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Montag, 18. Mai 2009

Reviews No. 18 (Part 1)


Ladies and Gentlemen, we are now reaching Renfield No. 18. Please fasten your seatbelts for this realy terrific example of Fanzinazation of the beginning 21st century. In this timeless issue of RENFIELD-Zine we got , as usual, a big number of hotch and potch (what sounds in my ears like the name of a famous comedy duo. Hotch could be a bis angry man who is always making funny things to his partner Potch, the one who is a bit dumb. Ah forget it til you meet these two guys on TV in 20 years). Back to Renfield No. 18 and what's in it. Different sounding Bands like KINA, KINSKI, THE TWANG (In this case: The kings of Countrification, not the Britpopband), THE SUZAN, ROCKASS are featured and there is also a very good Interview with amazing Xenia, who managed a cozy club in Berlin called ZENTRALE RANDLAGE. If you are in Berlin and see a set of a DJane called Minimatika, do not hesitate to go there. 

There were quite a a lot of short stories in this issue and a real good cover, in case you ever wanted to know what really happened to little Maddie... 

Anti-Everything – # 6666666 (+/- eine 6 mehr)

Shit, bis gestern lag das Ding noch neben unserem Klo, dann war diese Party und jetzt ist es weg. Sollte da jemand Geschmack bewiesen haben und hat’s einfach mitgehen lassen? Könnte ich sehr gut verstehen und wäre doch extrem sauer. Denn das Anti-Everything schreibt sich nicht nur das Dagegensein auf die Fahnen –quasi ein Heftchen für die Nihilisten unter uns – sondern lässt sich auch sehr gut lesen und hat nen ziemlich interessanten Aufbau, der es von anderen Zines auf Beste abhebt. Das normaler Fanzine-Einerlei (keine Interviews, wenige Kritiken, dafür Aufklärung über Urban legends und ein Portrait des Unabombers) ist hier nur Beiwerk, denn hauptsächlich besteht das Heft aus der Fortsetzungsgeschichte „Glory white trash“, in der alle Klischees, die man aus Schundromanen kennt, zusammengemischt werden und mit diversen Punkanleihen versehen werden. Das ganze wird in 12 Kapiteln serviert und es geht um den Anführer einer linken revolutionären Zelle und seiner Freundin, eine türkische linke Skinheadgang, einen korrupten kommunistischen Zeitungsherausgeber, der die Tochter eines Medienmoguls fickt (und irgendwie sich selber auch), spießige Bullen, die in ihrem Berliner Privatvorort an einem Punk Selbstjustiz üben und dann noch…- ach, scheiß der Hund drauf – Sex, Gewalt, Drogen, kaputte Typen – darum geht’s in „Glory white Trash“. Wenn man sich erst mal reingelesen hat, kommt man schlechtestens wieder davon weg. Und das ganze ist noch nicht zuende, ich hoffe das nächste Anti-Everything kommt noch vor Weihnachten. Brauch noch ein Geschenk für meine Mama. Achja, nen Aufnäher und nen schickes Poster gibt’s auch noch. (contact: weiß ich nicht, ist ja weg, det Ding)

Frontkick – The cause of the rebel – CD
Ich hoffe, Frontkick kommen nicht auf die Idee, mit ihrem dritten Album beim Patentamt aufzutauchen und die Erfindung eines völlig neuen Musikstils für sich zu reklamieren. Der zuständige Sachbearbeiter würde dann eventuell die übervolle Schublade mit der Aufschrift „Streetpunk, Punkrock und Artverwandtes“ aufziehen und den Jungs eine gute Zukunft wünschen. Das ist aber nun kein richtiger Grund zur Kritik. Die Jungs wollen vielleicht gar nicht das Punkrock-Rad neu erfinden, aber das verlangt ja auch keiner. „Cause of the rebel“ hat alles, was man sich unter einer richtig guten Punkrockplatte vorstellt. Diese Platte ist so perfekter Streetpunkrock, da wächst einem beim Hören der Tigerfellkragen von selbst aus der Jacke. Gute Melodien, quasi schon oft im hymnischen Bereich, gute Refrains zum Mitsingen, eine gute, knackige Produktion und wahrscheinlich auch Texte, die weit über dem Durchschnitt sind. Das alles zusammengebastelt im gleichen Terrain, auf dem auch die Voice of a Generation, Bones, Cock Sparrer unterwegs sind. Im Vergleich zu den Massen von Punkrockbands, die das gleiche Ding machen, sind Frontkick allerdings zehnmal einfallsreicher, auch was die Lyrics besser. (People like you Rec, www.peoplelikeyou.de )

