troglodita“ (der Höhlenmensch) sein Unwesen, und der spätere Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa (ich sage nur: „Tod in den Anden“) frequentierte derlei Etablissements wie das Boite oder die Grotta Azzurra. Insofern war das schon naheliegend, dass in diesem Ambiente ein Rudel Jungs der gehobenen Mittelschicht aus dem Viertel Lince auf geparkten Autos trommeln würde und – als Erwin Flores mit einer E-Gitarre aus Brasilien zurückkam - eine Band bildete. Anfangs noch eher zahm epigonisch auf englisch, aber sehr bald bereits energetisch-eruptiv auf spanisch. Wie bei ihrer Hymne „Demolición“ (Zerstörung). ¡Echemos abajo la estación del tren!

In Lima war man nämlich auch Avantgarde in Sachen Bahnhofsabriss, der heutige Zentralplatz San Martín befindet sich auf dem Areal einer bereits 1918 visionär abgerissenen Eisenbahnstation. Die Produzentin der Saicos überredete sie dazu, diesen Song als Single rauszubringen und flugs hatten sie bereits Fernsehshows und wurden im Radio rauf und runter gespielt – u.a als Weckruf bei „Radio Reloj“, dem Sender mit der Zeitansage (gut für den, der keine Seiko hatte). Apropos: Anfangs wollten sie sich wohl Los Sádicos (Die Sadisten) nennen, aber sie eliminierten lieber das „d“ und wurden zu „Saicos“, was zugleich den Anklang an „Psycho“ und „Seiko“ hatte, die damals enorm populäre batteriebetriebene Uhr. Wie melodisch oder proto- punky der Song jeweils ist, hängt fundamental davon ab, wer das Mikro hält: César ist der mit Schmelz, Erwin der Reibeisen-Ernie.

Der mit der „onda bestia“ - er legte auch den weitesten Weg zurück, studierte später Physik in Washington, arbeitete dann für die NASA und trat in seiner Freizeit in Bars mit Salsa und Cumbia-Bands auf. Das war auch die Musik, die er früher zumeist hörte, während er Punk viel später im Interview als „música de mierda“ bezeichnet, von Leuten ohne Ahnung, die andere Leute ohne Ahnung in Rage versetzt. Aber er sagt auch, die Saicos stünden ähnlich wie Lucy zum homo sapiens, entfernte Vorfahren, die erst durch die Rückschau zu Vorbildern werden.


Es dauerte daher auch 40 Jahre, bis der Rest der Welt von den Saicos Kenntnis nahm. Da war ihr Bassist „El Chino“ schon tot, der das Riff von „El entierro de los gatos“ (die Beerdigung der Katzen) erfand, was Erwin retrospektiv als einen Song ohne jegliches Vorbild sieht. Der sei weiland so sonderbar gewesen, dass er gar nicht in die Musikgeschichte passe. Aber „Fugitivo de Alcatraz“ (Geflohen aus Alcatraz) ist auch nicht gerade Johann Sebastian Bach und eher was für Giallo- oder Mondo-Horror Filme.

No hay nada más punk que tocar punk sin saber rayos que sea punk (Es gibt nichts Punkigeres, als Punk zu spielen und keinen Blassen von Punk zu haben). Daher zum Geleit diese Zeilen aus „Fugitivo de Alcattraz“:

Los perros siento ya muy cerca de mí /
sirenas suenan locas, suenan sin cesar /

yo pienso en tu amor y siento valor /
y sigo el sendero por el matorral /

(Ich spüre die Hunde schon ganz nah / Sirenen schrillen verrückt, schrillen ohne Unterlass / ich denk an deine Liebe und spüre Mut / und folge dem Weg ins Unterholz...)

Bit Father Out

LOS SAICOS - Demolición! The complete recordings erscheint am 27.03.2026 auf Munster Records.

Donnerstag, 19. März 2026

Stereotypen adé Pt.I


Sandra und Kersty Grether auf den Spuren rebellischer weiblicher Rockstars

Ein Sonntag im Oktober 2012: Mit weichen Knien sitzen Sandra und Kersty Grether in einem Berliner Taxi - auf dem Weg zum musikalischen Date mit einem Idol: Annette Humpe. Zu NDW-Zeiten Mastermind von „Ideal“, später mit „Ich + Ich“ erfolgreich. Sie produzierte das Who is Who der deutschprachigen Musikszene, von Udo Lindenberg über Palais Schaumburg, Rio Reiser, Die Prinzen bis zu Max Raabe.

Songtipps zum Kaffee

Die beiden Musikerinnen der Band “The Doctorella” sind zu der Zeit beim gleichen Musikverlag wie Humpe, hatten sie per Mail gefragt, ob sie mal ihre neue Platte anhören und etwas dazu sagen könne. Prompt flatterte ihnen eine Einladung zur Privat-Audienz mit Songwriting-Tipps zum Kaffee ins digitale Postfach. Quasi ein gratis Seminar zum Schreiben von Pophits. Die Skills dafür hätten die Schwestern, so Humpe in der Wohnung, wo sich die Knie der beiden Besucherinnen schnell wieder gefestigt haben. Denn Anette ist gleich per Du, nett, aufgeschlossen, nahbar und ehrlich. Sie lobt das Album, findet vieles daran gut. Textlich rät sie ihnen, sich an persönliche Peinlichkeiten und Unbewusstes ranzutrauen, persönliche Abgründe authentisch in Songs zu thematisieren. Der Titel “Drogen und Psychologen” scheint ihr unpassend – sie plädiert spontan für “Oberlieb”. Ihre Lieblingszeile findet sie im Song “2 Engel, 1 Verbot”: “Wenn ich mir die Haut aufschneide, reicht mein Blut aus für uns beide”.

Heute ist die legendäre Humpe-Schwester 75 Jahre alt – und eine der stilprägenden Rock- und Popmusikerinnen mit anhaltender Strahlkraft, die Kersty und Sandra als eine von 41 „Rebel Queens“ in ihrem Reclam-Buch auf knapp 400 Seiten verewigt haben. Mit großer Sachkenntnis, natürlich subjektiven Geschmacksurteilen und geschultem Blick auf den jeweiligen gesellschaftlichen Zeitgeist spüren sie der Bedeutung der porträtierten Frauen über ihre Musik hinaus nach. Auch im Sinne von Empowerment, erkämpften Freiräumen und neuartigen weiblichen Rollenbildern. Analytisch, empathisch, nahbar und sehr gut geschrieben.

Die Auswahl ist stimmig und viele bekannte, prägende Stimmen mit von der Partie. Die Bandbreite reicht von Sister Rosetta Tharpe über Maureen Tucker, Yoko Ono, Cat Power, Bikini Kill, Lady Gaga, The Slits, Boygenius und Pussy Riot bis Billie Eilish. Auch weniger bekannte, innovative Acts wie FaulenzA und Jolly Goods sind vertreten.

Einfach war die Auswahl nicht, schließlich gibt es auch nicht die eine richtige Sammlung. Ausschlaggebend war neben ihren Geschmäckern vor allem die gesellschaftliche Relevanz der Künstlerinnen. “Es gibt keine Objektivität bei den Bewertungen der Musikerinnen, auch nicht im Musikjournalismus”, sagt Kersty. Kritiker:innen sollten bloß nicht zwanghaft versuchen, objektiv zu schreiben.


Cat Power knows

„Uns ging es mit dem Buch auch darum, stereotype weibliche Schubladen für Musikerinnen zu entlarven, diese aufzubrechen und hinter übliche Popstar-Image-Fassaden zu gelangen“, erzählt Sandra im Gespräch mit dem Renfield-Fanzine.

Beispiel Cat Power, die beide Schwestern bereits interviewt haben. Cat werde in den Medien oft als übersensible, gebrochene Künstlerpersönlichkeit dargestellt oder darauf reduziert. Im Kapitel über die US-Künstlerin ist der Blick auf ihre Sensibilität differenzierter, diese fungiert als kreative Kraftquelle mit Verbindung zum Unterbewussten: “Wie kann man über Gefühle singen, die gerade eben nicht mehr verdrängt werden und doch kurz davor sind, ins Unaussprechliche abzurutschen? Cat Power knows.”