Die Broilers – Vanitas
Himmel, was ist denn das? 10 Jahre tun die Broilers jetzt schon rum und sind in Oi/Streetpunkkreisen bestimmt schon kultverdächtig. Aber ich frage mich warum, wenn ich mir diese Platte anhöre. Die Musik mag ja gerade noch ok sein – Oi/Punk halt, hier mal mit Ska liebäugelnd, da mal ein bisschen traditioneller, alles insgesamt schon ok. Wenn nicht dieser Gesang und diese bräsigen Texte wären. Macht man das jetzt so in Düsseldorf? Ist das jetzt so richtig Punk am Rhein? Wen habt ihr da ausgegraben? Hans Hartz? Mathias Reim? Eine tote Robbe? Das ist so ekelhaft schleimig –schlagerhaft, dazu noch bierernst, daß ich vor lauter Betroffenheit nur noch Heinrich-Böll-Gedichte zitieren kann. Vielleicht isses wirklich was für Paul Konservo aus einer Subkultur, die noch was auf feste Werte gibt, für mich jedenfalls nicht. Putting Dagegensein out of Oi/Punk/Wasauchimmer… (People like you Rec.)

The Twang – Twang’em high
“Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide” könnte BOSS HOSS knurren, wenn er an einem heißen Mittag auf der Hauptstraße von Countrification City der TWANG Gang zum Duell gegenüberstehen würde. Wer würde Sieger sein? Wäre das überhaupt ein Duell auf Augenhöhe? Eher nicht, denn die Twangie Boys haben schon einige Jahre mehr als erfahrene Country-Cover-Hitband in der Satteltasche, neun um genau zu sein. In der Zeit haben die Braunschweiger sich auf diversen Countrybühnen im Land rumgetrieben und drei Platten rausgebracht, auf denen sie alles und jeden, der ihnen in Form von zeitgenössischen Hits und Klassikern gegenüber tritt, in eine ihnen passend erscheinende Countryform gestopft. Bei dem Konzept bleibt es auch auf „Twang’em High“ und vorrausgesetzt, daß man bei bei reinen Coverbands nicht gleich rote Pocken und Atemnot kriegt, funzt das sehr gut. Klar, einige Songs erkennt man recht schnell wieder – „Fight for your right“ ist und bleibt auch mit Fiedel und Stompbeat ein Klassiker – aber bei anderen muss man THE TWANG hoch anrechnen, daß sie daraus sehr eigene gute Versionen machen können. Der Turbonegers Hit „Get it on“ mutiert mit Frauengesang so luftig, daß er fast wie Lou Reed klingt und auch das im Original unausstehlich tuntige Gnarls-Barkley-Discomonster „Crazy“ klingt nach der Twangbearbeitung so dunkel, daß ich dachte, Calexico oder Nick Cave hätten da ihre Finger im Spiel. Gibt zwar auch den ein oder anderen Stinker bei den14 Songs, aber besser als die HOSS-Hengste gefallen mir Hank Twang und seine Kollegen allemal. (www.twang.de)

The Suzan – Suzan Galaxy
Um mal Mißverständnisse sofort auszuräumen: THE SUZAN ist nicht eine junge Frau, sondern gleich vier. Vier junge Japanerinnen, die zwar so klein sind, daß sie alle zusammen auf dem Rücksitz eines Opel Kadett Kombis Platz finden (samt Instrumenten – ich hab’s gesehen). Aber klein sein heißt nicht gleich niedliche harmlose Musik machen, zumindest nicht bei den vier Susen. Die sehen zwar nicht so aus, geben aber auf SUZAN GALAXY ein geil trashiges GaragenPunkdebut ab. Vor zwei Jahren ist mir bei einem gemeinsamen, fast legendären Gig in Leipzig – wer es in der Gießerstraße gesehen hat, wird es wohl nicht vergessen haben, wie sächsische Punks vor Begeisterung die Sängerin von der Bühne geklaut haben – die erste Single von THE SUZAN in die Finger gekommen. Im Vergleich dazu ist SUZAN GALAXY um einiges rauher geworden, der Sound ist immer noch Lichtjahre von einem dem Wort „Sauber“ entfernt, dazu kommt diese tiefe Stimme von Miyuki. Daß sie allerdings auch etwas anders können, merkt man dann bei den melancholischen Klavierstücken am Ende der Platte, was dem ganzen die nötige Abwechslung verschafft. Das SUZAN Universum ist natürlich ein sehr comicmäßiges – wie so oft bei japanischen Bands ist alles knallebunt, und macht auf alle Fälle Spaß. Das könnten definitiv die unehelichen Töchter von SHONEN KNIFE und den 5.6.7.8.s sein, Holly Golightly darf man sich hier als Großtante vorstellen und die GOOD HEART BOUTIQUE als perfekte Sandkastenfreundinnen. Schicke-a-di-schick!  