“Beim Schreiben über Musik ist es wichtig, durch die eigenen Projektionen hindurchzugehen”, so Sandra. “Spannende Wahrheiten über sich selbst findet nur, wer sich selbst dazu befragt.” Kersty und Sandra Grether kommen den Musikerinnen hinter deren Images aus vielen interessanten Perspektiven nahe. Die meisten Texte stammen entweder von Kersty oder von Sandra Grether und sind in der Summe in nur wenigen Wochen entstanden.


Rüstzeug aus Theorie & Praxis

Es ist ein erhellender Mix aus persönlichen Begegnungen, biografischem Background und gesellschaftskritischen, popfeministischen Reflexionen - inklusive der Auseinandersetzung mit Pressestimmen zu den Porträtierten. Dabei kommt den Autorinnen die Vielfalt ihrer Aktivitäten zugute: Musikjournalistisch haben sie das SPEX mitgeprägt, als Musikerinnen mit ihren Bands “Parole Trixi” und “The Doctorella” diverse Studioalben veröffentlicht und aktiv an der “Hamburger Schule” mitgewirkt. Sie betreiben heute in Berlin das Label Bohemian Strawberry, kuratieren Veranstaltungsreihen. Kersty hat zudem einige erfolgreiche Romane veröffentlicht.

Spannend ist außerdem der Ansatz, die Persönlichkeiten und Wirkungsweisen von je zwei Musikerinnen aus einer Epoche aufeinander zu beziehen – etwa bei Karen Carpenter und Yoko Ono in den 1960er Jahren. Vor der Folie gängiger weiblicher Stereotypen begibt sich der Text in dieses Spannungsfeld hinein: “Yoko war das böse Mädchen, das sich nimmt, was ihr gehört, und Karen das gute, das sich nicht traut zu nehmen, was man ihr aufgrund ihrer Jugend jetzt erlauben würde.” Davon ausgehend solche offen- und/oder scheinbaren Gegensätze zu überwinden und die beiden als “Popschwestern” zusammenzudenken, eröffnet neue Blickwinkel auf die Frauen und ihre Musik. Eben auch mögliche Gemeinsamkeiten, wo es heißt: “Yoko Ono und Karen Carpenter: zwei, die zu ehrlich waren? Nicht fake enough fürs Glamhardrock- und Superstar-Jahrzehnt? Ein bisschen zuviel Motown-Herzschmerz noch, in allem? Die Carpenters klangen wie ein langer Abschied, Yoko Ono wie ein Zukunftsversprechen.”

Wer sich auf eine spannende Zeitreise durch die letzten sieben Jahrzehnte prägender Pop- und Rockmusikerinnen begeben will, der/dem seien die “Rebel Queens” wärmstens ans Lektüreherz gelegt. Auf diesem Weg gibt es viel Neues und Ungewöhnliches zu entdecken. Versprochen!

Lutz Steinbrück

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik von Kersty und Sandra Grether ist 2025 im Reclam Verlag erschienen. Preis: 28 Euro (Hardcover), 4,99 Euro (E-Book). ISBN: 978-3-15-011506-0

Kommende Veranstaltungen mit Sandra und Kersty Grether:

8.4.2026 Literaturforum im Brecht-Haus: "Krawalle und Liebe #34" Musik von und mit Frau Lehmann (im Duo-Set) und Bernd Begemann sowie Lesungen von Sibel Schick (“Mein Körper, Wessen Entscheidung”, S. Fischer) und Ruth Herzberg (“Frequenzen”, mikrotext). Einlass: 19 Uhr. Chausseestraße 125, 10115 Berlin. https://lfbrecht.de/event/krawalle-und-liebe-34/

9.5.2026 ”Museum für Essen und Trinken”: Kersty Grether & Sandra Grether lesen aus "Rebel Queens", mit Musik von “The Doctorella” im Duo-Set. Hufelandstr 35, 10407 Berlin. Tickets über Bötzowbuch: https://www.boetzowbuch.de/

30.5.2025 Sommerhaus-KaffeeBar: Live-Musik von Frau Kraushaar mit ihrem neuen Album "Gurke, Kartoffel, Ahnung". Hufelandstraße 43, 10407 Berlin.