Little Cow -I'm in Love with Every Lady
Kleine Kühe, die alle Frauen lieben. Mal rockig, mal walzig, mal Ungarisch, mal Englisch, mal akustisch, mal elektrisch mit 90er Jahre Grunge Sound - dafür aber mit Drive! Stilistisch schwer einzuordnen rockt die ungarische Gruppe "Little Cow" mit ihrem Album "I'm in Love with Every Lady". Angeführt von Laci Kollars heller Stimme wechseln sich in Liedern wie dem erwähnten Titellied sanfte Partien mit einem Feuerwerk von Instrumenten (u.a. Akkordeon, Bläser, Streicher, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Perkussion) ab. Oder ein Streichquartett begleitet im sanften 6/8 Takt im Lied "The Chocky is Melting". Oder leichter Skarhythmus mit Blechbläsern neben arpeggierten Stahlseitengitarre in "Ne EngeDJ El Sohasem", oder ein Kinderchor, oder, oder... Die Band beschreibt die Musik einfach als kultureller Hochzeitssound! Die 2005 gegründete Band hatte im selben Jahr einen Riesenerfolg in Ungarn mit "Cyber Boy", der zweite Track auf dem Album - ein sich immer weiter steigerndes Lied, bei dem der Refrain durch seine Abwesenheit glänzt. Anfang 2006 vom Berliner Label Eastblok Music entdeckt nahm "Little Cow" mit Moe Jaksch von den 17 Hippies als Producer das Album im Laufe des Jahres auf. Am 23. Februar 2007 durfte die kleine Kuh mit 15 Liedern und zwei Bonus Videos endlich auf die Musikweide raus. Passend zum Stilgemisch des Albums ist auch das aufwendig gemachte Digipack mit ausfaltbaren Plakat. Für mich lebt das Album davon, dass die Lieder im Kontrast zu den Vorherigen stehen und das Hören somit immer mit Überraschungen verbunden ist. Ausserdem ist es schön, Musik zu hören, wo die Band sich traut, Stimmen und Instrumente wegzukürzen, um damit Spannung und neue Texturen aufzubauen (wie das Gesang - Hi-Hat Solo in "Feri Took My Blazer"). Damit dürften die kleinen Kühe mit diesem Album viele Fans anziehen! (www.eastblok.de, www.littlecow.de) (David-Emil)

The Generators – Welcome to the end
Wie, schon wieder 10 Jahre rum? Wo zur Hölle ist die Zeit geblieben? Mal wieder ein Moment um Rückschau zu halten? Kommt mir vor, als, wär’s gestern gewesen, daß Basti die Generatorsplatte rauf und runter gehört hat und mich damit fast angesteckt hat. „City of Angels“ war schon damals der Megahit, sommers wie winters, auf dem Feld und in der Kneipe, am Pool oder im Büro. Ein Song wie ein 24-Stunden-Deo. Funktioniert immer. jetzt wird also die erste Generatorsplatte wiederveröffentlicht, m natürlich immer noch von Peoplelikeyou Rec., die ja mittlerweile auch ihren festen Platz im Punkrockbusiness haben. Eigentlich ist dem nicht mehr viel hinzuzufügen, die Platte ist immer noch ein Hammer, jetzt wo ich sie wieder mal öfters gehört hab, eigentlich umso mehr. Von „Yankee boy“ zu „Plastic roses“, zu „Voices in the night“ knallen die Songs immer noch und das ist eigentlich, das, was mich total verwirrt. 10 Jahre und keine Abnutzungserscheinungen, sollten wir es hier mit einem Klassiker zu tun haben? Vielleicht sind 10 Jahre noch nicht weit weg genug, um das richtig einzuschätzen, aber in noch mal 10 Jahren wird diese Platte bestimmt neben diversen Turbonegro-Platten ein Meilenstein von dem sein, was Punkrock Ende der 90er bedeutete. Zumindest haben die 10 Jahre mich zu der Erkenntnis gebracht, daß der Generators-Sänger original wie der von der 80er-Jahre One-hit-Wonderband „Men without hats“ klingt – ihr wisst bescheid, das waren die mit „Safety dance“.(People like you rec.)

Inside Artzine No.11
Fanzine machen an sich ist schon recht einfach, besonders in seiner Urform. Schreib ein paar Sachen auf, kopier das Ganze, mach ein paar Interviews, fertig ist der Lack. Zines, die sich selber mehr im künstlerischen Bereich sehen, haben da vielleicht einen anderen Anspruch. Vor ein paar Jahren gab es eine Reihe von ambitionierten Comiczines der Reihe Artcore – die quasi den Brückenschlag zwischen normalen Fanzine und Underground-Comic-Magazin schlagen wollten. Aber gerade wenn man viele künstlerische und graphische Ideen (und da zu zähl ich mal Comics) umsetzen will, wird man recht schnell feststellen, daß man mit dem üblichen Kopierding nicht weit kommt. Wer so ein Heft machen will, muss es schon drucken lassen, soviel Anspruch sollte schon sein, das haben zumindest die Artcore-Leute gemacht. Ich denke allerdings, daß dann auch ein finanzieller Aufwand reinkommt, der dich dazubringt, daß dein Heft sich irgendwann tragen MUSS, damit es weitergehen kann. Denn zurück zum Kopierer geht es nicht. Was das jetzt mit dem Inside-Zine zu tun hat? Na ja, recht einfach, von der Rangehensweise erinnert es mich recht stark an die Artcore-Sachen, nur mit dem Unterschied, daß das Inside professioneller rüberkommt. Sind zwar „nur“ 40 Seiten, aber die sind richtig geil gestaltet, auf A4, dazu farbig gedruckt, (scheint das richtige Format für diese Art von Heft zu sein), mit Graphiken von internationalen Künstlern, die irgendwie alle dem Splatter/Gore/Horror/Surrealismus-Bereich entstammen. Sieht aus, als hätten da ein paar Leute ihre Albträume fachgerecht in Bilder umgesetzt. Selbst die wenigen, in englisch gehaltenen Textbeiträge sind kleine Horrorkurzgeschichten (das Interview mit Michael Hutter zum Beispiel). Da lohnt dann auch der Preis von 4 Euro definitiv!
(Inside Artzine P.O.Box 2266, 54212 Trier, www.inside-artzine.de)

Primitivo No.1
Comics müssen allerdings nicht immer pompös gezeichnet sein damit sie gut sind, die minimalistischen Dinger können manchmal auch einiges, da zu muss man kein Comicexperte sein. Der erste Primitivoband von Johannes Rodenacker wurde mir von meinem Jamsession-Genossen Hannes zugespielt und handelt – ganz in schwarzweiß gehalten, von den Abenteuern des Professor Maug und seinen etwa seltsamen Freunden mit dem ganzen Arsenal menschlicher Macken. Da gibt’s Kokodine, die Freundin (und darüber hinaus ein Krokodil) des Profs, sein etwas dämlicher Student und Bandkollege Wessi, ein langohriger Köter und diverse andere schräge Gestalten, die alle einen mehr oder minder große Knall haben. Das ganze ist bewusst einfach gehalten, aber dadurch wirkt’s noch spontaner und geiler. Keine Ahnung, ob man das Heft in einem Comicladen bekommt, aber den Namen könnte man sich mal merken. 
(Primitivo Kontakt: rodenacker@gmx.net)

Inferno – Pioneering Work, Jingo de Lunch – The independent Years
Meine Jugend ist zuende, ist definitiv Geschichte. Das merke ich daran, daß jetzt gleich zwei Retrospektiven von Bands rausgekommen sind, die ich ohne Zögern zu meinen ersten Lieblings-Hardcore/Punkbands zähle. Bands, bei denen ich ohne Rotwerden die Floskel aus der Hüfte schieße: Damit bin ich großgeworden. Inferno, mit denen fang ich mal an, war die erste Band, deren Schriftzug ich mir auf die Schultasche gekritzelt habe (allerdings dicht gefolgt von den Boskops und Ausbruch, das war wohl der Einfluss von den Hardcore/Schlachtrufe-Samplern aus dem Hause Mülleimer). Natürlich gab’s im Laufe der Jahre ne Menge anderer Bands, aber Inferno waren nun mal die ersten, die so richtig cool waren. Eigentlich war’s immer Chaos und Krach, aber geil. Ganz eitel könnte ich auch sagen: Ich brauch diese Doppel-CD nicht, hab ich eh alles auf Vinyl, aber als etwas fauler Sack bin ich natürlich dankbar, daß Archie (Inferno-Gitarrist, hinterher bei der Terrorgruppe und immer noch als Produzent unterwegs) diese Compilation zusammengestellt hat, auf der sich – bis auf drei Songs, bei denen es wohl mit der Rechtefreigabe nicht so geklappt hat – ALLE Studio-Alben, Samplerbeiträge und EPs befinden, die jemals unter dem Namen Inferno rausgekommen sind. Da kann man sich am Stück noch mal durch seine Hardcorepunkjugend switchen und das Booklet erzählt einem dazu alles zur Bandgeschichte, was man noch nie wusste. Von den ganz kurzen Brausekrachern der „Tod&-Wahnsinn“-Phase über die etwas ausgefeilteren Sachen von „Hibakusha“ bis zur „It should be your problem“-LP (die ich dann ziemlich schlapp fand) ist alles da. Vielleicht sitze ich irgendwann im Altersheim und mein Zivi beschwert sich, weil ich immer nur so einen Scheiß höre. Der Scheiß könnte dann Inferno sein. Perfekte Zusammenstellung.
So, Jugend. Geschichte, zweiter Teil. Jingo de Lunch. Zwar ein bisschen später als Inferno, aber trotzdem untrennbar damit verbunden. So richtig erst ab „Growing Pains“ (in der Coverversion noch besser als das nahezu unbekannte Original von Upset Noise), das Anfang der 90er von jedem, der irgendwas mit Punk oder Metal anfangen konnte, rauf und runter gedudelt wurde. Die Best of, die jetzt rausgekommen ist, konzentriert sich aber „nur“ auf die Hits, die auf den ersten drei LPs veröffentlicht wurden (die allerdings in einem Zeitraum von nur 15 Monaten, das mach erst mal einer!). Jetzt hör ich mir das an und frag mich: Wie wirkt das auf mich, Songs wie „Peace of mind“, oder großartigen Covers von den Bad Brains und Thin Lizzy, jetzt und heute? Wie alte Aufnahmen, von einer Zeit vor 15 Jahren, also nostalgisch und liebevoll rumpelig, aber hoffnungslos altmodisch? Out of time quasi, in Zeiten von 100erten Schubladen im Punkwandschrank? Seltsamerweise nicht. Im Vergleich zu Inferno, bei denen ich sagen würde, das hat nur in diese eine Zeit gepasst, klingen Jingo de lunch immer noch recht geil. Ok, es ist eine Mix aus Punk, Metal und Hardrock, den heute vielleicht keiner so machen würde, aber so ganz out of time klingt das auch heute nicht. Eigentlich haben auch Jingo de Lunch nur mit den drei Akkorden jongliert, die Songs klingen immer noch einfallsreicher als manche aktuelle Punkrockband, die einen auf dicke Hose macht. Fazit: Jugend vorbei, aber Jingo und Inferno gehen immer noch. Es stellt sich nur die Frage: Welche Band ist als nächstes dran mit Rückschau halten? Idiots? Boskops? Ausbruch? Memento Mori? (Inferno Pioneering work auf Destiny Rec., Jingo de Lunch auf Rookie Records)

Turbostaat – Vormann Leiss
Turbostaat an sich mag ich, wenn ich allerdings daran denke, diese Sympathie mit gutgelaunten Anfang-20er-Alternative-Kids teilen muss, deren Lieblingsband die Beatsteaks sind, möchte ich nie ein Konzert der Nordseeanrainer besuchen. Es wäre mir zu hip und das Publikum zu gut gelaunt. Wenn es irgendwo Menschen geben sollte, die über das Ende von Dackelblut trauern (und sich mit den neuen Projekten von Sänger Jens nicht anfreunden können, das dürften aber wenige sein), denen kann geholfen werden. Turbostaat zählen ja seit je her zu den guten Bands und das seit ein paar Jahren und der Grund waren die vorherigen zwei Platten. Vielleicht hab ich’s vorher nicht so gemerkt, aber war der Sänger schon immer so dackelblutig wie auf Vormann Leiss? Seltsam auf alle Fälle. Keine Ahnung, ob das Absicht ist oder liegt es an der geographischen Nähe? Singen alle norddeutschen Punk-Nicht-Punk-Sänger so? Alles andere ist übrigens nicht ganz so nah an Dackelblut, bleibt aber trotzdem gut. Daß ich das mit Absicht nicht mit Deutschpunk, Punkrock deutschsprachigem Punk, Alternative oder Emo benenne, hat den Grund, daß es Turbostaat nicht gerecht werden würde. Es ist irgendwas von allem, etwas, daß Turbostaat für gefühlte 100 Jahre in der Leser-Top10 von Visions, Ox und Uncle-Sallys halten wird. Irgendwas, daß die Zielgruppe dazubringt, nicht nur Geld im Vorverkauf fürs Beatsteakkonzert auszugeben, sondern auch für den Turbostaat. Ich nicht. Ich werde keine LeserTop10 bereichern und auch kein Konzert der beiden Bands besuchen. Ich sitz zuhause im abgedunkelten Zimmer und werde Vormann Leiss hören. Laut.
P.S.: Das absolut Größte an der ganzen Platte ist allerdings, daß Turbostaat-Trommler Peter im Infoschrieb „Handle me with care“ von der Now-Time-Delegation zu seinen Top-3-Songs zählt. Hat Recht, der Mann. Aber 100Pro! (auf Same same, but different, www.ssbd.de)


Chip Hanna & the Berlin Three
Samstagmorgen, halb elf, ich muss das Katzenklo saubermachen. Und einen Unfallbericht schreiben für einen Unfall, an dem ich keine Schuld trage. Keine schönen Aufgaben sowas, also muss man Musik auflegen, die die Laune dazu steigert. Keine Scheißmusik, bitte. Spontan fällt mir diese CD ein und es passt wie ein brauner Köttel in einen Berg von Streu. Chip Hanna ist eigentlich der US-Bombs-Trommler, kann aber auch Gitarre spielen. Allerdings ist er da von einem ganz anderen Musikstern beeinflusst, nämlich Country, Hillbilly und Rockabilly. Auch das Stile, die bei dem einen oder anderen Punkrocker mittlerweile auf Gegenliebe stoßen. Chips CD könnte das Interesse noch anfeuern, denn in knapp 31 Minuten werden hier 12 Stomper durchgebolzt, unterstützt wird das Ganze von den drei Berlinern mit dem Kontrabass (saßen aber nicht auf der Straße), Tex „Ich-hab-schon-in-jeder-Band-Gitarre-gespielt“ Morton, Valle (zupft auch den Mad-Sin-Bass) und Andi. Wer mehr auf die ruhigen schmalzigen Countrysachen steht, sollte hier schnell vorbei gehen, denn auch wenn hier nur Country/Billy-Kram geboten wird, allein die Geschwindigkeit ist immer noch Punkrock. Wer also noch lustlos ein Elefantenklo zu putzen hat, sollte als Stimmungsmacher unbedingt zu dem hier greifen. (People like you Rec.)

Deep Eynde – Bad Blood
Meine liebe Freundin Nela liebt Deep Eynde. Sie steht total auf dieses gruftige Gothic/Horrorpunk-Ding. Ich kann das nicht so ganz nachvollziehen, geh aber mit ihr immer gern in den Duncker zur 80er-JahreGrufti-Disco. Kaum bin ich aber im Duncker, fang ich an rumzumeckern. Ich kann nicht anders. Da wird demnächst auch bestimmt mal Deep Eynde gespielt. Horrorpunk – kaum zu glauben, daß aus dem Misfits-Image mal ein ganzes Genre werden konnte. Eigentlich bin ich ja eher dafür, nur total beschissene und langweilige Bands als Horrorpunk zu bezeichnen. Dann wären Deep Eynde nicht dabei. Zu den richtig guten Bands würde ich sie allerdings nach dieser Wertung auch nicht zählen. Es ist auch nach mehrmaligem Hören eine irgendwie nette, glatt produzierte Misfits-Kopie mit einem diffusen Hardrock-Einschlag. Da werden Songs mehr oder minder gleich schnell durch gerockt, es fehlen so die Spannungsmomente und unterscheiden kann man auch nichts. Insgesamt ist es doch etwas zu zahm und ungefähr so gruselig wie eine Geisterbahn auf dem Wiener Prater. Und das sollte eine Band, die sich gern als unheimlich gibt und ein Gothic/Horror-Image pflegt, nun wirklich nicht sein. (People like you rec.)


The Lo Fat-Orchestra – Canned Candies
Endlich mal einen Band mit Kalorienbewusstsein. Hier wird nicht von mega-FETTEM Sound gequatscht, sondern eben eher das fettfreie gepriesen, wenigstens im Namen. Bei der Musik ist es etwas schwieriger. Wie könnte man das nennen, was das LFO da fabriziert? Irgendwie erinnert es an alte minimalistische Wavebands, kommt vielleicht durch diesen schüchtern-monotonen Sänger, der slackermäßig rumnölt und die kühle Bontempi-Orgel. Dazu dieser Rhythmus, der nicht ganz gerade, aber funky durch die Songs taumelt, das hat schon wieder was von John Spencers Klamotten. Nehmen wir mal „Sweet soul music“. Schöner Titel zu einem großartigen Lied, aber das hier hat bei weitem nichts mit Soul Music zu tun, wie man sie kennt. Das hier ist eher ein verzweifelter, fast schon sarkastischer Aufschrei, durchaus als Liebeserklärung gemeint, aber nicht so bräsig vorgetragen, indem man genau diese Musik spielt, die man mag. Falls irgendeiner was mit dem Namen Pat Thomas anfangen kann, der sollte allein schon deshalb dieses Orchester anchecken, weil der Sänger ziemlich genauso klingt. Schon geil, die Jungs aus der Schweiz, auch und gerade weil man sie nicht so wirklich einordnen kann. (Milk and Chocolate Rec.)

Dexter Jones Circus Orchestra – Side by side
Noch ein Orchester, von dem mir aber unbekannten und auch gar nicht in der Band vorhandene Dexter Jones. Wieder so eine Platte, die vor 30 Jahren hätte erscheinen können. Vor 40 Jahren meine ich natürlich. Ich schreibe hier von den wilden 70ern. Layout, Musik, passt alles. Sepiafarbene Bandfotos von langhaarigen bärtigen Rockgitarristen beim Tourleben. Die Musik ist dann natürlich sehr authentisch klingender 70er-Jahre-Psychedelic-Kifferrock, schon so authentisch wie die Tapete mit den orange-braunen Kreisen, die in deinem Lieblingsbaumarkt als RETRO angepriesen wird. Höchstens der Sänger erinnert manchmal an den einer topaktuellen Band namens Monster Magnet. Zum Glück ist das DJCO angenehm out of time in ihrem Sound und wenn ich mir das so anhöre, gefällt mir das besser als so manche Iro-Punkband, die auch nix anderes als ihre Klischees kann. (Fuzzorama Rec.)

Born to loose – Old scars
Ha, die sind super, die Jungs! 5 Männer vor einer holzvertäfelten Wand mit Bierwerbung an einem Biertisch sitzend, vor sich große Bierkrüge, und die sind bestimmt nicht zum ersten Mal voll. Normalerweise kann ich so einem einfach gestrickten Punk-Rock nicht mehr soviel abgewinnen, weil es schon zuviel davon gibt. Klar ist auch, daß Born to lose hiermit nicht den Innovationspreis der deutschen Musikindustrie gewinnen werden, aber scheiß der Hund drauf. Und die Katze und alles sowieso. Scheiß auf alles, Hauptsache laut und schnell. Und scheiß drauf, daß die Melodien und Arrangements auch schon zigmal von anderen Bands geklaut wurden. Schöner White-Trash-Asi-Punkrock, aber nicht böse, sondern mit einem Optimismus, der bei jedem Akkord aus der Box kullert. Dazu passt diese raue Stimme, die aus einer Kehle kommt, die bestimmt schon mehr als einen Whisky runtergespült hat und unterstützt wird von Chören wie aus der Gemeinschaftsdusche im Männerknast. Perfektes Gegengift nach einem anstrengenden Wochenendseminar in deinem Philosophiestudium! (People like you rec.)

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